Es gab wohl kaum eine Epoche in der Geschichte der Menschheit,
in der ein einmütiges und vorurteilsfreies Zusammenwirken
aller Völkergruppen so dringend notwendig gewesen wäre
wie gerade heute, um den großen Problemen der Zeit zu
begegnen, von deren Lösung das Schicksal aller abhängig
ist. Alle Probleme, die sich heute vor uns auftürmen,
haben sich zu Weltproblemen ausgewachsen, die man weder umgehen
noch durch politische Neutralität beseitigen kann. Jeder
Versuch einzelner Völker in dieser Richtung muß
nur zu neuen Trugschlüssen führen und die Gefahr
vergrößern, die uns heute von allen Seiten bedroht.
Die meisten Menschen haben auch bereits eine dunkle Vorstellung
von der Unhaltbarkeit der heutigen Zustände, doch nur
eine kleine Minderheit hat bis jetzt klar erkannt, daß
eine neue und vielleicht die größte Katastrophe,
von der die Menschheit je befallen wurde, nur durch eine entschlossene
Abkehr von den alten Wegen der Machtpolitik der Staaten und
der nationalistischen Verblendung der Völker abgewendet
werden kann.
Was uns heute Not tut, ist ein ungetrübter und breiterer
Ausblick über die gesellschaftlichen Notwendigkeiten
der nächsten Zukunft und die klare Erkenntnis, daß
die Fragen, zu deren Lösung wir heute gezwungen sind,
weit über die politischen Abgrenzungen der Staaten hinausgehen
und nicht länger im Sinne nationalistischer Begriffe
zu lösen sind. Vor dem deutsch-französischen Kriege
1870/71 und der wachsenden Militarisierung Europas waren die
nationalistischen Bestrebungen des "Jungen Europa"
und der Glaube an die Unantastbarkeit der Souveränität
kleiner Staaten noch immerhin verständlich; doch das
änderte sich gründlich, als die militärischen
Bündnisse der großen Staaten einsetzten, die den
ganzen Kontinent in feindliche Lager zerklüfteten und
durch ständige Rüstungen die Kriegsgefahr zu einem
Dauerzustand machten, der nur zu einer sozialen Katastrophe
führen konnte und naturgemäß immer neue Katastrophen
zum Gefolge haben muß, so lange die Völker sich
nicht selbst diesem Zustand widersetzen. Sogar diejenigen
Völker, die bis zum Ende des ersten Weltkrieges einem
fremden Joch unterworfen waren und seit vielen Jahren ihre
nationale Unabhängigkeit erstrebten, die sie nun endlich
erreicht hatten, konnten damit nichts gewinnen und gerieten
fast alle in eine Lage, die sich für sie wirtschaftlich
und politisch noch drückender gestaltete als ihre frühere.
Von den neuen Staaten, die sich nach dem ersten Weltkriege
im östlichen Teile Europas entwickelten, hatte nur die
Tschechoslowakei einen Erfolg zu verzeichnen, die sich aus
den früheren österreichischen Provinzen Böhmen,
Mähren, Schlesien und einigen kleineren Distrikten zusammensetzte.
Die Tschechen waren zwar in diesem neuen Staatswesen die stärkste
Volksgruppe, doch bildeten sie noch nicht eine Hälfte
der fünfzehn Millionen seiner Bevölkerung, während
acht Millionen auf Slowaken, Deutsche, Ungarn, Ruthenen und
kleinere Volksgruppen entfielen. Wenn das kleine Land sich
trotzdem so rasch emporarbeiten konnte, so hatte es dies hauptsächlich
zwei Umständen zu verdanken: Es besaß eine Menge
wertvoller Bodenschätze und bildete schon vor seiner
errungenen Unabhängigkeit den wichtigsten Industriebezirk
Österreichs. Dazu kam noch, daß die Tschechen auf
alte demokratische Überlieferungen zurückblicken
konnten und in Masaryk einen geistigen Führer gefunden
hatten, der nie von panslawistischen Ideengängen noch
von den Anschauungen der deutschen Philosophie beeinflußt
wurde und seine föderalistischen und liberalen Bestrebungen
aus westlichen Quellen geschöpft hatte. Er hatte, in
der Tat, sehr viel von dem politischen Ideengut Jeffersons
aufgenommen und hatte manche Ähnlichkeit mit Pi y Margall,
dem großen Vorkämpfer des Föderalismus in
Spanien. Alle anderen Länder aber, die sich damals ihre
nationale Unabhängigkeit errungen hatten, machten sowohl
wirtschaftlich als politisch einen schlechten Tausch, der
ihre Lage wesentlich verschlimmerte, ohne ihnen die geringsten
Vorteile zu bringen, die sie so lange erträumt hatten.
