Anarchismus
und Gewerkschaften
Errico Malatesta
1.
Artikel
Die
Arbeiterbewegung kann, trotz all ihrer Verdienste und Möglichkeiten,
nicht von sich aus eine revolutionäre Bewegung im Sinne
einer Negation der juristischen und moralischen Grundlagen der
gegenwärtigen Gesellschaft sein.
Sie
kann, wie jede neue Organisation, dem Geiste ihrer Gründer
und dem Buchstaben ihrer Satzung nach, die höchsten Ziele
und die radikalsten Absichten verfolgen, wenn sie aber ihre
Funktion als gewerkschaftliche Arbeitervereinigung, d. h. als
Verteidiger der unmittelbaren Interessen ihrer Mitglieder erfüllen
will, muß sie de facto jene Institutionen anerkennen,
die sie theoretisch ablehnt. Sie muß sich den Umständen
anpassen und versuchen, Schritt für Schritt so viel zu
erreichen als irgend möglich, indem sie mit den Bossen
und der Regierung verhandelt und sich auf Kompromisse einläßt.
Kurz,
die Gewerkschaften sind ihrer Natur nach reformistisch, niemals
revolutionär. Der revolutionäre Geist muß in
sie hineingetragen, entwickelt und erhalten werden, und zwar
durch die permanente Aktion von Revolutionären, die sowohl
von innen als auch von außen auf sie einwirken. Aber die
normale und natürliche Definition der Funktion der Gewerkschaften
kann die Revolution nicht sein. Im Gegenteil, die wahren und
unmittelbaren Interessen der organisierten Arbeiter, die zu
verteidigen der Rolle der Gewerkschaften entspricht, geraten
sogar sehr oft in Konflikt mit ihren Idealen und ihren langfristigen
Zielen; und die Gewerkschaft kann nur dann auf eine revolutionäre
Weise handeln, wenn sie durchdrungen ist von einem Geist der
Opferbereitschaft, und nur insoweit als dem Ideal der Vorrang
vor dem Interesse gegeben wird, d. h. nur wenn und insoweit
sie aufhört, eine wirtschaftliche Vereinigung zu sein und
zu einer politischen und idealistischen Gruppe wird. Und das
ist nicht möglich in den großen Gewerkschaften, die,
um handeln zu können, des Beifalls der Massen bedürfen,
die immer mehr oder weniger egoistisch, furchtsam und rückständig
sind.
Und
das ist noch nicht einmal der schlimmste Aspekt der Situation.
Die kapitalistische Gesellschaft ist so gebaut, daß, allgemein
gesprochen, die Interessen jeder Klasse, jeder Schicht, jedes
Individuums mit denen jeder anderen Klasse, jeder anderen Schicht,
jedes anderen Individuums in Konflikt geraten. Und im täglichen
Leben stößt man auf die kompliziertesten Ausbalancierungen
von Harmonie und Interessenkonflikten zwischen Klassen und Individuen,
die, vom Standpunkte sozialer Gerechtigkeit aus geurteilt, immer
Freunde oder immer Feinde sein sollten. Und trotz der vielgerühmten
Solidarität des Proletariats geschieht es häufig,
daß die Interessen einer Schicht von Arbeitern denen einer
anderen Schicht entgegengesetzt sind, hingegen mit denen einer
bestimmten Schicht von Unternehmern harmonieren; und es kommt
außerdem vor, daß, der ersehnten internationalen
Brüderschaft zum Trotz, die gegenwärtigen Interessen
der Arbeiter eines Landes sie ihren kapitalistischen Landsleuten
verbinden und in Feindschaft zu ausländischen Arbeitern
geraten lassen. Um ein Beispiel anzuführen, möchten
wir auf die Interessenlage der verschiedenen Arbeiterorganisationen
bezüglich der Frage der Tarife und der Zollschranken hinweisen,
sowie auf die freiwillige Rolle, die die arbeitenden Massen
in den Kriegen zwischen kapitalistischen Staaten spielen.
