Anarchismus
als Organisationstheorie 1
Colin Ward
Den
Anarchismus als eine Organisationstheorie darzustellen, mag
als beabsichtigtes Paradoxon erscheinen, denn laut Definition
könnte man meinen, daß "Anarchie" das Gegenteil
von Organisation sei. "Anarchie" bedeutet jedoch in
Wirklichkeit, daß es keine Regierung, keine Autorität
gibt. Kann es aber gesellschaftliche Organisation ohne Autorität,
ohne Regierung geben? Die Anarchisten behaupten, daß es
möglich sei, und sie sind überdies der Ansicht, daß
es wünschenswert sei. Sie vertreten die Meinung, daß
das Prinzip der Herrschaft die Wurzel aller unserer sozialen
Probleme ist. Schließlich sind es doch die Regierungen,
die Kriege vorbereiten und führen, wenn auch der einzelne
gezwungen ist, an ihnen teilzunehmen und sie zu finanzieren;
die Bomben, die man fürchtet, sind nicht die, die die Karikaturisten
den Anarchisten zuschreiben, sondern die, die die Regierungen
auf unsere Kosten zu hoher Perfektion gebracht haben. Schließlich
sind es doch die Regierungen, die Gesetze erlassen und durchsetzen,
die es den Besitzenden gestatten, das Volksvermögen unter
ihrer Kontrolle zu halten, anstatt es mit den Habenichtsen zu
teilen. Schließlich ist es doch das Autoritätsprinzip,
das dafür garantiert, daß der Mensch die längste
Zeit seines Lebens für jemand anders arbeitet, nicht etwa
weil es ihm Spaß macht oder er über seine Arbeit
verfügen kann, sondern weil es für ihn der einzige
Weg ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Ich
habe gesagt, daß es die Regierungen sind, die Kriege führen
und vorbereiten, aber offenbar ist es nicht die Regierung allein,
denn die Macht der Regierung, selbst die der absolutesten Diktatur,
ist vom stillschweigenden Einverständnis der Regierten
abhängig. Warum sind die Menschen damit einverstanden,
regiert zu werden? Nicht nur aus Furcht, denn was haben Millionen
Menschen von einer kleinen Gruppe von Politikern zu befürchten?
Der Grund liegt vielmehr darin, daß sie dieselben Wertvorstellungen
haben wie ihre Herrscher. Beide Herrscher und Beherrschte, glauben
an das Prinzip der Autorität, der Hierarchie, der Macht.
Bestenfalls unterstützen die Beherrschten eine andere zur
Wahl stehende Gruppe von Herrschern - Labour statt Konservativ,
Republikaner statt Demokraten, Kommunisten, Faschisten oder
irgendwelche andere statt der Liberalen.
Der
Mensch ist von Kindheiten auf die Vorstellung hin erzogen worden,
daß er eine Autorität außerhalb seiner selbst
zu akzeptieren hat - Mutter sagt, Vater sagt, der Lehrer sagt,
die Kirche sagt, der Chef sagt, der Ministerpräsident sagt,
die Experten sagen, der Erzbischof sagt, Gott sagt -; er hat
so ausgiebig die Stimme der Autorität vernommen, daß
er sich keine Alternative mehr vorstellen kann. Die Gesellschaft
muß organisiert sein, sagt er, wie soll das ohne Autorität
geschehen? Denn ohne Autorität hätten wir doch Anarchie!
Und
die Anarchisten sind derselben Meinung. "Anarchismus"
(ich zitiere Peter Kropotkin) "ist die Bezeichnung für
ein Prinzip oder eine Theorie des Lebens und des Verhaltens,
derzufolge man sich die Gesellschaft ohne Regierung vorstellt.
In einer solchen Gesellschaft wird die Harmonie nicht durch
die Unterordnung unter ein Gesetz oder den Gehorsam gegenüber
einer Autorität, sondern durch freie Vereinbarungen zwischen
verschiedenen territorialen und professionellen Gruppen erreicht,
die sich zur Regelung der Produktion und des Verbrauchs so wie
zur Befriedigung der unendlichen Vielfalt von Bedürfnissen
und Wünschen eines zivilisierten Wesens frei zusammenfinden"
2. Und an einer anderen Stelle bemerkt Kropotkin:
"Der Anarchismus strebt nach der vollsten Entfaltung der
Individualität und gleichzeitig nach dem höchsten
Grad freiwilliger Assoziierung in allen ihren Formen, in jeder
nur möglichen Intensität und zu jedem nur denkbaren
Zweck ständig wechselnde Assoziierungen, die in sich selbst
die Elemente ihrer Dauerhaftigkeit tragen und immer die Form
annehmen, die den vielfältigen Bestrebungen aller jeweils
am besten entsprechen." 3
Man
könnte meinen, dies sei eine Art idealisierte Vorstellung
von der Demokratie. Wenn das zutrifft, ist sie aber weit von
der Art der Demokratie entfernt, die wir kennen. Denn der Begriff
der Demokratie im Sinne von Selbstregierung des Volkes ist seit
langem durch ein Konzept ersetzt worden, das unter Demokratie
den Wettkampf rivalisierender, sich aber ähnelnder Eliten
um die Stimmen des Volkes versteht. Vor über fünfzig
Jahren hat Robert Michels sein Buch "Zur Soziologie des
Parteiwesens in der modernen Demokratie" geschrieben, in
dem er die oligarchischen Tendenzen behandelt, die jeder angeblich
demokratischen Organisation innewohnen 4. Nichts,
was wir aus der Erfahrung der Gewerkschaften und der sozialistischen
Bewegungen gelernt haben, hat diese These erschüttern können;
vielmehr wurde sie von der Erfahrung unablässig bestätigt.
Ähnliche Tendenzen lassen sich natürlich in politischen
Parteien, industriellen und kaufmännischen Unternehmen,
öffentlichen Körperschaften, nationalisierten Industrien
usw. beobachten. Der Unterschied besteht einfach darin, daß
diese Einrichtungen zumindest nicht den Anspruch erheben, "demokratisch
" zu sein, dem Willen ihrer Mitglieder zu entsprechen oder
sich von ihnen kontrollieren zu lassen. In gewissem Sinne tun
das allerdings auch die Organisationen der Linken nicht. Dr.
Victor Allen beispielsweise zeigt in seinem Buch "Power
in Trade Unions" [Die Macht in den Gewerkschaften], daß
"das Ziel der Gewerkschaftstätigkeit darin besteht
den Lebensstandard der Mitglieder zu sichern und zu verbessern
in Selbstverwaltung zu üben," 5.
Ähnlich verhielt sich Hugh Gaitskell, der sich nach dem
von der Labour Party auf dem Parteitag von Scarborough gefaßten
Mehrheitsbeschluß zugunsten einseitiger Abrüstung
weigerte, diesen Beschluß als bindend anzuerkennen, und
erklärte, daß es das Ziel der Parlamentsfraktion
der Labour Party sei, für eine Alternative zur gegenwärtigen
Regierung zu sorgen (und nicht, wie er durchblicken ließ,
der Tatsache Rechnung zu tragen, daß es Frank Cousins
gelungen war, den Gewerkschaftsblock in dem Sinne zu manipulieren,
daß er "links" stimmte, so wie es Cousins' Vorgängern
immer gelungen war, diesen Block für die Führung stimmen
zu lassen).
