Kollektive
in Spanien
Gaston Leval
Industrie
Die industrielle Sozialisierung - mit Hauptgewicht in Barcelona
- war das erste große Werk der spanischen Revolution.
Es ergaben sich jedoch von Anfang an Hindernisse, die letzten
Endes die konsequente Durchführung dieser Experimente
unmöglich machten. Für die größten Schwierigkeiten
sorgte zweifellos der Krieg.
Andererseits bestand jedoch ein so tiefes, in den Arbeitermassen
fest verwurzeltes Verlangen nach grundlegender sozialer Revolution,
daß nicht alle Arbeiter eine solche Betrachtung anstellten.
Auch sollte ein weiterer Faktor nicht vergessen werden: Ein
großer Teil der Unternehmer, Direktoren und Aktionäre
bekannte sich entweder offen als Faschisten oder sympathisierte
zumindest mit ihnen und wünschte Franco den Sieg. Viele
dieser Unternehmer flohen, sobald sie sahen, daß die
Antifaschisten mit Unterstützung der F.A.I. und C.N.T.
1 den Siegerrungen hatten. Andere wurden
inhaftiert. Es war unumgänglich, daß die Werkstätten
und Fabriken dieser Unternehmer von den Arbeitern in Besitz
genommen und geleitet wurden. Das geschah dann auch.
Die oben erwähnten Unternehmer sollten noch um diejenigen
erweitert werden, die verdächtig waren, um ihrer Interessen
willen mehr mit den Faschisten als den Antifaschisten zu sympathisieren.
Man nahm nicht an, daß diese Leute darauf bedacht waren,
Panzer, Flugzeuge, Gewehre und Munition für einen Sieg
derjenigen Gruppen zu produzieren, die ihre engsten Freunde
bekämpften. Sie hatten sicherlich nicht die Absicht,
alles Menschenmögliche zu tun, um die Wirtschaftsproduktion
mit der Intensität voranzutreiben, die notwendig war,
um das antifaschistische Spanien am Leben zu erhalten. Die
Arbeiter verstanden dies instinktiv und richteten in fast
allen Fabriken Kontrollkomitees ein, deren Aufgabe darin bestand,
Produktionserhöhungen im Auge zu behalten und jederzeit
die finanzielle Lage des Fabrikbesitzers zu überblicken.
In zahlreichen Fällen ging die Kontrolle sehr bald vom
Kontrollkomitee auf das Führungskomitee über, das
aus Unternehmer und Arbeitern bestand und dem Unternehmer
den gleichen Lohn wie den Arbeitern zahlte. In Katalonien
ging auf diese Weise eine Reihe von Werkstätten und Fabriken
in die Hand der dort beschäftigten Arbeiter über.
Das
Kollektivierungsdekret
Angesichts dieser Tatsachen erließ die Generalidad - die
Regierung Kataloniens - im Oktober 1936 das Kollektivierungsdekret,
auf Grund dessen die Arbeiter befugt waren, alle Fabriken mit
100 und mehr Arbeitern zu übernehmen. Dies traf auch auf
Betriebe mit weniger als 100 Arbeitern zu, wenn die Eigentümer
offiziell den Faschisten angehörten.
Das Dekret, das anscheinend die Forderungen der katalanischen
Arbeiter erfüllte und von den meisten mit großem
Jubel aufgenommen wurde, verhinderte in Wirklichkeit die Sozialisierung,
und zwar aus folgenden Gründen:
1. Der Prozentsatz der Arbeiter, die in Fabriken mit weniger
als 100 Arbeitern beschäftigt waren, lag über dem
der Fabriken mit mehr als 100 Arbeitern. Dies bedeutete, daß
die Mehrzahl der Arbeiter weiter gezwungen war, unter dem System
der Ausbeutung durch den Unternehmer zu arbeiten.
2.
Es wurde verhindert, daß die Arbeiter zur wirklichen Übernahme
der Produktionsmittel gelangten, denn die zu bildenden Verwaltungskomitees
waren mit dem Wirtschaftsministerium verbunden, dem sie Tätigkeitsberichte
vorlegen mußten. Diese Regelung bedeutete den völligen
Ausschluß der Syndikate und schützte einen Teil der
Kleinunternehmer. Dadurch wurde ein Dualismus geschaffen, der
früher oder später in der Niederlage einer der zwei
Seiten enden mußte. Dies war jedoch ein Problem, das gewissenhafte
verantwortliche Kreise später zu lösen hofften.
