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ABC
des Anarchismus
Alexander
Berkman
Vorwort
Einführung
Bedeutet
Anarchismus Gewaltanwendung?
Was
ist Anarchismus?
Ist
Anarchie möglich?
Wird
der kommunistische Anarchismus funktionieren?
Nichtkommunistische
Anarchisten
Warum
Revolution?
Wichtig
ist die Idee
Vorbereitung
Die
Organisation der Arbeiterschaft für die soziale Revolution
Prinzipien
und Praxis
Konsum
und Warenaustausch
Produktion
Verteidigung
der Revolution

Vorwort
Ich
halte den Anarchismus für die vernünftigste und am besten
durchführbare Konzeption einer in Freiheit und Harmonie lebenden
Gesellschaft. Ich bin überzeugt, daß er im Laufe der
weiteren menschlichen Entwicklung mit Sicherheit verwirklicht
wird.
Der
Zeitpunkt dafür wird von zwei Faktoren abhängen: Erstens
davon, wann die bestehenden Bedingungen für einen großen
Teil der Menschheit physisch und geistig unerträglich werden,
und zweitens davon, in welchem Maße die anarchistischen
Ansichten verstanden und akzeptiert werden.
Unsere
gesellschaftlichen Institutionen basieren auf bestimmten Vorstellungen
und solange diese hingenommen werden, sind die Institutionen nicht
gefährdet. Die Macht der Regierung bleibt erhalten, weil
die Menschen der Meinung sind, daß politische Autorität
und gesetzlicher Druck notwendig sind. Der Kapitalismus bleibt
solange bestehen, wie dieses System als vernünftig und richtig
erachtet wird. Eine Aushöhlung der Ideen, die für die
schlechten und bedrückenden Lebensbedingungen der heutigen
Zeit mitverantwortlich sind, führt letzten Endes zum Zusammenbruch
des Regierungssystems und des Kapitalismus. Fortschritt besteht
darin, daß Überholtes abgeschafft und durch ein angemessenes
Konzept ersetzt wird. Selbst dem beiläufigen Beobachter muß
auffallen, daß die Grundvorstellungen der Gesellschaft zur
Zeit einer radikalen Änderung unterliegen. Der Weltkrieg
und die russische Revolution sind die Hauptursachen dafür.
Der Krieg hat den verderblichen Charakter des kapitalistischen
Wettbewerbs und die tödliche Unfähigkeit der Regierungen
aufgedeckt, Streitigkeiten zwischen den Nationen, oder besser
gesagt, zwischen den herrschenden Finanzcliquen zu schlichten.
Weil die Menschen ihren Glauben an die alten Methoden verlieren,
sind die Großmächte jetzt sogar gezwungen, Abrüstung
und sogar ein Verbot von Kriegen zu diskutieren. Noch vor gar
nicht langer Zeit traf auch nur die Andeutung einer solchen Möglichkeit
auf Hohn und Spott. Ebenso bricht allmählich der Glaube an
andere etablierte Institutionen zusammen. Der Kapitalismus »funktioniert«
noch, aber an seiner Zweckmäßigkeit und Gerechtigkeit
zweifeln ständig wachsende Bevölkerungsgruppen. Die
russische Revolution hat Ideen und Gefühle verbreitet, die
die grundlegenden Vorstellungen der kapitalistischen Gesellschaft
unterminieren, insbesondere die über Wirtschaft und die der
Unantastbarkeit des Privateigentums. Denn nicht nur in Rußland
hat der Oktober eine Veränderung bewirkt, in der ganzen Welt
hat er die Massen beeinflußt Der beliebte Aberglaube, daß
das Bestehende permanent sei, ist für immer erschüttert.
Der
Krieg, die russische Revolution und die Nachkriegsentwicklung
haben das ihre dazu beigetragen, daß viele vom Sozialismus
enttäuscht sind. Es trifft buchstäblich zu, daß
der Sozialismus genauso wie das Christentum die Welt erobert hat
und sich dabei selbst zerstört. In den meisten europäischen
Ländern regieren jetzt sozialistische Parteien oder sind
an der Regierung beteiligt, aber die Menschen glauben nicht mehr,
daß diese Parteien sich von den bourgeoisen Regimen unterscheiden.
Sie haben das Gefühl da8 der Sozialismus versagt hat und
handlungsunfähig geworden ist. In ähnlicher Weise haben
die Bolschewisten bewiesen, daß marxistisches Dogma und
leninistische Prinzipien nur zu Diktatur und Reaktion führen
können.
