Bürgerinnen
und Bürger!
Nicht
ohne gewisse Bedenken habe ich mich entschlossen, die Philosophie
und das Ideal des Anarchismus als Sujet dieses Votrags zu
wählen.
Diejenigen,
die überzeugt sind, daß der Anarchismus nur ein Haufen von
ZukunftsVisionen und ein unbewußter Vorstoß auf die Zerstörung
der ganzen gegenwärtigen Zivilisation ist, sind noch sehr
zahlreich, und man müßte, um durch die Vorurteile unserer
Erziehung einen Weg zu bahnen, vielleicht in Erörterungen,
sich einlassen, die man nur schwer in einem Vortrag behandeln
kann. Haben nicht erst vor 2 oder 3 Jahren die großen Pariser
Zeitungen behauptet, die einzige Philosophie des Anarchisten
sei die Zerstörung, sein einziges Argument die Gewalt?
Indessen
hat man neuerdings so viel von den Anarchisten geredet,
daß schließlich ein Teil des Publikums unsere Lehren gelesen
und diskutiert hat. Manchmal hat man sich sogar die Mühe
gemacht, über sie nachzudenken, und in diesem Moment ist
das zumindest ein Gewinnpunkt. Man gibt gern zu, daß der
Anarchist ein Ideal besitzt; man erachtet dieses sogar als
zu schön, als zu erhaben für eine Gesellschaft, die nicht
nur aus Elitemenschen besteht. Aber - ist es nicht reichlich
prätentiös, wenn ich dort von einer Philosophie spreche,
wo es nach dem Urteil unserer Kritiker lediglich blasse
Visionen einer fernen Zukunft gibt? Kann der Anarchismus
vorgeben, eine Philosophie zu besitzen, wenn man sie als
sozialistische Philosophie anzuerkennen sich weigert?
Darauf
will ich mit jeder nur möglichen Präzision und Klarheit
zu antworten versuchen, Sie schon im voraus um Entschuldigung
bittend, wenn ich hier ein oder zwei Beispiele wiederhole,
die ich bereits in einem in London gehaltenen Vortrag angeführt
habe, und die, so scheint es mir,besser zu begreifen gestatten,
was unter Philosophie des Anarchismus zu verstehen ist.Sie
werden es mir gewiß nicht verübeln, wenn ich zuerst einige
den Naturwissenschaften entnommene Elementarbeispiele anführe.
Nicht, um aus ihnen unsere gesellschaftlichen Ideen abzuleiten.
Keineswegs! Sondern einfach, um gewisse Zusammenhänge stärker
hervortreten zu lassen, die an den von den exakten Wissenschaften
festgestellten Phänomenen leichter zu begreifen sind, als
wenn man sich seine Beispiele allein unter den so komplexen
Fakten der menschlichen Gesellschaften sucht.
Was
uns an den exakten Wissenschaften in diesem Moment vor allem
frappiert, ist die seit einigen Jahren vonstattenge-hende
tiefreichende Veränderung ihrer ganzen Art, die Tatsachen
des Universums zu erfassen und zu interpretieren. Es gab,
wie Sie wissen, eine Zeit, als der Mensch sich die Erde
im Mittelpunkt des Weltalls vorstellte. Die Sonne, der Mond,
die Planeten und die Sterne schienen sich um unseren Erdball
zu drehen, und dieser stellte für den Menschen, der ihn
bewohnte, den Mittelpunkt der Schöpfung dar. Er selbst -
das höhere Wesen auf seinem Planeten - war der Auserwählte
des Schöpfers. Die Sonne, der Mond, die Sterne waren nur
seinetwegen da; auf ihn richtete seine ganze Aufmerksamkeit
ein Gott, der über die geringste seiner Handlungen wachte,
der für ihn die Sonne in ihrem Lauf aufhielt, der auf den
Wolken dahinschwebte, aus denen er Regen oder Donner über
Stadt und Land ergoß, die Tugenden der Bewohner zu belohnen
oder ihre Verbrechen zu bestrafen. Jahrtausende hindurch
hat der Mensch das Universum so aufgefaßt. Sie wissen jedoch,
welch ungeheure Veränderung im 16. Jahrhundert alle Vorstellungen
des Menschen erfuhren, als ihm bewiesen wurde, daß die Erde
- weit davon entfernt, der Mittelpunk; des Universums zu
sein - bloß ein Staubkorn im Sonnensystem ist - nichts als
ein Ball,-viel kleiner als die anderen Planeten; daß selbst
die Sonne, dieses, verglichen mit unserer kleinen Erde,
ungeheure Gestirn, nur ein Stern unter den zahllosen anderen
Sternen ist, die wir am Himmel glänzen, in der Milchstraße
wimmeln sehen. Wie winzig erschien der Mensch angesichts
dieser grenzenlosen Weite, wie lächerlich erschienen seine
Ansprüche! In der gesamten Philosophie der Epoche, in allen
sozialen und religiösen Vorstellungen sind die Nachwirkungen
dieses Wandels der kosmo-gonischen Ideen zu verspüren. Aus
dieser Epoche stammen erst die Naturwissenschaften, deren
gegenwärtige Entwicklung uns so stolz macht. Aber eine noch
tiefergehende Veränderung von viel größerer Tragweite bahnt
sich eben in all unseren Wissenschaften an, und der Anarchismus
ist, wie Sie sehen werden, bloß eine der mannigfaltigen
Manifestationen dieser Evolution. Er ist nur einer der Zweige
der sich ankündigenden neuen Philosophie.
Nehmen
Sie irgendein astronomisches Werk vom Ende des vergangenen
oder vom Anfang unseres Jahrhunderts. Sie werden darin unseren
kleinen Planeten selbstverständlich nicht mehr als Mittelpunkt
des Universums finden. Doch werden Sie bei jedem Schritt
der Vorstellung von einem ungeheuren Zentralgestirn begegnen:
der Sonne, die mit ihrer gewaltigen Anziehungskraft unsere
Planetenwelt beherrscht. Von diesem Zentralgestirn strahlt
eine Kraft aus, die den Gang seiner Satelliten leitet und
die Harmonie des Systems aufrechterhält. Aus einer zentralen
Agglomeration hervorgegangen, sind die Planeten sozusagen
nur deren Knospen. Dieser Agglomeration verdanken sie ihre
Entstehung; dem strahlenden Gestirn, von dem sie noch immer
abhängig sind, verdanken sie alles: den Rhythmus ihrer Bewegungen,
'ihre weise in gehörigem Abstand angelegten Umlaufbahnen,
das Leben, das sie beseelt und ihre Oberfläche schmückt.
Und sollten irgendwelche Störungen ihren Lauf beirren und
sie von ihrer Umlaufbahn abbringen, stellt das Zentralgestirn
die Ordnung im System wieder her; es sichert, es verewigt
ihre Existenz.
Diese
Vorstellung geht nun ebenso dahin, wie die andere dahingegangen
ist. Nachdem der Astronom seine ganze Aufmerksamkeit auf
die Sonne und die großen Planeten gerichtet hat, begibt
er sich jetzt an das Studium der unendlich kleinen Teilchen,
die das Universum bevölkern. Und er entdeckt das kleine,
unsichtbare Schwärme von Materie die interplanetarischen
Räume in allen erdenklichen Richtungen bevölkern und durchziehen,die
wenn man sie je für sich betrachtet, bedeutungslos sind,
kraft ihrer Zahl aber allmächtig. Unter diesen Massen sind
einige, wie der Meteor, der neulich in Spanien Schrecken
verbreitete, noch ziemlich groß; andere wiegen kaum einige
Gramm oder Zentigramm, während um sie herum fast mikroskopisch
kleine Staubkörnchen schweben, die den Raum ausfüllen.
Und
aus diesen Staubkörnchen, diesen unendlich kleinen Teilchen,
die den Weltenraum in alle Richtungen mit schwindelerregender
Geschwindigkeit durcheilen, die überall und andauernd zusammenstoßen,
sich zusammenballen und auseinanderfallen, aus diesen, sage
ich, sucht der Astronom heute den Ursprung unseres Systems
zu erklären, die Sonne, die Planeten und Satelliten und
die seine verschiedenen Teile beseelenden Bewegungen und
die Harmonie des Ganzen. Noch ein Schritt weiter, und selbst
die universelle Anziehungskraft wird bald nicht mehr denn
eine Resultante aller ungeordneten und unzusammenhängenden
Bewegungen dieser unendlich kleinen Teilchen sein - der
Atomschwingungen in alle möglichen Richtungen.
So
ist der einmal von der Erde auf die Sonne verlegte Mittelpunkt,
der Ursprung der Kraft, jetzt zersplittert, zerstreut: er
ist überall und nirgends. Mit dem Astronomen bemerkt man,
daß die Sonnensysteme nur das Werk der unendlich kleinen
Teilchen sind, daß die Kraft, die man für die das System
beherrschende hielt, vielleicht selbst nur die Resultante
der Zusammenstöße dieser unendlich kleinen Teilchen ist;
daß die Harmonie der Sternensysteme nur deshalb eine Harmonie
ist, weil sie eine Anpassung, eine Resultante aller dieser
unzählbaren, sich addierenden, sich vervollständigenden,
sich gegenseitig im Gleichgewicht haltenden Bewegungen ist.
Das ganze Bild des Universums verwandelt sich mit dieser
neuen Vorstellung. Der Gedanke an eine die Welt regierende
Kraft, an ein präetabliertes Gesetz, an eine prästabilierte
Harmonie, verschwindet, um jener Harmonie Platz zu machen,
die Fourier einst geahnt hatte und die nur die Resultante
dieser unzählbaren, jeder seinen eigenen Weg gehenden und
einander im Gleichgewicht haltenden Schwärme von Materie
ist.
Wäre
es übrigens nur die Astronomie, die jener Verwandlung unterliegt!
Aber nein, die gleiche Veränderung findet ohne Ausnahme
in den Philosophien aller Wissenschaften statt, jenen, die
die Natur, wie jenen, die die menschlichen Beziehungen behandeln.
In der Physik verschwinden die Wesenheiten Wärme, Magnetismus,
Elektrizität. Spricht heute ein Physiker von einem erhitzten
oder elektrisierten Körper, sieht er keine leblose Masse
mehr, der sich eine unbekannte Kraft zugesellt. Er bemüht
sich, in diesem Körper und in dem ihn umgebenden / Raum
den Gang, die Schwingungen der unendlich kleinen Atome zu
erkennen, die in alle Richtungen drängen, schwingen, sich
bewegen, leben und durch ihre Schwingungen, ihre Zusammenstöße,
ihr Leben die Phänomene Wärme, Licht, Magnetismus oder Elektrizität
erzeugen.

In
den Wissenschaften, die das organische Leben behandeln,
tritt die Vorstellung von der Spezies und ihren Variationen
zurück und wird durch die Vorstellung vom Individuum ersetzt.
Botaniker und Zoologe studieren das Individuum -sein Leben,
seine Anpassung an die Umwelt. Veränderungen, die die Individuen
unter der Einwirkung von Trockenheit oder Feuchtigkeit,
Wärme oder Kälte, des Überflusses oder des Mangels an Nahrung,
ihrer mehr oder minder starken Sensibilität gegenüber den
Einflüssen des äußeren Milieus erfahren, gebären die Spezies;
und die Variationen der Spezies sind für den Biologen lediglich
Resultanten - Summen von Veränderungen, die jedes Individuum
separat erfährt. Die Spezies wird sein, was die Individuen
sein werden, von denen ein jedes den zahllosen Einflüssen
der Umwelt, in der es lebt, ausgesetzt ist und auf die es
auf seine Art reagiert. Und wenn der Physiologe von dem
Leben einer Pflanze oder eines Tieres spricht, so sieht
er dabei eher eine Agglomeration, eine Kolonie von Millionen
gesonderter Individuen, als eine einzige und unteilbare
Persönlichkeit. Er spricht von einer Föderation von Verdauungs-,
Sinnes-, Nervenorganen etc.,alle sehr eng miteinander verknüpft,
alle den Rückwirkungen des Wohlbefindens oder Unwohlseins
jedes anderen ausgesetzt, doch jedes sein eigenes Leben
lebend. - Jedes Organ, jeder Teil eines Organs ist wiederum
aus unabhängigen Zellen zusammengesetzt, die sich assoziieren,
um gegen die für ihre Existenz ungünstigen Bedingungen zu
kämpfen. Das Individuum ist eine ganze Welt von Föderationen,
es ist ein ganzer Kosmos für sich allein!
Und
in dieser Welt sieht der Physiologe die autonomen Zellen
des Bluts, der Gewebe, der Nervenzentren; er erkennt die
Milliarden weißer Blutkörperchen, die Phagozyten, die zu
den von Mikroben infizierten Stellen des Körpers drängen,
um den Eindringlingen eine Schlacht zu liefern. Mehr noch:
in jeder mikroskopischen Zelle entdeckt er heute eine Welt
autonomer Elemente, deren jedes sein eigenes Leben lebt,
für sich selbst Wohlbefinden sucht und dieses durch Gruppenbildung,
durch Assoziation mit anderen Elementen erreicht. Kurz,
jedes Individuum ist ein Kosmos von Organen, jedes Organ
ist ein Kosmos von Zellen, jede Zelle ist ein Kosmos unendlich
kleiner Teilchen; und in dieser komplexen Welt hängt das
Wohlbefinden des Ganzen voll und ganz von der Summe des
Wohlbefindens ab, dessen sich jede der geringsten mikroskopischen
Parzellen der belebten Materie erfreut. Für die Philosophie
des Lebens bedeutet das eine vollständige Revolution.
Vor
allem aber in der Psychologie hat diese Revolution Folgen
von größter Tragweite. Noch vor kurzem sprach der Psychologe
vom Menschen als von einem einzigen und unteilbaren Gesamtwesen.