Wir
könnten sehr wohl behaupten, daß anarchistische Denker
des 19. Jahrhunderts, wie Proudhon und Bakunin, in ihrer Kritik
der demokratischen und sozialistischen Theorie Vorläufer
von Michels gewesen sind. In dem Abschnitt über die Versuche,
den Einfluß der Führer zu beschränken, hat Michels
dem Syndikalismus und dem Anarchismus als "Vorbeugungsmittel"
je ein Kapitel gewidmet. Beide erhalten ihren Anteil an positiver
Würdigung, aber Michels' Schlußfolgerungen sind nicht
optimistisch.
Es
dürfte überhaupt schwerfallen, einen Autor, der über
Organisationstheorie geschrieben hat, zu finden, der die Chancen
einer Organisation von unten nach oben optimistisch beurteilte.
Wegen ihrer Bedeutung für das industrielle Management und
die Regierungsverwaltung gibt es heute über die Organisation
und ihre Probleme eine unabsehbare Literatur. Nur ein sehr kleiner
Teil dieses ausgedehnten Schrifttums enthält Dinge, die
für den Anarchisten - von seiner Rolle als destruktiver
Kritiker einmal abgesehen- wertvoll sind. Allerdings gibt es
bisher auch keine besonders überzeugende anarchistische
Organisationstheorie, obwohl die Frage der Organisation für
uns wichtig ist, ganz gleich, ob wir im Anarchismus eine Methode
oder ein Ziel sehen. Tatsache ist, daß es zwar Tausende
von Studenten der Staatswissenschaft, aber wohl kaum jemand
gibt, der sich mit einer Gesellschaft ohne Staat beschäftigt;
die Verwaltungsmethoden werden umfassend erforscht, kaum aber
die Selbstregulierung. Es gibt ganze Bibliotheken und entsprechende
Kurse für industrielles Management, ja riesige Honorare
für Managementberater, aber es gibt kaum ein nennenswertes
Schrifttum, Studienkurse oder gar Honorare für die, die
das Management beseitigen und durch die Arbeiterautonomie ersetzen
wollen. Der einzige Industrieberater, der je etwas ähnliches
vertreten hat, war James J. Gillespie, Autor des Buches "Free
Expression in Industry" und von ANARCHY 47 (Towards Freedom
in Work) 6. Die klugen Köpfe verkaufen
sich an die stärkeren Bataillone, und wir müssen eine
Theorie entwickeln, für die bisher nur wenig konkrete Erfahrung
gesammelt worden ist. Dies betrifft etwa die Untersuchungen,
die in Randgebieten der Sozialpsychologie über das Wesen
kleiner Gruppen, autonomer Gruppen und führerloser Gruppen
durchgeführt worden sind.
Nun
gehört ja jeder von uns, von völlig isolierten Leuten
einmal abgesehen, zu einem ganzen Netz von Gruppen, die gemeinsame
Interessen oder Ziele vertreten. Jeder kann dabei erkennen,
daß es wenigstens zwei Arten von Organisation gibt. Einmal
die, die einem aufgezwungen wird, die von oben gelenkt wird,
und zum anderen die, die von unten gesteuert wird, die einen
zu nichts zwingen kann und bei der Ein- und Austritt im freien
Belieben des einzelnen stehen. Die meisten wissen, wie man einen
Klub, den Zweig einer freiwilligen Organisation oder einfach
eine Gruppe von Freunden ins Leben ruft, die jeden Freitag zusammen
etwas trinken und Schallplatten hören. Man könnte
sagen, daß die Anarchisten Leute sind, die alle Formen
menschlicher Organisation in diese Art rein freiwilliger Assoziation
verwandeln wollen, wo jeder ausscheiden und etwas eigenes beginnen
kann, wenn es ihm nicht gefällt. Das bedeutet nicht Komitees,
Abstimmungen, Mitgliedskarten. Denn der formalisierte Typ freiwilliger
Organisation funktioniert, wie jeder weiß, nur, wenn ein
gewisser innerer Kern von Leuten da ist, der wirklich daran
interessiert und bereit ist, die anfallende Arbeit zu erledigen.
Wenn das Demokratie ist, dann ist es das, was der dissidente
Freudianer Wilhelm Reich work democracy genannt hat, und die
Beschreibung seiner eigenen Erfahrung mit dieser Organisationsweise
spiegelt genau meine Erfahrung mit anarchistischen Gruppen wider.
Reich
fragt: "[...] auf welchem Prinzip beruhte denn nun unsere
Organisation, wenn es keine Abstimmungen, keine Derektiven und
Befehle, keine Sekretäre, Präsidenten, Vizepräsidenten
etc. gab? Was uns zusammenhielt, war unsere Arbeit, unsere gegenseitige
Abhängigkeit in dieser Arbeit, unser echtes Interesse an
einem gigantischen Problem mit seinen vielen besonderen Aspekten.
Ich hatte keine Mitarbeiter, die ich um Mitarbeit gebeten hatte.
Sie waren von sich aus gekommen. Sie blieben, oder sie gingen,
wenn die Arbeit sie nicht länger hielt. Wir hatten keine
politische Gruppe gebildet oder ein Aktionsprogramm ausgearbeitet
[...]. Jeder leistete seinen Beitrag entsprechend seinem Interesse
an der Arbeit [...]. Denn es gibt objektive biologische Arbeitsinteressen
und Arbeitsfunktionen, die imstande sind, die menschliche Zusammenarbeit
zu ordnen. Vorbildliche Arbeit ordnet ihre Funktionsformen organisch
und spontan, wenn auch nur allmählich, tastend und unter
Fehlern. Im Gegensatz dazu handeln die politischen Organisationen
mit ihren <Kampagnen> und <Plattformen> ohne jede
Verbindung zu den Aufgaben und Problemen des täglichen
Lebens."
Und
an einer anderen Stelle seines Aufsatzes heißt es: "Wenn
in einer Organisation persönliche Feindschaften, Intrigen
und politische Manöver sichtbar werden, dann kann man sicher
sein, daß ihre Mitglieder keine echten gemeinsamen Berührungspunkte
mehr haben, daß sie kein gemeinsames Arbeitsinteresse
mehr zusammenhält.[...] Ebenso wie organisatorische Bindungen
einem gemeinsamen Arbeitsinteresse entspringen, so lösen
sie sich auf, wenn die Arbeitsinteressen schwinden oder miteinander
in Konflikt geraten."