Für
die Anarchisten ist das alles nicht überraschend. Sie haben
schon immer behauptet, daß der Staat auf die individuelle
Freiheit und die Harmonie in der Gesellschaft einen verderblichen
Einfluß hat und daß nur die Abschaffung der auf Zwang
beruhenden Autorität sowie der materiellen Ungleichheit unsere
politischen, wirtschaftlichen und nationalen Probleme lösen
kann. Aber ihre Argumente, obwohl durch lebenslange Erfahrung
gestützt, erschienen der gegenwärtigen Generation als
reine Theorie, bis die Ereignisse der letzten zwei Jahrzehnte
die Richtigkeit der anarchistischen Position demonstrierten. Das
Versagen des Sozialismus und Bolschewismus hat dem Anarchismus
den Weg geebnet.
Die
Literatur über den Anarchismus ist zahlreich, aber sie wurde
größtenteils vor dem Weltkrieg geschrieben. Die in
der jüngsten Vergangenheit gewonnenen Erkenntnisse sind so
bedeutend, daß die anarchistische Position und Argumentation
geändert werden muß Obwohl die grundlegenden Lehrsätze
selbst unverändert beibehalten werden können, erscheint
es aufgrund von Tatbeständen aus der gegenwärtigen Geschichte
geboten, sie bezüglich ihrer praktischen Anwendung zu modifizieren.
Die Erfahrungen der russischen Revolution erfordern vor allem
ein neues Verständnis verschiedener wichtiger Probleme, darunter
hauptsächlich der des Wesens und der Aktivitäten der
sozialen Revolution.
Zudem
sind Bücher über den Anarchismus, von einigen Ausnahmen
abgesehen, für den Durchschnittsleser kaum verständlich.
Allgemein besteht die Schwäche der Bücher, die sich
mit sozialen Fragen befassen, darin, daß sie unter der Annahme
geschrieben sind, der Leser sei schon in erheblichem Umfang mit
der Sache vertraut, was im allgemeinen auch überhaupt nicht
zutrifft. Das Ergebnis ist, daß nur sehr wenige Bücher
soziale Probleme in einfacher und verständlicher Weise behandeln.
Aus diesem Grunde erscheint mir eine Neudarstellung der anarchistischen
Position zu diesem Zeitpunkt geboten - eine für jeden verständliche
Neudarstellung mit besonders einfachen und klaren Begriffen. Das
ergibt ein ABC des Anarchismus. Mit diesem Ziel vor Augen wurden
die folgenden Seiten geschrieben.
Paris
1928

Einführung
Ich
möchte Ihnen etwas über Anarchismus erzählen. Ich
möchte Ihnen sagen, was Anarchismus ist, denn ich glaube,
es ist gut, wenn Sie es wissen. Auch deswegen weil so wenig darüber
bekannt ist und das, was man im allgemeinen durch Hörensagen
weiß meistens falsch ist. Ich möchte Ihnen darüber
erzählen, weil ich glaube, daß Anarchismus die schönste
und größte Sache ist, die Menschen je erdacht haben;
er allein kann Ihnen Freiheit und Wohlstand geben und Frieden
und Freude für die Welt bringen.
Ich
möchte Ihnen darüber in so einfacher und schlichter
Sprache erzählen, daß es keine Mißverständnisse
geben kann. Große Worte und hochtrabende Sätze verwirren
nur. Unkompliziertes Denken verlangt eine einfache Sprache. Aber
bevor ich Ihnen erzähle, was Anarchismus ist, möchte
ich Ihnen sagen, was er nicht ist. Das ist erforderlich, weil
so viele Lügen über den Anarchismus verbreitet worden
sind. Sogar intelligente Menschen haben oft völlig falsche
Vorstellungen. Manche Leute reden über Anarchismus, ohne
auch nur das Geringste darüber zu wissen. Und manche verbreiten
Lügen über den Anarchismus, weil sie nicht wollen, daß
Sie die Wahrheit darüber erfahren.
Der
Anarchismus hat viele Feinde, die natürlich die Wahrheit
verschweigen werden. Warum der Anarchismus Feinde hat, und wer
sie sind, werden Sie später in diesem Buche erfahren. Ich
kann Ihnen aber schon jetzt sagen, daß weder Ihr politischer
Führer noch Ihr Arbeitgeber, weder der Kapitalist noch der
Polizist aufrichtig mit Ihnen über den Anarchismus sprechen
werden. Die meisten von ihnen wissen auch nichts über ihn,
aber alle hassen ihn. Ihre Zeitungen und Publikationsorgane -
die kapitalistische Presse - sind ebenfalls gegen ihn. Selbst
die meisten Sozialisten und Bolschewisten stellten ihn falsch
dar. Es ist allerdings wahr, daß die Mehrheit unter ihnen
es auch nicht besser weiß Aber die, die es besser wissen,
sagen oft nicht die Wahrheit und setzen Anarchismus mit Aufruhr
und Chaos gleich. Sehen Sie selbst, wie unredlich viele in diesem
Punkt sind: Die größten Lehrer des Sozialismus - Karl
Marx und Friedrich Engels - haben gelehrt, daß der Anarchismus
aus dem Sozialismus hervorgeht. Sie sagten, daß erst der
Sozialismus kommen muß aber daß auf den Sozialismus
der Anarchismus folgen wird und daß dieser für die
menschliche Gesellschaft eine noch freiere und bessere Lebensform
darstelle als der Sozialismus. Die Sozialisten, die auf Marx und
Engels schwören, beschimpfen den Anarchismus beharrlich als
»Chaos und Aufruhr«, all dies zeigt Ihnen, wie ignorant
und unredlich sie sind.
