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Gott
und der Staat
Michail Bakunin
Wer hat recht, die Idealisten oder die Materialisten? Wenn
die Frage einmal so gestellt wird, wird ein Zaudern unmöglich.
Ohne jeden Zweifel haben die Idealisten unrecht und nur die
Materialisten haben recht. Jawohl, die Tatsachen gehen den
Ideen voran, jawohl, das Ideal ist, wie Proudhon sagte, nur
eine Blume, deren Wurzel die materiellen Existenzbedingungen
bilden. Jawohl, die ganze geistige und moralische, politische
und soziale Geschichte der Menschheit ist ein Reflex ihrer
wirtschaftlichen Geschichte.
Alle
Zweige moderner, gewissenhafter und ernster Wissenschaft wirken
zusammen, diese große, diese grundlegende und entscheidende
Wahrheit zu verkünden: Jawohl, die soziale Welt, die menschliche
Welt im eigentlichen Sinne, die Menschheit mit einem Wort ist
nichts anderes als die - für uns und unseren Planeten wenigstens
- letzte und oberste Entwicklung, der höchste Ausdruck
der Animalität. Da aber jede Entwicklung notwendig eine
Verneinung einschließt, nämlich die Verneinung ihrer
Grundlage oder ihres Ausgangspunktes, ist die Menschheit zugleich
und vor allem die bewußte und fortschreitende Verneinung
der tierischen Natur in den Menschen, und gerade diese ebenso
vernünftige wie natürliche Verneinung, die nur vernünftig
ist, weil sie natürlich ist, geschichtlich und logisch
wie die Entwicklungen und Produkte aller Naturgesetze, gerade
diese Verneinung bildet und schafft das Ideal, die Welt der
geistigen und moralischen Überzeugungen, die Ideen.
Ja, unsere ersten Vorfahren, unsere Adams und Evas waren, wenn
nicht Gorillas, doch sehr nahe Verwandte des Gorilla, Omnivore,
intelligente und wilde Tiere, die in unendlich höherem
Grade als alle anderen Tierarten die zwei wertvollen Fähigkeiten
besaßen: die Fähigkeit zu denken und die Fähigkeit,
das Bedürfnis, sich zu empören. Diese beiden Fähigkeiten
und ihr fortschreitendes Zusammenwirken im Lauf der Geschichte
bilden den bewegenden Faktor, die verneinende Kraft in der positiven
Entwicklung der menschlichen Animalität und schaffen folglich
alles, was das Menschliche in den Menschen ausmacht.
Die Bibel, ein sehr interessantes und manchmal sehr tiefes Buch,
wenn man sie als eine der ältesten erhaltenen Äußerungen
menschlicher Weisheit und Phantasie betrachtet, drückt
diese Wahrheit sehr naiv in ihrem Mythos von der Erbsünde
aus. Jehovah, von allen Göttern, die die Menschen je angebetet,
gewiß der eifersüchtigste, eitelste, roheste, ungerechteste,
blutgierigste, despotischste und menschlicher Würde und
Freiheit feindlichste, schuf Adam und Eva aus man weiß
nicht was für einer Laune heraus, ohne Zweifel um seine
Langeweile zu vertreiben, die bei seiner ewigen egoistischen
Einsamkeit schrecklich sein muß, oder um sich neue Sklaven
zu schaffen; dann stellte er ihnen edelmütig die ganze
Erde mit all ihren Früchten und Tieren zur Verfügung,
wobei er diesem vollständigen Genuß nur eine einzige
Grenze setzte. Er verbot ihnen ausdrücklich, die Frucht
vom Baum der Erkenntnis zu essen. Er wollte also, daß
der Mensch, allen Bewußtseins von sich selbst beraubt,
ewig ein Tier bleibe, dem ewigen Gott, seinem Schöpfer
und Herrn Untertan. Aber da kam Satan, der ewige Rebell, der
erste Freidenker und Weltenbefreier. Er bewirkt, daß der
Mensch sich seiner tierischen Unwissenheit und Unterwürfigkeit
schämt; er befreit ihn und drückt seiner Stirn das
Siegel der Freiheit und Menschlichkeit auf, indem er ihn antreibt,
ungehorsam zu sein und die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu
essen.
Man weiß, was folgte. Der Herrgott, dessen Voraussicht,
eine seiner göttlichen Eigenschaften, ihm hätte sagen
müssen, daß dies so kommen würde, geriet in
schreckliche und lächerliche Wut: Er verfluchte Satan und
die von ihm selbst geschaffenen Menschen und die Welt, sich
gewissermaßen selbst in seiner eigenen Schöpfung
schlagend, wie dies Kinder im Zorn zu tun pflegen, und sich
nicht begnügend, unsere Vorfahren in der Gegenwart zu treffen,
verfluchte er sie in allen künftigen Generationen, die
an dem Verbrechen ihrer Vorfahren doch unschuldig sind. Unsere
katholischen und protestantischen Theologen finden das sehr
tief und sehr gerecht, gerade weil es ungeheuer unbillig und
unsinnig ist! Dann erinnerte er sich, daß er nicht nur
ein Gott der Rache und des Zorns, sondern auch ein Gott der
Liebe sei, und nachdem er einige Milliarden armer menschlicher
Wesen während ihres Lebens gequält und sie zu ewiger
Höllenqual verdammt hatte, erbarmte er sich der übrigen,
und um sie zu retten, um seine ewige und göttliche Liebe
mit seinem ewigen und göttlichen, immer opfer- und blutgierigen
Zorn zu versöhnen, schickte er als Sühnopfer seinen
einzigen Sohn auf die Erde, damit er von den Menschen getötet
würde. Dies nennt man das Geheimnis der Erlösung,
welches die Grundlage aller christlichen Religionen bildet.
Und wenn wenigstens noch der göttliche Retter die Welt
der Menschen gerettet hätte! Mitnichten; in dem von Christus
versprochenen Paradies wird es, wie man durch ausdrückliche
Ankündigung weiß, nur sehr wenige Auserwählte
geben. Die übrigen, die ungeheure Mehrheit der gegenwärtigen
und künftigen Generationen, werden ewig in der Hölle
braten. Inzwischen liefert der stets gerechte, stets gute Gott
zu unserem Trost die Erde den Regierungen der Napoleon III.
und Wilhelm I., der Ferdinand von Österreich und der Alexander
von Rußland aus.
Das sind die unsinnigen Geschichten und ungeheuerlichen Lehren,
die man mitten im neunzehnten Jahrhundert in allen Volksschulen
Europas auf den ausdrücklichen Befehl der Regierungen erzählt
und lehrt. Das nennt man die Völker zivilisieren! Liegt
es nicht auf der Hand, daß all diese Regierungen die systematischen
Vergifter, die eigennützigen Verdummer der Volksmassen
sind?
Ich ließ mich von meinem Gegenstand abziehen durch den
Zorn, der mich stets packt, wenn ich an die elenden und verbrecherischen
Mittel denke, durch die man die Völker in ewiger Knechtschaft
hält, ohne Zweifel um sie besser scheren zu können.
Was sind die Verbrechen aller Troppmann der Welt gegenüber
diesem Verbrechen beleidigter Menschheit, das täglich am
hellen Tag, auf der ganzen Fläche der zivilisierten Erde
von denen begangen wird, die sich Schützer und Väter
der Völker zu nennen wagen? - Ich kehre zum Mythos von
der Erbsünde zurück.
Gott gab Satan recht und erkannte an, daß der Teufel Adam
und Eva nicht betrogen hatte, als er ihnen Erkenntnis und Freiheit
versprach als Belohnung des Ungehorsams, zu dem er sie verleitet
hatte; denn sobald sie von der verbotenen Frucht gegessen hatten,
sagte Gott zu sich (siehe die Bibel): "Sieh' da, der Mensch
ist wie einer von Uns geworden, er kennt das Gute und das Böse;
hindern wir ihn also, die Frucht des ewigen Lebens zu essen,
damit er nicht unsterblich werde wie Wir.

Lassen wir jetzt die fabelhafte Seite dieses Mythos beiseite
und betrachten wir seinen wirklichen Sinn. Dieser ist sehr klar.
Der Mensch hat sich befreit, er hat sich von der tierischen
Natur getrennt und sich als Mensch gebildet; er begann seine
Geschichte und seine eigentlich menschliche Entwicklung mit
einem Akt des Ungehorsams und der Erkenntnis, das heißt
mit der Empörung und dem Denken.
Drei Elemente oder drei Grundprinzipien bilden die wesentlichen
Bedingungen aller gemeinschaftlichen und persönlichen menschlichen
Entwicklung in der Geschichte: 1. die menschliche Animalität;
2. das Denken; 3. die Empörung. Dem ersten entspricht die
soziale und private Wirtschaft, dem zweiten die Wissenschaft,
dem dritten die Freiheit. 1
Die Idealisten aller Schulen, die Aristokraten und Bourgeois,
Theologen und Metaphysiker, Politiker und Moralisten, Geistlichen,
Philosophen oder Dichter - nicht zu vergessen die liberalen
Ökonomisten, diese zügellosen Anbeter des Ideals -,
all diese sind sehr verletzt, wenn man ihnen sagt, daß
der Mensch, mit all seiner glänzenden Intelligenz, seinen
erhabenen Ideen und grenzenlosen Bestrebungen, wie alles auf
der Welt, nichts als Materie, nichts als ein Produkt dieser
widrigen Materie ist.
Wir könnten ihnen erwidern, daß die Materie, von
welcher die Materialisten sprechen, - eine spontane, ewig bewegliche,
tätige, produktive Materie, chemisch und organisch bestimmt
und in Erscheinung tretend entsprechend den ihr eigenen mechanischen,
physischen, tierischen und intelligenten Eigenschaften oder
Kräften - nichts mit der niedrigen Materie der Idealisten
gemein hat. Letztere, ein Produkt ihrer falschen Abstraktion,
ist tatsächlich ein dummes, unbelebtes, unbewegliches,
zu allem unfähiges Ding, ein toter Rückstand, eine
häßliche Einbildung, jener schönen Einbildung
gegenübergestellt, die sie Gott, das höchste Wesen
nennen, demgegenüber die Materie, die Materie der Idealisten,
von ihnen selbst all dessen beraubt, was ihre wirkliche Natur
ausmacht, notwendig das höchste Nichts darstellt. Sie nahmen
der Materie die Intelligenz, das Leben, alle bestimmenden Eigenschaften,
tätigen Beziehungen oder Kräfte, selbst die Bewegung,
ohne welche die Materie nicht einmal Gewicht hätte, und
ließen ihr nur die Undurchdringlichkeit und die unbedingte
Bewegungslosigkeit im Raum; sie legten all diese Kräfte,
Eigenschaften und natürlichen Äußerungen dem
von ihrer abstrahierenden Phantasie geschaffenen eingebildeten
Wesen bei; dann nannten sie. mit Vertauschen der Rollen, dieses
Produkt ihrer Einbildung, dieses Phantom, diesen Gott, der das
Nichts ist, "das höchste Wesen", und erklärten
mit notwendiger Konsequenz, daß das wirkliche Wesen, die
Materie, die Welt das Nichts sei. Und dann sagen sie uns mit
ernster Miene, daß diese Materie unfähig sei, etwas
hervorzubringen, ja nicht einmal fähig, sich von selbst
in Bewegung zu setzen, und daß sie folglich von ihrem
Gott erschaffen sein müsse.In dem Anhang am Ende dieses
Buches deckte ich die wahrhaft empörenden Unsinnigkeiten
auf, zu denen man unvermeidlich geführt wird durch die
Einbildung eines Gottes, sei es eines persönlichen, der
Welten schafft und organisiert, sei es selbst eines unpersönlichen,
der als eine Art im ganzen Weltall verbreitete göttliche
Seele angesehen wird, die das ewige Prinzip des Weltalls bilden
würde, sei es einer unendlichen und göttlichen Idee,
die immer anwesend und tätig ist und sich stets in der
Gesamtheit der materiellen und endlichen Wesen äußert.
Ich will mich hier auf die Hervorhebung eines einzigen Punktes
beschränken.
Die allmähliche Entwicklung der materiellen Welt ist vollkommen
faßbar, ebenso wie die des organischen, tierischen Lebens
und die der im Lauf der Geschichte fortschreitenden individuellen
und sozialen Intelligenz des Menschen auf dieser Welt. Sie ist
eine ganz natürliche Bewegung vom Einfachen zum Zusammengesetzten,
von unten nach oben oder von dem Niedrigeren zu dem Höheren,
eine all unseren täglichen Erfahrungen und daher auch unserer
natürlichen Logik, den Gesetzen unseres Geistes entsprechende
Bewegung, dieser nur aufgrund dieser selben Erfahrungen entstehenden
und sich entwickelnden Logik, die sozusagen nur deren Wiedergabe
oder bewußte Zusammenfassung im Gehirn ist.
Das System der Idealisten bietet uns das gerade Gegenteil. Es
stürzt alle menschlichen Erfahrungen und den allgemeinen
gesunden Menschenverstand absolut um, der doch die wesentliche
Bedingung alles Verständnisses unter den Menschen ist,
der von der so einfachen und einstimmig anerkannten Wahrheit,
daß zwei mal zwei vier ist, sich bis zu den erhabensten
und kompliziertesten wissenschaftlichen Betrachtungen erhebt,
ohne je etwas durch Erfahrung oder Betrachtung der Dinge nicht
streng Bestätigtes zuzugeben, und so die einzige ernstliche
Grundlage menschlicher Kenntnisse bildet.
Statt dem natürlichen Weg von unten nach oben zu folgen,
vom Niedrigen zum Höheren, vom relativ Einfachen zum Zusammengesetzten,
statt klug und verständig die tatsächliche fortschreitende
Bewegung von der anorganisch genannten Welt zur organischen,
Pflanzen-, dann Tierwelt, dann speziell menschlichen Welt zu
begleiten und die Bewegung der chemischen Materie oder des chemischen
Wesens zur lebenden Materie oder dem lebenden Wesen und vom
lebenden zum denkenden Wesen, statt dessen schlagen die idealistischen
Denker, von dem von der Theologie ererbten göttlichen Phantom
besessen, verblendet und angetrieben, den ganz entgegengesetzten
Weg ein. Sie gehen von oben nach unten, vom Höheren zum
Niedrigeren, vom Zusammengesetzten zum Einfachen. Sie beginnen
mit Gott, sei es als Person, sei es als göttliche Substanz
oder Idee, und ihr erster Schritt ist ein schrecklicher Fall
von den erhabenen Höhen des ewigen Ideals in den Schlamm
der materiellen Welt, von der absoluten Vollkommenheit zur absoluten
Unvollkommenheit, von dem Gedanken vom Wesen, oder vielmehr
vom höchsten Wesen, zum Nichts. Wann, wie und warum das
göttliche, ewige, unendliche Wesen, das absolut Vollkommene,
wahrscheinlich von sich selbst gelangweilt, sich zu diesem verzweifelten
Salto mortale entschloß, das hat kein Idealist, Theologe,
Metaphysiker oder Dichter je selbst zu verstehen gewußt,
noch es den Ungläubigen erklären können. Alle
vergangenen und gegenwärtigen Religionen und alle übersinnlichen
philosophischen Systeme drehen sich um dieses einzige und frevelhafte
Geheimnis.2 Heilige Männer, erleuchtete
Gesetzgeber, Propheten und Erlöser suchten darin das Leben
und fanden darin nur Folter und Tod. Es verzehrte sie, wie die
antike Sphinx, weil sie es nicht zu erklären wußten.
Große Philosophen, von Heraklit und Plato bis Descartes,
Spinoza, Leibniz, Kant, Fichte, Schelling und Hegel, ohne der
indischen Philosophen zu gedenken, schrieben Haufen von Büchern
und schufen ebenso scharfsinnige wie erhabene Systeme, in denen
sie nebenbei viele schöne und große Dinge sagten
und unsterbliche Wahrheiten entdeckten, die aber dieses Geheimnis,
den Hauptgegenstand ihrer übersinnlichen Forschungen, ebenso
unergründet ließen, wie es vor ihnen gewesen war.
Da aber die gigantischen Anstrengungen der bewunderungswürdigsten
Genies, welche die Welt kennt, die seit wenigstens dreißig
Jahrhunderten immer von neuem diese Sisyphusarbeit unternahmen,
nur dazu führten, dieses Geheimnis noch unverständlicher
zu machen, können wir da hoffen, daß es uns heute
durch die handwerksmäßige Spekulation irgendeines
pedantischen Schülers einer künstlich aufgewärmten
Metaphysik enthüllt werde, und das zu einer Zeit, in der
alle lebendigen und ernsten Geister sich von dieser zweifelhaften
Wissenschaft abgewendet haben, die das Ergebnis eines geschichtlich
gewiß erklärlichen Vergleichs zwischen der Unvernunft
des Glaubens und der gesunden wissenschaftlichen Vernunft ist?
Es ist augenscheinlich, daß dieses schreckliche Geheimnis
unerklärbar ist, das heißt, daß es unsinnig
ist, weil das Unsinnige allein sich nicht erklären läßt.
Es ist augenscheinlich, daß, wer dasselbe zu seinem Glück,
zu seinem Leben braucht, auf seine Vernunft verzichten und,
wenn er kann, zum naiven, blinden, dummen Glauben zurückkehrend,
mit Tertullian und allen aufrichtigen Gläubigen die Worte
wiederholen muß, welche die wahre Quintessenz der Theologie
enthalten: Credo quia absurdum (Ich glaube, weil es absurd ist).
Dann hört jede Erörterung auf und es bleibt nur die
triumphierende Dummheit des Glaubens. Aber eine andere Frage
erhebt sich dann sofort: Wie kann in einem intelligenten und
unterrichteten Menschen das Bedürfnis entstehen, an dieses
Geheimnis zu glauben?
Nichts ist natürlicher, als daß der Glaube an Gott,
den Schöpfer, Organisator, Richter, Herren, Verflucher,
Retter und Wohltäter der Welt sich im Volk erhalten hat,
und zwar vor allem bei der Landbevölkerung viel mehr als
beim städtischen Proletariat. Das Volk ist leider noch
sehr unwissend und wird in seiner Unwissenheit erhalten durch
die systematischen Anstrengungen aller Regierungen, welche diese
Unwissenheit sehr begründeterweise für eine der wichtigsten
Bedingungen ihrer eigenen Macht halten. Von der täglichen
Arbeit erdrückt, der Muße, des geistigen Verkehrs,
der Lektüre, kurz aller Mittel und der meisten Antriebe
beraubt, welche das menschliche Denken entwickeln, nimmt das
Volk meist ohne Kritik und in Bausch und Bogen die religiösen
Traditionen an, die es von der frühesten Kindheit an in
allen Lebensverhältnissen umgeben und die von einer Menge
offizieller Vergifter aller Art, Priestern und Laien, künstlich
in ihm am Leben erhalten werden, wodurch sie sich in ihm in
eine Art geistiger und moralischer Gewohnheit verwandeln, die
nur zu oft viel mächtiger ist, als sein natürlicher
gesunder Menschenverstand.
Noch eine andere Ursache erklärt und rechtfertigt in gewissem
Grade den unsinnigen Glauben des Volkes. Dies ist die elende
Lage, zu der es durch die bestehende Gesellschaftsordnung in
den zivilisiertesten Ländern Europas unabänderlich
verurteilt ist. In geistiger und moralischer wie in materieller
Hinsicht auf ein Minimum menschlicher Existenz eingeschränkt,
in seine Lebensweise eingesperrt wie ein Gefangener in den Kerker,
ohne Ausblick, ohne Ausweg, sogar ohne Zukunft, wenn man den
Ökonomisten glauben will, müßte das Volk die
merkwürdig enge Seele und den niedrigen Instinkt der Bourgeois
haben, wenn es nicht das Bedürfnis empfinden würde,
aus diesen Verhältnissen herauszukommen; dazu gibt es aber
nur drei Mittel, zwei phantastische und ein wirkliches. Die
beiden ersteren sind das Wirtshaus und die Kirche, körperliche
oder geistige Ausschweifung; das dritte ist die soziale Revolution.
Ich schließe daraus, daß letztere allein, viel mehr
wenigstens als alle theoretische Propaganda der Freidenker,
imstande sein wird, den religiösen Glauben und die Ausschweifungsgewohnheiten
im Volk bis zu ihren letzten Spuren zu zerstören, einen
Glauben und Gewohnheiten, die viel enger miteinander verknüpft
sind, als man gemeinhin glaubt; durch Ersatz der gleichzeitig
trügerischen und niedrigen Genüsse dieser körperlichen
und geistigen Zügellosigkeit durch die ebenso feinen wie
wirklichen Genüsse der in jedem und in allen sich vollständig
entwickelnden Menschlichkeit wird die soziale Revolution allein
die Macht haben, gleichzeitig alle Wirtshäuser und alle
Kirchen zu schließen. Bis dahin wird die Masse des Volkes
glauben und wird dabei, wenn auch nicht die Vernunft, so doch
wenigstens das Recht, dies zu tun, auf seiner Seite haben.

Es gibt eine Menschenklasse, die, wenn sie auch nicht selbst
glaubt, sich doch wenigstens gläubig stellen muß.
Das sind alle Folterer, Unterdrücker und Ausbeuter der
Menschheit. Geistliche, Monarchen, Staatsmänner, Krieger,
öffentliche und private Finanziers, Beamte aller Art, Polizisten,
Gendarmen, Kerkermeister und Henker, Monopolisten, Kapitalisten,
Steuereintreiber, Unternehmer und Hausbesitzer, Advokaten, Ökonomisten,
Politiker aller Farben, bis zum letzten Philister, alle wiederholen
einstimmig die Worte Voltaires: Wenn es keinen Gott gäbe,
müßte man einen erfinden. Denn, ihr versteht, das
Volk braucht eine Religion. Sie ist das Sicherheitsventil.
Es gibt endlich eine ziemlich zahlreiche Klasse ehrlicher, aber
schwacher Seelen, die zu intelligent sind, um die christlichen
Dogmen ernst zu nehmen und sie im einzelnen verwerfen, aber
nicht die nötige Kraft und Entschlossenheit haben, sie
als Ganzes zu verwerfen. Sie geben alle speziellen Unsinnigkeiten
der Religion der Kritik preis, sie weisen alle Wunder zurück,
aber sie klammern sich verzweifelt an den Hauptunsinn, der die
Quelle aller anderen ist, an das Wunder, das alle anderen Wunder
erklärt und rechtfertigt, an das Dasein Gottes. Ihr Gott
ist nicht das starke und mächtige Wesen, der brutal positive
Gott der Theologie. Er ist ein nebelhaftes, durchsichtiges,
trügerisches Wesen, so trügerisch, daß, wenn
man ihn zu packen glaubt, er sich in das Nichts verwandelt;
er ist eine Spiegelung, ein Irrlicht, das weder wärmt noch
erhellt. Und doch halten sie an ihm fest und glauben, daß
mit seinem Verschwinden alles mit ihm verschwinden würde.
Das sind unentschlossene, krankhafte Seelen, die sich in der
heutigen Kultur nicht zurechtfinden, die weder der Gegenwart
noch der Zukunft angehören, blasse Phantome, die ewig zwischen
Himmel und Erde hängen und die sich in derselben Stellung
zwischen der Bourgeois-Politik und dem Sozialismus des Proletariats
befinden. Sie fühlen sich nicht stark genug, einen Gedanken
bis zu Ende zu denken, zu wollen und sich zu entschließen,
und sie verlieren ihre Zeit und Mühe damit, immer das Unversöhnliche
versöhnen zu wollen. Im öffentlichen Leben nennt man
sie Bourgeois-Sozialisten. Eine Diskussion ist weder mit ihnen
noch gegen sie möglich. Sie sind zu krank.
