Die
Vorstellung der Strukturlosigkeit hat jedoch von einer heilsamen
Abwehr solcher Tendenzen selbst zu einer Dogmatisierung geführt.
So wenig diese Vorstellung überprüft worden ist, so
häufig wurde davon gesprochen, und sie ist zu einem wesentlichen
und unbezweifelten Bestandteil der Ideologie von "women's
liberation" geworden. Als die Bewegung noch am Anfang ihrer
Entwicklung stand, machte das nicht viel aus. Sie definierte
schon früh ihr Hauptziel und ihre wesentliche Methode der
Bewußtseinsbildung ("consciousness-raising")
und die „unstrukturierte“ Gruppe war ein hervorragendes
Mittel zu diesem Zweck. Die Lockerheit und Zwanglosigkeit in
ihr ermutigte zur Beteiligung an der Diskussion und die solidarische
Atmosphäre verhalf zu persönlicher Einsicht und einem
Selbstverständnis. Wenn bei diesen Gruppen niemals mehr
als ein Selbstverständnis der einzelnen herauskam, dann
machte das nicht viel aus, denn ihr Zweck ging im Grunde genommen
nicht darüber hinaus.
Die
grundlegenden Probleme erschienen erst dann, als einzelne Gruppen
die Vorzüge des "consciousness-raising" erschöpft
hatten und sich entschieden, etwas spezifischeres zu tun. An
diesem Punkt kamen sie gewöhnlich ins Schwimmen, denn die
meisten Gruppen waren nicht gewillt, mit ihren Zwecken auch
ihre Struktur zu ändern. Die Frauen hatten die Idee der
"Strukturlosigkeit“ völlig angenommen, ohne
sich aber über die Grenzen ihres Nutzens im klaren zu sein.
Aus dem blinden Glauben, daß alles andere nichts als unterdrückend
sein könnte, wollten die Leute die unstrukturierte Gruppe
und die informelle Zusammenkunft für Zwecke zu nutzen versuchen,
für die sie sich nicht eigneten.
Wenn
eine Bewegung über die elementaren Entwicklungsstufen hinauswächst,
dann wird sie sich von einigen Vorurteilen über Organisation
und Struktur befreien müssen. Weder das eine noch das andere
ist seinem Wesen nach schlecht. Sie können oft mißbraucht
werden, aber sie deshalb von der Hand zu weisen, bedeutet, daß
wir uns selbst die für eine weitere Entwicklung erforderlichen
Werkzeuge versagen. Wir müssen kapieren, warum “Strukturlosigkeit“
nicht funktioniert.

Formelle
und informelle Strukturen
Im
Gegensatz zu dem, was wir glauben mögen, gibt es so etwas
wie eine strukturlose Gruppe überhaupt nicht. Jede Gruppe
von Leuten, welcher Art auch immer, die für eine Zeitspanne
und zu einem Zweck zusammenkommt, wird sich unvermeidlich in
irgendeiner Weise strukturieren. Die Struktur mag flexibel sein;
sie mag sich mit der Zeit verändern; sie mag Pflichten,
Macht und Mittel gleich oder ungleich unter den Mitgliedern
der Gruppe verteilen. Aber sie wird ohne Berücksichtigung
der Fähigkeiten, Persönlichkeit oder Absichten der
beteiligten Leute ihre Form erhalten. Die einfache Tatsache,
daß wir Individuen mit verschiedenen Talenten, Voraussetzungen
und Hintergründen sind, macht das unvermeidlich. Nur wenn
wir uns weigerten, uns überhaupt auf irgendeiner Basis
zu einander zu verhalten oder zu interagieren - und das widerspricht
der Natur einer menschlichen Gruppe - könnten wir annäherungsweise
Strukturlosigkeit erreichen.
Das
Streben nach einer strukturlosen Gruppe ist also ebenso nützlich
und ebenso trügerisch, wie das nach einem „objektiven“
Zeitungsbericht, nach „wertfreier“ Sozialwissenschaft
oder einer „wertfreien“ Ökonomie. Eine „laissez
faire“ Gruppe ist ungefähr so realistisch wie eine
„laissez faire“ Gesellschaft; die Idee wird zu einem
Nebelschleier, hinter dem die Starken oder Glücklichen
unbefragt ihre Vorherrschaft über andere etablieren. Diese
Vorherrschaft kann mit großer Leichtigkeit errichtet werden,
denn die Idee der „Strukturlosigkeit“ verhindert
nur die Bildung einer formalen Struktur, nicht die einer informellen.
In ähnlicher Weise hinderte die „laissez faire“
Philosophie die ökonomisch Mächtigen keineswegs daran,
Löhne, Preise und Distribution der Güter zu kontrollieren.
Sie hinderte bloß die Regierung daran. Ebenso wird die
Strukturlosigkeit zu einem Mittel, Macht auszuüben; und
sie wird in der Frauenbewegung gewöhnlich am stärksten
von denen verteidigt, die die Mächtigsten sind (ob sie
sich nun ihrer Macht bewußt sind oder nicht). Solange
die Struktur einer Gruppe informell ist, kennen nur einige wenige
die Regeln, nach denen Entscheidungen gefällt werden, und
das Bewußtsein von Macht ist beschränkt auf diejenigen,
die die Regeln kennen. Diejenigen, die die Regeln nicht kennen
und für die Initiation nicht auserwählt sind, müssen
verwirrt zurückbleiben oder unter der Wahnvorstellung leiden,
daß irgendetwas geschieht, von dem sie irgendwie nichts
wissen.
Für
jeden, der zu einer Gruppe gehört und an ihren Aktivitäten
teilhat, muß die Struktur explizit sein, nicht implizit.
