Sozialdemokratie
und Anarchismus
Rudolf
Rocker
Der
Unterschied zwischen Sozialdemokratie und Anarchismus ist nicht
nur in der Verschiedenheit ihrer taktischen Methoden begründet,
sondern muß in erster Linie auf prinzipielle Gegensätze
zurückgeführt werden. Es handelt sich hier um zwei
verschiedene Auffassungen über die Stellung des Menschen
in der Gesellschaft, um zwei verschiedene Auffassungen des Sozialismus.
Aus diesem Unterschiede in den theoretischen Voraussetzungen
ergibt sich von selbst die Verschiedenartigkeit in der Wahl
der taktischen Mittel.
Die Sozialdemokratie, hauptsächlich in den germanischen
Ländern und Rußland, nennt sich mit Vorliebe die
Partei des "Wissenschaftlichen Sozialismus" und bekennt
sich zur marxistischen Lehre, die ihrem Programm als theoretische
Unterlage dient. Ihre Vertreter gehen von dem Standpunkt aus,
daß der Werdegang der gesellschaftlichen Entwicklung als
eine unendliche Reihe geschichtlicher Notwendigkeiten betrachtet
werden muß, deren Ursachen in den jeweiligen Produktionsverhältnissen
zu suchen sind. In den fortwährenden Kämpfen der durch
verschiedene ökonomische Interessen in feindliche Lager
gespaltene Klassen finden diese Notwendigkeiten ihren praktischen
Ausdruck. Die ökonomischen Verhältnisse, d.h. die
Art und Weise wie die Menschen produzieren und ihre Produkte
zum Austausch bringen, bilden die eherne Grundlage aller anderen
gesellschaftlichen Erscheinungsformen oder um mit Marx zu reden:
"Die ökonomische Struktur der Gesellschaft ist die
reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau
erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen
entsprechen." - Religiöse Vorstellungen, Ideen, Moralanschauungen,
Rechtsbegriffe, menschliche Willensäußerungen usw.
sind lediglich Resultate der jeweiligen Produktionsbedingungen,
denn es ist "die Produktionsweise des materiellen Lebens,
die den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess ü
b e r h a u p t bedingt." Es ist nicht das Bewußtsein
der Menschen, das die Verhältnisse, unter denen sie leben,
formt, sondern umgekehrt, es sind die ökonomischen Verhältnisse
die ihr Bewußtsein bestimmt.
Somit ist der Sozialismus nicht eine Erfindung geistreicher
Köpfe, sondern das logische und unvermeidliche Produkt
der kapitalistischen Entwicklung. Der Kapitalismus mußte
zuerst die Produktionsbedingungen schaffen - die Arbeitsteilung
und die Zentralisation der Industrie - unter denen der Sozialismus
verwirklicht werden kann. Seine Verwirklichung ist nicht abhängig
von dem Willen der Menschen, sondern lediglich von einem bestimmten
Entwicklungsgrad der Produktionsverhältnisse. Der Kapitalismus
ist die notwendige und unvermeidliche Vorbedingung, die zum
Sozialismus führen muß; seine revolutionäre
Bedeutung besteht gerade darin, daß er von Anfang an den
Keim seines eigenen Untergangs in sich trägt. Die moderne
Bourgeoisie, die Trägerin des kapitalistischen Systems,
mußte das moderne Proletariat ins Leben rufen, um ihre
Herrschaft zu begründen und schuf damit ihren eigenen Totengräber.
Denn die Entwicklung des Kapitalismus vollzieht sich mit naturgesetzlicher
Notwendigkeit in ganz bestimmten Bahnen, aus denen kein Entrinnen
möglich ist. Es liegt eben im Wesen dieser Entwicklung,
die kleinen und mittleren industrielle Unternehmungen aufzusaugen
und an deren Stelle immer größere Betriebe zu erzeugen,
so daß die sozialen Reichtümer sich in immer wenigeren
Händen konzentrieren. Hand in Hand mit diesem Prozeß
schreitet die Proletarisierung der Gesellschaft unaufhaltsam
vorwärts, bis zuletzt ein Moment eintreten muß, wo
eine ungeheure Mehrheit besitzloser Lohnsklaven einer verschwindend
kleinen Minderheit kapitalistischer Unternehmer gegenübersteht.