Es gibt aber eine kleine Zahl ausgezeichneter Männer, von
denen niemand ohne Achtung zu sprechen wagt und deren kräftige
Gesundheit, Geistesstärke und guten Glauben niemand zu
bezweifeln sich träumen läßt. Es genügt,
Mazzini, Michelet, Quinet, John Stuart Mill 3
zu nennen. Sie alle sind edle und starke Seelen, große
Herzen, große Geister, große Schriftsteller, besonders
was Mazzini, den heldenhaften und revolutionären Wiedererwecker
einer großen Nation, betrifft; sie alle sind Vertreter
des Idealismus und Verächter, leidenschaftliche Gegner
des Materialismus, folglich auch des Sozialismus, in der Philosophie
wie in der Politik. Gegen sie also muß diese Frage erörtert
werden.
Stellen wir zunächst fest, daß keiner der erwähnten
ausgezeichneten Männer und kein anderer halbwegs bedeutender
idealistischer Denker unserer Zeit sich mit der logischen Seite
dieser Frage im engeren Sinn beschäftigt hat. Keiner versuchte,
philosophisch die Möglichkeit des göttlichen Salto
mortale von den ewigen und reinen Regionen des Geistes in den
Schlamm der materiellen Welt zu lösen. Fürchteten
sie, an diesen unlösbaren Widerspruch heranzugehen, verzweifelten
sie an seiner Lösung, nachdem dieselbe den größten
Genies der Geschichte fehlgeschlagen, oder betrachteten sie
ihn schon als hinreichend gelöst? Das ist ihr Geheimnis.
Tatsache ist, daß sie die theoretische Darlegung der Existenz
eines Gottes beiseite ließen und nur ihre praktischen
Gründe und Folgerungen entwickelten. Sie alle sprachen
davon wie von einer allgemein angenommenen Tatsache, die als
solche keinem Zweifel mehr unterliegen kann, und beschränkten
sich, anstelle jeden Beweises, das Alter und die Allgemeinheit
des Glaubens an Gott festzustellen.
Diese eindrucksvolle Einstimmigkeit gilt in den Augen vieler
ausgezeichneten Männer und Autoren so, um nur die berühmtesten
zu nennen, nach der beredt ausgedrückten Meinung Joseph
de Maistres und der des großen italienischen Patrioten
Giuseppe Mazzini mehr als alle Nachweise der Wissenschaft. Wenn
die Logik einer kleinen Zahl konsequenter und sogar sehr großer,
aber alleinstehender Denker zu einem gegenteiligen Ergebnis
führt, so sagen sie, dies sei um so schlimmer für
diese Denker und ihre Logik, denn die allgemeine Zustimmung
zu einer Idee, ihre allgemeine Annahme von alters her wurden
immer als siegreichster Beweis für ihre Wahrheit betrachtet.
Das Gefühl der ganzen Welt, eine überall und immer
auftretende und sich behauptende Überzeugung könnten
nicht fehlgehen. Sie müßten ihre Wurzel in einer
im Wesen des Menschen selbst liegenden Notwendigkeit haben.
Und da festgestellt wurde, daß alle Völker der Vergangenheit
und Gegenwart an das Dasein Gottes glaubten und noch glauben,
ist klar, daß die, die so unglücklich sind, daran
zu zweifeln, trotz aller Logik, die sie zu diesem Zweifel brachte,
abnormale Ausnahmen, Monstrositäten sind.
Das Alter und die Allgemeinheit eines Glaubens soll also, gegen
alle Wissenschaft und Logik, ein hinreichender und un-widerleglicher
Beweis für seine Richtigkeit sein. Warum dies? Bis zum
Jahrhundert von Kopernikus und Galilei glaubte alle Welt, die
Sonne drehe sich um die Erde. Hat sich nicht alle Welt geirrt?
Was ist älter und allgemeiner als die Sklaverei? Die Menschenfresserei
vielleicht. Seit Beginn der geschichtlichen Gesellschaft bis
heute gab es immer und überall Ausbeutung der erzwungenen
Arbeit der Massen, von Sklaven, Leibeigenen oder Lohnarbeitern
durch eine herrschende Minderheit, Unterdrückung der Völker
durch Kirche und Staat. Muß man daraus schließen,
daß diese Ausbeutung und Unterdrückung der menschlichen
Gesellschaft absolut verbundene Notwendigkeiten sind? Diese
Beispiele zeigen, daß das Beweismittel der Verteidiger
des Herrgotts nichts beweist.
Nichts ist tatsächlich so allgemein und so alt wie das
Unrechte und Unsinnige; Wahrheit und Gerechtigkeit dagegen sind
in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften am wenigsten
allgemein verbreitet und am jüngsten. Dies erklärt
auch die ständige historische Erscheinung unerhörter
Verfolgungen, deren Gegenstand ihre ersten Verkünder seitens
der offiziellen, patentierten und interessierten Vertreter der
"allgemeinen" und "alten" Glaubensdogmen
stets waren und noch sind, oft auch seitens derselben Volksmassen,
die, nachdem sie die ersten Verkünder gehörig gemartert,
stets deren Ideen schließlich annehmen und zum Sieg führen.
Uns Materialisten und revolutionäre Sozialisten erstaunt
und erschreckt diese geschichtliche Erscheinung in keiner Weise.
Gestützt auf unser Gewissen, auf unsere Liebe zur Wahrheit
um jeden Preis, auf die Leidenschaft für die Logik, die
an sich allein eine große Macht bildet und außerhalb
welcher es kein Denken gibt; gestützt auf unsere Leidenschaft
für die Gerechtigkeit und unseren unerschütterlichen
Glauben an den Sieg der Menschlichkeit über alle theoretischen
und praktischen Bestialitäten; gestützt endlich auf
das gegenseitige Vertrauen und die Hilfe, die die kleine Zahl
unserer Gleichgesinnten einander geben, nehmen wir alle Folgen
dieser geschichtlichen Erscheinung auf uns, da wir in ihr die
Äußerung eines sozialen Gesetzes sehen, das ebenso
natürlich, notwendig und unabänderlich ist wie alle
anderen die Welt lenkenden Gesetze.
Dieses Gesetz ist eine logische, unvermeidliche Folge des tierischen
Ursprungs der menschlichen Gesellschaft; es ist aber- angesichts
aller wissenschaftlichen, physiologischen, psychologischen und
historischen Beweise, die sich in unserer Zeit angehäuft
haben, und angesichts seiner so glänzenden Darlegung durch
die Taten der Deutschen als Eroberer Frankreichs- wirklich nicht
möglich, an diesem Ursprung zu zweifeln. Wenn man aber
diesen tierischen Ursprung des Menschen annimmt, erklärt
sich alles. Die Geschichte erscheint uns dann als die revolutionäre
Verneinung der Vergangenheit, bald langsam, stumpfsinnig und
verschlagen, bald leidenschaftlich und mächtig. Sie besteht
in der fortschreitenden Verneinung der ursprünglichen tierischen
Natur des Menschen durch die Entwicklung seiner Menschlichkeit.
Der Mensch, ein wildes Tier, ein Verwandter des Gorilla, ging
von der tiefen Nacht des tierischen Instinkts aus, um zum Licht
des Geistes zu gelangen, was all seine vergangenen Verirrungen
ganz natürlich erklärt und uns zum Teil über
seine gegenwärtigen Irrtümer tröstet. Von der
tierischen Sklaverei ausgehend, durchschritt er die göttliche
Sklaverei, einen Zwischenzustand zwischen seiner Tierheit und
Menschlichkeit, und heute schreitet er zur Eroberung und Verwirklichung
seiner menschlichen Freiheit. Daraus folgt, daß das Alter
eines Glaubens, einer Idee, weit entfernt, etwas zu deren Gunsten
zu beweisen, sie uns im Gegenteil verdächtig erscheinen
lassen muß. Denn hinter uns liegt unsere Tierheit, vor
uns unsere Menschlichkeit, und das menschliche Licht, das einzige,
das uns erwärmen und erleuchten kann, das einzige, das
uns befreien, uns würdig, frei, glücklich machen und
die Brüderlichkeit unter uns verwirklichen kann - dieses
Licht leuchtet nie am Anfang, sondern, je nach der Zeit, in
der man lebt, stets am Ende der Geschichte. Schauen wir also
nie rückwärts, schauen wir immer vorwärts, denn
vor uns ist unsere Sonne und unser Heil, und wenn es erlaubt,
ja sogar nützlich und notwendig ist, zurückzuschauen,
um unsere Vergangenheit zu studieren, dann geschieht dies nur,
um festzustellen, was wir gewesen sind und was wir nicht mehr
sein dürfen, was wir glauben und dachten und was wir nicht
mehr glauben und denken dürfen, was wir getan und was wir
niemals wieder tun dürfen.
Soweit über das Alter. Was die Allgemeinheit eines Irrtums
betrifft, so beweist dieselbe nur eines: die Ähnlichkeit,
wenn nicht die völlige Gleichheit der menschlichen Natur
in allen Zeiten und allen Zonen. Und da feststeht, daß
alle Völker zu allen Zeiten ihrer Geschichte an Gott glaubten
und noch glauben, müssen wir daraus einfach schließen,
daß die aus uns selbst hervorgegangene Gottesidee ein
in der Entwicklung der Menschheit geschichtlich notwendiger
Irrtum ist, und uns fragen, warum und wie sie entstand und warum
die ungeheure Mehrheit der Menschheit sie noch heute als wahr
annimmt.
Solange wir uns nicht erklären können, wie die Idee
einer übernatürlichen oder göttlichen Welt in
der geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Bewußtseins
entstand und notwendigerweise entstehen mußte, so lange
mögen wir wohl wissenschaftlich von der Sinnlosigkeit dieser
Idee überzeugt sein, wir werden sie aber in der Meinung
der Mehrheit nie zerstören können. Denn wir wären
nie imstande, sie in denselben Tiefen des menschlichen Wesens
zu zerstören, in denen sie entstand, und, zu einem unfruchtbaren,
aussichts- und endlosen Kampf verurteilt, müßten
wir uns immer begnügen, sie nur an der Oberfläche
zu bekämpfen, in ihren zahllosen Äußerungen,
deren kaum vom gesunden Menschenverstand erkannte Sinnlosigkeit
sofort in neuer und nicht weniger sinnloser Form wieder entstehen
würde. Solange die Wurzel aller die Welt marternden Sinnlosigkeiten,
der Glaube an Gott, unberührt bleibt, wird sie stets neue
Früchte zeitigen. So beginnt in unseren Tagen, in gewissen
Kreisen der höchsten Gesellschaft, der Spiritismus sich
auf den Ruinen des Christentums festzusetzen.
Nicht nur im Interesse der Massen, auch im Interesse der Gesundheit
unseres eigenen Geistes müssen wir uns bemühen, das
geschichtliche Werden der Gottesidee, die Reihe der Ursachen,
welche diese Idee im Bewußtsein der Menschen erzeugten
und entwickelten, zu begreifen. Wenn wir uns auch Atheisten
nennen und für solche halten, solange wir diese Ursachen
nicht verstanden haben, werden wir uns stets mehr oder weniger
von dem Lärm dieses allgemeinen Gewissens beherrschen lassen,
dessen Geheimnis wir nicht herausgefunden haben, und bei der
natürlichen Schwäche selbst des Stärksten gegenüber
dem allmächtigen Einfluß des sozialen Milieus, das
ihn umgibt, riskieren wir stets früher oder später,
auf die eine oder andere Art in den Abgrund der religiösen
Sinnlosigkeit zurückzufallen. Beispiele solcher schmachvoller
Bekehrungen sind in der heutigen Gesellschaft häufig. Ich
führte den Hauptgrund der noch heute von dem religiösen
Glauben auf die Massen ausgeübten Macht an. Diese mystischen
Neigungen bezeichnen bei den Massen nicht so sehr eine Verirrung
des Geistes als tiefe innere Unzufriedenheit. Sie sind der instinktive
und leidenschaftliche Aufschrei des menschlichen Wesens gegen
die Enge, die Flachheit, die Schmerzen und die Schande eines
erbärmlichen Lebens. Gegen diese Krankheit, sagte ich,
gibt es nur ein einziges Mittel: die soziale Revolution.

Im Anhang suchte ich die Ursachen der Entstehung der geschichtlichen
Entwicklung der religiösen Hirngespinste im Menschenbewußtsein
auseinanderzusetzen. Hier will ich die Frage der Existenz eines
Gottes oder des göttlichen Ursprungs der Welt und des Menschen
nur vom Standpunkt ihrer moralischen und sozialen Nützlichkeit
behandeln und über die theoretische Ursache dieses Glaubens
nur wenige Worte sagen, um meine Gedanken besser klarzumachen.
Alle Religionen mit ihren Göttern, Halbgöttern, Propheten,
Erlösern und Heiligen wurden von der leichtgläubigen
Phantasie von Menschen geschaffen, die noch nicht zur vollen
Entwicklung und zum Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten
gelangt waren; der Himmel der Religion ist also nichts als eine
Lichtspiegelung, in der der Mensch, von Unwissenheit und Glauben
überspannt, sein eigenes Bild wiedersieht, aber vergrößert
und verkehrt, d.h. vergöttlicht. Die Geschichte der Religionen,
die des Ursprungs, der Größe und des Verfalls der
Götter, wie sie im menschlichen Glauben aufeinander folgten,
ist also nichts als die Entwicklung der Intelligenz und des
kollektiven Bewußtseins der Menschen. Je nachdem sie auf
ihrem geschichtlichen Vormarsch in sich selbst oder in der äußeren
Natur eine Kraft, eine Fähigkeit oder selbst einen großen
Fehler fanden, übertrugen sie dieselben durch einen Akt
ihrer religiösen Phantasie auf ihre Götter, übertrieben,
ins Maßlose ausgedehnt, wie Kinder es zu tun pflegen.
Dank dieser Bescheidenheit und frommen Großmütigkeit
der gläubigen und leichtgläubigen Menschen bereicherte
sich der Himmel durch das, was der Erde geraubt wurde, und konsequenterweise
wurden die Menschheit, die Erde desto elender, je reicher der
Himmel wurde. Sobald einmal die Gottheit eingesetzt war, wurde
sie natürlich als Grund, Ursache, Schiedsrichter und absoluter
Verfüger über alle Dinge proklamiert: Die Welt war
nichts mehr, die Gottheit alles, und der Mensch, ihr wahrer
Schöpfer, der sie ohne sein Wissen aus dem Nichts herausgezogen,
beugte sein Knie vor ihr, betete sie an und erklärte sich
als ihr Geschöpf und ihr Sklave. Das Christentum ist gerade
die Religion par excellence. Weil es in seiner Ganzheit die
Natur, das eigentliche Wesen jedes religiösen Systems ausdrückt
und äußert, nämlich die Verarmung, die Versklavung
und die Vernichtung der Menschheit zum Vorteil der Gottheit.
Da Gott alles ist, sind die wirkliche Welt und der Mensch nichts.
Da Gott die Wahrheit, die Gerechtigkeit, das Gute, das Schöne,
die Macht und das Leben ist, ist der Mensch die Lüge, das
Schlechte, das Übel, die Häßlichkeit, die Ohnmacht
und der Tod. Da Gott der Herr ist, ist der Mensch der Sklave.
Der Mensch ist unfähig, die Gerechtigkeit, die Wahrheit
und das ewige Leben selbst zu finden, und kann sie nur durch
göttliche Offenbarung erlangen. Wer aber Offenbarung sagt,
sagt auch Offenbarer, Erlöser, Propheten, Priester und
Gesetzgeber, die Gott selbst erleuchtete, und sobald diese einmal
als Vertreter der Gottheit auf der Erde anerkannt sind, als
die heiligen Lehrer der Menschheit, die Gott selbst auserwählte,
um die Menschheit auf den Weg des Heils zu leiten, müssen
sie notwendigerweise absolute Macht ausüben. Alle Menschen
schulden ihnen unbegrenzten und demütigen Gehorsam; denn
gegenüber der göttlichen Vernunft gibt es keine menschliche
Vernunft, und vor der Gerechtigkeit Gottes bleibt keine irdische
Gerechtigkeit bestehen. Als Sklaven Gottes müssen die Menschen
auch Sklaven der Kirche und des Staates sein, insoweit als der
Staat von der Kirche geheiligt ist. Dies begriff von allen bestehenden
und vergangenen Religionen das Christentum am besten, nicht
ausgenommen selbst die alten orientalischen Religionen, welche
übrigens nur bestimmte und bevorrechtete Völker umfaßten,
während das Christentum den Anspruch hat, die ganze Menschheit
zu umfassen, und von allen christlichen Sekten hat der römische
Katholizismus allein dies mit strenger Konsequenz verkündet
und verwirklicht. Deshalb ist das Christentum die absolute Religion,
die letzte Religion, und die römischapostolische Kirche
die einzig konsequente, rechtmäßige und göttliche.
Ob es also den Metaphysikern und religiösen Idealisten,
Philosophen, Politikern oder Dichtern gefällt oder nicht:
Die Gottesidee enthält die Abdankung der menschlichen Vernunft
und Gerechtigkeit in sich, sie ist die entschiedenste Verneinung
der menschlichen Freiheit und führt notwendigerweise zur
Versklavung der Menschen in Theorie und Praxis. Wenn wir also
nicht die Versklavung und Herabwürdigung der Menschen wollen
wie die Jesuiten, die protestantischen Momiers, Pietisten oder
Methodisten, dann können und dürfen wir dem Gott der
Theologie und dem Gott der Metaphysik nicht das geringste Zugeständnis
machen. Denn wer in diesem geheimnisvollen Alphabet A sagt,
sagt schließlich unvermeidlich auch Z, und wer Gott anbeten
will, muß, ohne sich kindische Illusionen zu machen, tapfer
auf seine Freiheit und Menschlichkeit verzichten. Wenn Gott
existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll
aber frei sein: Folglich existiert Gott nicht. Ich fordere jeden
auf, diesem Kreis zu entgehen, und nun mag man wählen.
Muß man daran erinnern, wie sehr und wie die Religionen
die Völker verdummen und verderben? Sie töten in ihnen
die Vernunft, dieses Hauptwerkzeug der menschlichen Befreiung,
und führen sie zum Schwachsinn, der wesentlichen Voraussetzung
ihrer Sklaverei. Sie entehren die menschliche Arbeit und machen
sie zum Zeichen und zur Quelle der Knechtschaft. Sie töten
Begriff und Gefühl der menschlichen Gerechtigkeit und lassen
die Waagschale immer sich auf die Seite der triumphierenden
Schurken, der bevorrechteten Auserwählten der göttlichen
Gnade, neigen. Sie töten menschlichen Stolz und Würde
und schützen nur die Kriechenden und Demütigen. Sie
ersticken im Herz der Völker jedes Gefühl menschlicher
Brüderlichkeit und erfüllen es mit göttlichen
Grausamkeit. Alle Religionen sind grausam, alle sind auf Blut
gegründet; denn alle ruhen hauptsächlich auf der Idee
des Opfers, das heißt auf der beständigen Opferung
der Menschheit zugunsten der unersättlichen Rache der Gottheit.
In diesem blutigen Geheimnis ist der Mensch immer das Opfer,
und der Priester, auch ein Mensch, aber ein durch die Gnade
bevorrechteter, ist der göttliche Henker. Dies erklärt
uns, warum die Priester aller Religionen, die Besten, die Menschlichsten,
die Sanftesten, bei nahe immer auf dem Grund ihres Herzens -
und wenn nicht im Herzen, in ihrer Einbildung, ihrem Geist (und
man kennt den furchtbaren Einfluß beider auf das Herz
der Menschen), - warum, sage ich, in den Gefühlen jedes
Priesters etwas Grausames und Blutdürstiges liegt.
All das wissen unsere ausgezeichneten Idealisten der Gegenwart
besser als irgend jemand. Sie sind gelehrte Leute, die ihre
Geschichte kennen, und da sie gleichzeitig lebende Menschen
sind, große Seelen, von aufrichtiger und tiefer Liebe
zur Menschheit durchdrungen, so verfluchten und brandmarkten
sie all diese Untaten, all diese Verbrechen der Religion mit
unerreichter Beredsamkeit. Mit Entrüstung weisen sie jede
Gemeinschaftlichkeit mit dem Gott der positiven Religionen und
seinen vergangenen und gegenwärtigen irdischen Vertretern
zurück.
Der Gott, den sie anbeten oder anzubeten glauben, unterscheidet
sich von den wirklichen Göttern der Geschichte gerade dadurch,
daß er durchaus kein positiver und auf irgendeine Weise
theologisch oder selbst metaphysisch bestimmter Gott ist. Er
ist weder das höchste Wesen Robespierres und Jean-Jacques
Rousseaus, noch der pantheistische Gott Spinozas, noch selbst
der gleichzeitig immanente und transzendente und sehr zweideutige
Gott Hegels. Sie hüten sich, ihm irgendeine positive Bestimmung
zu geben, da sie sehr gut fühlen, daß eine solche
Bestimmung ihn der zersetzenden Tätigkeit der Kritik preisgeben
würde. Sie werden nie sagen, ob es ein persönlicher
oder unpersönlicher Gott ist, ob er die Welt erschaffen
hat oder nicht; sie sprechen nicht einmal von seiner göttlichen
Vorsehung. All das könnte ihn bloßstellen. Sie werden
sich begnügen zu sagen: "Gott" und nichts weiter.
Aber was ist dann ihr Gott? Nicht einmal eine Idee, sondern
ein bloßer Hauch.
Er ist der Gattungsname für alles, das ihnen groß,
gut, schön, edel, menschlich erscheint. Aber warum sagen
sie dann nicht:"Mensch"? Ach, weil König Wilhelm
von Preußen und Napoleon III. und alle ihresgleichen auch
Menschen sind, und dies setzt sie in große Verlegenheit.
Die wirkliche Menschheit bildet eine Verbindung des Erhabensten
und Schönsten und des Erbärmlichsten und Ungeheuerlichsten,
das es gibt. Wie kommen sie aus dieser Verlegenheit heraus?
Sie nennen das eine göttlich, das andere tierisch, und
stellen sich die Göttlichkeit und die Animalität als
zwei Pole vor, zwischen die sie die Menschheit stellen. Sie
wollen oder können nicht begreifen, daß diese drei
Ausdrücke nur einen einzigen bilden und daß man sie
zerstört, wenn man sie trennt.
Sie sind in der Logik nicht stark, und man möchte glauben,
daß sie sie verachten. Das unterscheidet sie von den pantheistischen
und deistischen Metaphysikern und drückt ihren Ideen den
Charakter eines praktischen Idealismus auf, der sein Trachten
viel weniger aus der strengen Entwicklung eines Gedankens schöpft
als aus den geschichtlichen, kollektiven und individuellen Erfahrungen,
beinahe sagte ich Bewegungen des Lebens. Dies gibt ihrer Propaganda
einen Schein von Reichtum und Lebenskraft, aber nur einen Schein;
denn das Leben selbst wird unfruchtbar, wenn es von einem logischen
Widerspruch gelähmt wird.
Dieser Widerspruch ist folgender: Sie wollen Gott und sie wollen
die Menschheit. Sie versteifen sich darauf, zwei Begriffe zusammenzubringen,
die, einmal getrennt, sich nur wieder treffen können, um
sich gegenseitig zu zerstören. Sie sagen in einem Atemzug:
"Gott und die Freiheit des Menschen", "Gott und
die Würde, Gerechtigkeit, Gleichheit, Brüderlichkeit,
das Wohl der Menschen", - ohne sich um die unvermeidliche
Logik zu kümmern, nach welcher, wenn Gott existiert, dies
alles zum Nichtvorhandensein verurteilt ist. Denn wenn Gott
existiert, ist er notwendigerweise der ewige, höchste,
absolute Herr, und wenn ein solcher Herr da ist, ist der Mensch
Sklave; wenn er aber Sklave ist, sind für ihn weder Gerechtigkeit,
noch Gleichheit, Brüderlichkeit, Wohlfahrt möglich.
