Die
Anarchisten in der Arbeiterbewegung
Errico Malatesta
Die
Arbeiter - zu denen ich natürlich auch die Landarbeiter
und alle rechne die von ihrer Hände Arbeit leben - sind,
mit Ausnahme jenes Bodensatzes der Gesellschaft, den Elend und
Unterdrückung zur völligen Ohmacht verurteilt haben,
die hauptsächliche Kraft der Revolution. Sie sind es, die
am unmittelbarsten die Auswirkungen der schlechten Gesellschaftsordnung
verspüren, sie sind die ersten, unmittelbaren Opfer der
Ungerechtigkeit, sie sehnen mehr oder weniger bewußt eine
radikale Umgestaltung der Gesellschaft herbei, die größere
Gerechtigkeit und Freiheit mit sich bringt.
Angesichts
der eigenen Machtlosigkeit gab es jahrhundertelang unter den
Arbeitern stets das Bestreben, sich in verschiedenen Formen
zusammenzuschließen, um sich gegenseitig in den lebensnotwendigen
Bedürfnissen und der Verteidigung der eigenen Interessen
unterstützen zu können. Infolge der Entwicklung der
großen Industrie, des Fortschritts der Kommunikationsmittel
und der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft haben diese
Arbeiterzusammenschlüsse nunmehr riesige Ausmaße
angenommen und stellen eine der wichtigsten Erscheinungen der
heutigen Gesellschaft dar, die allgemein als „Arbeiterbewegung“
bezeichnet wird.
Unmittelbarer
Zweck dieser Bewegung ist es, die Lebensbedingungen des Arbeiters
so weit wie möglich Tag für Tag zu verbessern. Wer
in eine Arbeitervereinigung eintritt, tut dies im allgemeinen
in der Absicht und Hoffnung mehr zu verdienen, eine weniger
bedrückende Arbeit zu machen, unter menschlicheren hygienischen
Bedingungen zu leben und setzt sein Vertrauen in die kollektive
Macht, die es ermöglichen soll, diese Verbesserungen allmählich
zu erringen. Aber da jede Aktion eine Idee entstehen läßt,
tauchen sehr bald Theorien und Ideologien auf, die die Bewegung
zu erklären und zu rechtfertigen suchen. Und da die Praxis
des Kampfes zeigt, daß auch die Vereinigung, mag sie auch
die gesamte Masse der Arbeiter umfassen, nicht imstande ist,
über einen bestimmten Punkt hinaus Verbesserungen zu erreichen
und die den vorherrschenden ökonomischen und politischen
Kräften abgerungenen Fortschritte auf Dauer zu sichern,
entsteht das Bedürfnis, nach den Gründen dieser Machtlosigkeit
zu suchen, und sehr bald gehen die Bestrebungen und Theorien
über die von den herrschenden Institutionen vorgezeichneten
Grenzen hinaus. Bald wird das Recht des Unternehmers überhaupt
in Frage gestellt, das Privateigentum an Grund und Boden und
an den Arbeitswerkzeugen in Zweifel gezogen.
Von
nun an reift innerhalb der Arbeiterassoziation der Gedanke der
sozialen Revolution heran, und alle, die aus materiellen oder
ideellen Gründen an der Aufrechterhaltung oder der Veränderung
der gegenwärtigen Gesellschaft interessiert sind, machen
sich ans Werk: die einen, um dem Impuls der Bewegung durch mehr
oder weniger illusorische Konzessionen und alle möglichen
Täuschungen oder Gewalttätigkeiten Einhalt zu gebieten,
die anderen, um die Bewegung bis zur letzten Konsequenz voranzutreiben
und sich zum Werkzeug der Verwirklichung der eigenen Ideale
zu machen.
Jetzt
geschieht im kollektiven Leben der Gesellschaft nichts mehr
ohne Beteiligung oder zumindest Zustimmung der organisierten
Massen. Selbstverständlich können die Anarchisten
nicht gleichgültig gegenüber dieser Bewegung sein,
sei es, weil sie selbst fast alle Handarbeiter sind und nicht
interesselos den Kämpfen gegenüberstehen können,
die die Arbeiter in den Fabriken und auf dem Land sowohl für
die Erfordernisse des täglichen Lebens als auch aus Solidarität
mit ihren Arbeitsgefährten führen, sei es, weil sie
jeder Massenbewegung mit Sympathie begegnen, sie unterstützen
und versuchen müssen, sie auf den Weg der vollständigen
Befreiung mittels direkter Aktion zu führen, da sie davon
ausgehen, daß ihr Ideal universellen Wohlstandes und völliger
Freiheit nur direkt durch das Werk der Betroffenen verwirklicht
werden kann.
