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Was
ist Klassenkampfanarchismus?
Wayne
Price
This
article in the original English is here
TEIL
1: Warum die ArbeiterInnenklasse?
Gründe
für eine ArbeiterInnenklassen-Perspektive. Was an einer
Nicht-ArbeiterInnenklassen-Perspektive falsch ist. Verwurzelung
des Klassenkampfanarchismus in einer Analyse des Kapitalismus,
einer strategischen Orientierung und einer moralischen Perspektive.
Kürzlich
schrieb mich ein Aktivist und Freund an, der von Michael Albert’s
Parecon Programm beeinflusst ist. Er fragte: "Warum sollten
wir uns KlassenkampfanarchistInnen anstelle von feministischen
antirassistischen - grünen - KlassenkampfanarchistInnen
nennen?" Mit anderen Worten, warum sollen wir den Kampf
der ArbeiterInnenklasse herausfiltern? Wenigstens beinhaltet
sein Konzept den Klassenkonflikt als einen der Aspekte des sozialen
Kampfes. Viele, Liberale und Radikale, lehnen den Klassenkampf
komplett ab. Viele (von rechts) verurteilen Gewerkschaften.
Hardt und Negri hatten einen großen Einfluss darauf, die
ArbeiterInnenklasse theoretisch mit dem Begriff "Multitude"
zu ersetzen.
Innerhalb
der anarchistischen Bewegung lehnen viele jegliche wichtige
Rolle der ArbeiterInnen für den Klassenkampf ab. Dies gilt
auch für diejenigen, die sagen, dass sie Zivilisation und
Wirtschaft insgesamt ablehnen. Obwohl er sonst im Widerspruch
mit solchen PrimitivistInnen war, so galt dies auch für
Murray Bookchin. In seinem Essay "Listen Marxist!",
zum Beispiel (in Post-Scarcity Anarchism, 1986, Montreal: Black
Rose Books), prangerte er den "Mythos des Proletariats"
an. "Die Arbeiterklasse [wurde] als" Agent des revolutionären
Wandels' neutralisiert.... Der Klassenkampf [wurde] in den Kapitalismus
kooptiert. "(S. 202) Er leugnete das revolutionäre
Potential der ArbeiterInnen, und fokussierte sich an Stelle
dessen auf die "Jugend", die "Leute" oder
"BürgerInnen", welche die Gesellschaft lediglich
aus moralischen Gründen ändern würden.
Die
Ablehnung der ArbeiterInnenklasse ist die tatsächliche
Position fast aller MarxistInnen-LeninistInnen (einschließlich
der Kommunistischen Parteien, MaoistInnen und orthodoxe TrotzkistInnen).
Die MarxistInnen-LeninistInnen legen zu Marx' Glaube an die
Zentralität der ArbeiterInnenklassenkampfes lediglich ein
Lippenbekenntnis ab. Eigentlich glauben sie, dass es "sozialistische"
Revolutionen ohne die ArbeiterInnenklasse geben kann (wie in
Osteuropa, China, Vietnam und Kuba). Und dass es "sozialistische"
("post-kapitalistische" oder was auch immer) Gesellschaften
ohne Beteiligung der ArbeiterInnenklasse geben kann, und in
der Tat, in denen ArbeiterInnen brutal unterdrückt werden
(wie in der Sowjetunion, China, usw.). Unter nicht-revolutionären
Bedingungen führen sie diese Ansichten zur Klassenzusammenarbeit
(Reformismus). Da der Sozialismus ihrer Ansicht nach nicht erfordert,
ArbeiterInnen mitzureißen, können ihre Parteien auch
Allianzen mit KapitalistInnen eingehen.
Warum
nennen wir revolutionäre AnarchistInnen uns KlassenkampfanarchistInnen?
Mein Freund bot eine teilweise Erklärung: Es ist in der
Linken nicht umstritten sich FeministInnen oder AntirassistInnen
zu nennen. Selbst Liberale tun dies. Irgendeine Art ökologischen
Denkens oder Umweltschutz wird von fast jeder/m akzeptiert,
außer dem ganz rechten Rand. Aber der Glaube an eine Klasse-gegen-Klasse
Perspektive wird nur von einer Minderheit geteilt. Klarerweise
gibt es viele Menschen, die für Gewerkschaften sind. Gerade
jetzt läuft John Edwards für das Amt des US Präsidenten
mit einem Programm zur Unterstützung der Gewerkschaften
und die Bekämpfung der Armut. Doch sein Programm ist das
Gegenteil des Klassenkampfes. Es will die ArbeiterInnen dazu
bringen, seine kapitalistische Partei zu unterstützen.
Ebenso
geht Andy Stern, Präsident der „Service Employees
International Union“ (und jemand, der bei weitem nicht
zu den schlimmsten Gewerkschaftsbürokraten zählt)
Koalitionen mit der Wirtschaft ein. Er schrieb, "Arbeiter
und Arbeitgeber brauchen Organisationen, die Probleme lösen,
nicht schaffen." Das ist nicht das gleiche wie "Die
Emanzipation der Arbeiterklasse muss von der Arbeiterklasse
selbst erobert werden" (der erste Satz der Regeln der Ersten
Internationalen, geschrieben von Marx und von revolutionären
AnarchistInnen geliebt). Indem wir uns Klassenkampf AnarchistInnen
nennen machen wir klar wofür wir sind ... und gegen was
wir sind.
Klassenkampfanarchismus
setzt die Tradition des kommunistischen Anarchismus (auch Anarcho-Kommunismus)
und Anarcho-Syndikalismus fort und überschneidet sich mit
dem libertären (autonomen) Marxismus, wie etwa dem Rätekommunismus.
In seinem Überblick über den aktuellen britischen
Anarchismus schreibt Benjamin Franks: "Zu den Organisationen
unter dem Titel "Klassenkampfanarchismus" zählen
diejenigen, die sich selbst als solche identifizieren, als auch
autonome MarxistInnen und situationistisch inspirierte Traditionen"
(Rebel Alliances, 2006, Edinburgh: AK Press & Dark Star,
S. 12). Ich behaupte nicht für all diese Organisationen
zu sprechen, noch bin ich ein offizieller Sprecher für
meine eigene Föderation. Aber ich denke, dass meine Ansichten
im Einklang mit dem Mainstream des Klassenkampfanarchismus sind.