Jeder dieser neuen Staaten gehörte früher einem
bestimmten Wirtschaftsgebiet an und war nun gezwungen, seine
eigene Wirtschaft zu organisieren und den neuen politischen
Verhältnissen anzupassen. Dies aber war schwierig, da
jene Länder im Osten Europas bereits vor ihrer nationalen
Befreiung in einer sehr bedrängten wirtschaftlichen Lage
zu leben gezwungen waren und ihre allgemeinen Lebensbedingungen
auf einer weit tieferen Stufe lagen als an den meisten westlichen
Ländern des Kontinents. Unter diesen Umständen,
die noch durch die allgemeine Wirtschaftskrise nach dem ersten
Weltkriege wesentlich verschärft wurden, waren sie einer
Neugestaltung ihres wirtschaftlichen Lebens in keiner Weise
gewachsen und gerieten immer tiefer in den Zustand einer chronischen
Dauerkrise, die ihre ohnedies schon ärmlichen Lebensbedingungen
noch mehr herabdrückte.
Aber auch die politischen und sozialen Rechte und Freiheiten,
die man von der nationalen Befreiung erhofft hatte, erwiesen
sich sehr bald als eine leere Illusion, die keinen falschen
Kreuzer wert war, denn in den meisten Fällen gestaltete
sich das eigene Joch, das sich jene Völker durch ihre
angebliche nationale Unabhängigkeit selbst auferlegt
hatten, noch viel drückender und unerträglicher
als das fremde, dem sie kaum entronnen waren. Kein Mensch
mit etwas politischer Einsicht wird heute zu behaupten wagen,
daß Polen unter der Herrschaft Pilsudskis und der Diktatur
der Generäle sich größerer politischer Rechte
erfreute als früher unter dem russischen Zarismus und
der preussischen und österreichischen Monarchie. Ungarn,
das sich infolge der numerischen Stärke seiner Bevölkerung
und der revolutionären Überlieferung von 1848/49
unter der Habsburger-Dynastie manche politischen Rechte und
Vorteile errungen hatte, verlor unter der nationalen Diktatur
von Horthy auch die letzten Reste seiner früheren Freiheiten.
Ähnlich gestaltete sich die Lage in Jugoslawien und in
den meisten kleineren Ländern, die nach dem ersten Weltkriege
in die Reihe selbständiger Staaten aufgerückt waren.
Heute aber sind fast alle jene jungen Staaten, zusammen mit
den älteren im Osten Europas, bloß noch Satelliten
der Diktatoren im Kreml und haben jede politische Selbständigkeit,
die sie früher besaßen, vollständig verloren,
so daß sie sich sogar nicht dagegen wehren können,
daß periodisch jetzt Tausende ihrer eigenen Einwohner
gewaltsam nach Rußland verschleppt werden, um in den
Zwangslagern Sklavendienste für den russischen Staat
zu verrichten. Wenn es wirklich noch eines Beweises bedurft
hätte, daß die vorgebliche nationale Unabhängigkeit
kleineren Völkern auch nicht den geringsten Schutz gewährt
gegen die Machtpolitik aggressiver stärkerer Nachbarn,
so hätte der vergangene Weltkrieg den blinden Glauben
an eine solche Möglichkeit gründlich zerstören
müssen, wenn die Völker nach den furchtbaren Ergebnissen
der großen Katastrophe überhaupt noch Imstande
gewesen wären, eine Lehre zu beherzigen, die bis heute
leider so wenig verstanden wurde.

