
Konzept
des Libertären Kommunismus
Allen Delegationen, die an diesem Kongreß teilnehmen,
ist allgemein bekannt, daß im Schoße der C.N.T.
zwei klar ausgeprägte Ansätze bestehen, den Sinn des
Lebens zu deuten und die Grundlagen für die ökonomische
Struktur nach der Revolution zulegen. Diese verschiedenartigen
Konzeptionen sind ohne Zweifel auf theoretische und philosophische
Ansichten zurückzuführen, die, wenn sie die Militanten
erfassen, zwei feststehende Denkrichtungen hervorbringen. Beide
Richtungen versuchen, tonangebend zu werden. Es gäbe keine
Probleme, wenn nicht das natürliche Streben nach Hegemonie
dem Vorhandensein dieser zwei Tendenzen innerhalb der Konföderation
widersprechen würde.
Aber dieses unbeugsame und beständige geistige Streben
muß sich mit neuer Kraft in unseren Reihen erst erweisen.
Dieser Prozeß bringt ernsthafte Gefahren für die
Einheit, die wir gerade erwähnt haben, mit sich. Um dem
historisch bedeutungsvollen Moment gerecht zu werden, mußte
deshalb mit der nötigen Ruhe und Gewissenhaftigkeit eine
Formel gefunden werden, die die Ansichten und das Gedankengut
beider Richtungen innerhalb der Konföderation und damit
die Grundlage für ein neues Leben zum Ausdruck bringen
konnte.
Wir erklären also:
·
Erstens: Als wir die Grundpositionen für die Abfassung
dieser Denkschrift festlegten, haben wir uns darum bemüht,
sie mit strengem Sinn für Harmonie und Ausgewogenheit auf
den folgenden beiden Pfeilern zu begründen: Individuum
und Gewerkschaft. Wir waren bestrebt, beide Richtungen und Konzeptionen
gleichzeitig zu entwickeln.
·
Zweitens: Als Gegenstück zur ausdrücklichen Garantie
der Harmonie weisen wir auf die darin enthaltene Anerkennung
der individuellen Souveränität hin. Von dieser Voraussetzung
aus — bei der die Freiheit gegen alle Beeinträchtigungen
verteidigt wird und oberstes Prinzip bleibt — müssen
wir die verschiedenen Einrichtungen bestimmen, die im Leben
unter Berücksichtigung der gegebenen Umstande den Bedarf
regeln sollen. Wenn aller sozialer Reichtum vergesellschaftet
und der Besitz der Arbeitsinstrumente in einer Form garantiert
ist, die allen die gleiche Möglichkeit zu produzieren verschafft,
eine Möglichkeit, die sich in eine Pflicht verwandelt,
um Überhaupt eine Anwartschaft auf das dem Selbsterhaltungstrieb
entsprechende Recht zum Konsumieren zu erhalten — wenn
dieser Punkt erreicht ist, dann tritt das anarchistische Prinzip
der freien Übereinkunft auf den Plan, um zwischen den Menschen
die Tragweite, die Dauer und die Verwirklichung einer solchen
Übereinkunft zu regeln. So muß das Individuum als
juristische Persönlichkeit und als Grundeinheit aller späteren
Organisationsformen, die die Freiheit und Macht der Föderation
noch hervorbringen werden, Rahmen und Nomenklatur der neuen
Gesellschaft der Zukunft bestimmen. Wir alle müssen bedenken,
daß es absurd wäre, die Gesellschaft der Zukunft
mit mathematischer Präzision konstruieren zu wollen, denn
oftmals besteht zwischen Theorie und Praxis ein wahrer Abgrund.
Deshalb verfallen wir nicht dem Irrtum der Politiker, die endgültige
Lösungen für alle Probleme präsentieren, Lösungen,
die dann in der Praxis mit Getöse in sich zusammenbrechen.
Die
Politiker scheitern, weil sie, ohne die Entwicklung des menschlichen
Lebens selbst zu berücksichtigen, glauben, daß eine
einzige Methode für alle Zeiten gelten könne. Diesen
Fehler werden wir nicht begehen, die wir über eine entwickeltere
Sicht der sozialen Probleme verfügen. Wenn wir die Leitvorstellungen
des freiheitlichen Kommunismus entwerfen, präsentieren
wir ihn nicht als ein geschlossenes Programm, das keine Änderungen
zuläßt. Diese werden logischerweise erforderlich
sein, und die Notwendigkeiten und Erfahrungen selbst werden
die entsprechenden Anregungen dazu geben. Obgleich es den Anschein
haben könnte, als ob wir uns damit etwas außerhalb
des uns vom Kongreß erteilten Mandats bewegen, halten
wir es für erforderlich, ein wenig näher auf die Einzelheiten
unseres Revolutionskonzepts einzugehen und die wichtigsten Prämissen
aufzuzeigen, die unserer Meinung nach die Revolution bestimmen
können und müssen. Schon zu lange hat man die Redensart
geglaubt, derzufolge die Revolution nichts anderes als eine
gewalttätige Episode sei, die mit dem kapitalistischen
Regime aufräume. In Wirklichkeit aber ist die Revolution
ein Phänomen, das einem Zustand der Dinge Bahn bricht,
der schon seit langem im kollektiven Bewußtsein verankert
war. Die Revolution beginnt deshalb in dem Augenblick, in dem
nach Feststellung des tatsächlich vorhandenen Unterschieds
zwischen der sozialen Wirklichkeit und dem individuellen Bewußtsein
das letztere sich, sei es nun aus Instinkt oder nach einer Analyse,
gezwungen sieht, gegen die erstere vorzugehen. Kurz gesagt,
beginnt deshalb die Revolution unserer Meinung nach folgendermaßen:
·
Erstens: Als psychologisches Phänomen, das gegen einen
bestimmten Zustand der Dinge gerichtet ist, der im Widerspruch
zu den Wünschen und Bedürfnissen des einzelnen Menschen
steht.