Und da der Kapitalismus bis dahin schon längst zu einem
Hindernis der Produktion geworden ist, so muß notwendigerweise
eine Periode sozialer Umwälzungen eintreten, in der "die
Expropriation der Expropriateure" vollzogen werden kann.
Damit das Proletariat imstande sei, die Übernahme des Grund
und Bodens und der Produktionsmittel durchzuführen, muß
es sich früher in den Besitz der Staatsgewalt setzen, die
nach einer gewissen Übergangsperiode, d.h. nach der vollständigen
Abschaffung der Klassen nach und nach absterben wird. Die Eroberung
der Macht ist daher die vornehmste Aufgabe der Arbeiterklasse,
und die Lösung dieses Problems vorzubereiten, ist es notwendig,
daß sich die Arbeiter als selbständige politische
Partei organisieren und als solche den politischen Kampf gegen
die Bourgeoisie führen. Aus diesem Grunde hat die Sozialdemokratie
die parlamentarische Tätigkeit zum Mittelpunkt ihrer Propaganda
gemacht und ihr jede andere Form der Betätigung untergeordnet.
Unter dem Einfluß der deutschen Sozialdemokratie haben
die meisten ihrer Schwesterparteien in den anderen Ländern,
mehr oder weniger ausgeprägt, denselben Charakter angenommen.
Im Verlaufe der letzten fünfzig Jahre ist es ihr gelungen,
Millionen Arbeiter in ihren Reihen zu organisieren, in allen
gesetzgebenden Körperschaften des modernen Klassenstaates
Fuß zu fassen und in zahlreichen Fällen sogar direkt
in die Regierung einzudringen. Eine stark entwickelte Presse
und Propagandaliteratur haben den sozialdemokratischen Ideen
immer weitere Kreise in der Arbeiterwelt und dem Mittelstande
erschlossen. Dieses Werk wird noch unterstützt durch eine
ganze Armee fest angestellter Agitatoren und Parteibeamten,
die im Interesse ihrer respektiven Organisation werben und wirken.
Durch den Ausschluß der Anarchisten und anderer Richtungen,
die die parlamentarische Tätigkeit ablehnen, war es der
deutschen Sozialdemokratie gelungen, auf den internationalen
sozialistischen Kongressen jede wirkliche Opposition systematisch
auszumerzen. So entwickelte sich diese Partei überall,
wo ihr größere Massen der Arbeiterschaft Heeresfolge
leisteten, als ein Staat im Staate, und für lange Jahre
war sie imstande, jede andere sozialistische Richtung mit planmäßiger
und skrupelloser Rücksichtslosigkeit am Aufkommen zu verhindern.
Erst die schauerliche Katastrophe im August 1914 enthüllte
den eigentlichen Charakter der Sozialdemokratie, vernichtete
ihr internationales Prestige und legte Bresche in ein Organisationsgebäude,
das auf unabsehbare Zeit hinaus jedem feindlichen Angriff gewachsen
schien.
Der Anarchismus, d.h. diejenige Richtung in der Gedankenwelt
des Sozialismus, die der Sozialdemokratie am unversöhnlichsten
gegenübersteht, geht in seinen Anschauungen über die
gesellschaftlichen Zustände und die Stellung des Menschen
in der geschichtlichen Entwicklung von anderen Voraussetzungen
aus. Seine Anhänger verkennen keineswegs den mächtigen
Einfluß der ökonomischen Verhältnisse auf den
allgemeinen Entwicklungsprozeß des gesellschaftlichen
Lebens, doch lehnen sie die einseitige und fatalistische Fassung,
in der Marx diese Erkenntnis zum Ausdruck brachte, ab. Sie sind
vor allem der Meinung, daß man bei der Untersuchung und
Beurteilung gesellschaftlicher Erscheinungsformen wohl nach
wissenschaftlichen Methoden verfahren kann, daß aber Geschichte
und Soziologie als solche keineswegs als Wissenschaften betrachtet
werden dürfen. Die Wissenschaft anerkennt nur bestimmte
Tatsachen, die durch die Erfahrung oder durch Experimente unumstößlich
aufgestellt sind. In diesem Sinne kann man lediglich die sogenannten
"exakten Wissenschaften", wie Physik, Chemie usw.
als solche bezeichnen. Das berühmte Gravitationsgesetz
des Isaak Newton, das allen Berechnungen unserer Astronomie
zu Grunde liegt, ist ein wissenschaftliches, ein Naturgesetz,
denn es hat sich stets als richtig erwiesen und niemals eine
"Ausnahme von der Regel" zugelassen.