3.
Ein System, das die Privatwirtschaft ganz und gar beibehielt,
schrieb vor, daß jede einzelne Produktionsstätte
ihre Produktion verkaufte. Die Arbeiter wetteiferten also miteinander,
zerstörten das bestehende Gefühl der Solidarität
und wurden zu einem Konkurrenzkampf gezwungen, der umso schärfer
wurde, je mehr sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ausweiteten.
Die bewußteren, militanteren Arbeiter sahen die Gefahren
sehr klar und hielten nicht lange mit ihrer Meinung zurück.
Sie äußerten sich zunächst in ihrer Presse und
mündlich, später auf Gewerkschaftsversammlungen. Man
war sich darüber einig, daß, falls die Gewerkschaften
nicht die Produktionsstätten übernehmen und den durch
das Kollektivierungsdekret geschaffenen Verwaltungsapparat der
Arbeiter abschaffen würden, alle bisher erzielten Ergebnisse
durch diesen nicht wieder gutzumachenden moralischen und sachlichen
Rückschlag wertlos würden.
In stetigem Kampf gegen die Behörden trachteten die Gewerkschaften
aus den meisten Industriezentren Kataloniens danach, die „kollektivierten“
Produktionsstätten in ihre Hand zu bekommen. Teilweise
gelang es ihnen. Aber der Teilerfolg war das Ergebnis langer
Monate der Agitation, und währenddessen hatten die konterrevolutionären
Kräfte die C.N.T. und den Flügel um Largo Caballero
aus dem politischen Spiel ausgeschaltet. Sozialisierungsgegner
und reaktionäre Gegenoffensive wurden mächtiger. Generell
kann man sagen, daß das Unternehmen der Gewerkschaften
erfolgreich war. Nur mehrten sich leider die Schwierigkeiten.
Als der Grundstein zu einer wirklichen industriellen Sozialisierung
gelegt war, verstärkte sich der Mangel an Rohstoffen. Der
Textilindustrie fehlte es an Wolle und Baumwolle. Hüttenbetriebe
brauchten dringend Stahl und Tischlerwerkstätten Holz.
Und als ob diese Schwierigkeiten nicht schon genug Probleme
aufwarfen, sorgte die Regierungspolitik für eine weitere
Verschlechterung der Lage.
Die Regierung „übernahm die Rohstoff Verteilung“.
Das war ein Mittel, um die Syndikate ihrer Macht zu berauben
und ihre Arbeit zu sabotieren. Dann „verstaatlichte“
die Regierung den größten Teil der Industrie. Sie
benutzte dies als Vorwand, um diejenigen Zweige, in denen die
Arbeiter große Bedeutung gewonnen hatten, in ihre Gewalt
zu bekommen und die Sozialisierung zu zerschlagen. Jedoch entwickelte
sich nicht alles so, wie ich es gerade beschrieben habe. Zum
Glück nahmen - ungeachtet anderslautender Regierungsanweisungen
- einige Syndikate in Katalonien von Anfang an die Angelegenheiten
ihrer jeweiligen Industriezweige in ihre eigenen Hände.
Und in einigen Städten außerhalb Kataloniens wurde
die Sozialisierung sofort verwirklicht. Sie hat erstaunliche
Ergebnisse erzielt.
Barcelona
In Barcelona haben Gesundheitssyndikat, Städtische Verkehrsbetriebe,
Wasser- und Gassyndikat und das Syndikat für öffentliche
Veranstaltungen die Leitung der Betriebe übernommen. Erstes
und letzteres wurden erst nach der Revolution geschaffen, haben
aber große Leistungen erbracht. Das Gesundheitssyndikat
verbreitete sich über ganz Katalonien und organisierte
den Gesundheitsdienst so, daß jedes Dorf seinen Arzt hatte.
Die Eisenbahnen in Katalonien sind ein beredtes Beispiel dafür,
was die Arbeiter hätten erreichen können, wenn sie
nicht ihre Bewegungsfähigkeit durch Zugeständnisse
an die Bourgeoisie verloren hätten. Die drei Hauptlinien,
die drei ausländischen, heftig rivalisierenden Gesellschaften
gehörten, wurden zu einer Gesellschaft zusammengeschlossen
und vor kurzem von einem gemeinsamen zwölfköpfigen
Komitee der U.G.T. 2 und C.N.T. geleitet.
