Syndikalismus
und Anarchismus
Errico Malatesta
Die
Beziehungen zwischen der Arbeiterbewegung und den fortschrittlichen
Parteien sind ein altes und abgedroschenes Thema. Dennoch
ist es aktuell und wird so lange aktuell sein, wie es auf
der einen Seite Massen mit dringenden Bedürfnissen gibt,
die von - bisweilen brennenden - doch stets unklaren und unbestimmten
Bestrebungen nach einem besseren Leben erfüllt sind,
und auf der anderen Seite Menschen und Parteien, die eine
ganz bestimmte Vorstellung von einer wünschenswerten
Zukunft haben, über geeignete Mittel verfügen, sie
zu verwirklichen und sich um die Zustimmung der Massen bemühen,
ohne deren Beteiligung ihre Pläne und Hoffnungen stets
unverwirklichbare Utopien bleiben würden. Diese Frage
ist jetzt umso wichtiger, als nach den Katastrophen der Kriegs-
und Nachkriegszeit sich alle - und sei es auch nur geistig
- auf die Wiederaufnahme der Aktivität vorbereiten, die
dem Zusammenbruch der noch wütenden, doch bereits ins
Wanken geratenen Gewaltherrschaften folgen muß.
Daher
werde ich zu klären versuchen, welche Haltung die Anarchisten
meiner Meinung nach gegenüber den Arbeiterorganisationen
einnehmen müßten. Heute, so glaube ich, gibt es niemanden
oder fast niemanden unter uns, des die Nützlichkeit und
Notwendigkeit der Arbeiterorganisationen als Mittel des materiellen
und moralischen Erhebung der Massen, als fruchtbares Feld der
Propaganda und unerläßliche Kraft für die von
uns angestrebte gesellschaftliche Umgestaltung leugnet. Es gibt
niemanden mehr, der nicht verstünde wie wichtig die Organisation
mehr als anderen gerade uns Anarchisten ist die wir glauben,
daß die neue gesellschaftliche Organisation nicht mit
Gewalt von einer neuen Regierung durchgesetzt werden darf und
kann, sondern Ergebnis der freiwilligen Beteiligung aller sein
muß. Im übrigen ist die Arbeiterbewegung heute ein
mächtiger und universeller Faktor: ihn zu bekämpfen
hieße sich zum Komplizen der Unterdrücker machen
und ihn zu ignorieren hieße sich außerhalb des Lebens
des Volkes stellen und zu ewiger Ohnmacht verurteilen.
Doch
obwohl wir uns alle oder fast alle darin einig sind, daß
es für die Anarchisten nützlich und notwendig ist,
aktiv an der Arbeiterbewegung teilzunehmen, sie zu fördern
und überhaupt zu initiieren, gehen unsere Ansichten über
die Art und Weise, die Bedingungen und die Grenzen dieser Beteiligung
oft auseinander.
Es
gibt viele Genossen, die aus der Arbeiterbewegung und dem Anarchismus
ein und dasselbe machen wollen: überall wo sie können,
zum Beispiel in Spanien und Argentinien und zum Teil auch in
Italien, Frankreich und Deutschland, versuchen sie, den Arbeiterorganisationen
ein deutlich anarchistisches Programm zu geben. Sie bezeichnen
sich als „Anarcho-Syndikalisten“ oder als „revolutionäre
Syndikalisten“ gemeinsam mit anderen, die alles andere
als anarchistisch sind.
Es
ist also zweckmäßig klarzustellen, was man unter
„Syndikalismus“ versteht. Wenn es sich um die gewünschte
Zukunft handelt, wenn man also unter Syndikalismus die Form
gesellschaftlicher Organisation versteht durch die die kapitalistische
und staatliche Organisation ersetzt werden soll, dann ist er
entweder das gleiche wie die Anarchie und daher ein Begriff
mehr, der nur dazu dient die Ideen zu verwirren, oder aber er
ist etwas anderes als die Anarchie und kann daher von den Anarchisten
nicht akzeptiert werden. In der Tat gibt es unter den Zukunftsvorstellungen
dieses oder jenes Syndikalisten auch rein anarchistische, doch
gibt es auch Ideen, die unter anderem Namen und mit anderen
Formen die autoritäre Struktur reproduzieren, die Ursache
der Übel ist, die wir heute beklagen und daher nichts mit
der Anarchie zu tun haben.
Aber
ich möchte mich hier nicht mit dem Syndikalismus als gesellschaftlichem
System befassen, denn dieses kann nicht bestimmend für
die gegenwärtige Haltung der Anarchisten gegenüber
der Arbeiterbewegung sein.