Mögen diese Idealisten sich immer gegen den gesunden Menschenverstand
und alle geschichtliche Erfahrung, ihren Gott von der zartesten
Liebe für die menschliche Freiheit beseelt vorstellen:
Ein Herr, was er immer tun und wie freiheitlich er sich zeigen
mag, bleibt nichtsdestoweniger ein Herr, und seine Existenz
schließt notwendigerweise die Sklaverei von allem, das
unter ihm ist, ein. Wenn also Gott existierte, gäbe es
für ihn nur ein einziges Mittel, der menschlichen Freiheit
zu dienen: aufhören zu existieren.
Als eifersüchtiger Anhänger der menschlichen Freiheit,
die ich als die unbedingte Grundbedingung von allem, das wir
in der Menschheit verehren und achten, ansehe, drehe ich Voltaires
Satz um und sage: Wenn Gott wirklich existierte, müßte
man ihn beseitigen. Die strenge Logik, die mir diese Worte diktiert,
ist zu klar, als daß ich diesen Gedankengang weiter entwickeln
müßte. Und es scheint mir unmöglich, daß
dies den erwähnten ausgezeichneten Männern, deren
Namen so berühmt und so mit Recht geachtet sind, nicht
selbst aufgefallen ist und daß sie den Widerspruch nicht
bemerkten, der darin liegt, daß sie gleichzeitig von Gott
und von der menschlichen Freiheit sprachen. Zur Nichtbeachtung
des Widerspruchs muß sie der Gedanke veranlaßt haben,
daß diese Inkonsequenz oder diese Hintansetzung der Logik
in der Praxis zum Besten der Menschheit notwendig ist.
Vielleicht verstehen sie auch die Freiheit, von der sie als
von einer von ihnen sehr geachteten, ihnen sehr lieben Sache
sprechen, in ganz anderem Sinn, als wir Materialisten und revolutionäre
Sozialisten sie auffassen. Sie sprechen tatsächlich nie
von ihr, ohne sofort ein anderes Wort hinzuzufügen, das
Wort Autorität, ein Wort und eine Sache, die wir aus vollem
Herzen verabscheuen.
Was ist die Autorität? Ist es die unvermeidliche Macht
der Naturgesetze, die sich in der Verkettung und notwendigen
Aufeinanderfolge der Erscheinungen der physischen und sozialen
Welt äußern? Gegen diese Gesetze ist tatsächlich
die Empörung nicht nur verboten, sondern auch unmöglich.
Wir mögen sie verkennen oder sie noch nicht kennen, aber
wir können ihnen nicht ungehorsam sein, weil sie die Grundlage
und Grundbedingung unseres Daseins sind; sie umgeben und durchdringen
uns, regeln all unsere Bewegungen, Gedanken, Handlungen, so
daß, selbst wenn wir ihnen ungehorsam zu sein glauben,
wir nur ihre Allmacht beweisen.

Ja, wir sind unbedingt die Sklaven dieser Gesetze. Aber es liegt
nichts Erniedrigendes in dieser Sklaverei oder vielmehr, es
ist gar keine Sklaverei. Denn Sklaverei setzt einen äußeren
Herrn, einen Gesetzgeber voraus, der sich außerhalb desjenigen
befindet, dem er gebietet; diese Gesetze liegen aber nicht außer
uns, sie sind uns eigen, bilden unser Wesen, unser ganzes körperliches,
geistiges und moralisches Wesen; wir leben, atmen, handeln,
denken und wollen nur durch sie. Außerhalb ihrer sind
wir nichts, existieren wir nicht. Woher käme uns also die
Macht und der Wille, uns gegen sie zu empören?
Den Naturgesetzen gegenüber ist für den Menschen nur
eine Freiheit möglich: sie zu erkennen und sie immer mehr
seinem Ziel der kollektiven und individuellen Befreiung oder
Humanisierung entsprechend anzuwenden. Sind diese Gesetze einmal
erkannt, üben sie eine von der Masse der Menschen nie erörterte
Autorität aus. Man muß zum Beispiel ein Narr oder
ein Theologe oder wenigstens ein Metaphysiker, Jurist oder Bourgeois-Ökonom
sein, um sich gegen das Gesetz, daß zwei x zwei gleich
vier ist, zu empören. Man muß Glauben besitzen, um
sich einzubilden, daß man im Feuer nicht verbrennt und
im Wasser nicht ertrinkt, außer man nimmt zu irgend etwas
Zuflucht, das auch wieder auf einem anderen Naturgesetz beruht.
Aber diese Empörungen oder vielmehr diese Versuche oder
tollen Einbildungen einer unmöglichen Empörung bilden
nur eine seltene Ausnahme; denn im allgemeinen kann man sagen,
daß die Masse der Menschen im täglichen Leben beinahe
unbedingt vom gesunden Menschenverstand,das heißt von
der Summe der allgemein anerkannten Naturgesetze, geleitet wird.
Das große Unglück ist, daß eine große
Menge von der Wissenschaft schon erkannter Naturgesetze den
Volksmassen unbekannt bleibt dank der Sorgfalt der bevormundenden
Regierungen, die bekanntlich nur zum Besten der Völker
da sind. Ein anderer Nachteil ist der, daß der größte
Teil der auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bezüglichen
Naturgesetze, die ebenso notwendig, unveränderlich, unvermeidlich
sind wie die die physische Welt regierenden Gesetze, noch nicht
von der Wissenschaft hinreichend festgestellt und erkannt ist.
Sobald sie einmal von der Wissenschaft erkannt und aus der Wissenschaft
durch ein großes System der Volkserziehung und des Volksunterrichts
in das Bewußtsein aller übergegangen sein werden,
wird die Frage der Freiheit vollständig gelöst sein.
Die verbissensten Verfechter der Autorität müssen
zugeben, daß dann politische Organisation, Leitung und
Gesetzgebung nicht mehr nötig sein werden, drei Dinge,
die, mögen sie dem Willen des Herrschers oder den Abstimmungen
eines vom allgemeinen Stimmrecht gewählten Parlaments entspringen
und mögen sie selbst dem System der Naturgesetze entsprechen,
stets auf gleiche Weise der Freiheit der Massen verhängnisvoll
und feindlich sind, weil sie ihnen ein System äußerlicher
und daher despotischer Gesetze aufzwingen. Die Freiheit des
Menschen besteht einzig darin, daß er den Naturgesetzen
gehorcht, weil er sie selbst als solche erkannt hat und nicht,
weil sie ihm von außen her von irgend einem fremden Willen,
sei er göttlich oder menschlich, kollektiv oder individuell,
auferlegt sind.
Man nehme eine wissenschaftliche Körperschaft, die aus
den erleuchtetsten Vertretern der Wissenschaft besteht; man
nehme an, sie sei mit der Gesetzgebung, mit der Organisation
der Gesellschaft beauftragt, sei von der lautersten Wahrheitsliebe
erfüllt und erlasse nur Gesetze, die unbedingt den neuesten
Entdeckungen der Wissenschaft entsprechen. Nun, ich behaupte,
daß diese Gesetzgebung und diese Organisation Ungeheuerlichkeiten
sein werden, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil die
menschliche Wissenschaft immer notwendigerweise unvollkommen
ist und man, wenn man das schon Entdeckte mit dem noch nicht
Entdeckten vergleicht, von ihr sagen kann, daß sie noch
immer in der Wiege liegt. Wenn man also das praktische Leben
der Gesellschaft und des einzelnen zwingen würde, sich
streng und ausschließlich den letzten Ergebnissen der
Wissenschaft anzupassen, würde man Gesellschaft und Individuen
zu den Qualen eines Prokrustesbettes verurteilen, das sie bald
auseinanderreißen und erdrücken würde, da das
Leben immer unendlich weiter ist als die Wissenschaft.
Der zweite Grund ist der: Eine Gesellschaft, die den von einer
wissenschaftlichen Körperschaft gegebenen Gesetzen nicht
deshalb gehorchen würde, weil sie selbst den vernünftigen
Charakter dieser Gesetze begriff, in welchem Fall die Existenz
der Körperschaft unnötig würde, sondern weil
die Gesetzgebung dieser Körperschaft im Namen einer Wissenschaft
auferlegt wird, die man verehren würde, ohne sie zu begreifen,
- eine solche Gesellschaft wäre nicht eine Gesellschaft
von Menschen, sondern von stummen Tieren. Sie wäre eine
zweite Auflage der armen Republik Paraguay, die sich so lange
von der Gesellschaft Jesu regieren ließ. Eine solche Gesellschaft
würde bald auf die tiefste Stufe des Blödsinns herabsinken.
Ein dritter Grund noch macht eine solche Regierung unmöglich.
Eine mit solcher sozusagen absoluten Herrschaftsgewalt bekleidete
wissenschaftliche Körperschaft würde, auch wenn sie
aus den erleuchtetsten Männern bestände, unfehlbar
und bald selbst moralisch und geistig verdorben werden. Dies
ist schon heute bei den wenigen ihnen überlassenen Vorrechten
die Geschichte aller Akademien. Das größte wissenschaftliche
Genie sinkt unvermeidlich und schläft ein, sobald es Akademiker,
offizieller, patentierter Gelehrter wird. Es verliert seine
Selbstbestimmung, seine revolutionäre Kühnheit und
die unbequeme und wilde Tatkraft, die für das Wesen der
größten Genies charakteristisch sind, die stets berufen
sind, hinfällige Welten zu zerstören und die Grundlagen
neuer Welten zu legen. Zweifellos gewinnt es an Höflichkeit,
nützlicher und praktischer Weisheit, was es an Denkkraft
verliert. Es wird, mit einem Wort, verdorben.
Vorrechte, jede bevorrechtete Stellung haben die Eigentümlichkeit,
Geist und Herz der Menschen zu töten. Der politisch oder
wirtschaftlich Bevorzugte ist geistig und moralisch minderwertig.
Dieses soziale Gesetz kennt keine Ausnahme und paßt auf
ganze Nationen wie auf Klassen, auf Körperschaften und
auf Individuen. Es ist das Gesetz der Gleichheit, der höchsten
Bedingung der Freiheit und Menschlichkeit. Der Hauptzweck dieses
Buches ist, dasselbe zu entwickeln und seine Wahrheit in allen
Äußerungen menschlichen Lebens zu zeigen.
Eine wissenschaftliche Körperschaft, welcher die Regierung
der Gesellschaft anvertraut wäre, würde sich bald
gar nicht mehr mit der Wissenschaft, sondern mit ganz anderen
Dingen beschäftigen; sie würde, wie alle bestehenden
Mächte, sich damit befassen, sich ewige Dauer zu verschaffen,
indem sie die ihr anvertraute Gesellschaft immer dümmer
und folglich ihrer Regierung und Leitung immer bedürftiger
machen würde.
Was aber von wissenschaftlichen Akademien gilt, gilt in gleicher
Weise von allen konstituierenden und gesetzgebenden Versammlungen,
selbst den aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangenen.
Letzteres mag zwar ihre Zusammensetzung erneuern, was aber nicht
hindert, daß sich in wenigen Jahren eine Körperschaft
von Politikern bildet, die tatsächlich, nicht rechtlich
bevorrechtet sind und durch ihre ausschließliche Beschäftigung
mit den öffentlichen Angelegenheiten eines Landes eine
Art politischer Aristokratie oder Oligarchie bilden. Ein Beispiel
dafür sind die Vereinigten Staaten und die Schweiz.
Also keine Gesetzgebung von außen her und keine Autorität;
beide sind voneinander unzertrennlich und führen zur Knechtung
der Gesellschaft und zur Verdummung der Gesetzgeber selbst.
Folgt heraus, daß ich jede Autorität verwerfe? Dieser
Gedanke liegt mir fern. Wenn es sich um Stiefel handelt, wende
ich mich an die Autorität des Schusters; handelt es sich
um ein Haus, einen Kanal oder eine Eisenbahn, so befrage ich
die Autorität des Architekten oder des Ingenieurs. Für
irgendeine Spezialwissenschaft wende ich mich an diesen oder
jenen Gelehrten. Aber weder der Schuster, noch der Architekt
oder der Gelehrte dürfen mir ihre Autorität aufzwingen.
Ich höre sie frei und mit aller ihrer Intelligenz, ihrem
Charakter, ihrem Wissen gebührenden Achtung an, behalte
mir aber mein unbestreitbares Recht der Kritik und der Nachprüfung
vor. Ich begnüge mich nicht, eine einzige Spezialautorität
zu befragen, ich befrage mehrere, vergleiche ihre Meinungen
und wähle die, die mir die richtigste zu sein scheint.
Aber ich erkenne keine unfehlbare Autorität an, selbst
nicht in ganz speziellen Fragen; folglich, welche Achtung ich
auch immer für die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit einer
Person habe, setze ich in niemanden unbedingten Glauben. Ein
solcher Glaube wäre verhängnisvoll für meine
Vernunft, meine Freiheit und den Erfolg meines Unternehmens,
er würde mich sofort in einen dummen Sklaven und ein Werkzeug
des Willens und der Interessen anderer verwandeln.
Wenn ich mich vor der Autorität von Spezialisten beuge
und bereit bin, ihren Angaben und selbst ihrer Leitung in gewissem
Grade und, solange es mir notwendig erscheint, zu folgen, tue
ich das, weil diese Autorität mir von niemand aufgezwungen
ist, nicht von den Menschen und nicht von Gott. Sonst würde
ich sie mit Abscheu zurückweisen und ihre Ratschläge,
ihre Leitung und ihre Wissenschaft zum Teufel jagen, in der
Gewißheit, daß sie mich die Brocken menschlicher
Wahrheit, die sie mir geben könnten, in viele Lügen
eingehüllt, durch den Verlust meiner Freiheit und Würde
bezahlen ließen.
Ich neige mich vor der Autorität von Spezialisten, weil
sie mir von meiner eigenen Vernunft auferlegt wird. Ich bin
mir bewußt, daß ich nur einen sehr kleinen Teil
der menschlichen Wissenschaft in allen Einzelheiten und positiven
Entwicklungen umfassen kann. Die größte Intelligenz
genügt nicht, alles zu umfassen. Daraus folgt für
die Wissenschaft wie für die Industrie die Notwendigkeit
der Arbeitsteilung und Vereinigung. Ich empfange und ich gebe,
so ist das menschliche Leben. Jeder ist abwechselnd leitende
Autorität oder Geleiteter. Es gibt also keine stetige und
feststehende Autorität, sondern einen beständigen
Wechsel von gegenseitiger Autorität und Unterordnung, die
vorübergehend und vor allem freiwillig ist.
Diese gleiche Ursache verbietet mir also, eine feste, beständige
und allgemeine Autorität anzuerkennen, weil es keinen universellen
Menschen gibt, der imstande wäre, mit jenem Reichtum an
Einzelheiten, ohne den die Anwendung der Wissenschaft auf das
Leben nicht möglich ist, alle Wissenschaften, alle Zweige
des sozialen Lebens zu umfassen. Und wenn es möglich wäre,
daß eine solche Universalität je in einem einzigen
Mann verwirklicht würde, und wenn er sich derselben bedienen
wollte, um uns seine Autorität aufzuzwingen, so müßte
man diesen Mann aus der Gesellschaft jagen, weil seine Autorität
unvermeidlich alle anderen zur Sklaverei und zum Schwachsinn
herabdrücken würde. Ich meine nicht, daß die
Gesellschaft Männer von Genie mißhandeln soll, wie
sie es bis jetzt getan hat. Aber ich meine ebensowenig, daß
sie sie zu fett machen, vor allem ihnen irgendwelche Vorrechte
oder ausschließlichen Rechte einräumen soll, und
dies aus drei Ursachen: erstens weil es ihr oft vorkommen würde,
einen Marktschreier für einen Mann von Genie zu halten;
dann weil sie durch dieses System von Vorrechten selbst ein
wahres Genie in einen Quacksalber verwandeln, demoralisieren,
dumm machen kann, und endlich, weil sie sich einen Despoten
geben würde.
Ich fasse zusammen. Wir erkennen also die unbedingte Autorität
der Wissenschaft an, weil die Wissenschaft keinen anderen Gegenstand
hat, als die sorgfältige und möglichst systematische
Wiedergabe der im materiellen, geistigen und moralischen Leben
der physischen und der sozialen Welt liegenden Naturgesetze;
diese beiden Welten bilden tatsächlich nur ein und dieselbe
natürliche Welt. Außerhalb dieser Autorität,
der einzig rechtmäßigen, weil vernünftigen und
der menschlichen Freiheit entsprechenden, erklären wir
alle anderen Autoritäten für lügenhaft, willkürlich,
despotisch und verhängnisvoll.
Wir erkennen die unbedingte Autorität der Wissenschaft
an, aber wir weisen die Unfehlbarkeit und Universalität
der Vertreter der Wissenschaft zurück. In unserer Kirche
- man erlaube mir einen Augenblick, dieses Wort zu gebrauchen,
das ich im übrigen verabscheue; beide, Kirche und Staat,
sind mir unausstehlich [sont mes deux betes noires] -, in unserer
Kirche wie in der protestantischen Kirche haben wir ein Oberhaupt,
einen unsichtbaren Christus, die Wissenschaft, und wie die Protestanten,
sogar konsequenter als die Protestanten, wollen wir in derselben
weder Papst, noch Konzile, noch Versammlungen unfehlbarer Kardinale,
noch Bischöfe und selbst keine Priester dulden. Unser Christus
unterscheidet sich vom protestantischen und christlichen Christus
darin, daß letzterer ein persönliches Wesen und unserer
unpersönlich ist; der christliche Christus, der schon in
einer ewigen Vergangenheit zur Vollendung gelangte, stellt sich
als vollkommenes Wesen dar, während die Vollendung und
Vervollkommnung unseres Christus, der Wissenschaft, immer in
der Zukunft liegen, was soviel heißt, als daß sie
nie zur Verwirklichung gelangen wird. Wenn wir nur die unbedingte
Autorität der absoluten Wissenschaft anerkennen, setzen
wir also in keiner Weise unsere Freiheit aufs Spiel.

Ich verstehe unter "absoluter Wissenschaft" die wirklich
universelle Wissenschaft, die das Universum, das System oder
die Zuordnung aller sich in der beständigen Entwicklung
der Welten äußernden Naturgesetze, in seiner ganzen
Ausdehnung und all seinen unendlichen Einzelheiten ideal wiedergeben
würde. Es ist klar, daß diese Wissenschaft, das erhabenste
Ziel aller Anstrengungen des menschlichen Geistes, nie in absoluter
Vollständigkeit verwirklicht werden wird. Unser Christus
wird also ewig unvollendet bleiben, was den Stolz seiner bevorrechteten
Vertreter unter uns bedeutend vermindern muß. Gegen diesen
Sohn Gottes, in dessen Namen sie uns ihre unverschämte
und pedantische Autorität aufzulegen die Anmaßung
haben würden, werden wir uns auf Gott den Vater berufen,
der die wirkliche Welt, das wirkliche Leben ist, von denen jener
nur der nur allzu unvollkommene Ausdruck ist und deren unmittelbare
Vertreter wir selbst sind - die lebenden Wesen, die wir leben,
arbeiten, kämpfen, lieben, streben, genießen und
leiden.
Aber während wir die unbedingte, universelle und unfehlbare
Autorität der Männer der Wissenschaft zurückweisen,
beugen wir uns gern vor der achtenswerten, aber relativen und
sehr vorübergehenden, sehr beschränkten Autorität
der Vertreter der Spezialwissenschaften und verlangen nichts
Besseres, als sie zu befragen, wenn die Reihe an sie kommt,
sehr dankbar für die wertvollen Fingerzeige, die sie uns
geben, unter der Bedingung, daß sie selbst bereit sind,
von uns gleiche Angaben anzunehmen über Dinge und in Fällen,
in denen wir gelehrter sind als sie. Im allgemeinen ist es uns
ganz erwünscht zu sehen, daß Männer von großem
Wissen, großer Erfahrung, großem Geist und vor allem
großen Herzens auf uns einen natürlichen, rechtmäßigen,
frei angenommenen Einfluß ausüben, der nie im Namen
irgendeiner offiziellen, himmlischen oder irdischen Autorität
auferlegt wird. Wir nehmen alle natürlichen Autoritäten
und Einflüsse an, die im Wesen der Sache, nicht aber im
Recht liegen; denn jede im Recht liegende und daher offiziell
auferlegte Autorität und jeder Einfluß dieser Art
wird sofort Unterdrückung und Lüge und würde
uns unfehlbar, wie ich hinreichend bewiesen zu haben glaube,
Sklaverei und Unsinn aufzwingen.
Mit einem Wort, wir weisen alle privilegierte, patentierte,
offizielle und legale Gesetzgebung, Autorität und Beeinflussung
zurück, selbst wenn sie aus dem allgemeinen Stimmrecht
hervorgegangen sind, in der Überzeugung, daß sie
immer nur zum Nutzen einer herrschenden und ausbeutenden Minderheit
gegen die Interessen der ungeheuren geknechteten Mehrheit sich
wenden können. In diesem Sinne sind wir wirklich Anarchisten.
Die modernen Idealisten verstehen die Autorität in ganz
anderem Sinn. Obgleich sie sich von dem überlieferten Aberglauben
aller bestehenden positiven Religionen befreit haben, geben
sie nichtsdestoweniger der Idee der Autorität einen göttlichen,
absoluten Sinn. Diese Autorität ist nicht die einer wunderbar
geoffenbarten Wahrheit, noch die einer streng wissenschaftlich
bewiesenen Wahrheit. Sie begründen sie auf ein wenig scheinphilosophischer
Beweisführung und auf viel unbestimmt religiösem Glauben,
auf viel ideal, abstrakt poetischem Gefühl. Ihre Religion
ist wie ein letzter Versuch der Vergöttlichung von allem,
was die Menschlichkeit in den Menschen bildet. Dies ist das
gerade Gegenteil unseres Werkes. Wir glauben, in Hinsicht auf
Menschenfreiheit, Menschenwürde und Menschenwohl dem Himmel
die von ihm der Erde geraubten Güter nehmen zu müssen,
um sie der Erde zurückzugeben; jene aber bemühen sich,
einen letzten religiös heroischen Diebstahl zu begehen,
und möchten im Gegenteil dem Himmel, diesem heute entlarvten
göttlichen Dieb, den die kühne Pietätlosigkeit
und wissenschaftliche Analyse der Freidenker ihrerseits plündert,
alles zurückgeben, was die Menschheit an Größtem,
Schönstem und Edelstem besitzt.
Zweifellos glauben die Idealisten, daß menschliche Ideen
und Dinge, um bei den Menschen größere Achtung zu
genießen, mit göttlicher Weihe umgeben sein müssen.
Wie äußert sich diese Weihe? Nicht durch ein Wunder,
wie bei den positiven Religionen, sondern durch die Größe
und Heiligkeit der Ideen und Dinge selbst: Was groß, schön,
edel, gerecht ist, das gilt als göttlich. In diesem neuen
religiösen Kult wird jeder sich an diesen Ideen, diesen
Dingen Erleuchtende ein unmittelbar von Gott selbst geweihter
Priester. Und der Beweis dafür? Die Größe der
Ideen, die er ausdrückt, der Dinge, die er vollbringt,
ist der Beweis; ein anderer ist nicht nötig. Sie sind so
heilig, daß sie nur von Gott eingegeben sein können.
Dies ist in wenigen Worten ihre ganze Philosophie, eine Philosophie
von Gefühlen, nicht von wirklichen Gedanken, eine Art metaphysischer
Pietismus. Dies scheint unschuldig, ist es aber durchaus nicht,
und die sehr genaue, enge und trockene Lehre, die sich unter
dem unfaßbar Weiten dieser poetischen Formen versteckt,
führt zu denselben verderblichen Ergebnissen wie alle positiven
Religionen: zur vollständigsten Verneinung der Menschenfreiheit
und Menschenwürde.
