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Die
Kronstadt Rebellion
Alexander Berkman
I.
Arbeiterunruhen in Petrograd
Es
war im Beginn von 1921. Lange Jahre Krieg, Revolution und innere
Kämpfe hatten Rußland bis zur Erschöpfung zur
Ader gelassen und sein Volk an den Rand der Verzweiflung gebracht.
Endlich aber war der Bürgerkrieg zu Ende: die zahlreichen
Fronten waren aufgelöst und Wrangel - die letzte Hoffnung
der Intervention der Entente und der russischen Gegenrevolution
- war besiegt und seine militärische Tätigkeit auf
russischem Grund und Boden zum Ende gebracht. Das Volk sah nun
vertrauensvoll einer Milderung des strengen bolschewistischen
Regiments entgegen. Man erwartete, daß nach Beendigung
des Bürgerkrieges die Kommunisten die Lasten erleichtern,
Einschränkungen aus der Kriegszeit abschaffen, einige grundlegende
Freiheiten einführen und mit der Organisation eines normaleren
Lebens einen Anfang machen würden. Die bolschewistische
Regierung war zwar weit entfernt davon populär zu sein,
hatte aber die Unterstützung der Arbeiter in ihrem oft
angekündigten Plan der Aufnahme des ökonomischen Wiederaufbaus
des Landes, sobald nur die militärischen Operationen aufgehört
hätten. Das Volk war begierig, mitzuarbeiten, seine Initiative
und schöpferischen Bemühungen dem Aufbau des ruinierten
Landes zu widmen.
Unglücklicherweise
waren diese Erwartungen dazu verurteilt, enttäuscht zu
werden. Der kommunistische Staat zeigte keine Absicht, das Joch
zu lockern. Die alte Politik wurde fortgesetzt, die Arbeitsmilitarisierung
versklavte das Volk immer weiter, erbitterte es durch neue Unterdrückung
und Tyrannisierung und lähmte daher jede Möglichkeit
einer Wiederbelebung der Industrie. Die letzte Hoffnung des
Proletariats ging unter: die Überzeugung wuchs, daß
die kommunistische Partei ein größeres Interesse
daran hatte, die politische Macht in ihrem Besitz zu behalten,
als die Revolution zu retten.
Die
revolutionärsten Elemente Rußlands, die Arbeiter
von Petrograd, erhoben zuerst ihre Stimme. Sie erhoben den Vorwurf,
daß von anderen Ursachen abgesehen, die bolschewistische
Zentralisation, Bürokratie und das autokratische Verhalten
gegen die Bauern und Arbeiter direkt für einen großen
Teil des Elends und Leidens des Volkes verantwortlich wären.
Viele Werke und Fabriken von Petrograd waren geschlossen worden
und die Arbeiter litten buchstäblich Hunger. Ihre zur Erwägung
der Lage einberufenen Versammlungen wurden von der Regierung
unterdrückt. Das Proletariat von Petrograd, das in der
ersten Linie der revolutionären Kämpfe gestanden,
und dessen große Opfer und Heroismus allein die Stadt
vor Judenitsch gerettet hatten, empfand Unwille gegen dieses
Vorgehen der Regierung. Die Mißstimmung gegen die von
den Bolschewiki befolgten Methoden wuchs beständig. Weitere
Versammlungen wurden einberufen und das gleiche geschah. Die
Kommunisten wollten dem Proletariat keine Zugeständnisse
machen, während sie zu gleicher Zeit zu Kompromissen mit
den europäischen und amerikanischen Kapitalisten erbötig
waren. Die Arbeiter wurden ungehalten und es entstand Aufregung.
Um die Regierung zu zwingen, ihren Forderungen Rechnung zu tragen,
wurden Streiks proklamiert in den Patronnys Munitionswerkstätten,
den Trubotschny- und Baltiyskiwerken und der Fabrik Laferme.
Statt die Verhältnisse mit den unzufriedenen Arbeitern
zu besprechen, setzte die „Arbeiter- und Bauernregierung“
ein kriegsmäßiges Komitet Oborony (Verteidigungskomitee)
ein mit Zinowiew, dem verhaßtesten Mann von Petrograd,
als Vorsitzenden. Das offene Ziel dieses Komitees war die Unterdrückung
der Streikbewegung.
Am
24. Februar waren die Streiks erklärt worden. Am selben
Tage schickten die Bolschewisten die Kursanti, die kommunistischen
Studierenden der Militärakademie (Drilloffiziere für
Armee und Flotte) aus, um die auf dem Wassilewsky Ostrow, dem
Petrograder Arbeiterdistrikt angesammelten Arbeiter zu zerstreuen.
Den Tag darauf, am 25., suchten die entrüsteten Streiker
vom Wassilewsky Ostrow die Admiralitätswerkstätten
und Galernaya-Docks auf und veranlaßten die dortigen Arbeiter,
sich ihrem Protest gegen das autokratische Verhalten der Regierung
anzuschließen. Die versuchte Straßendemonstration
der Streikenden wurde von bewaffneten Soldaten zerstreut.
Am
26. Februar hielt der Petrograder Sowjet eine Sitzung ab, in
welcher der hervorragende Kommunist Laschewitsch, Mitglied des
Verteidigungskomitees und des revolutionären Militärrats
der Republik, die Streikbewegung in den schärfsten Ausdrücken
angriff. Er beschuldigte die Arbeiter der Trubotschny-Fabrik
zur Unzufriedenheit aufzureizen, klagte sie an „..selbstsüchtige
Arbeitsschinder (schkurniki) und Gegenrevolutionäre“
zu sein und schlug die Schließung der Trubotschny-Fabrik
vor. Das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets (Vorsitzender
Zinowiew) nahm den Vorschlag an. Die Trubotschny-Streiker wurden
ausgesperrt und so automatisch ihrer Rationen beraubt.
Diese
Art des Vorgehens der bolschewistischen Regierung führte
zu weiterer Erbitterung und Gegnerschaft der Arbeiter.
Proklamationen
der Streikenden begannen sich jetzt in den Straßen von
Petrograd zu zeigen. Einige derselben nahmen ausgesprochenen
politischen Charakter an; so liest man in der bezeichnendsten
derselben, die am 27. Februar an die Mauern geklebt wurde:
Eine
vollständige Änderung der Regierungspolitik ist
notwendig. Zu allererst brauchen die Arbeiter und Bauern Freiheit.
Sie wollen nicht nach den Dekreten der Bolschewiki leben,
sie wollen selbst über sich verfügen.
Genossen,
bewahrt revolutionäre Ordnung! Verlangt entschieden und
auf organisierte Weise:
·
Freilassung aller verhafteten Sozialisten und parteilosen
Arbeiter.
· Abschaffung des Kriegsrechts; Rede-, Presse- und
Versammlungsfreiheit für alle Arbeitenden.
· Freie Wahl von Werkstatt- und Fabrikkomitees (sawkomi)
und von Arbeitergesellschafts- und Sowjetvertretern.
· Beruft Versammlungen ein, schickt eure Delegierten
an die Behörden und seid für die Durchsetzung eurer
Forderungen tätig.
Die
Regierung antwortete auf die Forderungen der Streiker durch
zahlreiche Verhaftungen und die Unterdrückung mehrerer
Arbeiterorganisationen. Dieses Vorgehen machte die Volksstimmung
noch antibolschewistischer; reaktionäre Schlagwörter
machten sich hörbar. So erschien am 28. Februar eine Proklamation
der „Sozialistischen Arbeiter des Newsky-Distrikt“,
die mit einem Aufruf für die Konstituierende Versammlung
schloß:
Wir
wissen, wer sich vor der Konstituierenden Versammlung fürchtet.
Das sind die, die nicht länger imstande sein werden,
das Volk zu plündern. Statt dessen werden sie sich vor
den Volksvertretern zu verantworten haben für ihren Betrug,
ihre Räubereien und all ihre Verbrechen.
Nieder
mit den verhaßten Kommunisten!
Nieder
mit der Sowjetregierung!
Es
lebe die Konstituierende Versammlung!
Unterdessen
konzentrierten die Bolschewiki in Petrograd große Mengen
Militär aus der Provinz und ließen auch ihre zuverlässigsten
kommunistischen Regimenter von der Front in die Stadt kommen.
Petrograd wurde unter „außerordentliches Kriegsrecht“
gestellt. Die Streiker wurden eingeschüchtert und die Bewegung
der Arbeiter mit eiserner Hand erdrückt.

II.
Die Bewegung von Kronstadt
Die
Matrosen von Kronstadt wurden durch die Petersburger Vorgänge
sehr aufgeregt. Sie betrachteten die drastische Behandlung der
Streikenden durch die Regierung mit finsteren Blicken. Sie wußten,
was das revolutionäre Proletariat der Hauptstadt seit den
ersten Tagen der Revolution zu tragen gehabt hatte, wie heroisch
es gegen Judenitsch gekämpft hatte und wie geduldig es
Entbehrungen und Elend ertrug. Aber Kronstadt war weit entfernt
davon, die Konstituierende Versammlung zu begünstigen oder
die Forderung nach Handelsfreiheit, die sich in Petrograd bemerkbar
machte. Die Matrosen waren in Geist und Tat durch und durch
revolutionär, sie waren die festesten Stützen des
Sowjetsystems, aber sie waren Gegner der Diktatur irgendeiner
politischen Partei.
Die
Sympathiebewegung mit den Petersburger Streikern nahm ihren
Anfang unter den Matrosen der Kriegsschiffe Petropawlowsk
und Sewastopol, derselben Schiffe, die 1917 die Hauptstützen
der Bolschewiki gewesen waren. Die Bewegung verbreitete sich
über die ganze Kronstädter Flotte, dann unter den
dort stationierten Regimentern der Roten Armee. Am 28. Februar
nahmen die Leute des Petropawlowsk eine Resolution an, der auch
die Matrosen des Sewastopol zustimmten, in der unter
anderem die freie Neuwahl des Kronstädter Sowjets verlangt
wurde, da dessen Amtsdauer ihrem Ende entgegenging. Zugleich
wurde ein Matrosenkomitee nach Petrograd geschickt, um sich
über die dortige Lage zu unterrichten.
Am
1. März wurde auf dem Jakornyplatz in Kronstadt eine öffentliche
Versammlung abgehalten, offiziell einberufen von den Mannschaften
des ersten und zweiten Geschwaders der Ostseeflotte; 16.000
Matrosen, Soldaten der Roten Armee und Arbeiter waren anwesend.
Der Vorsitzende des Exekutivkomitees des Kronstädter Sowjets,
der Kommunist Wassiliew präsidierte. Der Präsident
der Russischen sozialistischen Föderativrepublik Kalinin
und der Kommissar der Ostseeflotte Kusmin waren anwesend und
sprachen zur Versammlung. Als ein Kennzeichen der freundlichen
Stellung der Matrosen zur bolschewistischen Regierung sei erwähnt,
daß Kalinin bei seiner Ankunft in Kronstadt mit militärischen
Ehren, Musik und Fahnen empfangen wurde.
Dieser Versammlung erstattete das am 28. Februar nach Petrograd
geschickte Matrosenkomitee seinen Bericht. Er bestätigte
die schlimmsten Befürchtungen Kronstadts. Die Versammlung
sprach ihre Entrüstung über die Methoden der Kommunisten
bei der Niedertretung der bescheidenen Forderungen der Petrograder
Arbeiter unverhohlen aus. Die vom Petropawlowsk am
28. Februar angenommene Resolution wurde dann vorgelegt. Präsident
Kalinin und Kommissär Kusmin griffen dieselbe bitter an
und klagte die Petrograder Streiker und die Kronstädter
Matrosen an. Aber ihre Argumente machten auf die Zuhörer
keinen Eindruck und die Petropawlowsk-Resolution wurde
einstimmig angenommen. Dieses historische Dokument lautet:
Resolution der allgemeinen Versammlung der Mannschaften
des ersten und zweiten Geschwaders der Ostseeflotte, abgehalten
am 1. März 1921.
Nach Anhörung des Berichts der von der allgemeinen Versammlung
der Schiffsmannschaften nach Petrograd zur Untersuchung der
dortigen Lage geschickten Vertreter wird beschlossen:
1. Angesichts der Tatsache, daß die gegenwärtigen
Sowjets den Willen der Arbeiter und Bauern nicht ausdrücken,
sofort neue Wahlen mit geheimer Abstimmung abzuhalten, wobei
die vorherige Wahlkampagne volle Agitationsfreiheit unter
den Arbeitern und Bauern haben muß.
