Organisationsplattform
der Allgemeinen Anarchistischen
Union (Entwurf)
20
Juni 1926
This
article in English is here
Einleitung
der deutschen Version von 2007
Achtzig
Jahre sind seit der Veröffentlichung der Organisationsplattform
der Allgemeinen Anarchistischen Union (Entwurf) der russischen
Anarchisten im anarchistischem Monatsblatt "Delo Truda"
vergangen, aber die Frage der anarchistischen Organisation
verbleibt bis heute offen; eine Frage die sich stets zu wilden
Diskussionen mit geradezu erschreckender Ungezwungenheit entwickelt.
Realistisch
gesehen, ist diese Frage allerdings schon lange beantwortet:
Entweder wir akzeptieren die Notwendigkeit für Anarchisten,
in ihren spezifischen Organisationen zusammenzukommen und
die damit einhergehende Steigerung von Zusammenhalt und Stärke;
oder wir akzeptieren sie nicht und geben uns damit zufrieden
ein Teil des "chaotischen" Anarchismus zu sein,
welcher entweder eine solche Notwendigkeit verneint da sie
als unnötig oder gefährlich betrachtet wird, oder
die "Einheit" als eine Sache begreift unter der
sich zwar die zahlreichen Schattierungen des Anarchismus versammeln,
der es jedoch völlig an seriöser politischer Verbundenheit
und Strategie mangelt.
Die
Organisationsplattform (im englischen als "Organisational
Platform of the Libertarian Communists" und anderswo
als „Arshinov´s Plattform“ bekannt) war
der erste Versuch seit den Tagen von Bakunin, eine sowohl
theoretische als auch praktische Plattform für die Positionen
und Aufgaben der Anarchisten zu schaffen, welche den Anarchismus
mit der notwendigen politischen und organisatorischen Einheit
versehen könnte um den Einfluss anarchistischer Ideen
in der Gesellschaft im allgemeinen und insbesondere in der
Arbeiterbewegung zu vergrößern, nachdem die Niederlage
des Anarchismus in der Russischen Revolution die schweren
Fehler des "klassischen Anarchismus" deutlich aufgezeugt
hatte. Sie beschäftigt sich nicht nur mit organisatorischen
Fragen, sie beschäftigt sich mit einer ganzen Reihe von
Problemen: sie stellt die Klassengebundenheit des Anarchismus
klar heraus, sie definiert die Rolle der Anarchisten in prerevolutionären
und revolutionären Perioden, sie stellt die Bedeutung
des Syndikalismus als ein Instrument den Kampfes heraus, sie
artikuliert die wesentlichen Grundsätze des Anarchismus,
also Antikapitalismus, die Ablehnung der bourgoisen Demokratie,
des Staates und aller Authoritäten und mehr.
Aus
genannten Gründen ist die Organisationsplattform, trotz
der Unvollständigkeit mit der manche Themen behandelt
wurden, und der fehlenden Entwicklung in einigen Bereichen,
ein wertvolles historisches als auch praktisches Dokument.
Sie verdient die Aufmerksamkeit all jener die bereits kämpfen
oder kämpfen wollen, für eine neue Welt, eine neue
Gesellschaft, eine neue Menschheit.
Die
vorherigen Übersetzungen der Organisationsplattform litten
stark daran, dass sie nicht direkt vom Russischen, sondern
von französischen Übersetzungen ausgehend ins Englische
übertragen wurden. Um dem 80ten Geburtstag ihrer Veröffentlichung
zu gedenken, arbeiten wir nun an einer direkten, englischen
Übersetzung aus dem Russischen. Zwar basiert diese neue
Übersetzung aus Zeitgründen nach wie vor auf den
vorherigen, aber wir haben einen detaillierten Vergleich mit
dem russischen Original vorgenommen um gewährleisten
zu können, dass unsere Übersetzung dem Original
so nah wie möglich kommt. Auch haben wir nach Durchsicht
der originalen Paragrafen die kursiv betonten teile aus Gründen
der Übersichtlichkeit fett gedruckt.
Wir
sind der Überzeugung, dass diese deutsche Übersetzung,
die direkt vom russischen Original angefertigt wurde, die
erste deutsche Übersetzung der Organisationsplattform
überhaupt ist. Tatsächlich wird deutlich, dass,
während es in ganz Europa viele (mehr oder weniger erfolgreiche)
Versuche gegeben hat eine Art solide fundierte anarchistisch-kommunistische
Organisation zu gründen, die die AutorInnen der Plattform
sich vorstellten, dies in deutschsprachigen Ländern so
nie geschehen ist, und die Plattform einen sehr geringen Einfluss
auf die anarchistische Bewegung in diesem Land hatte.
Die
erste Übersetzung der Plattform gab es auf Französisch
und tatsächlich gab es danach für einige Zeit einen
starken “plattformistischen” Einfluss in der französischen
Bewegung. Spätere Übersetzungen, die meisten in
den späten 1960ern und den frühen 1970ern auf der
Basis von Volins originaler (und fehlerhafter) französischer
Übersetzung angefertigt, halfen bei der Entwicklung anarchistisch-kommunistischer
Organisationen in Ländern wie Großbritannien und
Italien. In den letzten Jahren des 20ten Jahrhunderts unternahm
die „Workers Solidarity Movement“, eine irische
anarchistisch-kommunistische Organisation, viel, um das Interesse
an der Plattform neu zu beleben. Ihre Arbeit führte letztendlich
zu neuen Übersetzungen der Plattform, die nun in Spanisch,
Tschechisch, Griechisch, Hebräisch, Ungarisch, Niederländisch,
Polnisch, Portugiesisch, Schwedisch und Türkisch erhältlich
ist. Und in vielen der Länder, in denen diese Sprachen
gesprochen werden, gibt es jetzt anarchistisch-kommunistische
Organisationen, die auf die eine oder andere Weise von der
Plattform beeinflusst wurden sind.
Wir
hoffen daher, dass diese neue deutsche Übersetzung letztendlich
bei der Entwicklung einer starken anarchistisch-kommunistischen
Bewegung in deutschsprachigen Gebieten helfen kann.
Letzten
Endes möchten wir uns bei Will Firth, Mikhail Tsovma
und C.M. für ihre unschätzbar wertvolle Unterstützung
(und Geduld!) bei den englischen und deutschen Übersetzungen
bedanken.
Nestor
McNab
Maintainer,
The Nestor Makhno Archive
www.nestormakhno.info
Übersetzung
der Einleitung von Alexander

Einleitung
Anarchisten!
Es
ist denkwürdig, dass, ungeachtet der Kraft, positiven
Ausstrahlung und unbestreitbaren Gültigkeit anarchistischer
Ideen, ungeachtet der Gradlinigkeit und Integrität anarchistischer
Positionen in der sozialen Revolution, ungeachtet des Heldenmuts
und der zahllosen Opfer, die Anarchisten im Kampf für
den anarchistischen Kommunismus erbracht haben, dass ungeachtet
all dessen die anarchistische Bewegung immer schwach geblieben
ist; in der Geschichte des Kampfes der Arbeiterklasse war
sie meist ein unbedeutender Fakt, aber kein handelnder Faktor.
Dieser
Widerspruch zwischen der positiven Ausstrahlung und unbestreitbaren
Gültigkeit anarchistischer Ideen und dem kläglichen
Zustand der anarchistischen Bewegung hat eine Reihe von Ursachen,
von denen die wesentlichste der Mangel an organisatorischen
Prinzipien und organisierten Verhältnissen in der anarchistischen
Gemeinschaft ist.
Die
anarchistische Bewegung ist in allen Ländern durch lokale
Organisationen vertreten, die gegensätzliche Ideologien
und Taktiken verkörpern, keine Perspektive für die
Zukunft haben und keine kontinuierliche Arbeit leisten. Wenn
sie eingehen, hinterlassen sie so gut wie keine Spuren.
Für
diesen Zustand des revolutionären Anarchismus, wenn wir
ihn als Ganzes betrachten, gibt es nur eine Bezeichnung: chronische
allgemeine Desorganisation. Diese Desorganisation hat sich
wie Gelbfieber tief in den Organismus der anarchistischen
Bewegung hineingefressen und zehrt an uns seit Jahrzehnten.
Es
ist aber auch unbestreitbar, dass diese Desorganisation in
einigen Missbildungen ideologischer Art wurzelt, in einer
verkehrten Vorstellung des individualistischen Prinzips im
Anarchismus, in seiner Gleichsetzung mit Verantwortungslosigkeit.
Die Freunde der vergnügungssüchtigen
Autonomie sind hartnäckige Befürworter
des chaotischen Zustandes der anarchistischen Bewegung, sie
zitieren die unerschütterlichen anarchistischen Prinzipien
und die großen Lehrer, um diese Zustände zu rechtfertigen.
Die
unerschütterlichen Prinzipien und die Lehrmeister sprechen
aber eine ganz andere Sprache.
Die
Zersplitterung ist die Vorstufe des Todes, während Geschlossenheit
ein Garant des Lebens und der Entwicklung ist. Dieses Gesetz
des sozialen Kampfes trifft gleichermaßen für Klassen
wie auch für politische Parteiungen zu.
Der
Anarchismus ist kein schönes Phantasiegebilde, das sich
ein Philosoph in seinem Kämmerchen erdacht hat, sondern
eine soziale Bewegung der arbeitenden Massen. Schon aus diesem
Grund muss er seine Kräfte in einer allgemeinen, kontinuierlich
agierenden Organisation sammeln, wie es das Leben und die
Strategie im sozialen Kampf, im Klassenkampf, erfordern.
Wir
sind überzeugt, sagt Kropotkin, dass
die Bildung einer anarchistischen Partei in Russland
der allgemeinen revolutionären Sache nicht nur
nicht schaden würde, sondern in höchstem
Grade wünschenswert und nützlich wäre.
|
Vorwort
zur russischen Ausgabe von Bakunins
„Pariser Kommune und die Idee des Staates“,
1892
|
Auch
Bakunin hat niemals Einwände gegen eine allgemeine anarchistische
Organisation vorgebracht. Im Gegenteil, seine organisatorischen
Bestrebungen und sein Wirken in der Ersten Internationale
geben allen Grund, in ihm einen aktiven Verfechter gerade
einer solchen Organisation zu sehen.
Überhaupt
kämpften fast alle anarchistischen Aktivisten gegen „zerstreute“
Arbeit und dachten an eine durch einheitliche Zielsetzung
und Taktik verbundene anarchistische Bewegung.
