
Das
Buch Luigi Fabbris zur russischen Revolution behält auch
jetzt noch, ungefähr zwei Jahre nach seinem Erscheinen,
seine ganze Aktualität und bleibt die vollständigste
und wesentlichste Arbeit, die ich zu diesem Thema kenne. Die
späteren Ereignisse in Rußland haben den Wert dieser
Analyse sogar noch bekräftigt und die Schlüsse, die
Fabbri aus den damals bekannten Tatsachen und den allgemeinen
anarchistischen Grundsätzen zog, wurden durch die Erfahrung
ausdrücklich bestätigt.
Gegenstand des Buches ist jener alte, ewige Konflikt zwischen
Autorität und Freiheit, der die ganze vergangene Geschiebe
geprägt hat, der die Welt der Gegenwart mehr als zuvor
kennzeichnet und von dessen Wechselfällen das Schicksal
der gegenwärtigen und der kommenden Revolutionen abhängen
wird.
Die russische Revolution lief mit dem Rhythmus aller bereits
vergangenen Revolutionen ab. Nach einer aufsteigenden, größere
Gerechtigkeit und größere Freiheit anstrebenden Periode,
die solange dauerte, wie das Volk die bestehende Macht angriff
und zerschlug, erfolgte, sobald es einer neuen Regierung gelungen
war, sich zu konsolidieren, die Periode der Reaktion. Die Tätigkeit
der neuen Regierung - bisweilen langsam und schrittweise, bisweilen
rasch und gewaltsam vorgehend - war darauf ausgerichtet, die
Errungenschaften der Revolution so weit wie möglich zu
zerstören und eine Ordnung zu errichten, die die Fortdauer
der neuen regierenden Klasse an der Macht garantieren und die
Interessen sowohl der neuen als auch der alten Privilegierten
schützen sollte, denen es gelungen war, den Sturm zu überstehen.
Dank außergewöhnlicher Bedingungen konnte das Volk
in Rußland das Zarenregime zerschlagen, baute es aus freier
und spontaner Initiative seine Sowjets auf (lokale Arbeiter-
und Bauernkomitees, direkte Vertreter des arbeitenden Volkes
und der unmittelbaren Kontrolle der Betroffenen unterstellt),
enteignete es die Industriellen und Großgrundbesitzer
und begann, auf der Grundlage von Gleichheit, Freiheit und -
wenn auch relativer - Gerechtigkeit das neue gesellschaftliche
Leben zu organisieren.
So schritt die Revolution voran und schickte sich unter Vollbringung
der gewaltigsten sozialen Erfahrung der Geschichte an, der Welt
das Beispiel eines großen Volkes zu geben, das aus eigener
Kraft und unter Aufbietung all seiner Fähigkeiten seine
Befreiung verwirklicht und sein Leben entsprechend seinen Bedürfnissen,
seinen Neigungen und seinem Willen organisiert, ohne den Druck
einer äußeren Gewalt, die es hemmt und zwingt, den
Interessen einer privilegierten Kaste dienstbar zu sein.
Unglücklicherweise gab es jedoch unter denen, die am meisten
dazu beigetragen hatten, dem alten Regime den entscheidenden
Schlag zu versetzen, doktrinäre Fanatiker, voll verbissener
Autorität, da sie fest davon überzeugt waren, im Besitz
der „Wahrheit“ zu sein und die Aufgabe zu haben,
das Volk zu retten, das sich ihrer Meinung nach nur auf den
von ihnen angegebenen Wegen retten konnte. Sie profitierten
von dem Ansehen, das ihnen ihre Beteiligung an der Revolution
verlieh und insbesondere von der Stärke, die ihnen ihre
eigene Organisation vermittelte, und so gelang es ihnen, die
Macht zu erobern und die anderen zur Ohnmacht zu verurteilen,
darunter besonders die Anarchisten, die nach Kräften zur
Revolution beigetragen hatten, sich jedoch ihrer Machtergreifung
nicht wirksam widersetzen konnten, weil ihre Reihen aufgelöst
waren, es keine vorherigen Verständigungen gegeben hatte,
sie nahezu ohne jede Organisation waren.
Von diesem Zeitpunkt ab war die Revolution zum Tode verurteilt.