Wir
können aus diesen scharfsinnigen Beobachtungen bestimmte
Prinzipien der Organisation ableiten. Ich habe einmal in einer
Rezension des frivolen, aber nützlichen Buches "Parkinsons
Gesetz" 7 versucht, vier Prinzipien einer
anarchistischen Organisationstheorie aufzustellen: Die Organisationen
müssen (1) freiwillig, (2) funktionsgerecht, (3) zeitlich
begrenzt und (4) klein sein. Freiwillig sollen sie aus naheliegenden
Gründen sein. Denn unser Eintreten für individuelle
Freiheit und Verantwortlichkeit wäre zwecklos, wenn wir
gleichzeitig Organisationen forderten, bei denen die Mitgliedschaft
obligatorisch ist. Aus ähnlich naheliegenden, aber nicht
immer beachteten Gründen sollen sie eine echte Funktion
haben. Organisationen neigen dazu, auch dann weiterzubestehen,
wenn sie gar keine Funktion mehr haben oder ihre früheren
Funktionen überlebt haben. Zeitlich begrenzt sollen sie
eben deshalb sein, weil die permanente Existenz einer der Faktoren
ist, die die Arterien einer Organisation verkalken läßt,
indem sie das Interesse am eigenen Überleben und damit
die Tendenz fest begründet, eher den Interessen der Funktionäre
als der Ausübung der scheinbaren Funktionen zu dienen.
Klein sollen sie sein, weil in kleinen Gruppen, in denen man
sich untereinander kennt, die bürokratisierenden und hierarchischen
Tendenzen, die jeder Organisation innewohnen, sich am wenigsten
entfalten können.

Aber
gerade dieser letzte Punkt macht uns Schwierigkeiten. Wenn wir
davon ausgehen, daß eine kleine Gruppe auf anarchistische
Art und Weise funktionieren kann, dann sehen wir uns immer noch
dem Problem all jener sozialen Funktionen gegenüber, die
der Organisation bedürfen, aber eben der Organisation in
einem viel größeren Maßstab. Wir könnten
natürlich dazu sagen: "Wenn große Organisationen
notwendig sind, zählt nicht auf uns. Wir werden auch ohne
sie auskommen." Das könnten wir sagen, aber wenn wir
den Anarchismus als eine Sozialphilosophie propagieren, dann
dürfen wir sozialen Tatsachen nicht ausweichen, sondern
müssen sie in Rechnung stellen. Es wäre daher besser,
zu sagen: "Laßt uns nach Möglichkeiten suchen,
wie man die in großem Maßstab organisierten Funktionen
in solche Funktionen zerlegen kann, die von kleinen funktionellen
Gruppen organisiert werden können, und wie man dann diese
Gruppen auf föderative Weise miteinander verbinden kann."
Dies führt uns zur anarchistischen Theorie des Föderalismus.
Die
klassischen Anarchisten, die sich die Organisation der zukünftigen
Gesellschaft vorzustellen suchten, dachten dabei an zwei Formen
der gesellschaftlichen Institution: Im Sinne einer territorialen
Einheit an die commune, ein französisches Wort, das man
etwa mit dem Wort Gemeinde oder dem russischen Wort Sowjet in
seiner ursprünglichen Bedeutung 8 wiedergeben
könnte, das aber auch an die uralten Dorfeinrichtungen
zur gemeinsamen Bodenbearbeitung erinnert; und im Sinne einer
Einheit für die industrielle Organisation dachte man an
das Syndikat, auch ein französisches Wort aus der Gewerkschaftssprache,
wo von Syndikaten oder Arbeiterräten die Rede ist. Diese
Kommunen und Syndikate stellte man sich als kleine lokale Einheiten
vor, die sich untereinander zu Föderationen zusammenschließen
würden, um die größeren Aufgaben des Lebens
zu bewältigen. Jede Kommune und jedes Syndikat sollten
aber ihre eigene Autonomie behalten, wenn die erstere auf territorialer
und das letztere auf industrieller Basis Bündnisse eingingen.
Proudhon und Kropotkin haben dem föderativen Prinzip große
Aufmerksamkeit geschenkt, und wir wissen einiges über die
Faktoren, von denen der Erfolg oder Mißerfolg von Föderationen
abhängt.
"Unter
Föderation", schreibt George Woodcock in seiner Biographie
Proudhons, "versteht Proudhon nicht eine Weltregierung
oder eine Föderation von Staaten. Für ihn hat das
Prinzip des föderativen Zusammenschlusses bereits von der
einfachsten Stufe der Gesellschaft an Geltung. Die Verwaltungsorgane
sind auf kommunaler Ebene organisiert und der direkten Kontrolle
des Volkes so zugänglich wie möglich. Oberhalb dieser
untersten Ebene verliert die föderative Organisation zunehmend
den Charakter eines Verwaltungsorgans und wird stattdessen zum
Koordinationsorgan zwischen lokalen Einheiten. So wird, die
Nation selbst zu einem föderativen Zusammenschluß
von Regionen und Europa eine Föderation der Föderationen,
in der die Interessen der kleinsten Provinz ebenso viel Gewicht
haben werden wie die der größten, da alle Angelegenheiten
durch gegenseitige Übereinkunft, Vertrag und schiedsrichterliches
Verfahren geregelt werden." 9
Ohne
ein Loblied auf das politische System der Schweiz singen zu
wollen, müssen wir doch anerkennen, daß, territorial
gesehen, die zweiundzwanzig souveränen Kantone der Schweiz
ein hervorragendes Beispiel für eine erfolgreiche Föderation
darstellen. Es handelt sich um eine Föderation gleicher
Einheiten, kleiner Zellen, und die Grenzen der Kantone überschneiden
sich mit den linguistischen und ethnischen Grenzen, so daß
diese Konföderation im Unterschied zu vielen erfolglosen
föderativen Experimenten nicht von einer oder einigen wenigen
mächtigen Einheiten dominiert wird. Das Problem der Föderation
ist- um es mit Leopold Kuhr zu sagen - ein Problem des Teilens,
nicht des Vereinens 10. Man mag die Schweizer
für ziemlich schwerfällige und provinzielle Leute
halten, aber in ihrem nationalen Leben gibt es gewisse Dinge,
über die wir sicher nicht verfügen. Ich sprach mit
einem Schweizer Bürger (oder eigentlich einem Zürcher
Bürger, denn strenggenommen gibt es so etwas wie einen
Schweizer Bürger gar nicht) über den Beeching Report
11, und er erklärte, es sei in der Schweiz
unvorstellbar, daß der Vorsitzende eines Ausschusses in
London über die Stillegung des Eisenbahnnetzes im Norden
Schottlands entscheiden könne. Darüber kam ich zu
Herbert Lüthys Studie über die Schweiz, in der er
schreibt:
"Diese
Kaskade von Volksabstimmungen, die jeden Sonntag die Einwohner
ungezählter Gemeinden zu den Urnen rufen, um ihre Beamten
zu wählen. Gemeindeausgaben gutzuheißen, über
das Projekt eines Straßen- oder Schulhausbaus zu bestimmen;