Ich werde nicht alle Aspekte der Klassenkampfanarchismus beschreiben
(wie etwa unser Ziel eines dezentralen, selbstverwalteten Sozialismus).
Stattdessen werde ich mich auf die Bedeutung der ArbeiterInnenklasse
beschränken, den Klasse-gegen-Klasse Ansatz.
Die
Zentralität des Klassenkampfes im Kapitalismus
Werfen
wir einen Blick auf das "wirtschaftliche" System des
Kapitalismus -ohne aber vorerst zu bedenken, wie diese mit anderen
Systemen der Unterdrückung, wie etwa „Rasse“
oder Geschlecht (diese werden in Teil 2 behandelt) in Beziehung
stehen. Ich behaupte nicht, dass einzelne ArbeiterInnen besser,
edler oder schöner sind als einzelne KapitalistInnen, oder
Bauern/Bäuerinnen, oder Universitätsvorsitzende. Individuell
können ArbeiterInnen ebenso böse sein wie jede/r andere.
Der Punkt ist die potenzielle soziale Rolle der ArbeiterInnenklasse.
ArbeiterInnen,
als ein Kollektiv, haben eine besondere Beziehung zu den Produktionsmitteln.
Die Produktionsmittel (und Verteilung und soziale Dienste) sind
im Besitz einer Minderheit, der kapitalistischen Klasse, die
getrieben werden, Kapital zu akkumulieren. Wir ArbeiterInnen,
denen es an Land oder Maschinen fehlt, müssen uns an die
KapitalistInnen verkaufen, oder besser, wir müssen unsere
Fähigkeit verkaufen, für eine Zeit zu arbeiten (die
Ware Arbeitskraft). Wir arbeiten bis wir genug Rohstoffe produziert
haben, die den gleichen Wert unserer Löhne (oder Gehälter)
haben. Dann arbeiten wir weiter, um mehr Güter zu produzieren,
kreieren ein Extra – einen Überschuss - Wert, welcher
die Grundlage der Gewinne der Bosse ist. Das heißt, wir
werden ausgebeutet. Wir werden ausgebeutet, nicht nur als Individuen,
sondern als ein Kollektiv, eine ganze kooperierende Masse von
Menschen, die erforderlich sind, gemeinsam am Arbeitsplatz und
in der gesamten Gesellschaft zu arbeiten, um das System aufrechtzuerhalten.
Die
Beschäftigungstabellen betrachtend definiert Michael Zweig
62 Prozent der US Arbeitskräfte als ArbeiterInnenklasse
(in „The Working Class Majority“, 2000, Ithica,
NY: ILR / Cornell Univ. Press). Das US Department of Labor,
stellt er ferner fest, klassifiziert 82 Prozent des privaten
Sektors, Nicht-Farmer und Angestellte als unbeaufsichtigte Angestellte.
"Das ist der Grund, warum ich behaupte, dass wir in einem
Land mit einer ArbeiterInnenklassen-Mehrheit leben." (S.
30) Die ArbeiterInnen sind „blue collar“ (manuelle
ArbeiterInnen) und „white collar“, ArbeiterInnen
"mit Hand und Gehirn" (und „pink collar“
(rosa) Arbeiterinnen, wie spezifisch weibliche Arbeit oft genannt
wird).
Die
ArbeiterInnenklasse, als KLASSE, ist breiter als die momentan
beschäftigten ArbeiterInnen. Sie inkludiert Arbeitslose
und pensionierte ArbeiterInnen. Neben der erwerbstätigen
Frauen beinhaltet sie Hausfrauen, die mit männlichen Arbeitern
verheiratet sind und deren Kinder. Sie ist eine gesamte Klasse
im Gegensatz zu einer anderen Klasse.
(Es
gibt auch etwas, das in der Regel als "Mittelklasse"
bezeichnet wird. Dies inkludiert normalerweise die besser gestellten
ArbeiterInnen – sogenannte „white collar“
und ausgebildete Arbeitskräfte - unabhängige Fachleute,
Geschäftsleute kleiner Unternehmen, und die unteren Ebenen
der Verwaltung. Diese mittleren Schichten bilden nicht wirklich
eine eigenständige Klasse. Meist sind sie Teil der beiden
wichtigsten Klassen, der kapitalistischen Klasse oder der ArbeiterInnenklasse,
und sie orientieren sich in der Regel an der einen oder der
anderen Klasse.)
Traditionell
widersetzt sich der Anarchismus, wie alle Arten des Sozialismus,
gegen Klassenausbeutung, die entfremdete Arbeit, die mit ihr
einhergeht und die Armut, die von ihr geschaffen wird. AnarchistInnen
und MarxistInnen gleichermaßen haben das Ziel einer klassenlosen
Gesellschaft. Wer würde eine solche Gesellschaft erschaffen?
Moralisch gesehen ist es im Interesse der ganzen Menschheit.
Doch diejenigen, die am akutesten ausgebeutet werden haben ein
besonderes Interesse an der Beendigung ihrer Ausbeutung. Ihre
Erfahrung macht es für sie einfacher, eine moralische Sicht
einzunehmen. Es ist falsch "das Volk" oder "die
BürgerInnen" über die ArbeiterInnen zu stellen,
in ihrem unmittelbaren Bedarf Ausbeutung zu beenden. Diese Sichtweise
würde bedeuten, dass diejenigen, die nicht unmittelbar
durch den Kapitalismus ausgebeutet werden ebensoviel Grund zur
Bekämpfung von Ausbeutung haben wie jene, die gezwungen
sind, entfremdete Arbeit zu leisten. Sie betrachtet KapitalistInnen,
Polizeibeamte und ManagerInnen als ebenso wahrscheinlich gegen
die kapitalistische Ausbeutung anzukämpfen, wie diejenigen,
die "unter vorgehaltener Peitsche" arbeiten. Diese
Sichtweise ist angenehm für diejenigen, die die Notwendigkeit
einer Revolution leugnen wollen.