Treu der kirchlichen Tradition beliebte er die Menschen
in.gute und schlechte, kluge und dumme, egoistische und
altruistische zu klassifizieren. Selbst bei den Materialisten
des 18. Jahrhunderts hielt sich noch die Vorstellung von
der Seele als einer unteilbaren Einheit aufrecht. Aber was
dächte man heute von einem Psychologen, der noch diese Sprache
spräche! Der Psychologe unserer Tage sieht im Menschen eine
Vielfalt separater Fähigkeiten, autonomer Neigungen, die
einander gleichwertig sind, aber unabhängig voneinander
funktionieren, sich ausgleichen, einander beständig widersprechen.
Als Ganzes genommen ist für ihn der Mensch nichts als eine
stets veränderliche Resultante all dieser verschiedenen
Fähigkeiten, all dieser autonomen Tendenzen der Gehirnzellen
und Nervenzentren. Sie alle sind untereinander soweit verbunden,
daß sie alle aufeinander reagieren, aber sie leben ihr eigenes
Leben, ohne einem Zentralorgan - einer Seele - untergeordnet
zu sein.
Ohne
daß ich auf weitere Einzelheiten eingehe, ersehen Sie nun,
daß in den gesamten Naturwissenschaften momentan eine tiefreichende
Veränderung stattfindet. Nicht als ob sie ihre Analyse bis
in Details trieben, die man früher vernachlässigt hätte.
Nein! Es sind keine neuen Tatsachen, doch die Betrachtungsweise
ist im Begriff, sich zu entwickeln, und wenn man diese Tendenz
in wenigen Worten charakterisieren sollte, könnte man sagen,
daß die Wissenschaft, widmete sie sich ehemals dem Studium
der großen Resultate und großen Summen (den Integralen,
wie der Mathematiker sagen würde), es sich heute vor allem
angelegen sein läßt, die unendlich kleinen Teilchen zu untersuchen,
die Individuen, aus denen jene Summen sich zusammensetzen,
und deren Unabhängigkeit und Individualität wie ingleichen
ihre intime Vereinigung sie endlich erkannt hat.
Was
die Harmonie anbetrifft, die der menschliche Geist in der
Natur entdeckt, und die im Grunde nur die Bestätigung einer
gewissen Stabilität der Phänomene ist, so erkennt der moderne
Gelehrte sie heute zweifellos mehr an als je zuvor. Aber
er sucht sie nicht mehr aus der Wirkung von nach einem gewissen
Plan entworfenen Gesetzen zu erklären, die von einem mit
Verstand begabten Willen vorherbestimmt seien.
Was
man »Naturgesetz« nannte, ist lediglich eine von uns angenommene
Beziehung zwischen gewissen Phänomenen, und jedes »Naturgesetz«
nimmt einen konditionellen Kausalitätscharakter an; d. h.:
falls ein bestimmtes Phänomen sich unter bestimmten Bedingungen
einstellt, wird es ein bestimmtes anderes zur Folge haben.
Kein Gesetz mehr jenseits des Phänomens:das Phänomen,nicht
das Gesetz,beherrscht das auf es folgende. Es gibt nichts
Vorherbestimmtes in dem, was wir die Harmonie der Natur
nennen. Die Zufälligkeit der Zusammenstöße und Begegnungen
hat genügt, das zu beweisen. Ein bestimmtes Phänomen wird
Jahrhunderte Bestand haben, weil die Anpassung, das Gleichgewicht,
das es darstellt, Jahrhunderte zu seiner Entstehung benötigt
hat, während ein bestimmtes anderes Phänomen nur einen Augenblick
bestehen wird, wenn jenes momentane Gleichgewicht in einem
Augenblick geboren wird. Wenn die Planeten unseres Sonnensystems
nicht täglich zusammenstoßen und einander zerstören, wenn
sie Millionen Jahrhunderte wären dann weil sie ein Gleichgewicht
darstellen, das als Resultante von Millionen blinder Kräfte
Millionen Jahrhunderte zu seiner Entstehung benötigt hat.
Wenn die Kontinente nicht andauernd von vulkanischen Stößen
vernichtet werden, dann kommt das daher, daß sie Tausende
und Abertausende Jahrhunderte gebraucht haben, um Molekül
für Molekül erbaut zu werden und ihre jetzige Gestalt anzunehmen.
Doch der Blitz dauert nur einen Augenblick, weil er eine
momentane Störung des Gleichgewichts, eine plötzliche Neuverteilung
der Kräfte darstellt. Die Harmonie erscheint so als ein
zwischen allen Kräften etabliertes zeitweiliges Gleichgewicht,
als eine .provisorische Anpassung; und dieses Gleichgewicht
wird nur unter einer Bedingung Dauer haben: daß es sich
fortwährend ändert, daß es in jedem Augenblick die Resultante
sämtlicher widersprüchlichen Wirkungen darstellt. Ist nur
eine einzige dieser Kräfte für einige Zeit in ihrer Wirkung
behindert, wird die Harmonie verschwinden. Die Kraft wird
ihre Wirkung akkumulieren, sie muß sich Bahn brechen, sie
muß ihre Wirkung tun, und wenn andere Gewalten sie hindern,
sich zu manifestieren, so wird sie sich deshalb nicht auflösen,
sondern am Ende das Gleichgewicht zerstören, die Harmonie
zerschlagen, um zu einer neuen Gleichgewichtslage zu finden
und auf eine neue Anpassung hinzuarbeiten. So kommt es zum
Ausbruch eines Vulkans, dessen eingekerkerte Kraft endlich
die versteinerte Lava zerbricht, die ihn hinderte, Gas,
Lava und glühende Asche auszuspeien. So entstehen Revolutionen.
Eine
analoge Umwandlung findet gleichzeitig in den Wissenschaften
statt,die den Menschen behandeln. Hier sehen wir ebenfalls,
daß die Geschichte, nachdem sie eine Geschichte der Königreiche
gewesen ist, zur Geschichte der Völker und schließlich zum
Studium der Individuen zu werden strebt. Der Historiker
will wissen, wie die Glieder einer bestimmten Nation in
einer bestimmten Epoche lebten, welche Glaubenssätze und
Existenzmittel sie besaßen, welches gesellschaftliche Ideal
ihnen vorschwebte, und über welche Mittel sie verfügten,
sich diesem Ideal zu nähern. Und aus dem Wirken all dieser
früher vernachlässigten Kräfte wird er die großen geschichtlichen
Phänomene erklären. Ebenso begnügt sich der Gelehrte, der
die Rechtswissenschaften studiert, nicht mehr mit der Untersuchung
dieses oder jenes Gesetzbuchs. Wie der Ethnologe will er
die Genesis der einander ablösenden Einrichtungen kennenlernen;
er verfolgt ihre Entwicklung durch die Zeitalter und hält
sich bei diesem Studium weniger an das geschriebene Gesetz
als an die lokalen Gebräuche, das »Gewohnheitsrecht«, in
dem der konstruktive Geist der unbekannten Massen in jeder
Epoche seinen Ausdruck gefunden hat. Eine ganz neue Wissenschaft
entsteht diesermaßen und verspricht, die etablierten Vorstellungen,
die wir in der Schule gelernt haben, umzuwälzen und dahin
zu gelangen, die Geschichte in derselben Weise zu interpretieren
wie die Naturwissenschaften die Phänomene der Natur.
Die
Volkswirtschaft endlich, die in ihren Anfängen ein Studium
des Reichtums der Nationen war, wird heute zum Studium des
Reichtums der Individuen. Es liegt ihr weniger daran, zu
wissen, ob eine Nation bedeutenden Außenhandel treibt oder
nicht; sie will sich vergewissern, daß es in der Hütte des
Bauern oder Arbeiters nicht an Brot mangelt. Sie klopft
an alle Türen - an die des Palasts wie an die des verkommenen
Lochs - und fragt den Reichen wie den Armen: »Bis zu welchem
Grad sind Eure Bedürfnisse an Notwendigem und an Luxus befriedigt?«
Und da sie feststellt, daß die dringendsten Bedürfnisse
fürs Wohlbefinden bei. neun Zehntel der Menschheit nicht
erfüllt sind, stellt sie sich dieselbe Frage, die sich ein
Physiologe angesichts einer Pflanze oder eines Tiers stellen
würde: »Welche Mittel gibt es, die Bedürfnisse aller mit
dem geringsten Kraftaufwand zu befriedigen? Wie kann eine
Gesellschaft jedem Einzelnen und folglich allen die größte
Summe an Befriedigung und Glück garantieren?« Dahingehend
bildet sich die Wirtschaftswissenschaft um; und nachdem
sie lange Zeit eine bloße Tatsachcnaufnähme der im Interesse
der reichen Minoritäten interpretierten Phänomene betrieben
hat, strebt sie jetzt danach (oder arbeitet vielmehr die
Elemente dafür aus), eine Wissenschaft im wahren Sinne des
Wortes zu werden - eine Physiologie der menschlichen Gesellschaften.
Während
sich so eine neue Sicht des Ganzen, eine neue Philosophie
in den Wissenschaften herausbildet, sehen wir auch eine
Vorstellung von der Gesellschaft sich entfalten, die vollkommen
verschieden von jenen Vorstellungen ist, die bis in unsere
Tage vorgeherrscht haben. Unter dem Namen Anarchismus entsteht
eine neue Interpretation des vergangenen und gegenwärtigen
Lebens der Gesellschaften, verbunden mit einer Vorausschau
auf ihre Zukunft, die eine wie die andere vom selben Geist
getragen wie die Vorstellung von der Natur, von der ich
eben sprach. Der Anarchismus stellt sich so als ein wesentlicher
Bestandteil der neuen Philosophie dar, und darum hat der
Anarchist eine so große Zahl von Berührungspunkten mit den
größten Dichtern und Denkern der gegenwärtigen Epoche.

In
der Tat ist es gewiß, daß - in dem Maße, wie das menschliche
Gehirn von den Ideen, die ihm von den Minoritäten der Priester,
der militärischen Anführer, der Richter eingeimpft worden
sind, um darauf ihre Herrschaft zu gründen, und von den
für ihre Verbreitung bezahlten Gelehrten sich befreit -
eine Vorstellung von der Gesellschaft entsteht, in der für
diese herrschenden Minderheiten kein Platz bleibt. Diese
das ganze durch die Arbeit der vorangegangenen Generationen
akkumulierte gesellschaftliche Kapital wieder in Besitz
nehmende Gesellschaft organisiert sich, um dieses Kapital
im Interesse aller arbeiten zu lassen, und konstituiert
sich, ohne die Macht der Minderheiten wiederherzustellen.
In ihrem Schoß versammelt sie Fähigkeiten, Temperamente
und individuelle Energien' von unendlicher Vielfalt, und
niemand wird von ihr ausgeschlossen. Kampf und Konflikt
fordert sie sogar heraus, da sie weiß, daß Epochen frei
ausgetragener Konflikte, in denen keine konstituierte Autorität
ihr Gewicht auf eine Schale der Waage legte, stets Epochen
höchster geistiger Entwicklung waren.Ausgehend von der Voraussetzung,
daß sämtliche Gesellschaftsangehörigen de facto gleiche
Rechtsansprüche auf sämtliche in der Vergangenheit akkumulierten
Schätze besitzen, unterscheidet die Gesellschaft nicht mehr
zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern, Beherrschten und
Herrschenden, Regierten und Regierenden und bemüht sich,
eine harmonische Ausgewogenheit5 zu schaffen, nicht indem
sie all ihre Mitglieder einer Autorität unterwirft, die
kraft Einbildung für eine Repräsentantin der Gesellschaft
gehalten wird, nicht indem sie Gleichförmigkeit herzustellen
sucht, sondern indem sie alle Menschen zur freien Entfaltung,
zur freien Initiative, zur freien Betätigung und freien
Assoziation aufruft.
Sie
sucht die umfassendste Entwicklung der Individualität, verbunden
mit der höchsten Entwicklung der freiwilligen Assoziation
unter allen Aspekten, in allen möglichen Graden, für alle
erdenklichen Ziele; eine stets sich verwandelnde Assoziation,
die in sich selbst die Elemente ihrer Dauer trägt und die
Formen annimmt, die in einem gegebenen Augenblick dem mannigfaltigen
Trachten aller am besten entsprechen. Eine Gesellschaft
endlich, der die präetablierten durch das Gesetz kristallisierten
Formen zuwiderlaufen, die jedoch die Harmonie im stetig
wechselnden und flüchtigen Gleichgewicht einer Vielheit
verschiedener Kräfte und Einflüsse der ganzen Natur sucht,
die ihren eigenen Weg verfolgen und gerade dank der Freiheit,
sich am hellen Tag entfalten und im Gleichgewicht halten
zu können, die ihnen günstigen Energien dadurch auszulösen
vermögen, daß sie sich dem Fortschritt zuwenden.
Diese
Vorstellung und dieses Gesellschaftsideal sind gewiß nicht
neu. Im Gegenteil, wenn wir die Geschichte der volkstümlichen
Institutionen analysieren - den Clan, die Gemeinde, das
Dorf, den Berufsverband, die »Gilde« und selbst die Stadtgemeinde
des Mittelalters in ihren Anfängen -, entdecken wir die
gleiche volkstümliche Tendenz, die Gesellschaft dieser Idee
gemäß zu konstituieren; eine Tendenz, die von den herrschenden
Minderheiten übrigens immer gehemmt wurde. Alle Volksbewegungen
trugen mehr oder weniger diesen Stempel, und bei den -Wiedertäufern
und ihren Vorläufern finden wir die gleichen Ideen trotz
der religiösen Sprache, derer man sich damals bediente,
klar ausgedrückt. Unglücklicherweise wurde dieses Ideal
bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts stets von einem
theokratischen Geist befleckt, und erst in unseren Tagen
präsentiert es sich, von der religiösen Sprache befreit,
als eine aus der Beobachtung gesellschaftlicher Phänomene
abgeleitete Vorstellung der Gesellschaft.