Die
Reihe der Antagonismen ist unendlich - Antagonismus zwischen
Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Männern und Frauen, einheimischen
und Gast-Arbeitern, zwischen Arbeitern, die öffentliche
Dienste in Anspruch nehmen, und jenen, die in öffentlichen
Dienstleistungsbetrieben arbeiten, zwischen jenen, die ein Handwerk
verstehen, und jenen, die es zu erlernen begehren. Besondere
Aufmerksamkeit aber möchte ich auf das Interesse lenken,
das Arbeiter, die in der Luxusproduktion beschäftigt sind,
am Blühen und Gedeihen der reichen Klassen haben, sowie
auf das Interesse einer ganzen Anzahl von Arbeiterschichten
verschiedener Örtlichkeiten, Beschäftigung zu erhalten,
selbst wenn sie auf Kosten anderer Örtlichkeiten geht und
einer der Allgemeinheit nützlichen Produktion abträglich
ist. Und was sollte gesagt werden über jene, die in Industriezweigen
tätig sind, die der Gesellschaft und den Individuen zum
Schaden gereichen, wenn sie keine andere Möglichkeit haben,
ihr Brot zu verdienen? Geht nur einmal hin und versucht in normalen
Zeiten, wenn kein Glaube an eine bevorstehende Revolution wach
ist, die Arbeiter in den Rüstungsfabriken, die von Arbeitslosigkeit
bedroht sind, zu überreden, nicht den Bau neuer Kriegsschiffe
von der Regierung zu fordern! Und versucht, mit gewerkschaftlichen
Mitteln und dem Ziel, allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
die Konflikte zu lösen zwischen den Dockarbeitern, die
keine andere Möglichkeit haben, die Grundlage ihrer Existenz
zu sichern, als die Monopolisierung aller verfügbaren Arbeit
für jene, die schon seit langem auf den Docks arbeiten
und zwischen den Neuankömmlingen, den „Gelegenheitsarbeitern“,
die auf ihr Recht auf Arbeit und Leben pochen! All das und noch
viel mehr, das angeführt werden könnte, zeigt, daß
die Arbeiterbewegung als solche, ohne das Ferment der sich kurzfristigen
Arbeiterinteressen widersetzenden revolutionären Imagination,
ohne die Kritik und die Impulse von Seiten der Revolutionäre,
weit davon entfernt ist, zu einer Transformation der Gesellschaft
zum allgemeinen Besten zu führen, sondern vielmehr dazu
neigt, den Gruppenegoismus zu ermuntern und eine Klasse privilegierter
Arbeiter zu schaffen, die auf den Schultern der großen
Masse der „Enterbten“ lebt.
Und
das erklärt das allgemeine Phänomen, daß in
allen Ländern Gewerkschaftsorganisationen, nachdem sie
stark und mächtig geworden waren, konservativ und reaktionär
wurden. Jene aber, die der Arbeiterbewegung ehrlich dienten,
immer den Traum von einer Gesellschaft vor Augen, die Wohlstand
und Gerechtigkeit für alle kennt, sind, wie Sisyphus, dazu
verdammt, immer wieder von vorne zu beginnen.
(Umanità
Nova, 6. April 1922)

2.
Artikel
Die
Gewerkschaftsbewegung ist ihrer Natur nach reformistisch. Alles,
was von ihr zu erwarten steht, ist, daß die von ihr geforderten
und verfolgten Reformen so geartet sind und auf solche Weise
erreicht werden, daß sie der Erziehung zur und Vorbereitung
auf die Revolution dienen und den Weg frei lassen für immer
größere Forderungen.
Jede
Fusion oder Konfusion von anarchistischer und gewerkschaftlicher
Bewegung endet entweder damit, die letztere unfähig zu
machen, ihre spezifische Funktion zu erfüllen, oder aber
den anarchistischen Geist zu schwächen, zu verdrehen oder
gar auszulöschen.
Die
Gewerkschaft kann mit einem sozialistischen, revolutionären
oder anarchistischen Programm aus der Taufe gehoben werden,
und das war bei vielen Gewerkschaften tatsächlich der Fall.
Aber treu bleiben sie diesem Programm nur, solange sie schwach
und ohnmächtig sind, d. h. solange sie von ein paar Enthusiasten
und Idealisten initiierte und am Leben erhaltene Propagandagruppen,
nicht aber zu effektiver Aktion fähige Organismen sind.
Wenn sie erst einmal die Massen anzuziehen wissen und damit
die Macht erlangen, Verbesserungen zu fordern und zu erzwingen,
wird das ursprüngliche Programm zu einer hohlen Phrase,
um die sich niemand mehr kümmert. Die Taktiken orientieren
sich an den zufälligen Bedürfnissen des Tages und
die Enthusiasten der ersten Stunde passen sich entweder an,
oder sie müssen Platz machen für die „praktischen“
Männer, die die Gegenwart beachten, ohne sich groß
um die Zukunft zu bekümmern.