In
ihrer brillanten Verteidigung einer ArbeiterInnenklassen-Perspektive,
The Retreat from Class (1998, London: Verso), kritisiert Ellen
Meiksens Wood verschiedene "post-MarxistInnen" (könnte
aber genauso gut Bookchin kritisieren): "Die Implikation
[ihrer Nichtklassenperspektive - WP] ist, dass die ArbeiterInnen
nicht mehr von der kapitalistischen Ausbeutung betroffen sind
als alle anderen Menschen, die nicht selbst direkte Objekte
von Ausbeutung sind. Das impliziert auch, dass KapitalistInnen
keinen wesentlichen Vorteil aus der Ausbeutung der ArbeiterInnen
erzielen, dass die ArbeiterInnen keine grundlegenden Nachteile
durch ihre kapitalistische Ausbeutung erfahren, dass die ArbeiterInnen
keinen grundsätzlichen Vorteil davon hätten, wenn
sie nicht mehr ausgebeutet wären, dass die Bedingung der
Ausbeutung nicht ein "Interesse" an der Einstellung
der Klassenausbeutung inkludiert, dass die Beziehungen zwischen
Kapital und Arbeit keine grundsätzlichen Konsequenzen für
die gesamte Struktur der sozialen und politischen Macht haben,
und dass alle gegensätzlichen Interessen zwischen Kapital
und Arbeit im Auge des Betrachters sind. ... Das lässt
die gesamte Geschichte der ArbeiterInnenklassekämpfe gegen
den Kapitalismus als Unsinn erscheinen."(S. 61)
Es
ist nicht zwangsläufig der Fall, dass die ArbeiterInnen
revolutionär werden (obwohl Marx und Engels gelesen werden
können, dies zu implizieren). Besser gestellte ArbeiterInnen
können aufgekauft werden. Schlechter gestellte ArbeiterInnen
können demoralisiert und geschlagen werden. Bookchin argumentierte,
dass die hierarchische Natur des kapitalistischen Arbeitsplatzes
die ArbeiterInnen lehrt, Unterordnung zu akzeptieren. Wie dem
auch sei, diejenigen, die unterdrückt werden, werden sich
widersetzen. Es ist im Interesse der ArbeiterInnen, sich ihrer
Ausbeutung zu widersetzen. In der Tat gibt es Unzufriedenheit
und konstante (wenn auch auf niedriger Stufe) Kämpfe an
jedem Arbeitsplatz. Dieser Konflikt hat zumindest zu einem revolutionären
Bewusstsein einer Minderheit geführt. Da wir ArbeiterInnen
(im Gegensatz zu, sagen wir, Bauern und Bäuerinnen) selbst
kein Land oder Maschinen haben, neigen wir dazu, kollektivistisch
und kooperativ in unserer Organisation und unseren Programmen
zu sein. Und da wir unsere Hände an den Produktionsmitteln,
Transport, Verteilung, Kommunikation und Service haben, hat
unsere Klasse eine enorme (potenzielle) Macht, welche die gesamte
Gesellschaft schütteln könnte. Noch einmal, dies sind
Tendenzen und Möglichkeiten, nicht Notwendigkeiten.
Die
negative Stereotypisierung der ArbeiterInnenklasse
Es
sollte nicht überraschen, dass die meisten Linken - anarchistisch
und nicht anarchistisch – eine Anti-ArbeiterInnenklassen-Perspektive
haben. Die Linke wird von Menschen aus der Mittelschicht dominiert.
Einige, wie zum Beispiel StudentInnen, können leichter
radikalisiert werden als die meisten ArbeiterInnen, weil StudentInnen
keine unmittelbare Verantwortung haben, sich einen Lebensunterhalt
zu verdienen oder eine Familie zu versorgen. Aber aufgrund ihrer
relativen Privilegien haben sie eher Vorurteile gegenüber
ArbeiterInnen. Sie haben vielleicht unbewusst elitäre Annahmen
über ihr "Recht" zu herrschen. Liberale wollen
die Gesellschaft durch den Aufstieg innerhalb der bestehenden
Zentren der Macht verbessern. Die Radikaleren werden zu Visionen
der bürokratischen Klassenregierung hingezogen, mit Verstaatlichung
und zentraler Planung, was im Staatskapitalismus der Sowjetunion,
des maoistischen Chinas und Castros Kuba existierte. Andere
glauben, dass sie eine bessere Welt schaffen können, nur
indem sie in einer bohemischen persönlichen Freiheit leben
(was nicht schlecht ist, aber nicht eine Alternative zum Aufbau
populärer Bewegungen ist).
Mittelklasse-Feinde
der ArbeiterInnenklasse argumentieren, dass die amerikanischen
ArbeiterInnen unwissend, rassistisch, sexistisch überpatriotisch,
abergläubisch, gegen EinwandererInnen und politisch passiv
sind. Das ist die negative Stereotypisierung. Wie die meisten
Stereotypen, enthält sie sowohl Wahrheit als auch Lüge.
Sie ignoriert die Tatsache, dass die ArbeiterInnenklasse die
meisten Farbigen, MigrantInnen, Frauen, usw. enthält. Sie
vergisst, dass die ArbeiterInnen in der Regel für universelle
Gesundheitsversorgung und für andere soziale Dienste sind,
gegen den Irak-Krieg, großen Unternehmen und PolitikerInnen
nicht ganz vertrauen, für Gewerkschaften, antifaschistisch
und für Demokratie sind. In dem Maße, wie die negativen
Stereotypen wahr sind, so sind sie es für alle Klassen.
ArbeiterInnen sind nicht mehr politisch unwissend, rassistisch,
usw. als die amerikanischen Mittel- und Oberschichten.
Es
ist sicherlich richtig, dass die ArbeiterInnen (in den USA und
überall sonst) nicht revolutionäre AnarchistInnen
sind. Aber das ist eine andere Art zu sagen, dass die Bevölkerung
der USA und anderer Länder, unabhängig von der Klasse,
nicht für eine anarchistische Revolution sind. Während
einige Teile der Bevölkerung radikaler sind als andere,
sind wir insgesamt sehr, sehr weit von einer vor-revolutionären
Periode entfernt, in welcher die meisten Menschen einen großen
sozialen Wandel wollen.
Leider
gibt es viel zu viel Wahrheit in den negativen Stereotypen der
ArbeiterInnenklasse. Es reicht nicht aus, dass die ArbeiterInnen
nicht schlechter als die mittleren oder oberen Klassen sind.
Die ArbeiterInnenklasse muss besser als die anderen Klassen
sein, wenn wir eine selbstverwaltete Gesellschaft schaffen wollen.
Wie wird die ArbeiterInnenklasse ihre Schwächen überwinden?
Nur durch kämpfen. Im Laufe des Kampfes - vom Geschäftslevel
und Gemeinschaftsfragen zur Revolution - lernt und verbessert
sich unsere Klasse. Durch den Kampf lernen wir von uns selbst.