Wenn man alles, was man Großes, Edles, Schönes in
der Menschheit findet, als göttlich preist, erkennt man
damit an, daß die Menschheit allein nicht imstande gewesen
wäre, es hervorzubringen; dies kommt auf dasselbe hinaus,
wie wenn man sagte, daß sie, sich selbst überlassen,
ihrer eigenen Natur nach elend, ungerecht, niedrig und häßlich
ist. Dadurch kommen wir zum Kern jeder Religion, der Herabsetzung
der Menschheit zum größeren Ruhm der Gottheit. Und
sobald man die natürliche Minderwertigkeit des Menschen
und seine fundamentale Unfähigkeit, sich aus sich selbst
heraus, außerhalb aller göttlichen Erleuchtung, zu
gerechten und wahren Ideen zu erheben, zugibt, wird es nötig,
auch alle theologischen, politischen und sozialen Folgerungen
der positiven Religionen zuzugeben. Sobald Gott, das vollkommene
und höchste Wesen, sich der Menschheit gegenüberstellt,
entstehen von überall göttliche Vermittler, Auserwählte,
von Gott Erleuchtete, um das Menschengeschlecht in seinem Namen
zu leiten und zu regieren.
Kann man nicht annehmen, daß alle Menschen in gleicher
Weise von Gott erleuchtet sind? Dann brauchte man allerdings
keine Vermittler. Aber diese Annahme ist unmöglich, weil
ihr die Tatsachen zu sehr widersprechen. Man müßte
dann der göttlichen Erleuchtung alle Sinnlosigkeiten und
Irrtümer, alle Greuel, Schändlichkeiten, Erbärmlichkeiten
und Dummheiten, die in der Welt der Menschen vorkommen, zuschreiben.
Es gibt also auf der Welt nur wenige göttlich erleuchtete
Menschen. Dies sind die großen Männer der Geschichte,
die tugendhaften Genies, wie der ausgezeichnete italienische
Bürger und Prophet Giuseppe Mazzini sagt. Unmittelbar von
Gott selbst erleuchtet und auf allgemeine, durch das Volksstimmrecht
ausgedrückte Zustimmung gestützt - Dio e Popolo -,
sind sie berufen, die menschlichen Gesellschaften zu regieren.
4
Damit sind wir wieder bei der Kirche und dem Staat angelangt.
Zwar würde die Kirche in dieser neuen Organisation nicht
mehr Kirche, sondern Schule heißen, die, wie alle alten
politischen Organisationen, von Gottes Gnaden sein würde,
sich aber diesmal, wenigstens der Form nach, als notwendiges
Zugeständnis an den modernen Geist und wie in den Einleitungen
der kaiserlichen Dekrete Napoleons III. gesagt wird, auf den
(fiktiven) Willen des Volkes stützen würde. Aber auf
den Bänken dieser Schule würden nicht nur die Kinder
sitzen: Dort säße der ewig Unmündige, der Schüler,
der für immer als unfähig gilt, seine Prüfungen
zu machen, die Kenntnisse seiner Lehrer zu erwerben und ihrer
Zucht zu entwachsen, das Volk. 5 Der Staat
wird nicht mehr Monarchie heißen, sondern Republik, wird
aber nichtsdestoweniger der Staat sein, das heißt eine
offiziell und regelrecht von einer Minderheit zuständiger
Männer, von tugendhaften Männern von Genie oder Talent,
errichtete Vormundschaft zur Überwachung und Leitung des
Betragens dieses großen, unverbesserlichen Schreckenskindes,
des Volkes. Die Schullehrer und Staatsbeamten werden sich Republikaner
nennen, aber nichtsdestoweniger Vormünder, Hirten sein,
und das Volk wird das bleiben, was es bis jetzt gewesen ist,
eine Herde. Achtung also vor den Scherern, denn wo es eine Herde
gibt, gibt es auch Scherer und Ausbeuter der Herde.
In diesem System wird das Volk ewig Schüler und Mündel
sein. Trotz seiner Herrschaftsgewalt, die ganz fiktiv ist, wird
es das Werkzeug von Gedanken, Willen und folglich auch von Interessen
sein, die nicht seine eigenen sein werden. Zwischen dieser Lage
und der, die wir Freiheit, die einzige wahre Freiheit nennen,
liegt ein Abgrund. Es würde unter neuen Formen die alte
Unterdrückung und Knechtschaft sein, und wo Knechtschaft
ist, ist Elend, Vertierung, die eigentliche Materialisierung
der Gesellschaft, sowohl der bevorzugten Klassen wie der Massen.
Durch Vergöttlichung menschlicher Dinge kommen die Idealisten
stets zum Triumph eines niedrigen Materialismus. Und das aus
einem sehr einfachen Grunde: Das Göttliche verflüchtigt
sich und erhebt sich zu seiner Heimat, dem Himmel, und das Niedrige
bleibt allein wirklich auf der Erde.
Jawohl, der theoretische Idealismus hat den niedrigsten Materialismus
in der Praxis zur notwendigen Folge, nicht für die, die
ihn guten Glaubens predigen - für diese ist die Unfruchtbarkeit
all ihrer Bemühungen das gewöhnliche Ergebnis -, aber
für die, die ihre Lehren im Leben für die ganze Gesellschaft
zu verwirklichen sich bemühen, solange sich diese von den
idealistischen Lehren beherrschen läßt. Es fehlt
nicht an geschichtlichen Beweisen für diese allgemeine
Tatsache, die zuerst sonderbar erscheinen mag, die sich aber
natürlich erklärt, sobald man sie näher betrachtet.
Man vergleiche die beiden letzten Kulturen der antiken Welt,
die griechische und die römische. Welche von beiden ist
die materialistischere, in ihrem Ausgangspunkt natürlichere
und menschlich idealere? Die griechische Kultur. Welche dagegen
ist die an ihrem Ausgangspunkt abstrakt idealere, die die materielle
Freiheit des Menschen der idealen Freiheit des Bürgers
opfert, vertreten durch die Abstraktion des juristischen Rechts
und die natürliche Entwicklung der menschlichen Gesellschaft
zur Abstraktion des Staates, und welche ist die in ihren Konsequenzen
brutalere? Ohne Zweifel die römische. Die griechische Kultur
war zwar, wie alle antiken Kulturen, die römische inbegriffen,
ausschließlich national und hatte die Sklaverei zur Grundlage.
Aber trotz dieser beiden ungeheuren historischen Fehler faßte
und verwirklichte sie nichtsdestoweniger als erste die Idee
der Menschheit; sie veredelte und idealisierte wirklich das
Leben der Menschen; sie verwandelte die Menschenherden in Vereinigungen
freier Menschen; sie schuf die Wissenschaften, Künste,
eine unsterbliche Dichtkunst und Philosophie und die ersten
Begriffe der Menschenachtung durch die Freiheit. Mit der politischen
und sozialen Freiheit schuf sie das freie Denken. Und am Ende
des Mittelalters, zur Zeit der Renaissance, genügte es,
daß einige griechische Emigranten einige ihrer unsterblichen
Bücher nach Italien brachten, um das Leben, die Freiheit,
das Denken, die Menschheit, die in dem finsteren Kerker des
Katholizismus vergraben waren, zur Wiedererstehung zu bringen.
Die menschliche Befreiung, das ist der Name der griechischen
Kultur. Und der Name der römischen Kultur? Eroberung mit
all ihren brutalen Folgen. Und ihr letztes Wort? Die Allmacht
der Cäsaren. Das ist die Herabwürdigung und Sklaverei
der Nationen und Menschen.
Und was tötet und erdrückt noch heutzutage brutal,
materiell in allen Ländern Europas die Freiheit und Menschlichkeit?
Der Triumph des zäsarischen oder römischen Prinzips.
Vergleichen wir jetzt zwei moderne Kulturen: die italienische
und die deutsche. Die erstere vertritt zweifellos in ihrem allgemeinen
Charakter den Materialismus, die letztere im Gegenteil das Abstrakteste,
Reinste, Übersinnlichste, was es an Idealismus gibt. Was
sind die praktischen Früchte beider?
Italien leistete der Sache der menschlichen Befreiung schon
ungeheure Dienste. Es war das erste Land, welches wieder aufstand
und in weitem Sinn das Prinzip der Freiheit in Europa durchführte
und der Menschheit ihre Adelstitel wiedergab: Industrie, Handel,
Dichtkunst, Künste, positive Wissenschaften und freies
Denken. Seitdem wurde es durch drei Jahrhunderte vom kaiserlichen
und päpstlichen Despotismus erdrückt und von seiner
herrschenden Bourgeoisie in den Kot gezogen, so daß es
heute allerdings sehr verfallen erscheint im Vergleich zu dem,
was es war. Und doch, welcher Unterschied, wenn man es mit Deutschland
vergleicht! Trotz diesem, wie wir hoffen, vorübergehenden
Verfall kann man in Italien menschlich und frei leben und atmen,
von einem Volk umgeben, das für die Freiheit geboren zu
sein scheint. Selbst das bourgeoise Italien kann mit Stolz auf
Männer wie Mazzini und Garibaldi weisen. In Deutschland
atmet man die Luft ungeheurer politischer und sozialer Knechtschaft,
die ein großes Volk mit wohlbedachter Ergebung und gutem
Willen philosophisch erklärt und annimmt. Seine Helden
- ich spreche von denen des gegenwärtigen, nicht des künftigen
Deutschland, des adligen, bürokratischen, politischen und
bourgeoisen, nicht des proletarischen Deutschland - sind ganz
das Gegenteil von Mazzini und Garibaldi: Es sind heute Wilhelm
L, der rohe und naive Vertreter des protestantischen Gottes,
und die Herren von Bismarck und Moltke, die Generale Manteuffel
und Werder. In all seinen internationalen Beziehungen war Deutschland,
seit es besteht, langsam, systematisch eindringend, erobernd,
immer bereit, seine eigene freiwillige Knechtschaft auf die
benachbarten Völker auszudehnen; seit es sich als einheitliche
Macht bildete, wurde es eine Drohung, eine Gefahr für die
Freiheit von ganz Europa. Der Name Deutschland bedeutet heute
brutalen und triumphierenden Sklavensinn.

Um zu zeigen, wie sich der theoretische Idealismus sofort und
unvermeidlich in praktischen Materialismus verwandelt, braucht
man nur das Beispiel aller christlichen Kirchen und natürlich,
vor allem, das der römisch-apostolischen Kirche anzuführen.
Was gibt es Erhabeneres, im idealen Sinn Uneigennützigeres,
von allen irdischen Interessen Losgelösteres als die von
dieser Kirche gepredigte Lehre Christi - und was gibt es brutal
Materialistischeres als die beständige Praxis derselben
Kirche seit dem 8. Jahrhundert, seitdem sie sich als Macht zu
bilden begann? Was war und ist wohl der Hauptgegenstand all
ihrer Streitigkeiten mit den Herrschern Europas? Die weltlichen
Güter, die Einkünfte der Kirche zunächst und
dann die weltliche Macht, die politischen Vorrechte der Kirche.
Man muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß
sie zuerst in der modernen Geschichte die unbestreitbare, aber
sehr wenig christliche Wahrheit entdeckte, daß Reichtum
und Macht, wirtschaftliche Ausbeutung und politische Unterdrückung
der Massen der untrennbare Ausdruck des Reichs der göttlichen
Idealität auf der Erde sind: Der Reichtum befestigt und
vermehrt die Macht, die Macht entdeckt und schafft immer neue
Reichtumsquellen, und beide sichern besser als Martyrium und
Glaube der Apostel, besser als die göttliche Gnade den
Erfolg der christlichen Lehre. Diese geschichtliche Wahrheit
verkennen auch die protestantischen Kirchen nicht. Ich spreche
natürlich von den unabhängigen Kirchen von England,
Amerika und der Schweiz, nicht von den unterjochten Kirchen
Deutschlands. Letztere haben keine eigene Initiative; sie tun,
was ihre Herren, ihre weltlichen Herrscher, die gleichzeitig
ihre geistlichen Oberhäupter sind, ihnen zu tun befehlen.
Es ist bekannt, daß die protestantische Propaganda, die
Englands und Amerikas besonders, sich sehr eng an die Propaganda
der materiellen, der Handelsinteressen dieser beiden großen
Nationen anschließt; es ist auch bekannt, daß letztere
Propaganda durchaus nicht die Bereicherung und den materiellen
Wohlstand der Länder, in die sie in Gesellschaft von Gottes
Wort eindringt, zum Gegenstand hat, sondern die Ausbeutung dieser
Länder zur wachsenden Bereicherung und wirtschaftlichem
Wohlstand gewisser ausbeutender und gleichzeitig sehr frommer
Klassen des eigenen Landes.
Mit einem Wort, es ist durchaus nicht schwer, anhand der Geschichte
zu beweisen, daß die Kirche, daß alle christlichen
und nichtchristlichen Kirchen neben ihrer überirdischen
Lehre, wahrscheinlich zur Beschleunigung und Erhöhung des
Erfolgs derselben, niemals unterließen, sich zu großen
Gesellschaften zu organisieren zur wirtschaftlichen Ausbeutung
der Massen, der Arbeit der Massen, unter dem Schutz und mit
dem unmittelbaren und besonderen Segen irgendeiner Gottheit;
daß alle Staaten, die bekanntlich an ihrem Ursprung mit
all ihren politischen und juristischen Einrichtungen und herrschenden
und bevorzugten Klassen nichts anderes waren als weltliche Nebenstellen
dieser verschiedenen Kirchen, gleicherweise als Hauptgegenstand
dieselbe mittelbar von der Kirche gerechtfertigte Ausbeutung
zum Nutzen weltlicher Minderheiten haben; und daß im allgemeinen
die Tätigkeit des Herrgotts und aller göttlichen Idealitäten
auf der Erde immer und überall schließlich zur Begründung
des einer kleinen Zahl wohlbekommenden Materialismus auf dem
fanatischen und beständig dem Hunger ausgesetzten Idealismus
der Massen führte. Was wir heute sehen, ist ein neuer Beweis
dafür. Wer sind heute, abgesehen von den oben erwähnten,
in die Irre gehenden großen Herzen und Geistern, die erbittertsten
Verteidiger des Idealismus? Zunächst alle fürstlichen
Höfe. In Frankreich waren es Napoleon III. und seine Frau,
Madame Eugenie; ihre Exminister, Höflinge und Exmarschälle,
von Rouher und Bazaine bis Fleury und Pietri, die Männer
und Frauen dieser kaiserlichen Welt, die Frankreich so gut idealisiert
und gerettet haben; ihre Journalisten und Gelehrten, die Cassagnac,
Girardin, Duvernois, Veuillot, Le Verrier, Dumas, dann die schwarze
Phalanx der Jesuiten und Jesuitinnen jeder Kleidung; der ganze
Adel und die ganze obere und mittlere Bourgeoisie Frankreichs;
liberale Doktrinäre und Liberale ohne Doktrin: die Guizot,
Thiers, Jules Favre, Pelletan und Jules Simon, alles verbissene
Verteidiger der bourgeoisen Ausbeutung. In Preußen, in
Deutschland ist es Wilhelm L, der wahre gegenwärtige Vertreter
des Herrgotts auf Erden, all seine Generäle, alle seine
pommerischen und anderen Offiziere, seine ganze Armee, die,
auf ihren religiösen Glauben gestützt, soeben Frankreich
auf die bekannte ideale Art erobert hat. In Rußland ist
es der Zar und sein ganzer Hof, sind es die Murawjow und Berg,
alle Würger und frommen Bekehrer Polens. Mit einem Wort,
überall dient heute der religiöse oder philosophische
Idealismus - letzterer ist nur die mehr oder weniger freie Übertragung
des ersteren - der materiellen, blutigen und brutalen Gewalt,
der schamlosen materiellen Ausbeutung als Fahne; die Fahne des
theoretischen Materialismus, die rote Fahne der wirtschaftlichen
Gleichheit und sozialen Gerechtigkeit wird dagegen erhoben von
dem praktischen Idealismus der unterdrückten und hungernden
Massen, der die größte Freiheit und das menschliche
Recht jedes einzelnen in der Brüderlichkeit aller Menschen
der Erde zu verwirklichen sucht.
Wer sind die wahren Idealisten, die Idealisten nicht der Abstraktion,
sondern des Lebens, nicht des Himmels, sondern der Erde, und
wer sind die Materialisten? Es ist augenscheinlich, daß
die Hauptbedingung des theoretischen oder göttlichen Idealismus
die Opferung der Logik, der menschlichen Vernunft, der Verzicht
auf die Wissenschaft ist. Man sieht andererseits, daß
man durch die Verteidigung der idealistischen Lehren unbedingt
zur Partei der Unterdrücker und Ausbeuter der Volksmassen
hingezogen wird. Diese beiden großen Ursachen sollten,
scheint es, genügen, jeden großen Geist, jedes große
Herz vom Idealismus zu entfernen. Wie kommt es, daß unsere
ausgezeichneten zeitgenössischen Idealisten, denen gewiß
weder Geist, noch Herz, noch guter Wille fehlen und die ihr
ganzes Dasein dem Dienst der Menschheit geweiht haben, - wie
kommt es, daß diese darauf bestehen, in den Reihen der
Vertreter einer hinfort verurteilten und entehrten Lehre zu
verharren?
Ein sehr triftiger Grund muß sie hierzu treiben. Dies
kann weder die Logik noch die Wissenschaft sein, da diese beide
ihre Entscheidung gegen die idealistische Lehre abgegeben haben.
Ebensowenig können es persönliche Interessen sein,
da diese Männer über alles derartige unendlich erhaben
sind. Es muß also ein mächtiger moralischer Beweggrund
sein. Welcher? Es gibt nur einen einzigen: Diese ausgezeichneten
Männer denken ohne Zweifel, daß die idealistischen
Theorien oder der idealistische Glaube zur Würde und moralischen
Größe des Menschen wesentlich notwendig sind und
daß die materialistischen Lehren ihn im Gegensatz dazu
auf die Stufe der Tiere herunterbringen würden.
Und wenn gerade das Gegenteil hiervon wahr wäre? Jede Entwicklung,
sagte ich, schließt die Verneinung des Ausgangspunktes
ein. Da nach der materialistischen Schule der Ausgangspunkt
materiell sein muß, muß seine Verneinung notwendigerweise
ideal sein. Von der Gesamtheit der wirklichen Welt oder von
dem, das man abstrakt die Materie nennt, ausgehend, gelangt
sie logisch zur wirklichen Idealisierung, das heißt zur
Humanisierung, zur vollen und ganzen Befreiung der Gesellschaft.
Da im Gegensatz dazu und aus dem gleichen Grunde der Ausgangspunkt
der idealen Schule ideal ist, gelangt sie notwendigerweise zur
Materialisierung der Gesellschaft, zur Organisation eines brutalen
Despotismus und einer harten und schändlichen Ausbeutung
unter der Form der Kirche und des Staates. Die geschichtliche
Entwicklung des Menschen ist nach der materialistischen Schule
ein fortschreitender Aufstieg; nach dem idealistischen System
kann sie nur ein beständiges Fallen sein.
Bei jeder menschlichen Frage, die man in Betracht zieht, findet
man stets denselben wesentlichen Gegensatz zwischen den beiden
Schulen. So geht, wie ich schon bemerkte, der Materialismus
von der tierischen Stufe aus, um die Menschheit zu bilden; der
Idealismus geht von der Gottheit aus, um die Sklaverei zu errichten
und die Massen zu aussichtsloser Vertierung zu verurteilen.
Der Materialismus leugnet den freien Willen und führt zur
Einführung der Freiheit; der Idealismus verkündet
den freien Willen im Namen der Menschenwürde und gründet
die Autorität auf den Ruinen aller Freiheit. Der Materialismus
weist das Autoritätsprinzip zurück, weil er es mit
gutem Grund als Zugabe zur tierischen Natur betrachtet und weil
nach ihm der Sieg der Menschlichkeit, der in seinen Augen Hauptziel
und -bedeutung der Geschichte ist, nur durch die Freiheit verwirklicht
werden kann. Mit einem Wort, bei jeder Frage wird man die Idealisten
stets bei unbedingtem praktischen Materialismus treffen, während
man die Materialisten die höchsten idealen Ziele und Gedanken
verfolgen und verwirklichen sieht.
Die Geschichte, sagte ich, kann im System der Idealisten nur
ein beständiges Fallen sein. Sie beginnen mit einem schrecklichen
Fall, von dem sie sich nie wieder erholen: mit dem göttlichen
Salto mortale aus den erhabenen Regionen der reinen, absoluten
Idee zur Materie: nicht zu der stets tätigen und bewegten
Materie voll Eigenschaften und Kräften, Leben und Intelligenz,
wie sie uns in der wirklichen Welt erscheint, sondern zur abstrakten,
verarmten Materie, die ins absolute Elend gebracht wird durch
die regelrechte Plünderung jener Preußen des Denkens,
der Theologen und Metaphysiker, die ihr alles raubten, um es
ihrem Kaiser, ihrem Gott zu geben; zu jener Materie, die, aller
Eigenschaften, aller eigenen Tätigkeit und Bewegung beraubt,
nur mehr - im Gegensatz zur Gottesidee - absolute Dummheit,
Undurchdringlichkeit, Untätigkeit und Unbeweglichkeit darstellt.
Der Fall ist so schrecklich, daß die Gottheit, die göttliche
Person oder Idee, sich breitschlägt, ihr Eigenbewußtsein
verliert und sich nie wiederfindet. Und in dieser verzweifelten
Lage ist sie noch gezwungen, Wunder zu üben! Denn sobald
die Materie untätig ist, ist jede Bewegung, selbst die
materiellste, ein Wunder und kann nur die Wirkung einer göttlichen
Dazwischenkunft, von Gottes Einwirkung auf die Materie, sein.
Und so bleibt denn diese arme Gottheit, durch ihren Fall heruntergekommen
und fast vernichtet, einige hundert Jahrtausende in diesem Ohnmachtszustand,
dann erwacht sie langsam, sucht stets vergeblich eine unbestimmte
Erinnerung von sich selbst zu gewinnen, und jede Bewegung, die
sie im Hinblick auf dieses Ziel in der Materie macht, wird eine
neue Schöpfung, eine neue Bildung, ein neues Wunder. Auf
diese Weise durchschreitet sie alle Grade der Materialität
und Bestialität; zuerst ein Gas, ein einfacher und zusammengesetzter
chemischer Körper, ein Mineral, verbreitet sie sich dann
auf der Erde als pflanzlicher und tierischer Organismus und
konzentriert sich dann im Menschen. Hier scheint sie bestimmt,
sich wiederzufinden, denn sie zündet in jedem menschlichen
Wesen einen Engelsfunken an, ein Teilchen ihres eigenen göttlichen
Wesens, die unsterbliche Seele.
Wie konnte sie eine absolut unkörperliche Sache in etwas
absolut Materiellem unterbringen? Wie kann der Körper den
reinen Geist enthalten, einschließen, begrenzen, binden?
Dies ist wieder eine jener Fragen, die allein der Glaube, diese
leidenschaftliche und dumme Behauptung des Unsinnigen, lösen
kann. Es ist das größte aller Wunder. Hier haben
wir nur die Wirkungen und praktischen Folgen dieses Wunders
festzustellen. Nach Hunderten von Jahrtausenden vergeblicher
Bemühungen, zu sich zu kommen, findet die verlorene, in
der von ihr belebten und in Bewegung gesetzten Materie verbreitete
Gottheit einen Stützpunkt, eine Art Heim, um sich zu sammeln.
Dies ist der Mensch, dies ist seine unsterbliche Seele, die
eigentümlicherweise in einen sterblichen Körper gesperrt
ist. Aber jeder Mensch, für sich genommen, ist viel zu
beschränkt, zu klein, um die göttliche Unendlichkeit
zu umschließen; er kann nur einen sehr kleinen Teil derselben
enthalten, der, unsterblich wie das Ganze, aber unendlich viel
kleiner als das Ganze ist. Daraus ergibt sich, daß das
göttliche Wesen, das absolut unkörperliche Wesen,
der Geist, teilbar ist wie die Materie. Dies ist ein weiteres
Geheimnis, dessen Lösung dem Glauben überlassen werden
muß.