2.
Rede- und Pressefreiheit einzuführen für Arbeiter
und Bauern, Anarchisten und linksstehende sozialistische Parteien.
3.
Versammlungsfreiheit für Arbeitergesellschaften und Bauernorganisationen
zu sichern.
4.
Eine parteilose Konferenz der Arbeiter, Soldaten der Roten Armee
und Matrosen von Petrograd, Kronstadt und der Petrograder Provinz
für nicht später als den 10. März 1921 einzuberufen.
5.
Alle politischen Gefangenen der sozialistischen Parteien und
alle in Verbindung mit Arbeiter- und Bauernbewegungen eingesperrten
Arbeiter, Bauern, Soldaten und Matrosen zu befreien.
6.
Eine Kommission zu wählen zur Revision der Fälle
der in Gefängnissen und Konzentrationslagern Befindlichen.
7.
Alle politotdell (politischen Büros) abzuschaffen, weil
keine Partei spezielle Privilegien zur Propagierung ihrer
Ideen besitzen oder zu solchen Zwecken finanzielle Regierungshilfe
erhalten soll. An deren Stelle sollten erzieherische und kulturelle
Kommissionen errichtet werden, lokal gewählt und von
der Regierung finanziert.
8.
Sofort alle sagryadltelniye otryadi 1 abzuschaffen.
9.
Die Rationen aller Arbeitenden gleichzumachen, mit Ausnahme
der in gesundheitsschädlichen Beschäftigungen Tätigen.
10.
Die kommunistischen Kampfabteilungen in allen Zweigen der
Armee und die Kommunistischen Wachen, die in Werken und Fabriken
Dienst tun, abzuschaffen. Sollten solche Wachen oder militärische
Abteilungen sich als notwendig herausstellen, sind sie in
der Armee aus der Mannschaft zu ernennen und in den Fabriken
nach der Wahl der Arbeiter.
11.
Den Bauern volle Aktionsfreiheit in bezug auf ihr Land zugeben,
ebenso das Recht, Vieh zu halten, unter der Bedingung, daß
sie mit ihren eigenen Mitteln auskommen, das heißt ohne
gedungene Arbeitskräfte zu verwenden.
12.
Alle Zweige der Armee und unsere Kameraden, die militärischen
Kursanti zu ersuchen, unseren Beschlüssen beizutreten.
13.
Zu verlangen, daß die Presse unsere Beschlüsse
in vollstem Umfang an die Öffentlichkeit bringt.
14.
Eine Reisende Kontrollkommission zu ernennen.
15.Freie
Kustar-Produktion (individuelle in kleinem Maßstab)
durch individuelle Arbeit zu erlauben.
Resolution
einstimmig von der Brigadeversammlung angenommen bei Stimmenthaltung
von zwei Personen.
Petritschenko, Vorsitzender der Brigadeversammlung.
Perepelkin, Sekretär.
Resolution von der Kronstädter Garnison mit überwiegender
Majorität angenommen.
Wasslljew, Vorsitzender.
Mit Genossen Kalinin zusammen stimmt
Wassiljew gegen die Resolution.
Diese
Resolution, der, wie erwähnt, Kalinin und Kusmin stärkste
Opposition machten, wurde unter deren Protest angenommen. Nach
der Versammlung konnte Kalinin unbelästigt nach Petrograd
zurückkehren.
In
derselben Brigadeversammlung wurde bestimmt, ein Komitee nach
Petrograd zu schicken, um den Arbeitern und der dortigen Garnison
die Forderungen von Kronstadt zu erklären und um die Entsendung
parteiloser Delegierter durch das Petersburger Proletariat nach
Kronstadt zu ersuchen, um sich mit der tatsächlichen Lage
und den Forderungen der Matrosen bekanntzumachen. Dieses aus
dreißig Mitgliedern bestehende Komitee wurde von den Bolschewiki
in Petrograd verhaftet. Dies war der erste Schlag der kommunistischen
Regierung gegen Kronstadt. Das Schicksal des Komitees blieb
ein Rätsel.
Da die Amtsdauer der Mitglieder des Kronstädter Sowjet
ihrem Ende nahe war, entschied sich die Brigadeversammlung auch
für Einberufung einer Delegiertenkonferenz am 2. März
zur Diskussion der Art der Vornahme der neuen Wahlen. Diese
Konferenz sollte aus Vertretern der Schiffe, der Garnison, der
verschiedenen Sowjetinstitutionen, der Arbeitergesellschaften
und Fabriken bestehen, mit zwei Delegierten für jede Organisation.
Die Konferenz vom 2. März fand im Erziehungshause (der
früheren Kronstädter Schule für Ingenieurwesen)
statt und war von über 300 Delegierten besucht, darunter
auch Kommunisten. Die Versammlung wurde von dem Matrosen Petritschenko
eröffnet und ein Präsidium (Exekutivkomitee) von fünf
Mitgliedern wurde durch Zuruf gewählt. Die Hauptfrage für
die Delegierten war, daß die kommenden Neuwahlen des Kronstädter
Sowjet auf gerechterer Grundlage als bis dahin stattfinden sollten.
Die Versammlung sollte auch für die Resolutionen des 1.
März tätig sein und Wege und Mittel in Erwägung
ziehen, um dem Land aus der durch Hunger und Mangel an Brennmaterial
verursachten verzweifelten Lage herauszuhelfen.
Der Geist der Konferenz war durchaus sowjetistisch: Kronstadt
verlangte Sowjets, die von der Einmischung einer politischen
Partei frei wären; es verlangte parteilose Sowjets, die
die Bedürfnisse der Arbeiter und Bauern wirklich wiedergeben
und ihren Willen ausdrücken würden. Die Haltung der
Delegierten war feindlich gegen die willkürliche Herrschaft
bürokratischer Kommissäre, aber freundlich gegenüber
der Kommunistischen Partei als solcher. Sie waren feste Anhänger
des Sowjetsystems und suchten ernstlich eine Lösung der
dringenden Probleme durch freundliche und friedliche Mittel.
Kusmin, Kommissär der Ostseeflotte, sprach zuerst zu der
Konferenz. Er besaß mehr Energie als Urteilsfähigkeit
und das Verständnis der großen Bedeutung des Augenblicks
entging ihm ganz. Er war der Situation nicht gewachsen: er verstand
nicht auf Herz und Gemüt dieser einfachen Leute zu wirken,
der Seeleute und Arbeiter, die der Revolution solche Opfer gebracht
hatten und nun bis zur Verzweiflung erschöpft waren. Die
Delegierten hatten sich versammelt, um mit den Regierungsvertretern
zu beraten. Statt dessen spielte Kusmins Rede die Rolle eines
auf Pulver geworfenen Feuerbrandes. Er entzündete die Konferenz
durch seine Anmaßung und Unverschämtheit. Er bestritt
die Existenz von Arbeiterunruhen in Petrograd, erklärte,
die Stadt sei ruhig und die Arbeiter zufrieden. Er pries die
Tätigkeit der Kommissäre, stellte die revolutionären
Motive von Kronstadt in Frage und warnte vor Gefahr, die von
Polen her drohte. Er ließ sich zu unwürdigen Unterstellungen
herab und donnerte Drohungen. „Wenn ihr offenen Krieg
wollt“, so schloß Kusmin, „so werdet ihr ihn
bekommen, denn die Kommunisten werden die Zügel der Regierung
nicht fahren lassen. Wir werden bis zum Äußersten
kämpfen.“
Diese taktlose und herausfordernde Rede des Kommissärs
der Ostseeflotte diente dazu, die Delegierten zu insultieren
und gröblich zu beleidigen. Die Ansprache des nächsten
Redners, des Vorsitzenden des Kronstädter Sowjets, des
Kommunisten Wassiljew, machte keinen Eindruck auf die Zuhörer:
er war farblos und unbestimmt. Im Laufe der Versammlung wurde
die allgemeine Haltung deutlich antibolschewistischer. Trotzdem
hofften die Delegierten zu irgendeiner freundlichen Verständigung
mit den Regierungsvertretern zu gelangen. Aber es wurde alsbald
klar, erklärt der offizielle Bericht, 2
daß „wir in die Genossen Kusmin und Wassiljew nicht
länger Vertrauen haben konnten, und daß es notwendig
wurde, sie zeitweilig in Verhaft zu nehmen, besonders weil die
Kommunisten Waffen besaßen und wir zu den Telephonen keinen
Zutritt hatten. Die Soldaten hatten Angst vor den Kommissären,
wie der in der Versammlung verlesene Brief bewies, und die Kommunisten
erlaubten keine Zusammenkünfte der Garnison.“
Kusmin und Wassiljew wurden also aus der Versammlung entfernt
und unter Arrest gestellt. Es ist für den Geist der Konferenz
charakteristisch, daß der Antrag, die übrigen anwesenden
Kommunisten zu verhaften, mit überwiegender Majorität
niedergestimmt wurde. Die Delegierten waren der Meinung, die
Kommunisten seien als den Vertretern anderer Organisationen
gleichgestellt zu betrachten und müßten gleiche Rechte
und Behandlung erhalten. Kronstadt war noch immer entschlossen,
zu einem verbindenden Übereinkommen mit der kommunistischen
Partei und der Bolschewikiregierung zu gelangen.
Die Resolutionen vom 1. März wurden vorgelesen und mit
Begeisterung angenommen. In diesem Augenblick bemächtigte
sich der Konferenz große Aufregung, da ein Delegierter
erklärte, die Bolschewiken seien im Begriff die Versammlung
anzugreifen, und fünfzehn Wagenladungen Soldaten und Kommunisten,
mit Gewehren und Maschinengewehren bewaffnet, seien zu diesem
Zweck ausgeschickt worden. „Diese Nachricht“, fährt
der Bericht der Izvestia fort, „rief leidenschaftlichen
Zorn unter den Delegierten hervor. Nachforschungen bewiesen
bald, daß die Nachricht unbegründet gewesen, aber
das Gerücht erhielt sich, daß ein Regiment Kursanti,
von dem berüchtigten Tschekisten Dukiß geführt,
schon in der Richtung auf das Fort Krasnaja Gorka auf dem Marsch
sei.“ Angesichts dieser neuen Wendung und der Drohungen
Kusmins und Kalinins eingedenk, beschäftigte sich die Konferenz
sofort mit der Frage der Organisation der Verteidigung von Kronstadt
gegen einen bolschewistischen Angriff. Die Zeit drängte
und man beschloß, das Präsidium der Konferenz in
ein Provisorisches Revolutionäres Komitee zu verwandeln,
das den Auftrag hatte, für die Ruhe und Sicherheit der
Stadt zu sorgen. Dieses Komitee sollte auch die notwendigen
Vorbereitungen für die Abhaltung der Neuwahlen zum Kronstädter
Sowjet treffen.

III.
Die Bolschewikenkampagne gegen Kronstadt
Petrograd war in starker Nervenspannung. Neue Streiks waren
ausgebrochen, und beständige Gerüchte von Arbeiterunruhen
in Moskau und Bauernerhebungen im Osten und in Sibirien gingen
um. Da eine verläßliche Presse fehlte, schenkte das
Volk den übertriebensten und selbst handgreiflich falschen
Berichten Glauben. Aller Augen waren auf Kronstadt gerichtet,
in Erwartung von Vorgängen von ausschlaggebender Bedeutung.
Die Bolschewiken verloren keine Zeit, ihren Angriff gegen Kronstadt
zu organisieren. Schon am 2. März gab die Regierung einen
prikas (Befehl) heraus, von Lenin und Trotzki unterzeichnet,
worin die Kronstädter Bewegung als myatezh (Meuterei) gegen
die kommunistischen Behörden denunziert wurde. In diesem
Dokument wurden die Matrosen beschuldigt, „Werkzeuge früherer
zaristischer Generale zu sein, die zugleich mit Verrätern
aus den Reihen der Sozialist-Revolutionäre eine gegenrevolutionäre
Verschwörung gegen die Proletarische Republik inszenierten.“
Die Kronstädter Bewegung für freie Sowjets wurde von
Lenin und Trotzki charakterisiert als „das Produkt von
Interventionisten der Entente und französischer Spione.“
„Am 28. Februar“, heißt es in dem prikas,
„nahmen die Männer vom Petropawlowsk Resolutionen
an, die den Geist der Schwarzen Hundert atmeten. Dann erschien
die Gruppe des früheren Generals Koslowsky auf der Szene.