Er
bedeutet nicht Bomben, Aufruhr oder Chaos. Er bedeutet nicht Raub
und Mord. Er bedeutet nicht einen Krieg jeder gegen jeden. Er
bedeutet nicht eine Rückkehr zur Barbarei oder in die Anfänge
der Menschheit. Anarchismus ist das genaue Gegenteil all dessen.
Anarchismus heißt daß Sie frei sein werden; daß
niemand Sie versklaven, Sie herumkommandieren, Sie berauben oder
mißbrauchen wird. Das bedeutet, daß Sie die Freiheit
haben werden, das zu tun, was Sie wollen, und daß Sie nicht
gezwungen werden, etwas gegen Ihren Willen zu tun. Das bedeutet,
daß Sie die Möglichkeit haben, ohne Einmischung anderer
so leben zu können, wie Sie es wünschen.
Das
bedeutet, daß Ihr Nachbar die gleiche Freiheit hat wie Sie,
daß jeder dieselben Rechte und Freiheiten besitzen wird.
Das bedeutet, daß alle Menschen Brüder sind und wie
Brüder in Frieden und Harmonie leben werden. Das heißt
daß es keine Kriege geben wird und keine Gewaltanwendung
einer Gruppe gegen die andere, kein Monopol, keine Armut, keine
Unterdrückung und kein Ausnutzen des Mitmenschen. Kurz gesagt:
Anarchismus heißt die Gesellschaftsform, in der alle Männer
und Frauen frei sind und in der alle die Vorteile eines geregelten
und sinnvollen Lebens genießen. »Ist das überhaupt
möglich?« fragen Sie. »und wie?« »Nicht
bevor wir alle Engel werden«, bemerkt Ihr Freund.
Also
sprechen wir es durch! Vielleicht kann ich Ihnen zeigen, daß
wir vernünftig sein und wie anständige Leute leben können,
ohne daß uns Flügel wachsen müssen. Die Bolschewisten
tun dasselbe, obwohl ihr größter Lehrer, Lenin, gesagt
hat, daß auf den Bolschewismus der Anarchismus folgen und
daß man dann besser und freier leben wird. Darum muß
ich Ihnen erst einmal sagen, was Anarchismus auf keinen Fall bedeutet.

Bedeutet
Anarchismus Gewaltanwendung?
Sie
haben sicherlich gehört, daß Anarchisten Bomben werfen,
daß sie an Gewalt glauben und daß die Anarchie Aufruhr
und Chaos bedeutet. Es ist nicht überraschend, wenn Sie so
denken sollten. Die Presse, die Kirche und jede andere Autorität
hämmern es Ihnen ständig ein. Aber die meisten dieser
Institutionen wissen es besser, und sie haben Grund Ihnen nicht
die Wahrheit zu sagen. Es wird Zeit, daß Sie diese hören.
Ich habe die Absicht, mit Ihnen offen und ehrlich zu sprechen,
und Sie können mich beim Wort nehmen, denn ich bin zufällig
einer jener Anarchisten, die als gewalttätig und zerstörerisch
gelten. Ich müßte darüber Bescheid wissen und
habe auch keinen Grund etwas zu verbergen.
»Bedeutet
Anarchismus nun wirklich Aufruhr und Gewalt?« fragen Sie.
»Nein, mein Freund. Es ist der Kapitalismus und die Regierung,
die Unruhe und Gewalt erzeugen: Anarchismus ist das genaue Gegenteil
er ist für Ordnung ohne Regierung und für Frieden ohne
Gewalt. »Aber ist so etwas möglich?« wenden Sie
ein. Genau darüber wollen wir sprechen. Aber zuerst wird
Ihr Freund wissen wollen, ob Anarchisten nie Bomben geworfen oder
Gewalt angewandt haben. Ja, Anarchisten haben Bomben geworfen
und manchmal Gewalt angewendet »Na, siehst!« wird
Ihr Freund ausrufen. »Das dachte ich mir.« Aber lassen
Sie uns nicht voreilig sein. Wenn die Anarchisten manchmal Gewalt
angewendet haben, heißt das dann unbedingt, daß Anarchismus
Gewalt bedeuten muß? Stellen Sie sich selbst diese Frage
und versuchen Sie, sie ehrlich zu beantworten.