Wir werden zu echter Demokratie fähig sein. Es gibt keinen
anderen Weg.
Im
Moment sollte die Minderheit, die eine anarchistische Revolution
möchte, über eine langfristige Strategie nachdenken:
Wer hat ein Interesse an der Abschaffung der kapitalistischen
Ausbeutung? Wer hat das Potenzial, die Gesellschaft anzuhalten
und das System zu ändern? Wer hat eine Geschichte des Kampfes
gegen die kapitalistische Ausbeutung? Die Antworten auf diese
strategischen Fragen führen uns zu einer ArbeiterInnenklassen-Perspektive.

TEIL
2: Die Beziehung zwischen der ArbeiterInnenklasse und nicht-klassenbedingten
Formen von Unterdrückung
Warum
nennen wir uns KlassenkampfanarchistInnen/klassenkämpferische
AnarchistInnen anstelle von feministischen-antirassistischen-schwulen-grünen-KlassenkampfanarchistInnen?
Was ist die Beziehung zwischen klassen- und nichtklassenbedingten
Formen von Unterdrückung, wie etwa Geschlecht/Gender und
Hautfarbe? Anstelle des Basis/Überbau-Modells sollten wir
ein Modell eines überlappenden Netzes von Unterdrückungen
haben, in dessen Mitte sich Klasse befindet. Dies führt
zu strategischen Schlussfolgerungen.
Wie
ich bereits in Teil 1 argumentiert habe, ist die ArbeiterInnenklasse
von zentraler Bedeutung für den Kampf gegen den Kapitalismus.
Aber was ist ihr Verhältnis zu anderen Teilen der Bevölkerung
und deren Systemen der Unterdrückung? Wie ist das Verhältnis
von Klasse in Bezug zu Frauen und Patriarchat; zu Afro-AmerikanerÍnnen
und weißer Vorherrschaft; zu Nationen in der "Dritten
Welt" und zu Neokolonialismus; zu EinwandererInnen und
Nativismus und zu anderen Formen der Unterdrückung, die
zu zahlreich sind, um sie alle zu nennen? Wie verhält sich
Klasse zu scheinbar nichtklassenbedingten Themen wie Krieg oder
globaler Erwärmung? Ich diskutiere nicht die Moral der
Unterdrückung, geschweige denn, ob eine Form der Unterdrückung
schlimmer ist als eine andere (wie Antisemitismus vs. Diskriminierung
der Gehörlosen). Jede Form von Unterdrückung ist schlecht
und jeder sollte widersetzt werden. Ich möchte die Beziehungen
zwischen den verschiedenen Formen von Unterdrückung analysieren
sowie die strategischen Schlussfolgerungen, die daraus gezogen
werden können.
Das
Basis/Überbau-Modell
MarxistInnen
haben traditionell das Basis/Überbau-Modell verwendet.
Die Basis sollte der Produktionsprozess sein, so wie dieser
in einer bestimmten Gesellschaft organisiert ist, vor allem
die Beziehungen zwischen den Klassen. Der Überbau ist alles
andere: der Staat, Kultur, Geschlecht/Gender und Hautfarbe usw.
Der Vorteil dieser Metapher ist, dass er auf den enormen Einfluss
von Klassenbeziehungen in allen Aspekten der Gesellschaft hinweißt.
Das ist die Stärke des historischen Materialismus. Aber
es gibt Schwierigkeiten mit diesem Modell. Wenn zum Beispiel
der Staat eine wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung
des Kapitalismus ist, warum ist er dann im Überbau und
nicht in der Basis? Strategisch könnte dieses Bild dazu
führen, dass alle nichtklassenbedingten Probleme nur als
nebensächlich gesehen werden. Es kann bedeuten, dass Revolutionäre
und Revolutionärinnen sich nur auf Fragen der Klasse beschränken
sollten, weil nichtklassenbedingte Formen von Unterdrückung
automatisch gelöst werden, sobald eine klassenlose Gesellschaft
erreicht ist. Dieser Ansicht nach sind nichtklassenbedingte
Themen irrelevante Ablenkungen vom eigentlichen Problem. Sie
sind nicht ganz echt. Man könnte meinen, dass nach der
Machtergreifung der ArbeiterInnen die nichtklassenbedingten
Formen von Unterdrückung ebenso wie der Staat "absterben"
würden, ohne dass man sich großartig mit ihnen beschäftigen
muss.
Fortgeschrittenere
MarxistInnen haben eine subtilere, dialektischere Auslegung,
aber das Modell neigt zu dieser mechanistischen Politik. Betrachten
wir die Erklärung der libertären Class War Federation
(GB), die Mittelklasse fungiere "zur Förderung von
Ideen, die uns teilen, wie etwa Rassismus und Sexismus ....
um unsere Energie in harmlose Tätigkeiten, d.h. Reformismus,
wie zB Greenpeace, CND [Ausschuss zur nuklearen Abrüstung],
Feminismus, Gewerkschaften ... zu leiten" (Unfinished Business
..., 1992, Stirling, Schottland: AK Press, S. 57) Im Buch befindet
sich eine Karikatur von reichen Leute, die auf einer Plattform
tanzen, welche von Menschen getragen wird, die dumm (in Sprechblasen)
denken: "Ökologie; Keine Kernwaffen; Kein Fleisch;
Feminismus; Dritte Welt; Rettet ..." (S. 8). Zumindest
in dieser Aussage und Karikatur werden Bewegungen für ökologisches
Gleichgewicht, die Befreiung von Frauen, nationale Befreiung
und Opposition gegen nuklearen Krieg nicht als mögliche
Verbündete im "Klassenkampf" gesehen, sondern
nur als Ablenkungen der Mittelklasse. Rassismus und Sexismus
werden nur deshalb als Probleme gesehn, weil sie die ArbeiterInnenklasse
teilen und nicht als Probleme an sich.
Auf
der anderen Seite schreibt die marxistische Historikerin Ellen
Meiksins Wood: "Das Basis/Überbau-Modell war immer
mehr problematisch als gut... Ihm wurde ein theoretisches Gewicht
gegeben, das weit jenseits seiner begrenzten Kapazitäten
liegt.... "(Democracy Against Capitalism, 1995, Cambridge:
Cambridge Univ. Press, S. 49-50) (Wie ich bereits in Teil 1
gesagt habe überschneidet sich Klassenkampfanarchismus/klassenkämpferischer
Anarchismus zu einem großen Teil mit libertärem Marxismus.