Am
deutlichsten und ausdrucksvollsten kam die Notwendigkeit einer
allgemeinen Organisation in den Jahren der russischen Revolution
von 1917 zum Ausdruck. Während dieser Revolution zeigte
sich die anarchistische Bewegung eben äußerst zersplittert
und verworren. Das allgemeine Organisationsdefizit trieb viele
anarchistische Aktivisten zu den Bolschewiken; viele der Verbliebenen
hält er in einem Zustand der Passivität, was die
Entfaltung ihrer zuweilen kolossalen Kräfte hindert.
Wir
brauchen dringend eine Organisation, die die Mehrheit der
anarchistischen Bewegung vereint, eine generelle taktische
und politische Linie im Anarchismus festlegt und zur leitenden
Kraft der Bewegung wird.
Es
wird Zeit, dass sich der Anarchismus aus dem Sumpf der Desorganisation
zieht, das ewige Schwanken in den wichtigsten theoretischen
und taktischen Fragen hinter sich lässt und sich für
den Weg bewusster Zielsetzung und organisierter kollektiver
Praxis entscheidet.
Es
reicht aber nicht aus, die Lebensnotwendigkeit einer solchen
Organisation zu konstatieren. Vielmehr ist es nötig,
eine Arbeitsweise zu finden, die zu ihrer Gründung führt.
Als
theoretisch und praktisch haltlos lehnen wir den Gedanken
ab, eine Organisation nach Art der „Synthese“
zu schaffen, d.h. eine Organisation, die aus Anhängern
verschiedener anarchistischer Strömungen besteht. Da
sie unterschiedliche theoretische und praktische Ansätze
versammeln würde, wäre eine solche Organisation
nichts anderes, als ein Sammelsurium von Personen, die unterschiedliche
Ansichten zu allen Fragen der anarchistischen Bewegung vertreten;
bei der ersten ernsthaften Bewährungsprobe würde
sie unvermeidlich auseinanderfallen.
Die
Methode des Anarchosyndikalismus kann die organisatorischen
Probleme des Anarchismus auch nicht lösen, da der Anarchosyndikalismus
dieses Problem überhaupt nicht in den Vordergrund stellt.
Vielmehr ist er mit dem Eindringen und Fußfassen im
Arbeitermilieu beschäftigt. Wobei man in Ermangelung
einer allgemeinanarchistischen Organisation durchaus etwas
im Arbeitermilieu erreichen und bis zu einem gewissen Grad
in ihm Fuß fassen kann.
Die
einzige Methode, die zur Lösung des allgemeinen organisatorischen
Problems führt, ist unseres Erachtens die Vereinigung
der anarchistischen Aktivisten auf dem Boden bestimmter ideologischer,
taktischer und organisatorischer Positionen, d.h. auf der
Grundlage eines mehr oder minder abgeschlossenen einheitlichen
Programms.
Die
Ausarbeitung eines solchen Programms ist eine der Hauptaufgaben,
die der soziale Kampf der letzten Jahrzehnte den Anarchisten
auferlegt. Eben dieser Aufgabe hat die Gruppe russischer Anarchisten
im Ausland einen wesentlichen Teil ihrer Anstrengungen gewidmet.
Die
unten zu lesende „Organisationsplattform“ stellt
ein Gerüst dar, das Skelett eines solchen Programms.
Sie soll als erster Schritt hin zur Versammlung der anarchistischen
Kräfte in einem aktiven handlungsfähigen revolutionären
anarchistischen Kollektiv dienen: die Allgemeine Anarchistische
Union.
Wir
machen uns keine Illusionen hinsichtlich Lücken in dieser
Plattform. Wie jeder neue, praktische und zugleich verantwortungsvolle
Schritt hat auch die Plattform zweifellos ihre Lücken.
Möglicherweise sind eine Reihe von wesentlichen Überlegungen
nicht in die Plattform eingegangen oder sind ungenügend
berücksichtigt worden; eventuell sind andere Punkte wiederum
zu detailliert oder mit Wiederholungen ausgearbeitet worden.
Das ist alles möglich, aber darauf kommt es nicht an.
Es kommt darauf an, ein Fundament für eine allgemeine
Organisation zu legen, und dies ist durch die ausgearbeitete
Plattform im notwendigen Maß erreicht. Nun ist es Sache
des allgemeinen Kollektivs, also der Allgemeinen Anarchistischen
Union, diese Plattform auszufüllen, zu vertiefen und
zum definitiven Programm der gesamten anarchistischen Bewegung
zu machen.
Auch
in einer anderen Sache machen wir uns nichts vor: Es ist abzusehen,
dass viele Vertreter des sogenannten Individualismus und des
chaotischen Anarchismus mit Schaum vor dem Mund über
uns herfallen und uns der Verletzung anarchistischer Prinzipien
bezichtigen werden. Wir wissen jedoch, dass die individualistischen
und chaotischen Elemente unter „anarchistischen Prinzipien“
eben das Gemisch aus Schlamperei, Zügellosigkeit und
Verantwortungslosigkeit verstehen, das unserer Bewegung beinahe
den Garaus gemacht hätte. Gegen diese Missstände
gehen wir jetzt mit unserer ganzen Kraft und Leidenschaft
an. Die Attacken aus diesem Lager können wir daher getrost
beiseite lassen. Unsere Hoffnungen setzen wir statt dessen
auf die Aktivisten, die dem Anarchismus treu geblieben sind,
die die ganze Tragödie der anarchistischen Bewegung erleben
und ertragen mussten und nun ihre liebe Not haben, einen Ausweg
zu finden.
Große
Hoffnungen setzen wir auch auf die anarchistische Jugend,
die unter dem Lufthauch der russischen Revolution geboren
wurde und sogleich in den Kreislauf der konstruktiven Probleme
geriet und deshalb notwendigerweise die Verwirklichung der
organisatorischen und positiven Prinzipien im Anarchismus
fordern wird.
Wir
rufen alle russischen anarchistischen Organisationen, die
es verstreut in verschiedenen Ländern der Welt gibt,
sowie einzelne anarchistische Aktivisten dazu auf, sich in
einem revolutionären Kollektiv auf der Basis der allgemeinen
Organisationsplattform zusammenzuschließen.
Möge
sich diese Plattform als revolutionäre Losung und Sammelbecken
für alle Aktivisten der russischen anarchistischen Bewegung
erweisen, möge sie den Grundstein für die Allgemeine
Anarchistische Union legen.
Es
lebe die organisierte anarchistische Bewegung!
Es lebe die Allgemeine Anarchistische Union!
Es lebe die soziale Revolution der Arbeiter der Welt!
Gruppe
russischer Anarchisten im Ausland
Sekretär: P. Arschinow
Paris, den 20. Juni 1926

Allgemeiner
Teil
I.
Der Klassenkampf, Seine Rolle und Bedeutung
Es
gibt keine einheitliche Menschheit.
Es gibt die Menschheit der Klassen,
der Sklaven und Herren.
Wie
alle vorangegangenen Gesellschaften ist auch die heutige bürgerlich-kapitalistische
Gesellschaft uneinheitlich. Sie ist in zwei Lager gespalten,
die sich nach ihrer jeweiligen sozialen Position und ihren
sozialen Funktionen stark voneinander unterscheiden: das Proletariat
im weitesten Sinne und die Bourgeoisie.
Es
ist seit jeher das Los des Proletariats, die Last der schweren
körperlichen Arbeit zu tragen, deren Früchte jedoch
nicht ihm zufallen, sondern der privilegierten Klasse, die
das Eigentum, die Macht und die Werke der geistigen Kultur
(Wissenschaft, Bildung und Kunst) besitzt: der Bourgeoisie.
Die
soziale Versklavung und die Ausbeutung der arbeitenden Massen
bilden die Basis der heutigen Gesellschaft, ohne die sie nicht
existieren kann.
Dieser
Umstand erzeugte den seit Jahrhunderten andauernden Klassenkampf,
der mal wild und stürmisch zu Tage tritt, mal unauffällig
und ruhig verläuft, und der in seiner Grundlage auf eine
Umgestaltung der gegenwärtigen Gesellschaft in eine Gesellschaft
ausgerichtet ist, die den Bedürfnissen, Anliegen und
Gerechtigkeitsvorstellungen der arbeitenden Menschen entspricht.
Die
gesamte Sozialgeschichte der Menschheit bis zum heutigen Tag
stellt eine ununterbrochene Kette von Kämpfen der arbeitenden
Massen für ihre Rechte, für Freiheit und für
ein besseres Leben dar. In der Geschichte der menschlichen
Gesellschaft war dieser Klassenkampf immer der Hauptfaktor,
der die Form und Verfassung der Gesellschaft bestimmte.
Die
soziale und politische Struktur eines jeden Landes ist vor
allem ein Ergebnis des Klassenkampfes. Ihre Gestalt dient
als Gradmesser dafür, welchen Punkt der Klassenkampf
erreicht hat und in welchem Zustand er sich gerade befindet.
Auch die kleinste Änderung im Verlauf des Klassenkampfs,
in der Wechselbeziehung der miteinander kämpfenden Kräfte,
ruft unverzüglich Veränderungen im Gewebe und im
Aufbau der Klassengesellschaft hervor.
Das
ist die allgemeine und universelle Bedeutung des Klassenkampfes
im Leben der Klassengesellschaften.
II.
Die Notwendigkeit Einer Gewaltsamen Sozialen Revolution
Die
heutige Gesellschaft basiert auf dem Prinzip der gewaltsamen
Versklavung und der gewaltsamen Ausbeutung der Massen. Alle
Bereiche dieser Gesellschaft – Wirtschaft, Politik und
die sozialen Beziehungen – werden durch die Klassengewalt
und ihre untergeordneten Organe (die Behörden, die Polizei,
die Armee und die Gerichte) gestützt. Alles in dieser
Gesellschaft, von der einzelnen Fabrik bis hin zum gesamten
Staatsapparat, ist eine Festung des Kapitals,
in der die Arbeiter ständig beobachtet werden und wo
immer Kräfte bereit stehen, um jede Bewegung der Arbeiter
zu unterbinden, die den Grundpfeilern der heutigen Gesellschaft
auch nur im Geringsten drohen oder ihre Ruhe stören könnte.
Gleichzeitig
hält das jetzige gesellschaftliche System die arbeitenden
Massen zwangsläufig im Zustand der Unwissenheit und geistigen
Rückständigkeit; gewaltsam hindert es die Anhebung
ihres geistigen und kulturellen Niveaus, damit es mit ihnen
leichter fertig werden kann.
Fortschritte
der heutigen Gesellschaft wie die technische Entwicklung des
Kapitals und die Vervollkommnung seines politischen Systems
festigen die Macht der herrschenden Klassen weiter, was den
Kampf gegen sie erschwert und den entscheidenden Moment der
Befreiung der arbeitenden Menschen hinausschiebt.