dann, nach den Gemeindeangelegenheiten, die kantonalen und schließlich
[...] die gesamtschweizerischen Wahlen und Abstimmungen. [Es
gibt] einige Kantone, in denen das souveräne Volk im Sinne
Rousseaus noch leibhaftig in physischer Versammlung zusammentritt,
um höchstpersönlich seine Gesetze und seinen Haushalt
zu diskutieren und seine Behörden zu ernennen. Wer etwa
denken möchte, daß dies vielleicht nur fromm bewahrte
alte Formen sind, die nur noch den Wert einer touristischen
Sehenswürdigkeit besitzen, der möge sich einmal, wenn
er dieses kleine Land durchreist, die Auswirkungen dieser lokalen
Demokratie vor Augen führen. Das einfachste Beispiel ist
das Eisenbahnnetz, das dichteste der Welt, das sich um den Preis
schwerer Belastungen und hoher Betriebskosten den Wünschen
der kleinsten Gemeinde, des entferntesten Tales beugen mußte,
auch wo es dem Gesetz der Rentabilität widersprach; dieses
Verkehrsnetz ist das Resultat erbitterter politischer Kämpfe,
jener (Volksbewegung), die im vergangenen Jahrhundert die kleinen
schweizerischen Gemeinden gegen die zentralistischen Pläne
der großen Städte [...] in Bewegung brachte. Vergleichen
wir dieses Eisenbahnnetz mit dem Frankreichs, wo mit bewundernswerter
geometrischer Regelmäßigkeit alles von Paris ausgeht
und dort endet und wo die guten Verbindungen mit der Hauptstadt
über das Wohlergehen oder den Untergang, das Leben oder
den Tod ganzer Gemeinden entschieden haben: Das ist der Unterschied
zwischen einem zentralistischen und einem föderalistischen
Staat. Und vergleichen wir dann die Eisenbahnkarte, die am einfachsten
zu lesen ist, mit jener der wirtschaftlichen Tätigkeit
und der Bevölkerungsbewegungen. Diese Streuung der Industrien
über die ganze Schweiz bis in die scheinbar abgelegensten
Gegenden war es, worauf die Festigkeit und das Gleichgewicht
des sozialen Aufbaus dieses Landes beruhte und die ihm die schrecklichen
Industriekonzentrationen des 19. Jahrhunderts mit ihren Elendsvierteln
und ihrem entwurzelten Proletariat erspart [hat]." 12
Wie
schon bemerkt, zitiere ich das alles nicht, um die Schweizer
Demokratie zu preisen, sondern um darauf hinzuweisen, daß
das föderative Prinzip, das im Mittelpunkt der anarchistischen
Sozialtheorie steht, viel mehr Beachtung verdient, als ihm in
den Lehrbüchern der Politikwissenschaft zuteil wird. Sogar
im Zusammenhang mit den üblichen politischen Institutionen
hat seine Anwendung weitreichende Auswirkungen.
Es
gibt auch noch eine andere ansprechende anarchistische Organisationstheorie,
die man etwa die Theorie der spontanen Ordnung nennen könnte:
Angesichts eines gemeinsamen Bedürfnisses wird eine zufällige
Ansammlung von Menschen durch Versuche und Irrtümer, durch
Improvisation und Experiment aus dem Chaos heraus Ordnung entwickeln,
- und diese Ordnung wird dauerhafter sein und in einem engeren
Verhältnis zu ihren Bedürfnissen stehen als irgendeine
von außen aufgezwungene Ordnung. Kropotkin hat diese Theorie
einerseits aus seinen Beobachtungen der Geschichte der menschlichen
Gesellschaft und der sozialen Biologie abgeleitet, die ihn zu
seinem Buch "Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt"
13 veranlaßten, und andererseits aus
seiner Beschäftigung mit den Anfängen der Französischen
Revolution und mit der Pariser Kommune von 1871. Die meisten
revolutionären Situationen, die Ad-hoc-Organisationen,
die nach Naturkatastrophen entstehen, ja jede Aktivität,
die sich außerhalb bereits bestehender organisatorischer
Formen und hierarchischer Autorität entfaltet, sprechen
für diese Theorie. Ihre Verwirklichung könnte man
etwa am ersten Aldermaston March 14, oder
an der weitverbreiteten Besetzung von Kasernen durch Squatters
15 im Sommer 1946 beobachten. Von Juni bis
Oktober 1946 besetzten 40.000 Menschen aus England und Wales,
die keine Wohnung hatten, aus eigener Initiative tausend Lager.
In ihrem Bestreben, diese kahlen Baracken in ein richtiges Zuhause
zu verwandeln, organisierten sie öffentliche Einrichtungen
aller Art - beispielsweise gemeinsame Küchen, Wäschereien
und Kinderstätten. Sie schlossen sich außerdem zu
einer Gesellschaft zum Schutz der Squatters zusammen (Squatters'
Protection Society). Ein wichtiges Kennzeichen dieser Squatter-Gemeinschaften
bestand darin, daß sie von Leuten gebildet wurden, die
außer der Tatsache, daß sie keine Wohnung hatten,
kaum irgendwelche Gemeinsamkeiten aufwiesen - es gab unter ihnen
Kesselflicker und Akademiker. Im folgenden Winter berichtete
ein Korrespondent des "News Chronicle" über eines
dieser Lager in Lancashire:
"Es
gibt zwei Lager innerhalb des Lagers - die offiziellen Squatters
(d.h. die, die nach der ersten Besetzung in die Baracken eingewiesen
wurden) und die inoffiziellen Squatters (die Veteranen, die
unter stillschweigender Duldung bleiben durften). Beide zahlen
die gleiche Miete von zehn Schilling pro Woche - aber damit
hört die Ähnlichkeit bereits auf. Obwohl man erwarten
würde, daß, da ja beide Miete zahlen, ihnen auch
die gleichen Privilegien gewährt wurden, verhält es
sich tatsächlich keineswegs so. Handwerker haben in den
Baracken der offiziellen Squatters Trennwände gezogen,
Waschbecken und zahlreiche andere Annehmlichkeiten angebracht.
Dies sind die Schafe; die Böcke dagegen müssen notgedrungen
für sich selbst sorgen. Eine der jungen Truppenbetreuungsoffiziere,
die dem Wohnungsministerium zugeteilt sind, gab einen interessanten
Kommentar zur Lage. Auf ihrem Inspektionsbesuch hatte sie festgestellt,
daß die Böcke mit Energie an die Arbeit gegangen
waren, Trennwände improvisierten, Vorhänge aufhingen,
die Wände strichen und damit die Initiative ergriffen.
Die offiziellen Squatters dagegen saßen mürrisch
herum, ergriffen keinerlei Initiative und rührten keinen
Finger, um sich selbst zu helfen. Sie beklagten vielmehr ihr
Schicksal, obwohl sie teilweise den furchtbarsten Elendsvierteln
entronnen waren. Solange die überarbeiteten Angestellten
der Behörden es nicht schafften, zu ihnen zu kommen, machten
sie von sich aus keinen Versuch zur Verbesserung ihrer Lage."

Meines
Erachtens ist das eine sehr aufschlußreiche Geschichte.