Erst
heute bestätigt sich auf einmal das Ideal einer Gesellschaft,
in der ein jeder sich nur durch seinen eigenen Willen regiert
(der offenkundig ein Ergebnis der gesellschaftlichen Einflüsse
ist, denen jeder unterliegt), sowohl in ökonomischer als
auch in politischer und moralischer Hinsicht, und das Ideal
erweist sich auf den Kommunismus8 als auf eine Notwendigkeit
gestützt, die der eminent gesellschaftliche Charakter der
gegenwärtigen Produktion der modernen Gesellschaften vorschreibt.
In
der Tat wissen wir heute sehr wohl, daß es leichtfertig
ist, von Freiheit zu sprechen, solange es ökonomische Sklaven
gibt. »Sprich nicht von Freiheit - Armut ist Sklaverei!«
Das ist keine leere Redensart mehr: sie hat die Gedanken
der großen Arbeitermassen durchdrungen, sie infiltriert
die gesamte Literatur der Epoche, sie reißt selbst jene
hin, die von der Armut der anderen leben, und benimmt ihnen
die Arroganz, mit der sie ehemals ihr Recht auf Ausbeutung
behaupteten. Daß die jetzige Form der Aneignung des gesellschaftlichen
Kapitals nicht mehr fortdauern kann, darüber sind sich Millionen
Sozialisten in der alten und neuen Welt einig. Selbst die
Kapitalisten fühlen, daß sie dahingeht, und wagen sie nicht
mehr mit der früheren Zuversicht zu verteidigen. Ihre einzige
Verteidigung beschränkt sich im Grunde darauf, uns zu sagen:
»Ihr habt nichts Besseres erfunden!« Die unheilvollen Konsequenzen
der gegenwärtigen Formen des Eigentums zu leugnen, ihr Recht
auf Eigentum zu rechtfertigen, das vermögen sie nicht. Sie
üben dieses Recht aus, solange man ihnen dazu noch Spielraum
läßt, aber ohne zu versuchen, es auf eine Idee zu gründen.
Das ist verständlich.
Betrachten
Sie zum Beispiel diese Stadt Paris - eine Schöpfung so vieler
Jahrhunderte, Produkt des Genius einer ganzen Nation, Resultat
der Arbeit von 20 oder 30 Generationen. Wie verteidigt man
vor dem Einwohner dieser Stadt, der Tag für Tag arbeitet,
um sie zu verschönern, sie gesünder zu machen, sie zu ernähren,
sie mit den Meisterwerken des menschlichen Genies auszustatten,
sie zu einem Zentrum des Geists und der Kunst zu machen,
wie verteidigt man vor ihm, der all dies schafft, daß die
Palais, die die Straßen von Paris zieren, mit vollem Recht
denjenigen gehören, die heute deren legale Eigentümer sind,
wenn wir alle doch diese Werte schaffen, weil es ohne uns
keine Werte gäbe. Eine solche Fiktion kann sich einige Zeit
lang dank der Verschlagenheit der Volkserzieher erhalten.
Ganze Arbeiterbataillone mögen darüber nicht einmal nachdenken.
Aber von dem Moment, an dem eine Minorität denkender Menschen
diese Frage aufgreift und sie allen stellt, kann es über
die Antwort keinen Zweifel mehr geben. Der Volksgeist erwidert:
»Durch Raub haben sie die Reichtümer in Besitz!« Desgleichen:
wie kann man einen Bauern glauben machen, daß das grundherrliche
oder bürgerliche Land dem Eigentümer nach Recht und Gesetz
gehört, wenn der Bauer uns die Geschichte von jedem Stück
Land im Umkreis von 10 Meilen erzählen kann? Wie kann man
ihn vor allem glauben machen, es sei für die Nation nützlich,
daß Herr Soundso dieses Land als Park behält, während so
viele Bauern in der Umgebung nichts anderes begehren, als
es zu bestellen? Wie kann man den Arbeiter in einer Fabrik
oder den Knappen in einer Zeche denn noch glauben machen,
daß Fabrik und Zeche rechtmäßig ihren gegenwärtigen Eigentümern
gehören, wenn Fabrik- und Bergarbeiter den Panamaschwindel,
die Bestechungsaffären, die Schiebungen mit französischen
oder türkischen Eisenbahnaktien, die Ausplünderung des Staats
und den legalen Diebstahl, woraus die großen kaufmännischen
und industriellen Besitztümer entstehen, zu durchschauen
beginnen?
Haben
die Massen eigentlich jemals die Sophismen geglaubt,die
die Nationalökonomen gelehrt haben, mehr um die Ausbeuter
in ihren Rechten zu bestärken, als um die Ausgebeuteten
zu bekehren? Vom Elend erdrückt, in den wohlhabenden Klassen
keine Unterstützung findend, haben Bauer und Arbeiter einfach
alles geschehen lassen, doch stets sind sie bereit gewesen,
von Zeit zu Zeit ihre Rechtsansprüche durch Jac-querien7
anzumelden. Und wenn ein städtischer Arbeiter einen Augenblick
hat glauben können, daß der Tag sich näherte, an dem die
persönliche Aneignung des Kapitals allen zugute käme, indem
ein Fond von Reichtümern gebildet würde, an deren Verteilung
teilzunehmen alle Welt aufgerufen wäre, so vergeht diese
Illusion wie so viele andere auch. Der Arbeiter wird gewahr,
daß er enterbt war und bleibt; daß er, um seinen Herren
den geringsten Teil der durch seine Mühen erworbenen Reichtümer
zu entreißen, Rekurs auf Revolte oder Streik nehmen, d.
h. die Schrecken des Hungers auf sich nehmen und der Verhaftung
die Stirn bieten, wenn nicht gar den kaiserlichen, königlichen
oder republikanischen Erschießungen sich aussetzen muß.
Aber ein anderes Übel des jetzigen Systems schält sich mehr
und mehr heraus. Ist erst einmal auf dem Weg privater Aneignung
alles, was zum Leben und zur Produktion dient -der Boden,
die Wohnung, die Nahrung und die Arbeitsgeräte - in die
Hände Weniger übergegangen, so verhindern diese dauerhaft,
das zum Wohlbefinden eines jeden Notwendige zu produzieren.
Der Arbeiter fühlt unbestimmt, daß unser heutiges technisches
Vermögen allen einen üppigen Wohlstand vermitteln könnte,
aber er bemerkt auch, wie das kapitalistische System und
der Staat es in jeder Hinsicht verhindern, diesen Wohlstand
zu erringen.
Weit
davon entfernt, mehr zu produzieren, als erforderlich ist,
um den materiellen Reichtum zu sichern, produzieren wir
nicht genug. Wenn es den Bauern nach den Parks und Gärten
der Industrieritter und Panamaschwindler gelüstet, rings
um welche Richter und Polizist auf Wache ziehen, versteht
er das, weil er davon träumt, sie mit Ernten zu bedecken,
die, wie er weiß, Überfluß in die Dörfer brächten, in denen
man sich von Brot ernährt, spärlich mit Tresterwein benetzt.
Wenn der Bergarbeiter gezwungen ist, drei Tage in der Woche
die Arme hängen zu lassen und spazierenzugehen, denkt er
an die Tonnen Kohle, die er fördern könnte und die in den
armen Haushalten allenthalben fehlen. Wenn die Fabrik feiert
und der Arbeiter auf der Suche nach Arbeit durch die Straßen
läuft, sieht er die Maurer ebenfalls feiern, während ein
Fünftel der Pariser Bevölkerung in ungesunden Löchern haust;
er hört die Schuster über Mangel an Arbeit klagen, während
so viele Leute keine Schuhe besitzen - und so fort.
In
der Tat, wenn gewisse Nationalökonomen sich darin gefallen,
Abhandlungen über die Überproduktion zu verfassen und jede
Industriekrise aus dieser Ursache zu erklären, dann würden
sie doch in arge Verlegenheit geraten, forderte man sie
auf, eine einzige Ware zu nennen, die Frankreich in größerer
Menge produzierte, als zur Befriedigung der Bedürfnisse
der gesamten Bevölkerung nötig wäre. Sicherlich kein Getreide:
das Land muß welches einführen. Auch keinen Wein: die Bauern
trinken nur sehr wenig Wein und ersetzen ihn durch Tresterwein,
und die städtische Bevölkerung muß sich mit verfälschten
Produkten zufrieden geben. Offensichtlich auch keine Häuser:
Millionen leben noch in Hütten mit ein oder zwei Öffnungen.
Nicht einmal Bücher, weder gute noch schlechte: auf dem
Dorf sind sie noch immer Luxusgegenstände. Ein einziger
Artikel wird in größeren Mengen als nötig produziert - das
ist der Steuerfresser8, aber diese Ware kommt in den Kursen
der politischen Ökonomie nicht vor, obschon sie alle Attribute
einer Ware hat, da sie sich stets dem Meistbietenden verkauft.

Was
der Ökonom Überproduktion nennt, ist also lediglich eine
Produktion, die die Kaufkraft der von Kapital und Staat
in Armut niedergehaltenen Arbeiter übersteigt. Nun, diese
Art der Überproduktion bleibt unseligerweise das Charakteristische
der jetzigen kapitalistischen Produktion, da -Proudhon hatte
es bereits richtig gesagt - die Arbeiter mit ihren Löhnen
das, was sie erzeugt haben, nicht kaufen und zugleich noch
die Heere der auf ihren Schultern hockenden Müßiggänger
mästen können.
Das
eigentliche Wesen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems ist,
daß der Arbeiter niemals den von ihm erzeugten Wohlstand
genießen kann und die Anzahl der auf seine Kosten Lebenden
sich ständig vermehrt. Je fortgeschrittener ein Land in
der Industrie, desto größer ist deren Zahl. Erzwungenermaßen
richtet sich die Industrie deshalb weder jetzt noch fürderhin
nach dem, was zur Befriedigung der Bedürfnisse aller erforderlich
ist, sondern nach dem, was in einem gegebenen Moment einigen
Wenigen die größten zeitweiligen Vorteile einträgt. Mit
unumgänglicher Notwendigkeit bedingt der Überfluß der einen
die Armut der anderen, und die Not der großen Menge muß
um jeden Preis aufrechterhalten werden, damit es Arme gibt,
die sich für einen Teil dessen verkaufen, was sie zu produzieren
fähig sind; ohne sie gäbe es keine private Kapitalakkumulation!
Diese charakteristischen Züge unseres Wirtschaftssystems
machen im Grunde sein eigentliches Wesen aus. Ohne sie kann
es nicht bestehen; denn wer verkaufte wohl seine Arbeitskraft
für weniger, als sie einzubringen imstande wäre, würde er
nicht durch drohenden Hunger dazu gezwungen? Und diese wesentlichen
Züge des Systems sind auch seine vernichtendste Verdammung.
Solange
England und Frankreich die Industriepioniere im Kreise der
in ihrer technischen Entwicklung zurückgebliebenen Nationen
waren und ihren Nachbarn Wolle, Baumwolle und Seide, Eisen
und Maschinen sowie eine ganze Reihe von Luxusgegenständen
zu Preisen verkaufen konnten, die es ihnen gestatteten,
sich auf Kosten ihrer Kunden zu bereichern, konnte der Arbeiter
in der Hoffnung gehalten werden, daß auch er berufen wäre,
sich einen immer größer werdenden Teil des Profits anzueignen.
Aber diese Bedingungen verschwinden. Die vor 30 Jahren noch
rückständigen Nationen sind ihrerseits große Produzenten
von Baumwolle, Wolle, Seide, Maschinen und Luxusgegenständen
geworden. In gewissen Industriezweigen haben sie sogar die
Vorhut übernommen und - nicht zu sprechen vom Außenhandel,
in dem sie ihre älteren Schwestern schlagen - beginnen bereits,
diesen auf ihren eigenen Märkten Konkurrenz zu machen. In
wenigen Jahren sind Deutschland, die Schweiz, Italien, die
Vereinigten Staaten, Rußland und Japan große Industrienationen
geworden. Mexiko, Indien, sogar Serbien treten in die Fußstapfen
ihrer Vorgänger, und was wird passieren, wenn der Chinese
anfängt, den Japaner nachzuahmen, und ebenfalls für den
Weltmarkt fabriziert?
Daraus
geht hervor, daß die Industriekrisen, deren Häufigkeit und
Dauer zunehmen, in manchen Industrien einen chronischen
Zustand angenommen haben. Ebenso steht der Krieg um die
orientalischen und afrikanischen Märkte seit mehreren Jahren
auf der Tagesordnung; bereits seit 25 Jahren schwebt das
Schwert des europäischen Kriegs über den europäischen Staaten.
Und wenn dieser Krieg noch nicht ausgebrochen ist, dann
vielleicht vor allem, weil die Hochfinanz es für vorteilhaft
erachtet, daß die Staaten sich immer tiefer in Schulden
stürzen. Aber an dem Tag, an dem die Großbanken meinen,
bei einem Krieg auf ihre Rechnung zu kommen, werden die
menschlichen Herden aufeinander losgelassen, und sie werden
einander töten, um die Geschäfte der Finanzherren der Welt
in Ordnung zu bringen. Alles fügt sich ineinander, alles
stützt einander in dem heutigen Wirtschaftssystem und alles
wirkt mit, um den Sturz des Industrie- und Handelssystems,
unter dem wir leben, unvermeidlich zu machen. Seine Dauer
ist nur noch eine Frage der Zeit, die man nach Jahren und
nicht mehr nach Jahrhunderten rechnen kann. Eine Frage der
Zeit - und der Tatkraft auf unserer Seite! Faulenzer machen
keine Geschichte: sie erleiden sie !