Durch
Analyse der heutigen Gesellschaft stellen wir fest, dass die
gewaltsame soziale Revolution den einzigen Weg darstellt,
der zur Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft in
eine Gesellschaft der freien Werktätigen führt.
III.
Anarchismus und Anarchistischer Kommunismus
Der
Klassenkampf, der aus der Unfreiheit der Arbeiter und ihren
uralten Freiheitsbestrebungen entstand, ließ im Kreis
der Unterdrückten die anarchistische Idee entstehen:
die Idee der vollständigen Ablehnung der Klassengesellschaft
und des staatlichen gegängelten Gemeinschaftslebens.
Letzteres soll durch die freie, vom Staat entledigte Gesellschaft
der sich selbst verwaltenden Werktätigen ersetzt werden.
Der
Anarchismus entwickelte sich also nicht aus den abstrakten
Gedanken eines Gelehrten oder Philosophen, sondern unmittelbar
aus dem Kampf der Arbeiter gegen das Kapital, aus ihren Bedürfnissen
und Anliegen, aus ihrer Mentalität, aus ihrem Streben
nach Freiheit und Gleichheit, in dem die arbeitenden Massen
besonders in den besseren, heroischen Epochen ihres Lebens
und Kampfes aufblühen.
Hervorragende
Denker des Anarchismus – Bakunin, Kropotkin u.a. –
haben die anarchistische Idee nicht geschaffen; vielmehr fanden
sie sie in den Massen vor und verhalfen ihr mit der Kraft
ihrer Gedanken und ihres Wissens zur Entfaltung und Verbreitung.
Der
Anarchismus ist nicht das Produkt individuellen Schaffens
und nicht der Gegenstand individueller Experimente.
Der
Anarchismus ist genauso wenig das Ergebnis allgemeinmenschlicher
Bestrebungen. Eine einheitliche Menschheit gibt es nicht.
Jeder Versuch, den Anarchismus zu einer Eigenschaft der ganzen
Menschheit in ihrer jetzigen Gestalt zu machen oder ihm einen
allgemeinmenschlichen Charakter aufzudrücken, wird sich
als historische und soziale Lüge erweisen, die unweigerlich
zur Rechtfertigung des heutigen Systems und zu neuer Ausbeutung
führt.
Anarchismus
ist allgemeinmenschlich lediglich in dem Sinne, dass die Ideale
der arbeitenden Massen das Leben aller Menschen erquicken
können und das Schicksal der Menschheit in Gegenwart
und Zukunft mit dem Schicksal der versklavten Arbeit verbunden
ist. Wenn die arbeitenden Massen obsiegen, wird es wie ein
Frühling für die ganze Menschheit sein. Wenn sie
scheitern, werden weiterhin Gewalt, Ausbeutung, Sklaverei
und Unterdrückung in der Welt herrschen.
Die
Entstehung, Blüte und Verwirklichung anarchistischer
Ideale wurzelt tief im Leben der arbeitenden Massen, in ihren
Kämpfen; sie sind mit dem Schicksal der Massen untrennbar
verbunden.
Der
Anarchismus strebt nach der Umgestaltung der heutigen bürgerlich-kapitalistischen
Gesellschaft in eine Gesellschaft, die den Arbeitern die Früchte
ihrer Arbeit gewährt und ihnen Freiheit, Unabhängigkeit,
soziale und politische Gleichheit sichert – eine Gesellschaft
des anarchistischen Kommunismus. Hier kommen sowohl die gesellschaftliche
Solidarität als auch die Idee der individuellen Freiheit
jeweils voll zum Ausdruck, wobei beide Ideen sich in ihrer
Entwicklung gegenseitig ergänzen und bedingen.
Der
anarchistische Kommunismus ist der Auffassung, dass der arbeitende
Mensch – gleich ob er körperliche oder geistige
Arbeit verrichtet – der einzige Schöpfer aller
gesellschaftlicher Werte ist. Ihm allein steht das Recht zu,
das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in seiner
Gesamtheit zu leiten. In keiner Weise rechtfertigt der anarchistische
Kommunismus die Existenz nichtarbeitender Klassen oder lässt
ihren Weiterbestand zu.
Sollten
sich diese Klassen neben dem anarchistischen
Kommunismus erhalten, übernimmt letzterer keinerlei Verantwortung
für sie. Lediglich in dem Fall, dass die nichtarbeitenden
Klassen entscheiden, produktiv zu arbeiten und nunmehr im
gesellschaftlichen System des anarchistischen Kommunismus
auf gemeinsamer Grundlage zu leben, werden sie in ihm eine
gleichgestellte Position einnehmen, d.h. eine Position als
freie Mitglieder der Gesellschaft, die die Rechte dieser Gesellschaft
in Anspruch nehmen und die allgemeinen Verantwortungen mit
tragen.
Der
anarchistische Kommunismus strebt nach der Beseitigung jeder
Ausbeutung und jeder Gewalt gegen Personen und die arbeitenden
Massen. Zu diesem Ziel schafft er eine wirtschaftliche und
soziale Basis, die das wirtschaftliche und gesellschaftliche
Leben des Landes in ein Ganzes zusammenführt, die jedem
Einzelnen eine gleichgestellte Position und ein Maximum an
Gütern und Segnungen sichert. Grundlage hierfür
ist die Vergesellschaftung aller
Ressourcen und Produktionsmittel (Industrie, Transport, Land,
Rohstoffquellen usw.) sowie der Aufbau volkswirtschaftlicher
Organe auf der Basis der Gleichheit und der Selbstverwaltung
der arbeitenden Klassen.
Im
Rahmen dieser selbstverwalteten Gesellschaft der Werktätigen
etabliert der anarchistische Kommunismus das Prinzip der Gleichwertigkeit
und Gleichberechtigung jeder Person (nicht einer abstrakten
„allgemeinen“ Persönlichkeit, einer „mystischen“
Persönlichkeit oder der Persönlichkeit als Idee).
Aus
dem Prinzip der Gleichwertigkeit und der Gleichberechtigung
jedes Einzelnen, aber auch daraus, dass der Wert der Arbeit
jeder einzelnen Person nicht gemessen und beurteilt werden
kann, ergibt sich das grundlegende sozialrechtliche und wirtschaftliche
Prinzip des anarchistischen Kommunismus: „Jeder
nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen“.
IV.
Ablehnung der Demokratie
Die
Demokratie ist eine Form bürgerlich-kapitalistischer
Herrschaft.
Grundlage
der Demokratie ist die Erhaltung der gegensätzlichen
Klassen der heutigen Gesellschaft – Arbeit und Kapital
– sowie die Zusammenarbeit dieser Klassen
auf der Basis des kapitalistischen Privateigentums. Das Parlament
und die repräsentative Regierung eines Nationalstaates
sind Ausdruck dieser Zusammenarbeit.
Formell
verkündet die Demokratie die Freiheit des Wortes, der
Presse, Organisationsfreiheit und die Gleichheit aller vor
dem Gesetz.
Doch
all diese Freiheiten sind so gut wie fiktiv: sie werden toleriert,
sofern sie den Interessen der herrschenden Klasse, d.h. der
Bourgeoisie, nicht widersprechen.
Die
Demokratie tastet das Prinzip des kapitalistischen Privateigentums
nicht an. Dadurch gibt sie der Bourgeoisie das Recht, die
ganze Wirtschaft des Landes, die ganze Presse sowie die Bereiche
Bildung, Wissenschaft und Kunst in ihren Händen zu halten,
was die Bourgeoisie faktisch zum unumschränkt waltenden
Herrn des Landes macht. Die Monopolstellung der Bourgeoisie
in der Wirtschaft des Landes ermöglicht es ihr, ihre
volle, unbegrenzte Macht auch im politischen Bereich zu errichten.
Das Parlament und die repräsentative Regierung in Demokratien
sind tatsächlich die ausführenden Organe der Bourgeoisie.
Die
Demokratie ist somit eine der Formen bürgerlicher Diktatur,
trügerisch getarnt durch fiktive politische Freiheiten
und demokratische Scheingarantien.
V.
Ablehnung des Staates und der Macht
Die
Ideologen der Bourgeoisie definieren den Staat als Organ,
das die komplizierten sozialpolitischen, zivilen und gesellschaftlichen
Beziehungen der Menschen innerhalb des heutigen Systems reguliert
und die Rechtsordnung dieser Gesellschaft schützt. Mit
dieser Definition sind Anarchisten weitestgehend einverstanden;
sie fügen lediglich hinzu, dass die Rechtsordnung der
heutigen Gesellschaft auf der Versklavung der großen
Mehrheit des Volkes durch eine verschwindend kleine Minderheit
beruht und dass der heutige Staat eben dieser Versklavung
dient.
Der
Staat ist zugleich ein Ausdruck der organisierten Gewalt der
Bourgeoisie gegen die Arbeiter und ihre Organisationen.
Linke
Sozialisten, insbesondere die Bolschewiken, sehen in der bürgerlichen
Macht und dem bürgerlichen Staat ebenfalls Diener des
Kapitals. Sie meinen jedoch, dass die Staatsmacht von den
sozialistischen Parteien erobert und als mächtiges Werkzeug
zur Befreiung des Proletariats eingesetzt werden kann. Deshalb
sind sie für die sozialistische Macht und den proletarischen
Staat, wobei ein Teil von ihnen die Eroberung der Macht mit
friedlichen, parlamentarischen Mitteln befürwortet (Sozialdemokraten),
der andere Teil für die Eroberung der Macht auf revolutionärem
Wege steht (Kommunisten, linke Sozialrevolutionäre).
Der
Anarchismus betrachtet beide Positionen als grundsätzlich
falsch und schädlich für die Sache der Befreiung
der Arbeit.
Die
Macht hängt immer mit der Ausbeutung und Versklavung
der Volksmassen zusammen, sie entsteht aus dieser Ausbeutung
oder wird für sie geschaffen. Ohne Gewalt und Ausbeutung
verliert die Macht ihre Grundlage.
Der
Staat und die Macht nehmen den Massen ihre Initiative, töten
ihre Selbstständigkeit und erziehen sie zu sklavischer
Unterwürfigkeit und zum Glauben an Führer und Obrigkeit.
Die Befreiung der arbeitenden Menschen ist unterdessen nur
im Zuge eines unmittelbaren revolutionären Kampfes der
breiten Arbeitermassen und ihrer Klassenorganisationen gegen
das kapitalistische System möglich.
