Die allgemeine
Aufregung und die künstlich entfachten Proteststürme,
die jetzt, dank der famosen „Friedensbedingungen“
der Alliierten, in allen Teilen Deutschlands entfesselt werden,
haben wieder einmal die „Nationale Frage“ und
das Problem der „Nationalen Einheit“ in den Vordergrund
der öffentlichen Auseinandersetzungen gestellt. Vom Alldeutschen
bis herab zum berufenen Vertreter der modernen Sozialdemokratie
ist man sich darüber einig, dass die nationale Einheit
die Grundlage jeder kulturellen Entwicklung sei, und dass
die Zersplitterung eines Volkes naturnotwendig zum Niedergang
und endgültigen Verfall seiner Kultur führe müsse.
Man beschwört, zetert, klagt, flucht, fällt in Wutkrämpfe
oder in hysterische Verzuckungen, je nach dem Programm, und
das alles, weil das berühmte und berüchtigte Triumphirat
in Versailles die nationale Zerstückelung Deutschlands
ausgesprochen hat und sogar den Österreichern versagt,
den Segnungen der nationalen Einheit teilhaftig zu werden.
Es gab eine Zeit, wo alle Richtungen des autoritären
Sozialismus den Begriff der Internationalität als ein
vollständiges Aufgehen der verschiedenen Völker
in der abstrakten Vorstellung der Menschheit auffassten. Man
sah in der bunten Verschiedenartigkeit des Völkerlebens
und der Sprachen nur ein künstlich geschaffenes Hindernis
gegen die Verbrüderungsbestrebungen der darbenden Menschheit
und träumte von der baldigen Abschaffung aller dieser
Unterschiede, von der Einführung einer allgemeinen Weltsprache,
die alle existierenden Sprachen verdrängen solle, und
ähnlichen Dingen. Diese naiven Auffassungen, deren Vertreter
keine blasse Ahnung von der Tiefe des Problems hatten, ist
zwar auch heute noch nicht gänzlich verschwunden, musste
aber im allgemeinen anderen Anschauungen das Feld räumen.
Die moderne Sozialdemokratie hat selbstverständlich mit
den Ideen ihrer Vorgänger aus der Periode des sogenannten
„Handwerksburschenkommunismus“ nichts mehr gemein.
Sie hat auch schon lange die Stellung aufgegeben, die sie
Jahrzehnte lang vertreten hatte, und der Marx und Engels im
Kommunistischen Manifest Ausdruck verliehen, als sie erklärten,
dass der moderne Proletarier überhaupt kein Vaterland
besitze, dass man ihm daher nicht etwas nehmen könne,
was er nicht habe. Der Gedanke, dass nicht die nationalen
und politischen Abänderungen, sondern die Klassenunterschiede
und ökonomischen Gegensätze für die Arbeiterklasse
das entscheidende Element seien, findet heute in der sozialdemokratischen
Partei nur noch wenige vereinzelte Anhänger. Die große
Mehrheit der Partei hat schon lange ihr nationales Herz entdeckt
und betrachtet die Verteidigung des Vaterlandes als eine proletarische
und sozialistische Pflicht. Wie ernst es diesen Leuten mit
dieser „Pflicht“ ist, das hat uns die verhängnisvolle
Kriegspolitik der sozialdemokratischen Mehrheitsführer
während der letzten viereinhalb Jahre mit klassischer
Deutlichkeit vor Augen geführt; das zeigt uns heute wieder
die Stellung der sozialdemokratischen Staatsmänner, die
sich redliche Mühe geben, den Geist von 1914 wieder neu
zu entfachen, um Clemenceau und seinen Spießgesellen
ein glattes „Unannehmbar“ entgegenschleudern zu
können.
In Grunde genommen ist diese Stellung durchaus nicht verwunderlich;
ist sie doch nur das unvermeidliche Produkt der Staatsgläubigkeit
der modernen Sozialdemokratie. Sozialistisch ist sie allerdings
nicht, aber wer ist heute noch verwegen genug, die sozialdemokratischen
Führer sozialistischer Anwandlungen zu zeihen !