Deswegen
konstituieren sich so mächtige Minoritäten innerhalb aller
zivilisierten Nationen und fordern mit erhobener Stimme
die Rückkehr zur Gütergemeinschaft an allen durch die Arbeit
der vorangegangenen Generationen akkumulierten Reichtümern.
Die Kommunalisierung des Bodens, des Bergbaus, der Fabriken,
der Wohnhäuser und der Transportmittel ist bereits das Losungswort
dieser imposanten Fraktionen, und mit Unterdrückung - dieser
Lieblingswaffe der Reichen und Mächtigen - ist der Triumphmarsch
der empörten Geister nicht mehr aufzuhalten. Wenn Millionen
Arbeiter sich noch immer nicht aufraffen, um mit offener
Gewalt den .Monopolherren10 den Boden und die Fabriken zu
entreißen, dann, so seien Sie versichert, nicht aus mangelnder
Lust. Sie warten damit nur auf eine günstige Gelegenheit
-auf einen Augenblick, wie er sich 1848 eingestellt hat,
in dem sie sich auf die Zerstörung des bestehenden Regimes
stürzen können, in der Hoffnung, Unterstützung durch eine
internationale Bewegung zu finden.
Dieser
Augenblick kann nicht lange auf sich warten lassen; denn
seitdem die Internationale von den Regierenden im Jahre
1872 vernichtet wurde, seitdem hat sie besonders große Fortschritte
gemacht, deren Bedeutung ihre glühendsten Anhänger oft nicht
begreifen. Sie besteht de facto: in den Gedanken, in den
Gefühlen, in der Einrichtung ständiger Beziehungen. Allerdings
stellt die französische, englische, italienische und deutsche
Plutokratie mächtige Gegner dar. In jedem Moment können
sie die Völker sogar dazu bringen, 'aufeinander loszugehen.
Gleichwohl seien Sie versichert, daß an dem Tag, an dem
die kommunale und gesellschaftliche Revolution in Frankreich
losbricht, Frankreich die alten Sympathien bei den Völkern
der Erde wiederfinden wird, einschließlich des deutschen,
italienischen und englischen Volks. Und wenn Deutschland,
das, nebenbei bemerkt, einer Revolution viel näher steht,
als man denkt, die - leider jakobinische - Fahne dieser
Revolution aufpflanzt, wenn es sich in diese Revolution
mit dem ganzen Feuer der Jugend und der Aufstiegsperiode
stürzt, die es augenblicklich durchläuft, dann findet es
diesseits des Rheins alle Sympathien und jede Unterstützung
eines Volks, das die kühnen Revolutionäre liebt und die
Arroganz der Plutokratie haßt.
Verschiedene
Ursachen haben bisher den .Ausbruch dieser unvermeidlichen
Revolution aufgehalten. Die Ungewißheit der internationalen
Beziehungen trägt sicher dazu bei. Aber es gibt, wie mir
scheint, eine andere, tiefere Ursache, auf die ich Ihre
ganze Aufmerksamkeit lenken möchte. Zahlreiche Anzeichen
lassen uns vermuten, daß unter den Sozialisten selbst eine
tiefgehende Umwandlung der Ideen stattfindet, ähnlich derjenigen,
die ich zu Beginn dieses Vertrags skizziert habe, als ich
von den Wissenschaften im allgemeinen sprach. Und die Unsicherheit
der Sozialisten in Hinsicht auf die Organisation der Gesellschaft,
die sie herbeiwünschen, lahmt bis zu einem gewissen Grad
ihre Energie. In seinen Anfängen, in den 4oer Jahren, war
der Sozialismus als Kommunismus aufgetreten, als eine und
unteilbare Republik, als Diktatur im ökonomischen Bereich
und als staatlicher Jakobinismus. Das war das Ideal der
Epoche. Ob religiöser Mensch oder Freidenker, der damalige
Sozialist war bereit, sich einer gleichgültig wie starken
Regierung zu unterwerfen, sogar dem Kaiserreich, vorausgesetzt,
daß diese Regierung die ökonomischen Verhältnisse zum Vorteil
der Arbeiter umgestaltete. Eine tiefgehende Revolution hat
seither stattgefunden, insbesondere bei den lateinischen
Völkern und in England. Staatlicher wie theokratischer Kommunismus
erfüllen den Arbeiter mit Widerwillen. Und dieser Widerwille
ließ in der Internationalen eine neue Vorstellung- oder
Doktrin entstehen, den Kollektivismus. Diese Doktrin bedeutete
anfangs: Kollektivbesitz der Arbeitsgeräte (ohne das für
das Leben Notwendige einzubegreifen) und das Recht jeder
Gruppe, für ihre Mitglieder einen ihr genehmen kommunistischen
oder individuellen Modus der Entlohnung anzunehmen. Indessen
hat sich dieses System nach und nach in eine Art Kompromiß
zwischen Kommunismus und individueller Lohnzahlung verwandelt.
Heute verlangt der Kollektivist, daß alles, was der Produktion
dient, Gemeineigentum werde, daß aber trotzdem individuell
mit Arbeitsgutscheinen entlohnt werde, entsprechend der
Anzahl Stunden, die er für die Produktion aufgewendet hat.
D.iese Gutscheine sollen dazu dienen, in den Sozialwarenhäusern
alle Waren zum Herstellungspreis zu kaufen, der ebenfalls
nach Arbeitsstunden berechnet wird:
Wenn
Sie diesen Gedanken jedoch genau analysieren; werden Sie
zugeben, daß sein Wesen, wie es einer unserer Freunde zusammenfaßt,
auf dies hinausläuft:partieller Kommunismus hinsichtlich
des Besitzes der Arbeitsgeräte und der Erziehung; Konkurrenz
zwischen den Individuen und Gruppen um das Brot, die Wohnung,
die Kleidung; Individualismus für-die Werke des Geists und
der Kunst und gesellschaftliche Hilfe für die Kinder, die
Kranken, die Alten.

Mit
einem Wort - Kampf um die Existenzmittel, gemildert durch
Nächstenliebe. Immer noch der christliche Grundsatz: »Schlagt
Wunden, um sie später zu heilen!« Und immer noch der Inquisition
die Tür geöffnet, um herauszufinden, ob Sie ein Mensch sind,
der kämpfen soll, oder wohl ein Mensch, dem der Herr Staat
Beistand schuldet. Der Gedanke -ist, wie Sie wissen, alt.
Er stammt von Robert Owen. Proudhon verkündete ihn im Jahre-184
8. Heute ist daraus der »wissenschaftliche Sozialismus«
geworden. Man muß indessen -sagen, daß dieses System auf
den Geist der Massen wenig Eindruck zu machen scheint; man
möchte meinen, sie ahnten seine Nachteile, um nicht zu sagen,
seine Unmöglichkeiten voraus.
Zunächst
gibt die für irgendeine Arbeit aufgewendete. Zeit nicht
das Maß für die gesellschaftliche Nützlichkeit der vollendeten
Arbeit an, und die Werttheorien, die man von Adam Smith
bis Marx allein auf die in Arbeit berechneten Produktionskosten
hat basieren wollen, haben das Problem des Werts nicht zu
lösen vermocht. Sobald ein Austausch stattfindet, wird der
Wert eines Gegenstands zu einer komplexen Quantität, der
vor allem vom Grad der Befriedigung abhängt, den er den
Bedürfnissen verschafft - nicht denen des Individuums, wie
das früher gewisse Nationalökonomen behaupteten, sondern
denen der als Einheit aufgefaßten ganzen Gesellschaft. Der
Wert ist eine soziale Tatsache. Als Ergebnis eines Tauscht
hat er einen Doppelaspekt: den Aspekt der Mühe und den der
Befriedigung, beide unter sozialen und nicht unter individuellen
Gesichtspunkten verstanden.
Wenn
man andererseits die Übelstände des jetzigen ökonomischen
Systems analysiert, bemerkt man - und das weiß der Arbeiter
sehr,gut-, daß sie im Wesentlichen in der dem Arbeiter auf
gezwungenen Notwendigkeit bestehen, seine Arbeitskraft zu
verkaufen. Ohne auch nur für 14 Tage genügend zum Leben
zu besitzen, vom Staat der Möglichkeit beraubt, seine Kräfte
zu nutzen, ohne sie an irgendwen zu verkaufen, verkauft
sich der Arbeiter dem, der ihm Arbeit zu geben verspricht.
Er verzichtet auf den Nutzen, den ihm seine Arbeit eintragen
könnte, er überläßt dem Arbeitgeber den Löwenanteil der
von ihm erzeugten Produkte, er entsagt sogar seiner Freiheit,
er begibt sich des Rechts, seine Meinung über die Nützlichkeit
dessen geltend zu machen, was er produzieren soll und auf
welche Weise.
Die
Akkumulation des Kapitals resultiert also nicht aus seiner
Fähigkeit, den Mehrwert zu verzehren, sondern aus der Notwendigkeit
des Arbeiters, seine Arbeitskraft zu verkaufen - er verkauft
sie von vornherein in der Gewißheit, nicht alles zu erhalten,
was diese Kraft produziert, in seinen Interessen geschädigt
und der Untergebene des Käufers zu werden. Wäre dies nicht
so, hätte der Kapitalist sie niemals zu kaufen gesucht.
Deswegen muß man dieses System, um es zu ändern, in seinem
Wesen angreifen, an seiner Triebfeder: dem Kauf und Verkauf,
nicht in seinen Auswirkungen: dem Kapitalismus.
Die
Arbeiter haben davon wohl eine vage Ahnung, und immer häufiger
hört man sie sagen, daß die Sozialrevolution nichts bewirken
wird, wenn sie nicht mit der Verteilung der Produkte beginnt,
wenn sie nicht allen das fürs Leben Notwendige, d. h. Wohnung,
Nahrung, Kleidung, garantiert. Und man weiß, daß das mit
den gewaltigen Produktionsmitteln, über die wir verfügen,
durchaus möglich ist. Als Lohnarbeiter bleibt der Arbeiter
Sklave dessen,dem er seine Kräfte zu verkaufen genötigt
ist, sei dieser Käufer ein Privatmann oder der Staat.
Im
Volksgeist - dieser Summe von Meinungen aus Tausenden menschlichen
Gehirnen - spürt man auch, daß, wenn der Staat an die Stelle
des Arbeitgebers in dessen Rolle als Käufer und Aufseher
der Arbeitskraft träte, dies ebenfalls eine widerwärtige
Tyrannei bedeutete. Der Mann aus dem Volk denkt nicht über
Abstraktionen nach, er denkt in konkreten Begriffen, und
deshalb spürt er, daß die Abstraktion »Staat« für ihn die
Gestalt zahlreicher, aus der Mitte seiner Kameraden in Fabrik
oder Werkstatt gewählter Beamter annehmen würde, und er
weiß, woran er bei ihren Tugenden wäre: heute vortreffliche
Kameraden, würden sie morgen zu unerträglichen Vorgesetzten.
Er ist aber auf der Suche nach einer Gesellschaftsverfassung,
die die gegenwärtigen Übel eliminiert, ohne neue zu schaffen.
Darum
hat der Kollektivismus die Massen niemals begeistert, die
stets zum Kommunismus zurückkehren - zu einem Kommunismus
freilich, der zunehmend die Theokratie und den jakobinischen
Autoritarismus der 4oer Jahre abstreift und zum freien anarchistischen
Kommunismus wird. Ich sage noch mehr. Indem ich mein Denken
ständig auf das lenke, was wir während dieses Vierteljahrhunderts
in der europäischen sozialistischen Bewegung erlebt haben,
kann ich nicht umhin zu glauben, daß der moderne Sozialismus
notwendigerweise einen Schritt in Richtung auf den libertären
Kommunismus machen muß, und daß, solange dieser Schritt
nicht getan wird, die Unsicherheit im Volksgeist, auf die
ich hingewiesen habe, die Bemühungen der sozialistischen
Propaganda lahmt. Der Sozialist, scheint mir, wird durch
die Kraft der Umstände zu akzeptieren gezwungen, daß die
materielle Garantie der Existenz aller Mitglieder der Gemeinschaft
der erste Akt der Sozialrevolution sein muß. Aber er muß
noch einen Schritt weiter gehen. Er muß begreifen, daß diese
Garantie nicht vom Staat, sondern vollständig außerhalb
des Staats und ohne seine Vermittlung gegeben werden muß.
Daß
eine Gesellschaft, die alle in ihrer Mitte akkumulieren
Reichtümer wieder in den Besitz genommen hat,allen als Gegenleistung
für täglich 4 oder 5 Stunden effektiver Handarbeit in der
Produktion ein reichliches Auskommen zusichern könne - dazu
haben wir bereits einmütige Zustimmung von denen erlangt,
die über diese Frage nachgedacht haben. Wenn jeder von Kindheit
an erführe, woher das Brot kommt, das er ißt, das Haus,
das er bewohnt, das Buch, das er studiert usw., und wenn
jeder sich daran gewöhnte, die Kopfarbeit durch Handarbeit
in irgendeinem manuellen Produktionszweig zu ergänzen, dann
könnte die Gesellschaft diese Aufgabe leicht bewältigen,
ohne sogar mit den Vereinfachungen der Produktion zu rechnen,
die eine mehr oder weniger nahe Zukunft für uns bereit hält.