Wenn
ein Bürger eine Soldatenuniform anzieht, dann muß er
vielleicht Bomben werfen und Gewalt anwenden. Würden Sie
dann sagen, daß Bürgertum für Bomben und Gewalt
steht? Diese Unterstellung würden Sie entrüstet von
sich weisen. Das heißt werden Sie antworten, daß ein
Mensch unter bestimmten Bedingungen eventuell Gewalt anwenden
muß. Dieser Mensch könnte ein Demokrat, ein Monarchist,
ein Sozialist, Bolschewist oder Anarchist sein. Sie würden
der Meinung sein, daß dieses für alle Menschen und
alle Zeiten zutrifft. Brutus tötete Cäsar, weil er befürchtete,
sein Freund hätte die Absicht, die Republik zu verraten und
König zu werden; nicht darum, weil Brutus »Cäsar
nicht liebte, sondern er Rom mehr liebte«. Brutus war kein
Anarchist. Er war ein loyaler Republikaner.
Wilhelm
Tell, berichtet die Volkskunde, erschoß den Tyrannen, um
sein Land von der Unterdrückung zu befreien. Tell hatte nie
etwas über Anarchismus gehört. Ich erwähne diese
Ereignisse, um auf die Tatsache hinzuweisen, daß seit Urzeiten
das Schicksal Despoten in Form einer Gewalttat freiheitsliebender
Menschen ereilte, die gegen die Tyrannei rebellierten. Im allgemeinen
waren die Attentäter Patrioten, Demokraten oder Republikaner,
manchmal Sozialisten oder Anarchisten. Ihre Taten waren eine individuelle
Rebellion gegen Unrecht und Ungerechtigkeit. Anarchismus hat damit
nichts zu tun.
Es
gab Zeiten im alten Griechenland in denen das Töten eines
Despoten als höchste Tugend galt. Das moderne Recht verurteilt
solche Taten, aber das menschliche Gefühl scheint sich in
dieser Beziehung von früher nicht zu unterscheiden. Das Gewissen
der Welt empört sich nicht über Tyrannenmorde. Auch
wenn sie öffentlich nicht gebilligt werden, so verzeiht doch
die Menschheit im Herzen solche Taten und ist oft insgeheim darüber
erfreut. Gab es nicht tausende patriotischer Jugendliche in Amerika,
die bereit waren, den deutschen Kaiser zu ermorden, den sie für
den Beginn des Ersten Weltkrieges verantwortlich machten? Hat
das französische Gericht nicht erst vor kurzem den Mann freigelassen,
der Petljura tötete, um Tausende von Männern, Frauen
und Kindern zu rächen, die bei Petljuras Judenverfolgungen
in Südrußland ermordet wurden?
In
jedem Land und zu allen Zeiten hat es schon Tyrannenmorde gegeben;
das heißt Männer und Frauen liebten ihr Land so sehr,
daß sie bereit waren, ihr Leben dafür zu opfern. Meistens
waren es Menschen, die keiner politischen Partei oder Idee anhingen,
sondern nur die Tyrannei haßten Gelegentlich waren es religiöse
Fanatiker wie der fromme Katholik Kullmann, der Bismarck zu töten
versuchte, oder wie die irregeleitete Schwärmerin Charlotte
Corday, die während der französischen Revolution Marat
tötete. In den Vereinigten Staaten wurden drei Präsidenten
von Einzelgängern ermordet. Lincoln wurde l865 von John Wilkes
Booth, einem Demokraten aus den Südstaaten, erschossen; Garfield
im Jahre 1888 von dem Republikaner Charles Jules Cuiteau; und
McKinleyim Jahre 1901 von Leon Czolgosz. Nur einer der drei war
Anarchist.
Es
ist nur natürlich, daß das Land mit den schlimmsten
Tyrannen auch die größte Anzahl von Tyrannenmorden
aufweist. Nehmen Sie z. B. Rußland. Wegen der totalen Unterdrückung
der Redefreiheit und der Presse unter den Zaren konnte das despotische
Regime nicht anders gemildert werden, als daß dem Tyrannen
»die Furcht vor Gott« eingejagt wurde. Jene Rächer
waren meistens Söhne des Hochadels, idealistische Jugendliche,
die die Freiheit und das Volk liebten. Da alle anderen Wege versperrt
waren, sahen sie sich gezwungen, zu Pistole und Dynamit Zuflucht
zu nehmen, mit der Hoffnung, dadurch die miserablen Zustände
in ihrem Land zu mildern. Sie waren bekannt als Nihilisten und
Terroristen. Sie waren keine Anarchisten.