·
Zweitens: Als soziale Manifestation, wenn sie mit den Gegebenheiten
des kapitalistischen Staates in dem Augenblick zusammenstößt,
da sich obige Reaktion in der Gemeinschaft durchsetzt.
·
Drittens: Als Organisation, weil sie spürt, daß ein
Machtinstrument geschaffen werden muß, das in der Lage
ist, die Verwirklichung ihres biologischen Zieles durchzusetzen.
Folgende Faktoren der äußeren Ordnung verdienen besonders
herausgestellt zu werden:
·
a) Verschwinden der Ethik, die als Grundlage des kapitalistischen
Regimes dient.
·
b) Bankrott dieses Regimes auf wirtschaftlichem Gebiet.
·
c) Scheitern der politischen Form des kapitalistischen Regimes,
sowohl was die Demokratie als auch was seine letzte Ausformung,
den Staatskapitalismus, angeht, der nichts anderes als der autoritäre
Kommunismus ist.
Wenn
alle diese Faktoren an einem Punkt und zu einem bestimmten Zeitpunkt
zusammentreffen, dann ist das der geeignete Moment für
das gewaltsame Ereignis, das die Periode tatsächlicher
revolutionärer Entwicklung einleiten wird. Da wir glauben,
daß wir gerade in diesem Augenblick leben, in dem alle
genannten Faktoren erfolgversprechend Zusammentreffen, haben
wir es für notwendig gehalten, eine Denkschrift abzufassen,
die in allgemeinen Linien die ersten Stützen jenes sozialen
Gebäudes vorzeichnet, in dessen Schutz wir in Zukunft leben
werden.
Konstruktive
Vorstellungen von der Revolution
Wir sind der Meinung, daß unsere Revolution sich auf der
Grundlage strikter Gleichheit organisieren muß. Die Revolution
kann sich weder auf gegenseitige Hilfe noch auf die Solidarität
oder auf den archaischen Begriff der Nächstenliebe gründen.
Auf jeden Fall müssen diese drei Formeln, die im Lauf der
Zeit die Unzulänglichkeit rudimentärer Gesellschaftstypen
verdecken sollten, in denen der einzelne willkürlichen
Rechtsauslegungen ausgeliefert war, einen neuen Inhalt bekommen
und in Gestalt von neuen Normen für das menschliche Zusammenleben
genau beschrieben werden. Im freiheitlichen Kommunismus liegt
bereits die deutlichste Interpretation vor, nämlich jedem
menschlichen Wesen das zu geben, was seine Bedürfnisse
erfordern, ohne daß die Befriedigung derselben andere
Grenzen kennt als diejenigen, die sich aus den Erfordernissen
der neu entstandenen Wirtschaftsform ergeben. Wenn alle Wege,
die nach Rom führen, den Wanderer in die Ewige Stadt bringen,
dann führen alle Formen der Arbeit und der Güterverteilung,
die sich von der Vorstellung einer egalitären Gesellschaft
leiten lassen, zur Verwirklichung von Gerechtigkeit und sozialer
Harmonie. Deshalb sind wir der Meinung, daß sich die Revolution
auf die sozialen und ethischen Prinzipien des freiheitlichen
Kommunismus stützen muß.
Diese sind:
·
Erstens: Die Bedürfnisse jedes menschlichen Wesens zu befriedigen,
ohne daß diese Befriedigung anderen Beschränkungen
unterliegt als denen, die mit der Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft zusammenhängen.
·
Zweitens: Von jedem Menschen entsprechend den Bedürfnissen
der Gesellschaft den größtmöglichen Einsatz
seiner Kräfte zu verlangen, wobei auf die physische und
moralische Verfassung eines jeden Individuums Rücksicht
genommen werden muß.

Die
Organisation der neuen Gesellschaft
nach der revolutionären Tat
Die ersten Maßnahmen der Revolution
Wenn die gewaltsame Phase der Revolution beendet ist, werden
für abgeschafft erklärt: das Privateigentum, der Staat,
das Autoritätsprinzip und folglich auch die Klassen, die
die Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete, Unterdrücker
und Unterdrückte teilen. Nachdem der Reichtum sozialisiert
worden ist, werden die bereits freien Organisationen der Produzenten
die direkte Verwaltung der Produktion und des Konsums übernehmen.