Die Regeln, nach denen Entscheidungen gefällt werden, müssen
offen und für jedermann anwendbar sein - und das geht nur,
wenn sie formalisiert sind. Damit ist nicht gesagt, daß
die Formalisierung der Struktur einer Gruppe die informelle
Struktur zerstört. Gewöhnlich tut sie's nicht. Aber
sie nimmt der informellen Struktur ein Stück ihrer vorherrschenden
Kontrolle und schafft einige Mittel zu ihrer Bekämpfung,
wenn die beteiligten Leute sich nicht wenigstens den Bedürfnissen
und Zielen der gesamten Gruppe gegenüber verantwortlich
verhalten.
“Strukturlosigkeit“
ist nicht organisierbar. Wir können nicht beschließen,
eine strukturierte oder eine unstrukturierte Gruppe zu haben,
sondern nur, ob wir eine formal strukturierte wollen. Daher
werde ich dieses Wort nicht länger benutzen, außer
um die Idee, die es repräsentiert, zu bezeichnen. Unstrukturiert
wird sich auf solche Gruppen beziehen, die sich nicht bewußt
eine bestimmte Struktur gegeben haben. Strukturiert bezieht
sich auf die, die das gemacht haben. Eine strukturierte Gruppe
hat immer eine formale Struktur und mag ebenso eine informelle
oder verdeckte haben. Diese informelle Struktur ist es, die
- insbesondere in unstrukturierten Gruppen - die Basis für
Eliten schafft.

Die
Natur des Elitismus
"Elitist"
ist vielleicht das am meisten mißbrauchte Wort in der
Frauenbefreiungsbewegung. Es wird ebenso häufig und aus
denselben Gründen benützt wie „pinko“
(Roter, Kommunist) in den fünfziger Jahren. Selten wird
es korrekt angewandt. Innerhalb der Bewegung wird es gewöhnlich
auf Individuen bezogen, obwohl die persönlichen Eigenschaften
und Aktivitäten derer, auf die es gemünzt wird, beträchtlich
verschieden sein mögen. Ein Individuum, als Individuum,
kann niemals Elitist sein, weil einzig angemessen die Anwendung
des Begriffes auf Gruppen ist. Irgendein Individuum, egal wie
populär diese Person sein mag, kann nie eine Elite sein.
Genaugenommen
ist eine Elite eine kleine Gruppe von Leuten, die über
eine größere Gruppe, von der sie ein Teil ist, Macht
ausübt - gewöhnlich ohne direkte Verantwortlichkeit
gegenüber dieser größeren Gruppe und oftmals
ohne deren Wissen oder Zustimmung. Eine Person wird Elitist,
indem sie Teil einer solchen Gruppe ist oder sich für deren
Herrschaft einsetzt - ob dieses Individuum nun bekannt ist oder
völlig unbekannt. Berühmt- oder Berüchtigtsein
definiert nicht einen Elitisten. Die gefährlichsten Eliten
werden gewöhnlich von Leuten gebildet, die für eine
größere Öffentlichkeit völlig unbekannt
sind. Intelligente Elitisten sind meist gewitzt genug, zu vermeiden,
daß man sie gut kennt bzw. daß sie bekannt werden.
Wenn man sie kennt, achtet man auf sie, und die Maske über
ihrer Macht sitzt nicht mehr fest.
Daß
Eliten informell sind, heißt nicht, sie seien unsichtbar.
Bei jedem Treffen einer kleinen Gruppe kann dir jeder, der ein
scharfes Auge und gespitzte Ohren hat, sagen, wer wen beeinflußt.
Mitglieder einer Gruppe von Freunden werden mehr aufeinander
Bezug nehmen als auf andere Leute. Sie hören aufmerksamer
zu und unterbrechen weniger; sie wiederholen gegenseitig ihre
Kernpunkte und geben freundlich nach; sie ignorieren oder bekämpfen
die „outs“ (Außenstehenden), deren Billigung
für eine Entscheidung nicht notwendig ist. Aber es ist
notwendig für die "outs", auf gutem Fuß
mit den "ins" zu stehen.
Natürlich
sind die Grenzen nicht so scharf, wie ich sie gezogen habe.
Es gibt Nuancen von Interaktion, keine vorgefertigten Drehbücher.
Aber sie sind dennoch erkennbar, und sie haben ihre Wirkung.
Wenn du einmal rausgekriegt hast, mit wem man sich absprechen
(wen man abchecken) muß, bevor eine Entscheidung fällt,
und wessen Billigung deren Annahme besiegelt, dann weißt
du, wer den Laden schmeißt.
Eliten
sind keine konspirative Gruppen. Nur sehr selten kommt eine
kleine Gruppe von Leuten zusammen und versucht bewußt,
eine größere Gruppe für ihre eigenen Ziele zu
übernehmen. Eliten sind nicht mehr und nicht weniger als
Gruppen von Freunden, die zufällig an derselben politischen
Arbeit teilnehmen. Sie würden an ihrer Freundschaft vermutlich
festhalten, auch wenn sie nicht an politischer Arbeit teilnähmen;
und sie würden vermutlich an politischer Arbeit teilnehmen,
auch wenn sie nicht an ihrer Freundschaft festhielten. Es ist
das Zusammentreffen dieser zwei Phänomene, welche in einer
Gruppe Eliten hervorbringt und es so schwer macht, sie zu beseitigen.
Diese
Gruppen von Freunden funktionieren als Kommunikationsnetz außerhalb
aller regulären, von der Gruppe eingerichteten Kanäle.
Wo es solche Kanäle überhaupt nicht gibt, funktionieren
sie als das einzige Kommunikationsnetz. Weil sie Freunde sind,
weil sie gewöhnlich dieselben Wertvorstellungen und Ansichten
teilen, weil sie gemeinschaftlich miteinander reden und einander
konsultieren, wenn gemeinsame Entscheidungen anstehen, deswegen
haben Leute, die zu diesem Netz gehören, mehr Macht in
der Gruppe, als die anderen. Und es ist selten, daß eine
Gruppe nicht durch Freunde, die es in ihr gibt, ein informelles
Kommunikationsnetz errichtet.
