Das
ABC des revolutionären Anarchisten
Nestor Machno
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Teil
I
Der
Anarchismus ist freies Leben und unabhängiges Schaffen
des Menschen. Der Anarchismus ist nicht die Lehre einer Theorie
und auf Grund dieser Theorie künstlich geschaffener Programme,
die den Versuch machen, das Leben des Menschen völlig in
sich zu begreifen. Der Anarchismus ist eine Lehre vom Leben
in allen ihren gesunden Erscheinungsformen, des realen Lebens,
das über alle künstlichen Normen hinauswächst,
eines Lebens welches sich in letztere nicht hineinpressen läßt.
Die sozialpolitische Physiognomie des Anarchismus ist eine freie,
regierungslose Gesellschaft, Freiheit, Gleichheit und Solidarität
im Leben ihrer Mitglieder.
Die
Grundlage des Anarchismus beruht auf der freien Verantwortung
des Menschen, eine Verantwortung, die in allen Stücken
und zu allen Zeiten gleich ist, - d.h. eine Verantwortung, die
durch sich selber die Sicherstellung der Freiheit und der sozialen
Gerechtigkeit immer in gleichem Maße für alle und
für jeden Menschen bedeutet. Hier wird der Kommunismus
geboren. Der Anarchismus wird durch die Natur des Menschen in
das menschliche Leben hereingetragen. Der Kommunismus durch
die logische Weiterentwicklung des Anarchismus.
Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, theoretisch mittels wissenschaftlicher
Analyse und faktischen Materials die grundlegenden Postulate
des Anarchismus zu formulieren, eine Notwendigkeit, die die
Einen, nämlich die Feinde der Freiheit, Gleichheit und
Solidarität im Leben der Mitglieder der menschlichen Gesellschaft
zu einer Vertuschung der Natur des Anarchismus und zu einer
Verleumdung dieses großen Ideals führte, die anderen
Kämpfer aber für das Recht eines jeden Menschen auf
ein menschliches Leben zu einer vielseitigen Entwicklung und
Beleuchtung dieses allgemein menschlichen Ideales.
Godwin, Prodhon, Bakunin, Most, Kropotkin, Malatesta, S. Faure
und viele andere auf diesem Wege haben, wie ich meine, durchaus
nicht geglaubt und glauben auch nicht daran, durch ihre theoretische
Entwicklung des Anarchismus ihn in den Rahmen unveränderlicher,
wissenschaftlicher Dogmen spannen zu können. Das wissenschaftliche
Dogma des Anarchismus ist das Bestreben, seine Natürlichkeit,
welche der Mensch in seinem eigenen Innern, zu allen Zeiten
und in allen seinen schöpferischen Errungenschaften nicht
aufgibt. Das unwandelbare am wissenschaftlichen Anarchismus
ist seine natürliche Wesenheit, die sich in ihren grundlegenden
Zügen in der Verneigung aller Ketten, einer jeden Knechtung
des Menschen ausdrückt.
Statt der Ketten und der Sklaverei, die das menschliche Leben
beherrschen, und die auch der Sozialismus nicht vernichtet,
sät der Anarchismus Freiheit und das unbegrenzte Recht
des Menschen auf Freiheit. Als Anarchorevolutionär, beteiligt
an den praktischen Aktionen des revolutionären Volkes der
Ukraine, eines Volkes, das instinktiv die lebendigen Forderungen
der anarchistischen Ideen fühlte und in seinen Handlungen
zum Ausdruck brachte, eines Volkes, das auf diesem schweren
Wege unzählige Opfer gebracht hatte und dennoch nimmer
aufhörte, von seiner Freiheit und der Freiheit und Regierungslosigkeit
seines sozialen, gesellschaftlichen Lebens zu reden, habe ich
alle Lasten auf diesem Wege zusammen mit ihm standhaft und unwandelbar
auf mich genommen. Da ich schwach war und nicht die Kraft hatte,
alles auf diesem Wege rechtzeitig zu erfassen und zu formulieren,
bin ich oft gestolpert; da ich aber das Ziel richtig verstand,
dem ich selbst zustrebte, und zu dem ich auch meine Brüder,
die mich umgaben, aufrief, sah ich im Leben den natürlichen
Einfluß des Anarchismus auf die Massen in ihrem Kampfe
für die Freiheit und Unabhängigkeit des Menschen.
Auf Grund der Erfahrung des praktischen Kampfes kann ich die
Überzeugung bestätigen, daß der Anarchismus
ebenso revolutionär, und ebenso mannigfaltig und nächtig
in seinen Erscheinungsformen, wie das schöpferische Leben
des Menschen ist. Wenn ich auch nur einen Funken geistigen Zusammenhangs
zu der Berufung eines Anarcho-Revolutionärs verspüre,
werde ich dich, geknechteter Bruder, immer zum Kampf für
das Ideal des Anarchismus aufrufen. Nur wenn du kämpfst
und im Leben das Ideal der Freiheit, der Gleichheit und der
Solidarität in der Familie des Menschen der Menschheit
behauptest, wirst du den Anarchismus verstehen. So ist denn
der Anarchismus aus der Natur des Menschen heraus geworden.
Der Kommunismus - durch Weiterentwicklung des Anarchismus. Folglich
lebt der Anarchismus aus der Natur heraus im Menschen. Indem
der Anarchismus ihn historisch von psychischer Knechtung, die
in ihm künstlich eingepflanzt ist, befreit, macht er aus
ihm eben hierdurch einen bewußten Kämpfer gegen alle
Sklaverei. Sowohl in dieser wie auch in anderer Hinsicht ist
der Anarchismus revolutionär. Je bewußter der Mensch
ist, je tiefer er auf dem Gebiete des Denkens in sich selbst
eindringt, und die ihm aufgebürdete Knechtschaft als Schmach
erkennt, desto revolutionärer wird in ihm der anarchistische
Geist des Willens, des Denkens, bisweilen sogar des Handelns
in Verbindung mit diesem Gedanken zum Ausdruck kommen.
Dieses bezieht sich auf jeden Menschen - auf Mann und Frau -
wenn sie auch von dem Wort Anarchismus überhaupt nichts
gewußt und gehört haben sollten. Des Menschen Natur
ist anarchisch: sie widersetzt sich allem, was sie beengt. Diese
Wesenheit der Natur des Menschen kommt meiner Ansicht nach mit
dem wissenschaftlich gewählten Terminus “Anarchismus”
zum Ausdruck. Der Anarchismus spielt bereits als Ideal des menschlichen
Lebens eine bemerkenswerte Rolle in der Entwicklung des Menschenlebens.
Sowohl die Bedrücker als die Bedrückten beginnen allmählich
diese Rolle zu merken; die Einen - nämlich die Erstgenannten
- sehen es darauf ab, auf alle erdenkliche Weise, ohne gleichviel
vor welchen Mitteln zurückzuschrecken, diese Ideale zu
entstellen, die Zweitgenannten aber es klarer zu erfassen und
weiterzuentwickeln.