Die
Eroberung der Macht durch sozialdemokratische Parteien auf
parlamentarischem Wege im Rahmen des heutigen Systems wird
die Befreiung der Arbeiter keinen Schritt voranbringen, schon
deshalb nicht, weil die eigentliche Kraft und daher die wirkliche
Macht bei der Bourgeoisie bleibt. Sie hält die ganze
Wirtschaft und Politik des Landes in ihren Händen. Die
Rolle der sozialistischen Macht beschränkt sich in diesem
Fall auf Reformen, auf eine Verbesserung des bürgerlichen
Systems (z.B. Ramsay McDonald, die sozialdemokratischen
Parteien in Deutschland, Schweden und Belgien, die im Kapitalismus
an die Macht gelangten).
Die
Machtergreifung im Zuge einer sozialen Umwälzung und
die Organisation eines sogenannten proletarischen Staates
kann ebenfalls nicht zu einer echten Befreiung der Arbeit
führen. Ein Staat, der zunächst vermeintlich zum
Schutz der Revolution errichtet wird, entwickelt zwangsläufig
spezifische eigene Bedürfnisse, wird dann zum Selbstzweck,
lässt privilegierte soziale Kasten um sich herum entstehen,
auf die er sich stützt; die Massen unterwirft er gewaltsam
seinen Bedürfnissen und denen der privilegierten Kasten,
so dass die Grundlage der kapitalistischen Macht und des kapitalistischen
Staates wiederhergestellt ist: die gewaltsame Versklavung
und Ausbeutung der Massen (wie beim „Arbeiter-und-Bauern-Staat“
der Bolschewiken).
VI.
Die Rolle der Massen und der Anarchisten im Sozialen Kampf
und in der Sozialen Revolution
Die
tragenden Kräfte der sozialen Umwälzung sind die
städtische Arbeiterklasse, die Bauernschaft und teilweise
die arbeitende Intelligenz.*
Die
Rolle der Massen in der sozialen Revolution und im sozialistischen
Aufbau unterscheidet sich grundlegend von der Rolle, die ihnen
die staatstragenden Parteien zuweisen. Die Bolschewiken und
verwandte Strömungen sind der Ansicht, dass die arbeitenden
Massen lediglich zerstörerische revolutionäre Instinkte
besitzen und schöpferischer revolutionärer Tätigkeit
unfähig sind, weshalb diese schöpferische Tätigkeit
Menschen anvertraut werden muss, die im Staat oder im Zentralkomitee
einer Partei konzentriert sind. Anarchisten sind wiederum
überzeugt, dass die arbeitenden Massen riesige schöpferische
Potentiale in sich bergen; daher streben sie nach der Beseitigung
der Schranken, die die Entfaltung dieser Kräfte in der
Klasse hindern.
Das
größte Hindernis in dieser Hinsicht sieht der Anarchismus
im Staat, der alle Rechte der Massen usurpiert und beinahe
alle Funktionen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Lebens monopolisiert. Der Staat soll aber nicht „irgendwann“
in der Gesellschaft der Zukunft absterben. Er soll von den
Arbeitern gleich am ersten Tag ihres Siegs zerstört werden
und darf in keiner Form wiedererrichtet werden. Er wird durch
ein System föderativ vereinigter selbstverwalteter Produktions-
und Verbrauchsorganisationen der Arbeiter ersetzt. Dieses
System schließt sowohl staatliche Machtstrukturen als
auch die Diktatur einer Partei aus.
Die
Russische Revolution von 1917 stellte die Weichen für
genau eine solche freiheitliche soziale Entwicklung, indem
sie ein System der Arbeiter- und Bauernräte und Fabrikkomitees
schuf. Aber ihr trauriger Fehler war es, dass sie nicht frühzeitig
die staatliche Macht beseitigte – anfangs die Macht
der Provisorischen Regierung, dann die Macht der Bolschewiken.
Letztere benutzten das Vertrauen der Arbeiter und Bauern,
um den bürgerlichen Staat den momentanen Verhältnissen
entsprechend zu reorganisieren und sie machten dann mit diesem
Staat das Werk der revolutionären Massen zunichte: die
freiheitliche Struktur der Räte und Fabrikkomitees, die
gerade die ersten Schritte hin zum Aufbau einer staatslosen
Gesellschaft absteckten.
Die
Aktivität der Anarchisten teilt sich in zwei Phasen:
die vorrevolutionäre Phase und die Phase der Revolution.
In jedem Fall sind die Anarchisten nur im Stande, eine Rolle
zu spielen, wenn sie als organisierte Kraft auftreten, die
die Ziele ihres Kampfes und die Wege zu ihrer Verwirklichung
genau kennt.
In
der vorrevolutionären Phase liegt die Hauptaufgabe der
Allgemeinen Anarchistischen Union in der Vorbereitung der
Arbeiter und Bauern auf die soziale Umwälzung.
Dadurch,
dass der Anarchismus die formelle (bürgerliche) Demokratie,
die Macht und den Staat ablehnt und die vollständige
Befreiung der Arbeit verkündet, betont er unentwegt die
Prinzipien des kompromisslosen Klassenkampfs, fördert
in den Arbeitermassen ein revolutionäres Klassenbewusstsein
und eine revolutionäre Gesinnung der Klassenunversöhnlichkeit.
Die
anarchistische Aufklärung der Massen muss im Geiste der
Klassenunversöhnlichkeit, der Antidemokratie und Antistaatlichkeit
geführt werden. Aber Aufklärung allein ist nicht
genug. Nötig ist auch eine gewisse anarchistische Organisation
der Massen. Zu deren Verwirklichung muss die Arbeit in zwei
Richtungen erfolgen: zum einen auf der Ebene der Auswahl und
Gruppierung der revolutionären Kräfte der Arbeiter
und Bauern auf der ideellen Basis des Anarchismus (anarchistische
Ideenorganisationen), zum anderen auf der Ebene der Gruppierung
der revolutionären Arbeiter und Bauern im Betrieb und
als Verbraucher (revolutionäre betriebliche Organisationen
der Arbeiter und Bauern, freiheitliche Arbeiter- und Bauernkooperativen
u.a.).
Die
Arbeiterklasse und die Bauernschaft, auf betrieblicher Basis
und als Verbraucher organisiert und von der Ideologie des
revolutionären Anarchismus durchdrungen, werden primäre
Stützen der sozialen Revolution, und je mehr anarchistisches
Bewusstsein und anarchistischer Organisationsgeist jetzt in
ihre Mitte hineingetragen wird, desto mehr anarchistische
Orientierung, Standfestigkeit und anarchistische Schaffenslust
werden sie im Augenblick der Revolution entfalten.
Was
die Arbeiterklasse Russlands angeht, so kann man sagen, dass
sie auch nach acht Jahren bolschewistischer Diktatur, die
die natürlichen Bedürfnisse der Massen nach Eigeninitiative
gefesselt und deutlicher als andere Diktaturen die wahre Natur
jeder Macht vor Augen geführt hat, noch immer ein riesiges
Potential für die Schaffung einer anarchistischen und
anarchosyndikalistischen Massenbewegung in sich birgt. Organisierte
anarchistische Aktivisten müssen sich dieser Bedürfnisse
und Möglichkeiten umgehend mit aller Kraft annehmen und
dürfen nicht gestatten, dass sie sich in Menschewismus
ausarten.
Ebenso
unverzüglich und vollständig müssen Anarchisten
ihre Organisationsbemühungen der unteren Bauernschaft
widmen, die durch die Macht erdrückt wird, aber einen
Ausweg sucht und gewaltige revolutionäre Möglichkeiten
in sich birgt.
Die
Rolle der Anarchisten in der Phase der Revolution kann sich
ebenfalls nicht allein auf die Propagierung von Losungen und
anarchistischen Ideen beschränken.
Das
Leben ist nicht nur die Arena der Propagierung dieser oder
jener Ideen, sondern im gleichen Maße auch die Arena
des Kampfes, der Strategie und des Strebens eben dieser Ideen
zur Meinungsführerschaft. Mehr als irgend eine andere
Idee muss der Anarchismus zur führenden Idee der sozialen
Revolution werden, denn lediglich auf der Grundlage anarchistischer
Ideen kann die soziale Revolution die vollständige Befreiung
der Arbeit herbeiführen.
Die
führende Position anarchistischer Ideen in der Revolution
verlangt gleichzeitig die ideelle Leitung des
Geschehens durch Anarchisten. Diese Leitung
darf jedoch nicht mit der politischen Führung staatlich
orientierter Parteien verwechselt werden, die schließlich
in eine Führung durch den Staat mündet.
Der
Anarchismus strebt nicht nach der Eroberung politischer Macht,
nach Diktatur. Seine Hauptbestrebung ist es, den Massen zu
helfen, den richtigen Weg der sozialen Umwälzung und
des sozialistischen Aufbaus zu finden. Aber es reicht nicht
aus, den Massen den Weg der sozialen Revolution nur vorzuzeichnen.
Es ist nötig, den revolutionären Kurs
zu halten und das Ziel zu bestätigen: der
Sturz der kapitalistischen Gesellschaft im Namen der freien
Gesellschaft der Werktätigen. Die Erfahrungen der russischen
Revolution von 1917 zeigen, dass dies keine leichte Aufgabe
ist, vor allem wegen der zahlreichen Parteien, die danach
trachten, die Bewegung von ihrem Streben nach sozialer Revolution
abzubringen.
Obwohl
sich in den sozialen Massenbewegungen zutiefst anarchistische
Tendenzen und Losungen manifestieren, sind diese Tendenzen
und Losungen zerstreut, es fehlt ein Medium, das sie miteinander
verbindet. Daher können sie nicht auf organisierte Art
und Weise die leitende ideelle Kraft entfalten, die für
die Beibehaltung der anarchistischen Ausrichtung und des anarchistischen
Ziels der sozialen Revolution notwendig ist. Nur ein von den
Massen eingerichtetes spezielles Ideenkollektiv kann diese
führende ideelle Kraft werden. Die organisierten anarchistischen
Kräfte und die organisierte anarchistische Bewegung werden
dieses Kollektiv bilden.
Die
ideologischen und praktischen Pflichten dieses anarchistischen
Kollektivs, d.h. der Allgemeinen Anarchistischen Union, fordern
in der Zeit der Revolution großen Einsatz.
In
allen Bereichen der sozialen Revolution wird es Initiative
zeigen und sich rege beteiligen müssen: in der Bestimmung
der Richtung der Revolution, im Bereich des Bürgerkriegs
und der Verteidigung der Revolution, bei der Lösung der
positiven Aufgaben der Revolution, in der Frage der neuen
Produktion, des Verbrauchs, des Bodens usw.