Einige
Gruppen mögen aufgrund ihrer Größe mehr als
ein solches Kommunikationsnetz haben. Die Netze können
sich sogar überschneiden. Wenn's nur ein solches Netz gibt,
stellt es die Elite einer ansonsten unstrukturierten Gruppe
dar, ob die an ihm Beteiligten Elitäre sein wollen oder
nicht. Wenn es das einzige Netz in einer strukturierten Gruppe
ist, kann's eine Elite sein oder auch nicht, - das hängt
ab von seiner Zusammensetzung und von der Art der formellen
Struktur. Wenn es zwei oder mehr solcher Netze von Freunden
gibt, können sie um die Macht in der Gruppe konkurrieren
und auf diese Weise Fraktionen bilden - oder die einen können
bewußt aus der Konkurrenz aussteigen und so die anderen
als Elite zurücklassen. In einer strukturierten Gruppe
konkurrieren gewöhnlich zwei oder mehr solcher Freundeskreise
um die formelle Macht. Das ist häufig die gesündeste
Situation, weil die anderen Mitglieder so in der Position des
Schiedsrichters zwischen zwei Konkurrenten um die Macht sind
und dadurch Forderungen an diejenigen stellen können, denen
sie zeitweilig Gefolgschaft leisten.
Die
unvermeidlich elitäre und exklusive Natur informeller Kommunikationsnetze
von Freunden ist weder ein neues Phänomen, das die Frauenbewegung
charakterisiert, noch ein Phänomen, das den Frauen neu
ist. Solche informellen Beziehungen haben durch Jahrhunderte
hindurch Frauen von der aktiven Teilnahme an integrierten Gruppen
abgehalten, deren Teil sie waren. In jedem Beruf oder jeder
Organisation haben diese Netze die Mentalität der "geschlossenen
Gesellschaft" und die Verbindung der "alten Schule"
geschaffen, die in wirksamer Weise Frauen als Gruppe (und individuell
einige Männer) am gleichberechtigten Zugang zu den Quellen
der Macht oder der sozialen Anerkennung gehindert haben. Die
vergangene Frauenbewegung hat viel von ihrer Energie darauf
gerichtet, die Entscheidungsstrukturen und Wahlmechanismen zu
formalisieren, so daß der Ausschluß der Frauen direkt
angegriffen werden konnte. Wie wir wohl wissen, haben diese
Anstrengungen die informellen Männer-Verbindungsnetze nicht
an der Diskriminierung der Frauen gehindert - aber sie haben
sie immerhin erschwert.
Da
die Gruppen unserer Bewegung keine konkreten Entscheidungen
darüber gefällt haben, wer die Macht in ihnen ausüben
soll, werden im ganzen Land eine Menge verschiedener Kriterien
angewandt. Die meisten Kriterien bewegen sich auf der Linie
der traditionellen weiblichen Charakteristika. Zum Beispiel
war in den frühen Zeiten der Bewegung gewöhnlich die
Ehe eine Vorbedingung für die Zugehörigkeit zu einer
informellen Elite. Denn entsprechend der traditionellen Erziehung
unterhielten in erster Linie verheiratete Frauen Beziehungen
zueinander und betrachteten alleinlebende Frauen als zu bedrohlich,
um mit ihnen feste Freundschaft zu schließen. In vielen
Städten wurde dieses Kriterium noch dahingehend verfeinert,
daß nur solche Frauen einbezogen wurden, die mit Männern
aus der Neuen Linken verheiratet waren. Hinter diesem Schema
steckt jedoch noch mehr als bloße Tradition, denn die
Männer der Neuen Linken hatten Zugang zu Ressourcen, die
von der Bewegung benötigt wurden - z.B. Adressenlisten,
Druckmaschinen, Kontakte, Informationen - und Frauen waren gewohnt,
das, was sie brauchten, eher vermittelt durch Männer zu
bekommen als unabhängig.
Mit
der Zeit veränderte sich die Bewegung, und die Ehe wurde
ein weniger allgemeines Kriterium für effektive Mitbestimmung,
aber alle informellen Eliten schaffen Normen, aufgrund derer
nur Frauen mit bestimmtem Material oder persönlichen Charakteristika
sich anschließen dürfen. Häufig gehört
dazu: Herkunft aus der Mittelschicht (trotz aller Rhetorik über
Beziehung zur Arbeiterklasse); verheiratet sein; nicht verheiratet
sein, aber in einer festen Beziehung leben; lesbisch sein oder
es wenigstens vorgeben; Alter zwischen 20 und 30 Jahren; Hochschulbildung
oder wenigstens Hochschulerfahrung; „dufte“ sein;
nicht zu „dufte“ sein; der politischen Linie oder
Identifikation nach "radikal" sein; Kinder haben oder
wenigstens mögen; keine Kinder haben; bestimmte „weibliche“
Eigenschaften haben, wie z.B. „hübsch“ sein;
sich richtig kleiden (ob nun in traditionellem, oder gerade
antitraditionellem Stil); etc. Ebenso gibt es einige Charakteristika,
die jemand fast immer als "Abweichler" etikettieren,
zu dem man keine Beziehung haben sollte. Dazu gehören:
zu alt sein; ganztags arbeiten, insbesondere wenn man sich nicht
auf eine "Karriere" festgelegt hat; nicht "hübsch“
sein; und zugestandenermaßen allein zu sein (d.h. weder
aktiv heterosexuell noch homosexuell).
Ich
könnte noch andere Kriterien aufzählen, aber sie bewegen
sich alle auf derselben Linie. Die Charakteristika, die Vorbedingung
für die Zugehörigkeit zu einer informellen Elite der
Bewegung und zur Ausübung von Macht sind, betreffen deine
Herkunft, Persönlichkeit oder deine Zeiteinteilung. Sie
enthalten nicht deine Kompetenz, dein Engagement für den
Feminismus, deine Talente oder das, was du möglicherweise
zu der Bewegung beitragen könntest. Die ersten sind Kriterien,
nach denen man gewöhnlich Freunde auswählt. Die letzteren
sind die, nach denen sich eine Bewegung richten sollte, die
politisch effektiv sein will.