Dies
wurde stets von der großen Mehrheit der Anarchisten erkannt,
die ja selbst sogar oft Initiatoren der Bewegung waren. Dennoch
haben wir aufgrund unserer kritischen Einstellung und unserer
seit jeher mangelnden Fähigkeiten, uns mit dem Vorhandenen
zu begnügen, nicht immer den besonderen Charakter, die
unvermeidlichen Zwänge eines naturgemäß in einer
bürgerlichen Ordnung geführten Arbeiterkampfes erkannt.
Wir haben es nicht verstanden, unsere Taktik als Anarchisten
mit diesen Zwängen in Einklang zu bringen und haben zusammenhanglos
und unschlüssig gehandelt mit dem Ergebnis, daß wir
in der Bewegung nicht einen der Überlegenheit unserer Ideen
und unserem Initiativgeist entsprechenden Einfluß ausgeübt
haben und oft erleben mußten, daß andere aus der
von uns begonnenen Arbeit Nutzen zogen. Es ist daher angebracht,
auf diese Frage zurückzukommen, sie gründlich zu prüfen
und sich über die Richtschnur einig zu werden, der wir
zum größten Nutzen unserer Zielsetzungen folgen müssen.
Wenn
man einmal absieht von den Konservativen und Bourgeois aller
Schattierungen, die sich - wenn überhaupt - nur mit dem
Zweck für die Arbeitervereinigungen interessieren, durch
Täuschungsmanöver der aufkommenden Flut der Befreiung
Einhalt zu gebieten und eine Bewegung, die ihrem Wesen nach
auf Befreiung abzielt, zum Werkzeug der Versklavung zu machen,
gibt es unter den gesellschaftlichen Neuerern drei hauptsächliche
Parteien (oder Richtlinien). Diese sind sich in Bezug auf die
kleinen, täglich zu führenden Kämpfe zur Verteidigung
der Arbeiterinteressen im bürgerlichen System mehr oder
weniger einig oder sollten dies sein, unterscheiden sich jedoch
grundlegend in den Endzielen, zu denen sie die Bewegung führen
wollen, und somit in der Art der Propaganda, die sie innerhalb
der Bewegung betreiben, und in den Organisationsformen, die
sie jeweils bevorzugen: es sind dies die Sozialisten, die Syndikalisten
und die Anarchisten, die allesamt überzeugt davon sind,
daß man zur Befreiung der Arbeiter und Errichtung einer
besseren Gesellschaftsordnung das kapitalistische System beseitigen
muß, jedoch unterschiedliche Vorstellungen von der zukünftigen
Gesellschaft und den Mitteln und Wegen ihrer Verwirklichung
haben.
Die
Sozialisten, zu denen ich auch die Fraktion rechne, die sich
jetzt kommunistisch nennt, wollen die Regierung übernehmen,
wobei jetzt unwichtig ist, ob mit legalen Mitteln oder mit Gewalt.
Sie glauben, das Rezept für die Heilung aller Übel
und Lösung aller sozialen Probleme zu besitzen und wollen
dieses ihr Rezept im Namen einer vorgeblichen, legal festgestellten
Mehrheit oder durch eine von einigen Personen im Namen ihrer
Partei usurpierte Diktatur durchsetzen. Die Massen sollen nur
die nötigen Stimmen dafür liefern, daß die Parteiführer
an die Macht gelangen können, und die ganze Taktik ist
darauf ausgerichtet, die Arbeiterorganisationen der Partei zu
unterwerfen. Aus diesem Grund entziehen sich die sozialistischen
(und mehr noch die kommunistischen) Führer der Organisationen
soweit wie möglich der Kontrolle der Organisierten, ersticken
jede Autonomie und jeden Initiativgeist und erziehen die Arbeiter
unter dem Vorwand der Disziplin der kollektiven Aktionen zum
passiven Gehorsam gegenüber den Führern. Auf diese
Weise schmieden sie sich die Waffen, die ihnen zur Macht verhelfen
sollen und bereiten die Massen darauf vor, sich gelehrig dem
Diktat der Regierung von morgen zu beugen.