Wenn in jeder Ortschaft die freiheitlichen Kommunen begründet
worden sind, werden wir den neuen sozialen Mechanismus in Gang
setzen. Die Produzenten eines jeden Wirtschaftszweigs oder Berufs,
die sich in den Gewerkschaften und am Arbeitsplatz zusammengeschlossen
haben, werden frei über die Form entscheiden, in der er
organisiert sein soll. Die freiheitliche Kommune wird all die
Dinge übernehmen, die die Bourgeoisie früher zurückgehalten
hat, wie zum Beispiel Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Rohstoffe,
Werkzeuge etc. Diese Geräte sowie die Rohstoffe müssen
in die Verfügungsgewalt der Produzenten übergehen,
damit diese sie direkt zum Nutzen der Gemeinschaft verwalten
können. In erster Linie werden sich die Kommunen um ein
Höchstmaß an Bequemlichkeit für alle Einwohner
einer jeden Ortschaft bemühen und die Hilfe für die
Kranken und die Erziehung der Kinder sichern. In Übereinstimmung
mit dem grundlegenden Prinzip des freiheitlichen Kommunismus
werden, wie wir schon oben erwähnt haben, alle arbeitsfähigen
Menschen ihre freiwillige Pflicht zu erfüllen beginnen
— die sich in ein echtes Recht verwandeln wird, wenn der
Mensch erst wirklich frei arbeitet — und entsprechend
ihren Kräften und Fähigkeiten ihren Beitrag zur Gemeinschaft
leisten, während andererseits die Kommune zur Befriedigung
der Bedürfnisse ihrer Verpflichtung nachkommen wird. Es
ist deshalb schon jetzt notwendig, deutlich darauf hinzuweisen,
daß die ersten Zeiten der Revolution nicht leicht sein
werden und daß es notwendig sein wird, daß jeder
äußerste Anstrengungen unternimmt und nur soviel
konsumiert, wie die Leistungsfähigkeit der Produktion erlaubt.
Jede Phase des Aufbaus erfordert Opfer sowie die individuelle
und gemeinschaftliche Bereitschaft zu Anstrengungen, die darauf
gerichtet sind, die widrigen Umstände zu überwinden
und nicht Schwierigkeiten für die Aufbauarbeit jener Gesellschaft
zu schaffen, die wir im Einverständnis mit allen verwirklichen
werden.
Plan
für die Organisation der Produzenten
Der Plan für die ökonomische Organisation wird sich,
so vielfältig auch die nationale Produktion sein mag, nach
den strengsten Prinzipien einer sozialen Wirtschaft richten
— Prinzipien, die von den Produzenten direkt über
die verschiedenen Organe der Produktion bestimmt, in Generalversammlungen
der verschiedenen Organisationen verabschiedet und von diesen
ständig kontrolliert werden. Als Grundeinheit (am Arbeitsplatz,
in der Gewerkschaft, in der Kommune, in allen Lenkungsorganen
der neuen Gesellschaft), als Ausgangspunkt und Eckstein aller
sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Schöpfungen
ist der Produzent, das Individuum anzusehen. Als verbindendes
Organ innerhalb der Kommune und am Arbeitsplatz dient der Werks-
und Fabrikrat, der mit den anderen Zentren der Arbeit eng zusammenarbeitet.
Als verbindende Einrichtung von Gewerkschaft zu Gewerkschaft
(Zusammenschluß der Produzenten) dienen die Räte
für Statistik und Produktion, die untereinander wieder
Föderationen bilden, bis ein enges und dauerhaftes Verbindungsnetz
zwischen allen Produzenten der Iberischen Konföderation
hergestellt ist. Auf dem Lande ist die Ausgangsbasis der Produzent
in der Kommune, der zum Nutznießer aller natürlichen
Reichtümer seines politischen und geographischen Bezirks
wird. Als verbindendes Organ dient der Rat für Ackerbau,
dem technisches Personal und Arbeiter der Vereinigungen landwirtschaftlicher
Produzenten angehören werden, die beauftragt sind, die
Intensivierung der Produktion dadurch zu fördern, daß
sie die am besten für den Anbau geeigneten Ackerflächen
nach deren chemischer Zusammensetzung bestimmen.
Diese Räte für Ackerbau werden ein entsprechendes
Netz von Verbindungen herstellen wie die Werks- und Fabrikräte
sowie die Räte für Statistik und Produktion und so
die freie Föderation ergänzen, die die Kommune als
politischer Bezirk und geographische Unterteilung darstellt.
Sowohl die Vereinigungen der Produzenten aus der Industrie als
auch die Vereinigungen der landwirtschaftlichen Produzenten
werden sich auf nationaler Ebene zu Föderationen zusammenschließen
— solange Spanien das einzige Land sein wird, das seine
soziale Umgestaltung verwirklicht hat -‚ wenn die, die
durch den jeweiligen Arbeitsprozeß selbst voneinander
getrennt sind, das im Sinne einer fruchtbaren Entwicklung der
Wirtschaft für nützlich halten. In diesem Sinne werden
sich auch jene Verwaltungsorgane zusammenschließen, deren
besondere Merkmale einen Zusammenschluß nahelegen, um
so die vernünftigen und notwendigen Verbindungen zwischen
allen freiheitlichen Kommunen Spaniens zu erleichtern.
Wir sind der Überzeugung, daß die neue Gesellschaft
mit der Zeit jede Kommune mit den für ihre Autonomie notwendigen
landwirtschaftlichen und industriellen Kräften versehen
wird, und zwar entsprechend dem biologischen Lehrsatz, demzufolge
derjenige Mensch - in diesem Falle diejenige Kommune - am freiesten
ist, der von den anderen am wenigsten braucht.
Die
freiheitlichen Kommunen und ihre Arbeitsweise
Unsere politische Revolution stützt sich auf folgende drei
Pfeiler: Individuum, Kommune und Föderation. Innerhalb
eines Gesamtplans aller wirtschaftlichen Aktivitäten, der
die ganze Halbinsel erfassen soll, wird die Verwaltung absolut
kommunalen Charakter haben. Die Grundlage dieser Verwaltung
wird folglich die Kommune sein. Diese Kommunen werden autonom
sein und auf regionaler und nationaler Ebene Föderationen
bilden, um Ziele von allgemeiner Bedeutung verwirklichen zu
können. Das Recht auf Autonomie schließt nicht die
Pflicht aus, im Interesse der Allgemeinheit liegende Beschlüsse
zu erfüllen, die nicht nur aus allgemeiner Wertschätzung
gebilligt, sondern aus tiefer Einsicht akzeptiert worden sind.