Ich betrachte mich selbst als einen marxistisch-informierten
Anarchisten.)
Es
gibt eine andere Metapher, welche ich ebenso ablehne: jene eines
strikten Pluralismus. Die verschiedenen Unterdrückungen
in der Gesellschaft werden als parallel zu einander gesehen,
alle für sich selbst und auf sich allein gestellt. Die
Unterdrückung von Frauen wird als reell gesehen, aber als
separat von Rassismus, getrennt von der Unterdrückung von
Schwulen, Lesben, Bi- und Transexuallen, und alle parallel zu
was als "Klassismus" bezeichnet wird. Obwohl diese
Ansicht die Realität verschiedener Unterdrückungen
akzeptiert, führt sie zu einer reformistischen Sichtweise.
Dass es zum Beispiel ok ist, wenn FrauenrechtlerInnen Unterdrückungen
aufgrund von Klasse und Hautfarbe ignorieren (und daher von
weißen Mittelklasse-Frauen dominiert werden, die den Kapitalismus
akzeptieren). Ebenso kann die parallele ArbeiterInnen-Bewegung
Sexismus und Rassismus ignorieren, da es sich um unterschiedliche
Unterdrückungen handelt. Stattdessen möchte ich betonen,
dass alle Unterdrückungen miteinander verflochten sind
und sich überschneiden, aneinander lehnen und sich gegenseitig
unterstützen. Ich mag die Metapher eines Stapels aus Stecken,
die alle aufeinander lehnen, auch wenn einige vielleicht zentraler
sind als andere.
Weiße
Vorherrschaft
Viele
behandeln Unterdrückungen als wären sie unterschiedliche
Bevölkerungen, als ob Arbeiter hier wären, Frauen
da drüben, und Afro-Amerikaner in einem anderen Bereich.
Dies ist irreführend. Die US-Bevölkerung kann zum
Beispiel in Bezug auf Klasse analysiert werden: KapitalistInnen,
ArbeiterInnen und Mittelklasse. Sie kann auch in Bezug auf Nationalität
und Hautfarbe / ethnischer Herkunft analysiert werden: Europäisch-stämmige
AmerikanerInnen, Afro-AmerikanerInnen, Latin@s, Asiatische AmerikanerInnen,
etc. Sie kann in Bezug auf Geschlecht analysiert werden: männlich
und weiblich. Sie kann in Bezug auf sexuelle Orientierung analysiert
werden: heterosexuell, schwule/lesbische/bisexuelle Menschen.
Usw und so fort. Aber diese sind nach wie vor die gleichen Menschen.
Diese Analysen sind Abstraktionen: Wir abstrahieren (nehmen
heraus) bestimmte Eigenschaften, um diese besser zu verstehen.
Die Analysen der Systeme der Unterdrückung sind reell,
das heißt, sie sind nützlich für das Verständnis,
wie Menschen sich verhalten und wie sie sich identifizieren.
Aber es ist immer noch die gleiche Bevölkerung. Die Systeme
überlappen und interagieren. Ein Beispiel: eine afro-amerikanische
Arbeiterin wird nicht zu einem Zeitpunkt als Schwarze unterdrückt
und zu einem anderen Zeitpunkt als Frau, und wieder zu einem
anderen Zeitpunkt als Arbeiterin (unter Berücksichtigung,
dass auch ihre Nicht-Arbeitszeiten von ihrem Einkommen als Arbeiterin
abhängig sind). Wir könnten sie auf diese Weise analysieren,
aber in Wirklichkeit ist ihr Leben eine Totalität.
Schauen
wir uns weiße Vorherrschaft an. AfrikanerInnen wurden
zuerst entführt und aufgrund klarer wirtschaftlicher Gründe
nach Nord-und Südamerika gebracht: um eine Art von ArbeiterInnen
zu sein, nämlich Sklaven/Sklavinnen. Sie produzierten Waren
(Tabak, Baumwolle, usw), die auf dem Weltmarkt verkauft wurden.
Heutzutage sind Afro-AmerikanerInnen mit überwältigender
Mehrheit Teil der ArbeiterInnenklasse, die meisten in den ärmsten
Sektionen. Ihre Unterdrückung dient zwei Klassenzwecken:
sie kreiert einen Pool von ArbeiterInnen, die mit niedrigen
Löhnen überausgebeutet werden können, und sie
schwächt die gesamte ArbeiterInnenklasse aufgrund der Aufteilung
in Hautfarben und die weißen ArbeiterInnen glauben an
ihre Überlegenheit. Obwohl Ethnozentrismus gleich alt ist
wie die Menschheit, wurde Rassismus als Ideologie zum ersten
Mal während der Sklaverei erfunden, um Sklaverei und den
Raub von amerikanischen Ureinwohnern zu rechtfertigen. Er wurde
in der Epoche des Imperialismus erfunden, um Unterstützung
für den Kolonialismus zu gewinnen.
Aber
diese Analyse bedeutet nicht, dass weiße Vorherrschaft
nur eine Frage der Wirtschaft ist. Immerhin gibt es ja einige
reiche Afro-AmerikanerInnen, die vielleicht immer noch aus banalen
Gründen verhaftet werden. Unabhängig ihrer Herkunft
ist Unterdrückung aufgrund von Hautfarbe reell. In ihrem
Kampf gegen diese haben sich Afro-AmerikanerInnen als ein Volk
mit eigener Kultur und Bewusstsein kreiert - ein Volk, das nach
wie vor für seine Freiheit kämpft. Als Sichtweise
ist Rassismus fast universell unter Weißen und reicht
von liberaler „Farbenblindheit", die auch wir AntirassistInnen
haben, zu moderaten Vorurteilen der meisten Weißen, hin
zu virulentem Rassenhass der Faschisten. Rassismus betrifft
nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik und die Kultur
der Gesellschaft. Dies wird nicht nur durch vernünftige
Argumente verschwinden. Es erfordert Massenkämpfe - Kämpfe
von Schwarzen Menschen als Schwarze Menschen, in einem Bündnis
mit weißen AntirassistInnen.