Die
Kriterien für die Zugehörigkeit mögen von Gruppe
zu Gruppe variieren, aber die Mittel, die du anwenden mußt
- wenn du solchen Kriterien begegnest -, um in die informelle
Elite aufgenommen zu werden, sind ziemlich oft dieselben. Der
einzige wesentliche Unterschied ergibt sich daraus, ob jemand
von Anfang an in einer Gruppe ist, oder erst später zu
ihr stößt. Wenn man von Anfang an dabei ist, ist
es wichtig, so viele persönliche Freunde wie möglich
zu haben, die mit hineinkommen. Wenn keiner irgendeinen anderen
besonders gut kennt, dann muß man bewußt mit einer
ausgewählten Zahl von Leuten Freundschaft schließen
und den informellen Interaktionsrahmen bauen, der für die
Schaffung einer informellen Struktur entscheidend ist. Wenn
er einmal da ist, reproduziert dieser Rahmen sich selbst, und
eine der erfolgreichsten Taktiken, ihn zu erhalten, ist die
fortlaufende Rekrutierung von Leuten, die „dazu passen“.
Man schließt sich einer solchen Elite auf demselben Wege
an, wie man Aufnahme in eine Frauen-Verbindung findet. Haben
sie dich als möglichen Neuling erkannt, dann stürzen
sich die Mitglieder der informellen Struktur auf dich und lassen
dich entweder fallen oder weihen dich ein. Wenn die Frauen-Verbindung
politisch nicht bewußt genug ist, um aktiv den Prozeß
zu steuern, dann kann er vom Außenseiter ebenso in Gang
gesetzt werden, wie der Beitritt zu einem Privatklub. Such'
dir einen Bürgen, d.h. schnapp' dir ein Mitglied, das drinnen
gut angesehen zu sein scheint und kultiviere aktiv die Freundschaft
zu dieser Person. Zuguterletzt wird sie dich mit Freuden in
den inneren Zirkel einführen.
Alle
diese Prozeduren kosten Zeit. Wenn daher jemand ganztags arbeitet
oder eine vergleichbare Verpflichtung hat, ist es ihr unmöglich
hineinzukommen, einfach weil sie nicht genug Stunden übrig
hat, um all die Meetings zu besuchen und die persönlichen
Beziehungen zu pflegen, die nötig sind für eine Stimme
bei den Entscheidungen. Aus diesem Grund sind formale Strukturen
eine Wohltat für Leute, die viel Arbeit am Hals haben.
Ein bewußt eingerichteter Modus, nach dem Entscheidungen
gefällt werden, garantiert, daß jeder bis zu einem
gewissen Ausmaß mitbestimmt.
Obwohl
diese Untersuchung der Prozesse, durch die sich Eliten in kleinen
Gruppen herausbilden, aus einer kritischen Perspektive geschah,
habe ich sie nicht in der Überzeugung gemacht, daß
diese informellen Strukturen unvermeidlich schlecht seien -
nur eben unvermeidlich. Alle Gruppen bringen als Ergebnis der
Interaktion unter den Mitgliedern informelle Strukturen hervor.
Solche informellen Strukturen können durchaus nützliche
Dinge zustandebringen. Aber nur unstrukturierte Gruppen werden
vollständig von ihnen beherrscht. Wenn informelle Eliten
mit dem Mythos von „Strukturlosigkeitt“ verbunden
sind, gibt es keinen möglichen Versuch mehr, deren Machtausübung
zu begrenzen; sie wird ihrer Laune überlassen.
Das
hat zwei möglicherweise negative Konsequenzen, deren wir
uns bewußt sein sollten. Die erste ist, daß die
informellen Entscheidungsstrukturen ähnlich werden wie
in einer Frauen-Verbindung - in der Leute anderen zuhören,
weil sie sie mögen und nicht, weil sie wichtige Sachen
sagen. Solange die Bewegung auch keine bedeutenden Sachen macht,
spielt das keine Rolle. Aber wenn ihre Entwicklung nicht auf
dieser Vorstufe stehen bleiben soll, muß sie diesen Trend
ändern. Die zweite ist, daß die informellen Strukturen
keine Verpflichtung haben, sich der Gruppe als ganzer gegenüber
zu verantworten. Ihre Macht ist ihnen nicht gegeben worden und
kann ihnen daher auch nicht genommen werden. Ihr Einfluß
beruht nicht auf dem, was sie für die Gruppe tun; daher
können sie von dieser auch nicht direkt beeinflußt
werden. Das bedeutet nicht notwendig, daß informelle Strukturen
verantwortungslos handeln. Diejenigen, die sich bemühen,
ihren Einfluß aufrechtzuerhalten, versuchen in der Regel,
verantwortungsbewußt zu sein. Nur kann die Gruppe diese
Verantwortlichkeit eben nicht erzwingen; sie ist abhängig
vom Interesse der Elite.

Das
"Star" - System
Die
Idee der „Strukturlosigkeit“ hat das „Star“-System
hervorgebracht. Wir leben in einer Gesellschaft, die von einer
politischen Gruppe erwartet, daß sie Entscheidungen trifft
und Leute dazu auswählt, diese Entscheidungen der gesamten
Öffentlichkeit gegenüber zu artikulieren. Presse und
Öffentlichkeit verstehen es nicht, einer einzelnen Frau
als Frau Gehör zu schenken, sie wollen wissen, was die
Gruppe vertritt. Es gibt nur drei Techniken der Meinungsbildung
für eine Massengruppe: die Wahl oder das Referendum (Volksbefragung);
die öffentliche Umfrage und die Wahl von Gruppensprechern
auf einer dazu geeigneten Versammlung. Die Frauenbefreiungsbewegung
hat keines dieser Mittel angewandt, um mit der Öffentlichkeit
zu kommunizieren. Weder die Bewegung als ganze noch die meisten
der zahlreichen Gruppen in ihr haben eine Methode, um der Öffentlichkeit
ihre Position zu verschiedenen Problemen darzustellen. Aber
die Öffentlichkeit ist gewohnt, nach Repräsentanten
zu suchen.