Wenn sich Gott ganz in jedem Menschen unterbringen könnte,
dann wäre jeder Mensch Gott. Wir hätten eine ungeheure
Anzahl von Göttern, von denen jeder von allen anderen beschränkt
und doch unendlich wäre, ein Widerspruch, der die gegenseitige
Vernichtung der Menschen bedeuten würde und die Unmöglichkeit,
daß mehr als ein Mensch da wäre. Was die Teile betrifft,
ist dies eine andere Sache: Nichts ist tatsächlich der
Vernunft entsprechender, als daß ein Teil von einem anderen
Teil begrenzt und kleiner als das Ganze sei. Nur zeigt sich
hier mehr oder weniger ein anderer Widerspruch. Begrenzt zu
sein ist eine Eigenschaft der Materie, nicht des Geistes; des
Geistes hier im Sinn der Materialisten, da der Geist für
die Materialisten nur die Äußerung des ganz materiellen
Organismus des Menschen ist; in diesem Fall hängt Größe
oder Kleinheit des Geistes ganz von der mehr oder weniger großen
materiellen Vollendung des menschlichen Organismus ab. Aber
diese Eigenschaften der Begrenzung und relativen Größe
können dem Geist, wie ihn die Idealisten verstehen, nicht
angehören, dem absolut unkörperlichen, außerhalb
jeder Materie existierenden Geist. Da kann es nichts Größeres
und Kleineres, keine Grenze zwischen den Geistern geben, denn
es gibt nur einen Geist: Gott. Nimmt man noch dazu, daß
die unendlich kleinen und beschränkten Teilchen, die die
menschlichen Seelen bilden, gleichzeitig unsterblich sind, so
erreicht man den Gipfel der Widersprüche. Aber das ist
eine Frage des Glaubens; gehen wir weiter.
So also ist die Gottheit zerrissen und in unendlich kleinen
Teilen in einer ungeheuren Anzahl von Wesen jeden Geschlechts,
jeden Alters, aller Rassen und Farben untergebracht. Dies ist
eine für sie außerordentlich unbequeme und unglückliche
Lage; denn die göttlichen Teilchen kennen sich zu Beginn
ihrer menschlichen Existenz so wenig untereinander, daß
sie beginnen, sich gegenseitig aufzufressen. Jedoch bewahren
die göttlichen Teilchen, die Menschenseelen, in diesem
Zustand ganz und gar tierischer Barbarei und Brutalität
eine gewisse unbestimmte Erinnerung an ihre ursprüngliche
Göttlichkeit: Sie werden unaufhaltsam nach ihrem Ganzen
zu angezogen; sie suchen sich und suchen das Ganze. Die Gottheit
selbst, in der materiellen Welt verbreitet und verloren, sucht
sich in den Menschen, und sie ist derart durch diese Menge menschlicher
Gefängnisse, in denen sie zerstreut ist, verwirrt, daß
sie bei diesem Suchen eine Menge Dummheiten macht.
Mildem Fetischismus beginnend, sucht sie sich selbst und betet
sich an bald in einem Stein, bald in einem Stück Holz oder
einem Stück Tuch. Wahrscheinlich sogar hätte sie sich
nie aus dem Tuchfetzen erhoben, wenn die andere Gottheit, die
nicht in die Materie fiel und im Zustand reinen Geistes in den
erhabenen Höhen des absoluten Ideals oder in den himmlischen
Regionen blieb, nicht mir ihr Mitleid gehabt hätte.

Hier liegt ein neues Geheimnis, das der in zwei Hälften
gespaltenen Gottheit, welche Hälften aber jede ein Ganzes
und jede unendlich sind und von denen die eine - Gott der Vater
- sich in den reinen, immateriellen Regionen erhält, während
die andere - Gott der Sohn - sich in die Materie fallen ließ.
Wir werden gleich sehen, wie zwischen diesen beiden voneinander
getrennten Gottheiten beständige Beziehungen von oben nach
unten und von unten nach oben entstehen und wie diese Beziehungen,
als ein einziger ewiger und beständiger Akt gedacht, den
heiligen Geist bilden. Dies ist, in seinem wahren theologischen
und metaphysischen Sinn, das große, das schreckliche Geheimnis
der christlichen Dreieinigkeit.
Aber verlassen wir so schnell als möglich diese Höhen
und sehen wir, was auf der Erde vorgeht. Gott der Vater sah
von der Höhe seines ewigen Glanzes, daß der arme
Sohn Gottes, von seinem Fall flachgequetscht und verwirrt, sich
derart in die Materie tauchte und in ihr verlor, daß er,
selbst nachdem er den menschlichen Zustand erreicht, sich nicht
wiederfand, und er entschloß sich endlich, ihm zu helfen.
Aus der ungeheuren Zahl gleichzeitig unsterblicher, göttlicher
und unendlich kleiner Teilchen, in die Gott der Sohn sich zerstreute,
so daß er sich in ihnen nicht mehr zurechtfand, wählte
Gott der Vater die ihm am meisten gefallenden aus und machte
daraus seine Erleuchteten, seine Propheten, seine "tugendhaften
Genies", die großen Wohltäter und Gesetzgeber
der Menschheit: Zarathustra, Buddha, Moses, Konfuzius, Lykurg,
Solon, Sokrates, den göttlichen Plato und vor allem Jesus
Christus, die vollständige Verwirklichung des endlich in
eine einzige menschliche Person gesammelten und konzentrierten
Gottessohnes; alle Apostel, Petrus, Paulus und vor allem Johannes;
Konstantin den Großen, Mohammed, dann Karl den Großen,
Gregor VII., Dante, nach einigen auch Luther, Voltaire und Rousseau,
Robespierre und Danton und viele andere große und heilige
geschichtliche Persönlichkeiten, deren Namen ich nicht
alle anführen kann, aber unter denen ich als Russe den
heiligen Nikolaus nicht zu vergessen bitte.
So sind wir also bei dem Erscheinen Gottes auf der Erde angelangt.
Aber sobald Gott erscheint, wird der Mensch zu nichts. Man wird
einwenden, daß er durchaus nicht zu nichts wird, da er
selbst ein Teil Gottes ist. Verzeihung! Ich gebe zu, daß
ein Teilchen, ein Teil eines bestimmten, beschränkten Ganzen,
wie klein es auch sei, eine Quantität, eine positive Größe
ist. Aber ein Teilchen, ein Teil des unendlich Großen
ist, mit demselben verglichen, notwendigerweise unendlich klein.
Das Produkt von Milliarden, mit Milliarden von Milliarden multipliziert,
wird dem unendlich Großen gegenüber unendlich klein
sein, und das unendlich Kleine ist gleich null. Gott ist alles,
also sind der Mensch und die ganze wirkliche Welt, das Universum,
mit ihm nichts. Da gibt es keinen Ausweg.
Gott erscheint, der Mensch wird zu nichts, und je größer
die Gottheit wird, desto elender wird die Menschheit. Das ist
die Geschichte aller Religionen, die Wirkung aller Erleuchtungen
und göttlichen Gesetzgebungen. In der Geschichte ist der
Name Gottes die schreckliche historische Keule, mit der alle
göttlich erleuchteten Männer, die großen "tugendhaften
Genies", die Freiheit, Würde, Vernunft und das Wohl
der Menschen niederschlagen. Zuerst sahen wir den Fall Gottes.
Jetzt sehen wir einen Fall, der uns mehr interessiert, den des
Menschen, durch das einfache Erscheinen oder die Offenbarung
Gottes auf Erden.
In welch tiefem Irrtum befinden sich unsere lieben und ausgezeichneten
Idealisten! Wenn sie zu uns von Gott sprechen, glauben sie,
uns zu erheben, zu befreien, zu veredeln, und wollen dies, und
statt dessen würdigen sie uns herab und erdrücken
uns. Sie bilden sich ein, mit dem Namen Gottes unter den Menschen
Brüderlichkeit einführen zu können, und schaffen
im Gegenteil Stolz und Verachtung; sie sähen Zwietracht,
Haß und Krieg und errichten Knechtschaft. Denn mit Gott
kommen notwendigerweise die verschiedenen Grade göttlicher
Erleuchtung; die Menschheit zerfällt in sehr Erleuchtete,
in minder Erleuchtete und in gar nicht Erleuchtete. Zwar sind
alle gleich nichtig vor Gott, aber untereinander verglichen
sind die einen größer als die anderen, nicht nur
in Wirklichkeit, was nichts bedeuten würde, da eine tatsächliche
Ungleichheit von selbst in der Menge verloren geht, wenn sie
nichts, keine Fiktion oder gesetzliche Einrichtung findet, an
die sie sich anklammern kann; nein, die einen sind größer
als die anderen durch das göttliche Recht der Erleuchtung,
wodurch sofort eine feste, beständige, erstarrende Ungleichheit
entsteht. Die mehr Erleuchteten müssen von den weniger
Erleuchteten gehört und ihnen muß gehorcht werden,
ebenso den weniger Erleuchteten von den gar nicht Erleuchteten.
So ist das Prinzip der Autorität fest aufgestellt, und
mit ihm die beiden grundlegenden Einrichtungen der Knechtschaft:
die Kirche und der Staat.
Von allen Despotismen ist der der Doktrinäre oder religiösen
Erleuchteten der ärgste. Sie sind so eifersüchtig
auf den Ruhm ihres Gottes und den Triumph ihrer Idee, daß
ihnen kein Herz bleibt für die Freiheit, die Würde,
nicht einmal für die Leiden der lebenden wirklichen Menschen.
Der göttliche Eifer, die ausschließliche Sorge um
die Idee trocknen in den zartesten Seelen, den mitfühlendsten
Herzen die Quellen der Menschenliebe aus. Sie sehen alles, was
ist, was in der Welt geschieht, vom Standpunkt der Ewigkeit
oder der abstrakten Idee an; sie behandeln vergängliche
Dinge mit Verachtung; aber das ganze Leben wirklicher Menschen,
der Menschen von Fleisch und Blut, besteht nur aus vergänglichen
Dingen; sie selbst sind vorübergehende Wesen, die nach
ihrem Vergehen von anderen, ebenso vergänglichen ersetzt
werden, die aber nie selbst wiederkommen. Von Bleibendem oder
relativ Ewigem gibt es bei den Menschen die Tatsache der Menschheit
selbst, die in beständiger Entwicklung, immer reicher,
von einer Generation zur anderen übergeht. Ich sage relativ
ewig, weil nach der Zerstörung unseres Planeten - und diese
Zerstörung muß früher oder später eintreten,
da alles, was einen Anfang hat, notwendigerweise auch ein Ende
haben muß -, weil nach Zerstörung unseres Planeten,
der ohne Zweifel irgend einer neuen Bildung im Weltsystem, das
allein wirklich ewig ist, als Element dienen wird, niemand weiß,
was aus unserer ganzen menschlichen Entwicklung wird. Da aber
der Zeitpunkt dieser Auflösung unendlich weit von uns entfernt
ist, können wir die Menschheit, im Vergleich mit dem so
kurzen menschlichen Leben, ganz gut als ewig betrachten. Aber
diese Tatsache der fortschreitenden Menschheit selbst ist nur
wirklich und lebendig durch ihre Erscheinung und Verwirklichung
zu bestimmter Zeit, an bestimmten Orten, in wirklich lebenden
Menschen, und nicht in ihrer allgemeinen Idee.
Die allgemeine Idee ist immer eine Abstraktion und schon dadurch
in gewissem Grade eine Verneinung des wirklichen Lebens. Ich
stellte im Anhang als Eigenschaft des menschlichen Gedankens
und folglich auch der Wissenschaft fest, daß sie von den
wirklichen Tatsachen nur ihren allgemeinen Sinn, ihre allgemeinen
Beziehungen, ihre allgemeinen Gesetze erfassen und benennen
kann, mit einem Wort das in ihren beständigen Verwandlungen
Bleibende wie ihre materielle, individuelle Seite, die sozusagen
von Wirklichkeit und Leben vibriert, aber gerade dadurch flüchtig
und unfaßbar ist. Die Wissenschaft versteht den Gedanken
der Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst, den Gedanken
des Lebens, nicht das Leben. Hier liegt ihre Grenze, die einzige
für sie wirklich unüberschreitbare Grenze, die eben
in der Natur des menschlichen Gedankens selbst, des einzigen
Organs der Wissenschaft begründet ist.
Auf diese natürliche Beschaffenheit gründen sich die
unbestreitbaren Rechte und die große Aufgabe der Wissenschaft,
aber auch ihre tiefe Ohnmacht und selbst ihre schädliche
Wirkung, sobald sie durch ihre offiziellen, patentierten Vertreter
sich das Recht anmaßt, das Leben zu beherrschen. Die Aufgabe
der Wissenschaft ist folgende: Durch Feststellung der allgemeinen
Beziehungen der vorübergehenden und wirklichen Dinge, durch
Erkennen der der Entwicklung der Erscheinungen der physischen
und sozialen Welt eigenen allgemeinen Gesetze stellt sie sozusagen
unveränderliche Markzeichen des Vormarsches der Menschheit
auf, indem sie den Menschen die allgemeinen Bedingungen zeigt,
deren strenge Beobachtung notwendig und deren Unkenntnis oder
Vergessen verhängnisvoll sind. Mit einem Wort, die Wissenschaft
ist der Kompaß des Lebens, aber sie ist nicht das Leben.
Sie ist unabänderlich, unpersönlich, allgemein, abstrakt,
gefühllos wie die Gesetze, deren ideale, gedachte, das
heißt im Gehirn existierende Wiedergabe sie ist - im Gehirn,
um uns zu erinnern, daß die Wissenschaft selbst nur ein
materielles Produkt eines materiellen Organs des materiellen
Organismus des Menschen, des Gehirns, ist. Das Leben ist ganz
flüchtig und vorübergehend, aber auch ganz vibrierend
von Wirklichkeit und Individualität, Gefühl, Leiden,
Freuden, Streben, Bedürfnissen und Leidenschaften. Das
Leben allein schafft freiwillig die Dinge und alle wirklichen
Wesen. Die Wissenschaft schafft nichts, sie konstatiert und
erkennt nur die Schöpfungen des Lebens. Und jedesmal, wenn
die Männer der Wissenschaft, ihre abstrakte Welt verlassend,
sich in die lebende Schöpfung in der wirklichen Welt hineinmischen,
ist alles, was sie vorschlagen oder schaffen, arm, lächerlich,
abstrakt, ohne Blut und Leben, totgeboren, dem von Wagner, dem
pedantischen Schüler des unsterblichen Doktor Faust, geschaffenen
Homunkulus gleich. Daraus ergibt sich, daß die einzige
Aufgabe der Wissenschaft die ist, das Leben zu erhellen, nicht,
es zu leiten.
Eine Herrschaft der Wissenschaft und der Männer der Wissenschaft,
selbst wenn sie sich Positivisten, Schüler Auguste Comtes,
nennen oder selbst Schüler der doktrinären Schule
des deutschen Kommunismus, kann nur ohnmächtig, lächerlich,
unmenschlich, grausam, unterdrückend, ausbeutend und verheerend
sein. Man kann von den Männern der Wissenschaft als solchen
sagen, was ich von den Theologen und Metaphysikern sagte: Sie
haben weder Gefühl noch Herz für persönliche
lebende Wesen. Man kann ihnen nicht einmal einen Vorwurf daraus
machen, denn es ist die natürliche Folge ihres Berufes.
Als Männer der Wissenschaft haben sie nur mit Allgemeinheiten
zu tun und interessieren sich nur für solche.
Die Wissenschaft, welche nur mit dem zu tun hat, was auszudrücken
und beständig ist, d.h. mit mehr oder weniger entwickelten
und bestimmten Allgemeinheiten, muß sich hier besiegt
erklären von dem Leben, das allein in Verbindung steht
mit der lebendigen und empfindlichen, aber unfaßbaren
und unsagbaren Seite der Dinge. Das ist die wirkliche und man
kann sagen die einzige Grenze der Wissenschaft, eine wirklich
unüberschreitbare Grenze. Ein Naturforscher, der selbst
ein wirkliches und lebendes Wesen ist, seziert beispielsweise
ein Kaninchen; dieses Kaninchen ist gleichfalls ein wirkliches
Wesen und war, wenigstens vor kaum einigen Stunden, eine lebende
Individualität. Nachdem der Naturforscher es seziert hat,
beschreibt er es: Nun, das Kaninchen, welches aus seiner Beschreibung
hervorgeht, ist ein Kaninchen im allgemeinen, das, jeder Individualität
beraubt, allen Kaninchen gleicht und deshalb nie die Kraft zu
existieren haben wird und ewig ein unbewegliches und nichtseiendes
Wesen bleiben wird, nicht einmal körperlich, sondern eine
Abstraktion, der festgehaltene Schatten eines lebendigen Wesens.
Die Wissenschaft hat nur mit solchen Schatten zu tun. Die lebendige
Wirklichkeit entschlüpft ihr und gibt sich nur dem Leben,
das, weil es selbst flüchtig und vorübergehend ist,
immer alles, was lebt, d.h. alles, was vergeht oder flieht,
fassen kann und in der Tat faßt.
Das Beispiel des der Wissenschaft geopferten Kaninchens berührt
uns wenig, weil wir uns gewöhnlich für das individuelle
Leben der Kaninchen sehr wenig interessieren. Anders ist es
mit dem individuellen Leben der Menschen, das die Wissenschaft
und die Männer der Wissenschaft, welche gewöhnt sind,
unter Abstraktionen zu leben, d.h. flüchtige und lebendige
Wirklichkeiten ihren beständigen Schatten zu opfern, gleichfalls
fähig wären, zu opfern oder wenigstens dem Nützen
ihrer abstrakten Allgemeinheiten unterzuordnen, wenn man sie
nur machen ließe.

Die menschliche Individualität, ebenso die der unbeweglichsten
Dinge, ist für die Wissenschaft gleichfalls unfaßbar
und sozusagen nicht existierend. Deshalb müssen auch die
lebenden Individualitäten sich gegen sie verwahren und
schützen, um von ihr nicht wie das Kaninchen zum Nutzen
irgendeiner Abstraktion geopfert zu werden; wie sie sich gleichzeitig
gegen die Theologie, gegen die Politik und gegen die Rechtswissenschaft
verwahren müssen, die alle gleichfalls an jenem abstrahierenden
Charakter der Wissenschaft teilhaben und das unheilvolle Streben
besitzen, die Individuen dem Vorteil derselben Abstraktion zu
opfern, die nur mit verschiedenen Namen belegt wird; die Theologie
nennt sie die göttliche Wahrheit, die Politik das allgemeine
Wohl, die Rechtswissenschaft die Gerechtigkeit.
Ich bin weit davon entfernt, die nützlichen Abstraktionen
der Wissenschaft mit den verderblichen Abstraktionen der Theologie,
der Politik und der Rechtswissenschaft vergleichen zu wollen.
Diese letzteren müssen aufhören zu herrschen, müssen
von Grund auf aus der menschlichen Gesellschaft ausgetilgt werden
- ihr Wert, ihre Befreiung, ihre endgültige Humanisierung
sind nur um diesen Preis möglich -, während die wissenschaftlichen
Abstraktionen im Gegenteil ihren Platz einnehmen müssen,
nicht um die menschliche Gesellschaft nach dem freiheitsmörderischen
Traum der positivistischen Philosophen zu regieren, sondern
um ihre natürliche und lebendige Entwicklung zu beleuchten.
Die Wissenschaft kann wohl Anwendung auf das Leben finden, aber
nie sich im Leben verkörpern, weil das Leben die unmittelbare
und lebendige Wirkung, die gleichzeitig natürliche und
schicksalsbestimmte Bewegung der lebendigen Individualitäten
ist. Die Wissenschaft ist nur die immer unvollständige
und unvollkommene Abstraktion dieser Bewegung. Wenn sie sich
ihm als unbedingte Lehre, als herrschende Autorität aufzwingen
würde, würde sie es arm machen, verdrehen und lahmen.
Die Wissenschaft kann nicht aus ihren Abstraktionen hinaus,
sie sind ihr Reich. Aber die Abstraktionen und ihre unmittelbaren
Vertreter: Priester, Politiker, Juristen, Ökonomisten und
Gelehrte müssen aufhören, die Volksmassen zu beherrschen.
Der ganze Fortschritt der Zukunft liegt darin. Er ist das Leben
und die Bewegung des Lebens, die individuelle und soziale Wirkung
der Menschen, die ihrer vollständigen Freiheit zurückgegeben
sind. Er ist die vollständige Vernichtung des Autoritätsprinzips.
Und wie? Durch die weiteste Verbreitung der freien Wissenschaft
im Volk. Auf diese Weise wird die soziale Masse außerhalb
sich selbst keine sogenannte absolute Wahrheit mehr haben, die
sie lenkt und beherrscht, die vertreten ist von Persönlichkeiten,
welche ein großes Interesse daran haben, sie ausschließlich
in ihren Händen zu halten, weil sie ihnen die Macht, und
mit der Macht den Reichtum, die Möglichkeit gibt, durch
die Arbeit der Volksmassen zu leben. Diese Masse wird aber in
sich selbst eine immer relative, aber wirkliche Wahrheit, ein
Licht haben, welches ihre natürlichen Bewegungen erhellt
und jede Autorität und jede äußere Leitung unnötig
machen wird.
Jedoch darf man sich nicht zu sehr darauf verlassen, und wenn
es beinahe sicher ist, daß kein Gelehrter heute wagen
wird, einen Menschen wie ein Kaninchen zu behandeln, muß
man doch stets fürchten, daß die Gelehrten als Körperschaft
lebende Menschen wissenschaftlichen Versuchen unterwerfen, die
für die Opfer gewiß weniger grausam, aber nicht weniger
schädlich sein würden. Wenn die Gelehrten an den Körpern
einzelner Menschen nicht experimentieren können, werden
sie verlangen, am sozialen Körper Versuche zu machen, was
man unbedingt verhindern muß.
In ihrer gegenwärtigen Organisation, als Monopolisten der
Wissenschaft, die als solche außerhalb des sozialen Lebens
bleiben, bilden die Gelehrten eine abgeschlossene Kaste, die
viele Ähnlichkeiten mit der Priesterkaste hat. Die wissenschaftliche
Abstraktion ist ihr Gott, die lebenden und wirklichen Individuen
sind die Opfer; sie sind die geweihten und patentierten Opferpriester.
Die Wissenschaft kann die Sphäre der Abstraktionen nicht
verlassen. In dieser Beziehung steht sie unendlich tief unter
der Kunst, die zwar auch nur mit allgemeinen Typen und Situationen
zu tun hat, dieselben aber durch einen ihr eigenen Kunstgriff
in Formen zu verkörpern weiß, die zwar nicht im Sinn
des wirklichen Lebens lebendig sind, aber trotzdem in unserer
Einbildung das Gefühl oder die Erinnerung dieses Lebens
hervorrufen; die Kunst individualisiert gewissermaßen
die von ihr erfaßten Typen und Situationen und erinnert
uns durch diese Individualitäten ohne Fleisch und Knochen,
deren Schaffung in ihrer Macht liegt, die deshalb bleibend und
unsterblich sind, an die lebenden, wirklichen Individualitäten,
die vor unseren Augen erscheinen und vergehen. Die Kunst ist
also in gewissem Grade die Rückkehr von der Abstraktion
zum Leben. Die Wissenschaft ist dagegen die beständige
Opferung des flüchtigen, vorübergehenden, aber wirklichen
Lebens auf dem Altar der ewigen Abstraktionen.