Eine Kommune von Verbrauchern ohne freiwillige Beschränkung
wird sich also dazu bereit erklären, jene Normen von allgemeiner
Gültigkeit zu beachten, die nach einer freien Diskussion
von der Mehrheit angenommen worden sind. Dagegen können
jene Gemeinschaften, die der Einbeziehung in den Industrialisierungsprozeß
Widerstand leisten und andere Arten des Zusammenlebens beschließen,
wie zum Beispiel die Naturisten oder die Nudisten, das Recht
auf eine autonome Verwaltung erhalten, die nicht den allgemeinen
Kompromissen verpflichtet zu sein braucht. Da diese Kommunen
von Naturisten, Nudisten oder andere Arten von Kommunen nicht
all ihre Bedürfnisse befriedigen können, so begrenzt
diese auch sein mögen, können ihre zu den Kongressen
der Iberischen Konföderation der Autonomen Freiheitlichen
Kommunen entsandten Delegierten wirtschaftliche Übereinkünfte
mit den übrigen agrarischen oder industriellen Kommunen
abschließen.
Wir empfehlen also:
·
Die Einrichtung der Kommune als politische und administrative
Einheit.
·
Die Kommune wird autonom und mit den übrigen Kommunen föderiert
sein.
Die
Kommunen schließen sich nach Landschaften oder Regionen
zusammen, wobei es den einzelnen Kommunen überlassen bleibt,
ihre geographischen Grenzen zu bestimmen, wenn es zum Beispiel
notwendig erscheint, kleine Ortschaften, Siedlungen oder Weiler
in einer einzigen Kommune zusammenzulegen. Die Gesamtheit dieser
Kommunen wird eine Iberische Konföderation der Autonomen
Freiheitlichen Kommunen bilden. Damit die Verteilung der Produktion
funktioniert und damit sich die Kommunen besser versorgen können,
kann man zusätzliche Organisationen errichten, die in dieser
Richtung tätig werden. Zum Beispiel: einen Rat der Konföderation
für Produktion und Verteilung, der aus direkten Vertretern
der Nationalen Produzentenföderationen und des jährlichen
Kongresses der Kommunen besteht.
Aufgabe
und innere Organisation der Kommune
Die Kommune wird sich mit all dem zu befassen haben, was das
Individuum betrifft. Sie wird sich um alle Angelegenheiten kümmern
müssen, die in Zusammenhang mit der Verwaltung und Verschönerung
der Ortschaft stehen. Sie wird für die Unterbringung ihrer
Bewohner sorgen müssen. Sie wird sich um die Artikel und
Produkte kümmern müssen, die ihr von den Gewerkschaften
und Produzentenvereinigungen geliefert worden sind.
Sie wird sich ebenso mit der Hygiene, der kommunalen Statistik,
den kollektiven Bedürfnissen, dem Unterricht, den Gesundheitseinrichtungen
sowie der Erhaltung und Vervollkommnung der örtlichen Kommunikationsmöglichkeiten
beschäftigen. Sie wird die Verbindungen zu den anderen
Kommunen organisieren und sich um die Förderung künstlerischer
und kultureller Aktivitäten bemühen. Um diese Aufgabe
gut erfüllen zu können, wird ein Rat der Kommune gewählt
werden, dem die Vertreter der Räte für Ackerbau, Gesundheit,
Kultur, Verteilung sowie Produktion und Statistik angehören
werden. Das Wahlverfahren für die Räte der Kommune
wird man unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bevölkerungsdichte
erarbeiten, wobei man berücksichtigen muß, daß
die Metropolen bei der Bildung von Föderationen der Kommunen
nur langsam politisch dezentralisiert werden.
Alle diese Institutionen werden keinen exekutiven oder bürokratischen
Charakter haben. Abgesehen von denen, die technische oder rein
statistische Aufgaben wahrnehmen, werden auch sie ihre Aufgabe
als Produzenten erfüllen. Die Mitglieder der einzelnen
Institutionen versammeln sich erst gegen Ende des Arbeitstages,
um die Detailfragen zu diskutieren, die nicht der Zustimmung
durch die kommunalen Versammlungen bedürfen. Es werden
so oft Versammlungen abgehalten, wie es die Bedürfnisse
der Kommune erfordern, und zwar entweder auf Ersuchen der Mitglieder
des Rates der Kommune oder auf Wunsch der Einwohner einer jeden
Kommune.

Gegenseitige
Kontakte und Austausch der Produkte
Wie schon erwähnt, ist unsere Organisation föderalistischer
Art und sichert die Freiheit des einzelnen innerhalb der Gruppe
und innerhalb der Kommune, die der Kommunen innerhalb der Föderation
und die der Föderationen innerhalb der Konföderationen.
Wir kommen also vom Individuum zum Kollektiv und sichern so
die Rechte des einzelnen. Das Prinzip der Freiheit bleibt dabei
unantastbar. Die Bewohner einer Kommune werden untereinander
die internen Probleme diskutieren: Produktion, Konsum, Unterricht,
Hygiene und was sonst noch für die soziale und wirtschaftliche
Entwicklung der Kommune erforderlich sein könnte. Wenn
es sich um Probleme handelt die einen ganzen Landstrich oder
eine Provinz angehen, dann müssen die Föderationen
untereinander beraten. In den Versammlungen, die letztere abhalten,
werden alle Kommunen vertreten sein, deren Delegierte die Argumente
vorbringen werden, die zuvor in ihren Heimatkommunen gebilligt
worden sind. Wenn zum Beispiel Straßen gebaut werden sollen,
die die Ortschaften eines Landstriches miteinander verbinden,
oder wenn es um Transportangelegenheiten oder um den Austausch
von Produkten zwischen landwirtschaftlich ausgerichteten und
industriell geprägten Landstrichen geht, dann ist es nur
natürlich, wenn alle Kommunen ihren Standpunkt darlegen,
denn sie müssen ja auch alle ihren Beitrag zu den Bauarbeiten
leisten.