Die Entwicklung der gesellschaftlichen Erscheinungsformen in
der Geschichte vollzieht sich jedoch nicht mit derselben zwingenden
Notwendigkeit, wie die Gesetze der Physik. So können wir
über die gesellschaftliche Gestaltung der zukünftigen
Lebensbedingungen wohl Vermutungen anstellen, aber es gibt keine
Wissenschaft, die imstande wäre, die sozialen Verhältnisse
der Zukunft im voraus zu berechnen und wissenschaftlich festzustellen,
wie man etwa die Umlaufzeit eines Planeten berechnen und feststellen
kann. Die Geschichte der menschlichen Gesellschaftsformen ist
eben viel komplizierter und uns in ihren elementaren Einzelheiten
noch viel zu wenig bekannt, als daß wir von einem eisernen
Naturgesetze sprechen könnten auf Grund dessen wir imstande
wären, die treibenden Kräfte des geschichtlichen Werdens
in vergangenen Perioden auch nur einigermaßen mit Sicherheit
zu beurteilen, und noch viel weniger die gesellschaftlichen
Formen der Zukunft zu ergründen vermöchten. Aus diesem
Grunde ist der Sozialismus keine Wissenschaft, kann er keine
Wissenschaft sein, und alles Gerede von einem "wissenschaftlichen
Sozialismus" ist eitle Selbstüberhebung und ein schnödes
Verkennen der wahren Prinzipien der Wissenschaft.
Der Bekenner der anarchistischen Weltanschauung teilt nicht
den Glauben, daß die Entwicklung der ökonomischen
Verhältnisse unbedingt zum Sozialismus führen muß,
daß das System des Kapitalismus den Sozialismus sozusagen
schon im Keime in sich birgt und nur die Zeit der Reife abgewartet
zu werden braucht, damit er die Hülle sprengen kann. Er
sieht in diesem Glauben nichts anderes wie eine Übertragung
des religiösen Fatalismus auf das wirtschaftliche Gebiet,
der ebenso gefährlich wirkt, den Tätigkeitsinstinkt
und das impulsive Empfinden des Menschen lähmt und anstatt
der lebendigen und stets nach neuen Perspektiven ringenden Erkenntnis
einen toten Dogmenglauben erzeugen muß. Der Anarchist
sieht in der modernen Arbeitsteilung und in der Zentralisation
der Industrie keineswegs Vorbedingungen des kapitalistischen
Ausbeutungssystems, die im schärfsten Gegensatz zum Sozialismus
stehen. Wohl kann uns die ökonomische Entwicklung zu neuen
Phasen des gesellschaftlichen Daseins führen, aber sie
kann uns auch ebensogut den Untergang aller Kultur bringen.
Die furchtbare Katastrophe des Weltkrieges spricht in dieser
Hinsicht eine beredte Sprache für alle, die Ohren haben
zu hören. Gelingt es den Völkern Europas nicht sich
aus dem jetzigen Chaos zu neuen und höheren Formen der
gesellschaftlichen Kultur emporzuarbeiten, so ist kein Prophet
imstande vorauszusagen, bis zu welchem Abgrund uns das Verhängnis
treiben kann.