Die Wissenschaft kann ebensowenig die Individualität eines
Menschen wie die eines Kaninchens erfassen. Das heißt,
sie steht beiden gleich uninteressiert gegenüber. Nicht,
daß ihr das Prinzip der Individualität unbekannt
wäre. Sie erfaßt es vollständig als Prinzip,
aber nicht als Tatsache. Sie weiß sehr gut, daß
alle Tierarten, die Gattung Mensch inbegriffen, nur wirklich
existieren als unbestimmte Zahl von Individuen, die geboren
werden und sterben und neuen, ebenso vorübergehenden Individuen
Platz machen. Sie weiß, daß mit dem Aufsteigen der
Tierarten zu höheren Arten das Prinzip der Individualität
mehr hervortritt und die Individuen vollständiger und freier
werden. Sie weiß endlich, daß der Mensch, das letzte
und vollendetste Tier auf der Erde, die vollständigste
und beachtenswerteste Individualität zeigt wegen seiner
Fähigkeit, das allgemeine Gesetz zu erfassen, zu verwirklichen
und es gewissermaßen in sich selbst, in seiner sozialen
und privaten Existenz, zu verkörpern. Wenn sie nicht durch
theologischen der metaphysischen, politischen und juristischen
Doktrinarismus oder durch eng wissenschaftlichen Hochmut verdorben
und nicht für die natürlichen Instinkte und Strebungen
des Lebens taub ist, weiß sie, und das ist ihr letztes
Wort, daß die Achtung des Menschen das oberste Gesetz
der Menschheit ist und daß das große, das wahre,
das einzig rechtmäßige Ziel der Geschichte die Humanisierung
und Befreiung, das heißt die wirkliche Freiheit, das wirkliche
Wohl, das Glück jedes in der Gesellschaft lebenden Individuums
ist. Denn schließlich, wenn man nicht in die freiheitstötende
Fiktion, daß der Staat das Gemeinwohl vertrete, verfallen
will, eine Fiktion, die stets auf die systematische Opferung
der Volksmassen gegründet ist, muß man anerkennen,
daß kollektive Freiheit und kollektives Wohlbefinden nur
existieren, wenn sie die Summe der Freiheit und des Wohlbefindens
der Individuen darstellen.
Die Wissenschaft weiß das alles, aber sie geht nicht weiter
und kann nicht weiter gehen. Da die Abstraktion ihre wahre Natur
bildet, kann sie wohl das Prinzip der wirklichen und lebenden
Individualität erfassen, aber sie kann nichts mit den wirklichen
und lebenden Individuen zu tun haben. Sie beschäftigt sich
mit den Individuen im allgemeinen, aber nicht mit Peter und
mit Jakob, nicht mit diesem oder jenem Individuum, die für
sie nicht existieren, nicht existieren können. Ihre Individuen
sind, nochmals bemerkt, nur Abstraktionen. Nicht diese abstrakten
Individualitäten aber, sondern die wirklichen, lebendigen,
vorübergehenden Individuen machen die Geschichte. Abstraktionen
haben keine Füße, sie gehen nur, wenn sie von wirklichen
Menschen getragen werden. Für diese wirklichen Wesen, die
nicht nur in der Idee, sondern in Wirklichkeit aus Fleisch und
Blut bestehen, hat die Wissenschaft kein Interesse. Sie betrachtet
sie höchstens als Material zu geistiger und sozialer Entwicklung.
Was liegt ihr an den besonderen Verhältnissen und dem zufälligen
Schicksal von Peter und Jakob? Sie würde sich lächerlich
machen, abdanken und sich selbst aufheben, wollte sie sich damit
anders befassen als mit einem Beispiel zur Stütze ihrer
ewigen Theorien. Und es wäre lächerlich, ihr deshalb
böse zu sein; denn dies ist nicht ihre Aufgabe. Sie kann
das Wirkliche nicht erfassen, sie kann sich nur in Abstraktionen
bewegen. Ihre Aufgabe ist die Beschäftigung mit der Lage
und den allgemeinen Daseins- und Entwicklungsbedingungen der
Menschheit im allgemeinen oder einer bestimmten Rasse, eines
Volkes, einer Klasse von Individuen, mit den allgemeinen Ursachen
ihrer Wohlfahrt oder ihres Verfalls und den allgemeinen Mitteln,
auf jede Weise den Fortschritt zu fördern. Wenn sie nur
diese Aufgabe in weitem, vernünftigem Sinn erfüllt,
hat sie ihre ganze Pflicht getan, und es wäre wahrhaft
lächerlich und ungerecht, mehr von ihr zu verlangen.
Aber es wäre ebenso lächerlich und unheilvoll, ihr
eine Aufgabe anzuvertrauen, die sie unfähig ist durchzuführen.
Da ihre eigene Natur sie zwingt, das Dasein und das Schicksal
von Peter und Jakob zu übergehen, darf man nie erlauben,
daß sie selbst oder jemand in ihrem Namen Peter und Jakob
beherrscht. Denn sie wäre wohl imstande, sie beinahe so
zu behandeln, wie sie die Kaninchen behandelt. Oder vielmehr,
sie würde fortfahren, sie außer acht zu lassen, ihre
patentierten Vertreter aber, die durchaus nicht abstrakte, sondern
sehr lebendige Männer mit sehr wirklichen Interessen sind,
würden dem verderblichen Einfluß nachgeben, den jedes
Vorrecht unvermeidich auf die Menschen ausübt, und würden
die Menschen im Namen der Wissenschaft schinden, wie die Priester,
die Politiker aller Farben und die Advokaten im Namen Gottes,
des Staates und des juristischen Rechts sie bis jetzt geschunden
haben.
Was ich predige, ist also, bis zu einem gewissen Grade, die
Empörung des Lebens gegen die Wissenschaft oder vielmehr
gegen die Herrschaft der Wissenschaft, nicht um die Wissenschaft
zu zerstören - dies wäre ein Verbrechen an der Menschheit
-, sondern um sie an ihren Platz zu weisen, den sie nie wieder
verlassen sollte. Bis jetzt war die ganze Geschichte der Menschheit
nur ein beständiges und blutiges Opfern von Millionen armer
menschlicher Wesen für irgendeine unerbittliche Abstraktion:
Götter, Vaterland, Staatsmacht, nationale Ehre, geschichtliche
Rechte juristische Rechte, politische Freiheit, öffentliches
Wohl. Solcher Art war bis jetzt die natürliche, freiwillige,
unvermeidliche Bewegung der menschlichen Gesellschaften. Wir
können nichts daran ändern; wir müssen es, was
die Vergangenheit betrifft, annehmen, wie wir alles natürliche
Unheil annehmen. Man muß glauben, daß dies der einzig
mögliche Weg zur Erziehung des Menschengeschlechts war.
Denn man darf sich nicht täuschen: Selbst wenn man den
machiavellistischen Künsten der herrschenden Klassen den
größten Anteil zuschreibt, müssen wir anerkennen,
daß keine Minderheiten mächtig genug gewesen wären,
all diese schrecklichen Opfer den Massen aufzulegen, wenn es
nicht in diesen Massen selbst eine freiwillige, schwindelartige
Bewegung gegeben hätte, die sie dazu trieb, sich immer
von neuem einer dieser verzehrenden Abstraktionen zu opfern,
die, wie die Vampire der Geschichte, sich immer von menschlichem
Blut nährten.
Daß die Theologen, Politiker und Juristen dies sehr schön
finden, ist klar. Als Priester dieser Abstraktionen leben sie
nur von dieser beständigen Opferung der Volksmassen. Ebensowenig
darf erstaunen, wenn auch die Metaphysik ihre Zustimmung dazu
gibt. Ihre einzige Aufgabe ist ja, das Unbillige und Unsinnige
zu rechtfertigen und möglichst vernünftig erscheinen
zu lassen. Daß aber selbst die positive Wissenschaft bis
jetzt das gleiche Bestreben zeigte, müssen wir feststellen
und beklagen. Sie konnte es nur aus zwei Ursachen tun: einmal,
weil sie, außerhalb des Volkslebens stehend, von einer
bevorrechteten Körperschaft vertreten wird, und dann, weil
sie sich selbst bis jetzt als absolutes und letztes Ziel aller
menschlichen Entwicklung aufgestellt hat, während sie aufgrund
bedachter Kritik, die sie anzuwenden fähig ist und die
sie sich letzten Endes gegen sich selbst anzuwenden gezwungen
sehen wird, hätte verstehen müssen, daß sie
nur ein notwendiges Mittel zur Verwirklichung eines viel höheren
Zweckes ist: das der vollständigen Humanisierung der wirklichen
Lage aller wirklichen Individuen, die auf der Erde geboren werden,
leben und sterben.
Der ungeheure Vorzug der positiven Wissenschaft vor der Theologie,
Metaphysik, Politik und dem juristischen Recht besteht darin,
daß sie statt der von diesen Lehren verkündeten lügenhaften
und unheilvollen Abstraktionen wahre Abstraktionen aufstellt,
welche die allgemeine Natur oder die Logik der Tatsachen selbst,
ihre allgemeinen Beziehungen und die allgemeinen Gesetze ihrer
Entwicklung ausdrücken. Dies trennt sie scharf von allen
vorhergehenden Lehren und wird ihr immer eine große Stellung
in der menschlichen Gesellschaft sichern. Sie wird gewissermaßen
deren kollektives Bewußtsein bilden. Andererseits aber
schließt sie sich all diesen Lehren vollständig an:
dadurch, daß sie als Gegenstand nur Abstraktionen hat
und haben kann und durch ihr Wesen gezwungen ist, die wirklichen
Individuen außer acht zu lassen, außerhalb welcher
selbst die richtigsten Abstraktionen keine wirkliche Existenz
haben. Um diesen wesentlichen Fehler zu beheben, müßte
sich das praktische Vorgehen der vorgenannten Lehren und das
der positiven Wissenschaft in folgendem unterscheiden. Erstere
benutzten die Unwissenheit der Massen, um sie mit Wollust ihren
Abstraktionen zu opfern, die übrigens für ihre Vertreter
stets sehr einträglich sind. Letztere muß in Erkenntnis
ihrer absoluten Unfähigkeit, die wirklichen Individuen
zu erfassen und sich für ihr Schicksal zu interessieren,
endgültig und unbedingt auf die Regierung der Gesellschaft
verzichten; denn wenn sie sich um dieselbe kümmern sollte,
könnte sie nichts anderes tun, als stets die lebenden Menschen,
die die Welt kennt, ihren Abstraktionen zu opfern, die den einzigen
sie wirklich beschäftigenden Gegenstand bilden.

Die wahre Geschichtswissenschaft zum Beispiel ist noch nicht,
und man beginnt heutzutage kaum, sich von ihren unendlich verwickelten
Bedingungen eine Vorstellung zu machen. Aber nehmen wir an,
diese Wissenschaft bestehe: Was wird sie uns geben können?
Sie wird das treue, wohldurchdachte Bild der natürlichen
Entwicklung der allgemeinen, materiellen und ideellen, wirtschaftlichen,
politischen und sozialen, religiösen, philosophischen,
ästhetischen und wissenschaftlichen Verhältnisse der
Gesellschaften geben, welche eine Geschichte gehabt haben. Aber
dieses allgemeine Bild der menschlichen Kultur, wie sehr es
auch in die Einzelheiten gehen mag, wird stets nur allgemeine
und folglich abstrakte Würdigungen enthalten können
in dem Sinn, daß die Milliarden menschlicher Individuen,
welche den lebenden und leidenden Stoff dieser Geschichte bilden,
die zugleich triumphierend und trostlos ist - triumphierend
im Hinblick auf ihre allgemeinen Ergebnisse, trostlos mit Hinsicht
auf die ungeheure, "unter ihrem Wagen erdrückte"
Hekatombe 442 menschlicher Opfer -; daß diese Milliarden
schattenhafter Individuen, ohne welche aber keines dieser großen
abstrakten Resultate der Geschichte erreicht worden wäre
und die, wohlgemerkt, nie den Vorteil von einem dieser Ergebnisse
hatten; daß diese Individuen also nicht einmal den geringsten
Platz in der Geschichte finden würden. Sie lebten und wurden
zum Wohl der abstrakten Humanität geopfert und vernichtet.
Sollen wir daraus der Geschichtswissenschaft einen Vorwurf machen?
Dies wäre lächerlich und ungerecht. Individuen sind
unfaßbar für das Denken, die Überlegung, selbst
für das menschliche Wort, das nur Abstraktionen auszudrücken
fähig ist, unfaßbar in der Gegenwart wie in der Vergangenheit.
Auch die Sozialwissenschaft, die Wissenschaft der Zukunft, wird
also notgedrungen fortfahren, sie nicht in den Kreis ihrer Betrachtungen
zu ziehen. Wir haben nur das Recht, von ihr zu verlangen, daß
sie uns mit fester und treuer Hand die allgemeinen Ursachen
der persönlichen Leiden anzeigt, und unter diesen Ursachen
wird sie gewiß die leider nur zu häufige Opferung
und Unterordnung von lebenden Individuen zugunsten abstrakter
Allgemeinheiten nicht vergessen, und sie möge uns gleichzeitig
die allgemeinen Bedingungen der wirklichen Befreiung der lebenden
Individuen in der Gesellschaft zeigen. Dies ist ihre Aufgabe,
dies sind auch ihre Grenzen, außerhalb welcher die Tätigkeit
der Sozialwissenschaft nur ohnmächtig und verhängnisvoll
sein könnte. Denn jenseits dieser Grenzen beginnen die
doktrinären und Regierungsansprüche ihrer patentierten
Vertreter, ihrer Priester. Und es ist an der Zeit, mit allen
Päpsten und Priestern ein Ende zu machen: Wir wollen keine
mehr, selbst wenn sie sich sozialistische Demokraten nennen
würden.
Noch einmal: Die einzige Aufgabe der Wissenschaft ist, den Weg
zu erhellen. Aber nur das von allen Regierungs- und doktrinären
Fesseln befreite, der Fülle seiner natürlichen Tätigkeit
wiedergegebene Leben kann schöpferisch tätig sein.
Wie ist dieser Widerspruch zu lösen? Die Wissenschaft ist
einerseits zur vernünftigen Organisation der Gesellschaft
unentbehrlich, andererseits darf sie, da sie unfähig ist,
sich für das Wirkliche und Lebendige zu interessieren,
sich nicht um die wirkliche oder praktische Organisation der
Gesellschaft kümmern.
Dieser Widerspruch kann nur auf eine Art gelöst werden:
durch die Auflösung der Wissenschaft als außerhalb
des sozialen Lebens aller existierendes Wesen, das als solches
von einer Körperschaft patentierter Gelehrter vertreten
wird, und durch ihre Verbreitung in den Volksmassen. Die Wissenschaft,
die berufen ist, hinfort das kollektive Bewußtsein der
Gesellschaft zu vertreten, muß wirklich Eigentum aller
werden. Ohne ihren universellen Charakter zu verlieren, den
sie nie aufgeben kann, ohne aufzuhören, Wissenschaft zu
sein, und fortfahrend sich mit den allgemeinen Verhältnissen
und Beziehungen der Individuen und Dinge zu beschäftigen,
wird sie tatsächlich mit dem unmittelbaren und wirklichen
Leben aller Individuen verschmelzen. Diese Bewegung wird derjenigen
ähnlich sein, welche die Protestanten zu Anfang der Reformation
sagen ließ, daß man jetzt keine Priester mehr brauche,
da jeder Mensch jetzt sein eigener Priester werde, da jeder
Mensch allein dank der unsichtbaren Vermittlung unseres Herrn
Jesu Christi, jetzt seinen Herrgott in sich habe. Aber hier
handelt es sich nicht um den Herrn Jesus Christus, noch um den
Herrgott, noch um politische Freiheit, juristisches Recht, was
bekanntlich alles theologisch oder metaphysisch offenbarte und
gleich unverdauliche Dinge sind. Die Welt der wissenschaftlichen
Abstraktionen ist nicht offenbart, sie ist der wirklichen Welt
eigen und ist deren Ausdruck und allgemeine oder abstrakte Darstellung.
Solange diese ideale Welt eine getrennte Region bildet, die
speziell von der Körperschaft der Gelehrten vertreten wird,
droht sie der wirklichen Welt gegenüber den Platz Gottes
einzunehmen und ihren patentierten Vertretern das Priesteramt
vorzubehalten. Deshalb ist es notwendig, durch allgemeinen,
für alle und alle Geschlechter gleichen Unterricht die
abgeschlossene soziale Organisation der Wissenschaft aufzulösen,
damit die Massen aufhören, von bevorrechteten Hirten geführte
und geschorene Herden zu sein, und von jetzt ab ihr Schicksal
selbst in die Hand nehmen können. 6
Dürfen aber die Massen, bis sie diesen Bildungsgrad erreicht
haben, von den Männern der Wissenschaft geleitet werden?
Gott bewahre! Es wäre für sie besser, sich ohne Wissenschaft
zu behelfen, als sich von den Gelehrten regieren zu lassen.
Die erste Folge einer Gelehrtenregierung wäre, daß
die Wissenschaft dem Volke unzugänglich würde, und
eine solche Regierung würde notwendigerweise eine aristokratische
sein, weil die Wissenschaft, wie sie gegenwärtig besteht,
eine aristokratische Einrichtung ist. Aristokratie der Intelligenz
- in praktischer Beziehung die unbarmherzigste, in sozialer
Hinsicht die anmaßendste und herausforderndste -, dies
wäre die im Namen der Wissenschaft errichtete Macht. Diese
Regierung wäre imstande, Leben und Bewegung der Gesellschaft
zu lahmen. Die Gelehrten, die immer anspruchsvoll und dünkelhaft,
immer ohnmächtig sind, würden sich um alles kümmern
wollen, und alle Quellen des Lebens würden unter ihrem
abstrakten und gelehrten Hauch austrocknen. Noch einmal: Das
Leben, nicht die Wissenschaft, schafft das Leben; nur die natürliche
Tätigkeit des Volkes selbst kann die Volksfreiheit schaffen.
Es wäre gewiß ein großes Glück, wenn die
Wissenschaft schon heute den natürlichen Zug des Volkes
seiner Befreiung entgegen erhellen könnte. Aber gar kein
Licht ist noch besser als ein falsches, das spärlich von
außen leuchtet mit dem klaren Zweck, das Volk irrezuführen.
Übrigens wird das Licht dem Volk nicht ganz fehlen. Nicht
vergeblich durchlief ein Volk eine lange geschichtliche Laufbahn
und zahlte für seine Irrtümer mit Jahrhunderten schrecklicher
Leiden. Die praktische Zusammenfassung dieser schmerzlichen
Erfahrungen bildet eine Art überlieferter Wissenschaft,
die in gewisser Hinsicht so viel wert ist wie die theoretische
Wissenschaft. Endlich werden Teile der studierenden Jugend,
diejenigen Bourgeois-Studenten, die hinreichend Haß gegen
die Lüge, die Heuchelei, die Nichtswürdigkeit und
Feigheit der Bourgeoisie empfinden, um in sich den Mut zu finden,
ihr den Rücken zu kehren, und hinreichende Leidenschaft,
um ohne Vorbehalt die gerechte und menschliche Sache des Proletariats
zu der ihren zu machen, wie ich schon sagte, die brüderlichen
Unterweiser des Volkes sein; wenn sie ihm die noch fehlenden
Kenntnisse bringen, werden sie die Regierung der Gelehrten ganz
unnötig machen.
Wenn das Volk sich vor der Regierung der Gelehrten hüten
muß, so muß es noch mehr vor der der erleuchteten
Idealisten auf der Hut sein. Je aufrichtiger diese Gläubigen
und Dichter des Himmels sind, desto gefährlicher werden
sie. Die wissenschaftliche Abstraktion, sagte ich, ist eine
vernünftige, in ihrem Wesen wahre Abstraktion, die dem
Leben notwendig ist, dessen theoretische Darstellung, dessen
Bewußtsein sie ist. Sie kann und muß vom Leben aufgenommen
und verarbeitet werden. Die idealistische Abstraktion, Gott,
ist ein ätzendes Gift, welches das Leben zerstört
und zersetzt, fälscht und tötet. Der Hochmut der Idealisten,
der kein persönlicher, sondern ein göttlicher ist,
ist unbesiegbar und unversöhnlich. Er kann und muß
sterben, wird aber nie weichen, und noch mit dem letzten Atemzug
wird er versuchen, die Welt unter den Fuß seines Gottes
zu knechten, geradeso wie die preußischen Leutnants, diese
praktischen Idealisten Deutschlands, sie unter dem gespornten
Stiefel ihres Königs zertreten zu sehen wünschen.
Der Glaube ist derselbe - seine Gegenstände sind nicht
einmal sehr verschieden -, und der Glaube zeitigt dasselbe Ergebnis:
Knechtschaft.
Dies ist gleichzeitig der Triumph des krassesten und brutalsten
Materialismus: Für Deutschland bedarf dies keines Beweises,
denn man müßte wirklich blind sein, um es im gegenwärtigen
Augenblick nicht zu sehen. Aber ich halte es für nötig,
dies auch in bezug auf den göttlichen Idealismus zu beweisen.
Der Mensch ist, wie die ganze übrige Welt, ein vollständig
materielles Wesen. Der Geist, die Fähigkeit zu denken,
die verschiedenen äußeren und inneren Eindrücke
zu empfangen und zurückzuwerfen, sich der vergangenen zu
erinnern und sie durch das Gedächtnis wieder hervorzubringen,
sie zu vergleichen und zu unterscheiden, gemeinsame Eigenschaften
zu abstrahieren und so allgemeine oder abstrakte Begriffe zu
schaffen, schließlich durch verschiedene Gruppierung und
Zusammenfassung der Begriffe Ideen zu bilden, - die Intelligenz
mit einem Wort, der einzige Schöpfer all unserer idealen
Welt, gehört dem tierischen Körper an und insbesondere
der ganz materiellen Organisation des Gehirns.
Wir wissen dies ganz bestimmt durch die allgemeine Erfahrung,
die durch nichts je widerlegt wurde und die jeder Mensch in
jedem Augenblick seines Lebens nachprüfen kann. In allen
Tieren, die niedrigsten Arten nicht ausgenommen, finden wir
einen gewissen Grad von Intelligenz, und wir sehen, daß
in der Reihe der Arten die tierische Intelligenz sich um so
mehr entwickelt, je mehr sich der Organismus einer Art dem des
Menschen nähert, daß sie aber im Menschen allein
zu jener Macht der Abstraktion gelangt, welche eigentlich das
Denken ausmacht.
Die allgemeine Erfahrung,7 welche in ihrer
Ganzheit der einzige Ursprung, die Quelle all unserer Kenntnisse
ist, zeigt uns also erstens, daß jedes Tier Intelligenz
besitzt, zweitens, daß die Intensität, die Kraft
dieser tierischen Funktion, von der relativen Vollkommenheit
des tierischen Organismus abhängt. [...] Andererseits ist
es sicher, daß kein Mensch je den reinen, von jeder körperlichen
Form losgelösten, von einem tierischen Körper getrennten
Geist sah oder sehen konnte. Wenn ihn aber nie jemand sah, wie
konnten die Menschen zu dem Glauben an seine Existenz gelangen?
Denn dieser Glaube steht allgemein fest, und er ist, wenn auch
nicht universell, wie die Idealisten behaupten, so doch wenigstens
sehr allgemein und als solcher ganz unserer aufmerksamen Beachtung
wert; denn ein allgemeiner Glaube, wie dumm er auch sein mag,
übt immer einen allzu mächtigen Einfluß auf
die Geschicke der Menschheit aus, als daß es erlaubt wäre,
ihn außer acht zu lassen oder von ihm abzusehen.
Die Tatsache dieses Glaubens erklärt sich übrigens
auf natürliche und vernünftige Weise. Das Beispiel
von Kindern und Jünglingen, selbst von vielen Erwachsenen,
zeigt uns, daß der Mensch seine geistigen Fähigkeiten
schon lange gebrauchen kann, bevor er sich darüber Rechenschaft
ablegt, wie er sie ausübt, bevor er zum klaren und genauen
Bewußtsein dieser Ausübung kommt. In dieser Zeit,
in welcher der Geist seiner selbst unbewußt in Tätigkeit
tritt, in der die Intelligenz naiv oder gläubig tätig
ist, schafft der von der äußeren Welt bedrückte
Mensch, von dem inneren Stachel, dem Leben und den vielartigen
Bedürfnissen des Lebens getrieben, eine Menge Einbildungen,
Begriffe und Ideen, die notwendigerweise zuerst sehr unvollkommen
sind und der Wirklichkeit der Dinge und Tatsachen, die sie sich
auszudrücken bemühen, sehr wenig entsprechen. Und
da er sich seiner eigenen Verstandestätigkeit nicht bewußt
ist, da er noch nicht weiß, daß er selbst diese
Einbildungen, Begriffe und Ideen hervorbringt und hervorzubringen
fortfährt, da er selbst ihren ganz subjektiven, das heißt
menschlichen Ursprung nicht kennt, betrachtet er sie natürlich
mit Notwendigkeit als objektive Wesen, als wirkliche Wesen,
die von ihm selbst ganz unabhängig durch sich selbst und
in sich selbst sind.
