
...Die
Syndikalisten sind der Meinung, daß der Sozialismus, abgesehen
von seiner Bedeutung als allgemeiner Kulturfaktor, in erster
Linie eine wirtschaftliche Frage ist. Aus diesem Grunde sehen
sie in der wirtschaftlichen Organisation der Arbeiterklasse
das wichtigste Instrument zur sozialen Befreiung. Für den
Syndikalismus ist die Gewerkschaft nicht eine einfache Körperschaft
zur Verteidigung lokaler Fachinteressen, sondern eine von sozialistischem
Geiste getragene revolutionäre Klassenorganisation, die
durch die Ausübung einer praktischen und natürlichen
Solidarität jedem wirtschaftlichen Kampfe einen sozialen
Charakter zu geben sucht. Der Syndikalismus ist sich vollständig
klar über die gewaltige Bedeutung der ökonomischen
Verhältnisse in der geschichtlichen Entwicklung, aber lehnt
es ab, in den Menschen lediglich willenlose Organe des jeweiligen
Produktionsprozesses zu sehen und auf diese Art die ökonomische
Entwicklung zur Grundlage eines pseudowissenschaftlichen Fatalismus
zu machen, der ebenso lähmend auf das Handeln der Menschen
einwirken muß, wie jeder religiöse Fatalismus. Aus
diesem Grunde teilt der Syndikalismus auch nicht den unbegründeten
Glauben, daß der Kapitalismus notwendigerweise zum Sozialismus
führen muß, er geht vielmehr von dem Grundsatz aus,
daß die Verwirklichung des Sozialismus in erster Linie
von dem bewußten Willen und der revolutionären Tatkraft
der Arbeitermassen abhängig ist. Der Syndikalismus ist
auch weit davon entfernt, in der Teilung der Arbeit und der
Zentralisation der Industrie die geschichtliche notwendige Vorbedingung
zur Verwirklichung des Sozialismus zu erblicken, vielmehr sieht
er in diesen Erscheinungen lediglich Vorbedingungen des kapitalistischen
Ausbeutungssystems, die gerade im Interesse des Sozialismus
mit aller Energie bekämpft werden müssen.
Indem
der Syndikalismus im revolutionären Wollen der Menschen
einen notwendigen und ausschlaggebenden Faktor jeder Entwicklung
zum Sozialismus erblickt, versucht er mit allen Möglichkeiten,
die Arbeiter zur revolutionären Tätigkeit zu erziehen
und ihren täglichen Kämpfen und Handlungen den WillenzumSozialismus
(Hervorhebung im Original, Anm. d. Tippers) aufzuprägen.
Gerade aus diesem Grunde verwirft er die Organisation der Arbeiter
zur politischen Partei und sieht in der sozialistischen Gewerkschaft
den geeignetsten Sammelpunkt zur Entfaltung des revolutionären
Massenkampfes. Für den Syndikalist ist die Gewerkschaft
nicht eine Art Provisorium, das nur innerhalb der kapitalistischen
Gesellschaft seine Existenzberechtigung findet, sie ist ihm
vielmehr die notwendige Grundlage zum Werdegang der sozialistischen
Gesellschaft, die Zelle, aus der sich Sozialismus entwickeln
soll.
Der
Syndikalismus teilt nicht den alten Aberglauben in die Macht
der Staatsdekrete, den der Marxismus als Erbschaft von der bürgerlichen
Demokratie und Revolution übernommen hat. Die Sozialisierung
läßt sich nur durchführen durch die Arbeiter
der verschiedenen Produktionszweige, so daß jeder einzelne
Zweig die Organisation und Verwaltung seines Betriebes übernimmt.
Sogar der beste und weiseste ‘sozialistische Übergangsstaat’
wäre unmöglich imstande, auch nur annähernd die
intimen Fachkenntnisse zu entwickeln, über die die Arbeiter
der einzelnen Betriebe verfügen und die unumgänglich
nötig sind, um das große Werk der sozialistischen
Umbildung erfolgreich zu gestalten. Eine solche Art der Sozialisierung
durch die direkte, revolutionäre Aktion der bewaffneten
Massen in jeder Stadt, in jedem Dorf würde ohne Zweifel
viel eher imstande sein, jeden Gegendruck der kapitalistischen
Reaktion niederzuhalten, wie die Unterdrückung der feindlichen
Presse und anderer Maßregeln einer sozialistischen Regierung,
die nur allzu leicht sich in ein Werkzeug einer bestimmten machthungrigen
Clique verwandeln könnte. Indem die revolutionären
Gewerkschaften das Werk der Sozialisierung sofort praktisch
in Angriff nehmen würden, wäre dem Kapitalismus so
wie so der Giftzahn ausgebrochen, denn seine ganze Widerstandskraft
ist doch lediglich das Resultat seiner ökonomischen Macht.