Das Ideal des Anarchismus sowohl für den Herrn als auch
für den Knecht der heutigen Gesellschaft wird immer bemerkbarer,
dazu hat die Zivilisation eben dieser Gesellschaft bedeutend
beigetragen. Diese Zivilisation hat entgegen ihren Zielen (war
sie doch darauf gerichtet, den Protest der menschlichen Natur
gegen die eigene Schändung einzuschläfern und auszulöschen),
in dieser finsteren Berufung ihre Rolle nicht durchführen
können, diesen Protest nieder zu schlagen und das totzuschweigen,
wogegen angekämpft wurde. Sie hat in ihrem Kreislauf die
unabhängigen Geister der Wissenschaft, welche dem Menschen
seine Abstammung enthüllten, ihm das Nicbtvorhandensein
Gottes bewiesen (auf den sich, als auf den Schöpfer des
Menschen jene beriefen, die ihn entsprechende irdische Götter
erschufen) usw. - nicht vernichten können. Mit dem Nachweis
eben dieser Wahrheiten fiel es selbstverständlich leicht,
unwiderleglich die Künstlichkeit der auf Erden gepflanzten
“göttlich” Gesalbten und die durch diese hergestellten,
schmachvollen Wechselbeziehungen zwischen den Menschen zu beweisen.
Alle diese Erscheinungen haben in bedeutendem Maße zur
Entwicklung des bewußten Anarchismus beigetragen. Allerdings
wurden zugleich mit der Entwicklung des Anarchismus auch neue
Ideen erschaffen: Der Liberalismus und der sogenannte “wissenschaftliche”
Staatssozialismus , dazu auch der bolschewistische Kommunismus.
Aber diese Lehren erweisen sich trotz ihres mächtigen Einflusses
auf die Psyche der heutigen Gesellschaft oder doch mindestens
eines großen Teils dieser Gesellschaft, gleichzeitig aber
auch trotz ihrer Annäherung an einen Triumph über
die Reaktion einerseits, andererseits über die sich frei
entwickelnde und sich festigende menschliche Persönlichkeit,
- sofern sie künstlich sind und sich auf ihrem Wege nicht
zu Ende entwickelt haben, als auf der schiefen Ebene befindlich
und abgelebten Lebensformen zuneigend.
Der freie Mensch, - der sich selber erkannt hat und den Mitmenschen
in seiner Umgebung erkannte, hat zusammen mit der ihm aufoktroyierten
groben Gewalt und dem Betrug, zusammen mit der widerwärtigen
Fäulnis und der niedrigen Sklaverei des Alten, den alles
schändenden menschlichen Geist der Vergangenheit begraben.
In der Masse hat sich der Mensch schon ein wenig vom Dunst der
Lüge und der Gemeinheit befreit, unter der er von seiner
Geburt an durch die irdischen Götter mit Hilfe der groben
Gewalt der Bajonette, des Bubels und der Rechtsprechung einerseits
und der heuchlerischen Wissenschaft andererseits geknechtet
worden war.
Indem sich der Mensch sich von dieser Schmach befreit, erfaßt
er sich selber; hat der Mensch sich aber erfaßt, erschließt
sich ihm die Karte seines Lebens, auf der er zuförderst
und an erster Stelle sein vergangenes, widerwärtig gemeines,
niederträchtiges, geknechtetes Leben gewahr wird, ein Leben,
das, da es in künstliche Rahmen gespannt ist, in einen
knechtischen Rahmen, in ihm alles Reine, Lichte und Makellose,
womit er zur Welt gekommen ist, erstickt hat. Ein Leben, das
ihn gleichzeitig in einen Lastesel, einen Sklaven für die
Einen verwandelte, und in einen Herren für die Anderen,
zudem noch in einen närrischen Herren, in einen Toren,
der alles zerreißt und mit Füßen tritt, was
es an Edelstem im Menschen gibt der auch in sich selbst alles
zerreißt und mit Füßen tritt, auch in den anderen,
und zwar tut er das alles auf Befehl Anderer. Und hier nun erwacht
in dem Menschen die Freiheit seiner wahren Natur, die von keinem
abhängt, die alles künstliche in den Staub tritt,
alles was die wunderbare Schönheit und Reinheit seiner
Natur stört, die sich im unabhängigen Schaffen offenbart
und entwickelt. Hier erst kommt der Mensch zur Besinnung und
spricht seiner schmachvollen Vergangenheit das Todesurteil,
indem er mit ihr jeden psychischen Zusammenhang zerreißt,
auf den sich bisher sein von den Vorfahren ererbtes, in Sonderheit
aber durch ihn selber, künstlich von den es behauptenden
Schamanen (buddhistischer Priester, zugleich “Zauberer”
und Mediziner”) der Wissenschaft entwickeltes, sowohl
in individueller als auch in gesellschaftlicher Beziehung ungerechtes
Leben sich gründete. Auf diese Weise bewegt sich der Mensch,
-früher von Generation zu Generation, jetzt aber von Jahr
zu Jahr, - in dem Prozeß seiner Entwicklung einem hohen
sittlichen Ziele zu: selber nicht Schamane zu sein, nicht Verkünder
der Macht über andere und nicht zu dulden, daß diese
Idole über ihn zur Herrschaft gelangen. Der freie Mensch,
frei von irdischen und “Himmlischen” Göttern
und von allen ihren Vorschriften, frei von “Sittlichkeit”
und “Moral”, die sich aus diesen Vorschriften ergeben,
erhebt seine Stimme sowohl im Wort als im Werk gegen die Knechtung
des Menschen und die Entstellung seiner Natur, deren Wesenheit
immer und unwandelbar in dem Streben zur Ungebundenheit und
Freiheit, in dem Streben zu Fülle und Vollendung besteht.
Dieser protestierende Mensch, der sich selber erfaßte,
und der nun sieht, mit den Augen, die sich aufgetan haben, -
dieser Mensch, der mit .seinem Geist sich in seinem Herzen die
Beleidigungen des Menschen überhaupt vorzustellen vermag;
dieser Mensch - der Anarcho-Revolutionär, .dieser einsame,
freie Mensch, der nach Freiheit, nach Fülle und Vollkommenheit
im Leben für sich und für sein Geschlecht dürstet,
der die Knechtschaft und den gesellschaftlichen Idiotismus mit
Füßen tritt, der historisch in Raub und Gewaltanwendung
heranreifte - dieser Mensch nun schafft, getrieben von seinem
tiefen Glauben und von seiner Selbsthingabe auf dem bezeichneten
Wege, Gruppen von freien Menschen welche durch die Idee eines
Zieles und des Handelns zur Erreichung dieses Zieles zusammengeschweißt
sind. Solche Gruppen werden in ihrer Entwicklung ideell gefestigt
und. erweitern sich in organisatorischer Hinsicht, indem sie
eine wahrhaft kommunistische Richtlinie in allen schöpferischen
Errungenschaften auf diesem so schweren, großen Wege einhalten.