Das bezieht sich nicht nur auf die Squatters, sondern vor allem
auf den Unterschied zwischen der Geistesverfassung, die aus
freier, unabhängiger Aktion hervorgeht, und jener, die
von Abhängigkeit und Untätigkeit geprägt ist:
Es ist der Unterschied zwischen Menschen, die etwas unternehmen
und für sich selbst handeln, und solchen, die die Dinge
einfach über sich ergehen lassen
Ein
weiteres Beispiel für die Anwendung der Theorie von der
spontanen Organisation war das Pioneer Health Center in Peckham,
das in ANARCHY 60 erörtert worden ist 16.
Dieses Projekt wurde im Jahrzehnt vor dem Krieg von einer Gruppe
von Ärzten und Biologen begonnen, die das Wesen der Gesundheit
und des gesunden Verhaltens erforschen wollten, anstatt wie
die übrigen Vertreter ihres Berufs nur die Krankheit zu
studieren. Sie beschlossen, einen Klub zu gründen, dessen
Mitglieder als Familien beitraten und eine Vielzahl von Einrichtungen
benutzen konnten, wofür ein Familien-Mitgliedsbeitrag entrichtet
und die Zustimmung zu regelmäßigen medizinischen
Untersuchungen erteilt werden mußte. Um zu einwandfreien
Schlüssen zu kommen, hielten es die Biologen von Peckham
für notwendig, menschliche Wesen zu beobachten, die frei
waren - frei, nach ihrem Gutdünken zu handeln, und frei,
ihren Wünschen Ausdruck zu verleihen. Folglich gab es keine
Regeln, Satzungen oder Führer. "Ich war die einzige
Person mit Autorität ", erzählte Dr. Scott Williamson,
der Gründer, "und ich benutzte sie nur dazu, jeden,
der Autorität geltend machen wollte, daran zu hindern."
In den ersten acht Monaten herrschte Chaos. "Mit den ersten
Mitgliedsfamilien", schreibt ein Beobachter, "kam
eine Horde undisziplinierter Kinder an, die vom ganzen Gebäude
Besitz ergriffen, wie sie wohl eine leere Londoner Straße
in Besitz genommen hätten. Sie kreischten und rannten wie
Straßenlümmel durch alle Räume, zerschlugen
Geräte und Möbel" und machten so das Leben für
jedermann unerträglich. Scott Williamson jedoch "bestand
darauf, den Frieden nur so wiederherzustellen, daß man
den Kindern gestattete, auf die verschiedenen Anregungen, mit
denen sie auf ihrem Weg konfrontiert wurden, zu reagieren".
"In weniger als einem Jahr war das Chaos auf eine Ordnung
reduziert, in deren Rahmen man täglich Gruppen von Kindern
schwimmen, Schlittschuh laufen, radfahren, turnen oder ein Spiel
machen, gelegentlich auch ein Buch in der Bibliothek lesen sehen
konnte. [...] Das Herumrennen und Kreischen gehörte der
Vergangenheit an."
In
seinem Buch "Health the Unknown", in dem das Experiment
von Peckham geschildert wird, kam John Comerford zu dem Schluß:
"Eine Gesellschaft, die in angemessenen Verhältnissen
sich selbst überlassen ist, um sich spontan zu formieren,
entwickelt also ihre eigene Lösung und erreicht eine Harmonie,
der eine übergeordnete Führung nichts Gleichwertiges
entgegensetzen kann." 17
Von
dramatischeren Beispielen ähnlicher Art wissen diejenigen
zu berichten, die genug Mut oder genug Vertrauen besaßen,
um sich selbst verwaltende und auf Strafe verzichtende Gemeinschaften
jugendlicher Straffälliger einzurichten - wie etwa August
Aichhorn, Homer Lane und David Wills. Homer Lane war ein Mann,
der - seiner Zeit um Jahre voraus - eine Gemeinschaft jugendlicher
Delinquenten, Jungen und Mädchen, begründete, die
Little Commonwealth hieß 18. Lane pflegte
zu erklären, daß "Freiheit nicht einfach gewährt
werden kann. Sie muß vom Kind in Entdeckung und Erfindung
erworben werden." Getreu diesem Prinzip, so berichtet Howard
Jones, "weigerte er sich, den Kindern ein System der Leitung
aufzuerlegen, das den Institutionen aus der Welt der Erwachsenen
nachgebildet war. Die auf Selbstregierung beruhende organisatorische
Struktur der Little Commonwealth hatten die Kinder selbst langsam
und mühsam entwickelt, um ihre eigenen Bedürfnisse
zu befriedigen." Aichhorn war ein ähnlich mutiger
Vertreter der gleichen Generation, der in Wien eine Einrichtung
für umweltgeschädigte Kinder leitete. In seinem Buch
"Verwahrloste Jugend" beschreibt er eine besonders
aggressive Gruppe folgendermaßen: "Außer den
schon eingangs geschilderten Angriffen, die sehr arg waren,
kam es zur Zertrümmerung von Barackeninventar, eingeschlagenen
Fensterscheiben, mit Füßen eingetretenen Türfüllungen
usw. Es ereignete sich auch, daß einer durch das doppelt
geschlossene Fenster sprang, unbekümmert um etwaige Verletzungen
durch die dabei zerbrechenden Glasscheiben. Der Mittagstisch
blieb schließlich unbesetzt, weil jeder sich irgendeinen
Winkel im Tagraum suchte, um dort, auf dem Boden kauernd, sein
Essen zu verzehren. Schreien und Heulen hörte man von weitem
[...]." 19
Aichhorn
und seine Mitarbeiter aber legten sich eine Zurückhaltung
auf und bewiesen ein Vertrauen in ihre Methode, die man nur
übermenschlich nennen kann; sie schützten ihre Mündel
vor dem Zorn der Nachbarn, vor der Polizei und den städtischen
Behörden, und endlich trug die Geduld Früchte. Die
Kinder fanden sich nicht nur zurecht, sondern sie entwickelten
auch starke Zuneigung zu denen, die sich mit ihnen beschäftigten.
Dieses Vertrauen bildete die Grundlage für den Prozeß
der Umerziehung. Die Kinder sollten ja schließlich entgegen
den Beschränkungen erzogen werden, die ihnen die Umwelt
auferlegte.
Immer
wieder sind solche seltenen Menschen, die über genügend
moralische Kraft und die endlose Geduld und Nachsicht verfügten,
die diese Methode erfordert, in ähnlicher Weise belohnt
worden. Aber im täglichen Leben ist es oder scheint es
mir wenigstens sehr schwierig, diese Methode anzuwenden. Die
Tatsache, daß man es da nicht mit so tief verwirrten Menschen
zu tun hat, würde weniger drastische Erfahrungen zur Folge
haben. Außerdem aber stehen wir im normalen Leben, außerhalb
der mit Bedacht geschützten Umgebung, ja deshalb in einer
engere Wechselbeziehung zu anderen, weil wir eine Aufgabe lösen
wollen. Die offenkundige Ziellosigkeit und die zeitraubende
Spanne, in der man auf das Erscheinen der spontanen Ordnung
warten müßte, würden meiner Ansicht nach aber
die große Gefahr mit sich bringen, daß sich irgendein
starker Mann einmischt, der versucht, eine Ordnung und Methode
zu diktieren, nur damit endlich etwas erreicht wird.