Auch die Tschechoslowakei, konnte ihrem Schicksal nicht entgehen,
obgleich sie von den Umständen mehr begünstigt wurde
als alle anderen der neueren Staaten. Nachdem sie von den
Großmächten schmählich preisgegeben wurde
und Hitler dieselben nationalistischen Bestrebungen, denen
der tschechische Staat seine Existenz zu verdanken hatte,
nunmehr dazu benutzte, die deutschen, slowakischen und andere
Minderheiten desselben Staates gegen Prag aufzuwiegeln, indem
er ihnen ihre nationale Befreiung in Aussicht stellte, um
sie umso besser für seine eigenen machtpolitischen Pläne
mißbrauchen zu können, war das Schicksal der Tschechen
besiegelt. Sogar die Niederlage Hitlers konnte ihnen später
nicht mehr helfen, da sie nur einen Rollenwechsel herbeiführte
und Stalin erlaubte, nur gründlicher fortzusetzen, was
Hitler begonnen hatte. Der indische Philosoph Rablndarath
Tagore sagte einst: "Die Nation ist eines der wirksamsten
Betäubungsmittel, die der Mensch erfunden hat. Unter
dem Einfluß seiner Dünste kann ein ganzes Volk
systemathisch sein Programm unverhüllter Selbstsucht
ausführen, ohne sich im geringsten seiner moralischen
Verderbtheit bewußt zu werden." - Tagore nannte
den Nationalismus eine Lehre des "organisierten"
Egoismus und traf damit den Nagel auf den Kopf; denn unter
dem Deckmantel des Nationalismus läßt sich alles
verbergen. Die nationale Fahne deckt jedes Unrecht, jede Unmenschlichkeit,
jede Lüge und, wenn es sein muß, jedes Verbrechen.
Die kollektive Verantwortlichkeit der Nation erstickt jedes
Gerechtigkeitsgefühl des Einzelwesens und bringt den
Menschen so weit, daß er begangenes Unrecht vollständig
übersieht und sogar als patriotische Tugend preist, wenn
es im Interesse der Nation begangen wird. Da die Anhänger
nationalistischer Anschauungen stets bestrebt sind, nur das
zu sehen, was sie von anderen trennt, so vergessen sie zwar
nie ein Unrecht, das an ihnen selbst begangen wurde, sind
aber stets bereit, dasselbe Unrecht anderen zuzufügen,
wenn es ihren eigenen Bestrebungen Vorteil bringt. Es ist
diese Engherzigkeit des Denkens, die allen nationalistischen
Bestrebungen eigen ist und ihre Anhänger stets dazu verleitet,
jede Erscheinung des Weltgeschehens vom Standpunkt ihrer kleinen
Interessengemeinschaft zu beurteilen, da sie sich selbst jeden
breiteren Ausblick verstellt haben. Diese beschränkte
geistige Einstellung macht sie nicht nur völlig unfähig,
große Fragen, die für alle Völker die gleiche
Bedeutung haben, ohne Vorurteil zu bewerten; sie ist auch
die Ursache, weshalb gerade nationale Bewegungen kleinerer
Völker so häufig von den Machthabern großer
Staaten mißbraucht werden konnten, um ihre eigenen machtpolitischen
Interessen durch Vorspieglung falscher Tatsachen zu fördern.
Schon Napoleon I. versuchte mit gutem Erfolg die nationalen
Bestrebungen unterdrückter Völker seinen eigenen
Machtplänen dienstbar zu machen. Die Außenpolitik
Lord Palmerstons zur Aufrechterhaltung des "politischen
Gleichgewichts" auf dem Kontinent stützte sich wesentlich
auf seine angebliche Sympathie für die Sache der nationalen
Minderheiten unter fremdem Joch, was ihn aber durchaus nicht
verhinderte, sie schnöde im Stich zu lassen, wenn sie
seine Hilfe am nötigsten gebrauchten. Napoleon III.,
der sich mit Vorliebe als Befürworter der nationalen
Einheit Italiens aufspielte, blieb trotzdem ein guter Sachwalter
seiner eigenen Interessen und zögerte keinen Augenblick,
mit beiden Händen zuzugreifen, um Savoyen und Nizza Frankreich
einzuverleiben, als der günstige Moment dazu gekommen
war. Hitler folgte nur den Spuren seiner älteren Vorgänger,
wenn er den Nationalismus als Köder benutzte, um andere
in die Falle zu locken, die dumm genug waren, seinen Beteuerungen
zu glauben. Nach seinem Sturz blieb Stalin der lachende Erbe,
der heute dasselbe Trugspiel fortsetzt, um blinde Massen auf