Die
Kämpfe der Afro-AmerikanerInnen überschneiden sich
mit allen anderen Kämpfen. In den fünfziger und sechziger
Jahren spielte die Rebellion der Afro-AmerikanerInnen eine Schlüsselrolle
im Wachrütteln der gesamten Gesellschaft, inspirierte die
Antikriegsbewegung, die Frauen-Bewegung, die Schwulen-Bewegung,
sowie Kämpfe der ArbeiterInnenklasse (ML King wurde in
Memphis erschossen als er dort zur Unterstützung eines
vor allem schwarzen SanitärarbeiterInnen Streiks war).
Große Fortschritte wurden bei der Begrenzung der weißen
Vorherrschaft gemacht - nämlich das Ende der legalen Segregation
(Jim-Crow). Aber die verschiedenen Mechanismen einer rassistisch-kapitalistischen
Gesellschaft haben Afro-AmerikanerInnen am unteren Rand der
Gesellschaft gehalten. Es benötigt eine vollständige
Revolution, um das zu ändern.
Patriarchat
Patriarchat
- männliche Vorherrschaft - interagiert auch mit allen
anderen Aspekten unserer unterdrückenden, autoritären
Gesellschaft. Das Leben von Frauen wird direkt von ihrer Hautfarbe
und ihrer Klasse bestimmt. Circa die Hälfte der erwachsenen
Frauen sind Arbeiterinnen. Selbst nicht-angestellte Hausfrauen
hängen vom Einkommen ihrer Ehemänner ab, was von deren
Klasse abhängt und von ihrer Hautfarbe geprägt ist.
Noch
grundlegender wird das Leben von Frauen durch ihre Rolle in
der Familie bestimmt, welche durch die Art der Gesellschaft
in der sie leben geprägt ist. Die Kernfamilie des späten
Kapitalismus ist ein Zentrum des Konsums von Waren. Sie ist
es, wo die Ware Arbeitskraft von ArbeiterInnen (männlich
und weiblich, Erwachsene und Kinder) erstellt und neu-erstellt
wird. Sie ist es, wo die soziale Psychologie unserer Gesellschaft
an die nächste Generation weiter gegeben wird. Die Beziehungen
zwischen der Familie und dem Kapitalismus ist subtil und komplex,
aber sehr reell. Das Bild der Frau steht in direktem Zusammenhang
mit ihrer Rolle in der Familie (und vor dem Kapitalismus, in
den Familien von feudalen-, Slaven- usw. Klassengesellschaften).
Interessant
ist, dass Engels die Rolle der Frau ebenso in der "Basis"
der Gesellschaft inkludierte wie die Produktion von Gütern.
"Der materialistischen Konzeption zufolge ist der bestimmende
Faktor in der Geschichte, in letzter Instanz [Anmerkung - WP],
die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Dies
wiederum hat einen zweifachen Charakter: ... die Produktion
der Existenzgrundlage ...; auf der anderen Seite, die Produktion
von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Arten .... Die soziale
Organisation ... wird von beiden Arten der Produktion bestimmt:
von der Phase der Entwicklung der Arbeit auf der einen Seite
und der Familie auf der anderen Seite. "(Der Ursprung der
Familie, des Privateigentums und des Staats) Er spekulierte,
dass die Unterdrückung der Frauen der Klassengesellschaft
vorausging und dessen Ausgangspunkt war.
Ohne
Engels' Basis/Überbau-Modell zu akzeptieren (man beachte
sein "in letzter Instanz"; werden wir jemals die "letzte
Instanz" erreichen?), stimme ich zu, dass "die Produktion
und Reproduktion des unmittelbaren Lebens" alle anderen
gesellschaftlichen Prozesse stark beeinflusst. Ich stimme ebenso
zu, dass die Unterdrückung von Frauen weit in die Vorgeschichte
zurück geht und sehr tief in den Strukturen unserer Gesellschaft
verwoben ist. Sie betrifft direkt die Klassenstruktur und alle
anderen Aspekte unserer Politik und Kultur. Um dies zu beenden
benötigt es ebenso einer vollständigen Revolution.
Ich
könnte noch viele andere Formen von Unterdrückung
aufzählen und sie in Beziehung zu einander und zur Klassenstruktur
setzen. Nationale Unterdrückung, zum Beispiel, steht in
direktem Zusammenhang mit Imperialismus und ist in den kapitalistischen
Klassenbeziehungen verwurzelt. Ökologische Zerstörung
ist mit dem Drang des Kapitalismus verbunden, ständig Kapital
anzusammeln. Die Umwelt wird dabei wie eine Mine behandelt.
Homophobie steht in direktem Zusammenhang mit der sozialen Definitionen
der Geschlechter, die in der kapitalistischen Struktur der Familie
und ihrer sozialen Psychologie verwurzelt ist. Und so weiter
in komplexen Formen der Interaktion. Der ausschlaggebende Punkt
ist, dass jede Unterdrückung alle anderen unterstützt;
sie alle unterstützen die kapitalistische Ausbeutung und
werden von ihr unterstützt. Der Kampf gegen jede einzelne
Form der Unterdrückung erfordert einen Kampf gegen alle;
das Ende von einer verlangt das Ende aller. Es wird keine klassenlose
Gesellschaft geben, wenn es nicht auch eine Gesellschaft ist,
in der Frauen und Menschen unterschiedlichen Hautfarben usw
befreit sind.
In
seiner Studie über Trends innerhalb des Anarchismus fasst
Benjamin Franks die hier aufgezeigte Sichtweise zusammen: Sie
"sieht Kapitalbeziehungen in den meisten Kontexten als
dominant, aber nicht als die einzige Organisationskraft....
Kapitalismus interagiert mit anderen Formen repressiver Praktiken,
die nicht vollständig auf wirtschaftliche Aktivität
reduziert werden können. Hier werden verschiedene unterdrückte
Identitäten geformt .... Da allerdings der Kapitalismus
nach wie vor ein wichtiger Faktor ist, muss wirtschaftliche
Befreiung auch ein notwendiger Bestandteil sein." (Rebel
Alliances, 2006, Edinburgh: AK Press; S. 181)
Die
spezielle Rolle von Klasse
Jede
Form der Unterdrückung muss in ihrer Konkretheit analysiert
werden. Die Unterdrückung von Frauen, zum Beispiel, arbeitet
nicht auf die gleiche Art und Weise wie die Unterdrückung/Ausbeutung
der ArbeiterInnenlasse. Betrachtet man das Klassensystem dann
gibt es spezifische Aspekte, die es von anderen Formen systematischer
Unterdrückung unterscheidet.