Nein der Sozialismus wird uns nicht kommen, weil er kommen muß
mit der Unabänderlichkeit eines Naturgesetzes; er wird
uns nur dann kommen, wenn die Menschen den festen Willen und
die notwendige Kraft aufbringen werden, ihn in die Wirklichkeit
umzusetzen. Nicht die Zeit, nicht die ökonomischen Verhältnisse,
nur unsere innerste Erkenntnis, unser Wollen, können die
Brücke schlagen, die uns aus der Welt der Lohnsklaverei
ins Neuland des Sozialismus führen. Daß die Entwicklung
der kapitalistischen Gesellschaftsformen den Proletarier erst
psychologisch für die Ideen des Sozialismus empfänglich
macht, ist gleichfalls eine Voraussetzung, die der Anarchist
nicht teilt. England, das Mutterland des modernen Kapitalismus
und der modernen Großindustrie, hat trotzdem keine nennenswerte
sozialistische Bewegung hervorgerufen, während Länder
mit fast ausschließlicher Agrarwirtschaft, wie Andalusien
und Süditalien seit langen Jahren über starke sozialistische
Organisationen verfügen. Der russische Bauer, der noch
unter ganz primitiven Produktionsverhältnissen wirtschaftet,
steht den sozialistischen Ideengängen sehr nahe, da zwischen
ihm und seinen Mitmenschen ein viel innerer sozialer Zusammenbund
besteht, wie bei uns. Der Gemeinbesitz an Grund und Boden, unter
dem der russische Bauer seit Jahrhunderten lebt, hat ihn mehr
auf die fortwährende Betätigung gegenseitiger Hilfe
und natürlicher Solidarität seinen Kameraden gegenüber
angewiesen, so daß sich der soziale Instinkt bei ihm bis
zu einem Grade entwickelt hat, den wir bei dem Industrieproletariat
der mittel- und westeuropäischen Länder vergebens
suchen dürften. Trotzdem aber haben die Theoretiker der
russischen Sozialdemokratie im Namen der Wissenschaft verkündet,
daß die veralteten Kommunalinstitutionen der russischen
Bauernschaft zum Untergang verdammt seien, da sie nicht im Einklang
mit der modernen Entwicklung ständen und folglich ein Hindernis
für den Sozialismus bilden.

Für die Anhänger des Anarchismus sind die Formen des
Staates und der Gesetzgebung nicht lediglich der politische
Überbau der ökonomischen Struktur der Gesellschaft,
sind Ideen, Rechtsbegriffe und andere menschliche Bewußtseinsformen,
nicht einfach Produkte des jeweiligen Produktionsprozesses,
sondern bestimmte Faktoren des menschlichen Geistes, die zwar
in ihrer Entwicklung von den ökonomischen Verhältnissen
beeinflußt werden, die aber in derselben Zeit zurückwirken
auf die ökonomischen Bedingungen in der Gesellschaft. Dadurch
entsteht eine unendliche Serie von Wechselwirkungen, so daß
es vielfach ganz unmöglich ist, einen bestimmten Grundfaktor
festzustellen. Man kann alle diese Erscheinungsformen als materielle
betrachten und mit Proudhon der Ansicht sein, dass jedes Ideal
einer Blume vergleichbar ist, deren Wurzeln in den materiellen
Lebensbedingungen zu finden sind. Aber in diesem Falle sind
die ökonomischen Verhältnisse nur ein Teil der allgemeinen
materiellen Verhältnisse; sie bilden nicht die eiserne
Grundlage, die den Entwicklungsprozeß aller anderen gesellschaftlichen
Lebenserscheinungen ü b e r h a u p t bestimmt, sondern
sind vielmehr derselben ununterbrochenen Wechselwirkung unterworfen
wie alle anderen Faktoren des materiellen Lebens. So ist z.
B. der Staat, ohne Zweifel, in erster Linie ein Produkt des
Privatmonopols an Grund und Boden, eine Institution, die mit
Spaltung der Gesellschaft in verschiedene Klassen mit besonderen
Interessen entstanden ist. Aber einmal in Existenz, wirkt er
mit aller Kraft für die Aufrechterhaltung des Monopols
und der Klassengegensätze, für die Verewigung der
ökonomischen Sklaverei, und hat sich im Laufe seiner Entwicklung
zur gewaltigsten Ausbeutungsinstitution der Menschheit emporgeschwungen.
Solche Wechselwirkungen lassen sich in beliebiger Zahl und in
allen denkbaren Erscheinungsformen feststellen, sie sind geradezu
charakteristisch für den geschichtlichen Entwicklungsprozeß
der Menschheit und so in die Augen springend, daß unsere
Neo-Marxisten gezwungen sind, der Kritik ihrer Geschichtsauffassung
fortwährend neue Zugeständnisse zu machen.