Hier
geht es um die Arbeiterbewegung im kapitalistischen und staatlichen
System, und der Begriff Syndikalismus umfaßt alle Arbeiterorganisationen,
alle Gewerkschaften, deren Zweck es ist, der Unterdrückung
durch die Unternehmer Widerstand entgegenzusetzen und die Ausbeutung
der menschlichen Arbeit durch die Eigentümer der Rohstoffe
und Arbeitswerkzeuge zu verringern oder abzuschaffen.
Dazu
möchte ich sagen, daß diese Organisationen nicht
anarchistisch sein können und daß man dies auch nicht
verlangen sollte, denn wären sie anarchistisch, würden
sie ihren Zweck verfehlen und nicht den Zielen dienen, die die
an ihnen beteiligten Anarchisten sich gesetzt haben.
Die
Gewerkschaft hat den Zweck, heute die gegenwärtigen Interessen
der Arbeiter zu schützen und ihre Arbeitsbedingungen so
weit wie möglich zu verbessern, solange man nicht in der
Lage ist, die Revolution und mit ihr die jetzigen Lohnabhängigen
zu freien Arbeitern zu machen, die sich frei zum Vorteil aller
assoziieren.
Damit
die Gewerkschaft ihren besonderen Zweck, das heißt Verteidigung
der gegenwärtigen Interessen der Arbeiter und Verbesserung
ihrer Situation erfüllen und gleichzeitig Mittel der Aufklärung
und Agitationsfeld für eine zukünftige radikale Umgestaltung
der Gesellschaft sein kann, muß sie alle Arbeiter in ihren
Reihen sammeln, oder doch zumindest all die Arbeiter, die eine
Verbesserung ihrer Lage anstreben und die man dazu bringen kann,
in irgendeiner Form Widerstand gegenüber den Unternehmern
zu leisten. Will man vielleicht warten, bis die Arbeiter zu
Anarchisten geworden sind, bevor man sie auffordert sich zu
organisieren und bevor man sie in die Organisation aufnimmt
und auf diese Weise die natürliche Reihenfolge von Propaganda
und psychologischer Entwicklung der Individuen umkehren, indem
man die Widerstandsvereinigung erst dann schafft, wenn diese
nicht mehr nötig ist, weil die Masse schon imstande wäre,
die Revolution zu machen? In diesem Fall wäre die Gewerkschaft
eine Kopie der anarchistischen Gruppierung und bliebe machtlos
sowohl im Hinblick auf zu erzielende Verbesserungen als auch
im Hinblick auf die Revolution. Oder aber will man das anarchistische
Programm auf die Mitgliedskarte schreiben und sich mit einer
formalen, unbewußten Zustimmung zufriedengeben und auf
diese Weise Leute um sich sammeln, die den Organisatoren wie
Schafe folgen oder bei der ersten Gelegenheit, bei der man sich
ernsthaft als Anarchist erweisen müßte, zum Feind
überlaufen?
Der
Syndikalismus (ich meine den praktischen, nicht den theoretischen,
den sich jeder nach seinen eigenen Vorstellungen zurechtformt)
ist seinem Wesen nach reformistisch. Alles, was man sich von
ihm erhoffen kann, ist, daß die Reformen, die er fordert
und durchsetzt, der Aufklärung und Vorbereitung auf die
Revolution dienen und den Weg für immer größere
Forderungen offen lassen.
Jede
Verschmelzung oder Verwechslung zwischen der anarchistischen
und revolutionären Bewegung und der syndikalistischen Bewegung
führt schließlich dazu, daß entweder die Gewerkschaft
unfähig wird, ihren spezifischen Zweck zu erfüllen,
oder daß der Geist des Anarchismus geschwächt, verfälscht,
ausgelöscht wird.
Die
Gewerkschaft kann mit einem sozialistischen, revolutionären,
anarchistischen Programm entstehen und mit einem solchen sind
die verschiedenen Arbeiterorganisationen im allgemeinen ja auch
entstanden. Doch bleiben sie dem Programm treu, bis sie schwach
und machtlos sind, das heißt bis sie nicht mehr aktionsfähige
Organe, sondern nur noch Propagandavereinigungen sind, die von
wenigen begeisterten und überzeugten Personen initiiert
und gelenkt werden. In dem Maße jedoch, wie es ihnen gelingt,
die Massen zu mobilisieren und die nötige Stärke zu
erringen, um Verbesserungen zu fordern und durchzusetzen, wird
das ursprüngliche Programm zu einer leeren Formel, auf
die man nicht mehr achtet; die Taktik wird nebensächlichen
Erfordernissen angepaßt und die Begeisterten der ersten
Stunde passen sich entweder selber an oder müssen den „praktischen“
Leuten Platz machen, die sich mit der Gegenwart befassen, ohne
sich um die Zukunft zu kümmern.