1.)
das Ziel: Das Ziel der Frauenbefreiung ist nicht die
Vernichtung der Männer, sondern die Neuordnung der Beziehungen
zwischen Frauen und Männern (auch wenn die Definition was
Männer und Frauen sind sich wahrscheinlich im Laufe der
Zeit verändern wird). Das Ziel der Befreiung der Afro-AmerikanerInnen
ist nicht die Zerstörung der Weißen, sondern die
Neuordnung der Beziehungen zwischen europäisch-stämmigen
AmerikanerInnen und Afro-AmerikanerInnen (obwohl sich langfristig
Hautfarben als separate Gruppen auflösen könnten).
Aber das Ziel der Revolution der ArbeiterInnenklasse ist die
vollständige Umwälzung der kapitalistischen Klasse,
ihrer Zerstörung als eine Klasse, und die Ersetzung dieser
mit einer staatenlosen Herrschaft der ArbeiterInnenklasse (die
sich in Richtung einer klassenlosen Gesellschaft bewegt).
2.)
die Macht der Herrschenden: Als Kollektivität
dominieren Männer Frauen. Aber das bedeutet nicht, dass
Männer - alle Männer - die Gesellschaft leiten. Es
gibt keine Sitzungen der Männer, wo Entscheidungen getroffen
werden, wie die Regierung geleitet werden soll. (Wenn es diese
gibt dann wurde ich nicht eingeladen) Die meisten Männer
befinden sich in der ArbeiterInnenklasse und haben wenig Macht.
Könnten sie entscheiden, dann würden sie wahrscheinlich
lieber Kinderbetreuungsprogramme und ein Ende der Diskriminierung
von Frauen (die auch ihre Ehefrauen und Töchter inkludieren)
am Arbeitsplatz bevorzugen. Ebenso dominieren weiße Menschen
als Kollektivität Menschen anderer Hautfarben. Aber weiße
Menschen haben keine speziellen Sitzungen, in denen sie über
die Innen- und Außenpolitik entscheiden. Und wiederum
befinden sich die meisten europäisch-stämmigen AmerikanerInnen
in der ArbeiterInnenklasse und sind de facto machtlos (was auch
immer sie glauben).
Die
kapitalistische Klasse leitet allerdings wirklich die Gesellschaft!
Deshalb wird sie auch herrschende Klasse genannt. (Natürlich
sind die meisten Geschäftsleute weiß und männlich.)
Die KapitalistInnen besitzen und führen (direkt oder durch
Beauftragte) ihre eigenen Unternehmen. Obwohl sie nur 1 bis
5 Prozent der Bevölkerung ausmachen steuern sie die Produktion
von Gütern und Dienstleistungen, von denen wir alle leben.
Sie bestimmen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit der ArbeiterInnen.
Mit ihrem Reichtum und Einfluss kontrollieren sie die politischen
Parteien. Sie besitzen und führen die Massenmedien, welche
die wichtigsten Nachrichtenquellen sind und welche die Kultur
formen. Sie dominieren die Regierung auf allen Ebenen. Die Herrschaft
dieser Klasse muss komplett gekippt werden, um eine bessere
Welt zu erreichen.
3.)
die potenzielle Macht der Unterdrückten: Wie bereits
erwähnt, rüttelten die Kämpfe der Afro-AmerikanerInnen
in den fünfziger und sechziger Jahren alle Aspekte des
US-amerikanischen Lebens auf. Ich möchte auch auf den Einfluss
der VietnamesInnen aufmerksam machen, einer unterdrückten
Nation, die dem US-Imperialismus widerstrebte. Ihr Kampf für
nationale Befreiung rüttelte in dieser Zeit die USA (und
die Welt) stark auf. Die Frauen-Befreiungsbewegung wirkte sich
ebenso auf unsere gesamte Kultur und Politik aus. Die Schwulen
und Lesben-Bewegung war eher klein, aber deren Auswirkungen
waren recht groß und verursachten eine Überdenkung
sexueller Stereotypen. (Frauen- and Schwulen-Rechte sind immer
noch wichtige Themen in der US-Politik.)
Die
potenzielle Macht der ArbeiterInnenklasse ist allerdings einzigartig
innerhalb der unterdrückten Gruppen. Wie ich schon in Teil
1 gesagt habe, können nur die ArbeiterInnen (als ArbeiterInnen)
diese Gesellschaft tatsächlich vollkommen stoppen. Und
nur die ArbeiterInnenklasse kann sie wieder auf einer neuen
Grundlage errichten. Unsere Klasse produziert die Waren, wir
transportieren sie; wir verteilen sie, wir dienen den Bedürfnissen
der Menschen. Wir haben ein enormes Kraftpotenzial. Jeder, der
während eines großen Streiks in einer Stadt war weiß,
wie wahr das ist. Ein erfolgreicher Generalstreik in einer Großstadt
würde die US-Politik transformieren. Nahezu die gesamte
kapitalistische Politik besteht darin zu verhindern, dass die
ArbeiterInnenklasse sich dieser Macht bewusst ist und sie benutzt.
Strategische
Schlussfolgerungen
Aus
der vorhergehenden Analyse ziehe ich Schlüsse auf einer
strategischen (und nicht nur moralischen) Ebene. Die erste ist,
dass wir uns zu Recht KlassenkampfanarchistInnen/klassenkämpferische
AnarchistInnen nennen. Wir stellen zu Recht den Klassenkampf
in den Mittelpunkt unserer Politik. Strategisch ist unser Erzeind
die kapitalistische Herrschaftsklasse und deren Verbündete.
Wir versuchen die enorme, einzigartige Macht der ArbeiterInnenklasse
(welche die Mehrheit ausmacht) gegen sie zu mobilisieren.
Zweitens,
sollten wir Revolutionäre und Revolutionärinnen jeden
einzelnen Kampf gegen Unterdrückung unterstützen,
egal wie groß oder klein, egal ob dieser offensichtlich
mit Klasse verknüpft ist oder nicht (obwohl sich alle diese
Themen mit Klasse überschneiden). Neben seinen eigenen
Ursachen unterstützt jedes System der Unterdrückung
den Kapitalismus und wird vom Kapitalismus unterstützt.
Das heißt, dass der Kampf gegen jede Form von Unterdrückung
den Kapitalismus untergräbt, so wie der Kampf gegen den
Kapitalismus jede Form von Unterdrückung untergräbt.