In
modernen Zeiten sind individuell ausgeführte politische Gewalttaten
häufiger als in der Vergangenheit. Die Suffragetten in England
haben oft darauf zurückgegriffen, um ihre Forderungen nach
Gleichberechtigung zu propagieren und durchzusetzen. Seit Ende
des Krieges haben in Deutschland Männer mit sehr konservativen
Ansichten mit Hilfe solcher Methoden gehofft, die Monarchie wieder
einführen zu können. Ein Monarchist hat Karl Erzberger,
den preußischen Finanzminister, ermordet; auch der Außenminister
Walter Rathenau wurde von einem Mann derselben politischen Partei
umgebracht.
Die
Tat eines serbischen Patrioten, der noch nie etwas von Anarchismus
gehört hatte, nämlich die Ermordung des österreichischen
Thronfolgers war der eigentliche Grund oder zumindest eine Entschuldigung
für den Eintritt in den Weltkrieg. In Deutschland, Ungarn,
Spanien, Frankreich, Italien, Portugal und in jedem anderen europäischen
Land haben Männer unterschiedlichster politischer Richtungen
auf Gewalt zurückgegriffen, ganz zu schweigen von dem politischen
Massenterror, der von organisierten Gruppen wie den Faschisten
in Italien, dem Ku Klux Klan in Amerika oder der katholischen
Kirche in Mexiko praktiziert wird.
Sie
sehen also, daß das Monopol der politischen Gewaltanwendung
nicht bei den Anarchisten liegt. Der Anteil, der von Anarchisten
begangenen Gewalttaten ist vergleichsweise winzig gegenüber
dem von Leuten anderer politischer Richtungen. Die Wahrheit ist,
daß Gewaltanwendungen seit undenkbaren Zeiten in allen Ländern
und in jeder sozialen Bewegung ein Teil des Kampfes gewesen ist.
Selbst der Nazarener, der gekommen war, um das Evangelium des
Friedens zu predigen, vertrieb die Geldwechsler gewaltsam aus
dem Tempel. Wie ich schon sagte, besitzen die Anarchisten nicht
das Monopol für Gewalt. Der Anarchismus lehrt im Gegenteil
Frieden und Harmonie, Nichteinmischung und Unantastbarkeit des
Lebens und der Freiheit. Anarchisten sind ebenso menschlich wie
der Rest der Menschheit, vielleicht sogar mehr. Sie empfinden
Unrecht und Ungerechtigkeit stärker, entrüsten sich
schneller über Unterdrückung und daher ist es zuweilen
nicht ausgeschlossen, daß sie in Form einer Gewalttat protestieren.
Solche Taten sind aber Ausdruck eines individuellen Temperaments
und nicht einer bestimmten Theorie.
Sie
werden vielleicht fragen, ob das Festhalten an revolutionären
Ideen Menschen nicht zwangsläufig zu Gewalttätigkeit
führt. Ich glaube das nicht, denn wir haben gesehen, daß
Methoden der Gewalt auch von Leuten mit sehr konservativen Ansichten
angewandt worden sind. Wenn Menschen mit genau entgegengesetzten
politischen Ansichten in gleicher Weise handeln, dann ist es wenig
überzeugend, wenn man Ideen für diese Taten verantwortlich
macht.
Gleiche
Resultate haben die gleiche Ursache aber man darf diese Ursache
sicherlich nicht in den politischen Überzeugungen suchen,
sondern eher im individuellen Temperament und im allgemeinen Verhältnis
zur Gewalt. »Sie mögen recht haben, was das Temperament
betrifft«, sagen Sie. »Es leuchtet mir ein, daß
revolutionäre Ideen nicht die Ursache für politische
Gewalttaten sind, sonst müßte jeder Revolutionär
solche Taten begehen. Aber rechtfertigen diese Ansichten teilweise
nicht jene, die solche Taten ausführen?« Auf den ersten
Blick mag es so aussehen. Aber wenn Sie genau darüber nachdenken,
dann werden Sie feststellen, daß dieser Gedanke völlig
falsch ist. Der beste Beweis dafür ist, daß Anarchisten,
die die gleiche Meinung über Regierung und die Notwendigkeit
ihrer Abschaffung haben, in der Frage der Gewaltanwendung oft
völlig uneinig sind. So verurteilen die auf Tolstoi zurückgehenden
Anarchisten und die meisten individualistisch eingestellten Anarchisten
politische Gewaltanwendung, während andere Anarchisten sie
billigen oder zumindest rechtfertigen.