Menschen, welche dieser Gruppe angehören, befreien sich
von der dummen und in den meisten Fällen verbrecherischen
Vormundschaft eines anderen Menschen über sich, sofern
der Mensch als Persönlichkeit in diesen Gruppen er selber
wird, d.h. zu einem Menschen, der sein Lakaientum vor den anderen
Menschen verurteilt. Dieser gewöhnliche Mensch, der vom
Pfluge weg oder aus der Fabrik kommend oder von der Universitätsbank
oder aus dem Schreibzimmer des Gelehrten, erkennt, daß
vor anderen Menschen Lakai zu sein, tagaus tagein auf seinem
Rücken die Bürde des Esels des Sklaven, den Entrechteten
zu tragen, entwürdigend ist. Wer Arbeiter ist, soll als
freier Mensch schaffen, wer Gelehrter ist, nicht zu einem Beamten
werden und seine ganze Gelehrsamkeit nicht um des Geldes willen
verkaufen, denn Lakai zu sein, ist nicht das Ziel des menschlichen
Lebens. Sofern der Mensch der wahren Persönlichkeit nahe
kommt, wird er jene Ideen von sich werfen, die erkünstelt
sind, die Ideen, welche die Rechte der Persönlichkeit mit
Füßen treten; die Ideen, von denen zwangsläufig
der Herr und der Knecht der heutigen Gesellschaft leben. Sofern
der Mensch die reinen und lichten Elemente seiner Freiheit in
den Vordergrund rückt, durch welche eine neue, freie, menschliche
Gesellschaft geboren wird, wird eben dieser Mensch zu einem
bewussten AnarchoRevolutionär und Kommunisten. Auf diese
Weise wird der Anarchismus als Lebensideal des Menschen unbewußt
von dem Menschen in sich selber erworben, d.h. der freie Mensch
erfaßt ihn so, wie er in Wirklichkeit ist; tief, rein
und klar im menschlichen Sinne, in allen Stücken übereinstimmend
mit dem freien Leben, mit den Schöpfertum des Menschen,
mit der menschlichen Natur selber, mit dem ideell bestimmten
und frei zu seinem eigenen Glück und zu dem der anderen
aufgenommenem Gesellschaftsideal. Die Idee des Anarchismus als
Lehre vom neuen Leben des Menschen in seiner individuellen und
gesellschaftlichen Entwicklung und seinem Schaffen, befindet
sich als Idee, durch welche theoretisch die unanfechtbare Wahrheit
der Natur des Menschen begründet und auf Grund von unwiderleglichen,
unzerstörbaren Tatsachen die ganze Eiterbeule der Ungerechtigkeit
der zeitgenössischen Gesellschaft im Hinblick auf den Menschen
aufgedeckt wird, im Rahmen des Lebens in der Mehrzahl der Fälle
in illegalem, seltener in halb legalisiertem Zustande: völlig
legal lebt die Idee des Anarchismus aber nirgends.
Dieses ist damit zu erklären, daß in der gegenwärtigen
Periode der Entwicklung die Gesellschafft nicht in ihr eigenes
Leben, sondern das Leben des Dieners und Herren, des Staates
führt. Ja, sogar mehr als das: die Gesellschaft hat sich
völlig entpersönlicht. Sie ist in Wirklichkeit überhaupt
nicht vorhanden. Alle Funktionen, alles Aufbauen und Schaffen
auf dem Gebiete gesellschaftliche Angelegenheiten ist an den
Staat übergegangen. Dieser letztere wird heutzutage auch
für die Gesellschaft gehalten. Eine Gruppe von Menschen,
welche der ganzen Menschheit im Nacken sitzen, sich selbst Hochleben
lassen und künstlich “Lebensgesetze” für
diese Menschheit geschaffen hat, erscheint nunmehr als menschliche
Gesellschaft. Der einzelne Mensch und der Mensch in der nach
vielen hundert Millionen zählenden Masse ist gar nichts
im Vergleich zu dieser Gruppe von Müßiggängern,
die den Namen von Regenten und von Beherrschern der Politik,
der Ausbeutung und der Vergewaltigung tragen, diesen Schakalen,
welche die Welt betört haben und unterjochen - den Regierenden
von rechts und den Regierenden von links - dem Bourgeois und
dem Staatssozialisten - will die große Idee des Anarchismus
nicht gefallen. Die Ersteren, d.h. die Bourgeois sind offen,
die Staatssozialisten aller Richtungen aber, auch die Kollektivisten
nicht ausgenommen, die sich nunmehr im Leben den Namen von Kommunisten
- Bolschewisten beigelegt haben, sie sind bereit, tausendmal
die Namen der Herrschaft der Einen und der Sklaverei der anderen
in dieser Gesellschaft zu vertauschen, indem diese Namen je
nach ihrem Programm gewechselt werden, wobei aber das wesentliche
unverändert bleibt und der Versuch deutlich erkennbar wird,
eine Aussöhnung der natürlichen Widersprüche
in der Verbindung von Herrentum und Sklaverei zu finden. Und
obwohl sie wissen, daß die Widersprüche unversöhnlich
sind, halten sie sie doch aufrecht, damit das große Wahrheitsideal
der Anarchokommunisten nicht praktisch ins Leben hinausführe.
Die Sozialisten und die Staatskommunisten haben in ihren törichten
Programmen beschlossen, daß man den Menschen sich unbedingt
“sozial” befreien lassen müsse; auf diesem
Gebiet könne man auch eine Entwicklung seines sozial-gesellschaftlichen
Lebens zulassen. Aber daß der Mensch auch volle seelische
Freiheit erlange, daß der Mensch auch in menschlichem
Sinne frei und lediglich seinem Gewissen, nur den natürlichen
Gesetzen seiner menschlichen Natur Untertan sei, hierüber
reden sie nicht, aber sie sorgen selber zusammen mit den Bourgeois
dafür, daß eine solche Befreiung des Menschen, besonders
ohne die Vormundschaft ihrer Macht, unter gar keinen Umständen
durchgeführt werden kann. Eine “Befreiung”
aber unter der Oberleitung einer jeglichen Macht, insbesondere
aber einer politischen Macht, das wissen wir schon, was für
eine Bewandnis es damit hat. Der Bourgeois, der niemals wirkliche
Arbeit an die Produktion alles Nützlichen und Schönen
dessen die ganze Menschheit bedarf, wendet, pflegt gewöhnlich
von den Werktätigen zu sagen: der Sklave soll Sklave bleiben.
Wir, die wir so kolossales Kapital in der Industrie und in der
Landwirtschaft zur Verfügung haben, können nicht irgendwelche
neue Prinzipien des Gesellschaftslebens durchführen. Das
gegenwärtige Leben ist für uns durchaus gut. Vor uns
verneigen sich alle: Könige, und Präsidenten, alle
Regierungen und Meister Gelehrten; die Sklaven aber sind ihnen
Untertan...”Knecht den Sklaven gib das Sklavische, dir
selber nimm, was dir für den treuen Dienst gebührt,
das andere aber schütze vor uns!” Vortrefflich läßt
sich das Leben unserer heutigen Gesellschaft für uns an!”