Dieser und drei seiner Offiziere, deren Namen noch nicht festgestellt
wurden, übernahmen offen die Rolle einer Rebellion. So
ist die Bedeutung kürzlicher Ereignisse klar geworden.
Hinter den Sozialist-Revolutionären steht wieder ein zaristischer
General. Angesichts all dieser Dinge befiehlt der Arbeits- und
Verteidigungsrat: 1. den früheren General Koslowsky und
seine Helfer für außerhalb des Gesetzes stehend zu
erklären; 2. die Stadt und Provinz Petrograd unter Kriegsrecht
zu stellen; 3. die oberste Gewalt über den ganzen Petrograder
Distrikt in die Hände des Petrograder Verteidigungskomitees
zu legen.“
Es gab tatsächlich einen früheren General Koslowsky
in Kronstadt. Trotzki hatte ihn dorthin geschickt als Artilleriespezialist.
Er spielte gar keine Rolle bei den Kronstädter Ereignissen,
aber die Bolschewiken beuteten seinen Namen schlau aus, um die
Matrosen als Feinde der Sowjetrepublik und ihre Bewegung als
gegenrevolutionär zu denunzieren. Die offizielle bolschewistische
Presse begann jetzt ihren Verleumdungs- und Schmähungsfeldzug
gegen Kronstadt als Pflanzschule „Weißer Verschwörung
mit General Koslowsky an der Spitze“ und kommunistische
Agitatoren wurden in die Werke und Fabriken von Petrograd und
Moskau geschickt, um das Proletariat aufzurufen, „sich
zu sammeln zur Unterstützung und Verteidigung der Arbeiter-
und Bauernregierung gegen die gegenrevolutionäre Erhebung
in Kronstadt“.
Die Kronstädter Matrosen hatten mit Generalen und Gegenrevolutionären
nichts zu tun und weigerten sich sogar, von der Partei der Sozial-Revolutionäre
Hilfe anzunehmen. Viktor Tschernow, damals in Reval, versuchte
die Matrosen zugunsten seiner Partei und deren Forderungen zu
beeinflußen, aber das Provisorische Revolutionäre
Komitee gab ihm keine Ermutigung. Tschernow schickte die folgende
drahtlose Botschaft 3 nach Kronstadt:
Der Vorsitzende der konstituierenden Versammlung, Viktor Tschernow,
schickt seine brüderlichen Grüße an die heroischen
Genossen Matrosen, Soldaten der Roten Armee und Arbeiter, die
zum dritten Mal seit 1905 das Joch der Tyrannei abschütteln.
Er bietet an, mit Mannschaft zu helfen und Kronstadt durch die
russischen Kooperativgesellschaften im Ausland zu verproviantieren.
Teilt mit, was und wieviel gebraucht wird. Bin bereit, selbst
zu kommen und meine Energie und Autorität in den Dienst
der Volksrevolution zu stellen. Ich habe Vertrauen in den Endsieg
der Arbeitermassen. ... Heil der ersten, die das Banner der
Volksbefreiung erheben! Nieder mit dem Despotismus auf der linken
und auf der rechten Seite!
Gleichzeitig schickte die Sozial-Revolutionäre Partei folgende
Botschaft nach Kronstadt:
Die Sozialrevolutionäre Delegation im Ausland ... im
jetzigen Augenblick, wo der Becher des Volkszorns überfließt,
bietet an, mit all ihren Mitteln zu helfen im Kampf für
Freiheit und Volksregierung. Teilt mit, welcher Art Hilfe
gewünscht wird. Es lebe die Volksrevolution! Es leben
die freien Sowjets und die Konstituierende Versammlung!
Das Kronstädter Revolutionäre Komitee lehnte die Angebote
der Sozial-Revolutionäre ab. Es schickte Viktor Tschernow
die folgende Antwort:
Das Provisorische Revolutionäre Komitee von Kronstadt
drückt all unseren Brüdern im Auslande seine tiefe
Dankbarkeit für ihre Sympathie aus. Das Provisorische
Revolutionäre Komitee ist dankbar für das Angebot
des Genossen Tschernow, aber es hält sich für jetzt
zurück, das heißt bis die weitere Entwicklung sich
klarer abzeichnet. Einstweilen wird alles in Erwägung
gezogen werden.
Petritschenko, Vorsitzender des
Provisorischen Revolutionären Komitees.
Moskau aber setzte seine Entstellungskampagne fort. Am 3. März
schickte die bolschewistische Radiostation folgende Botschaft
an die Welt (von der einzelne Teile nicht entziffert werden
können, wegen Einmischung einer andern Station):
...
Daß die bewaffnete Erhebung des früheren Generals
Koslowsky von den Ententespionen organisiert wurde, wie viele
ähnliche frühere Komplotte, geht aus der französischen
Bourgeoiszeitung Matin augenscheinlich hervor, der zwei Wochen
vor Koslowskys Rebellion das folgende Telegramm aus Helsingfors
veröffentlichte: „Infolge der kürzlich erfolgten
Kronstädter Erhebung trafen die bolschewistischen Militärbehörden
Schritte, Kronstadt zu isolieren und die Krönstädter
Matrosen und Soldaten zu verhindern, Petrograd zu betreten.“
... Es ist klar, daß die Kronstädter Erhebung in
Paris gemacht und vom französischen Geheimdienst organisiert
wurde .... Die Sozial-Revolutionäre, die auch von Paris
beherrscht und geleitet werden, bereiteten Rebellionen gegen
die Sowjetregierung vor, und kaum waren ihre Vorbereitungen
gemacht, so erschien der wirkliche Herr, der zaristische General.
Den Charakter der zahlreichen anderen von Moskau ausgeschickten
Benachrichtigungen kann man nach dem folgenden Radio beurteilen:
Petrograd ist ruhig und ordentlich und selbst die paar Fabriken,
in denen Anklagen gegen die Sowjetregierung vor kurzem Ausdruck
fanden, sehen jetzt ein, daß dies das Werk von Provokateuren
ist. Sie verstehen, wohin sie von den Agenten der Entente und
der Gegenrevolution geführt werden.
... Gerade jetzt, wo in Amerika ein neues republikanisches Regime
die Regierung übernimmt und Neigung zeigt, mit Sowjetrußland
geschäftliche Beziehungen aufzunehmen, hat die Verbreitung
erlogener Gerüchte und die Organisation von Unruhen in
Kronstadt den einzigen Zweck, den neuen amerikanischen Präsidenten
zu beeinflussen und seine Politik Rußland gegenüber
zu ändern. Zur gleichen Zeit hält die Londoner Konferenz
ihre Sitzungen ab und die Verbreitung solcher Gerüchte
kann auch die türkische Delegation beeinflussen und den
Forderungen der Entente gefügiger machen. Die Rebellion
der Mannschaft des Petropawlowsk bildet ohne Zweifel einen Teil
einer großen Verschwörung, in Sowjetrußland
Unruhen anzustiften und unsere internationale Position zu schädigen
... Dieser Plan wird innerhalb Rußlands von einem zaristischen
General und früheren Offizieren durchgeführt und deren
Tätigkeit wird von den Menschewiki und den Sozial-Revolutionären
unterstützt.
Das Petrograder Verteidigungskomitee, geleitet von Zinowjew,
seinem Vorsitzenden, übernahm die volle Herrschaft über
Stadt und Provinz Petrograd. Der ganze Norddistrikt wurde unter
Kriegsrecht gestellt und alle Versammlungen verboten. Zum Schutz
der Regierungsinstitutionen wurden außerordentliche Vorkehrungen
getroffen und Maschinengewehre wurden im Astoria aufgestellt,
dem von Zinowjew und anderen hohen bolschewistischen Beamten
bewohnten Hotel. Proklamationen auf den Anschlagtafeln in den
Straßen befahlen die sofortige Rückkehr aller Streikenden
in die Fabriken, verboten Arbeitseinstellungen und warnten das
Volk gegen Straßenansammlungen. „In solchen Fällen“,
hieß es in dem Befehl, „werden die Soldaten Waffengewalt
anwenden. Im Fall von Widerstand, Erschießung an Ort und
Stelle.“
Das Verteidigungskomitee übernahm die systematische „Reinigung
der Stadt“. Zahlreiche der Sympathie mit Kronstadt verdächtige
Arbeiter, Soldaten und Matrosen wurden verhaftet. Alle Petersburger
Matrosen und mehrere Regimenter der Armee, die als „politisch
unzuverlässig“ angesehen wurden, wurden an entfernte
Orte geschickt, während die in Petersburg lebenden Familien
von Kronstädter Matrosen als Geiseln eingesperrt
wurden. Das Verteidigungskomitee teilte sein Vorgehen Kronstadt
mit durch eine über der Stadt am 4. März von einem
Aeroplan ausgestreute Proklamation, welche erklärte: „Das
Verteidigungskomitee erklärt, daß die Verhafteten
als Geiseln gehalten werden für den Kommissär der
Ostseeflotte, N. N. Kusmin, den Vorsitzenden des Kronstädter
Sowjet, T. Wassiljew und andere Kommunisten. Wenn unsere festgehaltenen
Genossen den geringsten Schaden leiden, werden -die Geiseln
dies mit ihrem Leben bezahlen.“
„Wir wollen kein Blutvergießen. Kein einziger Kommunist
wurde von uns erschossen“, war die Antwort Kronstadts.

IV.
Die Ziele von Kronstadt
Kronstadt fühlte sich neu belebt. Die revolutionäre
Begeisterung erreichte die Höhe der Oktobertage, in denen
der Heroismus und die Hingebung der Matrosen eine so entscheidende
Rolle spielten. Zum ersten Male seit der Übernahme der
ausschließlichen Beherrschung der Revolution und des Schicksals
Rußlands durch die Kommunistische Partei, empfand Kronstadt
sich nun frei. Ein neuer Geist der Solidarität und Brüderlichkeit
brachte die Matrosen, die Soldaten der Garnison, die Fabrikarbeiter
und die parteilosen Elemente zusammen zu vereinter Bemühung
für ihre gemeinsame Sache. Selbst Kommunisten wurden von
der Verbrüderung der ganzen Stadt angesteckt und nahmen
an der Arbeit der Vorbereitung der kommenden Kronstädter
Sowjetwahlen teil.
Zu den ersten Schritten des Provisorischen Revolutionären
Komitees gehörte die Aufrechterhaltung revolutionärer
Ordnung in Kronstadt und die Herausgabe des offiziellen Organs
des Komitees, der täglichen Izvestia. Der erste
Appell des Komitees an das Volk von Kronstadt (in der ersten
Nummer, 3. März 1921) war durchaus charakteristisch für
die Haltung und Stimmung der Matrosen. „Das Revolutionäre
Komitee“, heißt es da, „ist sehr darum bekümmert,
daß kein Blut vergossen wird. Es bemühte sich aufs
äußerste, revolutionäre Ordnung in der Stadt,
der Festung und den Forts zu organisieren. Genossen und Bürger,
stellt die Arbeit nicht ein! Arbeiter, bleibt bei euren Maschinen,
Matrosen und Soldaten, seid auf euren Posten. Alle Sowjetangestellten
und Einrichtungen sollten ihre Arbeit fortsetzen. Das Provisorische
Revolutionäre Komitee appelliert an euch alle, Genossen
und Bürger, eure Unterstützung und Hilfe zu geben.
Seine Mission ist die, in brüderlicher Zusammenarbeit mit
euch die nötigen Bedingungen für ehrliche und gerechte
Wahlen in den neuen Sowjets zu organisieren.“
Die Seiten der Izvestia legen reichlich Zeugnis ab
von dem tiefen Glauben des Revolutionären Komitees an das
Volk von Kronstadt und seinem Streben nach freien Sowjets als
den richtigen Weg zur Befreiung von der Unterdrückung durch
die kommunistische Bürokratie. In seinem täglichen
Organ und seinen Radiobotschaften wies das Revolutionäre
Komitee empört die Verleumdungskampagne der Bolschewiken
zurück und appellierte wiederholt an das Proletariat Rußlands
und der Welt um Verständnis, Teilnahme und Hilfe. Die Radiobotschaft
vom 6. März enthält das Leitmotiv der Rufe von Kronstadt:
Unsere Sache ist eine gerechte: wir treten ein für die
Macht der Sowjets, nicht die der Parteien. Wir treten ein
für freigewählte Vertreter der arbeitenden Massen.