Wenn die Eroberung der politischen Macht der Sozialdemokratie
als die wichtigste Aufgabe erscheint, die der Verwirklichung
des Sozialismus vorausgehen muß, so ist für den Anarchismus
die Abschaffung jeder politischen Macht von ausschlaggebender
Bedeutung. Der Staat ist kein willkürliches Gebilde, sondern
eine Institution, die in einer gewissen Periode der menschlichen
Geschichte ins Leben getreten ist, als eine Folge des Monopols
und der gesellschaftlichen Klassenteilung. Nicht um die Rechte
der Allgemeinheit zu schützen ist der Staat entstanden,
sondern ausschließlich als Verteidiger der materiellen
Interessen kleiner privilegierter Minderheiten auf die Kosten
der breiten Massen. Der Staat ist nichts anderes als der politische
Agent der besitzenden Klassen, die organisierte Gewalt, die
das System der ökonomischen Ausbeutung und der politischen
Klassenherrschaft zusammenhält. Seine Formen haben sich
verändert im Laufe der Geschichte, aber sein eigentliches
Wesen, seine historische Mission ist dieselbe geblieben. Für
die breiten Massen des Volkes war der Staat in allen Zeiten
und in allen Formen seiner Existenz nur ein rücksichtsloses
Werkzeug der Unterdrückung; aus diesem Grunde ist es unmöglich,
daß er denselben Massen je als Werkzeug ihrer Befreiung
dienen könnte. Die Sozialdemokratie, die in ihren verschiedenen
Schattierungen noch vollständig von den Ideen des Jakobinertums
durchdrungen ist, glaubt des Staates nicht entraten zu können,
weil sie sich die Verwirklichung des Sozialismus nur von o b
e n n a c h u n t e n mit der Hilfe von Regierungsdekreten und
Staatserlassen vorstellen kann. Der Anarchismus, der die Zerstörung
des Staates anstrebt, sieht nur einen Weg, den Sozialismus einzuführen,
und zwar von unten nach oben durch die schöpferische Betätigung
des Volkes selber und mit der Hilfe seiner eigenen wirtschaftlichen
Organisationen.
Hier erhebt sich eine Frage, die den fundamentalen Unterschied
zwischen den beiden Richtungen mit aller Schärfe erkennen
läßt - die Frage über die Stellung des Menschen
in der Gesellschaft. Für die Theoretiker der Sozialdemokratie
ist der einzige Mensch nur ein unwesentlicher Bestandteil im
allgemeinen Getriebe der gesellschaftlichen Produktion, eine
"Arbeitskraft", ein seelenloses Werkzeug der ökonomischen
Entwicklung, die sein geistiges Leben und seine Willensäußerungen
unwiderruflich bestimmt. Diese Auffassung ist das notwendige
Resultat ihrer ganzen Lehre. Soweit für sie das menschliche
Einzelwesen überhaupt in Frage kommt, betrachten sie es
stets als gesellschaftliches Durchschnittsprodukt, das mit dem
Maßstab allgemeiner Begriffe gemessen werden muß.
Sie haben sich von der lebendigen Wirklichkeit eine bestimmte
Vorstellung zurechtgelegt und sind gewissermaßen die Opfer
einer optischen Täuschung, indem sie die Fata morgana,
die ihnen ihre Vorstellungskraft vorzaubert, mit der Wirklichkeit
selbst verwechseln. Sie sehen in der geschichtlichen Entwicklung
nur die toten Räder, den äußeren Mechanismus,
und vergessen daher nur allzu leicht, daß hinter den Kräften
und Bedingungen der Produktion lebendige Wesen stehen, Menschen
von Fleisch und Blut mit persönlichen Wünschen, Neigungen
und Vorstellungen, und da ihnen die individuelle Verschiedenartigkeit,
die doch den wirklichen Reichtum des Lebens ausmacht, nur als
belangloses Zubehör erscheint, so wird ihnen das Leben
selber farblos und schemenhaft.
Der Anarchismus verfolgt auch hier andere Wege. Der Ausgangspunkt
seiner Betrachtungen über das Wesen der Gesellschaft ist
der einzelne, das Individuum. Nicht das Individuum als abstrakter
Schattenbegriff, losgelöst von seiner gesellschaftlichen
Umgebung, sondern als Sozialwesen, verbunden mit seinen Mitmenschen
durch tausende materielle, geistige und seelische Beziehungen.