Darüber
hinaus haben viele Anarchisten, die einst an die Gewalt als Propagandamittel
glaubten, ihre Meinung geändert und unterstützen diese
Methoden nicht mehr. Es gab beispielsweise eine Zeit, in der die
Anarchisten individuelle Gewalttaten, bekannt als »Propaganda
der Tat«, befürworteten. Sie erwarteten weder, daß
Regierung und Kapitalismus durch solche Taten zum Anarchismus
bekehrt würden, noch glaubten sie, daß die Beseitigung
eines Despoten den Despotismus abschaffen würde. Nein, der
Terrorismus wurde als ein Mittel angesehen, das allgemeines Unrecht
rächt, dem Feind Angst einflößt und die Aufmerksamkeit
auf das Übel lenkt, gegen das der Terrorakt gerichtet war.
Doch die meisten Anarchisten glauben heute nicht an die »Propaganda
der Tat« und unterstützen Handlungen dieser Art nicht.
Die
Erfahrung hat sie gelehrt, daß mögen diese Methoden
in der Vergangenheit vielleicht auch gerechtfertigt und nützlich
gewesen sein, sie unter den heutigen Bedingungen unnötig
und für die Verbreitung ihrer Ideen sogar schädlich
sind. Da aber ihre Ideen dieselben geblieben sind, heißt
das, daß nicht der Anarchismus ihre Einstellung zur Gewalt
formte. Das beweist, daß nicht bestimmte Ideen oder »Theorien«
zur Gewalt führen, sondern daß andere Prozesse sie
mit sich bringen.
Wir
müssen darum an anderer Stelle suchen, um die richtige Erklärung
zu finden. Wie wir gesehen haben, wurden politische Gewaltakte
nicht nur von Anarchisten, Sozialisten und Revolutionären
jeder Schattierung begangen, sondern auch von Patrioten und Nationalisten,
von Demokraten und Republikanern, von Suffragetten, von Konservativen
und Reaktionären, von Monarchisten und Royalisten und sogar
von religiösen Eiferern und frommen Christen.
Wir
wissen jetzt, daß nicht eine bestimmte Idee oder »Ismen«
sie zu ihren Handlungen veranla8,t hat, denn die unterschiedlichsten
Ideen und »Ismen« haben dieselben Taten hervorgebracht.
Als Grund habe ich das individuelle Temperament und das allgemeine
Verhältnis zur Gewalt angegeben.
Hier
ist der springende Punkt. Wie ist das allgemeine Verhältnis
zur Gewalt? Wir werden die Sache nur verstehen, wenn wir diese
Frage korrekt beantworten können. Wenn wir ehrlich sind,
müssen wir zugeben, daß jeder von uns an Gewalt glaubt
und sie auch praktiziert, wenngleich er sie bei anderen auch verurteilen
mag. In der Tat basieren sämtliche von uns unterstützten
Institutionen und das gesamte Leben der gegenwärtigen Gesellschaft
auf Gewalt. Was ist das, was wir Regierung nennen? Ist sie etwas
anderes als organisierte Gewalt? Das Gesetz schreibt Ihnen vor,
was Sie zu tun oder Sie nicht zu tun haben und wenn Sie ihm nicht
gehorchen, dann werden Sie mit Gewalt dazu gezwungen. Wir diskutieren
jetzt nicht, ob es richtig oder falsch ist, ob es so oder nicht
so sein sollte. Im Augenblick interessiert uns nur die Tatsache,
daß es so ist, daß letzten Endes jede Regierung, alle
Gesetze und jede Autorität auf Zwang und Gewalt, auf Bestrafung
oder Angst vor Bestrafung beruhen. Sogar die geistige Autorität
wie die Amtsgerichte der Kirche und die Autorität Gottes
beruhen auf Zwang und Gewalt, denn es ist die Furcht vor Gottes
Zorn und Strafe, die Macht auf Sie ausübt, Sie zu Gehorsam
und an Dinge zu glauben zwingt, von denen Sie nicht überzeugt
sind.
Wohin
Sie auch blicken, Sie werden feststellen, daß unser gesamtes
Leben auf Gewalt oder der Angst davor aufgebaut ist. Von frühester
Kindheit an sind Sie der Gewalt der Eltern oder der Erwachsenen
ausgesetzt. Zu Hause, in der Schule, im Büro, in der Fabrik,
auf dem Feld oder in der Werkstatt haben Sie immer jemandem gehorsam
zu sein und seine Autorität zwingt Sie, seinen Willen auszuführen.
Das Recht, Sie zu zwingen, nennt man Autorität. Angst vor
Bestrafung wurde zur Pflicht gemacht und heißt Gehorsam.
In dieser Atmosphäre des Zwangs und der Gewalt, der Autorität
und des Gehorsams, der Pflicht, Angst und Bestrafung wachsen wir
alle auf; wir atmen sie unser ganzes Leben lang ein. Wir sind
derart durchtränkt mit dem Geist der Gewalt, daß wir
nie innehalten und fragen, ob Gewalt richtig oder falsch ist.