Während
die Bewegung bewußt keine Sprecher gewählt hat, hat
sie doch viele Frauen hochgespült, die aus verschiedenen
Gründen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf
sich konzentrieren. Diese Frauen repräsentieren weder eine
spezielle Gruppe noch eine etablierte Meinung; das wissen sie
und sagen es gewöhnlich auch. Aber weil es weder offizielle
Sprecher noch irgendein entscheidungsbildendes Gremium gibt,
an das die Presse sich halten kann, wenn sie die Ansicht der
Bewegung über einen Gegenstand wissen will, werden diese
Frauen als Sprecher wahrgenommen. Durch ein Versäumnis
geraten daher Frauen, die die Öffentlichkeit kennt, in
die Rolle von Sprechern für die Bewegung - ob sie es wollen
oder nicht, ob es der Bewegung paßt oder nicht.
Das
ist eine Hauptquelle für den Haß, den man häufig
auf die zu "Stars" gestempelten Frauen hat. Weil die
Frauen der Bewegung sie nicht zur Vertretung ihrer Ansichten
gewählt haben, nimmt man es ihnen übel, wenn die Presse
einfach davon ausgeht, daß sie für die ganze Bewegung
sprechen. Aber solange die Bewegung sich nicht ihre eigenen
Sprecher wählt, werden solche Frauen von Presse und Öffentlichkeit
in eine solche Rolle gedrängt, unabhängig davon, ob
sie es selber wünschen. Das hat eine Reihe von negativen
Folgen für die Bewegung ebenso wie für die zu "Stars"
gemachten Frauen.
Zunächst
kann die Bewegung sie nicht absetzen, weil sie sie ja gar nicht
in die Rolle der Sprecher eingesetzt hat. Die Presse hat das
getan, und nur sie hat die Wahl, nicht mehr auf sie zu hören.
Die Presse wird fortfahren, sich nach "Stars" als
Sprecherinnen umzuschauen, und zwar solange, wie es für
sie keine offizielle Alternative gibt, ein autorisiertes Statement
von der Bewegung zu bekommen. Und die Bewegung hat keine Kontrolle
über die Auswahl ihrer Repräsentanten gegenüber
der Öffentlichkeit, solange sie meint, überhaupt keine
Repräsentanten haben zu sollen.
Zweitens
werden Frauen, die in diese Position geraten sind, häufig
von ihren Schwestern heftig attackiert. Das bringt der Bewegung
überhaupt nichts und ist quälend und zerstörerisch
für die betroffenen Individuen. Das Resultat solcher Angriffe
ist dann bloß, daß eine solche Frau - oft bitter
enttäuscht - die Bewegung ganz verläßt oder
daß sie aufhört, sich ihren "Schwestern"
gegenüber verantwortlich zu fühlen. Sie mag, vage,
an einer gewissen Loyalität gegenüber der Bewegung
festhalten, aber sie setzt sich dem Druck der anderen Frauen
nicht mehr aus. Man kann sich Leuten, die die Quelle solcher
Quälereien sind, nicht verantwortlich fühlen, ohne
Masochist zu sein - und diese Frauen sind gewöhnlich zu
stark, um sich dieser Art von persönlichem Druck zu beugen.
So ermutigt die heftige Reaktion auf das "Star"-System
im Effekt genau die Art von individualistischer Unverantwortlichkeit,
die die Bewegung verdammt. Indem sie von einer Schwester als
"Star" Sühne verlangt, verliert die Bewegung
jegliche Kontrolle, die sie über diese Person gehabt haben
mag. Und diese wird dann frei für all die individualistischen
Sünden, deren sie angeklagt war.

Politische
Impotenz
Unstrukturierte
Gruppen mögen mit großem Erfolg Frauen dazu bringen,
über ihr Leben zu sprechen; wenn's daran geht, was zu tun,
sind sie nicht besonders gut. In dem Moment, in dem die Leute
es leid sind, "bloß zu quatschen" und irgendwas
tun wollen, kommen die Gruppen "ins Schwimmen" - es
sei denn, sie ändern ihren Charakter. Da die größere
Bewegung in den meisten Städten ebenso unstrukturiert ist
wie individuelle Zufallsgruppierungen, ist sie nicht viel effektiver
als einzelne Gruppen für bestimmte Aufgaben. Die informelle
Struktur ist selten genügend verbunden oder in Berührung
mit der Bevölkerung, um effektiv zu agieren. So erzeugt
die Bewegung viel action und wenige Ergebnisse. Unglücklicherweise
sind die Konsequenzen all dieser Aktionen nicht so harmlos wie
die Resultate, und das Opfer der ganzen Sache ist die Bewegung
selbst.
Einige
Gruppen haben angefangen, sich auf lokale Aktionsprojekte zu
konzentrieren und auf kleiner Flamme zu kochen, weil sie nicht
viele Leute mit einbeziehen konnten. Aber diese Form beschränkt
die Aktivität der Bewegung auf die lokale Ebene; regional
oder national kann man so nicht vorgehen. Zudem müssen
sich diese Gruppen, um gut zu funktionieren, gewöhnlich
beschränken auf jenen informellen Freundeskreis, der den
Laden in erster Linie schmeißt. Das schließt viele
Frauen von der Teilnahme aus. Solange der einzige Weg zur Teilnahme
an der Bewegung über die Mitgliedschaft in einer kleinen
Gruppe führt, sind die ungeselligen Frauen entschieden
im Nachteil. Solange Freundeskreise die wesentlichen Zentren
für organisatorische Aktivitäten sind, wird Elitismus
institutionalisiert.
Für
Gruppen, die kein lokales Projekt finden, für das sie sich
entscheiden können, wird das reine Zusammensein zum Selbstzweck.