Um den gesellschaftlichen Wohlstand, die Freiheit, die Kultur
eines Volkes zu beurteilen, hält sich der Anarchist nicht
an das Quantum der allgemeinen Produktionserzeugnisse oder an
die formelle "Freiheit", die in irgendeiner Verfassung
niedergelegt ist, noch an die Kulturhöhe einer bestimmten
Periode. Er sucht vielmehr festzustellen, wie groß der
persönliche Anteil des Wohlstandes ist, der auf jedes einzelne
Mitglied der Gesellschaft entfällt; auf wie weit das Individuum
in der Lage ist, seine persönlichen Neigungen, Wünsche
und Freiheitsbedürfnisse zu befriedigen im Rahmen der Allgemeinheit;
und bis zu welchem Grade die allgemeine Kultur in jedem Einzelwesen
ihren individuellen Ausdruck findet. Nach diesem Resultate fällt
er sein Urteil über den Gesamtcharakter der Gesellschaft.
Für den Anarchist ist die persönliche Freiheit keineswegs
eine unbestimmte abstrakte Vorstellung, sie erscheint ihm vielmehr
als die praktische Möglichkeit, für jeden einzelnen
seine ihm von der Natur verliehenen Kräfte, Talente und
Fähigkeiten voll entfalten zu können. Und da er in
dem Persönlichkeitsgefühl den höchsten Ausdruck
des menschlichen Freiheitsinstinktes erkennt, verwirft er grundsätzlich
jedes Autoritätsprinzip, die Ideologie der brutalen Gewalt.
Die volle Freiheit, auf dem Boden der ökonomischen und
sozialen Gleichheit, erscheint ihm als die einzige Vorbedingung
einer menschenwürdigen Zukunft. Nur in einem solchen Zustand
ist, seiner Ansicht nach, die Möglichkeit gegeben, das
Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit in jedem
Menschen zur höchsten Blüte zu entwickeln und das
lebendige Bewußtsein der Solidarität in ihm bis zu
einem Grade zu entfalten, daß sich seine individuellen
Wünsche und Bedürfnisse sozusagen als Resultate seines
sozialen Empfindens offenbaren werden.
Für den Charakter sozialer Bewegungen sind ihre Organisationsformen
von entscheidender Bedeutung, da sie ihrem innersten Wesen am
besten entsprechen; somit ist es nur natürlich, daß
auch in dieser Hinsicht ein unüberbrückbarer Gegensatz
zwischen Sozialdemokratie und Anarchismus vorhanden ist. Die
Anhänger der Sozialdemokratie, ganz einerlei, ob sie sich
als Mehrheitssozialisten, unabhängige oder "Kommunisten"
geben, sind ihrer inneren Einstellung nach Jakobiner, Vertreter
des Zentralisationsprinzips. Die Sozialdemokratie ist ihrem
Wesen nach zentralistisch, ebenso wie der Föderalismus
dem innersten Wesen des Anarchismus am besten entspricht. Der
Föderalismus war von jeher die natürliche Organisationsform
aller wahrhaft gesellschaftlichen Strömungen und Institutionen,
die auf den Interessen der Allgemeinheit fußten, wie das
z.B. bei den freien Stammverbänden der Urzeit, bei den
Föderationen der Marktgenossenschaften im frühen Mittelalter,
bei den Gildenorganisationen der Handwerker und Künstler
in den freien Städten und bei den föderativen Verbänden
der freien Kommunen, die Europa eine so wunderbare Kultur geschenkt
haben, der Fall war. Diese Organisationsgebilde waren gesellschaftlich
im vollen Sinne des Wortes. In ihnen fanden die freie Betätigung
des einzelnen und die gemeinschaftlichen Interessen der Allgemeinheit
einen harmonischen Ausdruck; es waren menschliche Gruppierungen,
wie sie Notwendigkeiten des Lebens spontan hervorbrachten. Jede
einzelne Gruppe war Herr ihrer eigenen Angelegenheiten und in
derselben Zeit föderalistisch verbunden mit anderen Körperschaften
zur Verteidigung und Förderung gemeinschaftlicher Interessen.
Das Allgemeininteresse war der Mittelpunkt ihrer Bestrebungen,
die Organisation von unten nach oben der vollendetste Ausdruck
ihrer Betreibungen.
Erst mit der Entstehung des modernen Staates beginnt die Ära
des Zentralismus. Kirche und Staat waren seine ersten und vornehmsten
Vertreter. Diesmal waren es nicht mehr die Interessen der Allgemeinheit,
die in der neuen Art Organisation ihren Ausdruck fanden, sondern
die Interessen privilegierter Minoritäten, die ihre Macht
auf die Ausbeutung und Versklavung der breiten Massen begründeten.