Der moderne Sozialdemokrat hat den klaffenden Unterschied
zwischen Staat und Gesellschaft längst vergessen, vorausgesetzt,
dass er je eine klare Vorstellung dieses elementaren Gegensatzes
hatte. Und wie er sich die Gesellschaft nur in der Form des
Staates vorstellen kann, so begreift er das Volk nur in der
Zwangsjacke der Nation. Aber zwischen Volk und Nation besteht
derselbe Gegensatz als zwischen Gesellschaft und Staat. Die
gesellschaftliche Organisation ist ein natürliches Gebilde,
das sich unter dem Einfluß gewisser Notwendigkeiten
von unten nach oben entwickelt und dessen Grundlage die Wahrnehmung
der allgemeinen Interessen ist. Die staatliche Organisation
ist ein künstliches Gebilde, das den Menschen von oben
nach unten aufoktroyiert wird und dessen eigentlicher Zweck
die Verteidigung der Interessen privilegierter Minoritäten
auf die Kosten der Allgemeinheit ist.
Ein Volk ist das natürliche Ergebnis gesellschaftlicher
Organisation, ein Sichzusammenfinden von Menschen, die durch
die Verwandschaftlichkeit der Abstammung, durch allgemeine
Formen und Eigentümlichkeiten ihrer Kultur und die Gemeinschaftlichkeit
der Sprache, Sitten, Traditionen usw. innerlich vorhanden
sind. Dieser gemeinsame Zug lebt und wirkt in jedem einzelnen
Gliede des Volksverbandes und bildet einen wichtigen Teil
seiner individuellen und kollektiven Existenz. Er kann ebenso
wenig künstlich gezüchtet als gewaltsam zerstört
werden, es sei denn, dass man alle Glieder eines Volkes ausrotte.
Ein Volk kann einer Fremdherrschaft unterworfen und in seiner
natürlichen Entwicklung künstlich beeinträchtigt
werden, nie aber gelingt es, seine psychologischen und kulturellen
Eigentümlichkeiten und Veranlagungen zu ersticken. Im
Gegenteil, gerade unter fremdem Joche treten dieselben um
so deutlicher hervor und bilden vorzugsweise ein Schutzmittel
für die Existenz des Volksganzen. Die Erfahrungen der
Engländer mit den Iren, der Österreicher mit den
Tschechen und Südslawen, der Deutschen mit den Polen
usw. sind klassische Beispiele für die unbeugsame Zähigkeit
des völkischen Zusammenlebens. Und sehr oft sehen wir,
dass, falls das unterjochte Volk kulturell höher steht
wie seine Unterdrücker, dass die letzten sozusagen von
der höheren Kultur aufgesaugt werden. So eroberten die
kriegerischen Mongolenhorden China und zwangen den Chinesen
einen Mongolen als Kaiser auf, aber im Verlaufe einiger Generationen
verwandelten sich die Mongolen in Chinesen, da ihre primitive
Kultur der Größe und Feinheit der chinesischen
Kultur keinen Widerstand leisten konnte. Dieselbe Erscheinung
sahen wir in Italien, das Jahrhunderte lang den Einfällen
barbarischer Völkerhorden ausgesetzt war. Aber die hochentwickelte
Kultur Italiens siegt immer über die brutale Gewalt der
Barbaren, die nur dazu beitrugen, diese Kultur zu verjüngen
und neu zu befruchten. Und das ist ganz natürlich, denn
ein Volk lässt sich ebenso wenig in fremde Sitten, Gewohnheiten
und Anschauungen hineinzwingen, wie man einen einzelnen Menschen
in den engen Rahmen einer fremden Individualität hineinzupressen
imstande ist. Wenn eine Annäherung und ein allmähliges
Aufgehen einer –Volkgruppe in einer anderen stattfindet,
so geschieht das stets freiwillig und ganz unbewusst durch
natürliche Anpassung, niemals aber auf dem Wege brutaler
Gewalt.