Es gab nur noch sehr wenige Ingenieure, da die meisten als Ausländer
in ihre Länder zurückgekehrt waren. Dennoch wurden
phantastische Ergebnisse erzielt.

Granollers
Außer Barcelona gibt es andere, nicht minder beachtenswerte
Fälle großartiger Organisation. Da ist zum Beispiel
die kleine Stadt Granollers. Alles wurde durch die Syndikate
und die Stadtverwaltung sozialisiert. Und alles klappte vorbildlich.
Die kleinen Fabrikationsbetriebe lösten sich auf - dies
vollzog sich in Hunderten von Orten, wo die Arbeiter die Produktionsstätten
übernahmen -, die Neuverteilung erfolgte zügig durch
die städtischen Kooperativen. Die kleinen Handelsbetriebe
wurden zunächst übernommen, dann aufgelöst. Den
Geschäftsleuten wurden Stellen in den Kooperativen oder
anderen Betrieben angeboten.
Castellon
Fahren wir entlang der Mittelmeerküste nach Süden,
kommen wir nach Castellon. Wenig oder gar nichts sickerte über
diese Stadt durch, obwohl die Hüttenindustrie seit Oktober
1936 ganz in der Hand der Syndikate war. Die anderen Industriezweige
befanden sich in einem ähnlichen Sozialisierungsprozeß.
Und doch gab es in dieser Stadt keine revolutionäre Genossenschaftstradition.
Aber es mangelte den Arbeitern nicht an gesundem Menschenverstand,
und sie waren sich tief ihrer Verantwortung bewußt.
Alcoy
Ein noch typischeres Beispiel liefert uns Alcoy in der Provinz
Alicante. Die dortigen Arbeiter sind seit langem gut organisiert.
Die militanteren Gruppen brauchten kein Mobilisierungsdekret.
Sie übernahmen sehr früh Werkstätten und Fabriken
und organisierten die Produktion auf neue An und Weise. Jeder
Industriezweig ist zentral im gewerkschaftlichen Verwaltungskomitee
vertreten. Dieses Komitee teilt sich in so viele Abteilungen
auf, wie es wichtige Industriezweige gibt. Wenn die Verkaufsabteilung
einen Auftrag erhält, wird er an die Produktionsabteilung
weitergeleitet, die zu entscheiden befugt ist, welche Produktionsstätten
die besten technischen Voraussetzungen für die Herstellung
der erforderlichen Güter aufweisen. Während diese
Frage geregelt wird, werden die notwendigen Rohstoffe bei der
zuständigen Abteilung bestellt. Diese gibt dann ihrerseits
dem Lager die Anweisung, das Material zu liefern, und schließlich
wird die Einkaufsabteilung genau über die Angelegenheit
informiert, damit sie das verwendete Material wiederbeschaffen
kann.
Diese kurze Darstellung, die in einem weiteren Rahmen unendlich
viel eingehender gegeben werden könnte, läßt
uns klar erkennen, daß die spanischen Arbeiter libertärer
Prägung die Produktion besser koordinieren und rationalisieren,
als dies der Kapitalismus vermocht hat. Ich möchte vor
allem hervorheben, dass kleine, ungesunde, kostspielige Fabrikationsstätten
von der Bildflache verschwunden sind und Maschinen unter Beachtung
des Nutzenoptimums wirkungsvoll eingesetzt werden. Eines der
hervorstechendsten Ergebnisse ist die Zentralisierung der Verwaltung.
Es läßt sich also sagen, daß - sofern nicht
die Zusammenarbeit mit politischen Parteien die Arbeiter lahmte
- es letzteren gelang, sogar dann, wenn ihre Syndikate erst
seit kurzem bestanden, Produktion und öffentliche Dienstleistungen
höchst überzeugend zu organisieren. Bleibt uns noch
die Beschreibung der Rolle, die die Arbeiter in der Verwaltung
und der Leitung von Industriebetrieben spielten.