Die neue Macht wollte - wie es in der Natur aller Regierungen
liegt - in ihren Händen das gesamte Leben des Landes konzentrieren
und jede Initiative, jede Bewegung unterdrücken, die innerhalb
des Volkes entstehen sollte. Sie schuf zu ihrer Verteidigung
zunächst ein Korps von Leibwächtern und dann eine
reguläre Armee und eine mächtige Polizei, die an Grausamkeit
und freiheitstötendem Wahn noch die des zaristischen Regimes
übertraf. Sie ließ eine unüberschaubare Bürokratie
entstehen, verwandelte die Sowjets in bloße Werkzeuge
der Zentralmacht oder löste sie mit der Gewalt der Bajonette
auf. Sie unterdrückte mit - oft blutiger - Gewalt jeden
Widerstand; sie versuchte, den widerstrebenden Bauern und Arbeitern
ihr soziales Programm aufzuzwingen und entmutigte und lahmte
so die Produktion. Zwar verteidigte sie das russische Territorium
mit Erfolg gegen die Angriffe der europäischen Reaktion,
doch gelang es ihr damit nicht, die Revolution zu retten, denn
sie hatte sie selbst abgewürgt obwohl sie versuchte, ihren
formalen Schein zu wahren. Und jetzt bemüht sie sich um
die Anerkennung der bürgerlichen Regierungen, versucht
sie mit ihnen freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen,
das kapitalistische System wiederherzustellen, kurz, die Revolution
endgültig zu begraben So wurden alle Hoffnungen verraten,
die die russische Revolution beim Proletariat der ganzen Welt
hervorgerufen hatte. Sicher wird Rußland nicht zum vorherigen
Zustand zurückkehren, denn eine große Revolution
geht nicht vorüber, ohne tiefgehende Spuren zu hinterlassen,
ohne den Geist des Volkes wachzurütteln und ihn zu erheben
und ohne neue Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen
Doch werden die erreichten Ergebnisse weit hinter dem zurückbleiben
was hätte sein können und was man erhofft hatte, und
in keinerlei Verhältnis zu den erlittenen Leiden und den
Mengen vergossenen Blutes stehen.
Wir wollen hier die Suche nach den Verantwortlichen nicht zu
sehr vertiefen. Sicher trifft große Schuld an der Niederlage
die autoritäre Richtung, die man der Revolution gab; große
Schuld trifft auch die eigenartige Psychologie der regierenden
Bolschewisten, die sich zwar irrten und ihre Irrtümer erkannten
und zugaben, aber dennoch von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt
blieben und nach wie vor mit Gewalt ihren wankelmütigen
und widersprüchlichen Willen durchsetzen wollten. Genauso
oder noch mehr trifft es jedoch zu, daß sich diese Menschen
mit noch nie dagewesenen Schwierigkeiten konfrontiert sahen
und daß vielleicht vieles von dem, was uns Irrtum und
böser Wille zu sein scheint, unausweichliche Folge der
Notwendigkeit war.
Und daher werden wir uns gerne eines Urteils enthalten und es
der objektiven und unparteiischen Geschichte überlassen,
später ihr Urteil darüber zu sprechen - sofern es
eine objektive und unparteiische Geschichte überhaupt gibt
Doch gibt es in Europa eine ganze Partei, die vom russischen
Mythos geblendet ist und den bevorstehenden Revolutionen gerade
die bolschewistischen Methoden aufzwingen will, die die russische
Revolution abgewürgt haben Daher ist es dringend notwendig,
die Massen im allgemeinen und die Revolutionäre im besonderen
vor der Gefahr diktatorischer Bestrebungen der Parteien mit
bolschewistischen Tendenzen zu warnen. Und Fabbri hat der Sache
einen außerordentlich großen Dienst erwiesen, indem
er deutlich den Widerspruch zwischen Diktatur und Revolution
aufgezeigt hat.
Das hauptsächliche Argument, dessen sich die Verteidiger
der Diktatur bedienen die man weiterhin Diktatur des Proletariats
nennt, in Wirklichkeit jedoch - darin stimmen nunmehr alle überein
- Diktatur der Führer einer Partei über die ganze
Bevölkerung ist, dieses hauptsächliche Argument ist
die Notwendigkeit, die Revolution gegen die inneren Versuche
bürgerlicher Restauration und gegen die etwaigen Angriffe
der ausländischen Mächte zu schützen.
Es besteht kein Zweifel daran, daß man sich verteidigen
muß, doch von dem System der Verteidigung hängt zum
großen Teil das Schicksal der Revolution ab. Müßte
man nämlich, um zu leben, auf die Gründe und Ziele
des Lebens verzichten, müßte man zur Verteidigung
der Revolution auf die Errungenschaften verzichten, die erstes
Ziel der Revolution sind, dann wäre es besser, ehrlich
zu unterliegen und das Recht der Zukunft zu retten, anstatt
durch den Verrat an der eigenen Sache zu siegen.
Die innere Verteidigung muß gesichert werden, indem man
radikal alle bürgerlichen Institutionen zerstört und
jede Rückkehr zur Vergangenheit unmöglich macht.
Es ist vergebens, das Proletariat gegen die Bourgeoisie zu verteidigen,
indem man letztere zu politischer Machtlosigkeit verurteilt.
Solange es Leute gibt, die besitzen und Leute, die nichts besitzen,
werden sich die Besitzenden stets über die Gesetze lustig
machen, ja sie werden es sein, die wieder an die Macht gelangen
und die Gesetze machen werden, wenn das erste Feuer des Volkes
erst einmal erloschen ist.
Polizeimaßnahmen sind nutzlos: sie können der Unterdrückung,
niemals jedoch der Befreiung dienen.