Die
Syndikalisten sind libertärer in ihren Vorstellungen. Sie
wollen den Staat überflüssig machen, ihn mit Hilfe
der Gewerkschaften entmachten und zerstören und diesen
allmählich sämtliche Aufgaben des gesellschaftlichen
Lebens übertragen. Natürlich müssen zu diesem
Zweck die Produktionsmittel (Boden, Rohstoffe, Maschinen usw.)
Kollektiveigentum der untereinander föderierten Gewerkschaften
werden.
Es
ist hier nicht der Ort, dieses Programm zu diskutieren. Sicher
ist jedoch, daß man zu seiner Verwirklichung zuerst die
Eigentümer des gesellschaftlichen Reichtums enteignen müßte,
und da diese von der bewaffneten Gewalt des Staates geschützt
werden, müßte man zunächst diese Gewalt besiegen.
Und obwohl die Syndikalisten in der Theorie gerne behaupten,
daß der Syndikalismus sich selbst genüge, sind sie
dann in der Praxis gezwungen, entweder - durch Wahlen oder Gewalt
- den Staat zu erobern und Sozialisten zu werden oder aber ihn
zu zerstören und Anarchisten zu werden.
Diese
programmatische Unbeständigkeit spiegelt sich in der Geschichte
der Arbeiterorganisationen mit syndikalistischer Tendenz wider:
früher oder später kommt eine Situation, in der man
vom rein gewerkschaftlichen Terrain zum politischen Kampf im
eigentlichen Sinne übergehen muß, und dann tritt
die Divergenz und Unvereinbarkeit zwischen Reformisten und Revolutionären,
Parlamentariern und Antiparlamentariern, Sozialisten und Anarchisten
zutage, die sich unter dem Deckmantel einer vermeintlichen gewerkschaftlichen
Neutralität zusammengefunden hatten. Und dann beginnen
die inneren Kämpfe und Spaltungen. Unterdessen, solange
dieses Mißverständnis andauert, wird in diesen Organisationen
die direkte Aktion geprobt, läßt man auch den fortschrittlichsten
Strömungen Propagandafreiheit und werden die Massen an
Stolz und Kampfbereitschaft gewöhnt, was die beste Lehre
für die Vorbereitung der Revolution ist. Wir Anarchisten
können uns ebensowenig mit diesen wie mit irgendeiner anderen
Arbeiterorganisation identifizieren, aber wir müssen diese
Organisationen den anderen vorziehen, da sie ein geeigneteres
Feld für die Ausdehnung unseres Einflusses sind; wir müssen
sie unterstützen, uns in allen Formen, die nicht in Widerspruch
zu unseren Ideen stehen, an ihnen beteiligen, ohne uns jedoch
deshalb den Eintritt in irgendeine andere Organisation zu versagen,
in der wir nützliche Propagandatätigkeit, Kritik und
anspornenden Einfluß zu entfalten können glauben.
Dies haben wir bisher mit mehr oder weniger Erfolg getan; jetzt
ist es Zeit, so glaube ich, daß wir uns über ein
einheitliches Vorgehen einig werden, damit wir mit größerer
Wirkung Einfluß auf die Bewegung nehmen und sie besser
für unsere Ziele einsetzen können.
Die
Arbeiterorganisationen sind unter Bedingungen, und Zwängen
tätig, die die Position der in ihren Reihen aktiven Anarchisten
oft schwierig und manches Mal mit ihren Vorstellungen unvereinbar
macht, immer vorausgesetzt, daß man von der theoretischen
Aufklärung, von der zukunftsbezogenen Propaganda zu den
praktischen Maßnahmen des konkreten Kampfes übergehen
muß.
Da
die Gewerkschaften den Zweck haben, die gegenwärtigen,
unmittelbaren Interessen der Arbeiter in einer von Privateigentum
und Lohnarbeit bestimmten Gesellschaftsordnung zu vertreten,
da sie die größtmögliche Anzahl von Arbeitern
ohne Rücksicht auf religiöse und politische Meinungsunterschiede
oder auf das Vorhandensein irgendeiner bestimmten Überzeugung
überhaupt vereinen wollen, da sie gezwungen sind, die Auswirkungen
zu mildern, ohne die Ursache der Unterdrückung der Arbeiter
zerstören zu können, mögen sie auch die Abschaffung
der Lohnarbeit und die vollständige Befreiung in ihr Programm
geschrieben haben, müssen sie in der täglichen Praxis
die Tatsache der Herrschaft und des kapitalistischen Profits
akzeptieren und sich darauf beschränken, diese Herrschaft
durch ständigen Widerstand weniger absolut zu machen und
dem Produzenten einen größeren Anteil am Produkt
zu sichern.