“Nein! erklären im Gegensatz dazu die Bourgeoissozialisten
und die Staatskommunisten, darin sind wir mit ihnen nicht einverstanden!”
Und sie wenden sich an die Werktätigen und sie organisieren
sie zu Parteien, rufen sie zum Aufstand, zur Empörung auf
und sagen: „Vertreibt sie aus ihrer Machtstellung, die
Bourgeois, und gebt uns, den Sozialisten und Staatskommunisten
die Macht in die Hände, wir wollen schon für euch
eintreten, wir vollen euch befreien.“ Und die Werktätigen,
die ihrer Natur nach mehr als jene Müßiggänger
Hasser der Macht sind, spüren diesen Haß zur Macht
in sich auflodern. Sie erheben sich, sie machen Revolution,
sie vernichten die Macht, sie verjagen diejenigen, die sie repräsentieren.
Und sie lassen, sei es nun aus Naivität, sei es nun aus
Ungeschick, die Sozialisten an die Macht kommen.
In Russland hat man die Staatskommunisten ans Ruder kommen lassen.
Und sie machen nieder, erschießen, stampfen zu Boden,
sogar harmlose Menschen, wie diese gemeinen Jesuiten, dieser
Auswurf der Menschheit, diese Henker der Freiheit. Sie erschießen
sie genau so, wie die Bourgeois es taten, und gehen stellenweise
auch noch schlimmer zu Werke. Sie erschießen die Menschen,
um die Andersdenkenden, sowohl einzeln als in der Masse, ihrer
Macht unterzuordnen; um für immer den Geist der Freiheit
und des Schöpferwillens im Menschen zu ersticken; um aus
ihm einen geistigen Sklaven und einen physischen Lakaien zu
machen für eine Gruppe von Schurken, die auf den Thron
der gestürzten Machthaber gestiegen sind und ohne Gewissensskrupel
für sich selber eine Schutzwache, für den freien Menschen
aber Mörder dingen. Und mit Hilfe der Mörder ordnen
sie sich das Leben des Menschen unter und regieren es. Und unter
der Last der Ketten, der neuen sozialistischen “Arbeitermacht”
in Russland ächzt und stöhnt der Mensch. Er stöhnt
in anderen Ländern unter dem Joch der Sozialisten die sich
mit der Bourgeoisie vereinigt haben und er stöhnt unter
dem Joch der Bourgeoisie selber. Er stöhnt überall,
er stöhnt, ob er nun einzeln auf sich gestellt ist oder
in der nach vielen Millionen zählenden Masse. Es stöhnt
das ganze Menschengeschlecht unter dem Joch der Gewalt und ihres
politischen und wirtschaftlichen Wahnsinns. Es stöhnt,
aber selten horcht wer uneigennützig auf sein Stöhnen.
Die neuen und seine alten Henker sind stark, stark sind sie
in geistiger Hinsicht, stark auch physisch, und die Mittel zur
Aufrechterhaltung dieser ihrer Kräfte sind bei ihnen wirksam.
Alles, was sich ihnen entgegenstellt, wissen sie zur rechten
Zeit zu unterdrücken.
Und der Mensch, der für einen Augenblick seinen schöpferischen
Willen kundtat, der emporflammte um seine Rechte auf das Leben,
auf ein freies und glückliches Leben zu verfechten, sinkt
aufs neue unter dem Joch der Vergewaltigung zusammen und unter
der Hoffungslosigkeit, die diese Vergewaltigung gebar; er läßt
die Hände sinken vor seinem Henker, selbst dann, wenn ihm
der Henker die Schlinge über den Hals wirft. Und der Mensch
schließt die Augen, wenn der Henker, um seinen Triumph
voll zu machen, die Schlinge um seinen Hals liegen läßt.
Nur der Mensch, der sich aus den schweren Bedingungen seines
persönlichen Lebens und aus den Beobachtungen an dem furchtbaren,
sich vor ihm abrollenden Leben des Menschengeschlechts seine
Überzeugung geschmiedet hat, daß nämlich der
andere Mensch sein Bruder ist, daß die Freiheit des Menschen
nicht minder unantastbar ist als sein Leben; nur der Mensch,
der bereit ist, diese Freiheit zu erobern und zu verteidigen,
der bereit ist, jeden Machthaber und Henker zu töten (wenn
diese nicht freiwillig ihr niederträchtiges Gewerbe, das
Leben anderer zu verkürzen, aufgeben), nur der Mensch ist
frei. Ein Mensch, der als Ziel seines Kampfes gegen das Übel
der heutigen Gesellschaft nicht etwa einen Wechsel der Macht
des Bourgeoihenkers, etwa eines sozialistischen oder kommunistischen
Henkers, will, nicht eine “Arbeiterrepublik” (wie
diese Gemeinheit im Bolschewismus großspurig genannt wird),
sondern die Einrichtung einer wahrhaft freien Gesellschaft,
die auf den Prinzipien der persönlichen Verantwortung des
Menschen organisiert ist und allen wahre Freiheit und soziale
Gerechtigkeit in gleichem Maße gewährleistet. - nur
solcher Mensch ist ein Anarchist / Revolutionär. Furchtlos
blickt er auf die Handlungen des Henkerstaates, und ebenso furchtlos
und offen spricht er ihnen sein Vernichtungsurteil mit den Worten
“Nein, so soll es nicht sein. Auf zur Empörung, geknechteter
Bruder, auf, erhebe dich gegen jede Gewalt, zerstöre die
Gewalt der Bourgeoisie und dulde nicht, daß die Macht
der Sozialisten und der Bolschewisten-Kommunisten ans Leben
greift. Zerstöre jede Macht und treibe ihre Vertreter von
dir. Deine Freunde sind nicht unter ihnen zu suchen.”
Die Macht der Sozialisten und Staatskommunisten ist nicht minder
gemein als die Macht der Bourgeoisie. Es gibt sogar Augenblicke,
da die Macht der Sozialisten oder Staatskommunisten noch gemeiner
ist als die Macht der Bourgeoisie. Alsdann zerreißt sie
jeden Zusammenhang mit der Idee des Lebens. Alsdann tritt sie
auch ihre eigene Idee mit Füßen, nämlich die
Idee des Staatskommunismus und Sozialismus. Sie reißt
sich los von jedem gesunden Gedanken, und dann greift sie im
Geheimen nach grundlegenden Voraussetzungen der Macht der Bourgeoisie.
Und, weil sie im Geheimen danach greift, will sie das den Massen,
die von ihr regiert werden, nicht zeigen. Und da lügt sie
und betrügt sie dann schlimmer als jede andere Regierung.
Die Menschenmassen aber bemerken das und Empörung faßt
sie. Dann stürzt diese Macht über sie her mit der
ganzen Tollheit ihrer Verantwortungslosigkeit und metzelt nieder,
schlägt nieder, würgt sie im Namen ihrer Ideen, angeblich,
der Ideen des Sozialismus oder des staatlichen Kommunismus.