Dieses
System ist sehr mächtig und komplex. Um es zu stürzen
wird es alles was wir haben benötigen. Wir müssen
auf alles Schlechte in dieser Gesellschaft aufmerksam machen,
um die Augen der Leute für die Notwendigkeit einer Revolution
zu öffnen. Wir brauchen jedes Thema, welches Menschen zum
Kampf in ihrem eigenen Namen mobilisiert. In der Praxis muss
eine revolutionäre Gruppe aufgrund ihrer begrenzten Energien
Prioritäten setzen, aber im Prinzip müssen wir gegen
alle Übel dieser Gesellschaft und auf der Seite all jener
sein, die bereit sind für eine bessere Welt zu kämpfen.
Diese
beiden strategischen Schlussfolgerungen widersprechen einander
nicht. An der Kreuzung zwischen Ausbeutung und nichtklassenbedingten
Formen von Unterdrückung finden wir das größte
revolutionäre Potenzial - zum Beispiel unter Immigranten
der ArbeiterInnenklasse oder Arbeiterinnen. In jedem Arbeitskampf
sollten wir auf die Auswirkungen dessen auf Frauen, Afro-AmerikanerInnen,
EinwandererInnen, die Jugend etc schauen. Wir sollten solche
Verbindungen nützen, um den Kampf zu stärken - sonst
könnten sie Spaltungen und Schwäche verursachen. Auf
der anderen Seite sollten wir in jeder nichtklassenbezogenen
Bewegung auf die Klassenkonflikte schaun. Wir sollten die mittelklassen-
und pro-kapitalistische Führung der Frauen-Bewegung, der
Afro-Amerikanischen-Bewegung, der Friedensbewegung etc. ablehnen
– ebenso wie in den Gewerkschaften! An dessen Stelle entwickeln
wir ein Programm, das im Interesse der Arbeiterinnen, Afro-amerikanischen
ArbeiterInnen usw ist und welches die kapitalistischen Ursachen
von Kriegen aufzeigt. Kapitalismus ist im Zentrum des autoritären
Netzwerkes von Unterdrückungen. Sie alle müssen abgeschafft
werden.
Im
Kommunistischen Manifest heißt es (und KlassenkampfanarchistInnen
würden zustimmen), "Alle bisherigen Bewegungen waren
Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten.
Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung
der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.
Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft,
kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß der
ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft
bilden, in die Luft gesprengt wird."
Mit
anderen Worten: Die Rebellion der ArbeiterInnenklasse, vor allem
der die ganz unten sind, schüttelt alles auf, und bringt
jedes Problem eines jeden Abschnitts der kapitalistischen Gesellschaft
zur Sprache. Allerdings wussten Marx und Engels, dass selbst
im Großbritannien ihrer Zeit Lohn-ArbeiterInnen nicht
in der Mehrheit waren, geschweige denn in anderen Ländern.
(Selbst heute noch, auch wenn wir in vielen Ländern eine
Mehrheit der ArbeiterInnenklasse haben, bleibt der Kern des
Proletariats, die industriellen ArbeiterInnen, eine Minderheit,
wenn auch eine große.) Sie sahen wie die ArbeiterInnenklasse
Verbündete unter den Unterdrückten gewann (auch wenn
sie kein volles Verständnis von allen Arten der Unterdrückung
hatten). Zwanzig Jahre später schrieb Engels: "Die
Klasse, die ihr ganzes Leben ausschließlich von Löhnen
abhängig ist, ist noch weit davon entfernt, die Mehrheit
des deutschen Volkes zu sein. Sie ist daher auch gezwungen,
Verbündete zu suchen."(Draper, 1998, S. 232)
Eine
von der ArbeiterInnenklasse geführte Revolution wird die
staatliche Macht nicht durch eine Elite an sich reißen,
sondern wird die bewusste Selbstbefreiung der "ungeheuren
Mehrheit" sein: alle Unterdrückten, in derem Zentrum
das Proletariat steht. Und nur das - multinationale, multikulturelle
(etc.) – Proletariat kann alle diese rebellierenden Kräfte
zusammenhalten und sie in eine Revolution steuern. Die Existenz
einer mehrheitlich proletarischen Bewegung kann nicht gefunden
werden, sondern muss durch revolutionäre Praxis kreiert
werden.
Seit
rund zwei Jahrhunderten hat unsere Klasse gekämpft. Sie
hat Siege erreicht und schreckliche Niederlagen erlitten. Diese
ArbeiterInnenklasse des Kapitalismus wurde niedergeworfen, aufgekauft,
massakriert, belogen. Sie hat gegen ihre schlimmsten Vorurteile
appelliert. Ihr wurden alle Rechte verweigert, später eingeschränkte
demokratische Rechte gegeben. Sie wurde in Kriege geschickt.
Die Gewerkschaften und Parteien wandten sich gegen sie. Sie
wurde verleumdet und von Mittelklasse-TheoretikerInnen ausgeschlossen.
Doch in dieser kurzen Zeit hat sie mehr gekämpft als alle
anderen ausgebeuteten Klassen, die es je gab über Jahrtausende.
Sie hat Massenorganisationen aufgebaut, große und kleine
Streiks durchgeführt, die Kapitalisten gezwungen ihr demokratische
Rechte zu gewähren, und sie hat weltaufrüttelnde revolutionäre
Aufstände durchgeführt. Gibt es eine Art Garantie,
dass unsere Klasse mit ihren Verbündeten unter den Unterdrückten,
den Kapitalismus und alle Formen von Unterdrückung zerstören
wird? Werden wir - "zwangsläufig" - den Kapitalismus
stürzen bevor er die Welt mit nuklearen Kriegen und/oder
ökologischen Katastrophen zerstört? Nein, es gibt
keine Garantie. Dies ist ein Problem, das im Kampf entschieden
werden muss! Aber es gibt auch keine Schwachstelle, die garantiert,
dass unsere Klasse nie siegen wird. Die Geschichte ist noch
lange nicht vorbei.

Für
www.Anarkismo.net
geschrieben
Wayne
Price ist Autor eines Buches mit dem Titel “Abolition
of the State; Anarchist and Marxist Perspectives”
geschrieben, das auf AuthorHouse oder Amazon gekauft werden
kann.
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Anmerkung
der Übersetzerin: dieser Text wurde so weit
wir möglich in einer gender-gerechten Sprache übersetzt
mit Ausnahme der Zitate, welche von mir selbst übersetzt
wurden und nicht mit den deutschsprachigen Texten verglichen
wurden. |
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