Daß
die Syndikalisten sich damit begnügen würden, den
Arbeitern einfach die Produktionsmittel, den Grund und Boden
zu übergeben und damit ihre Aufgabe als erledigt ansehen
würden, ist eine so tolle Behauptung, daß man nur
darüber lächeln kann. Die Syndikalisten wollen ebenfalls
die Produktionsmittel usw. in den Dienst der Allgemeinheit stellen,
aber das ist nur möglich, wenn die Produktionsgruppen in
den einzelnen Kommunen die Verwaltung und Verantwortlichkeit
für die Maschinen, Werkzeuge usw. an Ort und Stelle übernehmen.
Und da die Menschen einer sozialistischen Gesellschaft durch
dieselben gemeinschaftlichen Interessen und sozialen Bedürfnisse
vereinigt sind, so ist jede einseitige Betonung lokaler Sonderinteressen
zum Schaden der Allgemeinheit schlechterdings ausgeschlossen,
da jede Produktionsgruppe und Kommune mit allen übrigen
föderativ verbunden ist. Ein tolles Draufloswirtschaften
der einzelnen Genossenschaften ‘gleichgültig auf
die vorhandenen Rohstoffe’ etc., wie der ‘Kommunist’
(Organ der KPD-Bremen, Anm. D. Tippers) befürchtet, wäre
vielleicht in einer Gesellschaft von Irrsinnigen möglich,
nie und nimmer aber in einer föderativen Gemeinschaft vernünftiger
Menschen, die durch dieselben sozialen Interessen verbunden
sind.
Daß
aber auch die Syndikalisten vollständig begreifen, ‘daß
die gesamte Produktion vorerst auf Bedarfswirtschaft eingestellt
werden muß’ und deshalb die schulmeisterliche Belehrung
des ‘Kommunist’ durchaus entbehren können,
dafür folgendes Beispiel: Als vor ungefähr zwölf
Jahren die ‘Voix du Peuple’, das offizielle Organ
der französischen Arbeiterföderation an jedes einzelne
Syndikat die Frage stellte, wie sich seine Mitglieder die sozialistische
Reorganisation ihres Berufs nach einer siegreichen Revolution
vorstellten, da waren es die Luxusarbeiter, die sofort erklärten,
daß sie in diesem Falle anderen Berufen beitreten würden,
da die Produktion in der ersten Zeit nur auf die Bedarfswirtschaft
eingestellt werden müsse.
Aber
die sonderbare Furcht unserer Marxisten den syndikalistischen
Produktionsgruppen der Zukunft gegenüber, läßt
sich einfach erklären durch ihre prinzipielle Abneigung
gegen jeden Föderalismus. Wie jede große wirkliche
Volksbewegung ist auch der Syndikalismus seinem Wesen nach föderalistisch,
weil der Föderalismus eben die einzige Organisationsform
ist, die den Individuellen und kollektiven Entwicklungsfähigkeiten
Spielraum gibt, und so das gesellschaftliche Leben vor innerer
Erstarrung und geistiger Stagnation behütet. Der Marxismus
aber, der in seinem ganzen Wesen nur die bis auf die Spitze
getriebene Zentralisationsidee des modernen Staates verkörpert,
muß logischerweise dem Föderalismus feindlich gegenüberstehen,
da ihm jeder wahrhaft freiheitliche Sinn abgeht. Die öde
Beamtenhierarchie, die er überall in seinen politischen
und gewerkschaftlichen Organisationen entwickelt hat, ist das
unvermeidliche Produkt seiner zentralistischen und freiheitsfeindlichen
Dogmatik.
Hie
Sozialismus! - Hie Staatskapitalismus!
Hie Föderalismus! - Hie Zentralismus!
Das
sind die Devisen, unter denen sich die nächsten Kämpfe
der Zukunft abspielen werden.