In
dieser Bewegung muß auch der entschiedenste Revolutionär
den Weg des Reformismus beschreiten, der darin besteht, Schritt
für Schritt Verbesserungen zu erringen, die dann mit einem
Schlage verloren gehen, sobald Profit und kapitalistische Konkurrenz
- die nach wie vor bestehenden Gründe für das gesellschaftliche
Übel - immer neue Krisen der Arbeitslosigkeit auslösen,
die zum Kampf um das tägliche Brot unter den Arbeitern
selbst führen. Denn Vorteile der revolutionären Methode,
die man vorbringen kann, um die Notwendigkeit der Revolution
begreiflich zu machen, haben nur dann eine positive Wirkung,
wenn die Revolution gemacht wird. Und die Revolution kann man
nicht alle Tage machen!
Aber
das ist das Wenigste. Die gravierendste Schwierigkeit liegt
in den widerstreitenden Interessen der verschiedenen Berufsgruppen
der Arbeiter einerseits und in dem Interessenkonflikt zwischen
Produzenten und Konsumenten andererseits.
Man
behauptet gewöhnlich, daß die Proletarier im Kampf
gegen die Unternehmer ein gemeinsames Interesse haben und daher
alle miteinander solidarisch sein müssen - und das trifft
auch zu, wenn es um das Interesse geht, das Unternehmertum zu
beseitigen und eine Gesellschaft zu errichten, in der alle für
das größtmögliche Wohl aller und eines jeden
arbeiten. Aber es trifft überhaupt nicht zu in der heutigen
Gesellschaft, in der Industrielle und Landbesitzer darauf aus
sind, die Produktion zu beschränken, um die Preise steigen
zu lassen, sich einen höheren Profit zu sichern und darüber
hinaus die Löhne niedrig halten zu können und auf
diese Weise Mangel an Produkten und an Arbeit herbeiführen.
So
ergibt sich ein oft ungewollter und unbewußter, doch natürlicher
und zwangsläufiger Interessengegensatz zwischen dem Arbeitenden
und dem Arbeitslosen, zwischen dem Inhaber einer guten und sicheren
Stelle und den der weniger verdient und stets in Gefahr ist,
entlassen zu werden, zwischen dem, der einen Beruf beherrscht
und dem, der ihn erlernen will, zwischen dem Mann, der das Monopol
der Berufsausübung hat und der Frau, die ihre Blick auf
das Terrain der ökonomischen Konkurrenz richtet, zwischen
dem einheimischen und dem eingewanderten Arbeiter, zwischen
dem Spezialisten der den anderen das Erlernen seines Faches
untersagen möchte und denen, die dieses Monopol nicht anerkennen
wollen und schließlich ganz allgemein zwischen den einzelnen
Berufsgruppen, wenn vorübergehende oder ständige Interessen
der einen mit denen der anderen in Konflikt geraten. Einige
Berufsgruppen ziehen Vorteile aus den Schutzzöllen, andere
leiden darunter; einige wünschen gewisse Eingriffe staatlicher
Autorität, gewisse Gesetze und Regelungen, während
andere unter besseren Bedingungen kämpfen, wenn sich die
Regierung nicht in ihre Angelegenheiten einmischt.
Darüber
hinaus herrscht ein ständiger Interessenwiderspruch zwischen
einer jeden Berufsgruppe und den anderen Arbeitern, sofern letztere
Konsumenten der Produkte der ersteren sind. Jede Lohnerhöhung
einer Gruppe drückt sich in einem erhöhten Preis ihres
Produktes aus und schadet der Öffentlichkeit bis die Erhöhung
der Löhne sämtlicher Berufsgruppen das Gleichgewicht
wie der herstellt und den Vorteil der Lohnerhöhung zunichte
macht.
So
kam es, daß viele Arbeiterorganisationen, die durch die
Initiative wenige großherziger, von Solidarität und
stolzem Kampfgeist erfüllter Personen entstanden waren,
schließlich ihre Forderungen mäßigten, sich
korrumpierte und in geschlossene Korporationen verwandelten,
je umfangreicher und mächtiger sie wurden und nur noch
um das Interesse ihrer Mitglieder im Gegensatz zu dem der Nichtmitglieder
besorgt waren.