Es genügt tatsächlich, einen Augenblick an die heute stattfindende
unerhörte, unvorstellbare Verschwendung menschlicher Kräfte
zu denken, um zu begreifen, was eine zivilisierte Gesellschaft
mit welch geringer Menge Arbeit jedes Einzelnen produzieren
könnte, welch großartige Werke sie in Angriff nehmen könnte,
die heute außer Frage stehen. Unglücklicherweise hat sich
die Metaphysik, die man politische Ökonomie nennt, niemals
mit dem beschäftigt, was ihr Wesen ausmacht - mit der Ökonomie
der Kräfte. Über die Möglichkeit des Reichtums in einer
kommunistischen Gesellschaft, die wie die unsrige mit Werkzeugen
ausgerüstet ist, besteht kein Zweifel mehr. Zweifel ergeben
sich nur hinsichtlich der Frage, ob eine solche Gesellschaft
existieren kann, ohne daß der Mensch in allen seinen Handlungen
der Kontrolle des Staats unterworfen werde; ob es nicht,
um zu Wohlstand zu gelangen, erforderlich ist, daß die europäischen
Gesellschaften das bißchen persönliche Freiheit opfern,
das sie während dieses Jahrhunderts um den Preis so vieler
Opfer wiedererobert haben?
Ein
Teil der Sozialisten behauptet, daß es unmöglich ist, zu
einem solchen Ergebnis zu gelangen, ohne seine Freiheit
auf dem Altar des Staats zu opfern. Der andere Teil, zu
dem wir gehören, behauptet im Gegenteil, -daß wir nur durch
Abschaffung des Staats, durch Eroberung der völligen Freiheit
des Individuums, durch freie Vereinbarung, absolut freie
Assoziation und Föderation zum Kommunismus gelangen können
- zum gemeinsamen Besitz unseres gesellschaftlichen Erbes
und zur gemeinsamen Produktion aller Reichtümer.
Das
ist die Frage ,die in diesem Moment vor allen anderen Vorrang
hat und die der Sozialismus auf die Gefahr hin entscheiden
muß, alle seine Anstrengungen kompromittiert, seine ganze
spätere Entwicklung paralysiert zu sehen. Analysieren wir
sie also mit aller gebotenen Aufmerksamkeit. Würde jeder
Sozialist sich in seiner Erinnerung die Vergangenheit vergegenwärtigen,
würde er sich zweifellos der Menge von Vorurteilen erinnern,
die in ihm laut wurden, als er zum ersten Mal auf den Gedanken
kam, daß die Abschaffung des kapitalistischen Systems, der
privaten Aneignung des Bodens und der Kapitalien zur historischen
Notwendigkeit wird.
Das
Gleiche geschieht heute demjenigen, der zum ersten Mal davon
reden hört, daß die Abschaffung des Staats, seiner Gesetze,
seines gesamten Verwaltungssystems, des Gouvernementalismus
und der Zentralisadon ebenfalls zur historischen Notwendigkeit
wird; daß die Abschaffung des einen ohne die des anderen
materiell unmöglich ist. Unsere ganze Erziehung - die, wohlgemerkt,
von Kirche und Staat in beider Interesse betrieben wird
- empört sich gegen diese Vorstellung. Ist diese aber deswegen
weniger richtig? Und soll bei der Massenvernichtung von
Vorurteilen, die wir für unsere Emanzipation bereits getätigt
haben, das Vorurteil vom Staat überleben?

Ich
will hier nicht auf eine schon so viele Male unternommene
und wieder neu unternommene Kritik des Staats eingehen und
bin gezwungen, die Analyse der historischen Rolle des Staats
auf einen anderen Vortrag zu verschieben". Einige Betrachtungen
allgemeiner Art werden uns genügen. Zunächst: wenngleich
der Mensch seit seinen Anfängen immer in Gesellschaften
gelebt hat, ist der Staat doch lediglich eine Form des gesellschaftlichen
Lebens, für unsere europäischen Gesellschaften zudem noch
eine ganz neue. Der Mensch lebte schon Tausende von Jahren,
ehe die ersten Staaten gebildet wurden; Griechenland und
Rom existierten jahrhundertelang, ehe sie bei den mazedonischen
und römischen Imperien anlangten, und für uns moderne Europäer
datieren die Staaten erst aus dem 16. Jahrhundert. Damals
fand der Niedergang der freien Gemeinden seinen Abschluß,
und es kam zur Konstitution jener Versicherung auf Gegenseitigkeit
zwischen der militärischen, richterlichen, grundherrlichen
und kapitalistischen Autorität, die den Namen »Staat« trägt.
Erst
im 16. Jahrhundert wurde den Gedanken der lokalen Unabhängigkeit,
der freien Vereinigung und Organisation, der auf allen Stufen
stattfindenden Föderation souveräner Gruppen, die im Besitz
all der Funktionen waren, die heute der Staat an sich gerissen
hat, ein tödlicher Hie.b versetzt. Erst in dieser Epoche
setzte die Allianz zwischen der Kirche und der beginnenden
Macht des Königtums jener auf das föderative Prinzip gegründeten
Organisation ein Ende, die vom 9. bis zum 15. Jahrhundert
bestanden hätte und in Europa die große Periode der freien
Städte des Mittelalters hervorbrachte, deren Charakter Sismondi
und Augustin Thierry, die in unseren Tagen leider wenig
gelesen werden, so genau enträtselt hatten.
Man
kennt die Mittel, durch die diese Assoziation zwischen Grundherr,
Priester, Kaufmann, Richter, Soldat und König ihre Herrschaft
begründete. Es geschah vermöge der Abschaffung aller freien
Verträge: der Dorfgemeinschaften, der Gilden, der Gesellenverbindungen,
der Bruderschaften, der mittelalterlichen Schwurbündnisse.
Es geschah vermittels Konfiskation der Gemeindeländereien
und Gildenschätze, kraft des absoluten und grausamen Verbots
jeder Art von freier Vereinbarung zwischen Menschen; durch
Massaker, Rad, Galgen, Schwert und Feuer errichteten Kirche
und Staat ihre Herrschaft und konnten von nun an über zusammenhanglose
Mengen von Untertanen regieren, die keine unmittelbare Verbindung
untereinander mehr besaßen.
Erst
seit kaum 20 Jahren beginnen wir, durch Kampf ,durch Revolte
einige Ansätze zum Assoziationsrecht zurückzuerobern , das
während des ganzen Mittelalters von Handwerker und Ackersmann
frei ausgeübt wurde. Und welche Tendenz beherrscht bereits
das Leben der zivilisierten Nationen? Ist es nicht jene,
sich zu vereinigen, sich zu assoziieren, um der Befriedigung
der vielfältigen Bedürfnisse des zivilisierten Menschen
willen tausend und abertausend freie Gesellschaften zu konstituieren?
Europa wird tatsächlich übersät mit freiwilligen Assoziationen
für Studium, Unterricht, Industrie und Handel, für Wissenschaft,
Kunst und Literatur, für die Ausbeutung und für den Widerstand
gegen die Ausbeutung, für das Vergnügen und für die ernste
Arbeit, für den Genuß und für die Entsagung, für alles,
was das Leben des tätigen und denkenden Wesens ausmacht.
Wir sehen diese Gesellschaften in allen Ecken und Winkeln
eines jeden Bereichs entstehen: im politischen, wirtschaftlichen,
künstlerischen und intellektuellen Bereich. Die einen haben
bloß ein Leben so lang wie eine Rose, andere behaupten sich
schon seit Jahrzehnten, und indem sie die Unabhängigkeit
jeder Gruppe, jedes Zirkels, jeder Branche oder Sektion
behaupten, suchen alle sich zu förderieren, zu vereinigen,
über die Grenzen hinweg wie innerhalb jeder Nation, um über
das ganze Leben des Zivilisierten ein Netz zu spannen, dessen
Maschen sich kreuzen und verwickeln. Ihre Zahl beläuft sich
bereits auf Zehntausende, sie umfassen Millionen Anhänger
- doch ist es nicht erst 50 Jahre her, daß Staat und Kirche
anfingen, einige - nur einige - von ihnen zu tolerieren?
Allenthalben
greifen diese Gesellschaften schon in die Funktionen des
Staats ein und versuchen, das Handeln des zentralisierten
Staats durch die freie Betätigung Freiwilliger zu ersetzen.
In England entstehen Versicherungsgesellschaften gegen Diebstahl,
Gesellschaften Freiwilliger zur Landesverteidigung18, Gesellschaften
zur Küstenverteidigung, die der Staat offenbar seiner Aufsicht
zu unterstellen versucht und aus denen er Herrschaftsinstrumente
machen will, deren Grundgedanke es aber war, sich ohne den
Staat zu be-helfen. Gäbe es Kirche und Staat nicht, die
freien Gesellschaften hätten bereits das'ungeheure.Gebiet
der Erziehung für die freiwillige Arbeit erobert. Und trotz
aller Schwierigkeiten beginnen sie, in diesen Bereich einzudringen,
und üben in ihm bereits spürbaren Einfluß aus.
Wenn
man die Fortschritte konstatiert, die .in dieser Richtung
trotz des Staats und gegen ihn erzielt werden, der seine
Vorherrschaft, die er in den drei letzten Jahrhunderten
errungen hat, zu wahren bemüht ist; wenn man sieht, wie
die freiwilligen Gesellschaften in alles eindringen und
in ihrer Entwicklung nur durch die Gewalt .des Staats aufgehalten
werden, so muß man darin eine machtvolle Tendenz, eine latente
Kraft der modernen Gesellschaft erkennen. Und mit Recht
stellt man sich die Frage: »Wenn es in 5 ,10 oder 20 Jahren
den aufständischen Arbeitern gelingt, die besagte Versicherungsgesellschaft
auf Gegenseitigkeit zwischen Eigentümern, Bankiers, Priestern,
Richtern und.Soldaten zu zerbrechen; wenn das Volk, für
einige Monate Herr seiner Geschicke wird und seine.Hand
auf die Reichtümer legt, die es geschaffen hat und die ihm
zu Recht gehören, wird es dann wirklich diesen Polypen,
den Staat," von neuem wiederherzustellen versuchen?
Oder, wird es nicht vielmehr versuchen, sich vom Einfachen
bis zum Gesamten in gegenseitiger Vereinbarung und nach
den unendlich verschiedenen und immer wechselnden Bedürfnissen
jedes Orts zu organisieren, um sich diese Reichtümer als
Eigentum zu sichern, einander gegenseitig das Leben zu garantieren
und das. zu produzieren, was für das Leben als notwendig1
erachtet wird? Wird es der dominierenden Tendenz des Jahrhunderts
folgen oder lieber gegen diese Tendenz angehen und die zerstörte
Autorität wiederherzustellen versuchen?
Der
gebildete Mensch - »der Zivilisierte«,, wie Fourier voll
Verachtung sagte - schaudert bei dem Gedanken, die Gesellschaft
könnte eines Tages ohne Richter, ohne Polizisten, ohne Kerkermeister
sein. Aber ganz offen - haben Sie diese Leute wirklich so
nötig, wie alte Schmöker es Ihnen einreden? Schmöker, von
Gelehrten verfaßt, die, wie man ja weiß, generell sich ganz
gut in dem auskennen, was andere Gelehrte vor ihnen geschrieben
haben, die in ihrer Mehrzahl das Volk und dessen Alltagsleben
jedoch völlig ignorieren.
Wenn
wir nicht bloß in den von Polizisten wimmelnden Straßen
von Paris spazieren gehen können, ohne Angst haben zu müssen,
sondern auch auf Landstraßen, auf denen man nur selten einem
Passanten begegnet - verdanken wir diese Sicherheit etwa
der Polizei oder nicht vielmehr der Tatsache, daß da gar
keine Leute sind, die uns totschlagen oder ausrauben wollen?
Ich spreche selbstredend nicht von demjenigen, der Millionen
mit sich herumträgt. Dieser - ein kürzlicher Vorfall lehrt
uns das - ist schnell ausgeraubt, mit Vorliebe an Orten,
wo es ebenso viele Polizisten wie Laternen gibt. Nein, ich
spreche von dem Menschen, der für sein Leben und nicht für
seine Börse fürchtet, die mit unrecht erworbenem Geld gefüllt
ist. Sind seine Ängste begründet? Hat nicht übrigens ganz
kürzlich die Erfahrung gelehrt, daß Jack the Ripper seine
Heldentaten unter den Augen der Londoner Polizei - und sie
ist wahrhaftig eine der aktivsten verübte und seine Mordtaten
erst einstellte, als sich die Bevölkerung von Whitechapel
selbst auf Jagd nach ihm begab? Und glauben Sie, daß die
Richter, Kerkermeister und Gendarmen es wirklich verhindern,
daß sich in unseren alltäglichen Beziehungen zu unseren
Mitbürgern antisoziale Handlungen vermehren? Der stets grimmige,
oft gesetzeswütige Richter, der Denunziant, der Spitzel,
der Polizist, all diese Leute von zweideutigem Ruf, die
rund um die wie zum Hohn Paläste der Gerechtigkeit genannten
Gebäude ihr erbärmliches Leben fristen, gießen sie nicht
einen großen Schwall Demoralisierung über die Gesellschaft?
Lesen Sie die Prozeßakten, werfen Sie einen Blick hinter
die Kulissen, stoßen Sie mit Ihrer Analyse weit hinter die
äußere Fassade vor, und Sie werden sich angeekelt abwenden.
Ist das Gefängnis, das im Menschen jeden Willen und alle
Charakterstärke tötet, das in seinen Mauern mehr Verbrechen
einschließt, ais man an irgendeinem anderen Punkt des Erdballs
antrifft, nicht von jeher die Hochschule des Verbrechens
gewesen? Ist der Gerichtshof nicht eine Schule der Grausamkeit?
Usw.

"Wenn
wir die Abschaffung des Staats und aller seiner Organe fordern,
sagt man uns, daß wir eine Gesellschaft erträumen, die aus
besseren Menschen bestünde, als es sie in Wirklichkeit gibt.