den Leim zu führen, die ebensowenig etwas gelernt haben
wie so viele andere vor ihnen. Das Beschämendste ist,
daß dieser Falschspielertrick berechneter Verlogenheit
und infamer Heuchelei noch immer zugkräftig ist, um aufgepeitschte
Massen zu betören, die da glauben, ihren eigenen Interessen
zu dienen und keine Ahnung haben, daß sie nur als Schachfiguren
für ein anderes Spiel mißbraucht werden. Wer in
der Tat die außenpolitischen Bestrebungen Stalins und
der Männer im Kreml lediglich nach den Resolutionen künstlich
organisierter Friedenskongresse und den Beteuerungen der internationalen
kommunistischen Presse beurteilt, könnte wirklich glauben,
daß es den russischen Machthabern um weiter nichts zu
tun ist, als die Völker Asiens und Afrikas von den letzten
Resten des "westlichen Imperialismus" zu befreien
und ihnen ihre nationale Unabhängigkeit zu sichern. Gegen
ein so lobenswertes Unterfangen wäre gewiß nichts
einzuwenden, denn die Epoche der Kolonialpolitik war gewiß
kein Ruhmesblatt und gehört zweifellos zu den dunkelsten
Kapiteln zeitgenössischer Geschichte. Doch nur wenige
fragen sich, weshalb Stalin und seine Gefolgsmänner dasselbe
Rezept, das sie so freigebig anderen verschreiben, nicht auf
Rußland selber anwenden oder, was von dem mächtigen
russischen Staate, der über ein Sechstel der ganzen Erdoberfläche
einnimmt, noch übrig bliebe, wenn man seine Expansionspolitik
mit demselben Maßstab messen würde wie die des
westlichen Imperialismus. Das kleine Fürstentum Moskau,
das sich im 13. Jahrhundert entwickelte und aus dem später
der heutige russische Staat hervorgegangen ist, war ein recht
bescheidener Anfang. Allein dieser kleine Staat hat im Laufe
von vier Jahrhunderten nicht nur die ganzen baltischen Länder,
die Gebiete vom Nördlichen Eismeer bis zum Schwarzen
Meer, Polen, das Fürstentum Kiew und die Ukraine und
die Regionen des Kaukasus unter seine Botmäßigkeit
gebracht; er hat auch nach und nach große Teile von
Zentralasien und die ganze ungeheuere Landfläche vom
Ural bis zum Stillen Ozean annektiert, obgleich die meisten
der unterworfenen Völkerschaften, sowohl ihrer Sprache
als ihrer Abstammung nach, mit dem eigentlichen russischen
Volke ebensowenig Verwandtschaft hatten wie die Völker
Indiens, Burmas, Indochinas, Milanesiens und der ganzen arabischen
Welt in Asien und Nordafrika mit England, Frankreich, Italien
oder Holland.
Wenn alle Völker, die heute dem russischen Staat zwangsläufig
unterworfen sind, die freie Wahl besäßen, sich
von der UdSSR zu trennen, so würde wohl von diesem mächtigen
politischen Gebilde sehr wenig übrig bleiben. Doch das
ist nicht alles: Als nach dem Ausbruch der Russischen Revolution
und besonders nach dem Staatsstreich der Bolschewiki im November
1917 unter den von Rußland unterworfenen Völkerschaften
sich starke Unabhängigkeitsbestrebungen bemerkbar machten,
war die damals noch schwache Regierung Lenins gezwungen, die
nationale Unabhängigkeit verschiedener dieser Völker
anzuerkennen und feierlich zu bestätigen. So lesen wir
in dem am 2. Februar 1920 abgeschlossenen Vertrag von Tartu
zwischen Estland und der Sowjetunion: "Nach dem Grundsatz,
daß jedes Volk das Recht besitzt, über sein eigenes
Schicksal zu bestimmen und sogar sich vollständig von
dem Staate zu trennen, dem es bisher verpflichtet war, erklärt
die Föderalistische Sozialistische Sowjet-Republik, daß
Rußland, ohne Vorbehalt die Unabhängigkeit und
Autonomie des Staates Estland anerkennt und freiwillig und
für immer alle seine früheren Rechte der Souveränität
über das estische Volk und Territorium aufgibt; und daß
alle solche Rechte, die auf Grund einer gewesenen legalen
Situation und auf Grund internationaler Verträge in Kraft
waren, von heute ab keine Gültigkeit mehr besitzen."
Auch die Verträge mit Lettland im November 1917 und mit
Litauen 1918 waren fast im selben Wortlaut abgefaßt.