Auf diese Weise schufen die Naturvölker, die langsam ihre
tierische Unschuld verließen, ihre Götter. Nachdem
sie sie geschaffen, fiel ihnen nicht ein, daß sie selbst
ihre einzigen Schöpfer waren, und sie beteten sie an, betrachteten
sie als wirkliche, ihnen selbst unendlich überlegene Wesen,
legten ihnen Allmacht bei und erklärten sich als ihre Geschöpfe,
ihre Sklaven. Mit der Weiterentwicklung der menschlichen Ideen
idealisierten sich auch die Götter, die, wie ich bemerkte,
stets nur der phantastische, ideale, poetische Widerschein oder
das verkehrte Bild dieser Ideen waren. Aus groben Fetischen
wurden sie allmählich zu reinen Geistern, die außerhalb
der sichtbaren Welt existieren, und zum Schluß, als Folge
einer langen geschichtlichen Entwicklung, verschmolzen sie in
ein einziges göttliches Wesen, den reinen, ewigen, absoluten
Geist, den Schöpfer und Herrn der Welten.

In
jeder richtigen oder falschen, wirklichen oder eingebildeten
Entwicklung kostet immer der erste Schritt am meisten, ist die
erste Handlung die schwierigste. Wenn der erste Schritt getan,
die erste Handlung vollzogen, folgt das übrige in natürlicher
Weise als notwendige Folge. Das Schwierige in der geschichtlichen
Entwicklung dieses schrecklichen religiösen Wahnsinns,
der uns noch immer besessen hält und erdrückt, war
also die Aufstellung einer göttlichen Welt als solcher,
außerhalb der wirklichen Welt. Dieser erste Akt der Verrücktheit,
so natürlich er vom psychologischen Gesichtspunkt und so
notwendig er demzufolge in der Geschichte der Menschheit sein
mag, vollzog sich nicht auf einen Schlag. Es brauchte ich weiß
nicht wie viele Jahrhunderte, um diesen Glauben zu entwickeln
und in die geistigen Gewohnheiten der Menschen eindringen zu
lassen. Nachdem er sich aber einmal festgesetzt hatte, wurde
er allmächtig, wie dies notwendigerweise jede Verrücktheit
wird, die sich des menschlichen Gehirns bemächtigt. Man
nehme einen Narren: Welches immer der besondere Gegenstand seiner
Narrheit sein mag, man wird finden, daß die dunkle und
fixe Idee, die von ihm Besitz ergriffen, ihm die natürlichste
Sache von der Welt scheint, während dagegen die dieser
Idee widersprechenden natürlichen und wirklichen Tatsachen
ihm lächerlicher und verhaßter Wahnsinn zu sein scheinen.
Nun, die Religion ist ein gemeinsamer Wahnsinn, der um so mächtiger
ist, weil es ein überlieferter Wahnsinn ist, dessen Ursprung
sich in das entfernteste Altertum verliert. Als allgemeiner
Wahnsinn drang sie in alle öffentlichen und privaten Einzelheiten
des sozialen Daseins eines Volkes ein, verkörperte sich
in der Gesellschaft, wurde sozusagen deren Seele und gemeinsamer
Gedanke. Jeder Mensch ist von seiner Geburt an von ihr umringt,
nimmt sie mit der Muttermilch in sich auf, nimmt sie auf mit
allem, was er hört und sieht. Er wurde damit so sehr genährt,
vergiftet und in seinem ganzen Wesen durchdrungen, daß
er später, wie mächtig auch sein natürlicher
Verstand sein mag, unerhörte Anstrengungen machen muß,
sich von ihr zu befreien, und nie gelingt ihm dies vollständig.
Unsere modernen Idealisten sind ein Beweis hierfür; ein
weiterer Beweis sind unsere doktrinären Materialisten,
die deutschen Kommunisten: Sie konnten sich von der Religion
des Staates nicht losmachen.
Sobald einmal die übernatürliche, die göttliche
Welt sich in der überlieferten Einbildung der Völker
festgesetzt hatte, ging die Entwicklung der verschiedenen religiösen
Systeme ihren natürlichen und logischen Lauf, immer übrigens
der gleichzeitigen tatsächlichen Entwicklung der wirtschaftlichen
und politischen Beziehungen entsprechend, deren treue Wiedergabe
und göttliche Weihe in der Welt der religiösen Phantasie
sie stets war. So entwickelte sich der gemeinsame geschichtliche
Wahnsinn, den man Religion nennt, vom Fetischismus, durch alle
Grade des Polytheismus bis zum christlichen Monotheismus.
Der zweite Schritt in der Entwicklung des religiösen Glaubens,
nach der Errichtung einer getrennten göttlichen Welt gewiß
der schwerste, war gerade dieser Übergang vom Polytheismus
zum Monotheismus, vom religiösen Materialismus der Heiden
zum vergeistigten Glauben der Christen. Die heidnischen Götter,
dies war ihr wesentlicher Charakterzug, waren vor allem ausschließlich
nationale Götter. Da sie ferner zahlreich waren, bewahrten
sie notwendigerweise mehr oder weniger einen körperlichen
Charakter, oder vielmehr, weil sie körperlich waren, waren
sie so zahlreich, da Verschiedenheit eine der Haupteigenschaften
der wirklichen Welt ist. Die heidnischen Götter waren noch
nicht im eigentlichen Sinn die Verneinung der wirklichen Dinge,
sie waren nur ihre phantastische Übertreibung.
Um auf den Trümmern ihrer so zahlreichen Altäre den
Altar eines einzigen und obersten Gottes, des Herrn der Welt,
zu errichten, mußte also zuerst das selbständige
Dasein der verschiedenen Nationen der heidnischen oder antiken
Welt zerstört werden. Dies taten die Römer auf sehr
brutale Weise; sie schufen durch Eroberung des größten
Teils der den Alten bekannten Welt gewissermaßen den ersten,
gewiß noch ganz negativen und groben Entwurf der Idee
der Menschheit. [...] Die große Ehre des Christentums,
sein unbestreitbares Verdienst und das ganze Geheimnis seines
unerhörten und übrigens ganz berechtigten Triumphs
war, daß es sich an das ungeheure leidende Volk wandte,
dem die antike Welt, die eine enge und grausame geistige und
politische Aristokratie bildete, auch die letzten Eigenschaften
und einfachsten Rechte der Menschheit verweigerte. Sonst hätte
es sich nie verbreiten können. Die von den Aposteln Christi
gepredigte Lehre, so trostreich sie den Unglücklichen erscheinen
mochte, war vom Gesichtspunkt der menschlichen Vernunft aus
zu empörend, zu unsinnig, als daß aufgeklärte
Männer sie hätten annehmen können. Wie triumphierend
spricht nicht auch der heilige Apostel Paulus von dem Ärgernis
des Glaubens und dem Triumph dieser göttlichen Narrheit,
welche die Mächtigen und Weisen der Zeit zurückwiesen,
welche aber um so leidenschaftlicher von den Einfachen, den
Unwissenden und den Armen im Geiste angenommen wurde!
Es muß wirklich sehr tiefe Unzufriedenheit mit dem Leben,
sehr großer Durst des Herzens und beinahe vollständige
Geistesarmut vorhanden sein, um die christliche Sinnlosigkeit
anzunehmen, die kühnste und ungeheuerlichste aller religiösen
Sinnlosigkeiten. Sie war nicht nur die Verneinung aller politischen,
sozialen und religiösen Einrichtungen des Altertums, sondern
der unbedingte Umsturz des gesunden Menschenverstandes, aller
menschlichen Vernunft. Das wirklich existierende Wesen, die
wirkliche Welt, wurden von jetzt ab als das Nichts betrachtet;
das Produkt der menschlichen Abstraktionsfähigkeit, die
letzte und höchste Abstraktion, in welcher diese Fähigkeit
nach Überschreitung aller existierenden Dinge, der allgemeinsten
Bestimmungen des lebenden Wesens wie der Ideen von Zeit und
Raum sogar, nach denen nichts zu überschreiten übrig
bleibt, in der Betrachtung ihrer Lehre und absoluten Unbeweglichkeit
ruht, - diese Abstraktion also, dieser tote Rückstand,
jeden Inhalts leer, das wahre Nichts,Gott, wird zum einzigen
wirklichen, ewigen, allmächtigen Wesen proklamiert. Das
wirkliche All wird als Nichts erklärt und das absolute
Nichts als All. Der Schatten wird Körper und der Körper
verschwindet wie ein Schatten. 8
Es war eine unerhörte Kühnheit und Sinnlosigkeit,
das wahre Ärgernis des Glaubens, der Sieg der gläubigen
Dummheit über den Geist, für die Massen und für
einige wenige der triumphierende Spott eines ermüdeten,
verdorbenen, enttäuschten Geistes, den das ehrliche und
ernste Suchen der Wahrheit anekelte, das Bedürfnis, sich
zu betäuben und zu verdummen, wie es sich oft bei abgestumpften
Geistern findet: Credo quia absurdum ("Ich glaube nicht
nur an das Unsinnige; ich glaube daran gerade und hauptsächlich,
weil es das Unsinnige ist.") So glauben viele ausgezeichnete
und aufgeklärte Geister in unseren Tagen an den tierischen
Magnetismus, den Spiritismus, das Tischerücken, - aber
warum so weit gehen? - sie glauben noch an das Christentum,
an den Idealismus, an Gott.
Der Glaube des antiken Proletariats, ebenso wie der der modernen
Massen nach ihm, war derber und einfacher. Die christliche Lehre
hatte sich an sein Herz gewendet, nicht an seinen Geist, an
sein ewiges Trachten, seine Bedürfnisse, seine Leiden,
seine Sklaverei, nicht an seine noch schlummernde Vernunft,
für welche die logischen Widersprüche, die augenscheinliche
Sinnlosigkeit also, nicht existieren konnten. Die einzige Frage,
welche das antike Proletariat interessierte, war die, wann die
Stunde der versprochenen Erlösung schlagen, wann das Reich
Gottes kommen würde. Um die theologischen Dogmen kümmerte
es sich nicht, weil es nichts davon verstand. Das zum Christentum
bekehrte Proletariat bildete seine aufsteigende materielle Macht,
nicht sein theoretisches Denken. Die christlichen Dogmen wurden
bekanntlich in einer Reihe literarischer theologischer Arbeiten
und auf den Kirchenversammlungen hauptsächlich von den
bekehrten Neuplatonikern des Orients ausgearbeitet. Der griechische
Geist war so tief gesunken, daß wir schon im vierten christlichen
Jahrhundert, der Zeit der ersten Kirchenversammlung, die Idee
eines persönlichen Gottes, des reinen, ewigen, absoluten
Geistes, des Schöpfers und obersten Herrn der Welt, der
außerhalb der Welt existiert, von allen Kirchenvätern
einstimmig angenommen finden, und als logische Konsequenz dieser
absoluten Sinnlosigkeit den jetzt natürlichen und notwendigen
Glauben an die Geistigkeit und Unsterblichkeit der menschlichen
Seele, die in einem sterblichen, aber nur zum Teil sterblichen
Körper wohnt und eingesperrt ist; - nur zum Teil sterblich,
weil ein Teil dieses Körpers, obgleich körperlich,
unsterblich wie die Seele ist und wie die Seele wieder auferstehen
wird. So schwer wurde es selbst Kirchenvätern, sich den
reinen Geist außerhalb jeder Körperform vorzustellen!
Im allgemeinen liegt es in der Art aller theologischen und auch
metaphysischen Gedankengänge zu versuchen, eine Sinnlosigkeit
durch eine andere zu erklären.
Es war ein großes Glück für das Christentum,
daß es die Welt der Sklaven fand. Ein anderes Glück
widerfuhr ihm: der Einfalt der Barbaren. Die Barbaren waren
tapfere Leute, voll natürlicher Kraft, und vor allem belebt
und getrieben von großem Lebensbedürfnis und großer
Lebensfähigkeit; erprobte Räuber, fähig, alles
zu verwüsten und zu verschlingen, wie ihre Nachfolger,
die heutigen Deutschen; viel weniger systematisch und pedantisch
in ihrem Räubertum als letztere, weniger moralisch, weniger
gelehrt, aber dagegen viel unabhängiger und stolzer, fähig
der Wissenschaft und der Freiheit nicht unfähig wie die
Bourgeois des modernen Deutschland. Aber trotz all dieser großen
Eigenschaften waren sie nichts als Barbaren, das heißt,
allen Fragen der Theologie und Metaphysik gegenüber ebenso
gleichgültig wie die antiken Sklaven, von denen übrigens
viele ihrer Rasse angehörten. Sobald also einmal ihr praktischer
Widerwille gebrochen war, war es nicht schwer, sie theoretisch
zum Christentum zu bekehren.
Zehn Jahrhunderte nacheinander konnte das mit der Allmacht der
Kirche und des Staates bewaffnete Christentum ohne Beeinträchtigung
von irgendwelcher Seite den Geist Europas verderben, verschlechtern
und fälschen. Es hatte keine Rivalen, weil es außerhalb
der Kirche keine Denker, nicht einmal Gebildete gab. Die Kirche
allein dachte, sprach, schrieb und lehrte. Ketzereien, die in
ihrem Schoß entstanden, griffen stets nur die theologischen
oder praktischen Entwicklungen des Grunddogmas an, nicht dieses
Dogma selbst. Der Glaube an Gott, den reinen Geist und Schöpfer
der Welt, und der Glaube an die Geistigkeit der Seele blieben
unberührt. Dieser Doppelglaube wurde die ideale Grundlage
der ganzen westlichen und östlichen Kultur Europas und
drang in alle Einrichtungen ein, verwirklichte sich in allen
Einzelheiten des öffentlichen und privaten Lebens aller
Klassen ebenso wie der Massen. Kann man sich dann wundern, daß
dieser Glaube sich bis zum heutigen Tag erhalten hat und fortfährt,
seinen verhängnisvollen Einfluß selbst auf so hohe
Geister wie Mazzini, Quinet, Michelet und so viele andere auszuüben?
Wir sahen, daß ihm der erste Kampf von der Renaissance
des freien Geistes im 15. Jahrhundert geliefert wurde, der Renaissance,
welche Helden und Märtyrer hervorbrachte wie Vanini, wie
Giordano Bruno und Galilei; obgleich bald erstickt von dem Lärm,
Tumult und den Leidenschaften der Reformation, setzte sie geräuschlos
ihre unsichtbare Arbeit fort und hinterließ den edelsten
Geistern jeder Generation das Werk menschlicher Befreiung durch
die Zerstörung des Unsinnigen, bis sie endlich in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder im vollen Tageslicht
erschien und kühn die Fahne des Atheismus und Materialismus
entrollte.
Man hätte damals glauben können, daß der menschliche
Geist sich ein für allemal von jedem göttlichen Druck
befreien würde. Dies war ein Irrtum. Die Gotteslüge,
mit der sich die Menschheit - um nur von der christlichen Welt
zu sprechen - 18 Jahrhunderte lang genährt hatte, sollte
sich noch einmal mächtiger als die menschliche Wahrheit
zeigen. Da sie sich nicht mehr der Schwarzröcke, der geweihten
Raben der Kirche, der katholischen oder protestantischen Priester,
die jedes Vertrauen verloren hatten, bedienen konnte, so bediente
sie sich der Laienpriester, der Lügner und Sophisten im
kurzen Rock, und die Hauptrolle fiel zwei verhängnisvollen
Männern unter ihnen zu: dem falschen Geist und dem doktrinär
despotischsten Willen des vergangenen Jahrhunderts, J. J. Rousseau
und Robespierre.

Der erstere ist der wahre Typus der Lüge und argwöhnischen
Kleinlichkeit, der Überhebung der eigenen Person, der kalten
Begeisterung und sentimentaler und gleichzeitig unbarmherziger
Heuchelei, der notwendigen Lüge des modernen Idealismus.
Man kann ihn als den wahren Schöpfer der modernen Reaktion
betrachten. Während er dem Anschein nach der demokratischste
Schriftsteller des 18. Jahrhunderts ist, brütet in ihm
der erbarmungslose Despotismus des Staatsmanns. Er war der Prophet
des doktrinären Staats, dessen Hohepriester Robespierre,
sein würdiger und treuer Schüler, zu werden versuchte.
Rousseau hörte Voltaire sagen, daß, wenn es keinen
Gott gäbe, er erfunden werden müsse, und er erfand
das höchste Wesen, den abstrakten und leeren Gott der Deisten.
Und im Namen des höchsten Wesens und der von ihm befohlenen
heuchlerischen Tugend guillotinierte Robespierre zuerst die
Hebertisten, dann den Genius der Revolution, Danton, in dessen
Person er die Republik ermordete, um so den von da ab notwendig
gewordenen Triumph der Diktatur Bonapartes vorzubereiten. Nach
diesem großen Sieg suchte und fand die idealistische Reaktion
weniger fanatische, weniger schreckliche Diener, wenn man sie
an dem bedeutend geringeren Maßstab der Bourgeoisie des
19. Jahrhunderts mißt. In Frankreich waren es Chateaubriand,
Lamartine und - soll ich es sagen? Warum nicht? Man muß
die ganze Wahrheit sagen - Victor Hugo, der Demokrat, der Republikaner,
der Schein-Sozialist von heute, und nach ihnen die ganze melancholische
und sentimentale Kohorte magerer und blasser Geister, die unter
der Führung jener Meister die Schule des modernen Romantismus
bildeten. In Deutschland waren es die Schlegel, die Tieck, die
Novalis, die Werner, waren es Schelling und so viele andere,
deren Namen nicht einmal genannt zu werden verdienen.
Die von dieser Schule geschaffene Literatur war das wahre Reich
der Geister und Gespenster. Sie vertrug das Tageslicht nicht
und konnte nur im Halbdunkel leben. Ebensowenig vertrug sie
die brutale Berührung der Massen; es war die Literatur
der zarten, feinen, ausgezeichneten Seelen, die dem Himmel,
ihrer Heimat, zustrebten und wie gegen ihren Willen auf der
Erde lebten. Sie verachtete und verabscheute die Politik, die
Tagesfragen; wenn sie aber zufällig von ihnen sprach, zeigte
sie sich offen reaktionär und nahm die Partei der Kirche
gegen die Unverschämtheit der Freidenker, die Partei der
Könige gegen die Völker und die Partei aller Aristokratien
gegen das elende Straßengesindel. Übrigens herrschte
in dieser Schule, wie ich soeben sagte, beinahe vollständige
Gleichgültigkeit gegenüber politischen Fragen vor.
In den Wolken, in denen sie lebte, konnte man nur zwei wirkliche
Punkte unterscheiden: die rasche Entwicklung des Bourgeois-Materialismus
und die zügellose Entfesselung persönlicher Eitelkeit.
Um diese Literatur zu verstehen, muß man ihre Entstehungsursache
in der Umwandlung suchen, die sich in der Bourgeois-Klasse seit
der Revolution von 1793 vollzog. Von der Renaissance und der
Reformation bis zu dieser Revolution war die Bourgeoisie, wenn
nicht in Deutschland, so doch wenigstens in Italien, Frankreich,
der Schweiz, England und Holland der Held und Vertreter des
revolutionären Geistes der Geschichte. Aus ihr gingen der
größte Teil der Freidenker des 15. Jahrhunderts,
die großen religiösen Reformatoren der beiden folgenden
Jahrhunderte und die Apostel der menschlichen Befreiung des
18. Jahrhunderts hervor, diesmal die Deutschlands Inbegriffen.
Sie allein, natürlich auf die Sympathien und den mächtigen
Arm des Volkes, das an sie glaubte, gestützt, machte die
Revolution von 1789 und 1793. Sie verkündete den Fall des
Königtums und der Kirche, die Verbrüderung der Völker,
die Menschen- und Bürgerrechte. Dies sind ihre unsterblichen
Ruhmestitel.
Seit jener Zeit spaltete sie sich. Eine beträchtliche Partei
reich gewordener Käufer von Nationalgütern, die sich
diesmal nicht auf das städtische Proletariat, sondern auf
die Mehrheit der gleichfalls Grundbesitzer gewordenen Bauern
Frankreichs stützte, strebte den Frieden, die Wiederherstellung
der öffentlichen Ordnung, die Gründung einer regelmäßigen
und mächtigen Regierung an. Voll Glück jauchzte sie
also der Diktatur des ersten Bonaparte zu und sah, obgleich
stets voltairiansch gesinnt, dessen Abkommen mildem Papst und
die Wiederherstellung der offiziellen Kirche in Frankreich nicht
mit bösem Auge an: "Die Religion ist dem Volke so
notwendig!" - was heißen will, daß dieser nun
selbst gesättigte Teil der Bourgeoisie von jetzt ab zu
verstehen begann, daß es im Interesse der Erhaltung seiner
Lage und seiner neu erworbenen Güter dringend notwendig
sei, den ungesättigten Hunger des Volkes durch Versprechungen
himmlischen Mannas zu täuschen. Damals begann Chateaubriand
zu predigen. 9
Napoleon fiel. Die Restauration führte mit der rechtmäßigen
Monarchie die Macht der Kirche und die Aristokratie nach Frankreich
zurück, welche, wenn nicht ihre ganze, so doch einen beträchtlichen
Teil ihrer früheren Macht wiederergriffen hat. Diese Reaktion
warf die Bourgeoisie in die Revolution zurück, und mit
dem revolutionären Geist erwachte auch der Freigeist wieder.
Sie legte Chateaubriand beiseite und begann wieder Voltaire
zu lesen. Sie ging nicht bis Diderot: Ihre geschwächten
Nerven vertrugen keine so starke Kost mehr. Voltaire, der gleichzeitig
Freigeist und Deist war, paßte ihr dagegen sehr. Böranger
und Paul-Louis Courier drückten ganz und gar diese neue
Richtung aus. Der "Gott der braven Leute" und das
Ideal des Bürgerkönigs, der zugleich liberal und demokratisch
ist und sich vom majestätischen und jetzt weniger offensiven
Hintergrund der gigantischen Siege des Kaiserreiches abhebt,
- dies war in jener Zeit die tägliche geistige Nahrung
der französischen Bourgeoisie. Lamartine, von dem eitel
lächerlichen Neid angestachelt, sich zur poetischen Höhe
des großen englischen Dichters Byron zu erheben, hatte
seine kalt delirierenden Hymnen zu Ehren des Gottes der Adligen
und der rechtmäßigen Monarchie begonnen. Aber seine
Gesänge hallten nur in den aristokratischen Salons wider.
Die Bourgeoisie hörte sie nicht. Beranger war ihr Dichter
und Paul-Louis Courier ihr politischer Schriftsteller.
Die Juli-Revolution hatte die Veredlung ihres Geschmacks zur
Folge. Man weiß, daß jeder Bourgeois in Frankreich
den unverwüstlichen Typus des >bourgeois gentil-homme<
(Der Bürger als Edelmann) in sich trägt, der stets
hervortritt, sobald er ein bißchen Reichtum und Macht
erwirbt. 1830 hatte die reiche Bourgeoisie endgültig den
alten Adel im Besitz der Macht verdrängt. Sie strebte natürlich
die Gründung einer neuen Aristokratie an: einer Aristokratie
des Geldes vor allem, aber auch einer Aristokratie des Geistes,
des guten Benehmens und der feinen Gefühle. Die Bourgeoisie
begann sich religiös zu fühlen.