Die Ersatzsowjets, die von der Kommunistischen Partei betrieben
werden, blieben immer unseren Bedürfnissen und Forderungen
gegenüber taub; die einzige Antwort, die wir je erhielten,
war schießen ... Genossen! Man täuscht euch nicht
nur, man verdreht mit voller Absicht die Wahrheit und bedient
sich der verächtlichsten Ehrabschneidung. ... In Kronstadt
ist die ganze Gewalt ausschließlich in den Händen
der revolutionären Matrosen, Soldaten und Arbeiter, -
nicht in denen der von irgendeinem Koslowsky geführten
Gegenrevolutionäre, wie das lügnerische Moskauer
Radio euch glauben machen will ... Zögert nicht, Genossen!
Schließt euch an uns an, tretet in Berührung mit
uns. Verlangt Zulassung nach Kronstadt für eure Delegierten.
Diese nur werden euch die ganze Wahrheit sagen und die teuflische
Verleumdung über Brot von Finnland und Ententeangebote
bloßstellen.
Es
lebe das revolutionäre Proletariat und Bauerntum!
Es lebe die Macht freigewählter Sowjets!
Das Provisorische Revolutionäre Komitee hatte zuerst sein
Hauptquartier auf dem Flaggschiff Petropawlowsk, verlegte
es aber nach wenigen Tagen in das „Volksheim“ im
Zentrum von Kronstadt, um, wie die Izvestia sagen, „in
engerer Berührung mit dem Volk zu sein und den Zutritt
zu dem Komitee leichter zu machen als auf dem Schiff“.
Obgleich die kommunistische Presse in ihrer giftigen Denunziation
von Kronstadt als „der gegenrevolutionären Rebellion
des General Koslowsky“ fortfuhr, ist die Wahrheit die,
daß das Revolutionäre Komitee ausschließlich
proletarisch war und größtenteils aus Arbeitern bestand,
deren revolutionäre Leistungen bekannt waren. Es bestand
aus den folgenden 15 Mitgliedern:
1. Pefritschenko, Oberbeamter, Flaggschiff
Petropawlowsk.
2. Jakowenko, Telephonist, Distrikt Kronstadt.
3. Ossossow, Maschinist, Sewastopol.
4. Archipow, Ingenieur.
5. Perepelkin, Mechaniker, Sewastopol.
6. Patruschew, Chefmechaniker, Petropawlowsk.
7. Kupolow, ärztlicher Oberassistent.
8. Werschinin, Matrose, Sewastopol.
9. Tukin, Elektromechaniker.
10. Romanenko, Aufseher im Dock für Awiatik.
11. Oreschin, Vorsteher der Dritten Industrieschule.
12. Walk, Holzfabrikarbeiter.
13. Pawlow, Seeminenarbeiter.
14. Baikow, Fuhrmann.
15. Kilgast, Hochseematrose.
Nicht ohne humoristischen Beigeschmack bemerkten die Izvestia
von Kronstadt in diesem Zusammenhang: „Dies sind unsere
Generale, meine Herren Trotzki und Zinowjew, während die
Brussilows, die Kamenews, die Tuchatschewskis und die anderen
Berühmtheiten des zarischen Regimes auf Ihrer
Seite sind.“
Das Provisorische Revolutionäre Komitee genoß das
Vertrauen der ganzen Kronstädter Bevölkerung. Es gewann
allgemeine Achtung durch Einführung und ausdauerndes Festhalten
an dem Grundsatz „gleiche Rechte für alle und eines
Vorrechts für niemand“. Der pajok (die Lebensmittelration)
wurde gleichgemacht. Die Matrosen, die unter der Bolschewikenherrschaft
immer weit größere Rationen als die Arbeiter bekamen,
stimmten selbst dafür, nicht mehr zu nehmen als der Durchschnittsbürger
und -arbeiter. Besondere Rationen und Leckerbissen wurden nur
Spitälern und Kinderheimen gegeben.
Die gerechte und edelmütige Haltung des Revolutionären
Komitees den Kronstädter Mitgliedern der kommunistischen
Partei gegenüber - von denen nur wenige verhaftet worden
waren, trotz der bolschewistischen Unterdrückungen und
der Zurückhaltung der Matrosenfamilien als Geiseln - gewann
selbst die Achtung der Kommunisten. Die Seiten der Izvestia
enthalten zahlreiche Mitteilungen von Kronstädter kommunistischen
Gruppen und Organisationen, welche die Haltung der Zentralregierung
verurteilen und den Standpunkt und die Maßregeln des Provisorischen
Revolutionären Komitees anerkennen. Viele Kronstädter
Kommunisten zeigten öffentlich ihren Austritt aus der Partei
an als Protest gegen deren Despotismus und bürokratische
Korruption. In verschiedenen Nummern der Izvestia findet man
Hunderte Namen von Kommunisten, deren Gewissen ihnen unmöglich
machte „in der Partei des Henkers Trotzki zu bleiben“,
wie einige von ihnen dies ausdrückten. Die Austrittserklärungen
aus der Kommunistischen Partei wurden bald so zahlreich, daß
sie einem allgemeinen Ausmarsch aus der Partei glichen. 4
Folgende Briefe, aufs Geradewohl einem großen Bündel
entnommen, charakterisieren hinlänglich die Gefühle
der Kronstädter Kommunisten:
1.
Ich bin zur Einsicht gekommen, daß die Politik der kommunistischen
Partei das Land in eine hoffnungslose Sackgasse geführt
hat, aus der es keinen Ausweg gibt. Die Partei ist bürokratisch
geworden, sie hat nichts gelernt und will nichts lernen. Sie
weigert sich, auf die Stimme von 115 Millionen Bauern zu hören;
sie will nicht bedenken, daß nur Redefreiheit und Gelegenheit,
am Wiederaufbau des Landes teilzunehmen, nach Abänderung
der Wahlmethoden unser Land seiner Lethargie entreißen
kann.
Ich weigere mich fernerhin, mich als Mitglied der Russischen
Kommunistischen Partei zu betrachten. Ich billige vollständig
die von der Versammlung der ganzen Stadt am 1. März angenommene
Resolution und stelle hierdurch meine Kraft und Fähigkeiten
dem Provisorischen Revolutionären Komitee zur Verfügung.
Hermann Kanew, Krasniy Komandir (Offizier in
der Roten Armee),
Sohn des politisch Verbannten im Prozeß der 193. 5
(Izvestia, Nr. 3., 5. März 1921.)
2.
Genossen,
meine Schüler der industriellen, Roten Armee und Seefahrt
& Schulen!
Beinahe dreißig Jahre lebte ich in tiefer Liebe für
das Volk und brachte, soweit es in meinen Kräften lag,
bis zur jetzigen Stunde Licht und Kenntnisse allen, die danach
dürsteten. Die Revolution von 1917 gab meiner Arbeit
größeren Spielraum, vermehrte meine Tätigkeit,
und ich widmete mich mit größter Energie dem Dienste
meines Ideals.
Das kommunistische Schlagwort „Alles für das Volk“
begeisterte mich mit seiner Würde und Schönheit,
und im Februar 1920 trat ich in die Russische Kommunistische
Partei als Kandidatin ein. Aber der „erste Schuß“,
abgefeuert gegen die friedliche Bevölkerung, gegen meine
innigstgeliebten Kinder, von denen sich etwa siebentausend
in Kronstadt befinden, erfüllt mich mit dem Schrecken,
man möchte mich als Teilhaberin an der Verantwortlichkeit
für das so vergossene Blut der Unschuldigen betrachten.
Ich fühle, daß ich nicht länger an das, das
sich selbst durch eine teuflische Tat geschändet hat,
glauben und es propagieren kann. Daher habe ich mit dem ersten
Schuß aufgehört, mich als Mitglied der Kommunistischen
Partei zu betrachten.
Maria Nikolajewna Schatel (Lehrerin).
(Izvestia,
Nr. 6, 8. März 1921.)
Solche
Mitteilungen erschienen in fast jeder Nummer der Izvestia. Äußerst
bezeichnend war die Erklärung des Provisorischen Büros
der Kronstädter Sektion der kommunistischen Partei, dessen
Manifest an ihre Mitglieder in Nr. 2 der Izvestia, 4.
März, erschien:
... Möge jeder Genosse unserer Partei die Wichtigkeit
des gegenwärtigen Augenblicks erkennen.
Schenkt den falschen Gerüchten keinen Glauben, daß
Kommunisten erschossen werden und daß die Kronstädter
Kommunisten im Begriff sind, eine bewaffnete Erhebung zu beginnen.
Solche Gerüchte werden verbreitet, um Blutvergießen
zu verursachen.
Wir erklären, daß unsere Partei stets die Eroberungen
der Arbeiterklasse gegen alle bekannten und geheimen Feinde
der Macht der Arbeiter- und Bauernsowjets verteidigt hat und
dies weiter tun wird.
Das Provisorische Büro der Kronstädter Kommunistischen
Partei erkennt die Notwendigkeit neuer Sowjetwahlen an und
ruft die Mitglieder der Kommunistischen Partei zur Teilnahme
an den Wahlen auf.
Das Provisorische Büro der Kommunistischen Partei gibt
allen Parteimitgliedern die Weisung, auf ihren Posten zu bleiben
und auf keine Weise den Maßregeln des Provisorischen
Revolutionären Komitees Hindernisse oder Einmischung
in den Weg zu legen.
Es
lebe die Macht der Sowjets!
Es lebe die internationale Union der Arbeiter!
Provisorisches Büro der Kronstädter Sektion der
Russischen Kommunistischen Partei.
F. Perwuschin. J. Iljin.
A. Kabanow
Auf
ähnliche Weise drückten verschiedene andere bürgerliche
und militärische Organisationen ihre Opposition gegen das
Moskauer Regime und ihre volle Übereinstimmung mit den
Forderungen der Kronstädter Matrosen aus. Viele Resolutionen
dieses Inhalts wurden auch von Regimentern der Roten Armee angenommen,
die in Kronstadt stationiert waren oder in den Forts Dienst
taten. Die folgende ist bezeichnend für ihren allgemeinen
Geist und ihre Tendenz:
Wir Soldaten der Roten Armee des Forts „Krasnoarmejetz“
stehen ganz auf der Seite des Provisorischen Revolutionären
Komitees und werden bis zum letzten Moment das Revolutionäre
Komitee, die Arbeiter und die Bauern verteidigen.
... Niemand möge den Lügen der aus Aeroplanen geworfenen
kommunistischen Proklamationen glauben. Wir haben hier keine
Generale und zaristischen Offiziere. Kronstadt war immer die
Stadt der Arbeiter und Bauern und wird dies bleiben. Die Generale
sind im Dienst der Kommunisten.
... In diesem Augenblick, wo das Schicksal des Landes auf
der Wagschale liegt, erklären wir, die wir die Macht
in unsere Hände genommen und das Revolutionäre Komitee
mit der Führung im Kampf betraut haben, - wir erklären
der ganzen Garnison und den Arbeitern, daß wir bereit
sind, für die Freiheit der arbeitenden Massen zu sterben.
Von dem dreijährigen kommunistischen Joch und Terror
befreit, werden wir lieber sterben als einen einzigen Schritt
zurückgehen. Es lebe das Freie Rußland des arbeitenden
Volkes!
Die
Besatzung des Forts „Krasnoarmejetz“.
(Izvestia,
Nr. 5. 7. März 1921.)
Kronstadt
war von leidenschaftlicher Liebe für ein freies Rußland
und von unbegrenztem Glauben in wahre Sowjets inspiriert. Es
hatte Vertrauen, es würde die Unterstützung von ganz
Rußland, von Petrograd im besonderen, gewinnen, und so
die endgültige Befreiung des Landes ins Werk setzen. Die
Kronstädter Izvestia sprechen beständig diesen
Standpunkt und diese Hoffnung aus und suchen in zahlreichen
Artikeln und Apellen ihre Stellung den Bolschewiki gegenüber
klar zu bestimmen und ihr Streben, die Grundlagen eines neuen
freien Lebens für sich selbst und das übrige Rußland
zu legen. Dieses große Streben, die Reinheit seiner Motive
und die glühende Hoffnung auf Befreiung, heben sich schlagend
heraus aus den Seiten des offiziellen Organs des Kronstädter
Provisorischen Revolutionären Komitees und drücken
vollständig den Geist aus, der die Soldaten,. Matrosen
und Arbeiter beseelte. Auf die giftigen Angriffe der Bolschewikenpresse,
die infamen Lügen, die von der Moskauer Radiostation in
alle Welt gesandt wurden, Kronstadt der Gegenrevolution und
Weißen Verschwörung anklagend, auf all das antwortete
das Revolutionäre Komitee auf würdige Weise. Es reproduzierte
oft in seinem Organ die Moskauer Proklamationen, um dem Kronstädter
Volk zu zeigen, auf welche Tiefe die Bolschewiken gesunken waren.