Das Industrieverwaltungskomitee ist weder eine autonome noch
unfehlbare Organisation. Die Gewerkschaft besteht noch; ihr
Zentralausschuß hält die Fäden aller Tätigkeitsbereiche
in seiner Hand. Ernannt wird er von der Generalversammlung der
gewerkschaftlich organisierten Arbeiter. Ein Teil seiner Delegierten
kommt direkt aus den Produktionsstätten, damit der Kontakt
zur Arbeiterschaft gewahrt bleibt. In den Produktionsstätten
gibt es Komitees, die von einer Versammlung dort beschäftigter
Arbeiter gewählt werden. Diese Komitees sind dafür
verantwortlich, daß für den Arbeitsablauf eingegangene
Anweisungen auch befolgt werden. Ihre Beobachtungen teilen sie
wiederum dem Zentralausschuß mit. Beschlüsse über
die tägliche Arbeit in den Betrieben und die Tätigkeit
des Verwaltungskomitees werden auf Versammlungen gefaßt.
Wir steuern somit nicht auf eine Verwaltungsdiktatur zu, sondern
auf eine funktionale Demokratie, in der jede spezielle Tätigkeit
ihre Rolle spielt, eine Rolle, die nach eingehender Prüfung
von der Versammlung festgelegt worden ist.
Landwirtschaft
Das beste Beispiel sozialen Fortschritts liefert jedoch die
Sozialisierung der Landwirtschaft. Diese Sozialisierung vollzog
sich nicht überall zur gleichen Zeit und ohne Einschränkung.
Inspiriert vom libertären Geist keimte sie zuerst in Aragon
auf, griff dann auf die Levante über und den Teil Andalusiens,
der in unserer Hand blieb, und breitete sich schließlich
bis in den Süden Kataloniens und in Kastilien aus.
Die Agrarrevolution hat zum erstenmal die libertären Konzeptionen
verwirklicht. Und sie hat so großartige Erfolge erzielt,
daß selbst die anarchistischen Theoretiker - diejenigen,
die immer die jetzt realisierten Vorstellungen verfochten hatten
- völlig benommen waren und niemals den herrlichen Traum,
den sie durchlebten, vergessen werden.
Wir wollen nicht vergessen, daß ein tiefes soziales Gefühl,
wie es den spanischen Bauern kennzeichnet, die Voraussetzung
für die Verwirklichung dieser Ideen bildete.

Aragon
In etwa drei Monaten richteten die meisten Dörfer Aragons
- einige wurden den Faschisten von den Verbänden Durrutis
und anderer „undisziplinierter“ Guerillakämpfer
abgerungen - landwirtschaftliche Kollektive ein. Man darf diese
nicht mit den Industrie“kollektiven“ verwechseln,
die mit Hilfe des oben erwähnten Dekrets und nach den Anweisungen
der katalanischen Regierung errichtet wurden. Das Wort „Kollektive“
beschreibt zwei ganz verschiedene Dinge.
Die Bildung der Kollektive Aragons vollzog sich allgemein nach
dem gleichen Schema. Zunächst wurden die örtlichen
Behörden überwältigt, wenn sie Faschisten waren;
wenn nicht, wurden sie von antifaschistischen oder revolutionären
Komitees abgelöst. Dann wurde eine Versammlung aller Ortsansässigen
einberufen, auf der über das Aktionsprogramm beschlossen
wurde. Eine der ersten Maßnahmen bestand darin, die Ernte
einzuholen, und zwar nicht nur auf den Feldern der immer noch
vorhandenen Kleinbesitzer, sondern auch - und dies war noch
viel wichtiger - auf den Gütern der Großgrundbesitzer,
die alle konservative ländliche „Fürsten“
oder Führer waren. Gruppen wurden eingeteilt für das
Mähen und Dreschen des Weizens der diesen Großgrundbesitzern
gehörte. Spontan fing man an kollektiv zu arbeiten. Da
man den Weizen nicht einem geben konnte, ohne unfair gegenüber
allen anderen zu sein, kam man überein, ihn einem Ortskomitee
zu unterstellen. Der Weizen war für den Nutzen aller Ansässigen
bestimmt, zum Verbrauch oder als Tauschmittel für Fertigwaren,
wie z.B. Kleidung, Stiefel usw. für diejenigen, die am
bedürftigsten waren.
Später war es notwendig, das Land der Großgrundbesitzer
zu bearbeiten. Meistens war es das größtflächige
und fruchtbarste der ganzen Gegend. Die Angelegenheit wurde
noch einmal vor die Dorf Versammlung gebracht. Das Kollektiv
wurde endgültig errichtet - falls dies noch nicht auf der
ersten Versammlung geschehen war.