An
dieser Stelle sollte man ein Experiment erwähnen, an das
der Leser schon gedacht haben mag. In den Jahren 1939 und 1940
führten drei Psychologen, Lewin, Lipitt und White, Experimente
durch, um die Auswirkungen verschiedener Führungstechniken
auf das Gruppenverhalten von elfjährigen Jungen zu untersuchen.
Diese Gruppe wurde von Erwachsenen geleitet, die sich drei verschiedener
Führungsmethoden bedienten. Gemäß der ersten
Methode bestimmte der Erwachsene die Grundsätze, das Verhalten
und die Tätigkeit der Gruppe; diese Technik hieß
"autoritär". Die zweite Methode bestand darin,
daß der Erwachsene die Mitglieder der Gruppe dazu ermunterte,
diese Fragen mitzuentscheiden, und sich ihnen gegenüber
freundschaftlich und kooperativ verhielt, indem er sie in Verfahrensfragen
beriet und Alternativvorschläge einbrachte, sofern das
notwendig war; diese Technik wurde "demokratisch"
genannt. Die dritte Methode bestand darin, daß der Erwachsene
den Jungen vollständige Entscheidungs- und Handlungsfreiheit
gewährte und seine eigenen Initiativen und Anregungen auf
ein Minimum beschränkte; diese Technik hieß "laisser
faire". Bei der autokratischen Methode wurde festgestellt,
daß sie zu einer unterwürfigen Haltung der Kinder
gegenüber dem Leiter, zu einer gewissen Apathie gegenüber
vor ihnen liegenden Aufgaben, zu geringer Kooperation untereinander
und, sobald der Leiter abwesend war, zu einem Mangel an Selbstdisziplin
führte. Die Laisser-faire-Gruppe schien von der Zahl und
dem komplexen Charakter ihrer Probleme überwältigt
und erreichte wenig. Der demokratischen Gruppe halfen ihre Leiter,
konstruktive Kanäle für ihre Anstrengungen zu finden
und so die Hilflosigkeit zu vermeiden, zu der die Laisser-faire-Gruppe
verurteilt zu sein schien. Die demokratische Gruppe war zugleich
schöpferischer, friedlicher und selbstdisziplinierter als
die autoritäre Gruppe, weil die meisten ihrer Unternehmungen
von den Mitgliedern selbst geleitet wurden und man ihnen die
Möglichkeit gegeben hatte, eine gewisse Gruppensolidarität
zu entwickeln. Bei einem Vergleich, bei dem das Verhalten derselben
Gruppe unter der Führung verschiedener Erwachsener getestet
wurde, ergab sich, daß die Reaktion auf einen bestimmten
Führungsstil auch von den früheren Erfahrungen der
Gruppe mit anderen Führungsstilen abhing. So war eine Gruppe
unter einem "autoritären " Leiter ziemlich passiv,
aber nachdem sie einen Leiter mit "demokratischen"
Führungsmethoden gehabt hatte, begegnete sie einem zweiten
"autoritären" Leiter mit Mißvergnügen.
In
unserem Zusammenhang könnte man eine ganze Reihe von Anmerkungen
zu diesem Experiment machen. Die Laisser-faire-Methode dürfte
wohl diejenige sein, die eigentlich zur spontanen Ordnung führen
sollte. Vielleicht wurde der Ordnung im Rahmen dieses Experiments
zu wenig Zeit gegeben, um aus dem Chaos herauszuwachsen. Die
"demokratische" Methode war nicht wirklich demokratisch,
weil der Leiter nicht von oder aus der Gruppe gewählt worden
war. Er scheint in der Tat die Rolle des guten Lehrers gespielt
zu haben, der zur Hilfe bereit ist, sich selbst aber zurückhält.
Natürlich ist es möglich, wie Muzafer Sherif in seinem
Kommentar zu Lewins, Lipitts und Whites Experiment unterstrichen
hat, daß eine bestimmte Technik nicht die gleiche Wirkung
hat, je nachdem, ob sie von einem außerhalb der Gruppe
stehenden Leiter oder von einem nicht offiziell zum Leiter ernannten
Mitglied aus der Gruppe selbst angewandt wird.

Aber
die Rolle der Leiter veranlaßt uns zur Frage nach dem
Wesen der Leitung und wie sich diese in die anarchistische Organisationstheorie
einordnen läßt. Die Anarchisten glauben an führerlose
Gruppen. Wenn dieser Ausdruck dem Leser bekannt vorkommt, dann
wegen jener paradoxen Methode, die unter der Bezeichnung Technik
der führerlosen Gruppe von der britischen und australischen
Armee während des Kriegs angewandt wurde, um auf diese
Weise Führer auszuwählen. Die Armeepsychiater erkannten,
daß sich die Qualifizierung zum Führer oder Mitläufer
nicht in der Isolierung zu erkennen gibt. Sie ist vielmehr,
wie Major Gibb feststellte, "von einer bestimmten sozialen
Situation abhängig - die Führung wechselte von Situation
zu Situation und von Gruppe zu Gruppe ". Oder wie es der
Anarchist Michail Bakunin schon vor hundert Jahren gesagt hat:
"Ich nehme und ich gebe - so ist das menschliche Leben.
Jeder lenkt und wird gelenkt. Deshalb gibt es auch keine feste
und dauerhafte Autorität, sondern einen ständigen
Wechsel von gegenseitiger, zeitlich begrenzter und vor allem
freiwilliger Autorität und Unterordnung" 20.
Dieser Aspekt wurde auch in den Berichten über das Experiment
von Peckham nachdrücklich unterstrichen, das wir als Beispiel
für die Theorie von der spontanen Organisation erwähnt
haben.
Der
Leser sollte sich aber dadurch nicht täuschen lassen, daß
diese Ausführungen so betörend einleuchtend sind.
Denn das anarchistische Konzept der Leitung ist in seinen Konsequenzen
wahrhaft revolutionär; um das zu erkennen, braucht man
sich nur umzusehen, denn überall ist das entgegengesetzte
Konzept am Werk: das der hierarchischen, autoritären, privilegierten
und permanenten Leitung. Es gibt nur sehr wenige vergleichende
Untersuchungen über die Auswirkungen dieser beiden einander
entgegengesetzten Wege zur Organisation der Arbeit. Auf zwei
davon will ich später eingehen, eine weitere, über
Architektenbüros, wurde vor ein paar Jahren für die
RIBA 21 unter dem Titel "The Architect
and His Office" herausgebracht. Die Arbeitsgruppe, die
den Bericht vorbereitete, entdeckte zwei verschiedene Einstellungen
zum Prozeß des Entwerfens, denen zwei verschiedene Arbeits-
und Organisationsmethoden entsprachen. Die eine wurde als zentralistisch
qualifiziert, da sie durch eine autokratische Form der Leitung
gekennzeichnet war, die andere als locker [dispersed], da sie,
wie man es nannte, "eine informelle Atmosphäre frei
fließender Ideen" förderte. Das ist ein sehr
lebhaft empfundenes Problem unter Architekten. W.D.Pile, Leiter
der Architekten- und Bauabteilung des Erziehungsministeriums
(der in dieser Eigenschaft dazu beigetragen hat, die wichtigsten
und überzeugendsten Erfolge britischer Nachkriegsarchitektur,
nämlich das Schulbauprogramm, zu fördern), erwähnt
unter den Eigenschaften, die er von einem Mitglied der Bauabteilung
erwartet: "Er muß an das glauben, was ich die unhierarchische
Organisation der Arbeit nenne. Die Arbeit muß nicht nach
dem Star-System, sondern nach dem Repertoire-System organisiert
werden. Der Leiter der Arbeitsgruppe kann oft einem Mitglied
aus derselben Gruppe untergeordnet sein. Das wird nur akzeptiert
werden, wenn allgemein anerkannt ist, daß das Primat der
besten Idee und nicht dem älteren Mitglied gehört."