Wenn
wir zu alledem noch die parasitäre Bürokratie dieser
Organisationen rechnen, die Führer, die sich an ihre Spitze
stellen und - um sich dort zu halten - nicht besser als die
Politiker ihr Spiel mit den antiproletarischen oder antilibertären
Bestrebungen treiben, denen sie oft zu folgen gezwungen sind
und schließlich die abstoßenden, doch unvermeidlichen
Kontakte mit den Behörden, dann werden die Antipathie und
die feindselige Haltung begreiflich, die einige Genossen - heute
sind es meines Glaubens nur noch sehr wenige - den Arbeiterorganisationen
gegenüber an den Tag legten.
Ist
es denn für die Anarchisten ratsam, nützlich, ja überhaupt
möglich, außerhalb der Arbeiterorganisationen zu
bleiben oder sich nur passiv an ihnen zu beteiligen, nur insofern
sie Arbeiter sind, die arbeiten müssen und nicht zu Streikbrechern
werden wollen? Meiner Meinung nach wäre dies eine Dummheit,
die in der Praxis auf einen Verrat an der Sache der Revolution
oder, allgemeiner, an der Sache des Fortschritts und der Befreiung
der Menschen hinauslaufen würde.
Die
Arbeiterbewegung ist nunmehr einer der wesentlichsten Faktoren
der Geschichte - heute und in der nächsten Zukunft. Sie
außer acht zu lassen, hieße, sich außerhalb
des wirklichen Lebens stellen, darauf verzichten, spürbaren
Einfluß auf die Ereignisse zu nehmen und zulassen, daß
Sozialisten, Kommunisten, Klerikale und andere Regierungsparteien
das Vertrauen der Massen gewinnen, indem sie die gegenwärtigen,
oft geringfügigen und nur vorübergehenden, doch unmittelbar
wichtigen Interessen der Arbeiter verteidigen oder zu verteidigen
vorgeben. Haben sie erst einmal dieses Vertrauen gewonnen, dann
nutzen sie es aus, um mit dieser oder einer anderen Ordnung
an die Macht zu kommen und das Volk weiterhin in Knechtschaft
zu halten.
Die
für den Widerstand gegen die Unternehmer gebildeten Arbeiterorganisationen
sind das beste Mittel, vielleicht das einzige, das allen zugänglich
ist, um in ständigen Kontakt mit den großen Massen
zugelangen, um die Propaganda unserer Ideen zu betreiben, um
sie für die Revolution vorzubereiten und für jede
vorbereitende oder entscheidende Aktion auf die Straße
zu bringen. Sie vermitteln den noch gelehrigen und unterwürfigen
Unterdrückten ein Bewußtsein ihrer Rechte und der
Stärke, die sie in der Einheit mit ihren Gefährten
finden können. In diesen Organisationen begreifen sie,
daß der Unternehmer ihr Feind ist, daß die Regierung,
schon ihrem Wesen nach Dieb und Unterdrücker, stets bereit
ist, die Unternehmer zu schützen und bereiten sich geistig
auf den totalen Umsturz der herrschenden Gesellschaftsordnung
vor.
Außerhalb
der Arbeiterassoziationen können wir weder mündliche
noch schriftliche Propaganda betreiben, keine Arbeits- oder
Aktionsgruppen bilden, nicht bei allen Gelegenheiten unseren
Mann stehen: wir wären niemals imstande, dem Lauf der Ereignisse
unsere Richtung zu geben und müßten uns anderen anschließen,
anderen anbieten, die Nutzen aus unserer Arbeit und unseren
Opfern ziehen würden zu Zwecken, die nicht die unsrigen
oder den unsrigen sogar entgegengesetzt wären.
Im
übrigen sind wir aufgrund unseres Programmes mehr als jede
andere Partei an einer breiten Entwicklung der Arbeiterbewegung
interessiert. Wir wollen nicht regieren und wollen, soweit es
in unseren Kräften steht, verhindern, dass andere regieren,
das heißt mit Gewalt die eigenen Pläne und sozialen
Systeme durchsetzen. Wir wollen, daß sich die neue Gesellschaft
nach dem freien, wechselnden und fortschreitenden Willen der
Massen (zu denen natürlich auch wir gehören) entwickelt,
und zu diesem Zwecke ist es nützlich, ist es notwendig,
daß am Tage der Revolution eine größtmögliche
Anzahl von wie auch immer organisierten Arbeitern vorhanden
ist, die bereit sind, die Produktion fortzusetzen, die notwendigen
Verbindungen unter den einzelnen Ortschaften und Berufsgruppen
herzustellen, für die Verteilung und für alle Bedürfnisse
des Lebens zu sorgen, ohne jemandem die Macht zu geben, mit
der Gewalt der „roten Garden“ den eigenen Willen
und die eigenen Interessen durchzusetzen. Meiner Meinung nach
müßten die Anarchisten daher in alle Arbeiterorganisationen
gehen, dort Propaganda betreiben, Einfluß erringen und
sämtliche Aufgaben und Verantwortungen übernehmen,
die mit ihrer Eigenschaft als Anarchisten vereinbar sind.