Gelegentlich wurden die kommunistischen Methoden von der Izvestia
mit berechtigter Entrüstung entlarvt und charakterisiert,
so in ihrer Nr. 6 vom 8. März unter dem Titel „Wir
und sie“:
Die Kommunisten, die nicht wissen, wie sie die, ihren Händen
entgleitende Macht festhalten sollen, greifen zu den häßlichsten
provokatorischen Mitteln. Ihre verächtliche Presse mobilisiert
all ihre Kräfte, um die Massen aufzuhetzen und die Kronstädter
Bewegung im Licht einer Verschwörung Weißer Garden
erscheinen zu lassen. Jetzt schickte eine Clique schamloser
Schufte das Wort in die Welt: „Kronstadt hat sich an Finnland
verkauft.“ Ihre Zeitungen speien Feuer und Gift, und da
es ihnen nicht gelang, dem Proletariat die Überzeugung
beizubringen, Kronstadt sei in den Händen der Gegenrevolutionäre,
so versuchen sie jetzt die nationalistischen Gefühle in
Bewegung zu setzen.
Die ganze Welt weiß schon aus unseren Radios, für
was die Kronstädter Garnison und Arbeiter kämpfen.
Aber die Kommunisten suchen den Sinn der Ereignisse zu verdrehen
und so unsere Petrograder Brüder irrezuführen.
Petrograd ist von den Bajonetten der Kursanti und der
Partei „garden“ umringt und Maliuta Skuratow - Trotzki
- erlaubt den Delegierten der parteilosen Arbeiter und Soldaten
nicht, nach Kronstadt zu gehen. Er fürchtet, daß
sie dort die ganze Wahrheit erfahren und daß die Wahrheit
sofort die Kommunisten hinwegfegen, und daß die so erleuchteten
Massen ihre Macht in ihre eigenen schwieligen Hände nehmen
würden.
Dies ist die Ursache, warum der Petro-Sowjet (der Sowjet von
Petrograd) auf unser Radiotelegramm nicht antwortete, in welchem
wir um die Entsendung wirklich unparteiischer Genossen nach
Kronstadt baten.
Da sie für ihre eigene Haut besorgt sind, so unterdrücken
die Führer der Kommunisten die Wahrheit und verbreiten
die Lüge, daß Weißgardisten in Kronstadt tätig
seien, daß das Kronstädter Proletariat sich an Finnland
und französische Spione verkauft habe, daß die Finnen
schon eine Armee organisiert haben, um mit Hilfe der Kronstädter
myatezhniki (Meuterer) Petrograd anzugreifen und so
weiter.
Auf all das können wir nur dies antworten: Alle Macht den
Sowjets! Weg von ihnen mit euren Händen, den Händen,
die rot sind vom Blut der Märtyrer der Freiheit, die im
Kampf gegen die Weißgardisten, die Grundbesitzer und die
Bourgeoisie gestorben sind!
In einfacher und offener Sprache suchte Kronstadt den Willen
des Volkes auszudrücken, das nach Freiheit ächzte
und nach der Möglichkeit, sein eigenes Schicksal zu bestimmen.
Es fühlte sich sozusagen als Avantgarde des russischen
Proletariats bei seiner bevorstehenden Erhebung zur Verteidigung
der großen Aspirationen, für welche das Volk in der
Oktoberrevolution gekämpft und gelitten hatte. Der Glaube
Kronstadts an das Sowjetsystem war tief und fest; sein alles
umfassendes Schlagwort war: Alle Macht den Sowjets, nicht
den Parteien! Dies war das Programm; es blieb keine Zeit
übrig, es zu entwickeln oder zu theoretisieren. Der Kampf
ging um die Befreiung des Volkes vom kommunistischen Joch. Dieses
nicht länger zu ertragende Joch machte eine neue Revolution,
die Dritte Revolution notwendig. Der Weg zur Freiheit
und zum Frieden lag in freigewählten Sowjets, „dem
Eckstein der neuen Revolution“. Die Seiten der Izvestia
enthalten reichliche Zeugnisse der unverfälschten Geradheit
und des zielbewußten Sinns der Matrosen und Arbeiter von
Kronstadt und ihres rührenden Glaubens an ihre Mission
als Einleiter der Dritten Revolution. Diese Bestrebungen und
Hoffnungen sind klar auseinandergesetzt in Nr. 6 der Izvestia,
8. März, im Leitartikel: „Für was wir kämpfen“:
Die Arbeiterklasse hatte gehofft, durch die Oktoberrevolution
ihre Befreiung zu erreichen. Aber es folgte eine nur noch größere
Versklavung der menschlichen Persönlichkeit.
Die Macht der Polizei- und Gendarmeriemonarchie fiel in die
Hände von Usurpatoren - den Kommunisten - die, statt dem
Volk Freiheit zu geben, ihm nur die beständige Furcht der
Tscheka einflößten, die durch ihre Greuel Selbst
das Gendarmenregime des Zarismus übertrifft. ... Am schlechtesten
und verbrecherischsten von allem ist die geistige Kabale der
Kommunisten: sie legten ihre Hand auch auf die innere Welt der
arbeitenden Massen und zwangen jeden, nach der kommunistischen
Vorschrift zu denken.
... Das Rußland der mühselig Arbeitenden, das zuerst
das rote Banner der Befreiung der Arbeit erhob, ist durchtränkt
vom Blut der für den größeren Ruhm der kommunistischen
Herrschaft gefallenen Märtyrer. In diesem Meer von Blut
ertränken die Kommunisten alle glänzenden Versprechungen
und Möglichkeiten der Arbeiterrevolution. Es ist jetzt
klar geworden, daß die Russische Kommunistische Partei
nicht der Verteidiger der Arbeitermassen ist, der sie zu sein
sich ausgibt. Die Interessen des arbeitenden Volkes sind ihr
fremd. Sie hat die Macht gewonnen und fürchtet jetzt nur,
sie zu verlieren und hält daher alle Mittel für erlaubt:
Ehrabschneidung, Täuschung, Gewalttätigkeit, Mord
und Rache an den Familien der Rebellen.
Die lange leidende Geduld ist zu Ende. Da und dort wird das
Land erleuchtet vom Feuer der Rebellion im Kampf gegen Unterdrückung
und Gewalt. Die Streiks von Arbeitern haben sich vervielfältigt,
aber das bolschewistische Polizeiregime hat alle Vorkehrungen
gegen den Ausbruch der unvermeidlichen dritten Revolution getroffen.
Trotz alledem aber ist sie gekommen und wird von den Händen
der arbeitenden Massen gemacht. Die Generale des Kommunismus
sehen klar, daß es das Volk ist, das sich erhoben hat,
das Volk, das zur Überzeugung gelangt ist, daß die
Kommunisten die Ideen des Sozialismus verraten haben. Für
ihre Sicherheit fürchtend und wohl wissend, daß nirgends
ein Platz ist, wo sie sich vor dem Zorn der Arbeiter verbergen
können, versuchen die Kommunisten noch immer die Rebellen
durch Gefängnis, Erschießen und andere Barbareien
zu terrorisieren. Aber unter der kommunistischen Diktatur zu
leben ist schrecklicher als der Tod .....
Es gibt keinen Mittelweg. Siegen oder sterben! Das Beispiel
ist von Kronstadt gegeben, das der Schrecken der Gegenrevolution
von rechts und von links ist. Hier hat die große revolutionäre
Tat stattgefunden. Hier ist das Banner der Rebellion gegen die
dreijährige Tyrannei und Unterdrückung der kommunistischen
Autokratie erhoben, welche den dreihundertjährigen Despotismus
des Monarchismus in den Schatten gestellt hat. Hier in Kronstadt
wurde der Eckstein der Dritten Revolution gelegt, welche die
letzten Ketten des Arbeiters brechen und den neuen, breiten
Weg zu sozialistischer schöpferischer Tätigkeit eröffnen
soll.
Diese neue Revolution wird die Massen im Osten und Westen erwecken
und als Beispiel neuer sozialistischer Aufbautätigkeit
dienen, als Gegenstück zum regierungsmäßigen,
fix und fertigen, kommunistischen „Aufbau“. Die
arbeitenden Massen werden lernen, daß das bisher im Namen
der Arbeiter und Bauern Geschehene nicht Sozialismus war.
Ohne einen einzigen Schuß abzufeuern, ohne einen Tropfen
Blut zu vergießen, ist der erste Schritt geschehen. Die
arbeiten, brauchen kein Blut, sie werden es nur zur Selbstverteidigung
vergießen...... Die Arbeiter und Bauern marschieren vorwärts:
sie lassen hinter sich die utschredilka (Konstituierende Versammlung)
mit ihrem Bourgeoisregime und die Diktatur der Kommunistischen
Partei mit ihrer Tscheka und ihrem Staatskapitalismus, die um
den Hals der Arbeiter die Schlinge gelegt haben und sie zu Tode
zu würgen drohen.
Der gegenwärtige Wechsel gibt den arbeitenden Massen Gelegenheit,
sich endlich freigewählte Sowjets zu sichern, die ohne
Furcht vor der Parteipeitsche funktionieren werden; sie können
jetzt die von der Regierung beherrschten Arbeitergesellschaften
zu freiwilligen Assoziationen von Arbeitern, Bauern und arbeitenden
Intelligenzleuten umgestalten. Endlich ist der Polizeiknüppel
der kommunistischen Autokratie zerbrochen.
Dies waren das Programm und die unmittelbaren Forderungen, wegen
welcher die Bolschewistenregierung am 7. März 1921 um 6
3/4 Uhr abends den Angriff gegen Kronstadt begann.

V.
Ultimatum der Bolschewiken an Kronstadt
Kronstadt war edelmütig. Es vergoß keinen Tropfen
kommunistischen Blutes trotz aller Provokation, der Blockade
der Stadt und der Repressivmaßregeln der Bolschewikenregierung.
Es verschmähte das kommunistische Rachevorbild nachzumachen
und ging sogar so weit, die Kronstädter Bevölkerung
zu warnen, sich keiner Ausschreitungen gegen Mitglieder der
kommunistischen Partei schuldig zu machen. Das Provisorische
Revolutionäre Komitee erließ einen Aufruf an das
Volk von Kronstadt in diesem Sinn, sogar nachdem die Bolschewikenregierung
die Forderung der Matrosen nach Freilassung der in Petrograd
festgenommenen Geiseln ignoriert hatte. Die durch Radio an den
Petrograder Sowjet geschickte Forderung und das Manifest des
Revolutionären Komitees wurden am gleichen Tage, 7. März,
veröffentlicht und sind hier angeführt:
Im Namen der Kronstädter Garnison verlangt das Provisorische
Revolutionäre Komitee von Kronstadt, daß die Familien
der Matrosen, Arbeiter und Mannschaften der Roten Armee, die
vom Petro-Sowjet als Geiseln festgehalten werden, innerhalb
24 Stunden freigelassen werden.
Die Kronstädter Garnison erklärt, daß die
Kommunisten in Kronstadt volle Freiheit genießen und
daß ihre Familien sich in absoluter Sicherheit befinden.
Das Beispiel des Petro-Sowjets wird hier nicht nachgeahmt
werden, weil wir solche Methoden (die Aushebung von Geiseln)
als äußerst schandbar und verderbt ansehen, selbst
wenn sie durch verzweifelte Wut hervorgerufen werden. Die
Geschichte kennt keine solche Infamie.
Matrose
Petritschenko,
Vorsitzender des Provisorischen Revolutionären Komitees.
Kilgast, Sekretär.
In
dem Manifest an das Volk von Kronstadt heißt es:
Die lange fortgesetzte Unterdrückung der arbeitenden Massen
durch die kommunistische Diktatur rief sehr natürliche
Entrüstung und Erbitterung auf Seiten des Volkes hervor.
Als eine Folge davon wurden in manchen Fällen Verwandte
von Kommunisten aus ihren Stellungen entlassen und boykottiert.
Dies darf nicht sein. Wir suchen nicht Rache - wir verteidigen
unsere Arbeitsinteressen.