Heute wissen wir, daß alle diese Verträge nicht
das Papier wert waren, auf dem sie feierlich beschworen wurden.
Estland, Lettland und Litauen sind heute unter sowjetischer
Herrschaft mehr versklavt, als sie es je unter dem Zarismus
gewesen sind. Die Sozialistische Kaukasische Republik wurde
bald im Anfang mit Waffengewalt unterdrückt; Finnland
lebt heute im Schatten russischer Bajonette; die größere
Hälfte Polens wurde Rußland wieder einverleibt
und die kleinere Hälfte wird wie eine russische Provinz
regiert, wie alle Satellitenstaaten im Osten Europas. Alle
Verträge, die in dieser Hinsicht von der Sowjet-Union
geschlossen würden, wurden der Reihe nach von Stalin
gebrochen. Rußland hat nicht nur nach dem zweiten Weltkriege
einen beträchtlichen Gebietszuwachs erhalten und ist
heute größer als es unter dem Zarismus je gewesen
ist; es hat auch einen mächtigen Vorstoß nach Westen
gemacht, wie er keinem russischen Zaren gelungen ist, nicht
zu reden von dem gewaltigen Einfluß, den es sich in
Asien errungen hatte. Man sollte denken, daß ein Land,
das sich im Laufe seiner Geschichte auf die Kosten, fremder
Völker zum größten Staatswesen der Welt entwickeln
konnte, am allerletzten dazu berufen wäre, sich zum Anwalt
für die nationale Befreiung unterdrückter Nationen
aufzuspielen. Doch die Männer im Kreml wissen ganz genau,
was sie der heutigen chaotischen Welt bieten dürfen,
und ihre unermüdliche Propagandamaschine findet stets
neue Schlagworte, um unwissende Massen zu benebeln und ihnen
ihre wahren Absichten zu verschleiern. Der ganze Taumel, der
heute die islamitische Welt von Iran bis Marokko erfaßt
hat, ist ein schlagendes Beispiel, wie solche Vorkommnisse
durch fremde Einflüsterungen künstlich erzeugt werden
können. Wenn es sich in diesem Falle wirklich um einen
Aufstand unterdrückter Völker handeln würde,
die von einer günstigen Gelegenheit Gebrauch machen,
wenn schon nicht, um ihre soziale Befreiung zu erkämpfen
- dazu gehören ganz andere geistige Voraussetzungen,
die bis jetzt in der islamitischen Welt nicht zu finden sind
- so doch wenigstens, um eine bessere Lebenslage für
sich selbst zu gewinnen, so könnte man ihnen nur Glück
dazu wünschen. Dach davon ist leider nicht die Rede.
Der ganze arabische Nationalismus war von Anfang an ein künstliches
Gebilde, dessen Entstehung viel mehr der auswärtigen
Politik rivalisierender europäischer Großmächte
zu verdanken ist als den eigentlichen Bestrebungen der zahlreichen
arabischen Völkerschaften. Den Beduinenstämmen,
die in manchen arabischen Staaten einen beträchtlichen
Teil der Bevölkerung bilden, war der Begriff des Nationalismus
schon deshalb fremd, weil sie als Nomaden überhaupt keine
festen Wohnstätten besitzen. Die meisten arabischen Völker
waren vor dem ersten Weltkriege dem türkischen Staat
unterworfen. Als die Türkei aber beim Ausbruch des Krieges
sich auf die Seite Deutschlands und Österreichs stellte,
trat im Oktober 1915 Sir Henry Macmahon im Auftrag der britischen
Regierung mit dem Emir Hussein, dem Sharif von Mekka, in Verbindung
und erklärte ihm, daß seine Regierung bereit sei,
sich für die nationale Unabhängigkeit aller arabischen
Völker von der Roten See bis zum Mittelländischen
Meer; d. h. für Arabien, Syrien und Mesopotamien, mit
der Ausnahme einiger kleineren Landesteile, einzusetzen. Dies
war der eigentliche Anfang der panarabischen Bewegung und
der Arabischen Liga. Bei all diesen Vorgängen wurden
die Völker selbst nicht zu Rat gezogen, deren große
Mehrheit überhaupt kein Verständnis für die
inneren Zusammenhänge des Spieles hatte, in dem ihnen
lediglich die Rolle stummer Mitspieler zugedacht war wie den
Statisten auf einer Theaterbühne. Es waren Verhandlungen
zwischen einer europäischen Großmacht und einer
handvoll kleiner orientalischer Potentaten, die ihre Völkerschaften
gewiß nicht besser behandelten als irgendein Fremdherrscher.