Und einer unserer größten Architekten, Walter Gropius,
verkündet, was er die Technik der "Zusammenarbeit
unter Menschen" nennt, "die die schöpferischen
Instinkte des Individuums freisetzt, anstatt sie zu ersticken.
Das Wesen einer solchen Technik", erklärt Gropius
weiter, "sollte darin bestehen, den Nachdruck auf die individuelle
Freiheit der Initiative anstatt auf die autoritäre Leitung
durch einen Vorgesetzten zu legen [...] und so die individuellen
Anstrengungen durch ein kontinuierliches Geben und Nehmen ihrer
Mitglieder zu synchronisieren [...]."
Das
führt uns natürlich zu einem anderen Eckstein der
anarchistischen Theorie, der Idee der Arbeiterkontrolle in der
Industrie. Ich will hier nicht näher darauf eingehen, da
die modernen vergleichenden Untersuchungen, die Belege für
die anarchistische Argumentation enthalten, schon in ANARCHY
2, 8, 10 und 40 besprochen worden sind. Die Bücher, um
die es ging, sind "Decision-Making and Productivity"
von Seymour Melman, "Autonomous Group Functioning"
von P.G.Herbst und "Organizational Choice" von Trist,
Higgin, Murray und Pollock 22.
Wenn
man gegen die Idee der Arbeiterkontrolle unter Berufung auf
die Komplexität und die Größenordnungen der
modernen Industrie Einwände erhebt, dann greifen wir noch
einmal auf das föderative Prinzip zurück. Es ist gar
nichts Abwegiges an der Vorstellung, daß sich eine große
Zahl autonomer industrieller Einheiten zu einer Föderation
zusammenschließen und ihre Tätigkeit koordinieren
kann. Wenn man durch Europa reist, kann man die Linien von einem
Dutzend Eisenbahnnetzen - kapitalistischen und kommunistischen
- benutzen, die durch freie Vereinbarung der verschiedenen Unternehmen,
ohne jede zentrale Behörde, koordiniert sind. Man kann
einen Brief an jeden Ort der Welt schicken, aber es gibt keine
Weltpostbehörde - die Vertreter der verschiedenen Postbehörden
haben einfach so alle fünf Jahre einen Kongreß.
Wenn
nun einige Leser mit kybernetischem Denken vertraut sind, werden
sie erkennen, daß in diesem Zusammenhang auch einige der
Ideen von Gordon Pask und Stafford Beer über sich selbst
organisierende Systeme von Bedeutung sind. Beer bemerkt in seinem
Buch "Cybernetics and Management", es sei eine Tatsache,
"daß unsere ganze Konzeption der Leitung naiv, primitiv
und von einer nahezu an Vergeltung erinnernden Idee der Kausalität
beherrscht wird. Leitung ist in den Augen der meisten Menschen
(und was für ein Licht wirft das auf eine hochentwickelte
Gesellschaft!) ein rohes Zwangsverfahren" 23.
Er erzählt auch die Geschichte vom Besuch eines Marsbewohners,
der die Tätigkeit auf der unteren Ebene eines großen
Unternehmens, also die Gehirne der Arbeiter, und das organisatorische
Schaubild untersucht, das zeigen will, wie das Unternehmen geleitet
wird. Er kommt zu dem Schluß, daß die Geschöpfe
an der Spitze der Hierarchie Köpfe von mehreren Metern
Umfang haben müßten.
Ich
bat den Neurologen Grey Walter, für ANARCHY einen Bericht
über die Bedeutung der Kybernetik für Anarchisten
zu schreiben. Er verfaßte einen guten Bericht über
die Entwicklung der Kybernetik, aber abgesehen von seiner Schlußfolgerung,
nämlich daß das zentrale Nervensystem ein Modell
einer anarchosyndikalistischen Gemeinschaft darstelle, hat er
die Bedeutung der Idee von den sich selbst organisierenden Systemen
nicht besonders hervorgehoben 24. Doch hat
sein Artikel einen Computer-Programmierer, John McEwan, dazu
angeregt, für uns einen Aufsatz zu schreiben, in dem genau
die Verbindungen hergestellt werden, die wir auf Grund der Schriften
von Pask und Beer vermutet hatten. Ich kann den Artikel hier
nicht zusammenfassen, er findet sich in ANARCHY 31. Aber seine
Schlüsse sind für unsere Betrachtung des Anarchismus
als eine Organisationstheorie von Bedeutung. Er versucht, zwei
Modelle der Entscheidung und Leitung einander gegenüberzustellen:
"Einmal
gibt es das Modell, das unter Theoretikern des Managements in
der Industrie als anerkannt gilt und das sein Gegenstück
in der konventionellen Denkweise über die Regierung findet,
die in der Gesellschaft als Ganzem verbreitet ist. Es ist dies
das Modell einer starren pyramidenartigen Hierarchie, mit Kommunikations-
und Befehlssträngen, die von der Spitze zur untersten Ebene
der Pyramide verlaufen. In ihr gibt es eine feste Beschreibung
der Verantwortung, jedes Element hat seine bestimmte Rolle,
die zu befolgenden Regeln sind auf jeder Ebene innerhalb ziemlich
enger Grenzen festgesetzt und können nur durch eine Entscheidung
von Leuten geändert werden, die einen höheren Rang
in der Hierarchie einnehmen. Die Rolle der Spitzengruppe in
der Hierarchie wird manchmal mit der des <Gehirns> des
Systems verglichen.
Das
andere Modell stammt aus der Kybernetik sich selbst organisierender
Systeme. Es verfügt über große Variationsmöglichkeiten,
die ausreichen, um mit einer komplexen, unvorhersehbaren Umwelt
fertig zu werden. Dieses System ist dadurch gekennzeichnet,
daß sich seine Struktur ständig ändert, daß
es sich im Zeichen fortwährender Rückkoppelung seitens
der Umwelt modifiziert, daß es einen Überfluß
an Möglichkeiten der Leitung hervorbringt und komplizierte,
untereinander verbundene Kontrolleinrichtungen bedingt. Wissen
und Entscheiden sind über das ganze System verteilt, in
einigen Bereichen vielleicht konzentrierter als in anderen.