Die Nation, von der anderen Seite ist stets das künstliche
Produkt eines Regierungssystems, wie ja auch der Nationalismus
im Grunde genommen nichts anderes vorstellt, als die Religion
des Staates. Die Zugehörigkeit zur Nation wird nicht
durch innerliche natürliche Ursachen bestimmt, sondern
durch rein äußerliche Verhältnisse und Gründe
der Staatsräson. Eine Handvoll Politiker und Diplomaten
entscheidet willkürlich über die nationale Existenz
und Zukunft einer Menschengruppe, die sich dem Gebote der
Macht einfach unterwerfen muß, ohne selbst mitbestimmen
zu können. So legten sich z.B. die Einwohner der französischen
Riviera eines Abends als Italiener schlafen und erwachten
des morgens als Franzosen, da der Kongreß der Diplomaten
in einer Nachtsitzung über ihr Schicksal entschieden
hatte. Die Helgoländer waren ein Glied der englischen
Nation und legale Untertanen der britischen Regierung, aber
als diese sie an Deutschland verschacherte, wurde auch ihre
Nationalität einem radikalen Wechsel unterworfen. War
es am Tage vorher ihr größtes Verdienst, Vorposten
der englischen Nation zu sein, so wurde ihnen nach der Übergabe
der Insel ihre ehemals vornehmste Tugend nunmehr als ihre
schwärzeste Sünde ausgelegt. Solche Beispiele gibt
es die schwere Menge; sie sind charakteristisch für die
ganze Entwicklungsgeschichte des Staates.
Gerade der moderne konstitutionelle demokratische Staat war
es, der den Begriff der Nation und das Wesen des Nationalismus
bis zu ihren letzten Konsequenzen entwickelt hat. Die absolute
Monarchie, die sozusagen die fetischistische Periode in der
Entwicklungsgeschichte des Staates repräsentiert, wo
der König der sichtbare Ausdruck des ganzen Systems ist,
behandelte die breiten Massen ihrer rechtlosen Untertanen
wir eine große, zum Melken bestimmte Herde. Aus diesem
Grunde zog sie dieselben nur in ganz seltenen Fällen
zur sogenannten Landesverteidigung heran, die sie einer Armee
von Berufssoldaten anheim stellte. Erst der moderne Staat,
der vorgeblich jedem seiner Bürger das Mitbestimmungsrecht
an der Regierung durch die Einführung des allgemeinen
Wahlrechts verliehen hatte, entwickelte die Idee der Nation
zur eigentlichen Blüte. Der Bürger, den man mit
seinen neu erworbenen politischen Rechten hypnotisierte, musste
auch die aus diesen „Rechten“ erwachsenden Pflichten
mit übernehmen. Die Wahlurne wurde zum Opferaltar der
menschlichen Persönlichkeit, der Stimmzettel zur Urkunde
freiwilliger geistiger und physischer Sklaverei.. Das französische
Jakobinertum schuf erst den abstrakten Staatsbegriff und zusammen
mit ihm die abstrakte Vorstellung der Nation. Seitdem wurde
die Idee der nationalen Einheit das Losungswort der demokratischen
Bewegungen, von denen die Sozialdemokratie als zweifelhafte
Erbschaft übernommen hat. Die nationale Einheit wurde
zum Inbegriff der kulturellen Entwicklung, zum Symbol des
völkischen Lebens, jedes Hindernis, das man ihr entgegensetzte,
wurde zum kulturfeindlichen Faktor. Und diese „fable
convenue“, dieses Märchen, das man stillschweigend
als Wahrheit angenommen hatte, schlug alle Geister in seinen
Bann, obwohl uns die Geschichte gerade das Gegenteil beweist:
Gerade die Perioden nationaler Zersplitterung waren die größten
Kulturepochen der Menschheit, während umgekehrt, die
Perioden nationaler Einheit Epochen des kulturellen Niedergangs
und Verfalls gewesen sind. Das alte Griechenland, das national
und politisch vollständig zersplittert war, gab uns trotzdem
eine Kultur, die heute noch als vorbildlich erachtet wird.
Und als später Alexander von Mazedonien die „griechische
Einheit“ mit dem Schwerte durchführte, versiechten
die Quellen der kulturellen Kräfte und Fähigkeiten,
die sich nur in der Freiheit entwickeln konnten.
Die große Periode der freien Städte des Mittelalters,
die Zeit der Renaissance in Europa war eine Epoche der extremsten
nationalen Zersplitterung und trotzdem wurde in jener grandiosen
Zeit eine Kultur geboren, die bisher nicht mehr ihresgleichen
gefunden hat. Die gewaltigen Denkmäler der Architektur,
die uns jene Zeit hinterlassen hat, sind ein ewiges Wahrzeichen
dieser glänzendsten Phantasie der menschlichen Entwicklung.
Aber als später der moderne Staat auf den Trümmern
dieser Kultur das Banner der nationalen Einheit entfaltete,
dann schmolzen die letzen Reste kultureller Größe
wie Schnee an der Sonne und die brutalste Barbarei brach über
Europa herein.