In
all diesen und vielen anderen Fragen verlangen die Massen
von den Anarchisten klare und genaue Antworten. Und wenn die
Anarchisten mit der Idee der anarchistischen Revolution und
des anarchistischen Aufbaus der Gesellschaft antreten, werden
sie verpflichtet sein, auf all diese
Fragen genaue Antworten zu geben, die Lösung dieser Fragen
mit der allgemeinen Idee des Anarchismus zu verbinden und
all ihre Kräfte für ihre Umsetzung einzusetzen.
Nur
so werden die Allgemeine Anarchistische Union und die anarchistische
Bewegung ihre führende ideelle Rolle in der sozialen
Revolution ausfüllen können.
VII.
Die Übergangsperiode
Unter
Übergansperiode verstehen die sozialpolitischen Parteien
eine bestimmte Phase im Leben des Volkes, die durch den Bruch
mit der alten Ordnung und die Einrichtung eines neuen wirtschaftlichen
und politischen Gebildes charakterisiert ist, das aber die
vollständige Befreiung der Arbeiter noch nicht in sich
trägt.
In
diesem Sinne sind alle Minimalprogramme der sozialpolitischen
Parteien, zum Beispiel das demokratische Programm der opportunistischen
Sozialisten oder das kommunistische Programm einer „Diktatur
des Proletariats“ eben Programme für eine Übergangsperiode.
Ein
wesentlicher Aspekt dieser Minimalprogramme ist, dass sie
die Ideale der Arbeiter – ihre Unabhängigkeit,
Freiheit und Gleichheit – für momentan nicht vollständig
erfüllbar halten und deshalb eine ganze Reihe von Institutionen
des kapitalistischen Systems bewahren: das Prinzip des staatlichen
Zwangs, das Privateigentum an Produktionsmitteln, die Lohnarbeit
und vieles andere mehr – abhängig davon, nach welchen
Zielen dieses oder jenes Programm der politischen Parteien
gerichtet ist.
Anarchisten
waren immer prinzipielle Gegner solcher Programme, da sie
der Auffassung sind, dass schon der Aufbau von Übergangssystemen
und das Prinzip der Ausbeutung und Nötigung der Massen,
das diese Systeme aufrecht erhält, unausweichlich zur
Entstehung neuer Sklaverei führt.
Anstelle
von politischen Minimalprogrammen sind die Anarchisten immer
gleich für die soziale Revolution eingetreten, die der
kapitalistischen Klasse ihre politischen und wirtschaftlichen
Privilegien entzieht und die Produktionsmittel und alle Funktionen
des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in die
Hände der Arbeiter gibt.
Diese
Position vertreten die Anarchisten bis zum heutigen Tag.
Die
Idee einer Übergangsperiode, wonach in Folge der sozialen
Revolution nicht die anarchistische Gesellschaft, sondern
irgend ein „X“ entstehen soll, das in sich noch
Elemente und Überreste des alten kapitalistischen Systems
trägt, ist im Kern antianarchistisch. Sie birgt in sich
die Gefahr der Festigung und Entwicklung dieser Elemente zu
ihren ursprünglichen Ausmaßen und dreht die Ereignisse
zurück.
Das
eindrucksvolle Beispiel dafür ist das durch die Bolschewiken
in Russland errichtete Regime der „Diktatur des Proletariats“,
das sich nach Überzeugung der Bolschewiken alles in allem
als Übergangsstadium zum vollständigen Kommunismus
erweisen sollte, in Wirklichkeit aber zur Wiedererrichtung
der Klassengesellschaft führte, so dass die Arbeiter
und die ärmsten Bauern sich wieder einmal ganz unten
befanden.
Der
Schwerpunkt im Aufbau der anarchistischen Gesellschaft liegt
nicht darin, am allerersten Tag der Revolution jedem Einzelnen
unbegrenzte Freiheit zur Befriedigung seiner Bedürfnisse
zu geben, sondern in der Erkämpfung der sozialen Basis
für diese Gesellschaft und in der Aufstellung der Prinzipien
der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Frage des größeren
oder kleineren materiellen Wohlstandes ist keine prinzipielle
Frage, sondern eine Frage der Technik.
Das
grundlegende Prinzip, nach dem die neue Gesellschaft aufgebaut
wird, das den Inhalt dieser Gesellschaft ausmacht und unter
keinen Umständen eingeschränkt werden darf, besteht
in der Gleichheit der Verhältnisse,
in der Freiheit und Unabhängigkeit der Arbeiter.
Dieses Prinzip ist auch die grundlegende anfängliche
Forderung der Massen, weshalb sie sich ja auch zur sozialen
Revolution erheben.
Es
gibt nur zwei mögliche Ausgänge: Entweder endet
die soziale Revolution mit der Niederlage der Arbeiter –
in diesem Fall wird man sich von neuem auf den Kampf vorbereiten
müssen, auf einen erneuten Angriff auf das kapitalistische
System; oder sie führt zum Sieg der Arbeiter. Dann werden
diese sich die Stellungen aneignen, die die Selbstverwaltung
ermöglichen – den Boden, die Produktion und die
gesellschaftlichen Funktionen – und mit dem Aufbau der
freiheitlichen Gesellschaft beginnen.
Das
wird der Anfang des Aufbaus der
anarchistischen Gesellschaft sein, der, wenn er einmal begonnen
hat, ununterbrochen weitergehen wird, die anarchistische Gesellschaft
wird sich erstarken und vervollkommnen.
Die
Aneignung betrieblicher und gesellschaftlicher Funktionen
durch die Arbeiter zieht somit eine klare Grenze zwischen
der Epoche der Staatlichkeit und der Epoche der Staatslosigkeit.
Will
er zum Banner der kämpfenden Massen und der sozialrevolutionären
Epoche werden, darf der Anarchismus seine grundlegenden Prinzipien
nicht verbergen, sein Programm nicht den Überbleibseln
der alten Ordnung oder den opportunistischen Tendenzen von
Übergangssystem und -perioden anpassen, sondern muss
sie im Gegenteil maximal entwickeln und vervollkommnen.
VIII.
Anarchismus und Syndikalismus
Einen
Gegensatz zwischen dem anarchistischen Kommunismus und dem
Syndikalismus aufzubauen halten wir für vollkommen künstlich,
grundlos und sinnlos.
Die
Auffassungen des Kommunismus und des Syndikalismus liegen
auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Während der Kommunismus,
d.h. die freiheitliche Gesellschaft gleichberechtigter Werktätiger,
das Ziel des anarchistischen Kampfes ist, stellt der Syndikalismus
als revolutionär-gewerkschaftliche Arbeiterbewegung lediglich
eine Form des revolutionären Klassenkampfs dar.
Der
revolutionäre Syndikalismus vereinigt die Arbeiter im
betrieblichen Bereich und hat dabei, wie jede andere Gewerkschaftsbewegung
auch, keine eigene Ideologie; er ist keine Weltanschauung,
die auf jede komplexe sozialpolitische Frage der heutigen
Zeit eine Antwort gibt. Ständig widerspiegelt er Ideologien
einzelner politischer Gruppierungen, je nachdem, welche von
ihnen gerade am intensivsten in seinen Reihen agitiert.
Hieraus
ergibt sich unser Verhältnis zum revolutionären
Syndikalismus. Ohne gleich die Frage der Rolle der revolutionären
Syndikate am zweiten Tag der Revolution vorherbestimmen zu
wollen, d.h. die Frage, ob sie die Organisatoren der Gesamtheit
der neuen Produktion sein werden oder diese Rolle den Arbeiterräten
oder Fabrikkomitees überlassen, sind wir der Meinung,
dass sich Anarchisten am revolutionären Syndikalismus
als einer der Ausprägungen der revolutionären Arbeiterbewegungen
beteiligen sollen.
Jetzt
geht es jedoch weniger darum, ob sich Anarchisten am revolutionären
Syndikalismus beteiligen sollen oder nicht, als darum, wie
und mit welchem Ziel sie sich beteiligen sollen.
Die
Vorgehensweise der ganzen bisherigen Zeit bis in unsere Tage,
wo Anarchisten einzeln als Arbeiter und Propagandisten in
die revolutionär-syndikalistische Bewegung hineingehen,
halten wir für einen stümperhaften Umgang mit der
Gewerkschaftsbewegung.
Der
Anarchosyndikalismus, der bestrebt ist, die anarchistische
Ideologie am linken Flügel des revolutionären Syndikalismus
durch die Schaffung von Syndikaten anarchistischen Typs zu
festigen, stellt in dieser Hinsicht einen Schritt in die richtige
Richtung dar, doch überwindet er diese ganze Flickschusterei
nicht. Der Anarchosyndikalismus stellt keine dauerhafte Verbindung
zwischen der Anarchisierung der syndikalistischen Bewegung
und der Organisation anarchistischer Kräfte außerhalb
dieser Bewegung her. Nur eine solche Verbindung erlaubt es,
den revolutionären Syndikalismus nachhaltig zu anarchisieren
und Abweichungen hin zum Opportunismus vorzubeugen.
Wir
halten den revolutionären Syndikalismus für eine
rein gewerkschaftliche Bewegung der Arbeiter, die keine bestimmte
eigene sozialpolitische Ideologie hat und daher auch nicht
in der Lage ist, das soziale Problem selbständig zu lösen.
Unserer Meinung nach ist es die Aufgabe der Anarchisten in
den Reihen dieser Bewegung, die anarchistische Ideologie in
ihr zu entwickeln und sie ideell zu führen, um sie in
eine aktive Armee der sozialen Revolution zu verwandeln. Man
muss immer bedenken, dass der Syndikalismus rechtzeitig eine
Stütze in der anarchistischen Ideologie erhalten muss,
weil er sich sonst wohl oder übel auf die Ideologie einer
staatstragenden politischen Partei stützen wird.
Der
französische Syndikalismus, der einst mit anarchistischen
Losungen und anarchistischer Taktik glänzte aber danach
teilweise unter kommunistischen Einfluss, insbesondere aber
unter den Einfluss rechter opportunistischer Sozialisten fiel,
ist ein frappantes Beispiel dafür.
Die
Aufgabe der Anarchisten in den Reihen der revolutionären
Gewerkschaftsbewegung kann jedoch erfüllt sein, wenn
ihre Arbeit dort aufs Engste mit dem Wirken der anarchistischen
Organisation außerhalb des Syndikats verbunden und abgestimmt
ist. Mit anderen Worten, in die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung
müssen wir als organisierte Kraft hineingehen, eine Kraft,
die für die Arbeit der allgemeinen anarchistischen Organisation
in den Syndikaten verantwortlich ist und die von der Organisation
geleitet wird.