In Wirklichkeit aber hat sie ihre Idee längst schon in
den Mülleimer geworfen, sie als Macht greift in diesen
Augenblick gleichviel wonach, nur nicht nach der Idee jener,
auf Kosten derer sie zur Macht gelangte und gegen welche sie
diese Macht mit Hilfe der alten entstellten Mittel der Bourgeoisie
richtete. In solchen Augenblicken ist die Macht der Sozialisten
oder Bolschewisten-Kommunisten gemeiner noch als die Macht der
Bourgeoisie, denn in solchen Augenblicken hat sie nicht ihr
eigenes Strombett; und während die Macht der Bourgeoisie
den Revolutionär, der sie nicht anerkennt, an den Galgen
knüpft, tötet ihn die Macht der Sozialisten oder Bolschewisten-Kommunisten
aus dem Hinterhalt, oder sie erwürgt ihn im Schlaf. In
dem Akt selbst sind sie beide gemein; aber wie sie an diesen
Akt herantreten, hierin ist die Macht der letztgenannten doch
noch gemeiner. Als die beste Bestätigung für das oben
gesagte kann jede politische Revolution dienen, wenn die Bourgeoisie,
die Sozialisten und die staatlichen Kommunisten untereinander
einen verzweifelten Kampf um ihre politische Vorherrschaft in
dem betreffenden Lande führen, indem sie auf diesem Weg
auch die Volksmassen hinüberziehen. Als einleuchtendste
und belehrendeste Bestätigung des Gesagten über die
Regierungsgewalt können die Folgen der Tätigkeit der
Sozialisten und der staatlichen Kommunisten in den beiden russischen
Revolutionen, der vom Februar und der vom Oktober gelten. Als
die werktätigen Massen das kaiserliche Rußland bevölkerten,
sich in politischer Hinsicht halb befreit fühlten von der
zaristisch-großgrundbesitzlichen Reaktion, strebten sie
nach völliger Befreiung. Sie brachten dieses ihr Streben
stellenweise in Gestalt von Enteignung des Landes der Gutsbesitzer
und der Klöster zum Ausdruck und darin, daß dieses
Land jenen zur Nutznießung übergeben wurde, die es
ohne gedungene Arbeitskräfte bearbeiten wollten, stellenweise
durch die Erklärung einiger Fabriken, Werke, Buchdruckereien
und anderen gesellschaftlichen Unternehmungen als Besitz jener,
die darin arbeiteten, wobei der Versuch gemacht wurde, eine
freie, brüderliche Wechselbeziehung zwischen Dorf und Stadt
zu schaffen. Und natürlich wollten sie in ihrem gesunden
Streben, in ihren reinen und lichten Plänen nicht einmal
merken, daß irgendwo in Kijew, in Charkow oder in Petersburg
irgendwelche Regierungen saßen. Das Volk strebte ständig
danach, durch Vermittlung seiner werktätigen Organisationen
das Fundament einer neuen freien Gesellschaft zu legen, die
in den Augen des Volkes durch die Weiterentwicklung aus dem
Gesellschaftsorganismus alles Parasitäre und die Regierungsgewalt
ausstoßen sollte - die dumme, den Werktätigen durchaus
nicht erforderliche Macht der Einen über die Anderen. Ein
also gesundes Bestreben des Volkes war besonders in Sibirien
wahrzunehmen. Zu fühlen war es auch im Herzen selber der
absterbenden und neu sich bildenden Regierungsgewalten: in Petrograd
und in Moskau, im Kijew und in Tiflis. Indessen hatten und haben
sowohl die Sozialisten als auch die Bolschewisten-Kommunisten
allüberall zahlreiche Parteigänger ihrer Regierungsidee
und gedungene Mörder zu ihrer Verfügung. Leider muß
festgestellt werden, daß sie nicht nur gewerbsmäßige
gedungene Mörder bei sich hatten, sondern auch Leute aus
unseren, der Werkstätigen Reihen, und vor allem mit Hilfe
dieser gedungenen Mörder gelang es ihnen, die freien Bestrebungen
des Volkes im Keim zu ersticken.
Und wie haben sie sie zu unterbinden verstanden und mit welchen
Mitteln! Die Inquisition des Mittelalters könnte sie beneiden!
Wir aber, die wir die Natur jede Regierungsgewalt kennen, rufen
den Führern des Sozialismus und des bolschewistischen Kommunismus
zu: Schmach und Schande! Ihr habt so viel geschrieben und mit
der Bourgeoisie über die Greuel, die sie an ihren Geknechteten
begingen, gestritten. Mit wahrer Raserei seid ihr für die
revolutionäre Reinheit eingetreten und dafür, daß
die Werktätigen auf dem Wege der Befreiung ergeben sindd.
Da ihr nun an die Macht gelanget, erweist ihr euch genau als
die gleichen Lakaien, in dem einen Fall als Lakaien der Bourgeoisie
selber, in dem anderen als Lakaien ihrer Mittel, indem ihr euch
selber zur Bourgeoisie wandelt, so daß die Bourgeoisie
darüber lacht…
Die Bourgeoisie hat übrigens in den letzten Jahren auf
die Erfahrungen des bolschewistischen Kommunismus blickend,
recht wohl verstanden, daß diese eigentümliche Chimäre
eines wissenschaftlich-staatlichen Sozialismus niemals ohne
ihre Mittel, ja sogar ohne sie selber auskommen kann. Sie hat
verstanden, daß es ihrer nicht ansteht, über ihre
eigenen Sprößlinge zu lachen. Sie hat verstanden,
daß in dem System dieses Sozialismus eine Ausbeutung und
Vergewaltigung der werktätigen Mehrheit der Menschenmassen
im Schwange ist, wie man sie nicht besser wünschen kann
- das lasterhafte Leben der Müßiggänger ist
in dem System dieses Sozialismus keineswegs aufgehoben, es hat
nur einen anderen Namen bekommen, und es entwickelt sich und
faßt wieder Wurzeln. Und das ist tatsächlich so!
Man werfe nur einen Blick auf die bolschewistischen Marodeure
mit ihren Monopolen auf die unmittelbaren, revolutionären
Eroberungen des Volkes im Laufe der russischen Revolution, auf
ihre Spionage, auf ihre Polizei- und Gerichtsinstitute, auf
ihre Gefängnisse, auf ihre Armee von Bütteln und Schergen,
die gegen die Revolution losgelassen werden - dann aber als
ständig neurekrutierte Macht, “die rote Armee”.
Es sind immer die gleichen, nur umbenannten Funktionen, die
bisweilen nur noch verantwortungsloser und, folglich noch lasterhafter
in Umlauf gebracht werden.