In Angelegenheiten regionalen Charakters wird es die Regionale
Föderation sein, die die Beschlüsse in die Praxis
umsetzt. Diese Beschlüsse werden den souveränen Willen
aller Bewohner der Region zum Ausdruck bringen. Denn zur Willensbildung
kommt es zuerst beim Individuum, dann in der Kommune, dann in
der Föderation und schließlich in der Konföderation.
Auf ganz ähnliche Art und Weise werden wir zu einer Diskussion
aller Probleme kommen, die die ganze Nation angehen, denn unsere
Einrichtungen werden sich untereinander immer mehr ergänzen.
Die nationale Organisation wird die internationalen Beziehungen
regeln, indem sie direkten Kontakt zum Proletariat der anderen
Länder aufnimmt, und zwar mit Hilfe der ihr zur Verfügung
stehenden Organe, die, wie in unserem Falle, der Internationalen
Arbeiter-Assoziation angehören.
Um den Austausch der Produkte von Kommune zu Kommune zu sichern,
setzen sich die Räte der Kommune mit den regionalen Föderationen
der Kommunen und mit dem Rat der Konföderation für
Produktion und Verteilung in Verbindung, wobei sie das anfordern,
was ihnen fehlt, und das anbieten, was sie im Überfluß
haben. Durch das Netz von Verbindungen zwischen den Kommunen
und den Räten für Produktion und Statistik, die durch
die Nationalen Produzentenföderationen hergestellt werden,
ist das Problem bereits gelöst und vereinfacht.
Was die kommunale Seite der Frage betrifft, so werden Produzentenbescheinigungen
genügen, die von den Werks- und Fabrikräten ausgestellt
sind und den Arbeitern das Recht zum Erwerb dessen geben, was
sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen.
Die Produzentenbescheinigung ist im Prinzip so etwas wie ein
Wechselbrief, die zwei Ausführungsbestimmungen unterworfen
ist: Erstens, daß sie nicht übertragbar ist, und
zweitens, daß man ein Verfahren entwickelt, mit dem auf
der Bescheinigung der Wert der Arbeit in Arbeitstagen registriert
wird und der hier eingetragene Wert höchstens ein Jahr
lang zum Erwerb von Produkten berechtigen soll. Den nicht in
den Arbeitsprozeß einbezogenen Teilen der Bevölkerung
werden die Gemeinderäte Verbrauchsbescheinigungen ausstellen.
Selbstverständlich kann man keine absolut gültige
Norm aufstellen. Die Autonomie der Kommunen muß respektiert
werden, die, wenn sie es für angemessen halten, ein anderes
System des inneren Austausches einführen können, vorausgesetzt
daß die neuen Systeme auf keinen Fall die Interessen der
anderen Kommunen verletzen.
Pflichten
des Individuums gegenüber dem Kollektiv und Idee von der
gerechten Verteilung
Der freiheitliche Kommunismus ist unvereinbar mit jedem auf
Strafe beruhenden System, und folglich führt er auch zum
Verschwinden des gegenwärtig herrschenden Systems einer
korrigierenden Justiz und mit ihm der Strafinstrumente (Gefängnisse,
Zuchthäuser etc.). Dieser Bericht ist der Auffassung, daß
unter den gegenwärtigen Verhältnissen die sogenannten
Delikte hauptsächlich soziale Ursachen haben und wenn diese
Ursachen verschwunden sind, im allgemeinen auch das Delikt verschwindet.
Wir meinen also:
·
Erstens: Daß der Mensch nicht von Natur aus schlecht ist
und daß die Straffälligkeit die logische Folge der
sozialen Ungerechtigkeit ist, in der wir leben.
·
Zweitens: Daß, wenn man die Bedürfnisse des Menschen
befriedigt und ihm eine vernünftige und menschliche Erziehung
gewährt, diese Ursachen verschwinden müssen.
Darum
glauben wir, daß ein Individuum, das seine Pflichten,
sei es nun im Bereich der Moral oder der Produktion, nicht erfüllt,
vor den Volksversammlungen zu erscheinen hat, die im Sinne sozialer
Harmonie eine gerechte Lösung für die Angelegenheit
finden werden. Der freiheitliche Kommunismus wird also seine
„korrigierenden Maßnahmen“ der Medizin und
der Pädagogik entnehmen, die über die einzigen vorbeugenden
Hilfsmittel verfügen, die die moderne Wissenschaft anerkennen.
Wenn irgendein Individuum als Opfer pathologischer Erscheinungen
gegen die Harmonie verstößt, die zwischen den Menschen
herrschen soll, dann wird die pädagogische Therapeutik
sich darum bemühen, sein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen
und in ihm das moralische Gefühl für soziale Verantwortlichkeit
zu stärken, das durch sein ungesundes Erbe sich nicht hat
entwickeln können.