Hat eine Gruppe keine spezifische Aufgabe (und consciousness
raising ist eine Aufgabe), dann lenken die Mitglieder ihre Energie
darauf, andere in der Gruppe zu kontrollieren Das geschieht
nicht so sehr aus einem böswilligen Bedürfnis, andere
zu manipulieren (manchmal freilich doch), als aus dem Mangel
an etwas Besserem, für das sie ihre Talente einsetzen könnten.
Fähige Leute mit (verfügbarer) Zeit und dem Gefühl,
ihr Zusammenkommen rechtfertigen zu sollen, vertun ihre Kräfte
mit persönlicher Kontrolle und verbringen ihre Zeit damit,
die Persönlichkeit der anderen Gruppenmitglieder zu kritisieren.
Interne Kämpfe und persönliche Machtspielereien regieren
die Stunde. Wenn eine Gruppe dagegen mit einer Aufgabe beschäftigt
ist, lernen die Leute mit den anderen so auszukommen, wie sie
sind und persönliche Antipathien dem größeren
Ziel unterzuordnen. Dem Drang, jede Person so zu bilden, wie
sie unserer Vorstellung nach sein sollte, sind dann Grenzen
gesetzt.
Consciousness-raising
hinterläßt die Leute am Ende, ohne daß sie
wissen, wohin sie gehen können und das Fehlen einer Struktur
macht ihnen den Weg dahin unmöglich. Die Frauen in der
Bewegung wenden sich entweder sich selbst und ihren Schwestern
zu oder suchen andere Alternativen für Aktionen. Und es
gibt nur wenige. Einige Frauen machen einfach „ihren eigenen
Kram“. Das kann zu einer beträchtlichen individuellen
Kreativität führen, die zum großen Teil der
Bewegung nützlich ist, aber es ist keine gangbare Alternative
für die meisten Frauen und fördert gewiß nicht
den Geist einer kooperativen Gruppenanstrengung. Andere Frauen
lassen sich ganz aus der Bewegung hinaustreiben, weil sie kein
individuelles Projekt entwickeln wollen und keinen Weg gefunden
haben, Gruppenprojekte, die sie interessant finden, zu entdecken,
ihnen beizutreten oder sie zu initiieren.
Viele
schwenken zu anderen politischen Organisationen über, die
ihnen die Art von strukturierter und wirksamer Aktivität
erlauben, die sie in der Frauenbewegung vergebens gesucht hatten.
Die politischen Organisationen, die die Frauenbefreiung nur
als eine von vielen Zielen sehen, denen Frauen ihre Zeit widmen
sollten, finden so in unserer Bewegung ein weites Rekrutierungsfeld
für neue Mitglieder. Diese Organisationen haben "Infiltration"
gar nicht nötig (obwohl's die auch gibt). Das Verlangen
nach sinnvoller politischer Aktivität, das in den Frauen
durch die Teilnahme an der Frauenbefreiungsbewegung erzeugt
wurde, reicht aus, sie auf den Anschluß bei anderen Organisationen
scharf zu machen, wenn die Bewegung selbst den Ausdruck ihrer
neuen Vorstellungen und Energien verhindert.
Diese
Frauen, die sich anderen politischen Organisationen anschließen
und zugleich in der Frauenbefreiungsbewegung drin bleiben, oder
zur Frauenbewegung stoßen, ohne die anderen politischen
Organisationen zu verlassen, bilden wiederum das Gerüst
für neue informelle Strukturen. Diese Freundeskreise basieren
eher auf der gemeinsamen nicht-feministischen Politik als auf
den oben angesprochenen Charakteristika, aber die Vorgehensweise
ist fast dieselbe. Weil diese Frauen gemeinsame Wertvorstellungen,
Ideen und politische Organisationen haben, werden sie informelle,
ungeplante, ungewählte und nicht verantwortliche Eliten
- ob's ihre Absicht war oder nicht.
Diese
informellen Eliten werden von den alten informellen Eliten,
die sich vorher in anderen Gruppen der Bewegung entwickelt hatten,
nicht selten als Bedrohung empfunden. Und das mit Recht. Solche
politisch orientierten Verbindungsnetze sind nur selten bereit,
reine „Schwesternschaft“ zu sein, so wie viele der
alten es waren, und sie wollen ebenso für ihre politischen
wie für ihre feministischen Vorstellungen Anhänger
gewinnen. Das ist nur natürlich, aber die Implikationen,
die die Sache mit sich bringt, sind in der Frauenbewegung niemals
angemessen diskutiert worden. Die alten Eliten haben kaum die
Absicht, solche Meinungsverschiedenheiten offen auszutragen,
weil das die Natur der informellen Struktur ans Licht brächte.
Viele dieser informellen Eliten haben sich hinter dem Banner
des "Anti-Elitismus" und der "Strukturlosigkeit"
verborgen. Um der Konkurrenz einer anderen informellen Struktur
wirksam zu begegnen, müßten sie "öffentlich"
werden, und diese Möglichkeit ist belastet mit vielen gefährlichen
Implikationen. Um ihre eigene Macht zu erhalten, ist es daher
leichter, den Ausschluß von Mitgliedern anderer informeller
Strukturen zu rationalisieren mit Mitteln wie der Jagd auf "Rote",
"Reformisten", "Lesbierinnen" oder "Dogmatiker".
Die einzige andere Alternative ist die, der Gruppe eine solche
formelle Struktur zu geben, daß das ursprüngliche
Machtverhältnis institutionalisiert wird. Das ist nicht
immer möglich, aber wenn die informellen Eliten gut strukturiert
sind und in der Vergangenheit ein beträchtliches Maß
an Macht ausgeübt haben ist es zu schaffen. Diese Gruppen
haben eine Geschichte, sie sind in der Vergangenheit politisch
effektiv gewesen, und die Festigkeit der informellen Struktur
hat sich als adäquater Ersatz für eine formale Struktur
erwiesen. Wenn sie nun eine Struktur bekommen, ändert sich
ihre Handlungsweise nicht sonderlich, obwohl die Institutionalisierung
der Machtstruktur formellen Herausforderungen Raum gibt.