Wir fragen nur, ob sie legal ist und ob das Gesetz sie zuläßt.
Sie
stellen das Recht der Regierung zu töten, zu beschlagnahmen
und einzusperren nicht in Frage. Wenn eine Privatperson und nicht
die Regierung sich der Dinge schuldig machen würde, so würden
Sie diese als Mörder, Dieb und Schurken anprangern. Aber
solange die verübte Gewalt »gesetzlich« ist,
billigen Sie sie und unterwerfen sich ihr. Also protestieren Sie
in Wirklichkeit nicht gegen die Gewalt, sondern gegen Leute, die
Gewalt »ungesetzlich« anwenden.
Diese
erlaubte Gewalt und die Angst vor ihr beherrschen unsere gesamte
individuelle und kollektive Existenz. Autorität kontrolliert
unser Leben von der Wiege bis zum Grab - elterliche, priesterliche
und göttliche, politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche
und moralische Autorität. Welchen Charakter die Autorität
auch haben mag, immer derselbe Vollstrecker übt Macht über
Sie mittels Angst vor Bestrafung in dieser oder jener Form aus.
Sie haben Angst vor Gott und dem Teufel, vor dem Priester und
dem Nachbarn, vor Ihrem Arbeitgeber und Vorgesetzten, vor dem
Politiker und dem Polizisten, dem Richter und dem Gefängniswärter,
vor dem Gesetz und vor der Regierung. Ihr ganzes Leben besteht
aus einer langen Kette von Ängsten - Ängsten, die ihren
Körper quälen und Ihre Seele zerreißen. Auf diesen
Ängsten beruht die Autorität Gottes, der Kirche, der
Eltern, der Kapitalisten und der Herrscher. Gehen Sie in sich
und prüfen Sie, ob ich die Unwahrheit sage. Wie sollte es
sonst möglich sein, daß sogar unter Kindern der zehnjährige
Jonny seine jüngeren Geschwister dank seiner größeren
physischen Kraft herumkommandiert, genauso, wie Jonny’s
Vater ihn wiederum auf Grund seiner größeren Kraft
und wegen Jonny’s Abhängigkeit bezüglich des Unterhalts
herumkommandiert. Sie bestehen auf der Autorität der Priester
und Prediger, da Sie glauben, daß diese »den Zorn
Gottes auf Ihr Haupt lenken« können. Sie fügen
sich dem Willen des Vorgesetzten, des Richters und der Regierung,
da diese die Macht haben, Ihnen Ihre Arbeit zu nehmen, Ihr Geschäft
zu ruinieren, Sie ins Gefängnis zu werfen - eine Macht übrigens,
die Sie Ihnen selbst gegeben haben.
Auf
diese Weise regiert Autorität Ihr gesamtes Leben - die Autorität
der Vergangenheit und der Gegenwart, der Toten und der Lebenden
- und ihr Leben ist dauernder Angriff und Verletzung Ihrer Persönlichkeit,
ständige Unterwerfung der Meinung und dem Verlangen anderer.
Sie
rächen sich an anderen, über die Sie Herrschaft oder
auf die Sie physischen oder moralischen Zwang ausüben können,
indem Sie Ihnen Gewalt antun und sie verletzen genauso wie man
mit Ihnen verfährt. Auf diese Weise ist Leben ein scheußliches
Flickenmuster aus Autorität, Herrschaft und Ergebenheit,
Befehl und Gehorsam, Zwang und Unterwerfung, Herrschen und Beherrschen,
Gewalt und Macht in tausend und einer Gestalt geworden. Wundert
es Sie da noch, daß sogar Idealisten in dem Netz dieser
Gedankenwelt von Autorität und Gewalt gefangen sind und oft
durch ihre Gefühle und die Umwelt zu feindlichen Handlungen
getrieben werden, die völlig im Widerspruch zu ihren Ideen
stehen?
Wir
sind immer noch Barbaren, die auf Macht und Gewalt zurückgreifen,
um die eigenen Schulden, Schwierigkeiten und Probleme zu bereinigen.
Gewalt ist die Methode der Unwissenheit, die Waffe der Schwachen.
Diejenigen, die viel menschliche Güte und Verstand besitzen,
haben keine Gewalt nötig, da sie unwiderstehlich sind aufgrund
ihrer Überzeugung richtig zu handeln. Je weiter wir uns vom
Urmenschen und vom Zeitalter des Handbeils entfernen, desto weniger
werden wir auf Macht und Gewalt zurückgreifen. Je aufgeklärter
der Mensch wird, desto weniger wird er Druck und Zwang ausüben.