Nein, tausendmal nein! Alles, was wir fordern, ist, daß
man die Menschen durch derartige Institutionen nicht schlechter
macht, als sie sind! Eines Tages wollte Ihering, ein deutscher
Rechtsgelehrter von großem Ruf, die wissenschaftliche Arbeit
seines Lebens zusammenfassen und eine Abhandlung schreiben,
in der er sich, vornahm, die Faktoren zu analysieren, die
in der Gesellschaft das gesellschaftliche Leben bestimmen.
Der Zweck im Recht ist der Titel dieses Werks, das wohlverdientes
Ansehen genießt. Er machte einen Arbeitsplan für seine Abhandlung
und diskutierte mit großer Gelehrsamkeit die beiden Zwangsfaktoren:
den Lohn und die übrigen in Gesetze gefaßten Formen des
Zwangs. Am Ende seines Werks widmete er zwei Paragraphen
den beiden nicht zwangshaften Faktoren, denen er, wie es
bei einem Juristen recht und billig ist, eine bloß mittelmäßige
Bedeutung zumaß: dem Pflichtgefühl und dem Gefühl der Sympathie.
Doch
was geschah? In dem Maße, wie er die Zwangsfaktoren analysierte,
stellte er ihre Unzulänglichkeit fest. Er widmete ihnen
einen ganzen Band gedrängter Analyse, und das Resultat reduzierte
ihre Bedeutung. Als er die beiden letzten Paragraphen begann
und über die nicht zwangshaften Faktoren der Gesellschaft
zu reflektieren sich anschickte, gewahrte er ihre ungeheure,
überragende Bedeutung; er sah sich gezwungen, einen zweiten
Band - doppelt so dick wie der erste -über diese beiden
Faktoren, die freiwillige Beschränkung und die gegenseitige
Hilfe, zu schreiben, und dennoch analysierte er nur einen
winzigen Teil der letzteren - den aus persönlichen Sympathien
resultierenden Teil - und berührte die aus den gesellschaftlichen
Institutionen resultierende freie Vereinbarung so gut wie
gar nicht. Hören Sie also auf, die in der Schule gelernten
Formeln zu repetieren, denken Sie an diese Ideen, und es
wird Ihnen ebenso ergehen wie Ihering: Sie werden die, verglichen
mit den Faktoren der freiwilligen Vereinbarung, minimale
Bedeutung des Zwangs in der Gesellschaft erkennen.
Wenn
Sie andererseits, einem sehr alten Rat Benthams folgend,
sich damit beschäftigen, über die verderblichen direkten
und indirekten Folgen des gesetzlichen Zwangs nachzudenken,
so werden Sie, wie Tolstoj und wie wir, Widerwillen gegen
die Anwendung von Gewalt hegen und dahin gelangen, sich
zu sagen, daß die Gesellschaft tausend andere weit wirksamere
Mittel besitzt, antisoziale Handlungen zu verhindern. Wenn
die Gesellschaft sie heute vernachlässigt, dann weil die
Erziehung durch Kirche und Staat und weil Feigheit und Denkfaulheit
sie hindern, in diesen Fragen klar zu sehen. Hat ein Kind
einen dummen Streich begangen, ist es sehr bequem, es zu
bestrafen: jede Diskussion ist damit abgeschnitten! Es ist
so leicht, nicht wahr, einen Menschen zu guillotinieren?
Besonders wenn man einen Deibler fürs ganze Jahr bezahlt
hat. Das entbindet uns vom Nachdenken über die Ursachen
der Verbrechen.
Man
sagt häufig, daß die Anarchisten in einer Welt von Zukunftsträumen
leben und die gegenwärtigen Verhältnisse nicht sehen. Vielleicht
sehen wir sie nur zu gut in ihren wahren Farben und legen
deshalb die Axt an. diesen Wald der uns belastenden autoritären
Vorurteile. Weit davon entfernt, in einer Welt von Hirngespinsten
zu leben und die Menschen für besser zu halten, als sie
sind, sehen wir sie so, wie sie sind, und behaupten darum,
daß der beste aller Menschen durch die Ausübung von Autorität
entschieden verdorben wird und daß die Theorie vom »Gleichgewicht
der Kräfte« und von der »Kontrolle der Autoritäten« eine
heuchlerische Formel ist, die die Inhaber der Macht fabriziert
haben, um das »souveräne Volk«, das sie verachten, glauben
zu machen, es regiere selbst. Weil wir die Menschen kennen,
sagen wir jenen, die sich einbilden, ohne sie würden die
Menschen einander auffressen: Ihr denkt wie jener König,
der, als er über die Grenze abgeschoben wurde, ausrief:
»Wie wird es meinen armen Untertanen ohne mich ergehen!«
Wären
doch die Menschen nur jene höheren Wesen, von denen uns
die Utopisten der Autorität zu erzählen belieben, könnten
wir doch die Augen vor der Wirklichkeit verschließen und
wie sie in einer Welt von Illusionen über die Überlegenheit
derjenigen leben, die sich zur Macht berufen glauben, vielleicht
handelten wir dann wie sie und glaubten an die Tugenden
der Herrschenden.
Was
machte Sklaverei gefährlich, wenn tugendhafte Herren sie
betrieben? Erinnern Sie sich noch an die Geschichte von
dem Sklavenhalter, die vor rund 30 Jahren erzählt wurde?
Hieß es nicht, daß er väterlich für seine Sklaven sorgte?
Er allein vermochte es zu verhindern, daß diese faulen,
gleichgültigen, unvorsichtigen Kinder verhungerten. Und
er hätte seine Sklaven mit der Last der Arbeit erdrücken
oder sie durch Schläge verstümmeln sollen? Wie hätte er
das tun können, da es doch in seinem unmittelbaren.Interesse
lag, sie gut zu ernähren, gut für sie zu sorgen, sie wie
seine Kinder zu behandeln! Und wachte nicht überdies »das
Gesetz«, um die geringsten Verirrungen eines Herrn, der
seine Pflichten vergäße, zu bestrafen. Oh, wie oft hat man
uns das erzählt! Aber in Wirklichkeit war es so, daß Darwin,
nachdem er von seiner Reise nach Brasilien zurückgekommen
war, sein Leben lang die Angstschreie verstümmelter 'Sklaven
quälten und das Schluchzen stöhnender Frauen, deren Finger
Daumenschrauben zerquetscht hatten.
Wenn
die an der Macht befindlichen Herren wirklich solche intelligenten
und der Allgemeinheit ergebenen Geschöpfe wären, wie es
die Lobredner der Autorität uns einzureden belieben, welch
artige Regienmgs- und Schutzherrenutopie könnte man doch
errichten! Der Arbeitgeber wäre niemals der Tyrann des Arbeiters,
sondern sein Vater. Die Fabrik wäre ein Paradies, und niemals
wäre die arbeitende Bevölkerung dem physischen Verfall geweiht.
Der Staat vergiftete seine Arbeiter nicht durch die Fabrikation
von Streichhölzern mit weißem Phosphor, der so leicht durch
roten Phosphor zu ersetzen wäre. Der Richter besäße nicht
die Grausamkeit, die Frau und die Kinder des von ihm ins
Gefängnis Gesteckten zu verdammen, jahrelang Hunger und
Elend zu erleiden und eines Tages an Blutarmut zu sterben.
Niemals forderte ein Staatsanwalt den Kopf eines Angeklagten,
einzig um des Vergnügens willen, seine Rednergabe ins rechte
Licht zu setzen, und nirgends fände sich ein Gefängniswärter
oder ein Deibler, die Urteile zu vollstrecken, die selbst
zu vollstrecken die Richter nicht den Mut haben. Was sage
ich! Es gäbe nicht genügend Plutarchs, von den Tugenden
der Deputierten zu künden, die einen Horror vor Bankanweisungen
haben! Biribi würde zu einer sittenstrengen Pflanzschule
der Tugenden, und die stehenden Heere gerieten dem Bürger
zur Freude, weil die Soldaten das Gewehr nur ergriffen,
um vor den guten Kindern zu paradieren und auf der Spitze
ihrer Bajonette Blumensträuße zu tragen!
Oh,
schöne Utopie, oh, schöner Weihnachtstraum, den man träumt,
sobald man annimmt, daß die Herrschenden eine höhere Kaste
darstellen, die von den Schwächen der einfachen Sterblichen
weitgehend oder völlig frei ist! Es genügte dann, daß die
einen die anderen hierarchisch kontrollierten, daß man den
verschiedenen Verwaltern erlaubte, allenfalls jo Schriftstücke
untereinander zu wechseln, wenn der Wind auf einer Nationalstraße
einen Baum umwirft. Oder man läßt sie notfalls von den gleichen
Massen der Sterblichen beurteilen, die, obschon in ihren
gegenseitigen Beziehungen mit allen Schwächen behaftet,
zur Weisheit selbst werden, wenn es sich darum handelt,
ihre Herren zu wählen. Die ganze von den Herrschenden selbst
ersonnene Wissenschaft von der Herrschaft ist voll von derartigen
Utopien. Aber wir kennen die Menschen zu gut, um dergleichen
zu träumen. Wir haben nicht zweierlei Gewicht und zweierlei
Maß für die Tugenden der Beherrschten und die der Herrschenden;
wir wissen, daß wir selbst nicht ohne Fehler sind und daß
die besten unter uns durch Machtausübung schnell korrumpiert
wären. Wir nehmen die Menschen als das, was sie sind, und
darum hassen wir die Herrschaft von Menschen über Menschen
und arbeiten, vielleicht nicht genug, mit allen unseren
Kräften daran, ihr ein Ende zu setzen.
Aber
es genügt nicht, zu zerstören. Man muß auch aufzubauen wissen,
und weil man das nicht genügend bedacht hatte, wurde das
Volk in all seinen Revolutionen stets betrogen. Nachdem
es zerstört hatte, überließ es die Sorge des Wiederaufbaus
den Bürgern, die ihrerseits eine mehr oder minder klare
Vorstellung von dem besaßen, was sie verwirklichen wollten,
und die dann die Autorität zu ihren Gunsten wiedererrichteten.

Wenn
der Anarchismus deswegen daraufhin arbeitet, die Autorität
in sämtlichen Aspekten zu vernichten, und die Abschaffung
der Gesetze und der Mechanismen zu ihrer Durchsetzung fordert,
wenn er jede hierarchische Organisation ablehnt und die
freie Vereinbarung predigt, dann arbeitet er gleichzeitig
an der Erhaltung und Ausbreitung des wertvollen Kerns der
geselligen Bräuche, ohne die keine menschliche oder tierische
Gesellschaft zu existieren vermag. Anstatt zu verlangen,
daß Einzelne diese geselligen Bräuche kraft ihrer Autorität
bewahren, fordert er, daß alle an ihrer Erhaltung mitwirken,
indem sie sie ständig praktizieren. Die kommunistischen
Institutionen und Sitten drängen sich der Gesellschaft nicht
nur zur Lösung der ökonomischen Schwierigkeiten auf, sondern
auch zur Erhaltung und Entwicklung der geselligen Bräuche,
die die Menschen miteinander in Kontakt bringen, indem sie
unter ihnen Beziehungen herstellen, die aus dem Interesse
des Einzelnen das Interesse alier machen und sie vereinigen,
anstatt sie zu trennen.
Wenn
wir uns fragen, durch welche Mittel ein gewisses moralisches
Niveau in einer menschlichen oder tierischen Gesellschaft
tatsächlich aufrechterhalten werden kann, so entdek-ken
wir nur drei: die Unterdrückung der antisozialen Handlungen,
die Morallehre und die wirkliche Praxis der gegenseitigen
Hilfe. Und da alle drei praktiziert worden sind, können
wir sie nach ihren Leistungen beurteilen. Die Ohnmacht der
Unterdrückung wird durch die Unordnung in der bestehenden
Gesellschaft hinlänglich bewiesen, und eben deswegen halten
wir die Revolution für ebenso unausbleiblich wie notwendig.
Im ökonomischen Sektor hat uns der Zwang in ein industrielles
Bagno geführt, im politischen Sektor zum Staat, d. h. zur
Zerstörung jeglicher Bindungen, die ehemals unter Bürgern
bestanden (die Jakobiner von . 1793 zerbrachen selbst jene,
die dem monarchischen Staat widerstanden hatten), damit
die Nation eine zusammenhanglose, in sämtlichen Beziehungen
einer zentralen Autorität unterworfene Masse von Untertanen
werde.
Das
Zwangsregime hat nicht bloß die Fehler des gegenwärtigen
ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Systems
geschaffen, es hat sich vielmehr als völlig unfähig bewiesen,
das moralische Niveau der Gesellschaften zu heben; es hat
nicht einmal das erreichte Niveau zu bewahren gewußt. Denn,
wenn eine gütige Fee vor aller Augen die Verbrechen enthüllen
könnte, die an jedem Tag, in jedem Moment in der zivilisierten
Gesellschaft unter dem Deckmantel des Unbekannten, der höchsten
Protektion und sogar des Gesetzes begangen werden, würde
die Gesellschaft erbeben. Die größten politischen Verbrechen,
wie der 2. Dezember oder die Blutwoche, sind niemals gesühnt
worden, und wie der Dichter sagte: »man hängt die kleinen
Ketzer zur Freude der großen«. Mehr noch! Selbst wenn die
Autorität es auf sich nimmt, die Gesellschaft vermittels
der »Bestrafung der Verbrecher« sittlich zu veredeln, so
akkumuliert sie lediglich neue Verbrechen! Die seit Jahrhunderten
praktizierte Unterdrückung ist derart mißlungen, daß wir
uns in einer Sackgasse befinden, aus der wir nur herausgelangen,
wenn wir Feuer und Axt an die Institutionen unserer autoritären
Vergangenheit legen.