Wir
dürfen uns nicht auf die Schaffung anarchistischer Syndikate
beschränken, sondern müssen danach streben, ideell
auf den gesamten revolutionären Syndikalismus in all
seinen Formen einzuwirken (u.a. auf die IWW, die russischen
Gewerkschaften usw.). Das können wir erreichen, wenn
wir an die Aufgabe als streng organisiertes anarchistisches
Kollektiv herangehen, aber keineswegs als kleine primitive
Grüppchen, dazu noch ohne organisatorische Verbindung
zueinander und ohne ideelle Abstimmung.
Anarchistische
Betriebsgruppen, die an der Schaffung anarchistischer Syndikate
arbeiten, die den Kampf in den revolutionären Syndikaten
um die Vorherrschaft der anarchistischen Ideologie im Syndikalismus
und um die ideelle Leitung der Syndikate führen und in
ihrem Wirken von der vereinten anarchistischen Organisation,
der sie angehören, gelenkt werden: so sieht das sinnvolle
Verhältnis des Anarchismus zum revolutionären Syndikalismus
und zu den verwandten revolutionären Gewerkschaftsbewegungen
aus.

Konstruktiver
Teil
Das
Problem des ersten Tages der sozialen Revolution
Das
Hauptziel der kämpferischen Arbeitklasse ist der revolutionäre
Aufbau einer freiheitlichen egalitären anarchokommunistischen
Gesellschaft, die auf dem Prinzip beruht: „Jeder nach
seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen.“
Diese
Gesellschaft in ihrer definitiven Form wird jedoch nicht automatisch
in Folge einer sozialen Umwälzung entstehen. Vielmehr
bedarf ihre Verwirklichung eines mehr oder minder langwierigen
sozialrevolutionären Prozesses, den die organisierten
Kräfte der siegreichen Arbeiterklasse in eine bestimmte
Richtung lenken werden.
Unsere
Aufgabe ist es, diesen Weg bereits jetzt aufzuzeigen und die
konkreten positiven Aufgaben zu definieren, die sich am ersten
Tag der sozialen Revolution den Arbeitern stellen werden und
von deren richtigen Lösung das Schicksal der sozialen
Revolution abhängen wird.
Der
Aufbau der neuen Gesellschaft ist natürlich erst nach
dem Sieg der Arbeiter über das heutige bürgerlich-kapitalistische
System und seine Träger möglich. Es ist unmöglich,
den Aufbau neuer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse
in Angriff zu nehmen, ohne die Macht des Staates gebrochen
zu haben, der das alte Sklavensystem schützt, und ohne
dass sich die Arbeiter und Bauern die Industrie und die Landwirtschaft
des Landes durch Revolution angeeignet haben.
Die
vordergründigste Aufgabe der sozialen Revolution wird
deshalb die Zerstörung der Staatsmaschinerie der kapitalistischen
Gesellschaft sein, d.h. die Entmachtung der Bourgeoisie und
aller anderen sozial privilegierten Elemente und die universelle
Durchsetzung des Willens der aufständischen Arbeitklasse,
der sich in den grundlegenden Prinzipien der sozialen Revolution
ausdrückt. Diese kämpferisch-zerstörerische
Seite der Revolution ebnet bloß den Weg für die
positiven Aufgaben, die den Sinn und Inhalt der sozialen Revolution
ausmachen.
Das
sind folgende Aufgaben:
Die
Produktion
Ausgehend
von der Tatsache, dass die Industrie des Landes durch die
Anstrengungen vieler Generationen von Arbeitern geschaffen
wurde und dass die einzelnen Branchen der Industrie engstens
miteinander zusammenhängen, betrachten wir die ganze
heutige Produktion als einen einzigen Betrieb der Produzierenden,
der den Arbeitern in ihrer Gesamtheit und niemandem im Einzelnen
gehört.
Der
Produktionsmechanismus des Landes bildet eine Einheit und
gehört der ganzen Arbeiterklasse. Diese Situation bedingt
den Charakter und die Form der neuen Produktion. Auch in Zukunft
wird sie einheitlich und gemeinsam sein, in dem Sinne, dass
die Erzeugnisse, die von den Produzierenden hergestellt werden,
allen gehören werden. Diese Erzeugnisse, gleich welcher
Art, stellen den gemeinsamen Lebensmittelfonds der Arbeiter
dar, aus dem jeder Beteiligte an der neuen Produktion alles
Notwendige erhalten wird, jeder auf der gleichen Grundlage
wie alle anderen.
Die
neue Produktion hebt die Lohnarbeit und alle Formen der Ausbeutung
vollständig auf und bekräftigt an ihrer Stelle das
Prinzip des kollegialen Zusammenwirkens der Arbeiter.
Die
Mittelklasse, die in der gegenwärtigen kapitalistischen
Gesellschaft mit vermittelnden Funktionen beschäftigt
ist (Handel usw.), und auch die Bourgeoisie werden sich auf
der gleichen Grundlage wie alle anderen an der neuen Produktion
beteiligen müssen. Andernfalls stellen sie sich selbst
außerhalb der arbeitenden Gesellschaft.
Einen
Besitzer – sei es in Form eines privatunternehmerischen
Eigentümers oder eines Eigentümer-Staates, wie gegenwärtig
der Staat der Bolschewiken – wird es nicht mehr geben.
Die organisatorischen Funktionen der neuen Produktion gehen
auf speziell von den Arbeitermassen geschaffene Verwaltungsorgane
über: Arbeiterräte, Fabrikkomitees oder betriebliche
Verwaltungen der Arbeiter. Diese Organe, die auf Ebene der
Stadt, der Region und dann des ganzen Landes miteinander verbunden
sind, bilden städtische, regionale und schließlich
allgemeine (föderale) Organe für die Leitung und
Verwaltung der Produktion. Von den Massen gewählt und
stets unter ihrer Kontrolle und ihrem Einfluss, werden sie
sich ständig erneuern und die Idee der wahren Selbstverwaltung
der Massen verwirklichen.
Eine
gemeinschaftliche Produktion, bei der die Produktionsmittel
und die Erzeugnisse der Produktion der Allgemeinheit gehören,
die die Lohnarbeit durch das Prinzip der kollegialen Zusammenarbeit
ersetzt, die gleiche Rechte für alle Produzierenden gewährleistet
und die von gewählten Organen der Arbeiterselbstverwaltung
geleitet wird – das ist der erste praktische Schritt
auf dem Weg zur Verwirklichung des anarchistischen Kommunismus.
Die
Versorgung
Die
Versorgungsfrage in der Revolution stellt sich als doppeltes
Problem. Der erste Aspekt ist die Beschaffung von Lebensmitteln,
der zweite – das Prinzip ihrer Verteilung.
Was
die Verteilung der Lebensmittel angeht, können Lösungen
in diesem Bereich nur in groben Umrissen genannt werden, denn
bei der Lösung dieser Frage wird die Menge der vorhandenen
Lebensmittel eine große Rolle spielen, wie auch das
Prinzip der Zweckmäßigkeit und anderes mehr.
Die
soziale Revolution, die sich den Umbau der ganzen bestehenden
Gesellschaft vornimmt, nimmt damit auch die Pflicht auf sich,
sich um die Grundbedürfnisse aller Menschen zu kümmern.
Eine Ausnahme bildet hier jener Teil der Nichtarbeitenden,
der sich aus konterrevolutionären Beweggründen weigert,
sich an der neuen Produktion zu beteiligen. Insgesamt aber,
mit Ausnahme der genannten Kategorie, werden die Bedürfnisse
der ganzen Bevölkerung auf dem Territorium der sozialen
Revolution aus dem gemeinsamen revolutionären Lebensmittelfonds
befriedigt. In dem Fall, dass die Menge der vorhandenen Lebensmittel
unzureichend ist, werden sie nach dem Prinzip des größten
Bedarfs verteilt, d.h. in erster Linie an Kinder, Kranke und
Arbeiterfamilien.
Ein
schwierigeres Problem stellt die Einrichtung des gemeinsamen
revolutionären Lebensmittelfonds dar. Zweifellos werden
die Städte in den ersten Tagen der Revolution nicht über
die notwendigen Lebensmittel verfügen. Die in den Städten
fehlenden Lebensmittel wird es gleichzeitig in ausreichender
Menge bei den Bauern geben.
Für
Anarchisten kann es keinen Zweifel an den guten gegenseitigen
Beziehungen zwischen den Arbeitern in der Stadt und den Arbeitern
auf dem Land geben. Anarchisten sind der Meinung, dass die
soziale Revolution lediglich durch gemeinsame Anstrengungen
der Arbeiter und Bauern verwirklicht werden kann. Folglich
ist auch die Lösung der Versorgungsfrage in der Revolution
nur auf der Grundlage der revolutionären Kooperation
dieser zwei Klassen des arbeitenden Volkes möglich.
Um
diese Zusammenarbeit herzustellen, muss die städtische
Arbeiterklasse, nachdem sie die Produktion in ihre Hände
genommen hat, sich unverzüglich um die dringenden Bedürfnisse
der ländlichen Bevölkerung kümmern und sich
bemühen, neben Artikeln des täglichen Gebrauchs
auch Mittel und Geräte für die kollektive Bewirtschaftung
des Bodens an die Bauern zu liefern. Die kollektive Sorge
der Arbeiter um die Bedürfnisse der Bauern wird bei letzteren
ähnliches Entgegenkommen hervorrufen, d.h. die kollektive
Versorgung der Stadt mit Erzeugnissen der bäuerlichen
Arbeit, in erster Linie mit Nahrungsmitteln.
Gemeinsame
Arbeiter- und Bauern-Kooperativen werden die primären
Organe der Versorgung und der Befriedigung der wirtschaftlichen
Bedürfnisse der Stadt und des Dorfes werden. Diese Kooperativen
könnten dann mit weiteren und ständigen Funktionen
ausgestattet werden, um alles Notwendige für die Unterhaltung
und Entwicklung des gesellschaftlichen und wirtschaftlich
Lebens der Arbeiter und Bauern zu liefern, sie könnten
damit in ständige Organe der Versorgung der Stadt und
des Dorfes verwandelt werden.
Die
Lösung der Versorgungsfrage auf diese Weise wird es dem
städtischen Proletariat erlauben, einen ständigen
Lebensmittelfonds zu schaffen, was sich positiv und entscheidend
auf das Schicksal der neuen Produktion insgesamt auswirken
wird.
Die
Landfrage
Wir
halten die arbeitende Bauernschaft, die keine fremde Arbeit
ausbeutet, und das ländliche Tagelöhnerproletariat
für die wichtigsten revolutionär-schöpferischen
Kräfte bei der Lösung der Landfrage. Ihre Aufgabe
wird es sein, eine revolutionäre Aufteilung des Bodens
zu vollziehen, damit eine Bodennutzung und Bodenbearbeitung
nach kommunistischen Prinzipien möglich ist.