Es
gibt selbstverständlich Genossen, die ehrlich und enthusiastische
Anarchisten bleiben, obwohl sie in den vordersten Reihen der
Gewerkschaftsbewegung kämpfen, und es gibt auch Arbeiterassoziationen,
die sich von anarchistischen Vorstellungen inspirieren lassen.
Und es wäre eine zu einfach zu erbringende und billige
Kritik, wollte man die tausend Beispiele sammeln, in welchen
diese Männer und diese Gruppen in der Wirklichkeit ihrer
täglichen Aktionen in Widerspruch geraten zu ihren anarchistischen
Ideen. Ich gebe zu, daß dies zu den harten Tatsachen des
Lebens gehört. Man kann nicht auf anarchistische Weise
handeln, wenn man gezwungen ist, mit Arbeitern und Autoritäten
zu verhandeln; man kann es nicht den Massen selbst überlassen,
zu handeln, wenn sie zu handeln sich weigern und nach Führern
fragen, ja gar verlangen. Aber warum sollten wir Anarchismus
mit etwas verwechseln, was nicht Anarchismus ist, und warum
sollten wir als Anarchisten uns die Verantwortung aufhalsen
für Transaktionen und Kompromisse, die notwendig werden,
weil die Massen nicht anarchistisch sind, selbst dann nicht,
wenn sie einer Organisation angehören, die das anarchistische
Programm in ihre Satzung aufgenommen hat.
Meiner
Meinung nach dürfen Anarchisten nicht erwarten, daß
die Gewerkschaften anarchistisch werden, sondern müssen
innerhalb der Gewerkschaften als einzelne, als Gruppen und als
Föderation von Gruppen, für ihre anarchistischen Ziele
kämpfen. Geradeso wie es Gruppen gibt oder geben sollte,
in denen studiert und diskutiert wird, Propagandagruppen, die
durch das geschriebene und gesprochene Wort auf die Öffentlichkeit
einwirken, Kooperative, Gruppen in den Fabriken, Gruppen unter
den Landarbeitern, in den Barracken und in den Schulen, geradeso
sollten besondere Gruppen gebildet werden in den verschiedenen
Organisationen, die sich mit dem Klassenkampf befassen.
Natürlich
wäre es ideal, wenn jedermann anarchistisch wäre und
Organisationen anarchistisch funktionierten; aber es ist doch
wohl klar, daß es in diesem Falle der Organisation des
Kampfes wider die Arbeitgeber nicht mehr bedürfte, da es
keine Bosse mehr gäbe. Aber in Anbetracht der gegenwärtigen
Lage und in Kenntnis der sozialen Entwicklung unserer Arbeitskollegen
sollten die anarchistischen Gruppen von den Gewerkschaften nicht
erwarten, daß sie handeln, als wären sie anarchistisch,
sondern sollten sich vielmehr bemühen, sie anzuregen, der
anarchistischen Methode so nahe als irgend möglich zu kommen.
Wenn es um des Lebens der Organisation willen und um der Bedürfnisse
und Wünsche ihrer Mitglieder willen unbedingt notwendig
ist, zu verhandeln, Kompromisse zu schließen und fragwürdige
Kontakte zu den Autoritäten zu pflegen, so muß man
sich eben drein schicken; es muß aber durch andere geschehen
als durch die Anarchisten, deren Funktion es ist, auf das Unzureichende
und Unsichere aller Verbesserungen hinzuweisen, die innerhalb
des kapitalistischen Systems erreicht werden können, und
die den Kampf zu immer radikaleren Lösungen voranzutreiben
haben. Die Anarchisten sollten in den Gewerkschaften dafür
kämpfen, daß sie für alle Arbeiter ohne Rücksichtnahme
auf ihre Parteizugehörigkeit offen sind unter der einzigen
Bedingung der Solidarität im Kampfe gegen die Bosse; sie
sollten dem korporativen Geiste entgegenwirken und jedem Ehrgeiz,
der auf ein Organisations- oder Arbeitsmonopol hinzielt. Sie
sollten die Gewerkschaften hindern, als Instrument zu fungieren,
das von den Politikern zu Wahl- oder anderen autoritären
Zwecken manipuliert wird; sie sollten direkte Aktion, Dezentralisation,
Autonomie und individuelle Initiative predigen und praktizieren;
sie sollten besondere Anstrengungen machen, die Mitglieder zu
lehren, wie sie direkt am Leben der Organisation teilhaben und
auf hauptamtliche Funktionäre verzichten können.