Gerade
solche Gruppen, die eine Struktur am nötigsten haben, sind
häufig am wenigsten dazu imstande, sich eine zu schaffen.
Ihre informellen Strukturen sind nicht allzu gut geformt, und
die Anhänglichkeit an die Ideologie der "Strukturlosigkeit"
läßt sie zögern, ihre Taktik zu verändern.
Je unstrukturierter eine Gruppe ist, je weniger informelle Strukturen
sie hat und je mehr sie der Ideologie der "Strukturlosigkeit"
verhaftet sind, desto verwundbarer ist sie für die Übernahme
von einer Gruppe von politischen Genossen.
Weil
die Bewegung im großen genauso unstrukturiert ist wie
die meisten der sie konstituierenden Gruppen, ist sie auch in
ähnlicher Weise empfänglich für indirekte Beeinflussung.
Aber dieses Phänomen äußert sich hier anders.
Auf der lokalen Ebene können die meisten Gruppen autonom
operieren; aber die einzigen Gruppen, die eine nationale Aktivität
organisieren können, sind national organisierte Gruppen.
Daher sind es oftmals die strukturierten feministischen Organisationen,
die die Richtung nationaler Aktivitäten der Feministinnen
festsetzen und diese Richtung bestimmt sich aus den Prioritäten
der entsprechenden Organisationen. Solche Gruppen wie NOW, WEAL
und einige linksradikale Frauengruppen sind einfach die einzigen
Organisationen, die in der Lage sind, eine nationale Kampagne
auf die Beine zu stellen. Die große Menge der unstrukturierten
Frauenbefreiungsgruppen kann sich für oder gegen eine Unterstützung
der nationalen Kampagnen entscheiden, aber sie nicht selbst
organisieren. So stellen dann ihre Mitglieder die Truppen unter
der Führung der strukturierten Organisationen. Die eingestandenermaßen
unstrukturierten Gruppen haben keine Möglichkeit, die riesigen
Hilfsmittel der Bewegung in Anspruch zu nehmen, um deren vorrangige
Ziele zu unterstützen. Sie haben noch nicht einmal die
Möglichkeit, darüber zu entscheiden, welches die vorrangigen
Ziele sein sollen
Je
unstrukturierter eine Bewegung ist, um so weniger Kontrolle
hat sie über die Richtung, in die sie sich entwickelt und
die politischen Aktionen, an denen sie beteiligt ist. Das heißt
nicht, daß sich ihre Ideen nicht verbreiten. Bei einer
gewissen Bereitschaft der Massenmedien und entsprechenden sozialen
Bedingungen werden die Ideen immer noch weit verbreitet werden.
Aber Verbreitung von Ideen heißt nicht, daß sie
auch verwirklicht werden; es bedeutet lediglich, daß darüber
gesprochen wird. Soweit sie sich individuell anwenden lassen,
mag auch danach gehandelt werden; das wird aber nicht der Fall
sein, soweit ihre Verwirklichung eine koordinierte politische
Macht erfordert.
So
lange sich die Frauenbefreiungsbewegung einer Organisationsform
widmet, die kleine, unaktive Diskussionsgruppen unter Freunden
bevorzugt, werden die größten Probleme der Strukturlosigkeit
nicht spürbar. Aber dieser Organisationsstil hat seine
Grenzen; er ist politisch uneffektiv exklusiv und diskriminiert
jene Frauen, die nicht zu einem solchen Freundeskreis gehören
oder auch nicht einbezogen werden können. Diejenigen, die
nicht in die Form passen, die schon besteht (aufgrund ihrer
Klassen- oder Rassenzugehörigkeit, ihres Berufs, ihres
Eltern- oder Ehestatus, ihrer Persönlichkeit usw.), werden
unvermeidlich entmutigt, zu versuchen, an der Bewegung teilzunehmen.
Diejenigen, denen die jetzige Organisationsform angemessen ist,
werden das Interesse entwickeln, die Dinge so aufrechtzuerhalten,
wie sie sind. Das Interesse der informellen Gruppe an ihrer
Aufrechterhaltung wird durch die existierende informelle Struktur
unterstützt und die Bewegung hat keine Möglichkeit,
darüber zu bestimmen, wer in ihr die Macht ausüben
wird. Wenn die Bewegung damit fortfährt, nicht bewußt
diejenigen auszuwählen, die Macht ausüben, dann wird
sie damit nicht die Macht abschaffen. Alles was sie tut, ist,
auf das Recht zu verzichten, von denjenigen, die Macht und Einfluß
haben, zu verlangen, daß sie sich dafür verantworten.
Wenn die Bewegung damit fortfährt, die Macht so zerstreut
wie möglich zu halten, weil sie weiß, daß sie
keine Verantwortlichkeit von denen verlangen kann, die Macht
haben, dann verhindert sie zwar, daß irgendeine Gruppe
oder Person vollständig dominiert. Aber gleichzeitig erreicht
sie damit, daß die Bewegung so ineffektiv wie möglich
ist. Es kann und muß ein Mittelweg zwischen Herrschaft
und Wirkungslosigkeit gefunden werden.
Diese
Probleme gehen mir gerade jetzt im Kopf herum, weil sich das
Wesen der Bewegung notwendig ändert. Consciousness-raising
beginnt als Hauptfunktion der Frauenbefreiungsbewegung obsolet
zu werden. Dank ausführlicher Veröffentlichungen in
der Presse in den letzten zwei Jahren, dank zahlreicher „overground“-Bücher
und weit verbreiteter Artikel ist „women's lib“
zu einem alltäglichen Begriff geworden. Leute, die in keinem
expliziten Zusammenhang mit irgendeiner Gruppe der Bewegung
stehen, diskutieren deren Ergebnisse und bilden informelle Gruppen.
Die Bewegung muß zu neuen Aufgaben weiterschreiten. Sie
muß jetzt ihre Prioritäten festsetzen, ihre Ziele
artikulieren und diese koordiniert verfolgen. Um das zu schaffen,
muß sie sich organisieren - lokal, regional und national.

