Der
ökonomische Kampf im Kapitalismus
Errico Malatesta
Die
Syndikalisten sind der Ansicht, daß die Gewerkschaft,
das heißt die Organisation, mit der die Arbeiter gegen
die Habgier der Kapitalisten kämpfen und versuchen, ihnen
ständig bessere Bedingung abzuringen, automatisch zur
vollständigen Befreiung, zur gesellschaftlichen Umgestaltung,
zu Freiheit und Gerechtigkeit für alle führt.
Wir
dagegen meinen, daß der ökonomische Kampf im Kapitalismus
seiner Natur nach zur Spaltung des Proletariats in rivalisierende
Fraktionen führt, von denen es einigen gelingt, sich das
Monopol der besser bezahlten Arbeit zu sichern, während
die anderen - der Großteil - weiterhin im Elend leben
und ständig Arbeitslosigkeit, Knechtschaft und Hunger ausgesetzt
sind. Dies führt schließlich dazu, daß das
Regime sich konsolidiert, indem es eine große Anzahl der
aktivsten und intelligentesten Arbeiter als Komplizen gewinnt:
diese werden quasi unbewußt konservativ, aus Angst, die
privilegierte Position aufs Spiel zu setzen, die sie durch oft
langandauernde und große Opfer errungen haben. Und solange
man auf rein ökonomischem Terrain bleibt, kann dies nicht
verhindert, ja nicht einmal mißbilligt werden.
Als
Beispiel dafür mögen die Ereignisse unter den Hafenarbeitern
dienen.
Da
es im kapitalistischen System trotz des nie aufhörenden
Zwanges ständiger Produktionssteigerung stets tüchtige
und arbeitswillige Menschen gibt, die gerne Arbeit finden oder
diese nicht unter befriedigenden Bedingungen finden und man
als Hafenarbeiter, von einer gewissen Muskelkraft abgesehen,
keine besonderen Fähigkeiten noch eine lange Lehrzeit benötigt,
sind in den Häfen oft mehr Arbeitskräfte vorhanden
als für die vorhandene Arbeit erforderlich. Und so können
Reeder, Händler und Makler von der Konkurrenz profitieren,
die zwangsläufig unter den Hafenarbeitern und den Stellenbewerbern
besteht und ihnen Hungerlöhne zahlen und Bedingungen aufzwingen,
wie sie zur Zeit der Sklaverei herrschten.
Eines
schönen Tages kommt es den rebellischsten, klügsten
und aktivsten Arbeitern in den Sinn, ihre Bedingungen zu verbessern.
Sie sammeln die regulären, sozusagen mit diesem Beruf auf
die Welt gekommenen Arbeiter um sich, organisieren sie, gründen
Vereinigungen und Genossenschaften und können sich unter
Ausnutzung günstiger Umstände das Monopol der Arbeit
mit Löhnen sichern, die ein menschliches Leben ermöglichen.
Die anderen, die Neuankömmlinge und später Hinzugekommenen
bleiben ausgeschlossen und werden nur dann als Hilfsarbeiter
arbeiten können, wenn überreichlich Arbeit vorhanden
ist und es den Genossenschaftsmitgliedern gefällt, sie
anzustellen.
Was
kann gegen dieses Monopol eingewandt werden?
Die
Freiheit der Arbeit? Das Recht aller auf Arbeit?
Wir
sehen, was geschieht, wenn man im System des Kapitalismus Freiheit
fordert!
Die
Faschisten behaupten, daß sie diese Freiheit wollen. In
Wirklichkeit wollen sie mit ihren Methoden brutaler Gewalt und
mit Unterstützung der staatlichen Kräfte die bestehenden
Organisationen zerschlagen, um den Kapitalisten einen Dienst
zu erweisen oder das Monopol der anderen durch ihr eigenes zu
ersetzen. Doch sehen wir, was geschehen würde, wenn wirklich
diese „Freiheit der Arbeit“ eingeführt würde.
Die
Arbeitslosen, die gegenwärtig sehr zahlreich sind, würden
in die Häfen eilen und ihre Arbeitskraft anbieten, während
die Unternehmer die Gelegenheit nutzen und die Löhne senken
würden. Wahrscheinlich würden die bereits arbeitserfahrenen,
alten Hafenarbeiter weiterhin bevorzugt eingestellt werden,
aber sie müßten sehr viel geringere Löhne hinnehmen.
In jedem Fall gäbe es keinen Arbeitsplatz mehr als zuvor,
denn die Arbeit würde wegen der „Freiheit“
nicht zunehmen und die, die arbeiten, würden zu den elenden
Bedingungen zurückkehren, in denen sie sich befanden, als
sie nicht organisiert waren.
Was
könnten wir oder die Syndikalisten unter diesen Bedingungen
tun oder raten?
Wir
können das Monopol nicht billigen, wir können das
Recht aller Arbeiter auf Arbeit nicht verleugnen. Und wir können
auch nicht eine „Freiheit“ verteidigen, die sich
in der Praxis auf eine noch schlimmere Knechtschaft reduziert!
Also?
Also
ist klar, daß der legale ökonomische Kampf, der zwangsläufig
die faktische Anerkennung des Eigentumprivilegs voraussetzt,
eine Sackgasse ist. Es ist menschlich, daß der Arbeiter
schon jetzt versucht, seine Bedingungen zu verbessern und zu
diesem Zweck Mittel anwendet, die jeder Zeit in seinen Möglichkeiten
liegen. Und dies ist auch im Hinblick auf die angestrebte völlige
Befreiung gut, denn ein Mensch, der nicht das Unrecht empfindet,
dessen Opfer er ist, oder sich ihm anpaßt und stillhält,
dient weder sich selbst noch den anderen, weder heute noch morgen.
Aber man darf auch vom Kampf für unmittelbare Verbesserungen
nicht mehr erwarten, als dieser geben kann. Man darf nicht vergessen,
daß dieser Kampf, der doch ein Kampf nur gegen die Unternehmer
zu sein scheint und sein sollte, aufgrund der Notwendigkeit,
den Arbeitslohn zu verteidigen, auch zum Kampf gegen die am
meisten benachteiligten Arbeiter führt. Und daß er
schließlich konservativ und zu einem Element der Reaktion
werden kann, anstatt der Revolution und dem Fortschritt zu dienen,
wie es bei vielen und gerade bei den mächtigsten Arbeitergewerkschaften
der Fall war.
Und
deshalb müssen wir und mit uns alle Parteien des Fortschritts
die Arbeiterorganisationen dazu benutzen, Propaganda zu betreiben
und in den Arbeitern den Geist der Auflehnung gegen die Unternehmer
zu wecken. In ihren Reihen müssen wir versuchen, soweit
wie möglich die Interessen der organisierten Arbeiter mit
denen der nicht organisierten in Einklang zu bringen und vor
allem das Feuer des Ideals, das Fieber der Unzufriedenheit und
der Unduldsamkeit in sie hineintragen.
Alles
in allem ist das Interesse stets konservativ, nur das Ideal
ist revolutionär. Und diejenigen, die das Ideal über
das Interesse stellen, sind es, die die Revolution bestimmen
und bis zum Ende führen können.
(Umanita
Nova, 21. Oktober 1922)