Man darf überhaupt nie vergessen, daß der gesamte
arabische Nationalismus seine ganze Existenz nur einer kleinen
intellektuellen Schichte zu verdanken hatte und von den kleinen
arabischen Machthabern unterstützt wurde, weil sie glaubten,
ihre dynastischen Interessen damit fördern zu können,
wobei die größeren von ihnen stets von dem Wunsch
besessen waren, die neue Idee von der Arabischen Bruderschaft
früher oder später dazu benutzen zu können,
um die Hegemonie über die arabische Welt zu erringen.
Die Völker spielten dabei überhaupt keine Rolle.
Tatsache ist, daß in allen neueren arabischen Staaten,
trotz ihrer angeblichen Unabhängigkeit, sich die geistige
und materielle Lage der breiten Massen des Volkes in keiner
Weise geändert hat.
Nach dem ersten Weltkriege aber wurden von den englischen
Versprechungen nur wenige eingehalten. Bei den Friedensverhandlungen
wurde Großbritannien mit dem Mandat über Irak,
Palästina und Transjordanien betraut, während das
Mandat über Syrien Frankreich zufiel. Die Folge war,
daß die sogenannte panarabische Bewegung, die zuerst
ausgesprochen pro-britisch war, nunmehr immer offensichtlicher
ins anti-britische und anti-französische Lager umschwenkte.
Das zeigte sich besonders deutlich, als Mussolini in seiner
bekannten Rede sich als Protektor der islamitischen Welt vorstellte
und durch Rundfunkpropaganda aus Rom die Araber für seine
Interessen zu ködern versuchte. Er hatte auch Erfolg,
denn die kleinen arabischen Machthaber liebäugelten damals
mit dem faschistischen Italien, wie sie heute mit Stalin liebäugeln.
Es ist dies eine der schwächsten und gefährlichsten
Seiten jedes Nationalismus, welchen Namen er immer tragen
mag. In ihrer blinden Verbohrtheit, die stets an die engsten
Interessen einer bestimmten Menschengruppe gebunden ist, sind
seine Träger stets bereit, sich irgendeinem politischen
Abenteurer in die Arme zu werfen, der ihnen durch verlogene
Versprechungen falsche Hoffnungen vorgaukelt, ohne sich im
geringsten darum zu kümmern, daß sie damit häufig
die brutalste Reaktion fördern helfen, die nicht nur
der ganzen Menschheit, sondern auch ihren eigenen Bestrebungen
zum Verderben ausschlagen muß. Das zeigte sich gerade
in diesem Falle mit unverhüllter Deutlichkeit. War die
Stellung der arabischen Kleinherrscher der Sache der Alliierten
im zweiten Weltkriege durchaus nicht günstig, so verwandelte
sie sich später nach der Gründung des Jüdischen
Staates in Palästina in unversöhnliche Feindschaft,
die sich heute immer mehr zu einem ungezügelten, fanatischen
Haß gegen alle Fremden auswächst. Das ist aber
gerade, was wir in der heutigen gefährlichen Lage am
wenigsten brauchen können, denn blinder Fanatismus unterbindet
nicht nur jede Möglichkeit einer gegenseitigen Verständigung,
er kann bei den heutigen Zuständen auch sehr leicht eine
neue Katastrophe heraufbeschwören, deren Tragweite gar
nicht zu ermessen ist. In der Tat ist heute im Nahen Orient
ein Zustand entstanden wie früher im Balkan, der jahrzehntelang
ein offenes Pulverfaß gewesen ist, das jeden Augenblick
durch innere und äußere politische Intrigen explodieren
konnte, was endlich auch wirklich geschehen ist.
Wir sind heute an einer Grenzscheide unserer Geschichte angelangt,
wo uns engstirniger Nationalismus nicht mehr weiter helfen
kann, weil er vollständig unfähig ist, der heutigen
Situation zu begegnen. Er kann nur durch seine fanatische
Verblendung der Machtpolitik neues Wasser auf die Mühlen
liefern und das alte Spiel fortsetzen, in dem es nur betrogene
Betrüger und geprellte Völker gibt.