Fern
sei uns der Gedanke, die Bedeutung des zweiten Faktors,
der Morallehre, zu verkennen, insbesondere derjenigen, die
sich unbewußt in der Gesellschaft fortpflanzt und aus der
Gesamtheit der Ideen und Werturteile resultiert, die jeder
von uns über die Taten und Ereignisse des Alltags äußert.
Aber diese Kraft kann auf die Gesellschaft nur unter einer
Bedingung einwirken: daß sie nämlich nicht von einer anderen
Summe unmoralischer, aus der Praxis der Institutionen resultierender
Lehren contrecarriert wird. In diesem Fall ist ihr Einfluß
nichtig oder gar unheilvoll. Nehmen wir die christliche
Moral: welche andere Lehre hätte die Geister stärker ergreifen
können als jene, die im Namen eines gekreuzigten Gottes
sprach und mit ihrer ganzen mystischen Kraft, der ganzen
Poesie des Martyriums, der ganzen Erhabenheit der Vergebung
für die Peiniger wirken konnte? Und dennoch war die Institution
stärker als die Religion: das Christentum - die Empörung
gegen das kaiserliche Rom - wurde bald durch dasselbe Rom
besiegt: es nahm dessen Maximen, Sitten und Sprache an.
Die christliche Kirche wurde römisches Recht und als solches,
verbündet mit dem Staat, in der Geschichte zum erbittertsten
Feind der halbkommunistischen Institutionen, auf die sich
das Christentum in seinen Anfängen berufen hatte. Können
wir auch nur einen Augenblick glauben, daß die von Zirkularen
der Minister des Unterrichtswesens patronisierte Morallehre
die schöpferische Kraft besäße, die das Christentum nicht
besessen hat? Und was kann die Lehre vom wahrhaft sozialen
Menschen gegen die aus antisozialen Sitten abgeleiteten
Lehren ausrichten?
Bleibt
das dritte Element - nämlich die Institution, die auf eine
Weise wirkt, daß die sozialen Handlungen in einen Zustand
der Gewohnheit und des Instinkts übersetzt werden. Sie -
die Geschichte beweist es uns - hat nie ihr Ziel verfehlt,
nie als zweischneidige "Waffe gewirkt, und ist sie
schwach geworden, dann nur, weil sie kraft der Gewohnheit,
die zur Unbeweglichkeit und Kristallisierung drängt und
selbst unangreifbare Religion werden möchte, das Individuum
absorbierte, es um jeglichen Handlungsspielraum brachte
und es dergestalt zwang, gegen das, was seinen Fortschritt
hemmte, zu revoltieren.
Alles,
was in der Vergangenheit ein Element des Fortschritts oder
ein Instrument zur moralischen und intellektuellen Vervollkommnung
der menschlichen Rasse gewesen ist, verdanken wir tatsächlich
der Praxis der gegenseitigen Hilfe, den die Gleichheit der
Menschen bestätigenden Sitten, die sie veranlaßt haben,
sich zu verbünden, sich zum Zweck des Produzierens und Konsumierens
zu assoziieren, Verteidigungsbündnisse miteinander zu schließen,
sich zu föderieren und zur Schlichtung ihrer Streitigkeiten
keine anderen Richter als die aus ihren eigenen Reihen gewählten
Schiedsmänner zu akzeptieren.
Jedesmal,
wenn diese Institutionen, die dem Volksgeist entsprangen,
sobald das Volk für einen Augenblick seine Freiheit wiedergewonnen
hatte, in der Geschichte eine neue Entwicklung nahmen, traten
das moralische Niveau der Gesellschaft, ihr materieller
Wohlstand, ihre Freiheit, ihr geistiger Fortschritt und
die Behauptung der individuellen Eigentümlichkeit in eine
aufsteigende Phase. Und konträr dazu, jedesmal, wenn im
Lauf der Geschichte die Menschen, sei es infolge einer fremden
Eroberung, sei es auf Grund der Entwicklung autoritärer
Vorurteile, mehr und mehr in Herrschende und Beherrschte,
in Ausbeuter und Ausgebeutete geschieden wurden, sank das
moralische Niveau und der Wohlstand der großen Menge nahm
ab, um Einzelne zu Reichtum gelangen zu lassen, und der
Geist des Jahrhunderts verdunkelte sich. Das lehrt uns die
Geschichte, und aus ihr schöpfen wir unser Vertrauen zu
den Institutionen des freien Kommunismus, um das durch die
Praxis der Autorität herabgedrückte moralische Niveau der
Gesellschaft wiederanzuheben.
Heute
leben wir Seite an Seite, ohne einander überhaupt zu kennen.
An einem Wahltag treffen wir einander bei den Wahlveranstahungen;
dort hören wir. das lügenhafte oder phantastische Wahlprogramm
eines Kandidaten an und gehen wieder nach Hause. Der Staat
hat die Aufsicht über alle Fragen von öffentlichem Interesse;
er allein hat die Aufgabe, darüber zu wachen, daß wir nicht
das Interesse unseres Nächsten verletzen, und gegebenenfalls
den Schaden wiedergutzumachen, indem er uns bestraft.
Ihr
Nachbar kann Hungers sterben oder seine Kinder totschlagen,
das geht Sie nichts an, das ist Sache der Polizei. Sie kennen
einander kaum, nichts verbindet Sie, alles tendiert dahin,
Sie einander zu entfremden; nichts Besseres findend, bitten
Sie den Allmächtigen (ehemals war es ein Gott, heute ist
es der Staat), sein Mögliches zu tun, um zu verhindern,
daß die antisozialen Leidenschaften ihre äußersten Grenzen
erreichen.
In
einer kommunistischen Gesellschaft ändert sich das notwendigerweise.
Die Organisation des Kommunismus kann nicht gesetzgebenden
Körperschaften anvertraut werden, mögen sie Parlamente,
Stadträte oder Gemeinderäte heißen. Sie muß das Werk aller
sein, ein Produkt des konstruktiven Geists der großen Masse;
der Kommunismus kann nicht aufgezwungen werden, er wäre
lebensunfähig ohne den täglchen wettstreit aller.In einer
Atmosphäre der Autorität erstickt er. Folglich kann er nicht
existieren, ohne zwischen allen einen ständigen Kontakt
für die tausend und abertausend gemeinsamen Angelegenheiten
zu schaffen; er kann nicht leben, ohne ein lokales, in kleinsten
Einheiten - der Straße, dem Häuserblock, dem Viertel, der
Gemeinde - unabhängiges Leben zu schaffen. Er erreichte
sein Ziel nicht, wenn er die Gesellschaft nicht mit einem
Netz von Tausenden von Assoziationen überzöge, um die tausend
Bedürfnisse des Luxus, des Studiums, des Genusses, der Vergnügungen
zu befriedigen, die nicht länger lokal blieben, sondern
notwendigerweise (wie es heute bereits bei den wissenschaftlichen
Gesellschaften, den Radfahrvereinen, den Rettungsgesellschaften
usw. der Fall) international zu werden strebten. Und die
geselligen Sitten, die der Kommunismus-wäre es anfangs auch
nur partiell - gezwungenermaßen ins Leben rufen muß, wären
schon eine unvergleichlich mächtigere Kraft als jeder Unterdrückungsapparat,
den Kern der geselligen Sitten zu erhalten und zu entwickeln.

Die
gesellschaftsbildende Institution ist demnach die Form,
von der wir die Entwicklung des Geists guter Vereinbarung
fordern, den uns aufzuerlegen Kirche und Staat sich zur
Aufgabe gemacht hatten, mit den erbärmlichen Resultaten,
die wir nur zu gut kennen. Und diese Überlegungen enthalten
unsere Antwort an jene, die behaupten, daß Kommunismus und
Anarchismus nicht zusammengehen können. Sie sind, wie Sie
sehen, die notwendige Ergänzung zueinander. Die mächtigste
Entfaltung der Individualität, der individuellen Eigentümlichkeit
- wie einer unserer Kameraden so richtig bemerkt hat -,
kann nur stattfinden, wenn die primären Bedürfnisse nach
Ernährung und Obdach befriedigt worden sind, wenn der Kampf
ums Dasein gegen die Kräfte der Natur vereinfacht worden
ist und, da die Zeit nicht mehr mit kleinlichen Sorgen um
den täglichen Unterhalt verloren geht, die Intelligenz,
der künstlerische Geschmack, der erfinderische Geist und
das umfassende Genie sich nach Belieben entfalten können.
Der
Kommunismus ist die beste Grundlage für den Individualismus
- nicht für jenen, der den Menschen in den Krieg aller gegen
alle treibt und den man bis heute als einzigen kennengelernt
hat, sondern für jenen, der das volle Erblühen aller menschlichen
Fähigkeiten, der die höhere Entwicklung dessen, was Eigentümliches
im Menschen ist, der die größte Fruchtbarkeit der Intelligenz,
des Gefühls und des Willens darstellt. Da dies unser Ideal
ist, was schert es uns, daß es sich vollständig erst in
einer mehr oder weniger fernen Zukunft verwirklichen läßt.
Unsere
Pflicht ist es zunächst, durch Analyse der Gesellschaft
die Tendenzen bloßzulegen und hervorzuheben, die ihr in
einem gegebenen Augenblick ihrer Entwicklung innewohnen.
Sodann diese Tendenzen in unseren Beziehungen zu all denen,
die wie wir denken, in Praxis umsetzen. Und schließlich
von heute an, aber vor allem während der revolutionären
Periode, die Institutionen und Vorurteile zerstören, die
die Entwicklung dieser Tendenzen hemmen. Das ist alles,
was wir mit friedlichen und revolutionären Mitteln zu tun
vermögen, und wir wissen, daß wir den Fortschritt unterstützen,
wenn wi'r diese Tendenzen durchsetzen helfen, und daß, was
immer man gegen sie unternimmt, lediglich den Marsch des
Fortschritts hemmt. Indessen weist man uns häufig auf Etappen
hin, die durchlaufen werden müßten, und man empfiehlt uns,
auf das Erreichen der sogenannten ersten Etappe hinzuwirken,
auch auf die Gefahr hin, daß wir uns am Schluß wieder auf
der alten Heerstraße befinden.
Aber
so denken heißt, scheint mir, den wahren Charakter des menschlichen
Fortschritts verkennen und einen sehr schlecht gewählten
militärischen Vergleich ziehen. Die Menschheit ist weder
eine rollende Kugel noch eine Marschkolonne. Sie ist vielmehr
ein Ganzes, das sich in der Vielfalt der Millionen entfaltet,
aus denen sie sich zusammensetzt, und wenn man einen Vergleich
will, muß man ihn eher zu den Gesetzen der Evolution ziehen
als zu denen eines in Bewegung befindlichen anorganischen
Körpers.
Tatsächlich
ist jede Entwicklungsphase einer Gesellschaft eine Resultante
aller Handlungen sämtlicher Intelligenzen, aus denen die
Gesellschaft sich zusammensetzt: sie trägt den Stempel all
dieser Millionen Willenskräfte.Wie daher auch die Entwicklungsphase
sein mag, die das 20 jahrhundert für uns bereit hält, sie
wird das Siegel des in diesem Augenblick stattfindenden
Erwachens der libertären Ideen tragen. Und die Tiefe dieser
Bewegung wird von der Zahl der Köpfe abhängen, die mit den
autoritären Vorurteilen gebrochen haben, von der Energie,
die sie beim Angriff auf die alten Institutionen entfalten,
von dem Eindruck, den sie auf die Masse hinterlassen, von
der Klarheit, mit der eine befreite Gesellschaft sich in
den Köpfen der Massen abzeichnet. Doch schon heute kann
man sagen, daß in Frankreich das Erwachen der libertären
Ideen der Gesellschaft bereits einen Impuls vermittelt hat,
und daß die nächste Revolution nicht mehr eine jakobinische
sein wird, wie sie es gewesen wäre, wenn sie vor 20 Jahren
ausgebrochen wäre.
Da
diese Ideen weder die Erfindung eines einzelnen Menschen
noch einer Gruppe sind, sondern aus der Gesamtheit der Ideenbewegung
der Epoche resultieren, so können wir sicher sein, daß,
was auch das Ergebnis der nächsten Revolution, es weder
der zentralisierende und diktatorische Kommunismus der 4oer
Jahre sein wird noch der autoritäre Kollektivismus, dem
sich anzuschließen man uns erst allerjüngst wieder einlud
und den man jetzt bloß noch schwach zu verteidigen wagt.
Die »erste Etappe« wird also nicht- soviel ist gewiß - das
sein, was man vor kaum 20 Jahren mit diesem Namen bezeichnete.
Ich
habe schon angemerkt, soweit wir das durch Beobachtung beurteilen
können, ist die große Frage für die gesamte sozialistische
Partei in diesem Augenblick die, ihr Gesellschaftsideal
mit der libertären Bewegung abzustimmen, die im Geist der
Massen keimt. Das heißt zudem, ja das heißt vor allem, in
ihr den Geist der Volksinitiative zu wek-ken, der in den
vorangegangenen Revolutionen gefehlt hat. In der Tat war
die Klippe, an welcher alle vergangenen Revolutionen gescheitert
sind, das Fehlen der organisatorischen Initiative in den
Volksmassen. Von bewunderungswürdiger Intelligenz beim Angriff,
mangelte es dem Volk an Initiative bei der Konstruktion
des neuen Gebäudes. Gezwungenermaßen überließ es sie der
gebildeten Klasse, der Bourgeoisie, die ein Gesellschaftsideal
besaß und mehr oder weniger wußte,was sie zu ihrem Vorteil
aus dem Aufruhr auftauchen lassen wollte. Das Zerstören
ist in einer Revolution nur ein Teil der Aufgabe des Revolutionärs.