Gibt
es irgendeinen Theoretiker, der von der sozialen Organisation
- der heutigen oder zukünftigen - Vorstellungen entwickelt
hat, die diesem Modell entsprechen? Ich glaube, ja. Man vergleiche
nur Kropotkin in seinen Ausführungen über jene Gesellschaft,
die <die vollste Entfaltung [...] der freiwilligen Assoziierung
in allen ihren Formen, in jeder nur möglichen Intensität
und zu jedem nur denkbaren Zweck [erstrebt]; ständig wechselnde
Assoziierungen, die in sich selbst die Elemente ihrer Dauerhaftigkeit
tragen und immer die Formen annehmen, die den vielfältigen
Bestrebungen aller jeweils am besten entsprechen. Eine Gesellschaft,
der im voraus festgelegte und durch Gesetz versteinerte Formen
zuwider sind, die vielmehr nach Harmonie in einem ständig
wechselnden, flüchtigen Gleichgewicht zwischen unzähligen
verschiedenen Kräften und Einflüssen strebt, die alle
wieder ihr eigenes Ziel verfolgen [.. .]>."
Wir
haben einmal eine Bemerkung von Richard Titmuss zitiert, wonach
gesellschaftliche Ideen im kommenden halben Jahrhundert in England
ebenso wichtig werden können wie technische Neuerungen.
Ich bin der Überzeugung, daß die sozialen Ideen des
Anarchismus - autonome Gruppen, Arbeiterkontrolle, föderatives
Prinzip - eine zusammenhängende Theorie der sozialen Organisation
bilden werden, die eine wohlbegründete und realistische
Alternative zur autoritären, auf Hierarchien und Institutionen
ausgehenden Philosophie darstellt, die wir überall um uns
herum in Aktion sehen. Die Menschen werden gezwungen sein, erklärte
Kropotkin, "neue Organisationsformen für die gesellschaftlichen
Funktionen zu finden, die heute der Staat mit Hilfe der Bürokratie.
erfüllt", und "so lange das nicht erreicht ist,
wird gar nichts erreicht werden ". Ich meine, daß
wir entdeckt haben, wie die neuen Organisationsformen aussehen
sollen - wir müssen nun die Voraussetzungen dafür
schaffen, sie in die Praxis umzusetzen.

Anmerkungen:
1.
Colin Ward, "Anarchism as a Theory of Organisation",
in: Anarchy #62, April 1966, S. 97-109.
2.
Kropotkin, "Anarchism", in: Encyclopaedia
Britannika, XI.Aufl., Bd.I, 1959, S. 873-877, hier
S. 873.
3.
Pierre Kropotkine, L'anarchie: sa Philosophie - son
Ideal, Paris 1896, S. 17-18.
4.
Robert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in
der modernen Demokratie. Untersuchungen Über die
oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Leipzig
191 1. (Neudruck der 2. Aufl., hrsg. und mit einem Nachwort
versehen von Werner Conze, Stuttgart 1957.)
5.
V. I. Allen, Power in Trade Unions. A Study of their
Organisation in Great Britain, London-New York-Toronto
1954, S. 15.
6.
James J.Gillespie, Free Expression in Industry. A
social-psychological study of work and leisure, London
1948; ders., "Towards Freedom in Work ", in:
Anarchy 47, Januar 1965, S. 5-32.
7.
C Northcote Parkinson, Parkinsons Gesetz und andere
Untersuchungen über die Verwaltung. Düsseldorf
1958 (englisches Original: Parkinson's Law, London
1958).
8.
Offenbar ist nicht der exakte Wortsinn gemeint, denn dann
könnte commune kaum mit Sowjet wiedergegeben werden.
Es geht hier vielmehr um den Sowjetgedanken, um die kommunistische
Räteidee, wie sie ursprünglich in der Sowjetunion
verwirklicht zu werden schien.
9.
George Woodcock, Pierre-Joseph Proudhon. A Biography,
London 1956, S. 249.
10.
Ein Leopold Kuhr ist nicht nachzuweisen. Möglicherweise
liegt hier eine Verwechslung mit Theodor Kuhr und seiner
Untersuchung "Die Trennung der Gewalten und das germanische
Recht", Mannheim-Berlin-Leipzig 1934; Neuausgabe
unter dem Titel "Demokratie und Monopol in den Vereinigten
Staaten", Bad Nauheim 1954, vor.
11.
Es handelt sich um den Bericht einer Kommission, die die
Möglichkeiten zur Rationalisierung des britischen
Eisenbahnwesens untersucht hat: Richard Beeching - British
Railway Board -, The Reshaping of British Railways,
London 1963.
12.
Herbert Lüthy, Die Schweiz als Antithese.
Originaltitel: "La Suisse a contre-courant",
in: Revue economique franco-suisse, Dezember
1961. Die bearbeitete deutsche Fassung in: Herbert Lüthy,
Nach dem Untergang des Abendlandes, Köln-Berlin
1964, S.422-451, hier S.432-434.
13.
Peter Kropotkin, Gegenseitige Hilfe in der Tier- und
Menschenwelt. Autorisierte deutsche Ausgabe besorgt
von Gustav Landauer, Leipzig 1910.
14.
Der erste Protestmarsch nach Aldermaston (westlich Londons),
dem Standort der Waffenabteilung der britischen Atomkraftbehörde,
fand Ostern 1958 statt.
15.
Ansiedler ohne Rechtstitel. Squatters haben auch in jüngster
Zeit leerstehende Häuser in verschiedenen englischen
Städten besetzt, was jeweils zu heftigen Auseinandersetzungen
mit der Polizei führte.
16.
Anarchy #60, Februar 1966, S. 52-64.
17.
John Comerford, Health the Unknown. The story of the
Peckham experiment, London 1947.
18.
Vgl. Anthony Waever, "The Work of David Wills",
in: Anarchy #15, Mai 1962. S. 129-138.
19.
August Aichhorn, Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse
in der Fürsorgeerziehung. Mit einem Geleitwort von
Sigm. Freud [Internationale Psychoanalytische Bibliothek,
Bd.XTX], Leipzig-Wien-Zürich 1925, S.219.
20.
Michail Bakunin, Gott und der Staat, in: BGW,
Bd.I, S.lll.
21.
Royal Institute of British Architects.
22.
Seymour Melman, Decision-Making and Productivity,
Oxford 1958; P. G. Herbst, Autonomous Group Functioning.
An exploration in behaviour theory and measure-ment,
London 1962; E. L.Trist u.a., Organizational Choice.
Capabilities of groups at the coal face under changing
technologies. The loss, re-discovery and transformation
of a work tradition, London 1963.
23.
Stafford Beer, Cybernetics and Management, London
1959, S. 21. Deutsche Ausgabe: Kybernetik und Management,
Hamburg 1959, S. 36. (24) W. Grey Walter, "The Development
and Significance of Cybernetics", in: Anarchy
#25. März 1963. S. 75-89.
24.
John D. McEwan, «Anarchism and the Cybenetics of
Self-Organizing Systems», in: Anarchy #31,
September 1963, S.270-283, hier S.278. |