Kronstadt lebte im Geist seines heiligen Kreuzzugs. Es hatte
anhaltenden Glauben an die Gerechtigkeit seiner Sache und fühlte
sich als der wahre Verteidiger der Revolution. In dieser Geistesverfassung
glaubten die Matrosen nicht, daß die Regierung sie mit
Waffengewalt angreifen werde. Im Unterbewußtsein dieser
einfachen Kinder der Erde und der See keimte da vielleicht das
Gefühl auf, daß nicht nur durch Gewalt der Sieg
errungen werden kann. Die slavische Psychologie schien
zu glauben, daß die Gerechtigkeit der Sache und die Stärke
des revolutionären Geistes siegen müßten. Auf
jeden Fall lehnte es Kronstadt ab, die Offensive zu ergreifen.
Das Revolutionäre Komitee wollte den eindringlichen Rat
der militärischen Sachverständigen, sofort in Oranienbaum,
einem Fort von großem strategischen Wert, zu landen, nicht
annehmen. Die Kronstädter Matrosen und Soldaten strebten
die Errichtung freier Sowjets an und waren gewillt, ihre Rechte
gegen Angriffe zu verteidigen, aber sie wollten nicht die Angreifer
sein.
In Petrograd gingen jetzt andauernd Gerüchte herum, daß
die Regierung militärische Operationen gegen Kronstadt
vorbereite; aber das Volk glaubte solchen Erzählungen nicht;
die Sache schien zu empörend, um nicht absurd zu sein.
Wie bereits erwähnt, hatte das Verteidigungskomitee (offiziell
bekannt als der Sowjet für Arbeit und Verteidigung) in
der Hauptstadt den „außerordentlichen Belagerungszustand“
erklärt. Versammlungen und Ansammlungen auf der Straße
waren nicht erlaubt. Die Petrograder Arbeiter wußten wenig
von dem, was in Kronstadt vorging, da die einzigen zugänglichen
Informationsquellen die kommunistische Presse und häufige
Bulletins waren, in denen es hieß, „der zaristische
General Koslowsky organisiere eine gegenrevolutionäre Erhebung
in Kronstadt“. Das Volk sah gespannt der angekündigten
Sitzung des Petrograder Sowjet entgegen, welcher in der Kronstädter
Angelegenheit aktiv vorgehen sollte.
Der Petro-Sowjet trat am 4. März zusammen; der Zutritt
erfolgte durch Karten, die in der Regel nur Kommunisten sich
beschaffen konnten. Der Verfasser, damals auf freundlichem Fuß
mit den Bolschewiken und besonders mit Zinowjew, war anwesend.
Als Vorsitzender des Petrograder Sowjets eröffnete Zinowjew
die Sitzung und setzte in einer langen Rede die Kronstädter
Situation auseinander. Ich gestehe, daß ich eher zugunsten
von Zinowjews Gesichtspunkt gestimmt zu dieser Sitzung kam:
ich war auf meiner Hut vor der leisesten Möglichkeit gegenrevolutionären
Einflusses in Kronstadt. Aber Zinowjews Rede selbst überzeugte
mich, daß die kommunistischen Anklagen gegen die Matrosen
reine Mache waren ohne einen Funken von Wahrheit. Ich hatte
Zinowjew bei verschiedenen früheren Gelegenheiten gehört.
Ich hatte in ihm einen Redner gefunden, der zu überzeugen
wußte, sobald seine Voraussetzungen zugegeben waren. Aber
diesmal strafte seine ganze Haltung, seine Argumentation, sein
Ton und seine Art und Weise, - all das strafte seine Worte Lügen.
Ich konnte fühlen, wie sein eigenes Gewissen protestierte.
Das einzige gegen Kronstadt vorgebrachte „Beweismaterial“
war die berühmte Resolution vom 1. März, deren Forderungen
gerecht und sogar mäßig waren. Und doch wurde einzig
auf der Grundlage dieses Dokuments, unterstützt von der
heftigen, beinahe hysterischen Anklage der Matrosen durch Kalinin,
der verhängnisvolle Schritt unternommen. Im vornherein
vorbereitet und vorgelegt durch Jewdokimow mit der Stentorstimme,
die rechte Hand Zinowjews, wurde die Resolution gegen Kronstadt
von den auf einen Gipfelpunkt von Intoleranz und Blutdurst emporgeschraubten
Delegierten angenommen, - angenommen unter stürmischem
Protest mehrerer Delegierter von Petrograder Fabriken und der
Wortführer der Matrosen. Die Resolution erklärte Kronstadt
einer gegenrevolutionären Erhebung gegen die Sowjetmacht
schuldig und verlangte seine sofortige Ergebung.
Das war eine Kriegserklärung. Selbst viele Kommunisten
weigerten sich zu glauben, daß die Resolution zur Ausführung
gelangen werde: es würde eine gräßliche Sache
sein, mit Waffengewalt den „Stolz und Ruhm der Russischen
Revolution“ anzugreifen, wie Trotzki die Kronstädter
Matrosen getauft hatte. Im Freundeskreis drohten viele nüchtern
denkende Kommunisten aus der Partei auszutreten, wenn eine solche
Bluttat verübt werden würde.
Es war erwartet worden, daß Trotzki zum Petro-Sowjet sprechen
würde, und sein Nichterscheinen wurde von einigen als Anzeichen
ausgelegt, daß der Ernst der Lage übertrieben würde.
Aber er kam im Laufe der Nacht in Petrograd an und erließ
am nächsten Morgen, 5. März, sein Ultimatum an Kronstadt:
Die Arbeiter- und Bauernregierung hat verfügt, daß
Kronstadt und die Rebellenschiffe sich sofort der Autorität
der Sowjetrepublik unterwerfen müssen. Ich befehle daher
allen, welche ihre Hand gegen das Sozialistische Vaterland
erhoben haben, sofort ihre Waffen niederzulegen. Die Halsstarrigen
sind zu entwaffnen und den Sowjetbehörden zu übergeben.
Die verhafteten Kormmissäre und anderen Regierungsvertreter
sind sofort freizulassen. Nur diejenigen, welche sich ohne
Bedingung ergeben, können auf die Gnade der Sowjetrepublik
rechnen.
Ich erlasse gleichzeitig Befehle, die Bezwingung der Meuterei
und die Überwältigung der Meuterer durch Waffengewalt
vorzubereiten. Die Verantwortlichkeit für den Schaden,
den die friedliche Bevölkerung erleiden mag, wird ganz
auf die Häupter der gegenrevolutionären Meuterer
fallen.
Diese Warnung ist endgültig.
Trotzki, Vorsitzender des Revolutionären
Militärsowjets der Republik.
Kamenew, Oberster Kommandant.
Die
Lage sah unheilvoll aus. Große militärische Kräfte
strömten beständig nach Petrograd und in dessen Umgebung.
Trotzkis Ultimatum war von einem prikas gefolgt, der
die historische Drohung enthielt: „Ich werde euch wie
Fasanen niederschießen.“ Eine damals in Petrograd
befindliche Gruppe Anarchisten machte einen letzten Versuch,
die Bolschewiken zu veranlassen, ihre Entscheidung, Kronstadt
anzugreifen, nochmals zu erwägen. Sie fühlten, es
sei ihre Pflicht gegen die Revolution, eine Anstrengung zu machen,
selbst wenn sie aussichtslos war, das bevorstehende Massaker
der revolutionären Blüte Rußlands, der Matrosen
und Arbeiter von Kronstadt, zu verhindern. Am 5. März schickten
sie einen Protest an das Verteidigungskomitee, die friedlichen
Absichten und gerechten Forderungen von Kronstadt hervorhebend,
die Kommunisten an die heroische revolutionäre Geschichte
der Matrosen erinnernd, und eine Methode zur Beilegung des Streits
auf eine Genossen und Revolutionären angemessene Weise
zum Vorschlag bringend. Dieses Dokument lautet:
An den Petrograder Sowjet für Arbeit und Verteidigung.
Vorsitzender Zinowjew.
Jetzt zu schweigen ist unmöglich, sogar verbrecherisch.
Die jüngsten Ereignisse zwingen uns Anarchisten zu reden
und unsere Haltung in der gegenwärtigen Lage zu erklären.
Der Geist der Gärung und Unzufriedenheit, der unter den
Arbeitern und Matrosen zutage tritt, ist das Resultat von
Ursachen, die unsere ernste Aufmerksamkeit erfordern. Kälte
und Hunger erzeugten Mißvergnügen, und das Fehlen
jeder Gelegenheit zur Diskussion und Kritik zwingt die Arbeiter
und Matrosen, ihre Beschwerden im Freien zu erörtern.
Weißgardistische Banden wünschen diese Unzufriedenheit
für ihre eigenen Klasseninteressen auszubeuten und mögen
Versuche dazu machen. Sich hinter den Arbeitern und Matrosen
verbergend, werfen sie Schlagwörter aus von der Konstituierenden
Versammlung, von Handelsfreiheit und ähnlichen Forderungen.
Wir Anarchisten haben längst die Lüge dieser Schlagwörter
enthüllt, und wir erklären vor der ganzen Welt,
daß wir mit den Waffen gegen jeden gegenrevolutionären
Versuch kämpfen werden, zusammenwirkend mit allen Freunden
der Sozialen Revolution und Hand in Hand mit den Bolschewiken.
Was den Konflikt zwischen der Sowjetregierung und den Arbeitern
und Matrosen betrifft, sind wir der Ansicht, daß er
nicht durch Waffengewalt, sondern durch einen kameradschaftlichen,
brüderlichen revolutionären Vergleich beigelegt
werden muß. Wenn die Sowjetregierung zum Blutvergießen
schreitet, wird dies - in der gegebenen Situation - die Arbeiter
nicht einschüchtern oder beruhigen. Im Gegenteil wird
es nur zur Verschärfung der Lage dienen und die Hand
der Entente und der inneren Gegenrevolution stärken.
Was noch wichtiger ist, der Gebrauch von Gewalt durch die
Arbeiter- und Bauernregierung gegen Arbeiter und Matrosen
wird eine reaktionäre Wirkung auf die internationale
revolutionäre Bewegung ausüben und wird überall
der Sozialen Revolution unberechenbaren Schaden zufügen.
Genossen Bolschewiken, überlegt wohl, bevor es zu spät
ist! Spielt nicht mit dem Feuer: ihr seid im Begriff, einen
sehr ernsten und entscheidenden Schritt zu tun.
Wir unterbreiten euch hiermit den folgenden Vorschlag: Eine
Kommission möge gewählt werden, die aus fünf
Personen besteht, darunter zwei Anarchisten. Diese Kommission
soll nach Kronstadt gehen, um den Streit auf friedlichem Wege
beizulegen. In der gegebenen Lage ist dies die radikalste
Methode. Sie wird von internationaler revolutionärer
Bedeutung sein.
Alexander Berkman,
Emma Goldman,
Perkus,
Petrowsky.
Petrograd, 5. März 1921.
Zinowjew,
dem mitgeteilt war, daß ein Schriftstück in Zusammenhang
mit dem Kronstädter Problem dem Verteidigungssowjet vorgelegt
werden sollte, schickte seinen persönlichen Vertreter um
dasselbe. Ob der Brief von dieser Körperschaft diskutiert
wurde, ist dem Verfasser unbekannt. Auf jeden Fall geschah in
der Sache nichts.

VI.
Der erste Schuß
Das heroische und edelmütige Kronstadt träumte von
der Befreiung Rußlands durch die Dritte Revolution, auf
deren Initiative es stolz war. Es formulierte kein bestimmtes
Programm. Freiheit und universelle Brüderschaft waren seine
Schlagworte. Es stellte sich die Dritte Revolution als einen
allmählichen Befreiungsprozeß vor, dessen erster
Schritt die freie Wahl unabhängiger Sowjets war, die von
keiner politischen Partei beherrscht waren und den Willen des
Volkes ausdrückten und seinen Interessen entsprachen. Die
warmherzigen, ungetrübt urteilenden Matrosen verkündeten
den Arbeitern der Welt ihr großes Ideal und riefen das
Proletariat auf, sich zum gemeinsamen Kampf anzuschließen,
im Vertrauen, daß ihre Sache begeisterte Unterstützung
finden und daß die Petrograder Arbeiter an allererster
Stelle ihnen zu Hilfe eilen würden.