Ähnlich
der Industrie ist der Boden, der von Generationen von Arbeitern
bearbeitet und kultiviert wurde, das Ergebnis der Anstrengungen
der arbeitenden Menschen. Er gehört ebenfalls dem gesamten
arbeitenden Volk im Ganzen und niemandem im Einzelnen. Als
gemeinsamer Besitz der Arbeiter kann der Boden nicht zum Gegenstand
von Kaufgeschäften werden. Er kann weder verpachtet werden
– durch wen auch immer an wen auch immer, noch als Mittel
zur Ausbeutung fremder Arbeit dienen.
Der
Boden ist gewissermaßen ein volkseigener Betrieb, in
dem das arbeitende Volk die Nahrungsmittel erzeugt. Aber er
ist ein Betrieb, in dem es sich jeder Landarbeiter (Bauer)
historisch bedingt angewöhnt hat, seine Arbeit selbständig
auszuführen und die Produkte seiner Arbeit unabhängig
von anderen Produzenten zu vermarkten. Während die gemeinschaftliche
(kommunistische) Arbeitsweise in der Industrie absolut notwendig
und die einzig mögliche ist, ist sie in der Landwirtschaft
zur Zeit nicht die einzig mögliche. Die Mehrheit der
Bauern wirtschaftet vereinzelt.
Mit
dem Übergang des Bodens und der Mittel seiner Bearbeitung
an die Bauern werden Verkauf und Verpachtung des Bodens unterbunden;
die Frage der Formen der Bodennutzung und der Bewirtschaftung
(kommunal oder auf Familienbasis) drängt deshalb nicht
sofort nach einer allgemeinen und endgültigen Lösung,
wie dies bei der Industrie der Fall ist. In der ersten Zeit
wird man wahrscheinlich sowohl auf die eine als auch auf die
andere Bewirtschaftungsform zurückgreifen.
Die
Entscheidung über die endgültige Form der Bodennutzung
und Bewirtschaftung wird der revolutionären Bauernschaft
überlassen. Druck von außen darf es in dieser Frage
nicht geben.
Aber
da wir der Meinung sind, dass lediglich das kommunistische
Gemeinschaftsleben, im Namen dessen die soziale Revolution
auch gemacht wird, die Arbeiter von Rechtlosigkeit und Ausbeutung
befreien und ihnen die vollständige Freiheit und Gleichheit
geben wird; da ferner die Bauern die überwältigende
Mehrheit der Bevölkerung stellen (in Russland etwa 85%)
und die ländliche bäuerliche Struktur sich folglich
als entscheidender Faktor für das Schicksal der Revolution
erweisen wird; und da schließlich die private Landwirtschaft
genauso wie das private Industrieunternehmen zum Handel, zur
Anhäufung des Privateigentums und zur Wiederherstellung
des Kapitals führt; aus all diesen Gründen ist es
unsere Pflicht, gerade jetzt alles Nötige zu tun, um
die Lösung der Landfrage im kommunalen Sinne zu fördern.
Zu
diesem Ziel müssen wir jetzt unter den Bauern verstärkt
die kommunistische Bodennutzung und Bewirtschaftung propagieren.
Die
Schaffung einer spezifisch bäuerlichen Union anarchistischer
Ausrichtung wird diese Aufgabe wesentlich erleichtern.
Der
technische Fortschritt, der die Entwicklung der Landwirtschaft
fördert, und die Verwirklichung des Kommunismus in den
Städten, vor allem in der Industrie, werden in dieser
Hinsicht von außerordentlicher Bedeutung sein. Wenn
die Arbeiter in ihren Beziehungen zu den Bauern nicht als
einzelne Gruppen, sondern als riesiges kommunistisches Kollektiv,
das ganze Branchen der Produktion umfasst, agieren, wenn sie
sich dabei um die dringenden Bedürfnisse des Dorfes kümmern
und neben Artikeln des täglichen Bedarfs auch Geräte
für die kollektive Bewirtschaftung des Bodens in jedes
Dorf liefern, dann wird das die Bauernschaft zweifellos zum
Kommunismus in der Landwirtschaft antreiben.
Die
Verteidigung der Revolution
Die
Frage der Verteidigung der Revolution gehört ebenfalls
zum Problem des „ersten Tages“. Im Grunde genommen
ist das mächtigste Mittel zur Verteidigung der Revolution
die erfolgreiche Lösung ihrer Herausforderungen in den
Bereichen der Produktion, der Versorgung und der Landfrage.
Wenn diese Probleme richtig gelöst werden, werden die
Kräfte der Konterrevolution den freiheitlichen Aufbau
der Arbeiter nicht umkehren oder ins Wanken bringen können.
Dennoch werden die Arbeiter einen heftigen Kampf mit ihren
Feinden führen müssen, um den Bestand der Revolution
zu sichern.
Die
soziale Revolution bedroht die Privilegien und selbst die
Existenz der nichtarbeitenden Klassen der heutigen Gesellschaft,
unausweichlich ruft sie den verzweifelten Widerstand dieser
Klassen hervor, der sich in einen erbitterten Bürgerkrieg
entlädt.
Die
Erfahrungen Russlands haben gezeigt, dass ein solcher Bürgerkrieg
nicht eine Sache von Monaten, sondern von Jahren werden kann.
Auch
wenn die ersten Schritte der Arbeiter am Anfang der Revolution
erfolgreich verlaufen sind, werden die ehemals herrschenden
besitzenden Klassen noch für längere Zeit über
eine gewaltige Widerstandskraft verfügen und einige Jahre
die Revolution bekämpfen, um die ihnen entzogene Macht
und die alten Privilegien zurückzugewinnen.
Die
aus ihren zahlreichen Anhängern geschaffene Armee, mit
viel Militärtechnik ausgerüstet, mit ausgeklügelten
Strategien versehen und mit Kapital im Rücken, wird gegen
die siegreichen Werktätigen geworfen.
Um
all dem eine entsprechende Kampfkraft entgegensetzen zu können,
werden die Arbeiter Organe zum Schutz der Revolution gründen
müssen, um die Errungenschaften der Revolution zu bewahren.
In den ersten Tagen der Revolution werden die vielen bewaffneten
Arbeiter und Bauern zusammen eine solche Kampfkraft darstellen,
aber das sind nur die ersten Tage, bevor der Bürgerkrieg
seinen Höhepunkt erreicht hat und bevor die kämpfenden
Seiten richtig aufgebaute militärische Organisationen
geschaffen haben.
Der
kritischste Augenblick der sozialen Revolution ist nicht der,
in dem das alte System gestürzt wird, sondern der, der
nach diesem Sturz anbricht, ein Augenblick des allgemeinen
Angriffs des niedergeworfenen Systems auf die Arbeiter, eine
Zeit, in der die Errungenschaften der Revolution bewahrt werden
müssen.
Der
Charakter dieses Angriffs, die Technik und die Entwicklung
des Bürgerkriegs im Allgemeinen, verlangen von den Arbeitern
bestimmte militärisch-revolutionäre Strukturen.
Das Wesen und die Grundprinzipien dieser Strukturen müssen
im Voraus festgelegt werden. Da wir staatliche Machtmethoden
zur Lenkung der Massen ablehnen, lehnen wir auch staatliche
Mittel zur Organisation der militärischen Kräfte
der Arbeiter ab, d.h. wir lehnen das Prinzip der auf Zwang
basierenden staatlichen Armee ab. Im Einklang mit den grundlegenden
anarchistischen Einstellungen, muss den militärischen
Strukturen der Arbeiter das Prinzip der Freiwilligkeit
zu Grunde gelegt werden. Als Beispiel für solche Strukturen
können die militärisch-revolutionären Partisanentruppen
der Arbeiter und Bauern in der russischen Revolution dienen.
Revolutionäre
Freiwilligkeit und der Partisanenkampf sollen jedoch nicht
im engeren Sinne verstanden werden, d.h. als Bekämpfung
des Feindes durch vereinzelte lokale Arbeiter- und Bauerntruppen,
die jeweils nur in eigener Verantwortung ohne zusammenhängenden
operativen Plan agieren. Ab einem höheren Entwicklungsstadium
beginnt sich die Taktik des Partisanenkampfes von der gemeinsamen
militärisch-revolutionären Strategie der Revolution
leiten zu lassen.
Ein
Bürgerkrieg, wie jeder andere Krieg auch, kann von den
Arbeitern nur dann erfolgreich geführt werden, wenn zwei
grundlegende militärische Prinzipien beachtet werden:
die Einheit des operativen Plans und die Einheit des gemeinsamen
Kommandos. Der Augenblick der Revolution, wenn die Bourgeoisie
mit organisierten Kräften gegen sie zu Felde zieht, um
sie zu stürzen, wird sich als kritischster Augenblick
erweisen, und er wird von den Arbeitern den Rückgriff
auf diese militärischen Prinzipien verlangen.
Die
Anforderungen der eigenen militärischen Strategie sowie
der Bekämpfung der Strategie der Konterrevolution werden
die bewaffneten Kräfte der Revolution somit zwingen,
sich zu einer vereinten revolutionären Armee zusammenzuschließen,
die über einen gemeinsamen Oberbefehl und einen gemeinsamen
operativen Plan verfügt.
Diese
Armee wird auf folgenden Prinzipien basieren: **
Mit
anderen Worten: Diese Armee wird zu einem Organ zur Verteidigung
der Revolution, das die Pflichten des Kampfes gegen die Konterrevolution
trägt – sowohl an den offenen militärischen
Fronten, als an den Fronten des verdeckten Bürgerkriegs
(Verschwörungen der Bourgeoisie, die Anstachelung zu
Ausschreitungen usw.) – das sich vollständig in
der Hand der höheren betrieblichen Organisationen der
Arbeiter und Bauern befindet, ihnen untersteht und von ihnen
auch politisch geleitet wird.

Organisatorischer
Teil
Die
Prinzipien der Anarchistischen Organisation
Die
oben ausgeführten allgemeinen konstruktiven Bestimmungen
bilden eine Organisationsplattform der revolutionären
Kräfte des Anarchismus.
Die
Plattform verkörpert eine bestimmte ideologische und
taktische Richtung und ist das Minimum, auf das sich alle
Teilnehmer der organisierten anarchistischen Bewegung unbedingt
einigen müssen.