Das war von ihrer Seite nicht nur eine bloße Nachäffung
der aristokratischen Sitten, sondern auch eine notwendige Folge
ihrer Lage. Das Proletariat hatte ihr einen letzten Dienst erwiesen,
indem es ihr half, den Adel nochmals zu stürzen. Jetzt
brauchte die Bourgeoisie diese Hilfe nicht mehr, denn sie fühlte,
daß sie im Schatten des Julithrons sicher war, und die
von jetzt ab unnütze Verbindung mit dem Volk begann ihr
unbequem zu werden. Das Volk mußte auf seinen Platz verwiesen
werden, was natürlich nicht möglich war, ohne große
Entrüstung in den Massen hervorzurufen. Es wurde notwendig,
dieselben zurückzuhalten. Aber in wessen Namen? Etwa im
Namen des ohne Umschweife zugegebenen Bourgeois-Interesses?
Dies wäre zu schamlos gewesen. Je ungerechter, unmenschlicher
ein Interesse ist, desto mehr bedarf es einer Weihe, und wo
eine solche hernehmen, wenn man sie nicht in der Religion findet,
dieser guten Beschützerin aller Satten und der so nützlichen
Trösterin aller Hungrigen? Und mehr als je fühlte
die triumphierende Bourgeoisie, daß die Religion dem Volke
unbedingt notwendig sei.
Nachdem sie all ihre unvergänglichen Ruhmestitel in religiöser,
philosophischer und politischer Opposition, im Protest und in
der Revolution gewonnen hatte, war die Bourgeoisie endlich die
herrschende Klasse geworden und hierdurch von selbst Verteidigerin
und Erhalterin des Staates, der seinerseits die regelrechte
Einsetzung der ausschließlichen Macht dieser Klasse ist.
Der Staat ist die Gewalt und hat vor allem das Recht der Gewalt
für sich, die triumphierende Beweisführung mit dem
Zündnadelgewehr und dem Chassepot. Aber der Mensch ist
so sonderbar beschaffen, daß ihm diese Art der Beweisführung,
so beredt sie scheint, auf die Dauer nicht genügt. Um ihm
Achtung einzuflößen, ist irgendeine moralische Weihe
absolut notwendig. Diese Weihe muß ferner so augenscheinlich
und einfach sein, daß sie die Massen überzeugen kann,
die, von der Gewalt des Staates niedergerungen, hierauf zur
moralischen Anerkennung seines Rechts gebracht werden müssen.
Es gibt nur zwei Mittel, die Massen von der Güte irgendeiner
sozialen Einrichtung zu überzeugen. Das erste, das einzige
wirkliche, aber auch das schwerste, weil es die Abschaffung
des Staates mit sich bringt - das heißt die Abschaffung
der politisch organisierten Ausbeutung der Mehrheit durch irgendeine
Minderheit -, dieses Mittel wäre die direkte und vollständige
Befriedigung aller Bedürfnisse, aller menschlichen Strebungen
der Massen; dies käme der vollständigen Auflösung
der politischen und wirtschaftlichen Existenz der Bourgeois-Klasse
gleich und, wie ich soeben sagte, auch der Abschaffung des Staates.
Dieses Mittel wäre zweifellos heilbringend für die
Massen, aber verhängnisvoll für die Bourgeois-Interessen.
Es kommt also nicht in Betracht.
Sprechen wir von dem anderen Mittel, das nur für das Volk
verhängnisvoll, dagegen für das Wohl der Bourgeois-Vorrechte
wertvoll ist. Dieses andere Mittel kann nur die Religion sein.
Es ist jene ewige Luftspiegelung, welche die Massen auf die
Suche nach den göttlichen Schätzen hinreißt,
während die herrschende Klasse viel bescheidener sich damit
begnügt, die elenden Güter der Erde und das menschliche
Hab und Gut des Volkes, seine politische und soziale Freiheit
inbegriffen, unter ihre eigenen Mitglieder zu verteilen, auf
sehr ungleiche Art übrigens und so, daß der, der
mehr besitzt, immer noch mehr erhält.
Es gibt, es kann keinen Staat ohne Religion geben. Man nehme
die freiesten Staaten der Erde, die Vereinigten Staaten von
Nordamerika oder die Schweiz, und sehe, welch wichtige Rolle
die göttliche Vorsehung, diese oberste Weihe aller Staaten,
in allen offiziellen Reden spielt. Jedesmal aber, wenn ein Staatsoberhaupt
von Gott spricht, sei es Wilhelm I., der knutogermanische Kaiser,
oder Grant, der Präsident der großen Republik, kann
man sicher sein, daß er sich vorbereitet, seine Volksherde
von neuem zu scheren.
Die französische Bourgeoisie, liberal, voltairianisch und
von ihrem Temperament zu einem eigentümlich engen und brutalen
Positivismus, um nicht zu sagen Materialismus getrieben, mußte
sich also, nachdem sie durch ihren Triumph von 1830 die Staatsklasse
geworden, notwendigerweise eine offizielle Religion geben. Die
Sache war nicht leicht. Sie konnte sich nicht unvermittelt unter
das Joch des römischen Katholizismus begeben. Zwischen
ihr und der Kirche von Rom lag ein Abgrund von Blut und Haß,
und wie praktisch und klug man auch geworden sein mag, man unterdrückt
doch nie in sich eine geschichtlich gewordenen Leidenschaft.
Der französische Bourgeois hätte sich übrigens
mit Lächerlichkeit bedeckt, wenn er zur Kirche zurückgekehrt
wäre, um an den frommen Zeremonien des Gotteskults teilzunehmen,
der Hauptbedingung einer verdienstlichen und aufrichtigen Bekehrung.
Mehrere versuchten es wohl, aber das Ergebnis ihres Heroismus
war nur unfruchtbarer Skandal. Die Rückkehr zum Katholizismus
war endlich wegen des unlösbaren Widerspruches zwischen
der unveränderlichen Politik Roms und der Entwicklung der
wirtschaftlichen und politischen Interessen des Mittelstandes
unmöglich. In dieser Hinsicht ist der Protestantismus viel
bequemer. Er ist die Bourgeois-Religion par excellence.

Anmerkungen:
1.
Der Leser wird eine vollständigere Darstellung dieser
drei Prinzipien in dem Anhang dieses Buches finden, unter
dem Titel: Philosophische Betrachtungen über das
göttliche Phantom, über die wirkliche Welt und
über den Menschen.
2. Ich nenne es "frevelhaft",
weil, wie ich in dem erwähnten Anhang erwiesen zu
haben glaube, dieses Geheimnis die Weihe aller in der
Welt der Menschen begangenen und noch stattfindenden Greuel
war und ist, und ich nenne es "einzig", weil
alle anderen theologischen und metaphysischen Sinnlosigkeiten,
die den Menschengeist verdummen, nur die notwendigen Folgen
dieses Geheimnisses sind.
3. Herr Stuart Mill ist vielleicht der
einzige, dessen ernstgemeinten Idealismus zu bezweifeln
erlaubt ist, aus zwei Gründen: erstens, weil er,
wenn auch nicht ein unbedingter Schüler, so doch
ein leidenschaftlicher Bewunderer, ein Anhänger der
positiven Philosophie Auguste Comtes ist, welche, trotz
ihrer vielen Verschweigungen, in Wirklichkeit atheistisch
ist; zweitens, weil Herr Stuart Mill Engländer ist
und in England sich als Atheist zu erklären selbst
heute noch bedeutet, sich außerhalb der Gesellschaft
zu stellen.
4. Vor sechs oder sieben Jahren hörte
ich Herrn Louis Blanc in London beinahe dieselbe Idee
ausdrücken: "Die beste Regierungsform",
sagte er zu mir, "wäre die, welche immer tugendhafte
Männer von Genie an die Spitze der Regierung brächte."
5. Ich fragte eines Tages Mazzini, welche
Maßregeln man zur Befreiung des Volkes treffen würde,
wenn seine siegende unitäre Republik endgültig
errichtet wäre? "Die erste Maßregel",
sagte er mir, "wird die Gründung von Schulen
für das Volk sein." - Und was wird man das Volk
in diesen Schulen lehren? - "Die Pflichten der Menschen,
Aufopferung und Hingabe'." - Aber woher werden Sie
eine hinreichende Zahl Lehrer nehmen, um diese Dinge zu
lehren, die keiner zu lehren das Recht und die Fähigkeit
hat, wenn er nicht selbst das Beispiel davon gibt? Ist
die Zahl der Menschen, die im Opfer und der Hingabe den
höchsten Genuß finden, nicht ungemein gering?
Diejenigen, die sich im Dienst einer großen Idee
opfern, einer hohen Leidenschaft gehorchend und diese
persönliche Leidenschaft befriedigend, außerhalb
welcher das Leben selbst jeden Wert in ihren Augen verliert,
diese denken gewöhnlich an ganz etwas anderes, als
aus ihrer Handlung eine Lehre zu machen; diejenigen aber,
die eine Lehre daraus machen, vergessen meist, sie in
die Tat umzusetzen, aus dem einfachen Grunde, weil die
Lehre das Leben, die lebendige Freiwilligkeit der Aktion
tötet. Männer wie Mazzini, bei denen Lehre und
Handlung eine bewunderungswürdige Einheit bilden,
sind sehr seltene Ausnahmen. Im Christentum gab es auch
große heilige Männer, die alles, was sie sagten,
wirklich taten oder sich wenigstens leidenschaftlich bemühten,
es zu tun, deren von Liebe überschäumende Herzen
voll Verachtung für die Genüsse und Güter
dieser Welt waren. Aber die ungeheure Mehrheit der katholischen,
protestantischen Geistlichen, die berufsmäßig
die Lehre der Keuschheit, Enthaltsamkeit und Entsagung
predigten und predigen, widerrief allgemein ihre Lehre
durch ihr Beispiel. Nicht grundlos, sondern nach mehrhundertjähriger
Erfahrung bildeten sich bei den Völkern aller Länder
Redensarten wie: ausschweifend wie ein Pfaffe, ein Feinschmecker
wie ein Pfaffe, ehrgeizig wie ein Pfaffe, habgierig, selbstsüchtig
und lüstern wie ein Pfaffe. Es steht also fest, daß
die von der Kirche geweihten Lehrer der christlichen Tugenden,
die Geistlichen, in ihrer ungeheuren Mehrheit das Gegenteil
von dem taten, was sie predigten. Dieses Zahlenverhältnis
schon, die Allgemeinheit der Tatsache, zeigt, daß
die Schuld nicht den einzelnen zuzuschreiben ist, sondern
der unmöglichen und in sich selbst widerspruchsvollen
sozialen Lage zufällt, in der sich die einzelnen
befinden. Die Lage der christlichen Geistlichen enthält
einen doppelten Widerspruch. Zuerst den zwischen der Lehre
der Abstinenz und Entsagung und den positiven Neigungen
und Bedürfnissen der menschlichen Natur - Neigungen
und Bedürfnisse, die in einigen, stets sehr seltenen
individuellen Fällen beständig zurückgehalten,
unter-' drückt und selbst völlig vernichtet
werden können durch den stetigen Einfluß einer
mächtigen geistigen und moralischen ' Macht; die
in gewissen Augenblicken kollektiver Überspannung
gleichzeitig von sehr vielen Menschen vergessen oder vernachlässigt
werden können; die aber so tief in der Menschennatur
stecken, daß sie schließlich immer in ihre
Rechte treten, so daß sie, wenn sie gehindert werden,
sich auf regelmäßige und normale Weise zu äußern,
zuletzt stets schädliche und ungeheuerliche Befriedigung
suchen. Dies ist ein Naturgesetz, das also unausweichlich,
unwiderstehlich ist und unter seinen verhängnisvollen
Einfluß fallen unvermeidlich alle christlichen Geistlichen
und besonders die der römisch-katholischen Kirche.
Dieses Gesetz kann die Lehrer der Schule, das heißt
die Priester der modernen Kirche, nicht treffen, es sei
denn, daß man auch sie zwinge, christliche Abstinenz
und Entsagung zu predigen. : Aber ein anderer Widerspruch
ist beiden gemeinsam. Dieser liegt im Titel und der Stellung
des Lehrers. Ein Lehrer als Herr, der befiehlt, unterdrückt
und ausbeutet, ist eine sehr logische und ganz natürliche
Persönlichkeit. Aber ein Lehrer, der sich den ihm
nach seinem göttlichen oder menschlichen Vorrecht
Untergebenen opfert, ist ein widerspruchsvolles und ganz
unmögliches Wesen. Das ist die Heuchelei selbst,
die der Papst so gut verkörpert, der sich den letzten
Diener der Diener Gottes nennt - und nach Christi Beispiel,
zum Zeichen dessen, einmal jährlich die Füße
von zwölf römischen Bettlern wäscht - und
gleichzeitig sich als Stellvertreter Gottes zum absoluten
und unfehlbaren Herrn der Welt aufwirft. Brauche ich daran
zu erinnern, daß die Priester aller Kirchen, weit
entfernt, sich den ihnen anvertrauten Herden zu opfern,
dieselben stets opferten ausbeuteten und im Herdenzustand
erhielten, teils, um ihre eigenen persönlichen Leidenschaften
zu befriedigen, teils, um der Allmacht der Kirche zu dienen?
Dieselben Voraussetzungen und Ursachen bringen stets dieselben
Wirkungen hervor. Ebenso wird es aber den göttlich
erleuchteten und vom Staat bevorrechteten Lehrern der
modernen Schule ergehen. Sie werden notwendigerweise,
die einen unbewußt, die anderen mit voller Kenntnis
der Sache, die Lehre vom Opfer des Volkes für die
Macht des Staates und zum Nutzen der bevorzugten Klassen
lehren.Muß man also allen Unterricht aus der Gesellschaft
beseitigen und alle Schulen abschaffen? Nein, durchaus
nicht, man muß mit vollen Händen Bildung in
den Massen verbreiten und alle Kirchen, all diese dem
Ruhm Gottes und der Versklavung der Menschen gewidmeten
Tempel in ebensoviel Schulen menschlicher Befreiung verwandeln.
Aber verständigen wir uns zuerst: Schulen im eigentlichen
Sinn dürfen in einer normalen, auf die Gleichheit
und die Achtung der menschlichen Freiheit gegründeten
Gesellschaft nur für Kinder und nicht für Erwachsene
da sein; damit sie Schulen der Befreiung und nicht der
Knechtung werden, muß in ihnen vor allem die Fiktion
von Gott, dem ewigen und absoluten Verknechter, beseitigt
werden; Erziehung und Unterricht der Kinder müßten
ganz auf die wissenschaftliche Entwicklung der Vernunft
und nicht des Glaubens gegründet werden, auf die
Entwicklung der persönlichen Würde und Unabhängigkeit,
nicht auf die der Frömmigkeit und des Gehorsams,
auf den Kult der Wahrheit und Gerechtigkeit um jeden Preis
und vor allem auf die Achtung vor der Menschheit, welche
in allem und jedem an Stelle der Verehrung Gottes treten
muß. Das Autoritätsprinzip bildet bei der Kindererziehung
den natürlichen Ausgangspunkt; es ist rechtmäßig,
notwendig, wenn es auf Kinder in niedrigem Alter angewendet
wird, deren Intelligenz noch in keiner Weise entwickelt
ist. Da aber die Entwicklung jeder Sache, folglich auch
die der Erziehung, die allmähliche Verneinung des
Ausgangspunktes bildet, muß sich das Autoritätsprinzip
gradweise mit dem Fortschritt der Erziehung und des Unterrichts
der Kinder vermindern und ihrer wachsenden Freiheit Platz
machen. Jede vernünftige Erziehung ist im Grunde
nichts anderes als diese fortschreitende Opferung der
Autorität zum Nutzen der Freiheit, da der Endzweck
der Erziehung kein anderer sein soll als der, Menschen
zu bilden, die frei sind und die Freiheit anderer achten
und lieben. So muß der erste Schultag, wenn die
Schule Kinder niedrigen Alters aufnimmt, die kaum einige
Worte zu stammeln vermögen, der Tag der größten
Autorität und beinahe vollständiger Abwesenheit
der Freiheit sein, der letzte Schultag aber der der größten
Freiheit und der absoluten Beseitigung jeder Spur des
tierischen oder göttlichen Prinzips der Autorität.
Das Autoritätsprinzip wird, auf Erwachsene oder Ältere
angewendet, eine Ungeheuerlichkeit, eine scharfe Verneinung
der Menschlichkeit, eine Quelle geistiger und moralischer
Sklaverei und Verderbtheit. Unglücklicherweise ließen
die väterlichen Regierungen die Volksmassen in so
tiefer Unwissenheit dahin brüten, daß es notwendig
werden wird, nicht nur für die Kinder des Volkes,
sondern auch für das Volk selbst Schulen zu gründen.
Aber aus diesen Schulen müssen die geringsten Anwendungen
oder Äußerungen des Autoritätsprinzips
unbedingt entfernt werden. Es werden nicht mehr Schulen
sein, sondern Volksakademien, in denen nicht mehr von
Schülern und Lehrern die Rede sein kann, in welche
das Volk, wie es dies für nötig hält, frei
kommt, freien Unterricht zu nehmen, und in denen es nach
seiner eigenen Erfahrung seinerseits die Lehrer, die ihm
unbekannte Kenntnisse bringen, in vielem unterweisen kann.
Das wird also ein gegenseitiger Unterricht sein, ein Akt
geistiger Brüderlichkeit zwischen der gebildeten
Jugend und dem Volk. Die wahre Schule für das Volk
und alle erwachsenen Leute ist das Leben. Die einzige
große und allmächtige, gleichzeitig natürliche
und vernünftige Autorität, die einzige, die
wir achten können, wird die des kollektiven und öffentlichen
Geistes einer auf die Gleichheit und Solidarität
und die Freiheit und die gegenseitige menschliche Achtung
all ihrer Mitglieder gegründeten Gesellschaft sein.
Ja, das ist eine nicht göttliche, sondern eine ganz
menschliche Autorität, vorder wir uns gern beugen,
da wir sicher sind, daß sie die Menschen, statt
sie zu knechten, befreien wird. Man kann sicher sein,
daß sie tausendmal mächtiger sein wird als
all die göttlichen, theologischen, metaphysischen,
politischen und juristischen Autoritäten, die Kirche
und Staat einsetzten, mächtiger als Strafgesetze,
Kerkermeister und Henker. Die Macht des Kollekti vgefühls
oder der öffentlichen Meinung ist schon heute eine
sehr ernste. Die zu Verbrechen Geneigten wagen selten,
ihr zu trotzen, sie offen herauszufordern. Sie werden
versuchen, sie zu täuschen, aber sich wohl hüten,
sie anzutasten, außer wenn sie sich wenigstens von
irgendeiner Minderheit gestützt fühlen. Kein
Mensch, für wie mächtig er sich auch halten
mag, wird je die Kraft haben, die einstimmige Verachtung
der Gesellschaft auszuhalten; keiner kann leben, ohne
sich nicht wenigstens von der Zustimmung und Achtung irgendeines
Teils dieser Gesellschaft gehalten zu fühlen. Es
muß jemand von einer ungeheuren und sehr aufrichtigen
Überzeugung getrieben werden, um den Mut zu finden,
gegen alle zu reden und zu handeln, und nie wird ein egoistischer,
verdorbener und feiger Mann diesen Mut haben.
Nichts beweist besser die natürliche und unvermeidliche
Solidarität, dieses alle Menschen verbindende Geselligkeitsgesetz,
als dieser Umstand, den jeder von uns täglich an
sich selbst und all seinen Bekannten beobachten kann.
Wenn aber diese soziale Macht existiert, warum hat sie
bis jetzt nicht genügt, die Menschen zu moralisieren,
zu humanisieren? Die Antwort ist sehr einfach: weil diese
Macht bis heute selbst nicht humanisiert wurde, und dies
geschah nicht, weil das soziale Leben, dessen treuer Ausdruck
sie immer ist, bekanntlich auf die Gottesverehrung und
nicht auf die Achtung des Menschen gegründet ist,
auf die Autorität und nicht auf die Freiheit, auf
das Vorrecht und nicht auf die Gleichheit, auf die Ausbeutung
und nicht auf die Brüderlichkeit der Menschen, auf
Unrecht und Lüge und nicht auf Gerechtigkeit und
Wahrheit. Ihr tatsächliches Wirken, das immer mit
den humanitären Theorien, die sie bekennt, im Widerspruch
steht, übte folglich beständig einen bösen
und verderbenden, keinen moralischen Einfluß aus.
Sie unterdrückt nicht Laster und Verbrechen, sie
schafft sie. Ihre Autorität ist folglich eine göttliche,
unmenschliche Autorität, ihr Einfluß ist schlecht
und verhängnisvoll. Sollen beide wohltätig und
menschlich gemacht werden? Entfesselt die soziale Revolution!
Macht, daß alle Bedürfnisse wirklich solidarisch
werden, ; daß die materiellen und sozialen Interessen
eines jeden seinen menschlichen Pflichten gleich werden!
Hierzu gibt es nur ein einziges Mittel: Zerstört
alle Einrichtungen der Ungleichheit, gründet die
wirtschaftliche und soziale Gleichheit aller, und auf
dieser Grundlage wird sich die Freiheit, die Sittlichkeit
und die solidarische Menschlichkeit aller erheben. Ich
werde noch einmal auf diese Frage, die wichtigste des
Sozialismus, zurückkommen.
6. Die Wissenschaft, die das Erbgut aller
wird, wird sich gewissermaßen dem unmittelbaren
und wirklichen Leben jedes einzelnen vermählen. Sie
wird an Nützlichkeit und Grazie gewinnen, was sie
an Stolz, Ehrgeiz und doktrinärem Pedantismus verlieren
wird. Dies wird gewiß nicht verhindern, daß
Männer von Genie, die besser als die Mehrzahl ihrer
Zeitgenossen für wissenschaftliche Spekulationen
befähigt sind, sich ausschließlicher als andere
der Pflege der Wissenschaften widmen und der Menschheit
große Dienste leisten werden, ohne anderen sozialen
Einfluß, den eine überlegene Intelligenz immer
auf ihre Umgebung ausübt, und ohne eine andere Belohnung
zu suchen als den hohen Genuß, den jeder hohe Geist
in der Befriedigung einer edlen Leidenschaft findet.
7. Man muß die allgemeine Erfahrung,
auf die sich die ganze Wissenschaft gründet, wohl
unterscheiden von dem allgemeinen Glauben, auf den die
Idealisten ihren Glauben stützen wollen; erstere
ist die wirkliche Feststellung wirklicher Tatsachen, letztere
nur eine Vermutung von Tatsachen, die niemand gesehen
hat und die folglich mit der Erfahrung aller in Widerspruch
stehen.
8. Ich weiß sehr wohl, daß
man in den orientalischen theologischen und metaphysischen
Systemen und besonders in denen Indiens, den Buddhismus
einbegriffen, schon das Prinzip der Vernichtung der wirklichen
Welt zum Nutzen des Ideals oder der absoluten Abstraktion
findet. Aber es trägt hier noch nicht den Charakter
freiwilliger und absichtlicher Verneinung, der dem Christentum
eigen ist, weil zur Zeit der Entstehung jener Systeme
die eigentlich menschliche Welt, die Welt des menschlichen
Geistes und Willens, menschlicher Wissenschaft und Freiheit,
sich noch nicht so entwickelt hatten, wie dies später
in der griechisch-römischen Kultur der Fall war.
9. Ich halte es für nützlich,
an eine übrigens wohlbekannte und durchaus glaubwürdige
Anekdote zu erinnern, die ein sehr wertvolles Licht auf
den persönlichen Charakter dieses Wiederauf-wärmers
der katholischen Glaubenslehre und auf die religiöse
Aufrichtigkeit jener Zeit wirft. Chateaubriand brachte
seinem Verleger ein gegen den Glauben gerichtetes Werk.
Der Buchhändler bemerkte, der Atheismus sei nicht
mehr Mode, das lesende Publikum wolle nichts mehr davon
wissen und verlange im Gegenteil religiöse Werke.
Chateaubriand entfernte sich, brachte ihm aber einige
Monate später sein Werk: >Der Geist des Christentums<
Lest Bakunin! |

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