Unterdessen hatte Trotzki seine Macht gesammelt. Die verläßlichsten
Divisionen von der Front, Regimenter von Kursanti,
Tscheka-Abteilungen und militärische Einheiten, die ausschließlich
aus Kommunisten bestanden, waren jetzt in den Forts von Ssestroretzk,
Lissy Noß, Krasnaja Gorka und anliegenden befestigten
Plätzen versammelt. Die größten russischen militärischen
Sachverständigen wurden eiligst herbeigebracht, um Pläne
für die Blockade und den Angriff auf Kronstadt auszuarbeiten
und der berüchtigte Tuchatschewski wurde, zum Hauptkommandanten
der Belagerung von Kronstadt ernannt.
Am 7. März um 6 3/4 Uhr abends feuerten die kommunistischen
Batterien von Ssestroretzk und Lissy Noß die ersten Schüsse
gegen Kronstadt ab.
Es war am Jahrestag des Arbeiterinnentages. Das belagerte und
angegriffene Kronstadt vergaß den großen Feiertag
nicht. Unter dem Feuer zahlreicher Batterien schickten die tapferen
Matrosen ein Radio mit Grüßen an die arbeitenden
Frauen der Welt, eine für die Psychologie der Rebellenstadt
äußerst charakteristische Handlung. Das Radio lautete:
Heute ist ein allgemeiner Feiertag - der Tag der arbeitenden
Frauen. Wir in Kronstadt schicken unter dem Donner der Kanonen
unsere brüderlichen Grüße den Arbeiterinnen
der Welt. ... Möget ihr bald eure Befreiung von jeder Form
von Gewalt und Unterdrückung zustande bringen. ... Es leben
die freien revolutionären arbeitenden Frauen! Es lebe die
Soziale Revolution über die ganze Welt hin!
Nicht
weniger charakteristisch war der herzzerreißende Schrei
Kronstadts „Möge es die ganze Welt wissen“,
der nach dem Abfeuern des ersten Schusses in Nr. 6 der Izvestia,
8. März, veröffentlicht wurde:
Der erste Schuß ist gefallen. ... Knietief im Blut der
Arbeiter stehend eröffnete Marschall Trotzki zuerst das
Feuer gegen das revolutionäre Kronstadt, das sich gegen
die Autokratie der Kommunisten erhoben hat, um die wahre Macht
der Sowjets zu begründen.
Ohne einen Tropfen Blut zu vergießen hatten wir, Männer
der Roten Armee, Matrosen und Arbeiter von Kronstadt, uns von
dem Joch der Kommunisten befreit und haben sogar deren Leben
erhalten. Durch die Drohung mit Artillerie wollen sie uns jetzt
wieder ihrer Tyrannei unterwerfen.
Da wir kein Blutvergießen wünschen, ersuchten wir,
daß parteilose Delegierte des Petrograder Proletariats
zu uns geschickt würden, um zu erfahren, daß Kronstadt
für die Macht der Sowjets kämpft. Aber die Kommunisten
haben unsere Forderung den Petrograder Arbeitern vorenthalten
und haben jetzt das Feuer eröffnet - die gewöhnliche
Antwort der Pseudo-Arbeiter- und Bauernregierung auf die Forderungen
der arbeitenden Massen.
Mögen die Arbeiter der ganzen Welt wissen, daß wir,
die Verteidiger der Sowjetmacht, die Eroberungen der Sozialen
Revolution bewachen.
Wir werden siegen oder unter den Ruinen von Kronstadt untergehen,
im Kampf für die gerechte Sache der arbeitenden Massen.
Die Arbeiter der Welt werden unsere Richter sein. Das Blut der
Unschuldigen wird auf die Häupter der autoritätstrunkenen
kommunistischen Fanatiker fallen.
Es lebe die Macht der Sowjets!

VII.
Die Niederlage von Kronstadt
Auf das am Abend des 7. März begonnene Artilleriebombardement
von Kronstadt folgte der Versuch, die Festung durch Sturm zu
nehmen. Der Angriff erfolgte von Norden und Süden durch
ausgesuchte kommunistische Truppen, die in weiße Tücher
gekleidet waren, deren Schutzfarbe sich mit der des Schnees
mischte, der den gefrorenen finnischen Meerbusen dicht bedeckte.
Diese ersten schrecklichen Versuche, die Festung zu stürmen,
mit rücksichtslosen Opfern an Menschen, wurden von den
Matrosen beklagt in rührendem Mitleid mit ihren Waffenbrüdern,
die getäuscht worden waren, so daß sie Kronstadt
für gegenrevolutionär hielten. Am 8. März wurde
in der Izvestia geschrieben:
Wir wollten das Blut unserer Brüder nicht vergießen
und feuerten keinen Schuß ab, bis wir dazu gezwungen waren.
Wir mußten die gerechte Sache des arbeitenden Volkes verteidigen
und schießen - auf unsere Brüder, die von Kommunisten,
die auf Kosten des Volkes fett geworden, in den sicheren Tod
geschickt wurden.
... Zu eurem Unglück erhob sich ein schrecklicher Schneesturm,
und finstere Nacht hüllte alles in Dunkel. Trotzdem trieben
euch die kommunistischen Henker, keine Kosten sparend, über
das Eis und bedrohten euch im Rücken mit ihren von kommunistischen
Abteilungen gehandhabten Maschinengewehren.
Viele von euch gingen diese Nacht zugrunde auf der großen
Eisdecke des finnischen Golfs. Und als der Morgen anbrach und
der Sturm sich legte, kamen nur jammervolle Überbleibsel
von euch, erschöpft und hungrig, kaum fähig sich zu
bewegen zu uns, in eure weißen Leichentücher gekleidet.
Am frühen Morgen waren schon ungefähr tausend von
euch und später am Tage eine endlose Zahl. Ihr habt teuer
mit eurem Blut dieses Abenteuer bezahlt, und nach eurem Mißerfolg
eilte Trotzki nach Petrograd zurück, um neue Märtyrer
zur Schlachtbank zu treiben - denn er bekommt unser Arbeiter-
und Bauernblut billig! ...
Kronstadt
hegte den tiefen Glauben, daß das Petersburger Proletariat
ihm zur Hilfe kommen würde. Aber die Arbeiter dort waren
terrorisiert und Kronstadt wirksam blockiert und isoliert, so
daß tatsächlich von nirgendwo her Hilfe erwartet
werden konnte.
Die Kronstädter Garnison bestand aus weniger als 14.000
Mann, von denen 10.000 Matrosen waren. Diese Garnison hatte
eine sich weit ausdehnende Front zu verteidigen, viele über
das große Terrain des Meerbusens zerstreute Forts und
Batterien. Die wiederholten Angriffe der Bolschewiken, denen
die Zentralregierung beständig frische Truppen lieferte,
der Lebensmittelmangel in der belagerten Stadt, die langen,
schlaflosen Nächte auf Wache in der Kälte, all das
untergrub die Lebenskraft von Kronstadt. Doch die Matrosen hielten
heldenmütig aus und bewahrten bis zuletzt das Vertrauen,
daß ihr großes Beispiel der Befreiung im ganzen
Lande Nachfolger finden und ihnen so Erleichterung und Hilfe
bringen würde.
In seinem „Appell an die Genossen Arbeiter und Bauern“
sagt das Provisorische Revolutionäre Komitee (Izvestia
Nr. 9, 11. März):
Genossen, Arbeiter, Kronstadt kämpft für euch, für
die Hungrigen, die Frierenden, die Nackten. ... Kronstadt erhob
das Banner der Rebellion und hegt das Vertrauen, daß Dutzende
Millionen von Arbeitern und Bauern seinem Ruf folgen werden.
Es ist unmöglich, daß der Tagesanbruch, der in Kronstadt
begonnen, nicht glänzender Sonnenschein für ganz Rußland
werden sollte. Es ist unmöglich, daß die Explosion
von Kronstadt nicht ganz Rußland und zuerst von allen
Petrograd erwecken sollte.
Aber
es kam keine Hilfe, und Kronstadt wurde jeden Tag mehr erschöpft.
Die Bolschewiken häuften fortwährend frische Truppen
gegen die belagerte Festung und schwächten sie durch beständige
Angriffe. Dazu kam, daß jeder Vorteil auf Seite der Kommunisten
war, Zahl, Mittel und Position. Kronstadt war nicht gebaut,
um einen Angriff von rückwärts aushalten zu können.
Das von den Bolschewiken verbreitete Gerücht, daß
die Matrosen Petrograd zu bombardieren beabsichtigten, war handgreiflich
falsch. Die berühmte Festung war einzig geplant worden,
um als Verteidigung Petrograds gegen von der See her sich nähernde
fremde Feinde zu dienen. Ferner waren für den Fall, daß
ein Feind von außen sich der Stadt bemächtigen würde,
die Küstenbatterien und Forts von Krasnaja Gorka auf eine
zum Kampf gegen Kronstadt berechnete Weise angelegt
worden. In Voraussicht einer solchen Möglichkeit war beim
Bau absichtlich unterlassen worden, der Rückseite von Kronstadt
Stärke zu geben.
Fast jede Nacht setzten die Bolschewiken ihre Angriffe fort.
Den ganzen 10. März hindurch feuerte kommunistische Artillerie
beständig von der Süd- und Nordküste. In der
Nacht vom 12. zum 13. griffen die Kommunisten vom Süden
her an und bedienten sich wieder der weißen Tücher
und opferten viele Hundert Kursanti. Kronstadt wehrte
sich verzweifelt, trotz vieler schlafloser Nächte und Mangel
an Lebensmitteln und Verteidigern. Es kämpfte auf das tapferste
gegen gleichzeitige Angriffe von Norden, Osten und Süden,
während die Kronstädter Batterien die Festung nur
an ihrer Westseite verteidigen konnten. Den Matrosen fehlte
sogar ein Eisbrecher, um die Annäherung der kommunistischen
Kräfte unmöglich zu machen.
Am 16. März machten die Bolschewiken einen gleichzeitigen
konzentrischen Angriff von drei Seiten - Norden, Süden
und Osten. „Der Angriffsplan“, erklärte später
Dibenko, früher bolschewistischer Schiffskommissär
und später Diktator des unterlegenen Kronstadt, „war
bis zum geringsten Detail nach den Anweisungen des Hauptkommandanten
Tuchatschewsky und dem Feldstab des südlichen Korps ausgearbeitet
worden. ... Als es dunkel wurde, begann der Angriff auf die
Forts. Die weißen Tücher und der Mut der Kursanti
ermöglichten, daß wir in Kolonnen vordringen konnten.“
Am Morgen des 17. März waren eine Anzahl Forts genommen.
Durch die schwächste Stelle von Kronstadt - das Petrograder
Tor - brachen die Bolschewiken in die Stadt ein und nun begann
dort das brutalste Gemetzel. Die von den Matrosen geschonten
Kommunisten verrieten sie nun und griffen von rückwärts
an. Der Kommissär der Ostseeflotte, Kusmin, und der Vorsitzende
des Kronstädter Sowjet, Wassiljew, von den Kommunisten
aus dem Gefängnis befreit, nahmen nun an dem Straßenkampf
von Mann zu Mann teil, Bruderblut vergießend. Bis spät
nachts dauerte der verzweifelte Kampf der Matrosen und Soldaten
von Kronstadt gegen drückende Übermacht. Die Stadt,
die fünfzehn Tage lang keinen einzigen Kommunisten ein
Haar gekrümmt hatte, war nun rot vom strömenden Blut
ihrer Männer, Frauen und selbst Kinder.
Dibenko, zum Kommissär von Kronstadt ernannt, erhielt absolute
Vollmacht „die meuterische Stadt zu reinigen“. Eine
Racheorgie folgte, bei welcher die Tscheka zahlreiche Opfer
verlangte für ihre nächtliche Massenerschießung
(rasstrel).
Am 18. März feierten die Bolschewikenregierung und die
Russische Kommunistische Partei öffentlich die Erinnerung
an die Pariser Kommune von 1871, die von Gallifet und Thiers
im Blut der französischen Arbeiter ertränkt wurde.
Zur gleichen Zeit feierten sie den „Sieg“ über
Kronstadt.
Einige Wochen hindurch waren die Petrograder Gefängnisse
mit Hunderten Gefangenen aus Kronstadt angefüllt. Jede
Nacht wurden kleine Gruppen derselben auf Befehl der Tscheka
herausgenommen und verschwanden, - um nie mehr lebend gesehen
zu werden. Unter den letzten der Erschossenen war Perepelkin,
Mitglied des Provisorischen Revolutionären Komitees von
Kronstadt.