Es wurde ein Delegierter für Ackerbau und Viehzucht ernannt
(oder einer für jeweils einen Bereich, wenn Viehzucht stark
betrieben wurde), jeweils ein Delegierter für die örtliche
Verteilung von Gütern, für Tausch, öffentliche
Arbeiten, Hygiene, Erziehungswesen, revolutionäre Verteidigung.
Manchmal gab es mehr, manchmal weniger.
Dann wurden Arbeitsgruppen gebildet. Die Anzahl dieser Gruppen
entsprach meist der Anzahl der Zonen, in die das Ortsgebiet
aufgeteilt war. Auf diese Art und Weise war es einfacher, alle
Arten anfallender Arbeit zu berücksichtigen. Die Anzahl
der Zonen ergibt sich nicht nur aus der Landfläche, sondern
auch aus der topographischen Lage des Gebiets, die in Spanien
im allgemeinen bergig ist.
Jede Arbeitsgruppe wählt ihren Delegierten. Die Delegierten
treffen alle zwei Tage oder einmal in der Woche mit dem Berater
in Fragen Ackerbau und Viehzucht zusammen, um all die verschiedenen
Tätigkeiten zu koordinieren. Sie entscheiden z. B., ob
bestimmte Felder gepflügt werden oder ob Weizen oder Weinbau,
Oliven- oder andere Obstbäume vorrangig sind, ob man besser
Kartoffeln anpflanzt oder Rotebeete sät, usw. Je nach der
Dringlichkeit und Wichtigkeit der Arbeit werden Gruppen eingeteilt,
die sie verrichten und die erforderlichenfalls von einer Zone
in die andere überwechseln. In dieser neuen Organisation
gibt es Kleinbesitz fast gar nicht mehr. In Aragon haben sich
75% der Kleinbesitzer freiwillig der neuen Ordnung angeschlossen.
Wer dies verweigerte, wurde respektiert. Es stimmt nicht, daß
diejenigen, die in Kollektiven mitmachten, dazu gezwungen wurden.
Diesen Punkt kann man angesichts der vielen Verleumdungen, die
in dieser Hinsicht gegen die Kollektive gerichtet worden sind,
nicht stark genug betonen. Wie weit diese Falschmeldung von
der Wahrheit entfernt ist, läßt sich daraus ersehen,
daß die landwirtschaftlichen Kollektive überall besondere
Kontokorrentkonten für Kleinbesitzer eingerichtet und Konsumentenkarten
eigens für sie gedruckt haben, um ihnen genauso wie den
„Kollektivisten“ die dringend
gebrauchten Industrieprodukte zukommen zu lassen.
Bei dieser Eigentumsumstrukturierung müssen besonders die
praktische Begabung und das psychologische Feingefühl der
Organisatoren hervorgehoben werden, die in fast allen Dörfern
jeder Familie ein kleines Stück Land zugeteilt haben, auf
dem der Bauer für seinen eigenen Gebrauch sein bevorzugtes
Gemüse auf seine bevorzugte Weise anbauen kann. Dadurch
kann der Unternehmungsgeist des einzelnen angefeuert und befriedigt
werden.
Neue
Anhaumethoden
Kollektives Arbeiten hat sowohl in der Landwirtschaft als auch
in der Industrie zu einer Rationalisierung geführt, die
weder unter den Kleinbesitzern noch unter den Großgrundbesitzern
möglich war. Traktoren und Maschinen werden dort eingesetzt,
wo sie am dringendsten gebraucht werden. Vorbei sind die Zeiten,
da die Produktionsmittel ungenutzt in den Scheunen der Reichen
standen, während die armen Bauern das Land mit uralten
Pflügen, die von ausgemergelten Eseln und Maultieren gezogen
wurden, bearbeiteten!
Lastentiere werden der Arbeit zugeteilt, für die sie sich
am besten eignen. Die starken Maultiere führen die schweren
Arbeiten aus, von den schwächeren werden weniger anstrengende
Leistungen verlangt. Ferner wird hochwertigeres Saatgut verwendet.