Der Föderalismus, die natürliche Organisation von
unten nach oben, wurde durch den Zentralismus, die künstliche
Organisation von oben nach unten ersetzt. Die Freiheit mußte
dem Despotismus weichen, das alte Gewohnheitsrecht dem Gesetz,
die Verschiedenartigkeit der Uniformität und Schablone,
die Erziehung und Charakterbildung der geistigen Dressur, die
persönliche Selbständigkeit dem blinden Gehorsam,
der freie Bürger dem Untertan. - Es ist bezeichnend für
den freiheitsfeindlichen Charakter der Sozialdemokratie, daß
sie ihre Organisationsform der Rüstkammer des Staates entlehnt
hat. Disziplin war und ist der vornehmste Wahlspruch ihrer Erziehungsmethode
und mit denselben Mitteln, mit welchen der Staat loyale Untertanen
und gute Soldaten heranzieht, erzieht sie disziplinfeste Parteigenossen:
Sie hat Millionen Anhänger um ihre Fahne geschart, aber
sie erstickte die schöpferische Initiative und die selbständige
Aktionsfähigkeit in den Massen. Sie erzeugte eine öde
Beamtenherrschaft, eine neue Hierarchie, eine Art politischer
Vorsehung, vor der die freie Initiative und das selbständige
Denken die Segel streichen mußten.
Nur so ist es zu erklären, daß die Sozialdemokratie
in ihrer praktischen Betätigung sich vollständig in
der seichten Atmosphäre des bürgerlichen Parlamentarismus
verlieren, daß die kleine und kleinlichste Tagespolitik
das geistige Milieu ihrer ganzen Propaganda werden konnte. Sie
hat ihre Wähler organisiert, wie der Staat seine Armeen,
und wie er die geistige Impotenz zum Prinzip erhoben. Auf dem
Wege zur politischen Macht hat sie alles, was ursprünglich
an ihr sozialistisch war, zu Grabe getragen, so daß weiter
nichts übrig blieb, wie ein verkappter Staatskapitalismus,
den sie unter falscher Marke in den Handel brachte. Die Bourgeoisie
hat vorläufig noch nicht ihren "eigenen Totengräber"
gefunden, aber es ist wahrlich nicht die Schuld der Sozialdemokratie,
daß sie nicht schon lange der Totengräber des Sozialismus
geworden ist.
Der Anarchismus als der unerbittliche Feind des Staates, verwirft
prinzipiell jede Mitarbeit in den gesetzgebenden Körperschaften,
jede Form der parlamentarischen Betätigung. Seine Anhänger
wissen, daß auch das freieste Wahlrecht die klaffenden
Gegensätze in der modernen Gesellschaft nicht zu mildern
imstande ist und daß das parlamentarische Regime lediglich
den Zweck hat, dem System der Lüge und der sozialen Ungerechtigkeit
den Schein des legalen Rechts zu verleihen, den Sklaven zu veranlassen,
seiner eigenen Sklaverei selbst den Stempel des Gesetzes aufzudrücken.
Die taktische Methode des Anarchismus ist die direkte Aktion
gegen die Verteidiger des Monopols und des Staates. Seine Bekenner
suchen durch Wort und Schrift die Massen aufzuklären und
sie zum Bewußtsein ihrer sozialen Lage zu bringen. Sie
nehmen Anteil an allen direkten wirtschaftlichen und politischen
Kämpfen der Unterdrückten gegen das System der Lohnsklaverei
und die Tyrannei des Staates und versuchen [allen] Kämpfen
durch ihre Mitwirkung eine tiefere soziale Bedeutung zu verleihen,
die Initiative der Massen zu entwickeln und ihr Verantwortlichkeitsgefühl
zu stärken. Die Anarchisten sind die eigentlichen Vorkämpfer
der sozialen Revolution, die die Herrschaft und Ausbeutung der
Menschen durch den Menschen in jeder Form den Krieg erklären
und die die ökonomische und politische Befreiung der Menschen
auf ihre Fahne geschrieben haben. Sie sind die Bannerträger
des freiheitlichen Sozialismus, die Herolde einer neuen sozialen
Kultur der Zukunft.