Fruchtlos, noch schlimmer: tödlich ist der sogenannte revolutionäre
Terror. Sicher ist der Haß, der gerechte Haß, den
die Unterdrückten in ihrem Herzen nähren, äußerst
groß, sicher sind die Schandtaten der Regierungen und
der Herren mehr als zahlreich, sicher sind der Beispiele der
Grausamkeit von oben viele, ist die Verachtung des Lebens und
der menschlichen Leiden, die die herrschenden Klassen an den
Tag legen, unendlich, so daß man sich nicht zu wundern
braucht, wenn am Tage der Revolution die Rache des Volkes erbarmungslos
und unvermeidlich ausbricht. Wir würden uns nicht darüber
empören und auch nicht versuchen, sie einzudämmen,
es sei denn durch Propaganda, denn dies mit anderen Mitteln
tun wollen, hieße die Reaktion wachrütteln. Sicher
ist jedoch unserer Meinung nach, daß der Terror für
die Revolution eine Gefahr und nicht etwa eine Garantie für
ihr Gelingen ist. Terror trifft im allgemeinen die am wenigsten
Verantwortlichen; er ruft die schlimmsten Elemente auf den Plan,
nämlich diejenigen, die unter dem alten Regime zu Schergen
und Henkern geworden wären und nun glücklich sind,
daß sie im Namen der Revolution ihren schlechten Trieben
und finsteren Interessen freien Lauf lassen können.
Und das gilt auch dann, wenn es sich um den Terror des Volkes
handelt, der direkt von den Massen gegen ihre Unterdrücker
ausgeübt wird. Sollte nämlich der Terror dann von
einem Zentrum organisiert und auf Befehl der Regierung mittels
Polizei und sogenannten Revolutionsgerichten ausgeübt werden,
dann wäre er das sicherste Mittel zur Zerstörung der
Revolution und würde nicht so sehr gegen die Reaktionäre
als gegen die Freiheitsliebenden ausgeübt werden, die sich
den Befehlen der neuen Regierung widersetzen und die Interessen
der neuen Privilegierten verletzen würden.
Für die Verteidigung, für den Sieg der Revolution
wird Sorge getragen, indem alle an ihrem Gelingen beteiligt
werden, die Freiheit aller geachtet wird und jedem nicht nur
das Recht, sondern auch die Möglichkeit genommen wird,
die Arbeit anderer auszubeuten. Es gilt nicht, die Bourgeoisie
dem Proletariat zu unterwerfen, sondern Bourgeoisie und Proletariat
abzuschaffen, indem jedem die Möglichkeit garantiert wird,
zu arbeiten, wie er will und allen arbeitsfähigen Menschen
unmöglich gemacht wird, zu leben, ohne zu arbeiten.
Eine soziale Revolution, die sich nach ihrem Sieg immer noch
der Gefahr ausgesetzt sieht, von der enteigneten Klasse überwältigt
zu werden, ist eine Revolution, die auf halbem Wege stehen geblieben
ist: um sich den Sieg zu sichern, braucht sie nur ständig
vorwärtszuschreiten, immer mehr ihrem Ziel entgegen.
Bleibt die Frage der Verteidigung gegen den äußeren
Feind.
Eine Revolution, die nicht unter den Stiefelabsätzen eines
fremden Soldaten enden will, kann sich nur mit Hilfe freiwilliger
Milizen verteidigen, die versuchen, jeden Schritt, den die ausländischen
Kräfte auf dem rebellierenden Territorium machen, in einen
Hinterhalt zu locken, die versuchen, dem wider seinen Willen
entsandten Soldaten jeden möglichen Vorteil zu bieten und
die offiziellen Feinde, die freiwillig kommen, ohne Mitleid
behandeln. Man muß die kriegerischen Handlungen so gut
wie nur möglich organisieren, dabei jedoch zu vermeiden
suchen, daß diejenigen, die sich im militärischen
Kampf spezialisieren, in ihrer Eigenschaft als Militärangehörige
irgendeinen Einfluß auf das zivile Leben der Bevölkerung
ausüben können.
Wir leugnen nicht, daß vom technischen Standpunkt aus
gesehen eine Armee umso mehr Siegeschancen hat, je autoritärer
sie geführt wird und daß die Konzentration aller
Befugnisse in den Händen eines Einzelnen - noch dazu, wenn
dieser ein militärisches Genie wäre - großen
Anteil am Erfolg haben würde. Doch ist die technische Frage
nur von zweitrangiger Bedeutung und wenn wir, um keine Niederlage
zu riskieren, uns der Gefahr aussetzen müßten, selbst
die Revolution zum Stillstand zu bringen, dann würden wir
der Sache einen sehr schlechten Dienst erweisen.
Das Beispiel Rußland möge allen dienen.
Läßt man der Hoffnung, besser geführt zu werden,
Zügel anlegen, dann kann dies nur zur Sklaverei führen.
Alle Revolutionäre mögen das Buch Fabbris gründlich
lesen. Dies ist notwendig, um gut vorbereitet zu sein und nicht
in die gleichen Irrtümer wie die Russen zu verfallen.