Der Liberalismus, der Sozialismus und der staatliche Kommunismus
sind drei Brüder, die auf verschiedenen Wegen - jeder auf
seine Weise - danach streben, zur Macht über den Menschen
zu gelangen, zu einer Macht, welche den Menschen daran hindert,
der absoluten Vollendung entgegenzuschreiten, welche sich in
der Freiheit und Unabhängigkeit entwickelt und ein gesundes
und wirklich lebensfähige Element in dem Gesellschaftsideal
des ganzen Menschengeschlechts bildet.
„Auf zur Empörung!“ ruft der Anarchist-Revolutionär
dem geknechteten Menschen zu: „Auf zur Empörung,
stehe auf und zerstöre jede Macht und trage nicht dazu
bei, dass sie in ihrem Triumph über andere Wurzeln schlägt!
Sei selber frei und verteidige die Freiheit der Anderen gegen
die Macht!“ Die Macht wird in der menschlichen Gesellschaft
von jenen Leuten ins Leben gerufen, die niemals wirklich gelebt
haben und auch in Zukunft nicht durch ihrer Hände Werk
ein gesundes Leben führen wollen. Die Regierungsgewalt
- sie sei welcher Art sie wolle - wird auch künftighin
die freie werktätige Gesellschaft nicht frei den Weg zu
Glück und Freude betreten lassen. Die Regierungsgewalt
ist von Müßiggängern zum Zweck des Raubes und
der Vergewaltigung geschaffen worden. Gleichviel, ob die Regierungsgewalt
eine bourgeoise, sozialistische, kommunistische - bolschewistische,
eine von Arbeitern oder von Bauern geführte sein mag: sie
ist gemein für ein gesundes, glücklich - persönliches
und gesellschaftliches Leben des Menschen. Die Natur jeder Gewalt
ist stets ein und dieselbe: Vernichtung der Freiheit des Menschen,
geistig soll er in einen Sklaven verwandelt werden, physisch
in einen Lakaien der Machthaber selber und aller ihrer im Hinblick
auf ein gesundes Menschleben finsteren Werke.
Eine Macht ohne Hörner gibt es nicht. Jede Macht trägt
Hörner, und sie stößt sie ab an jedem Menschen,
der einem freien und gerechten Leben zustrebt. Vertreibe, o
geknechteter Bruder, die Macht in dir selber und dulde nicht,
daß sie dich und deinen Bruder beherrscht, oder sie Menschen,
welche nahe oder fern von dir leben. Das wirkliche, gesunde
und freudige persönliche und gesellschaftliche Leben läßt
sich nicht mit Hilfe von Programmen und einer Regierungsgewalt
aufbauen, die darauf bedacht ist, die ganze Breite und Tiefe
dieses Lebens in künstliche Formeln geschriebener Gesetze
hereinzupressen: errichtet wird es durch die Freiheit des Menschen,
durch sein Schaffen, durch seine Unabhängigkeit auf dem
Wege der Zerstörung und des Aufbauens. Die Freiheit eines
jeden einzelnen Menschen gebiert eine freie, in ihrer dezentralisierten
Ganzheit vollendete, im allgemeinen Ziel zusammengefaßte,
regierungslose Gesellschaft. Das ist der anarchistische Kommunismus!

Teil II
In
unserer Vorstellung ist der anarchistische Kommunismus die grandiose
Gesellschaft all-menschlicher Harmonie. Sie wird gebildet durch
freie Individuen, die sich freiwillig zu freien Assoziationen
zusammenschließen, die entsprechend ihren Neigungen, Interessen
und den gesellschaftlichen Forderungen, welche die Freiheit
und soziale Gerechtigkeit in gleichem Maße allen Menschen
auf Erden sicher stellt, in Föderationen und Konföderationen
gruppieren.
Der anarchistische Kommunismus will eine Gesellschaft, die das
freie Leben des Menschen stabilisiert, das Recht auf seine unbegrenzte
Entwicklung, vor allen Dingen durch Vernichtung von allen Übeln
und Ungerechtigkeiten auf der Welt, welche die Menschheit in
ihren Bann genommen hat, und deren Fortschritt und Weiterentwicklung
auf einen falschen Weg geleitet haben, wodurch die Menschheit
in Stände und Klassen geteilt wurde, deren Leben künstlich
aufgebaut wird, und, was noch schmachvoller ist, aufgebaut wird
auf den Prinzipien der Ausbeutung und Vergewaltigung der Einen
auf Kosten der Anderen. Eine Gesellschaft - eine freie, regierungslose
Gesellschaft, die sich zum Ziel setzt, ihr Leben durch ihre
Arbeit durch ihren Geist und Willen zu schmücken mit allem,
was die Natur dem Menschen gegeben hat, was der Mensch aus ihren
unerschöpflichen Reichtümern selber hervorholen kann,
und was überhaupt der freie Mensch, das Mitglied einer
freien Gesellschaft, trunken von seiner Vernunft, die in diesem
Leben gebildet worden ist, an Nützlichen und Schönen
für sich und für andere frei schaffen kann, - diese
Gesellschaft ist der anarchistische Kommunismus. Der anarchistische
Kommunismus gründet sich auf dem allseitig entwickelten,
schöpferisch - unabhängigen und absolut freien Leben
des Menschen. Daher sind seine Mitglieder freie und in ihrem
Leben fröhliche Menschen. Die Arbeit, brüderliche,
gegenseitige Beziehungen zueinander, Liebe zum Leben und eine
Leidenschaft für das Schaffen, für Schönheit
und Freiheit in diesem Schaffen, leiten das Leben und das Wirken
solcher Menschen. Daher brauchen sie keine Gefängnisse,
keine Henker, keine Spione, keine Provokateure (die von der
Bourgeoisie ins Leben gerufen wurden, während die Staatssozialisten
sie übernahmen, sie weitererziehen und weiterentwickeln).
Auch bedürfen sie überhaupt nicht des organisierten,
dummen “Räubers” und “Mörders”,
dessen Name Staat ist. Bereite dich vor, o geknechteter Bruder,
diese Gesellschaft zu erschaffen! Bereite dich idell darauf
vor, aber auch organisatorisch. Bedenke dabei aber wohl, daß
deine Organisation in ihren sozialen Mitteln festgefügt
und widerstandsfähig ist, sein muß. Der Feind in
Gestalt des Verbandes der “Fünf”: des Eigentümers,
des Kriegers, des Richters, des Priesters und desjenigen Teiles
der Wissenschaft, die das wahre Wesen der natürlichen Gesetze,
der Natur des Menschen entstellt, sich auf “historische
Gesetze” und Rechtsnormen gründete – auf Normen,
die von geschulter Hand um schnöden Geldes willen und mit
verbrecherischen Zielen geschrieben wurden - sie ist bemüht,
die Rechte der erstgenannten “Vier” in ihren Sanktionen,
das ganze Menschengeschlecht schändenden Sanktionen zwecks
Normierung des Menschenlebens in allen seinen persönlichen
und gesellschaftlichen Angelegenheiten zu beweisen.