Die
Familie und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern
Man sollte nicht vergessen, daß die Familie der erste
zivilisatorische Kern des Menschengeschlechts gewesen ist und
daß sie auf dem Gebiet der Kultur, der Moral und des Gemeinschaftsgeistes
Bewunderungswürdiges geleistet hat. Man sollte nicht vergessen,
dass sie sich auch innerhalb der Entwicklung von der Familie
zum Clan, vom Clan zum Stamm, vom Stamm zum Volk und vom Volk
zur Nation erhalten hat. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß
die Familie noch lange Zeit bestehen bleiben wird. Die Revolution
darf nicht gewaltsam gegen die Familie vorgehen, ausgenommen
in solchen Fällen, in denen es sich um unharmonische Ehen
handelt, bei denen man das Recht auf Scheidung anerkennen und
unterstützen muß. So wie die erste Maßnahme
des freiheitlichen Kommunismus darin besteht, die wirtschaftliche
Unabhängigkeit der Menschen ohne Unterschied der Geschlechter
zu sichern, so wird auch die gegenseitige Abhängigkeit
zwischen Mann und Frau verschwinden, die aus Gründen wirtschaftlicher
Unterlegenheit im Kapitalismus entstanden ist. Es ist also klar,
daß die Geschlechter gleichberechtigt sein werden, in
ihren Rechten wie in ihren Pflichten.
Der freiheitliche Kommunismus proklamiert die freie Liebe, die
nur durch den Willen des Mannes und der Frau bestimmt wird,
wobei den Kindern der Schutz durch die Gemeinschaft garantiert
wird und sie durch die Anwendung biologisch-eugenischer Prinzipien
vor menschlichen Verirrungen bewahrt bleiben. Ebenso wird eine
gute Sexualerziehung in der Schule auf eine Auswahl der Spezies
Mensch hinwirken, die in Übereinstimmung mit den Zielen
der Eugenik erfolgt, so daß sich die menschlichen Paare
bewußt fortpflanzen und daran denken, gesunde und schöne
Kinder zu zeugen.
Für moralische Probleme, die die Liebe in eine freiheitliche
kommunistische Gesellschaft hineintragen kann und die z.B. in
Eifersucht ihre Ursache haben könnten, gibt es in der Gemeinschaft
und in Freiheit nur zwei Lösungsmöglichkeiten, damit
die menschlichen und sexuellen Beziehungen sich normal entwickeln.
Für den, der Liebe mit Gewalt erzwingen will und sich dabei
wie ein Tier benimmt, wird es, wenn weder guter Rat noch der
Respekt vor dem Recht des einzelnen etwas auszurichten vermag,
nur ein Mittel geben, nämlich die Entfernung aus der Gemeinschaft.
Für viele Krankheiten empfiehlt sich ein Wasser- und Luftwechsel.
Gegen die Liebeskrankheit, eine Krankheit, die sich in Starrsinn
und Blindheit verwandeln kann, wird sich ein Wechsel der Kommune
empfehlen, wobei der Kranke von dem Milieu entfernt wird, das
ihn blind und verrückt macht, obgleich nicht zu befürchten
steht, daß es in einer Atmosphäre sexueller Freiheit
dazu kommen wird.

Die
religiöse Frage
Die Religion, eine rein subjektive Erscheinung der menschlichen
Existenz, wird insoweit anerkannt werden, als sie sich auf das
Heiligtum des individuellen Gewissens beschränkt. Aber
auf keinen Fall kann die Religion in der Form einer öffentlichen
Zurschaustellung oder eines moralischen und intellektuellen
Zwanges anerkannt werden. Es bleibt dem einzelnen freigestellt,
wie viele moralische Ideen er sich zu eigen machen will, doch
alle Riten werden verschwinden.
Über
die Pädagogik, die Kunst, die Wissenschaft und das freie
Experimentieren
Das Erziehungsproblem muß mit radikalen Mitteln gelöst
werden. In erster Linie muß das Analphabetentum energisch
und systematisch bekämpft werden. Die Kultur wird denen
zurückgegeben werden, denen man sie geraubt hatte. Dies
ist eine Pflicht der Wiedergutmachung im Sinne der sozialen
Gerechtigkeit, die die Revolution erfüllen muß. So
wie der Kapitalismus den gesellschaftlichen Reichtum gehamstert
hat, so haben die Städte Kultur und Erziehung monopolisiert.
Den materiellen Reichtum und die Kultur zurückzuerstatten,
das sind die wesentlichsten Ziele unserer Revolution. Wie das
geschehen soll? Dadurch, daß im materiellen Bereich der
Kapitalismus enteignet wird und im moralischen Bereich die Kultur
denen vermittelt wird, denen sie fehlt.
Unsere erzieherische Arbeit muß sich folglich in zwei
Etappen vollziehen. Wir haben eine erzieherische Aufgabe, die
wir unmittelbar nach der Revolution lösen müssen,
und eine allgemein menschliche Aufgabe, die erst im Rahmen der
neuen Gesellschaft zu erfüllen ist. Die unmittelbare erzieherische
Aufgabe wird darin bestehen, unter der analphabetischen Bevölkerung
eine elementare Bildungsarbeit zu organisieren, die zum Beispiel
im Unterricht folgender Dinge bestehen könnte: Lesen, Schreiben,
Rechnen, Sport, Hygiene, Entwicklungs- und Revolutionsgeschichte,
theoretische Aufklärung über die Nichtexistenz Gottes
etc. Diese Aufgabe kann von einer großen Zahl gebildeter
junger Leute als freiwilliger Bildungsdienst für ein oder
zwei Jahre übernommen werden, wobei sie durch die Nationale
Föderation für Erziehung entsprechend ausgebildet
und überwacht werden. Diese Institution wird unmittelbar
nach der Proklamierung des freiheitlichen Kommunismus die Leitung
aller Lehr- und Bildungszentren übernehmen und die Tauglichkeit
der hauptberuflichen und freiwilligen Lehrer über prüfen.