Prinzipien
demokratischer Strukturen
Sobald
sich die Bewegung nicht länger beharrlich an der Ideologie
der „Strukturlosigkeit“ festklammert, ist sie frei,
solche Organisationsformen zu entwickeln, die ihr am ehesten
ein gesundes Funktionieren erlauben. D.h. nicht, daß wir
in das andere Extrem fallen und blind die traditionellen Organisationsformen
imitieren sollten. Aber genausowenig sollten wir sie alle blind
zurückweisen. Einige der traditionellen Organisationstechniken
werden sich als nützlich erweisen, wenn auch (nicht) als
perfekt; einige werden uns Klarheit darüber verschaffen,
was wir tun oder lassen sollten, um bestimmte Ziele mit einem
minimalen Aufwand für die einzelnen Mitglieder der Bewegung
zu erreichen. Vor allem werden wir mit verschiedenen Strukturen
experimentieren müssen, um eine Vielzahl von Techniken
zu entwickeln, die für verschiedene Situationen zu gebrauchen
sind. Das Los-System ist eine solche Technik, die aus der Bewegung
hervorgegangen ist. Es ist nicht in allen Situationen anwendbar,
manchmal aber durchaus zu gebrauchen. Weitere Ideen zur Strukturierung
sind nötig. Aber bevor wir vernünftig weiterexperimentieren
können, müssen wir uns darüber klar werden, daß
nicht eine Struktur an sich, sondern nur ihre Verfestigung schlecht
ist.
Ohne
zu vergessen, daß wir uns in einem ständigen trial-
and error (Versuch und Irrtum) Prozess befinden, können
wir einige Prinzipien festhalten, die für eine demokratische
Struktur wesentlich und zugleich politisch effektiv sind:
1)
Delegation von spezifischer Autorität an spezifische Individuen
für spezifische Aufgaben durch demokratische Verfahren.
Wenn Leuten Ämter oder Aufgaben nur aufgrund von Drückebergerei
der anderen zufallen, dann heißt das, daß sie nicht
zuverlässig erledigt werden. Wenn Leute dagegen für
eine bestimmte Aufgabe gewählt werden, am besten nachdem
sie dafür Interesse oder die Bereitwilligkeit geäußert
haben, dann haben sie damit eine Verpflichtung übernommen,
die sie nicht so leicht ignorieren können.
2)
Von denjenigen, an die Autorität delegiert worden ist,
ist Verantwortlichkeit gegenüber denen, die sie gewählt
haben, zu verlangen. Auf diese Weise hat die Gruppe Kontrolle
über Leute in Führungspositionen. So mögen einzelne
Macht ausüben, aber die Gruppe hat letztlich darüber
zu bestimmen, wie die Macht ausgeübt wird.
3)
Streuung von Autorität unter so viele Leute, wie vernünftigerweise
möglich ist. Dies verhindert eine Monopolisierung der Macht
und zwingt diejenigen, die Führungspositionen einnehmen,
viele andere Mitglieder zu konsultieren. Außerdem wird
dadurch Vielen Gelegenheit gegeben, für spezifische Aufgaben
die Verantwortung zu übernehmen und dadurch verschiedene
Fähigkeiten zu erlernen.
4)
Rotation der Aufgabenverteilung. Bereiche, für die zu lange
eine Person - formell oder informell - verantwortlich ist, werden
bald als das "Eigentum" des Verantwortlichen angesehen
und nicht so leicht aufgegeben bzw. von der Gruppe kontrolliert.
Wechseln umgekehrt die Verantwortlichen für die verschiedenen
Aufgaben zu häufig, dann hat der Einzelne nicht die Zeit,
seinen Bereich gut kennenzulernen und bekommt nie das befriedigende
Gefühl, eine gute Arbeit zu machen.
5)
Zuteilung der Aufgaben nach rationalen Kriterien. Jemand für
eine Position auszuwählen, weil er in der Gruppe beliebt
ist, oder anderen unangenehme Arbeit aufzutragen, weil sie unbeliebt
sind, hilft auf lange Sicht weder der Gruppe noch dem einzelnen.
Fähigkeit, Interesse und Verantwortlichkeit sollten das
Wichtigste bei einer solchen Auswahl sein. Den Leuten sollte
zwar Gelegenheit gegeben werden, sich die Fertigkeiten anzueignen,
die ihnen fehlen, aber das geht besser durch eine Art "Lehre",
als durch die Methode "friß oder stirb". Eine
Verantwortung zu tragen, der man nicht gewachsen ist, demoralisiert
nur. Umgekehrt ermutigt es einen nicht, seine Fähigkeiten
zu entwickeln, wenn man zu einer Arbeit nicht zugelassen wird,
die man gut erledigen könnte.
6)
Informationsverbreitung an alle so oft wie möglich. Information
ist Macht. Zugang zu Information erhöht die Macht. Wenn
neue Ideen und Informationen über ein informelles Netz
verbreitet werden, das außerhalb des formalen Gruppenzusammenhanges
besteht, dann geschieht damit bereits eine Meinungsbildung,
an der die Gruppe nicht teilhat. Je mehr alle durchblicken,
wie die Sachen laufen, um so besser läßt sich politisch
effektiv arbeiten.
7)
Gleicher Zugang zu den Hilfsmitteln, die von der Gruppe benötigt
werden. Das ist nicht immer vollständig durchführbar,
sollte aber angestrebt werden. Ein Gruppenmitglied, das monopolistisch
über ein erforderliches Hilfsmittel verfügt wie eine
Vervielfältigungsmaschine, die dem Ehemann gehört,
kann den Gebrauch dieses Hilfsmittels ungebührlich stark
beeinflussen. Fähigkeiten und Wissen sind gleichfalls Hilfsmittel.
Die Fähigkeiten eines Mitglieds sind nur dann angemessen
verfügbar, wenn es bereit ist, den anderen das beizubringen,
was es kann.