Er muß wiederaufbauen und entweder wird der Wiederaufbau
nach den aus Büchern gelernten Formeln der Vergangenheit
erfolgen, und man wird ihn dem Volk aufzuzwingen versuchen,
oder aber nach dem Volksgeist, der spontan in jedem kleinen
Dorf und in jedem Stadtzentrum sich ans Werk begeben wird,
um die sozialistische Gesellschaft zu errichten. Aber dazu
bedarf das Volk eines Ideals. Dazu muß es vor allem mit
Initiative begabte Menschen in seiner Mitte haben.
Doch
gerade die Initiative der Arbeiter und Bauern haben alle
Parteien - die autoritär-sozialistische einbegriffen -wissentlich
oder unwissentlich durch Parteidisziplin erstickt. Da Komitees
und Zentrale alles anordneten, hatten die örtlichen Organe
lediglich zu gehorchen, um nicht die Einheit der Organisation
zu gefährden. Eine ganze Lehre, eine ganze falsche Geschichte
und eine ganze unverständliche Wissenschaft wurden zu diesem
Zweck ausgearbeitet. Die Menschen, die auf den Bruch mit
dieser veralteten Taktik hinwirken, die in Individuen und
Gruppen einen Sinn für Initiative zu wecken wissen und denen
es gelingt, in ihren Beziehungen zueinander auf diesen Grundsätzen
basierende Aktivitäten in Gang zu bringen, die begreifen,
daß das Leben aus Vielfältigkeit, ja sogar ans Konflikten
besteht und Einförmigkeit den Tod bedeutet, diese Menschen
sind nicht für kommende Jahrhunderte tätig, sondern für
die nächste Revolution.

Wir
brauchen »die Gefahren und Verirrungen der Freiheit« nicht
zu befürchten. Nur wer nichts tut, begeht keine Fehler.
Was jene anbelangt, die bloß zu gehorchen verstehen, so
begehen sie ebenso viele und mehr Fehler als jene, die ihren
Weg selber suchen, indem sie sich bemühen, zu handeln, wie
Verstand und gesellschaftliche Erziehung es ihnen suggerieren.
Schlecht begriffen und vor allem schlecht angewandt, können
die Ideen von der Freiheit des Individuums - in einer Umwelt,
in der das Solidaritätsgefühl durch die Institutionen nicht
genügend betont wird - sicherlich zu Handlungen führen,
die dem sozialen Empfinden der Menschheit widersprechen.kommt
das zugegebenermaßen auch vor,ist das ein Grund ,das Prinzip
der Freiheit über Bord zu werfen?Ist es ein Grund, die Schlußfolgerungen
jener Herren zu akzeptieren, die die Zensur wiedereinrichten,
um »die Ausschweifungen« einer freien Presse zu unterbinden,
und die die fortgeschrittenen Parteien guillotinieren, um
Uniformität und Disziplin aufrechtzuerhalten - was letzten
Endes, wie man 1793 erlebt hat, das beste Mittel ist, der
Reaktion den Sieg zu sichern?
Wenn
man sieht, daß antisoziale Taten im Namen der Freiheit des
Individuums begangen werden, ist das einzige, was man tun
kann, das Prinzip des »Jeder für sich selbst und der Staat
für alle« zurückzuweisen und den Mut zu besitzen, laut und
offen zu sagen, was man von diesen Taten hält. Das kann
zweifellos einen Konflikt heraufbeschwören, aber aus Konflikten
besteht das ganze Leben. Und aus dem Konflikt geht eine
sehr viel richtigere Beurteilung dieser Handlungen hervor
als all jene Urteile, die unter dem alleinigen Einfluß der
erlernten Vorstellungen hätten entstehen können. Wenn das
moralische Niveau einer Gesellschaft so tief sinkt, wie
es heute der Fall ist, dann erwarten wir von vornherein,
daß der Aufstand gegen diese Gesellschaft bisweilen Formen
annimmt, die uns erbeben lassen; doch wir verurteilen deshalb
den Aufstand nicht im voraus! Ohne Zweifel stoßen uns die
Köpfe ab, die aufgespießt herumspazieren; doch sind die
großen und kleinen Galgen des Ancien regime und die eisernen
Käfige, von denen uns Victor Hugo berichtet hat, nicht die
Ursache des blutigen Spaziergangs gewesen? Hoffen wir, daß
das Massaker von 35 000 Parisern im Jahre 1871 und die Beschießung
von Paris durch Thiers über die französische Nation hinweggegangen
sind, ohne in ihr eine allzu große Blutgier erregt zu haben.
Hoffen wir, daß die Verderbtheit der großen Gauner, die
in so vielen neueren Prozessen nackt zu Tage getreten ist,
nicht schon das Herz der Nation angefressen hat. Ja, hoffen
wir es, tragen wir dazu bei! Werden unsere Hoffnungen aber
enttäuscht, werdet Ihr, junge Sozialisten, dann dem aufständischen
Volk den Rücken kehren, weil die Grausamkeit der heutigen
Machthaber ihre Spuren im Volksgeist hinterlassen hat? Weil
der von oben herabfallende Dreck in weitem Umkreis alles
beschmutzt hat?
Ganz
offensichtlich kann eine derart tiefgreifende, dem Geistigen
entspringende Revolution nicht auf den Bereich der Ideen
beschränkt sein, sie muß vielmehr in Taten umgesetzt -werden.
Wie es der junge, viel zu früh aus dem Leben gerissene Philosoph
Marc Guyau in einem der schönsten Bücher der letzten 30
Jahre29 so gut ausgedrückt hat: es gibt keine Kluft zwischen
dem Denken und der Tat, wenigstens nicht für jene, die nicht
der modernen Sophistik verfallen sind. Die Konzeption ist
bereits der Beginn der Tat. Auch haben die neuen Ideen in
allen Ländern und unter allen möglichen Aspekten eine Vielzahl
von-Empörungsakten provoziert: zunächst die individuelle
Empörung gegen Kapital und Staat, dann die kollektive Revolte,
den Streik und den Arbeiteraufstand, die beide wiederum
in Gedanken und Tat die Massenrevolte, die Revolution, vorbereiten.
Soweit sind Sozialismus und Anarchismus nur der Entwicklung
gefolgt, die noch stets beim Herannahen großer Volkserhebungen
von der Vorstellungskraft bestimmt worden ist. Es wäre deshalb
unrichtig, dem Anarchismus ein Monopol auf Empörungsakte
zuzuschreiben. Wenn wir die Empörungsakte im letzten Viertel
des 19. Jahrhunderts Revue passieren lassen, sehen wir,
daß sie tatsächlich von allen Parteien ausgegangen sind.
In
ganz Europa sehen wir eine Vielzahl von Erhebungen der Arbeiter-
und Bauernmassen. Der Streik, der früher »ein Krieg mit
verschränkten Armen« war, wird heute sehr leicht zur Revolte
und nimmt gelegentlich - in den Vereinigten Staaten, in
Belgien, in Andalusien - die Proportionen einer ausgedehnten
Insurrektion an. Die in Revolten übergegangenen Erhebungen
der Streikenden in der alten und neuen Welt zählen nach
Dutzenden. Andererseits nimmt der Akt der individuellen
Revolte alle möglichen Formen an, und alle fortgeschrittenen
Parteien tragen dazu bei. Vor uns sehen wir die junge Rebellin,
die Sozialistin Vera Zasulic die auf einen Satrapen Alexanders
II. schoß; den Sozialdemokraten Hödel und den Republikaner
Nobiling, die auf den Kaiser von Deutschland feuerten; den
Böttcher Otero, der auf den König von Spanien schoß, und
Passanante, den frommen Anhänger Mazzinis, der den König
von Italien erstechen wollte. Wir erleben die Agrarmorde
in Irland und die Bombenanschläge in London, die von irischen
Nationalisten organisiert worden sind, die einen Horror
vor Sozialismus und Anarchismus haben. Wir erleben, wie
eine ganze Generation der russischen Jugend - Sozialisten,
Konstitutionalisten und Jakobiner-Alexander II. den bedingungslosen
Krieg erklärt und diese Revolte gegen das absolute Regime
mit 35 Erhängten und Schüben von Verbannten bezahlt. Zahlreiche
Attentate werden von belgischen, englischen und amerikanischen
Bergarbeitern verübt. Und erst am Ende dieser langen Reihe
sehen wir Anarchisten in Spanien und in Frankreich Akte
der Empörung begehen.
Und
während derselben Periode nehmen die von den Regierungen
organisierten großen und kleinen Massaker ihren pünktlichen
Verlauf. Unter dem Beifall der europäischen Bourgeoisie
läßt die Versailler Nationalversammlung 35.000 Pariser Arbeiter
ermorden, die meisten von ihnen gefangengenommene besiegte
Kommunarden. »Pinkertons Briganten« - die Privatarmee der
reichen amerikanischen Kapitalisten - massakrieren streikende
Arbeiter nach allen Regeln der Kunst. Die Priester stacheln
einen geistesschwachen Mann an, auf Louise Michel zu schießen,
die - als wahre Anarchistin - ihn den Richtern zu entreißen
versucht, indem sie für ihn plädiert". Außerhalb Europas
schlachtet man die kanadischen Indianer ab und stranguliert
man Riel34, rottet man die Matabelen aus, beschließt man
Alexandrien, zu schweigen von den als Krieg bezeichneten
Schlächtereien in Madagaskar und anderwärts. Und endlich
teilt man alljährlich den revoltierenden Arbeitern beider
Welten Hunderte und manchmal Tausende Jahre Gefängnis zu
und gibt ihre Frauen und Kinder, die man so dazu verurteilt,
für die angeblichen Verbrechen ihrer Väter zu büßen, dem
schwärzesten Elend preis. Man verschickt die Auf rührer
nach Sibirien, nach Isola Tremiti, nach den Liparischen
und Pantellarischen Inseln, nach Biribi, Noumea und Guyana,
und in diesen Verbannungsorten erschießt man die Verurteilten
schon beim geringsten Akt des Ungehorsams.
"Welch
furchtbares Buch wäre das, in dem eine Bilanz der Leiden
gezogen würde, die die Arbeiterklasse und ihre Freunde in
diesem letzten Viertel des Jahrhunderts erduldet haben!
Welche Menge entsetzlicher Details, die das große Publikum
nicht kennt, und die Sie wie ein Alptraum bedrük-ken würden,
wenn es mir einfiele, sie Ihnen heute Abend zu erzählen!
Was für einen Wutanfall würde jede Seite eines solchen Märtyrerverzeichnisses
der modernen Vorläufer der großen Sozialrevolution provozieren!
- Nun, wir haben dieses Buch erlebt, jeder von uns hat zumindest
ein paar Seiten von Blut und schwarzem Elend durchgemacht.
Und angesichts dieser Leiden, dieser Hinrichtungen, von
Guyana, Sibirien, Noume'a und Biribi hat man den Mut, dem
aufständischen Arbeiter seinen Mangel an Achtung vor dem
menschlichen Leben vorzuwerfen?
Alles
in unserem heutigen Leben löscht doch die Achtung vor dem
Menschenleben aus! Der Richter, der zu töten befiehlt, und
sein Stellvertreter, der Henker, der unter dem Hohngelächter
der Entmenschten der Gesellschaft bei vollem Sonnenlicht
in Madrid garrottiert oder im Nebel von Paris guillotiniert;
der General, der in Bacleh massakriert, und der Zeitungskorrespondent,
der sich mit allen Kräften anstrengt, den Mördern eine Gloriole
ums Haupt zu winden; der Arbeitgeber, der seine Arbeiter
mit Bleiweiß vergiftet, weil - so sagt er - »es soviel mehr
kosten würde, wenn man das Bleiweiß durch Zink ersetzen
würde«; der englische sogenannte Geograph, der eine alte
Frau tötet, damit sie nicht ein feindliches Dorf mit ihren
Klagerufen aufweckt, und der deutsche Geograph, der das
Negermädchen, das er zur Konkubine genommen hat, wegen Untreue
verhaften läßt; der Kriegsrat, der sich mit 14 Tagen Arrest
für den des Mordes überführten Sträflingsaufseher von Biribi
begnügt... alles, alles, alles in der gegenwärtigen Gesellschaft
lehrt die absolute Mißachtung des Menschenlebens - dieses
Fleisches, das auf dem Markt so wenig kostet! Und jene,
die die entwertete menschliche Ware garrottieren, morden,
töten, die eine Religion aus der Maxime gemacht haben, daß
man für das Gemeinwohl garrottieren, erschießen und töten
muß, sie beklagen sich, daß man das menschliche Leben nicht
genügend respektiert! Nein, Bürgerinnen und Bürger, solange
die Gesellschaft das Jus talionis fordert, solange Religion
und Gesetz, Kaserne und Gerichtshof, Gefängnis und industrielles
Bagno, Presse und Schule fortfahren, die größte Mißachtung
des Lebens des Individuums zu ienren, verlangen Sie nicht,
daß die Rebellen gegen diese Gesellschaft es achten! Das
hieße, von ihnen einen unendlich höheren Grad an Milde und
Großherzigkeit verlangen als von der ganzen übrigen Gesellschaft.
Wenn Sie mit uns wollen, daß die völlige Freiheit des Individuums
und damit auch sein Leben respektiert werde, dann müssen
Sie notwendigerweise die Herrschaft von Menschen über Menschen,
egal in welcher Gestalt, ablehnen und die so lange verhöhnten
Grundsätze des Anarchismus akzeptieren. Sie müssen mit uns
nach Gesellschaftsformen suchen, durch die dieses Ideal
am besten verwirklicht und jeglichen Sie empörenden Gewaltakten
ein Ende bereitet werden kann.

Dieser
Vortrag sollte am 6. März 1896 im Tivoli-Vauxhall
zu Paris gehalten werden. |