Die Nationale Föderation für Erziehung wird sich von
denjenigen trennen, die intellektuell, vor allem aber moralisch
nicht in der Lage sind, sich den Erfordernissen einer freien
Pädagogik anzupassen. Ebenso wird bei der Auswahl der Lehrer
für die Volksschule beziehungsweise die Höhere Schule
allein die in praktischer Arbeit bewiesene Fähigkeit entscheiden.
Der Unterricht, dessen pädagogische Aufgabe darin besteht,
zu einer neuen Menschlichkeit zu erziehen, wird frei, wissenschaftlich
und für beide Geschlechter in gleicher Weise zugänglich
sein. Alle notwendigen Mittel werden zur Verfügung gestellt
werden, um sich in jedem nur möglichen Zweig der menschlichen
Produktivität und des menschlichen Wissens üben zu
können. Der Hygiene und der Kindererziehung wird Vorrang
eingeräumt werden, wobei die Frau dazu erzogen wird, schon
in der Schule das Notwendige zu lernen, um Mutter sein zu können.
Ebenso wird ein Hauptaugenmerk auf die Sexualerziehung gelegt
werden, die die Grundlage für eine Verbesserung des Menschengeschlechts
ist. Wir halten es für die Hauptaufgabe der Pädagogik,
die Heranbildung von Menschen mit selbständigem Urteil
zu fördern, wobei natürlich auch die Frauen gemeint
sind. Dazu wird es notwendig ein, daß der Lehrer alle
Anlagen des Kindes mit dem Ziel fördert, daß das
Kind zur vollständigen Entwicklung aller seiner Fähigkeiten
gelangt.
In dem pädagogischen System, das der freiheitliche Kommunismus
verwirklichen wird, werden auf gar keinen Fall Bestrafungen
oder Belohnungen Platz finden, denn diese beiden Erscheinungen
enthalten den Keim zur Entwicklung aller Formen von Ungleichheit.
1
Das Kino, der Rundfunk, die pädagogischen Hilfsmittel -
Bücher, Bilder, Projektionsapparate - werden ausgezeichnete
und wirksame Dienste bei einer schnellen intellektuellen und
moralischen Umgestaltung der gegenwärtigen Generationen
leisten und ebenso bei der Entwicklung der Persönlichkeit
der Kinder und Heranwachsenden von Nutzen sein, die im freiheitlichen
Kommunismus geboren werden und aufwachsen.
Ganz abgesehen vom rein erzieherischen Aspekt wird die freiheitliche
kommunistische Gesellschaft schon in den ersten Jahren allen
Menschen das Recht sichern, ihr Leben lang Zugang zu Wissenschaft,
Kunst und Forschung zu erhalten, soweit sich das mit den unabdingbaren
Erfordernissen produktiver Arbeit vereinbaren läßt.
Erst solche geistige Betätigungen garantieren die Gesundheit
und das seelische Gleichgewicht der menschlichen Natur. Darum
sind auch die Produzenten in der freiheitlichen, kommunistischen
Gesellschaft nicht in Hand- und Kopfarbeiter aufgeteilt, sondern
alle werden zugleich körperlich und geistig arbeiten. Darüber
hinaus wird der Zugang zu den Künsten und Wissenschaften
frei sein, denn die Zeit, die man auf sie verwendet, gehört
dem Individuum und nicht der Gemeinschaft, aus der sich der
einzelne lösen kann, wenn er Lust dazu hat, sobald er die
Tagesarbeit, seine Aufgabe als Produzent erfüllt hat.
Es gibt Bedürfnisse geistiger Art, die als Parallelerscheinungen
zu den materiellen Bedürfnissen angesehen werden können
und die sich um so mehr in einer Gesellschaft bemerkbar machen,
je mehr in ihr die materiellen Bedürfnisse befriedigt werden
und der Mensch als moralisch emanzipiert akzeptiert wird. So
wie die Entwicklung eine ununterbrochene Linie ist, wenn auch
nicht immer eine Gerade, so wird auch der einzelne immer Ehrgeiz
haben, etwa den Wunsch, mehr zu genießen, seine Eltern
zu übertreffen, unter seinen Kollegen hervorzuragen, sich
selbst zu überwinden.
Alle diese Wünsche nach dem Übertreffen anderer, nach
schöpferischer, künstlerischer, wissenschaftlicher
oder literarischer Tätigkeit und nach dem Experimentieren
kann eine Gesellschaft, die auf der freien Prüfung und
der Freiheit, alle Ausdrucksformen des menschlichen Lebens zu
tolerieren, beruht, unter keinerlei allgemeinen oder materiellen
Zweckmäßigkeitserwägungen unterdrücken;
sie wird diese Bestrebungen nicht scheitern lassen, wie es heute
geschieht, sondern sie wird im Gegenteil fördern und pflegen,
da sie weiß, daß der Mensch nicht vom Brot allein
lebt und daß die Menschheit unglücklich wäre,
müßte sie allein vom Brot leben. Es ist unlogisch
zu glauben, daß die Menschen in unserer neuen Gesellschaft
nicht das Bedürfnis nach Zerstreuung hätten. In den
autonomen freiheitlichen Kommunen werden im Gegenteil Tage zur
allgemeinen Erholung bestimmt, wozu die Versammlungen symbolträchtige
Tage aus der Geschichte oder aus dem Naturablauf auswählen
werden. Ebenso werden bestimmte Stunden am Tage für Ausstellungen,
Theateraufführungen, Filmvorführungen oder Vorträge
reserviert, die allen Freude und Zerstreuung bringen.