Werfen wir einen Blick, auf unsere eigene Geschichte und wir
finden nur eine Bestätigung derselben Erscheinung. Alle
die reichen Errungenschaften geistiger Größe und
Kultur in Deutschland datieren aus der Zeit unserer nationalen
Zersplitterung. Unsere klassische Literatur von Kloppstock
bis Goethe und Schiller, die berauschende Kunst unserer romantischen
Schule, unsere klassische Philosophie von Kant bis Feuerbach,
die Höhenepoche unserer klassischen Tondichtung –
das alles gehört dieser Zeit an. Der nationale Einheitsstaat
aber bezeichnet den Niedergang unserer Kultur, das Versiechen
der schöpferischen Kräfte, den Triumph des Militarismus
und einer geistlosen Bürokratie, die uns in die schauerlichste
Katastrophe, von der die Geschichte zu sagen weiß, hineinpeitschte
wie eine willenlose Horde.
Und kann es denn anders sein ? Ist doch der nationale Einheitsstaat
nichts anderes wie das verkörperte Machtprinzip der besitzenden
Klassen, der Sieg der Uniformität und Schablone über
die reiche Mannigfaltigkeit des völkischen Geistes, der
Triumph geistiger Dressur über die natürliche Erziehung
und Charakterbildung, das Verdrängen des Persönlichkeitsgefühls
durch den Kadavergehorsam, mit einem Worte – die Vergewaltigung
der Freiheit durch die brutale staatliche Gewalt.
Das hatte Proudhon schon deutlich erkannt, als er Mazzini,
dem hervorragendsten Vertreter des nationalen Einheitsgedankens
in Italien, die Worte entgegenhielt: „Jeder ursprüngliche
Charakter in den mannigfaltigen Landschaften eines Reiches
geht durch die Zentralisation, das ist der wahre Name der
sogenannten Einheit, verloren. Ein großer Zentralstaat
konfisziert alle Freiheit der Provinzen und der Gemeinden
zugunsten einer höheren Macht – der Regierung.
Was ist diese Einheit der Nation in Wahrheit ? Das Aufgehen
der besonderen Völker, in denen die Individuen leben
und sich voneinander unterscheiden, in einer abstrakten Nation,
in der keiner atmet und keiner den anderen kennt. Indem man
den Menschen die Verfügung über sich selbst geraubt
hat, braucht man, um diese riesige Maschine in Gang zu bringen,
eine ungeheuerliche Bürokratie, eine Legion Beamte. Um
sie nach innen und außen zu schützen, braucht man
ein stehendes Heer, Angestellte, Soldaten, Mietlinge, das
wird die Zukunft der Nation vorstellen. Diese grandiose Einheit
braucht Ruhm, Glanz, Luxus, eine imposante Zivilliste, Botschafter,
Pensionen, Pfründen. In so einem Einheitsstaat streckt
alles die Hand aus, und wer zahlt die Schmarotzer? Das Volk!
Wer einheitliche Nation sagt, der meint eine Nation, die ihrer
Regierung verkauft ist. Die Einheit ist nichts weiter als
eine Form der bourgeoisen Ausbeutung unter dem Schutz der
Bajonette. Jawohl, die politische Einheit in den Großstaaten
ist die Herrschaft des Bürgertums. Darum die Lust des
Bourgeois am Einheitsstaat.
Der geniale Franzose kannte seine Pappenheimer, aber der deutsche
Michel scheint sie noch immer nicht zu kennen.
Mit diesen Ausführungen sollen die infamen Friedensbedingungen
der Alliierten selbstverständlich keineswegs gerechtfertigt
werden. Wir fordern das Recht der freien Entschließung
für jede Gemeinde, jede Provinz, jedes Volk und gerade
deshalb verwerfen wir die Wahnidee des nationalen Einheitsstaates.
Der berühmte „Völkerbund“ des Herrn
Wilson war für uns niemals etwas anderes als eine neue
heilige Allianz im kapitalistischen Gewande. Dieselben Herren
aber, die heute wehe, wehe über die Alliierten rufen,
haben jedes Recht auf Protest verwirkt, denn sie sind Fleisch
vom selben Fleische, Blut vom selben Blut – aber sie
sind die Geschlagenen und das ist die bittere Pille, die ihnen
nicht mundet.