Die Gefängnisse und Konzentrationslager in dem eisigen
Distrikt von Archangelsk und Kerker im fernen Turkestan töten
langsam die Männer von Kronstadt, die sich gegen die Bolschewikenbürokratie
erhoben und im März 1921 das Wort der Revolution vom Oktober
1917 proklamiert hatten: „Alle Macht den Sowjets!“

Nachwort
des Verfassers
Lehren und Bedeutung von Kronstadt
Die Kronstädter Bewegung war spontan, unvorbereitet und
friedlich. Daß ein bewaffneter Konflikt aus ihr wurde,
der mit einer blutigen Tragödie endete, war einzig durch
den tartarischen Despotismus der Kommunistischen Diktatur verschuldet.
Obgleich Kronstadt den allgemeinen Charakter der Bolschewiken
erkannte, hatte es noch immer den Glauben an die Möglichkeit
einer freundschaftlichen Lösung. Es glaubte, daß
die kommunistische Regierung der Vernunft zugänglich sei,
es schrieb ihr ein gewisses Gefühl für Gerechtigkeit
und Freiheit zugut.
Die Erfahrung von Kronstadt beweist von neuem, daß die
Regierung, der Staat - welches immer sein Name oder seine Form
seien - stets der Todfeind der Freiheit und Selbstbestimmung
ist. Der Staat hat keine Seele, kein Prinzip. Er hat nur ein
Ziel - sich der Macht zu versichern und sie um jeden Preis zu
behalten. Dies ist die politische Lehre von Kronstadt.
Es gibt eine andere Lehre, eine strategische, die jede Rebellion
lehrt. Der Erfolg einer Erhebung ist bedingt durch ihre Entschlossenheit,
Energie und Aggressivität. Die Rebellen haben das Gefühl
der Massen auf ihrer Seite. Dieses Gefühl schlägt
schneller, wenn die Flut der Rebellion anschwillt. Man darf
nicht erlauben, daß es sich legt und verblaßt und
zur Farblosigkeit des täglichen Lebens zurückkehrt.
Andererseits hat jede Erhebung die mächtige Staatsmaschine
gegen sich. Die Regierung ist in der Lage, die Quellen aller
Zufuhr und die Verkehrsmittel in ihren Händen zu konzentrieren.
Es darf ihr nicht Zeit gegeben werden, von ihrer Macht Gebrauch
zu machen. Eine Rebellion sollte kräftig sein und unerwartete
und entschiedene Schläge führen. Sie darf nicht lokalisiert
bleiben, denn dies bedeutet Stagnation. Sie muß sich ausbreiten
und entwickeln. Eine Rebellion, die sich auf eine Lokalität
beschränkt, eine abwartende Politik befolgt oder eine defensive
Haltung einnimmt, ist unvermeidlich zur Niederlage verurteilt.
In dieser Beziehung besonders wiederholte Kronstadt die Verhängnisvollen
strategischen Fehler der Pariser Kommunarden. Diese befolgten
den Rat jener nicht, welche einen sofortigen Angriff auf Versailles
befürworteten, solange die Regierung von Thiers desorganisiert
war. Sie trugen die Revolution nicht ins Land hinaus. Weder
die Pariser Arbeiter von 1871, noch die Matrosen von Kronstadt
suchten die Regierung abzuschaffen. Die Kommunarden wollten
nur gewisse republikanische Freiheiten, und als die Regierung
versuchte, sie zu entwaffnen, vertrieben sie die Minister von
Thiers aus Paris, richteten ihre Freiheiten ein und bereiteten
sich zu ihrer Verteidigung vor - weiter nichts. So verlangte
auch Kronstadt nur freie Wahlen zu den Sowjets. Nach der Verhaftung
einiger Kommissäre bereiteten sich die Matrosen auf die
Verteidigung gegen den Angriff vor. Kronstadt weigerte sich,
den Rat der militärischen Sachverständigen zu befolgen
und Oranienbaum sofort zu nehmen. Diese Stellung hatte den größten
militärischen Wert, und es lagerten dort 50.000 Pud 6
Weizen, die Kronstadt gehörten. Eine Landung in Oranienbaum
war ausführbar, da die Bolschewiken von dem Ausbruch überrascht
worden waren und keine Zeit gehabt hatten, Verstärkungen
heranzubringen. Aber die Matrosen wollten nicht die Offensive
ergreifen, und so ging der psychologische Moment verloren. Einige
Tage später, als die Erklärungen und Taten der bolschewistischen
Regierung Kronstadt überzeugten, daß es in einen
Kampf auf Leben und Tod verwickelt war, da war es zu spät,
den Fehler wieder gutzumachen. 7
Ebenso erging es der Pariser Kommune. Als die Logik des ihr
aufgezwungenen Kampfes die Notwendigkeit erwies, das Regime
von Thiers nicht nur in der eigenen Stadt, sondern im ganzen
Lande abzuschaffen, war es zu spät. In der Pariser Kommune
wie in der Kronstädter Erhebung erwies sich die Neigung
zu passiver, defensiver Taktik als verhängnisvoll.
Kronstadt fiel. Die Kronstädter Bewegung für freie
Sowjets wurde im Blut erstickt, während gleichzeitig die
Bolschewikenregierung mit europäischen Kapitalisten Kompromisse
abschloß, den Rigaer Frieden unterzeichnete, der zwölf
Millionen Bevölkerung der Gnade Polens auslieferte, und
dem türkischen Imperialismus half, die kaukasischen Republiken
zu unterdrücken.
Aber der „Triumph“ der Bolschewiken über Kronstadt
schloß die Niederlage des Bolschewismus in sich. Er legte
den wahren Charakter der Kommunistischen Diktatur bloß.
Die Kommunisten erwiesen sich als willig, den Kommunismus zu
opfern, beinahe jeden Kompromiß mit dem internationalen
Kapitalismus abzuschließen, aber sie wiesen die gerechten
Forderungen ihres eigenen Volkes zurück - Forderungen,
welche den Oktoberschlagwörtern der Bolschewiken selbst
Ausdruck gaben: durch direkte und geheime Wahlen gewählte
Sowjets, der Konstitution der russischen sozialistischen föderativen
Sowjetrepublik entsprechend, und Rede- und Pressefreiheit für
die revolutionären Parteien.
Der Zehnte Allrussische Kongreß der kommunistischen Partei
tagte in Moskau zur Zeit der Kronstädter Erhebung. Auf
diesem Kongreß wurde die ganze bolschewistische ökonomische
Politik geändert als eine Folge der Ereignisse von Kronstadt
und der ähnlich drohenden Haltung des Volkes in verschiedenen
anderen Teilen von Rußland und Sibirien. Die Bolschewiken
zogen es vor, ihre grundlegende Politik umzustürzen, die
raswerstka (zwangsweise Requisition) abzuschaffen,
Handelsfreiheit einzuführen, Konzessionen an Kapitalisten
zu erteilen und den Kommunismus selbst aufzugeben - den Kommunismus,
für welchen die Oktoberrevolution ausgekämpft, Ströme
Bluts vergossen und Rußland zum Ruin und zur Verzweiflung
gebracht wurde - all das, aber nicht freigewählte Sowjets
zu gestatten.
Kann noch jemand in Frage stellen, was der wahre Endzweck der
Bolschewiken, war? Strebten sie kommunistischen Idealen oder
der Regierungsmacht nach?
Kronstadt ist von großer historischer Bedeutsamkeit. Es
läutete dem Bolschewismus mit seiner Parteidiktatur, verruchten
Zentralisation, dem Tschekaterrorismus und den bürokratischen
Kasten die Totenglocke. Es traf die kommunistische Autokratie
ins Herz. Zugleich gab es den intelligenten und ehrlichen Denkern
von Europa und Amerika den Anstoß zu einer kritischen
Prüfung der bolschewistischen Theorie und Praxis. Es zerstörte
die bolschewistische Fabel, daß der kommunistische Staat
die „Regierung der Arbeiter und Bauern“ sei. Es
erwies die kommunistische Parteidiktatur und die russische Revolution
als einander entgegengesetzt, sich widersprechend und sich gegenseitig
ausschließend. Es zeigte das Bolschewikenregime als durch
nichts gemilderte Tyrannei und Reaktion, und daß der kommunistische
Staat selbst die mächtigste und gefährlichste Gegenrevolution
ist.
Kronstadt fiel. Aber es fiel siegreich in seinem Idealismus
und seiner moralischen Reinheit, seinem Edelmut und seiner höheren
Menschlichkeit. Kronstadt war prachtvoll. Es empfand gerechten
Stolz darüber, das Blut seiner Feinde, der Kommunisten,
in seiner Mitte nicht vergossen zu haben. Es nahm keine Hinrichtungen
vor. Die ungelehrten, unverfeinerten Matrosen, rauh in Sprache
und Manieren, waren zu edel, das bolschewistische Rachebeispiel
nachzuahmen: sie wollten nicht einmal die verhaßten Kommissäre
erschießen. Kronstadt personifizierte den edelmütigen,
allverzeihenden Geist der slavischen Seele und die Jahrhunderte
alte Befreiungsbewegung Rußlands.
Kronstadt war der erste volksmäßige und
ganz unabhängige Versuch einer Befreiung vom Joch des Staatssozialismus
- ein direkt vom Volk, von den Arbeitern, Soldaten und Matrosen
selbst gemachter Versuch. Es war der erste Schritt zur Dritten
Revolution, die unvermeidlich ist und die, hoffen wir es, dem
lange leidenden Rußland dauernde Freiheit und Frieden
bringen wird.
Alexander Berkman

Fußnoten:
1.
Bewaffnete Gruppen, die von den Bolschewiki organisiert
sind zur Unterdrückung des Handels und zur Konfiskation
von Lebensmitteln und anderen Produkten. Die Verantwortungslosigkeit
und Willkür ihres Vorgehens waren im ganzen Land
sprichwörtlich. Die Regierung schaffte sie in der
Petrograder Provinz am Vorabend ihres Angriffs gegen Kronstadt
ab - ein Bestechungsversuch an dem Petrograder Proletariat.
A. B.
2.
Izvestia des Provisorischen Revolutionären Komitees
von Kronstadt Nr.9, 11. März 1921.
3.
Veröffentlicht in Revolutsionnaja Rossija
(sozial-revolutionäre Zeitschrift), Nr. 8. Mai 1921.Vgl.
auch die Moskauer Izvestia (kommunistisch), Nr.
154, 13. Juli 1922
4.
Das Exekutivkomitee der Russischen Kommunistischen Partei
hielt seine Sektion Kronstadt für so „demoralisiert“,
daß es nach der Niederlage von Kronstadt eine vollständige
Neueinschreibung aller Kronstadter Kommunisten anordnete.
A. B.
5.
Der berühmte Prozeß der 193 in der Frühzeit
der russischen revolutionären Bewegung. Er begann
in der zweiten Hälfte 1877 und ging in den ersten
Monaten von 1878 zu Ende. A. B.
6.
Ein Pud sind 40 russische oder ungefähr
36 englische Pfund.
7.
Das Unterlassen Kronstadts Oranienbaum zu nehmen, gab
der Regierung Gelegenheit, diese Festung durch ihre verläßlichsten
Regimenter zu verstärken, die „angesteckten“
Teile der Garnison zu eliminieren und die Leiter des Luftgeschwaders
hinzurichten, welches im Begriff stand, sich den Kronstädter
Rebellen anzuschließen. Später benutzten die
Bolschewiken die Festung als einen sehr gelegenen Punkt
zum Angriff gegen Kronstadt. Unter den in Oranienbaum
Hingerichteten befanden sich: Kolossow, Divisionschef
der Luftstreitkräfte der Roten Armee und Vorsitzender
des gerade in Oranienbaum organisierten Provisorischen
Revolutionären Komitees, Balachanow, Sekretär
dieses Komitees und die Komiteemitglieder Romanow, Wladimirow,
etc. A.B. |
Abbildung
einer Seite der Kronstädter „Izvestia“
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Geographische
Karte von Kronstadt |
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.PDF
Datei von der Original 1923 ausgabe hier
unterladen

Textnachweis:
als Vorlage diente der Nachdruck der Originalbroschüre
(Verlag „Der Syndikalist“, Berlin 034, 1923)
aus der „Sammlung unter der Hand“.
Der Text wurde von anarchismus.at sprachlich angepaßt
(Ü statt Ue, Bürokratie statt Bureaukratie usw.)
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