Mit
anderen Worten, sie sollen Anarchisten bleiben, immer in engem
Kontakt mit Anarchisten stehen, und nie vergessen, daß
die Gewerkschaft nicht das Ziel, sondern lediglich eines der
Mittel, wenngleich ein bedeutendes ist, den Weg zu bereiten
für die Verwirklichung des Anarchismus.
(Pensiero
e Volontà, 16. April 1925)

3.
Artikel
Die
mächtigste Kraft der sozialen Transformation ist heute
die Arbeiterbewegung (die Gewerkschaftsbewegung), und von ihren
Absichten wird es bis zu einem hohen Grade abhängen, welchen
Lauf die Ereignisse nehmen werden. Auch die Ziele jeder zukünftigen
Revolution präjudiziert sie. Durch die Organisationen,
die errichtet werden zur Verteidigung ihrer Interessen, erwerben
die Arbeiter ein Bewußtsein der Unterdrückung, unter
der sie leben und des Antagonismus, der sie von ihren Arbeitgebern
trennt. Sie beginnen, nach einem besseren Leben zu streben,
gewöhnen sich an kollektiven Kampf und an Solidarität
und können erfolgreich jene Verbesserungen erzielen, die
mit dem weiteren Bestand des kapitalistischen und etatistischen
Systems zu vereinbaren sind. Später, wenn dann der Konflikt
nicht mehr zu lösen ist, wird es entweder zur Revolution
oder zur Reaktion kommen. Die Anarchisten müssen die Nützlichkeit
und Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung anerkennen, ihre Entwicklung
fördern, und sie zu einem ihrer Aktionshebel machen. Sie
müssen tun, was sie können, damit die Gewerkschaftsbewegung
in Zusammenarbeit mit allen fortschrittlichen Kräften in
einer sozialen Revolution kulminiert, die zur Aufhebung der
Klassen führt und Freiheit, Gleichheit, Frieden und Solidarität
unter den Menschen vervollkommnet. Man gäbe sich einer
großen und fatalen Illusion hin, schlösse man sich
den vielen an, die glauben, daß die Arbeiterbewegung schon
ihrer eigenen Natur nach zu solch einer Revolution führen
kann und muß. Im Gegenteil, jede Bewegung, die sich auf
unmittelbare materielle Interessen gründet (und eine Massenbewegung
der Arbeiterklasse kann sich auf nichts anderes gründen),
wird, wenn das Ferment, der Antrieb und die unermüdlichen
Bemühungen von Idealisten fehlen, die kämpfen und
Opfer bringen für eine ideale Zukunft, dahin tendieren,
sich den Umständen anzupassen und einen konservativen Geist
zu entwickeln. Jene, die ihre Verhältnisse zu verbessern
wußten, fürchten die Veränderung, und es entstehen
neue privilegierte Klassen, die helfen, das System, das man
einst zu zerstören wünschte, zu stützen und zu
stärken.
Daher
die zwingende Notwendigkeit strikt anarchistischer Organisationen,
die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gewerkschaften
für die Verwirklichung des Anarchismus kämpfen und
alle Keime der Degeneration und der Reaktion zu ersticken suchen.
Es
ist selbstverständlich, daß die anarchistischen Organisationen,
wollen sie ihre Ziele erreichen, sowohl ihrer Satzung als auch
ihrer Aktion nach sich in Übereinklang mit anarchistischen
Prinzipien befinden müssen, d. h. sie dürfen in keiner
Weise durch einen autoritären Geist gekennzeichnet sein.
Sie müssen wissen, wie die freie Aktion der Individuen
versöhnt werden kann mit der Notwendigkeit zur Kooperation
und der Freude, die aus ihr resultiert. Nur so können die
Gewissen ihrer Mitglieder entwickelt werden, sowie auch ihre
Befähigung zur Initiative. Anarchistische Organisationen
sollten auch als erzieherischer Faktor wirken in ihrem Aktionsbereich
und eine moralische und materielle Vorbereitung auf die Zukunft
sein, die wir ersehnen.
(Il
Risveglio, Oktober 1927)