Verteidigung
der Revolution
Wir räumen ein, daß es notwendig ist, die mit Hilfe
der Revolution gewonnenen Errungenschaften zu verteidigen. Weil
wir annehmen, daß es in Spanien mehr revolutionäre
Möglichkeiten gibt als in irgendeinem der Nachbarländer,
ist zu vermuten, daß sich der Kapitalismus in diesen Ländern
nicht damit abfindet, wenn er sich der Interessen beraubt sieht,
die er im Lauf der Zeit in Spanien erworben hatte.
Solange also die soziale Revolution nicht in internationalem
Maßstab gesiegt hat, wird man die zur Verteidigung des
neuen Regimes notwendigen Maßnahmen ergreifen müssen,
sei es gegen die Gefahr einer ausländischen kapitalistischen
Invasion, wie sie oben angedeutet wurde, sei es, um eine Konterrevolution
im eigenen Lande zu verhindern. Ein stehendes Heer bedeutet
allerdings die größte Gefahr für die Revolution,
denn unter seinem Einfluß würde sich die Diktatur
herausbilden, die der Revolution unvermeidlich den Todesstoß
geben würde. In den Augenblicken des Kampfes, in denen
die Streitkräfte des Staates ganz oder teilweise mit dem
Volk gemeinsame Sache machen, werden die organisierten militärischen
Kräfte auf den Straßen ihren Beitrag zum Sieg über
die Bourgeoisie leisten. Ist diese aber niedergeworfen, wird
die Aufgabe der Streitkräfte beendet sein. Das bewaffnete
Volk wird die beste Garantie gegen jeden Versuch bilden, das
zerstörte kapitalistische Regime mit innerspanischen oder
ausländischen Kräften zu restaurieren. Es gibt Tausende
von Arbeitern, die den Militärdienst absolviert haben und
die moderne militärische Technik kennen.
Jede Kommune muß über Waffen und Geräte für
die Verteidigung verfügen, bis die Revolution endgültig
gesichert ist. Danach können sie dann in Arbeitsgeräte
umgewandelt werden. Wir empfehlen dringend die Unterhaltung
von Flugzeugen, Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Maschinengewehren
und auch Flugabwehrkanonen, denn in der Luft liegt die Hauptgefahr
im Falle einer ausländischen Invasion. Wenn dieser Augenblick
gekommen ist, wird das Volk rasch mobilmachen, um sich dem Feind
entgegenzuwerfen. Sobald die Verteidigungsaufgabe erfüllt
ist, werden die Produzenten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.
Diese Generalmobilmachung wird alle Personen beiderlei Geschlechts
erfassen, sofern sie für den Kampf tauglich sind. Sie werden
sich vorbereiten, um in diesem Kampf die vielfältigen und
notwendigen Aufgaben erfüllen zu können. Die Verteidigungskräfte
der Konföderation, die bis hinunter in den Produktionsstätten
bereitstehen, werden bei der Verteidigung der Errungenschaften
der Revolution die wertvollsten Hilfskräfte sein. Wir müssen
große Anstrengungen unternehmen, um sie für die Kämpfe
auszubilden.
Wir
erklären deshalb:
·
Erstens: Die Entwaffnung des Kapitalismus bedeutet die Aushändigung
der Waffen an die Kommunen, die mit ihrer Unterhaltung und Pflege
beauftragt werden und gleichzeitig dafür sorgen, daß
die Verteidigungskräfte im nationalen Rahmen wirksam organisiert
werden.
·
Zweitens: Im internationalen Rahmen müssen wir unter den
Proletariern aller Länder intensive Propagandaanstrengungen
unternehmen, damit diese Proletarier energischen Protest einlegen
und sich mit uns solidarisch erklären, wenn von Seiten
ihrer Regierungen irgendein Invasionsversuch unternommen wird.
Zur gleichen Zeit wird unsere Iberische Konföderation der
Autonomen Freiheitlichen Kommunen allen Ausgebeuteten der Welt
moralische und materielle Hilfe leisten, damit sie sich für
immer aus der unerträglichen Vormundschaft des Kapitalismus
und des Staates befreien können.
Abschließende Bemerkungen
Unsere Arbeit ist hiermit beendet, aber bevor wir zum Schluß
kommen, glauben wir, in dieser historischen Stunde noch einmal
dringend darauf hinweisen zu müssen, daß diese Schrift
nicht als etwas Endgültiges angesehen werden darf, das
als unverrückbare Norm für die Aufbauarbeit des revolutionären
Proletariats dienen soll. Der Anspruch dieser Ausführungen
ist wesentlich bescheidener. Wir würden es begrüßen,
wenn der Kongreß in ihnen die allgemeinen Linien eines
ersten Planes sehen würde, den die Arbeiter vollenden müssen:
einen Ausgangspunkt für die Menschheit auf dem Wege zu
ihrer gänzlichen Befreiung.
Jeder, der sich klug, mutig und befähigt fühlt, möge
unsere Arbeit verbessern.

Fußnoten:
1.
Zu den Erziehungsvorstellungen vgl. auch die Versuche
Francisco Ferrers, der bereits 1901 in Barcelona eine
freie Schule gegründet hat. Francisco Ferrer, Die
moderne Schule, Berlin 1923, Nachdruck mit einem
neuen Vorwort, Karin Kramer Vlg., Berlin 1970 + 1975 |