Es
ist die Aufgabe der Plattform, alle gesunden Kräfte der
anarchistischen Bewegung in einer vereinten, aktiven und dauerhaft
agierenden Organisation um sich zu scharen, in der Allgemeinen
Anarchistischen Union. Alle anarchistischen Aktivisten müssen
ihre Kräfte in die Schaffung dieser Organisation einbringen.
Die
grundlegenden organisatorischen Prinzipien der Allgemeinen
Anarchistischen Union sind wie folgt:
1)
Einheit der Ideologie
Die
Ideologie ist eine Kraft, die die Aktivität einzelner
Personen und einzelner Organisationen auf einen bestimmt Weg
hin zu einem bestimmten Ziel richtet. Sie muss selbstverständlich
einheitlich für alle Personen und Organisationen sein,
die sich an der gemeinsamen Union beteiligen. Die Aktivität
der Allgemeinen Anarchistischen Union muss sowohl im Allgemeinen
als auch im Detail den von ihr bekundeten ideologischen Prinzipien
genau entsprechen.
2)
Einheitliche Taktik und kollektives Handeln
Die
taktischen Methoden, die von einzelnen Mitgliedern oder Gruppen
der Union angewandt werden, müssen einheitlich und genau
abgestimmt sein, sowohl miteinander als auch mit der allgemeinen
Ideologie und Taktik der Union.
Eine
einheitliche taktische Linie der Bewegung ist von entscheidender
Bedeutung für das Leben der Organisation und der ganzen
Bewegung: Sie rettet die Bewegung aus dem saugenden Sumpf
der zahlreichen, gegenseitig zerstörerischen Taktiken
und versammelt alle Kräfte auf einer bestimmten Linie,
die zu einem bestimmten Ziel führt.
3)
Kollektive Verantwortung
In
den Reihen der anarchistischen Bewegung muss die Praxis, auf
eigene Faust zu handeln, entschieden verurteilt und abgelehnt
werden.
Das
revolutionäre und sozialpolitische Leben umfasst vor
allem zutiefst kollektive Bereiche. Revolutionäre gesellschaftliche
Tätigkeit kann hier unmöglich auf der Grundlage
der persönlichen Verantwortung einzelner Aktivisten erfolgen.
Das
ausführende Organ der gemeinsamen anarchistischen Bewegung
– die Anarchistische Union – spricht sich entschieden
gegen den verantwortungslosen Individualismus aus und führt
in ihren Reihen das Prinzip der kollektiven Verantwortung
ein: Für die revolutionär-politische Tätigkeit
jedes Mitglieds der Union ist die Union als Ganzes verantwortlich;
ebenso antwortet jedes einzelne Mitglied für die revolutionär-politische
Tätigkeit der Union als Ganzes.
4)
Föderalismus
Der
Anarchismus hat zentralistische Organisation immer abgelehnt,
sowohl im gesellschaftlichen Leben der Massen, als auch im
eigenen politischen Wirken. Das System des Zentralismus stützt
sich durch die Tötung des Geistes der Kritik, der Initiative
und der Unabhängigkeit in jeder Person sowie durch die
blinde Unterwerfung der breiten Massen unter den Willen des
„Zentrums“. Das selbstverständliche und unvermeidliche
Ergebnis dieses Systems ist die Versklavung und Mechanisierung
des gesellschaftlichen und politischen Lebens.
Als
Gegensatz zum Zentralismus hat der Anarchismus stets das Prinzip
des Föderalismus vorgebracht
und verfochten, ein Prinzip, das die Unabhängigkeit der
Person oder Organisation, ihre Initiative und den Dienst an
der gemeinsamen Sache verbindet.
Durch
die Verknüpfung der Idee der Unabhängigkeit und
Souveränität des Einzelnen mit dem Dienst an den
gesellschaftlichen Bedürfnissen und Instinkten öffnet
der Föderalismus die Tür zu einer gesunden Entfaltung
der Kräfte jedes Einzelnen.
Nicht
selten jedoch wurde in den Reihen der Anarchisten das föderalistische
Prinzip falsch verstanden – es wurde als Recht aufgefasst,
in der Organisation hauptsächlich sein „Ich“
zu bekunden, ohne dass man seine Pflichten gegenüber
der Organisation wahrnimmt.
Solche
Verdrehungen haben unserer Bewegung in der Vergangenheit eine
extreme Desorganisation beschert, der wir jetzt mit aller
Entschiedenheit ein Ende setzen müssen.
Föderalismus
bezeichnet die freiheitliche Vereinbarung von Personen und
ganzen Organisationen zur Zusammenarbeit, die auf das Erreichen
eines gemeinsamen Ziels gerichtet ist.
Aber
diese Vereinbarung und die föderalistische Union, auf
der sie aufbaut, können nur verwirklicht werden, statt
Fiktion und Selbsttäuschung zu bleiben, wenn alle Beteiligten
an dieser Vereinbarung und dieser Union die übernommenen
Pflichten und die gemeinsam getroffenen Entscheidungen in
vollem Umfang erfüllen.
Gleich
wie breit und föderalistisch eine Gesellschaft aufgebaut
ist, kann es keine Rechte ohne Pflichten geben, keine Entscheidungen
ohne Umsetzung. Umso weniger ist dies in einer anarchistischen
Organisation möglich, die sich den Belangen der Arbeiter
und ihrer sozialen Revolution verschrieben hat.
Zusammen
mit der Anerkennung der Unabhängigkeit, der Stimme, der
persönlichen Freiheit und der Initiative jedes einzelnen
Mitglieds, erlegt die anarchistische Organisation föderalistischen
Typs folglich jedem Mitglied auch bestimmte organisatorische
Pflichten auf, fordert ihre genaue Wahrnehmung und die Erfüllung
gemeinsam getroffener Entscheidungen.
Nur
so kann das föderalistische Prinzip mit Leben gefüllt
werden und ermöglichen, dass die anarchistische Organisation
richtig funktioniert und sich dem abgesteckten Ziel nähern
kann.
Die
Idee einer Allgemeinen Anarchistischen Union wirft das Problem
der Koordination (Abstimmung) der Aktionen aller Kräfte
der anarchistischen Bewegung auf.
Jede
einzelne Organisation, die der Union beitritt, ist quasi eine
selbständige Zelle der Union; jede hat ihr (eigenes)
Sekretariat, das die politische und technische Arbeit der
Organisation ausführt und ideell leitet.
Zur
Koordinierung der Tätigkeit aller Organisationen, die
der Union beitreten, wird ein spezielles Organ in Form eines
Ausführenden Komitees der Union
geschaffen, das folgende Aufgaben hat: die praktische Umsetzung
der von der Union getroffenen Entscheidungen, wo ihm dies
zum Auftrag gemacht wird; die ideelle und organisatorische
Leitung der Tätigkeit der einzelnen Organisationen gemäß
der gemeinsamen Ideologie und der gemeinsamen taktischen Linie
der Union; die Beleuchtung des allgemeinen Zustands der Bewegung;
die Unterhaltung operativer und organisatorischer Verbindungen
zwischen allen Organisationen der Union; und anderes mehr.
Die
Rechte, Pflichten und praktischen Aufgaben des Ausführenden
Komitees werden auf einem allgemeinen Kongress der Union festgelegt.
Die
Allgemeine Anarchistische Union hat ein ganz bestimmtes, konkretes
Ziel. Um den Erfolg der sozialen Revolution zu sichern, muss
sie in erster Linie die kritischsten und revolutionärsten
Elemente der Arbeiter- und Bauernschaft aussuchen und sie
als Mitglieder aufnehmen.
Da
sie hauptsächlich eine Organisation der sozialen Revolution
und außerdem eine antiautoritäre Organisation ist,
die die unmittelbare Zerstörung der Klassengesellschaft
auf ihre Fahnen geschrieben hat, stützt sich die Allgemeine
Anarchistische Union gleichmäßig auf die zwei grundlegenden
arbeitenden Klassen der heutigen Gesellschaft – die
Arbeiter und die Bauern – und dient im gleichen Maße
der Befreiung beider.
Gegenüber
den städtischen Arbeitern und revolutionären Gewerkschaftsorganisationen
muss die Allgemeine Anarchistische Union alle Anstrengungen
unternehmen, um ihr Wegbereiter und ideeller Anführer
zu werden.
Die
gleichen Aufgaben setzt sich die Allgemeine Anarchistische
Union auch in Bezug auf die unterdrückte Bauernschaft,
wobei sie danach streben muss, ein Netzwerk revolutionärer
wirtschaftlicher Organisationen der Bauernschaft zu entwickeln,
die als Bollwerk im Kampf die gleiche Rolle wie die revolutionären
Gewerkschaften der städtischen Arbeiterklasse spielen.
Sehr sinnvoll wäre darüber hinaus die Gründung
einer spezifischen Bauernunion, die auf freiheitlichen Grundsätzen
basiert.
Aus
der Mitte der Arbeiterschaft geboren, muss sich die Allgemeine
Anarchistische Union an allen Lebensbereichen der Klasse beteiligen
und stets mit Organisiertheit, Hartnäckigkeit und einem
Geist der Aktivität und des Angriffs überzeugend
auftreten.
Nur
so kann sie ihre Bestimmung erfüllen – ihre ideelle
und historische Mission in der sozialen Revolution der Arbeiter
– und zum organisierten Initiator
ihres Befreiungsprozesses werden.

* Die
arbeitende Intelligenz ist zwar, wie die ländlichen
Tagelöhner und das städtische Proletariat
auch, eine unterworfene und ausgebeutete Klasse, aber
dank der wirtschaftlichen Privilegien, die die Bourgeoisie
einigen Teilen der Intelligenz gewährt, ist sie
stärker in Schichten gegliedert als die Arbeiter
und Bauern. In den ersten Tagen der sozialen Revolution
werden sich deshalb nur die am wenigsten wohlhabenden
Schichten der Intelligenz aktiv betätigen.
**
Die revolutionäre Armee muss nach bestimmten anarchistischen
Prinzipien aufgebaut sein, aber man darf sie nicht als
prinzipielle Sache an sich betrachten. Sie ist lediglich
ein Erfordernis der militärischen Strategie der
Revolution, eine strategische Maßnahme, die der
Verlauf des Bürgerkriegs den Arbeitern aufzwingt.
Dieser Maßnahme müssen wir aber schon jetzt
unsere Aufmerksamkeit schenken. Schon jetzt muss sie
sorgfältig studiert werden, um bei der Verteidigung
und dem Schutz der Revolution einen nicht wieder gutzumachenden
Verzug zu vermeiden, denn Verspätungen in den Tagen
des Bürgerkriegs können zum Verhängnis
für den Ausgang der gesamten sozialen Revolution
werden. |
Übersetzung:
WF+CM