Sicherlich
gibt es Genossen, die zwar in den vordersten Reihen der Gewerkschaftsbewegung
stehen, aber trotzdem aufrichtige und begeisterte Anarchisten
bleiben, wie es auch Zusammenschlüsse von Arbeitern gibt,
die sich von anarchistischen Ideen leiten lassen. Und es wäre
eine allzu leichte Kritik, wollte man die tausend Fälle
herausstreichen, in denen diese Menschen und diese Gruppierungen
in der alltäglichen Praxis in Widerspruch zu den anarchistischen
Vorstellungen geraten. Harte Notwendigkeit? Einverstanden. Man
kann keinen reinen Anarchismus praktizieren, wenn man gezwungen
ist, mit Unternehmern und Behörden zu verhandeln; man kann
nicht die Massen selbst handeln lassen, wenn diese Massen sich
zu handeln weigern und nach Führern verlangen. Aber warum
den Anarchismus mit etwas verwechseln, was er nicht ist, warum
sollten wir als Anarchisten die Verantwortung für die Vergleiche
und Arrangements übernehmen, die gerade deshalb erforderlich
sind, weil die Masse nicht anarchistisch ist, nicht einmal dann,
wenn sie einer Organisation angehört, die das anarchistische
Programm in ihren Gründungsakt geschrieben hat?
Meiner
Meinung nach dürfen die Anarchisten nicht anarchistische
Gewerkschaften als Ziel vor Augen haben, sondern müssen
in ihren Reihen als Individuen, Gruppen und föderierte
Gruppen für die anarchistischen Ziele tätig werden.
Ebenso wie es Forschungs- und Diskussionsgruppen, Gruppen für
die schriftliche oder mündliche Propaganda in der Öffentlichkeit,
genossenschaftliche Gruppen, Gruppen in den Fabriken, auf den
Feldern, in den Kasernen, in den Schulen usw. usw. gibt oder
geben sollte, sollten sich besondere Gruppen in den verschiedenen
Organisationen bilden, die den Klassenkampf führen.
Das
Ideal bestünde natürlich darin, daß alle Anarchisten
wären und die Organisationen in anarchistischer Weise funktionieren
würden: doch ist klar, daß man sich dann nicht mehr
für den Kampf gegen die Unternehmer organisieren müßte,
weil es ja keine Unternehmer mehr geben würde. Angesichts
der herrschenden Umstände, angesichts des Entwicklungsgrades
der Massen, in denen sie tätig sind, sollten die anarchistischen
Gruppen nicht fordern, daß die Organisationen handeln,
als wären sie anarchistisch, sondern zu erreichen suchen,
daß diese sich der anarchistischen Taktik so weit wie
möglich nähern. Wenn es für das Leben der Organisation
und die Bedürfnisse und den Willen der Organisierten wirklich
notwendig ist, Vergleiche abzuschließen, nachzugeben,
unangenehme Kontakte mit der Autorität und den Unternehmern
in Kauf zu nehmen, dann muß es eben geschehen, doch sei
dies Sache der anderen und nicht der Anarchisten, deren Aufgabe
darin besteht, auf die Unzulänglichkeit und Bedenklichkeit
sämtlicher Verbesserungen hinzuweisen, die man im kapitalistischen
System erreichen kann, und den Kampf zu immer radikaleren Lösungen
hin voranzutreiben.
Die
in den Gewerkschaften aktiven Anarchisten müssen dafür
kämpfen, daß diese allen Arbeitern offen bleiben,
welche Meinung sie auch vertreten, welcher Partei sie auch angehören
mögen, unter der alleinigen Voraussetzung der Solidarität
im Kampf gegen die Unternehmer. Sie müssen sich dem korporativen
Geist und jeglichem Anspruch auf das Monopol der Organisation
und der Arbeit widersetzen. Sie müssen verhindern, daß
die Gewerkschaften von den Politikern zu wahlpolitischen oder
anderen autoritären Zwecken ausgenutzt werden, sie müssen
für direkte Aktion, Dezentralisierung, Autonomie, freie
Initiative eintreten und sie praktizieren. Sie müssen sich
darum bemühen, daß die organisierten Arbeiter lernen,
direkt am Leben der Organisation teilzuhaben und keine Führer
und ständige Funktionäre zu benötigen.
Kurz,
sie müssen Anarchisten bleiben, stets mit den Anarchisten
vertraut bleiben und sich vor Augen halten, daß die Arbeiterorganisation
kein Zweck, sondern nur eines der Mittel ist, das - so wichtig
es auch sein mag - der Vorbereitung der Anarchie dient.
(Pensiero
e Volonta, 16. April 1925)