Der Feind ist stark, denn im Verlaufe von Jahrtausenden schon
verbringt er sein Leben in der Erfahrung bei Raub und Gewaltanwendung,
von Enteignung und Mord. Er hat eine innere Krisis durchgemacht
und verändert soeben äußerlich seine Physognomie,
und zwar nur insoweit, als ihn die neu entstehende und sich
neu entwickelnde Wissenschaft mit dem Tode bedroht, - die Wissenschaft,
welche den Menschen aus schwerem, jahrhundertelangem Schlaf
erweckt, den Menschen von Vorurteilen befreit, die von den Zauberern
der Wissenschaft geschaffen wurden, welche dem Verbande der
“Fünf” angehörten, und die dem Menschen
eine Waffe in die Hand geben, auf dass er sich selber erkenne
und den ihn gebührenden Platz im Leben fände. Eine
solche Veränderung der äußeren Physiognomie
unseres Feindes, geknechteter Bruder, können wir an allem
merken, was aus dem Schreibzimmer des gelehrten Reformator in
staatlichen Angelegenheiten in die Welt dringt. Noch deutlicher
können wir diese Anpassung an allen Revolutionen wahrnehmen,
an denen wir bereits selber teilgenommen haben. In letzterem
Falle schien unser direkter Feind? - der “Fünferbund”
oder der Staat - ganz vom Angesicht der Erde vertilgt zu werden,
nicht nur äußerlich, sondern auch seinem ganzen inneren
Wesen nach - das schien aber nur so. In Wirklichkeit aber ändert
unser Feind im gegebenen Augenblick nur seine Physiognomie,
sein Äußeres und wirbt um neue Verbündete, die
an dem gegen uns gerichteten Kampf mit beteiligt sind. In dieser
Hinsicht ist die Lehre des bolschewistischen Kommunismus in
Rußland, in der Ukraine, in Georgien und unter vielen
Stämmen eines Teiles von Asien sehr lehrreich; die Geschichte
des Kampfes des Menschen um seine Befreiung wird diese Lehre
als etwas furchtbar unheimliches niederschmetterndes nie vergessen.
Das einzige und zuverlässige soziale Mittel für den
geknechteten Menschen ist seinem Kampfe mit dem Übel, das
ihn an die Ketten der Knechtschaft schmiedete und ihn gutwillig
nicht freigeben will und wird, ist die soziale Revolution, als
tiefe, echte Umstellung der Menschenmassen nach der Seite der
Evolution hin.
Die soziale Revolution kommt elementar zum Durchbruch; indessen
wird ihr in dieser Richtung der Weg von der Organisation geebnet,
und der Durchbruch der künstlich gegen sie aufgerichteten
Dämme erleichtert und dadurch ihr in Erscheinung treten
beschleunigt. In dieser Richtung arbeiten die Anarchisten-Revolutionäre
bereits. Und jeder geknechtete Mensch, der das Joch auf sich
lasten spürt, und der erkennt, daß diese Schmach
das Leben des ganzen Menschengeschlechts bedrückt, muß
ihm, dem Anarchisten zu Hilfe eilen. Jeder Mensch soll in sich
die Verantwortung für das Leben des ganzen Menschgeschlechts
fühlen und es gegen die Hinrichtung, welche die Henker
aus dem “Fünferbund” an ihm vollzieht, verteidigen.
Verteidigen auch in der Hinsicht, daß in seiner Menschlichen
Gesellschaft diese Henkersämter aufgehoben und der menschlichen
Gesellschaft die Möglichkeit gewährleistet wird, frei
und aus voller Brust zu atmen. Hierbei aber muß jeder
Mensch, insbesondere aber der Anarchist-Revolutionär, in
seiner Eigenschaft als Tiralleur auf diesem Wege, der alle und
jeden Menschen zum Kampfe für das Ideal der Freiheit, Gleichheit
und Solidarität innerhalb der menschlichen Familie aufruft,
sich daran erinnern, daß die soziale Revolution für
ihre schöpferische Entwicklung der entsprechenden Mittel
bedarf. Insbesondere verlangt die soziale Revolution organisatorischer
und standhaltender Mittel in jener Periode, da Organe, elementar
zum Durchbruch kommend, die Knechtschaft zerstört und Freiheit
sät, das Recht eines jeden Menschen auf unbegrenzte Entwicklung
unter freien Bedingungen stabilisierend und jede Beschränkung
der Freiheit ablehnend. Eben in dieser Periode, da der Mensch,
ob nun als Einzelindividuum oder in der Masse, die wahre Freiheit
über sich und um sich her erstehen sah und es wagt, praktisch
die Eroberungen der sozialen Revolution ins Leben zu rufen,
- gerade da bedarf die Revolution auf das dringendste dieser
Mittel und wird sie fordern.
Die Revolution in Rußland, wo die revolutionären
Anarchisten eine besonders bemerkenswerte Rolle spielten, indessen,
da ihnen die entsprechenden Aktionsmittel nicht zur Verfügung
standen, historisch ihre Rolle nicht durchführen konnten,
- die Revolution machte uns in erschöpfender Weise die
Wahrheit augenfällig, daß die Menschenmassen, die
sich von der Kette der Knechtschaft losrissen, durchaus nicht
die Absicht haben, sie in neuen Erscheinungsformen aufrecht
zu erhalten. In revolutionären Augenblicken suchen die
Massen, indem sie die Ketten der Knechtschaft zerbrechen, ausgesprochenermaßen
nach neuer und freien Verbindungen - nach Verbindungen, welche
nicht nur ihren rein anarchistischen Bestrebungen beim Aufbau
eines neuen, sozial-gesellschaftlichem Lebens entsprechen, sondern
die auch im Stande wären, diese ihre neuen Unternehmungen
zu verteidigen, wenn der Feind über sie herfällt.
Beobachtet man diesen Prozeß, so kommt man immer wieder
zu der Überzeugung, daß derartige Verbindungen, und
zwar die allerzuverlässigsten und fruchtbarsten, nur freie
Verbände sein können, Gesellschaftsverbände,
für die das Leben selber die sozialen Mittel zur Verfügung
stellt, freie Sowjets. Von dieser Überzeugung ausgehend,
ruft der Anarchist - Revolutionär, der sich voller Selbstentsagung
erhebt, auch die Geknechteten zum Kampf für eine freie
Vereinigung auf, glaubend, daß die soziale Revolution,
indem sie die Knechtschaft zerstört, überall und für
alle die Freiheit sät, und daß der Mensch schöpferisch
ihren organisatorischen Prinzipien zwecks Schaffung eines neuen,
freien und frohen Lebens zum Durchbruch verhelfen und diese
Prinzipien vor feindlichen Kräften schirmen muß.
Die Praxis lehrt, daß dieser Glaube selbst gestützt
und behütet werden muß. Genau so, wie alles, was
von ihm in praktischem Wirken des Menschen ausgeht. Ein solcher
Schutz kann aber nur zuverlässig sein, wenn er an Ort und
Stelle, und zwar von den Massen selbst zum Ausdruck gebracht
wird. Nur die Massen, welche die Revolution machen und deren
Prinzipien mit dem Leben gleichsetzen, werden die entsprechenden
Mittel für den Unterhalt und den Schutz ihres Glaubens
und alles dessen, was sich aus ihm ergibt, schaffen können.