Dies wurde durch Aufkauf großer Bestände ermöglicht,
was sich der kleine Bauer früher einfach nicht leisten
konnte. Saatkartoffeln kommen aus Irland, Weizensaatgut wird
nur in ausgesucht guter Qualität genommen. Chemische Düngemittel
finden Verwendung. Da sinnvoll genutzte moderne Maschinen -
Traktoren und moderne Pflüge erhielt man durch Tausch oder
durch Kauf im Ausland - den Boden tiefer bearbeiten, hat das
neue Saatgut einen Hektarertrag erzielt, der weit über
den Ernten liegt, die unter den Bedingungen früherer Jahre
herausgewirtschaftet wurden. Die neuen Methoden haben ebenfalls
ermöglicht, die Anbaufläche zu vergrößern.
Meine eigenen Nachforschungen in Aragon lassen mich mit voller
Berechtigung sagen, daß sich die Weizenernte durchschnittlich
um 30% erhöht hat. Ein etwas niedrigerer Ertragszuwachs
wurde für andere Getreidesorten, Kartoffeln, Zuckerrüben,
Luzerne, usw. erzielt.
Familienlohn
Diese Tatsache ist von höchster Bedeutung, denn zum erstenmal
in einer modernen Gesellschaft ist das anarchistische Prinzip
„Jedem nach seinen Bedürfnissen“ verwirklicht
worden. Die Anwendung erfolgte auf zweierlei Art: ohne Geld
in vielen Dörfern Aragons oder mit Ortsgeld, vor allem
in den meisten in anderen Provinzen errichteten Kollektive.
Der Familienlohn wird mit diesem Geld gezahlt; er richtet sich
nach der Anzahl der Familienmitglieder. Ein Haushalt, in dem
Mann und Frau arbeiten, weil sie keine Kinder haben, erhält
- um irgendeinen Betrag zu nennen - beispielsweise 5 Peseten
pro Tag. Ein anderer Haushalt, in dem nur der Mann arbeitet,
da sich die Frau um zwei, drei oder vier Kinder kümmern
muß, erhält 6, 7, bzw. 8 Peseten. Die „Bedürfnisse“
und nicht die „Produktion“ im engen ökonomischen
Sinn des Wortes bestimmen die Lohnskala bzw. die Güterverteilung,
wo es Löhne nicht gibt.

Gegenseitige
Hilfe
Diese Grundlage der Gerechtigkeit findet laufend weitere Anwendung.
Sie schafft Caritas, Bettlertum und Sonderbudgets für Arme
ab. Es gibt keine Notleidenden mehr. Wer arbeitet, tut das für
andere ebenso mit, wie andere später durch ihre Arbeit
ihm und seinen Kindern helfen werden.
Aber diese gegenseitige Hilfe geht über das Dorf hinaus.
Bevor die faschistischen Angreifer die Kollektive Aragons zerstörten,
taten kantonale Verbände ihr Möglichstes, um naturbedingte
Ungleichheiten dadurch auszugleichen, daß sie weniger
begünstigten Dörfern Maschinen, Maulesel, Saatgut,
usw. besorgten, die ihnen zu höheren Erträgen verhelfen
sollten. Diese Grundausrüstung wurde durch Vermittlung
des Verbandes beschafft, der den Verkauf der Ernte von zwanzig,
dreißig, vierzig oder sogar fünfzig Ortschaften übernahm
und in deren Namen bei den Industrie- und Viehzuchtzentren die
benötigten Güter einkaufte.
Was ich in dieser kurzen Darstellung gesagt habe, dürfte
ausreichen, um die moralische Seite der spanischen Revolution
zu verstehen und rechtfertigt meine Behauptung, daß nie
zuvor in der Geschichte zivilisierter Völker ähnliches
erreicht wurde. Aber es gibt noch andere Gesichtspunkte, die
unsere Aufmerksamkeit verdienen.
Bildung
Nehmen wir als Beispiel die Bildung. Wo immer Revolutionen weitreichende
Bedeutung gewonnen haben, kann man ernsthafte Anstrengungen
in dieser Richtung feststellen. Schulen sind in Klöstern
und Priesterseminaren eingerichtet worden, da dies im allgemeinen
die besten Gebäude waren. Man kann sie zu Tausenden zählen.
Jedes der 500 Kollektive in der Levante hat seine eigene Schule,
meist in herrlicher Umgebung, mitten in Orangenhainen oder am
Fuß schneebedeckter Berge. In Aragon, Katalonien, Kastilien
- überall ist die große Aufmerksamkeit, die man der
Bildung schenkt, zu bemerken. Niemals zuvor in der Geschichte
Spaniens ist ein so großer Schritt vorwärts gemacht
worden.