Dabei
besteht natürlich die Gefahr der Anpassung, der Abweichung,
der Korruption, und viele schmerzhafte und schimpfliche Beispiele
lassen sich gegen meine These anführen.
Doch
was ist zu tun? Will man handeln, dann muß man auch die
Risiken des Handelns in Kauf nehmen, in diesem Fall moralische
Risiken, und sie durch die Einhaltung einer fest umrissenen
Verhaltensrichtschnur und durch ständige gegenseitige Kontrolle
unter den Genossen zu verringern suchen.
Wenn
es Genossen gibt, die die Anarchie als ein Ideal individueller
und gesellschaftlicher Vervollkommnung betrachten, das vielleicht
in einigen tausend Jahren verwirklicht wird, und glauben, daß
alles, was heute zu tun ist, sich darauf beschränkt, die
Fackel des Glaubens für einige wenige weiterbrennen zu
lassen, dann haben sie gute Gründe, sich in sicherer Entfernung
von unsauberen Kontakten und kompromittierenden Positionen zu
halten.
Doch
die große Mehrheit der Anarchisten und besonders die Mitglieder
der U.A.I. 1 sind der Auffassung - wenn ich
sie richtig verstehe - , daß der Einzelne sich weder vervollkommnen
noch die Anarchie sich - nicht einmal in einigen tausend Jahren
- verwirklichen würde, wenn nicht zuvor in einer von den
bewußten Minderheiten durchgeführten Revolution die
notwendigen Bedingungen der Freiheit und des Wohlstandes geschaffen
werden. Aus diesem Grund wollen wir die Revolution so schnell
wie möglich machen, und dazu müssen wir alle nützlichen
Kräfte und alle geeigneten Gelegenheiten ausnutzen, die
die Geschichte uns bieten mag.
Die
Arbeiterorganisationen können nicht ausschließlich
aus Anarchisten bestehen, und dies wäre auch nicht wünschenswert,
denn dann wären sie ein unnützes Duplikat der anarchistischen
Gruppierungen und würden ihren besonderen Zweck verfehlen.
Die Anarchisten, die in diesen Organisationen arbeiten, können
sich nicht immer als Anarchisten verhalten, wie man sich eben
in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht als Anarchist verhalten
kann, aber sie können anarchistische Gruppen bilden, die
eine Antriebs- und Kontrollfunktion ausüben und soweit
wie möglich ihren anarchistischen Prinzipien treu bleiben
müssen.
Es
gibt in Italien verschiedene, große Arbeiterorganisationen.
Wir müssen in allen aktiv sein und kämpfen, in allen
kann man Propaganda betreiben und ein Vorbild an Tatkraft und
solidarischer Gesinnung sein. Wo es nötig ist, müssen
wir die Organisationen vorziehen, die uns am nächsten stehen,
aber deshalb dürfen wir nicht die anderen dem Monopol unserer
Gegner überlassen.
Wir
müssen uns in der Arbeit, die wir in den verschiedenen
Organisationen leisten, gegenseitig unterstützen und verständigen
und unsere Haltung und unser Vorgehen bei den verschiedenen,
sich uns bietenden Gelegenheiten absprechen und koordinieren.
In
diesem Sinne würde ich vorschlagen, daß alle Anarchisten,
die einigen Einfluß in den Arbeiterorganisationen haben,
untereinander eine permanente Verständigung herstellen
und in regelmäßiger Verbindung bleiben, um gemeinsames
Handeln zu ermöglichen.
Fußnoten:
1.
Die Unione Anarchica Italiana wurde im April 1919 auf
dem Kongreß der Anarchisten in Florenz gegründet.
|
(Umanita
Nova, 26., 27., 28. Oktober 1921)