Indem sie - die Menschenmassen - die Revolution machen, schaffen,
suchen sie nach freien Vereinigungen. Hierzu veranlaßt
sie der natürliche, in ihnen lebende Anarchismus. Auf diesem
Wege arbeiten die Massen für ihre Aktionen die entsprechenden
Mittel aus und bleiben hierbei stets mit besonderer Vorliebe
bei den freien Beratungen stehen. Es ist gerade das, was der
Anarchismus auszuarbeiten bestrebt ist, um sie von dem Druck
der Regierungsinstitutionen zu befreien. Indem die Massen die
Revolution schaffen, kommen sie selber dazu. Der Anarchist-Revolutionär
muß ihnen dabei helfen, diese Grundsätze zu formulieren.
Das wirtschaftliche Problem der freien Gesellschaftsverbände
wird seinen vollen Ausdruck finden in den Produzenten-Konsumenten-Kooperativen,
in denen sich alles vereinigende Kraft und als ausdruckgebende
Faktoren der Klarheit in der Entwicklung der schöpferischen
Fruchtbarkeit die freien Sowjets bilden werden, deren Wesenheit
im Verlauf der Entwicklung der sozialen Revolution darin bestehen
müssen, daß die Menschenmassen, die mit ihrer Hilfe
sich empörten, unmittelbar in ihre Hände all ihr Erbe
nehmen: Land, Fabriken, Werke, Bergwerke, Kohlenbergwerke, das
Eisenbahnwesen, Fluß- und Seeschiffahrt, Wälder und
andere Reichtümer. Und indem sie sich entsprechend ihren
Interessen, Neigungen und entsprechend ihrem Ideal gruppieren,
in dessen Namen sie dazu beitrugen, daß die wahre soziale
Revolution zum Durchbruch kam, ihr die Möglichkeit bietend,
in allen Verzweigungen zum Ausdruck zu kommen, und indem sie
in all diesen Verzweigungen als Sieger hervorgingen, werden
sie ihr ganzes mannigfaltiges, sozialgesellschaftliches Leben
schaffend aufbauen: völlig frei und selbständig in
ihrer Umgebung. Ohne Zweifel wird der Kampf auf diesem Wege
kolossale Opfer von Menschen erheischen, da dieses der letzte
Kampf des freien oder des fast ganz freien Menschen mit dem
versklavten Menschen und dem Vergewaltiger, seiner Freiheit
wird.
In diesem Kampfe wird es kein Schwanken und keine Sentimentalität
geben. Leben oder Tod! - diese Frage muß vor jedem Menschen
erstehen der seine eigenen Rechte und die Rechte des Menschengeschlechtes
auf das Leben - nicht etwa eines Lustesels, nicht etwa Sklaven,
wie er nur gezwungenermaßen leben muß, sondern auf
das Menschenleben im reinen Sinne des Wortes achtet.
Da nun der gesunde Instinkt des Menschen in ihm das Übergewicht
haben wird, für das Leben und für die Liebe zu sich
selber und zu seinen Brüdern, so wird er als Schöpfer,
als Sieger diesen Weg beschreiten. Organisiert euch, geknechtete
Brüder, ruft alle und jeden Menschen zu euch, ruft ihn
vom Pfluge weg und aus der Fabrik, von der Schulbank den Gymnasiasten
und den Studenten, auch den Gelehrten übergeht nicht! Ruft
auch ihn; mag er aus seinem Arbeitszimmer zu dir können
und helfen in den Dingen, die du auf deinem schweren Wege von
ihm erhalten kannst. Es ist möglich, daß unter den
Gelehrten von zehn neun nicht zu dir kommen werden, wenn sie
aber kommen, so mit dem Zweck, dich zu betrügen; denn sie
sind Diener des Bundes der “Fünf”. Aber der
Zehnte wird kommen und er wird dein Freund sein, und er wird
dir dabei helfen, den Betrug der neun anderen zu überwinden.
Die Gewalt aber, die grobe Gewalt der Regenten, der Gesetzgeber
wirst du aus eigener Kraft überwinden. Organisiert euch,
ruft alle, ruft jeden Menschen in eure Reihen und fordert von
allen Regierenden, daß sie freiwillig auf ihr gemeinsames
Gewerbe, das Leben des Menschen zu vergewaltigen, Verzicht leisten.
Wollen sie auf ihr elendes Gewerbe nicht verzichten, so erhebt
euch, entwaffnet die Polizei, die Miliz und andere Abwehreinrichtungen
des “Fünferbundes”, macht alle Regenten für
eine gewisse Zeit unschädlich, verbrennt ihre Gesetze,
zerstört die Gefängnisse, bringt die Henker um - als
Schmach des Menschengeschlechtes -, vernichtet die Gewalt. Ruft
in eure Reihen die mit Gewalt rekrutierte Armee. In der Armee
gibt es viele Mörder, die ausdrücklich gegen dich
aufgestellt und von der Kirche bestochen wurden, um dich zu
töten. Doch gibt es da auch deine Freunde; sie werden die
Scharen deiner Mörder zersetzen und dir zu Hilfe eilen.
Nachdem wir uns alle zu einer großen, allgemeinen Familie
zusammengeschlossen haben, wollen wir als Brüder weiter
schreiten gegen Finsternis und Unbildung. Auf für das allgemeine
Ideal der Menschheit! In Brüderlichkeit leben, frei sein,
von niemandem sklavisch abhängen oder erniedrigt werden.
Die grobe Gewalt der Feinde der Freiheit des Menschen werden
wir mit der Gewalt unserer frei aufgestellten revolutionären
Aufstandsarmee beantworten. Wenn unsere Feinde in ideeller Beziehung
nicht mit uns übereinstimmen, so wollen wir das mit einem
gerechten Verhalten zu dem Aufbau unseres neuen Lebens nach
den Grundsätzen der Verantwortung eines jeden von uns beantworten,
einer Verantwortung, welche die wahre Sicherheit der Freiheit
und der sozialen Gerechtigkeit in dem persönlichen und
gesellschaftlichen Leben des Menschen gewährleisten wird,
die in gleichem Maße sich auf alle und auf jeden Menschen
auf Erden erstreckt.
Und nur eingefleischte Verbrecher, Verbrecher aus dem “Fünferbund”,
werden auf diesem Wege zum neuen Leben, zu neuer fruchtbarer
Tätigkeit, zum Schmuck und zum Glück eines freien
frohen Lebens nicht mit gehen wollen. Sie, diese Verbrecher,
werden den Versuch machen, mit uns um ihre Herrschaftsprivilegien
zu kämpfen, und dann werden sie sterben müssen. So
lebe denn diese klare und fest Überzeugung in dem Kampfe
des Menschen für das Ideal einer allgemein menschlichen
Harmonie, der anarchistischen Gesellschaft.