Wo Regierung und Staat ihren Einfluß nicht geltend machen
konnten, ist auch ärztliche Hilfe sozialisiert, d. h. zu
jedermanns Verfügung gestellt worden. Der Arzt sieht nach
allen Kranken. Das Kollektiv bezahlt ihn. Es stellt auch alle
Medikamente und überweist ernstere Fälle in städtische
Krankenhäuser oder Sanatorien. Kleine Apotheken sind in
einigen Dörfern eingerichtet worden; sie werden vom Kanton
unterhalten. Niemand soll wegen mangelnder Pflege oder ärztlicher
Behandlung kränkeln oder sterben.
In fast allen kollektivierten Dörfern Aragons wurden Altersheime
eingerichtet, die alle alten Frauen und Männer ohne Familie
aufnahmen. Für sie wurden die besten Häuser ausgesucht;
junge Mädchen, die man ihrer Fröhlichkeit und ihres
hübschen Äußeren wegen gewählt hatte, kümmerten
sich um sie. Nichts lagerhaftes, keine lästigen Vorschriften.
Die alten Leute kamen und gingen, wie sie wollten. Heute bestehen
diese Altersheime noch dort, wo die faschistische Reaktion nicht
gesiegt hat. Aber abgesehen von diesen Beispielen vollständiger
Kollektivierung gibt es Fälle teilweisen Erfolgs, die es
verdienen, erwähnt zu werden. In vielen Orten haben unsere
Genossen Eingang in die Gemeindeverwaltung gefunden und die
Verwirklichung beachtlicher Reformen erreicht, z. B. die Teilvergemeindung
ärztlicher Hilfe, die allen Einwohnern die Dienste von
Ärzten, Krankenschwestern und Hebammen sowie notwendige
Medikamente zukommen läßt; die Verbesserung des Unterrichts;
die Vergemeindung von Wohnungen. Mieten werden der Gemeinde
gezahlt, die keine weiteren Einnahmen braucht und deshalb die
Zahlung von Steuern abschafft. Man kann sich gut vorstellen,
was das für Menschen, die nicht reich sind, bedeutet.
Die
spanische Revolution und die Geschichte
Ich habe kurz die neue soziale Ordnung beschrieben, die durch
die spanische Revolution geschaffen wurde. Die Erfolge der libertären
Sozialisten sind eine Tatsache, und die Vortrefflichkeit ihrer
Grundsätze hat sich eindeutig erwiesen. Ungefähr 3
Millionen Bauern - Männern, Frauen und Kindern - gelang
es, dieses System, von den unmittelbaren Erträgen zu leben,
zu verwirklichen, ohne daß deshalb die Produktion gesunken
wäre, wie das meistens bei Umstrukturierungen durch neue
Organisationsformen der Fall ist. Mindestens 2 Millionen Menschen
haben aus Teilerfolgen Nutzen ziehen können. Ein großer
Teil der Industrie ist erfolgreich von Arbeitersyndikaten geleitet
worden.
Diese Zahlen müssen im Verhältnis zu den 12 Millionen
Ortsansässigen und Flüchtlingen gesehen werden, die
im nicht von Franco beherrschten Teil Spaniens leben. Schwierigkeiten
in den Städten ergeben sich aus der Durchführung eines
Systems, das die Regierungen - ganz gleich, ob die katalanische
oder die spanische - erfunden haben. Dieses ungeheure Experiment
enthält eine Fülle von Tatsachen, Charakteristika,
Versuchen, Initiativen und Ergebnissen. Ich weiß nicht,
ob ein Historiker eines Tages eine vollständige, objektive
Analyse vornehmen wird. Wünschenswert wäre es.

Originaltext:
Social Reconstruction in Spain. London 1938.
Aus dem Englischen von Eike Freudenberg; Nachdruck in
der Broschüre: 1936: Die Revolution in Spanien
Fußnoten:
1.
F.A.I. Federacion Anarquista de Iberia (Anarchistische
Föderation Iberiens) / C.N.T. Confederacion Nacional
de Trabajo (Nationale Arbeiterkonföderation,
anarcho-syndikalistischer Gewerkschaftsbund mit 1.700.000
Mitgliedern
2.
U.G.T. Union General de Trabajo (Allgemeine Arbeiterunion
- sozialistisch) |