Er wird sich aus dem Staub erheben und aufrecht stehen: Er wird
sich vor keinem Zaren im Himmel oder auf der Erde verbeugen. Er
wird erst dann vollkommen menschlich sein wenn er zu herrschen
verschmäht und sich weigert beherrscht zu werden. Er wird
erst wirklich frei sein, wenn es keine Herren mehr gibt.
Anarchismus
ist das Ideal eines solchen Zustands; einer Gesellschaft ohne
Gewalt und Zwang, in der alle Menschen gleich sein und in Freiheit,
Frieden und Harmonie leben werden. Das Wort Anarchie stammt aus
dem Griechischen und bedeutet ohne Macht, ohne Gewalt oder Regierung,
weil Regierung der Urquell für Gewalt, Einschränkung
und Zwang ist. Anarchie*(=* Anarchie bezieht sich auf den Zustand.
Anarchismus ist die Theorie oder Lehre darüber.) bedeutet
daher nicht Aufruhr und Chaos, wie Sie anfangs dachten. Sie ist
geradezu das Gegenteil davon: Sie bedeutet keine Regierung, also
Freiheit und Unabhängigkeit. Aufruhr ist ein Produkt von
Autorität und Zwang. Freiheit ist der Quell der Ordnung.
»Eine sehr schöne Idee«, werden Sie sagen, »aber
nur Engel sind dafür geschaffen«. Dann lassen Sie uns
abwarten, ob wir uns die Flügel wachsen lassen können,
die wir für diese ideale Gesellschaftsform brauchen.

Was
ist Anarchismus?
»Können
Sie mir kurz erklären«, fragt Ihr Freund, »was
Anarchismus ist?« Ich werde es versuchen. Kurz gesagt, der
Anarchismus lehrt, daß wir in einer Gesellschaft frei von
Zwang irgendwelcher Art leben können.
Ein
Leben ohne Zwang bedeutet natürlich Freiheit; das heißt
frei zu sein von Druck und Zwang, die Möglichkeit so zu leben,
wie es Ihnen gefällt. Solch ein Leben können Sie aber
nicht führen, bevor Sie nicht die Institutionen abschaffen,
die Ihre Freiheit einschränken und in Ihr Leben eingreifen,
sowie die Zustände, die Sie anders handeln lassen, als Sie
eigentlich wollen.
Welche
Institutionen und Zustände sind das? Lassen Sie uns prüfen,
was wir abschaffen müssen, um ein freies und harmonisches
Leben führen zu können. Wenn wir erst einmal wissen,
was abgeschafft und durch was es ersetzt werden muß, dann
werden wir auch einen Weg zur Verwirklichung finden. Was muß
also abgeschafft werden, um die Freiheit zu erlangen?
Zuerst
natürlich einmal das, was am meisten in Ihr Leben eingreift,
was Ihre Handlungsfreiheit stört oder einschränkt; das,
was Ihnen die Freiheit nimmt und anders zu leben zwingt, als Sie
es nach eigener Wahl tun würden.
Das
ist die Regierung. Wenn Sie sie genau überprüfen, werden
Sie erkennen, daß die Regierung der schlimmste Störenfried
ist; mehr als das, der größte Verbrecher, den die Menschen
je gekannt haben. Sie füllt die Welt mit Gewalt Betrug und
Täuschung, mit Unterdrückung und Elend aus. Wie ein
großer Philosoph einmal sagte: »Ihr Atem ist Gift.«
Sie verdirbt alles, was sie anfaßt. »Ja, die Regierung
bedeutet Gewalt und ist ein Übel«, geben Sie zu, »aber
können wir ohne sie auskommen?«
Genau
darüber wollen wir diskutieren. Wenn ich Sie jetzt frage,
ob Sie eine Regierung brauchen, so bin ich sicher, daß Sie
nein sagen würden, aber daß die anderen sie brauchen.
Aber wenn Sie einen der »anderen« fragen, wird er
wie Sie antworten: Er wird sagen daß er sie nicht braucht,
aber daß sie »für die anderen« notwendig
ist. Warum glaubt jeder, daß er auch ohne Polizist anständig
genug ist, aber daß der Knüppel »für andere«
benötigt wird?
»Die
Menschen würden einander berauben und ermorden, wenn es keine
Regierung und kein Gesetz gäbe«, sagen Sie. Wenn sie
es wirklich tun würden, warum wäre das so? Würden
sie es einfach um des Vergnügens willen oder aus einem bestimmten
Grund tun? Wenn wir ihre Beweggründe untersuchen, dann werden
wir vielleicht ein Heilmittel entdecken.
Stellen
Sie sich vor, daß Sie, ich und ein paar andere Schiffbruch
erlitten hätten und uns auf einer Insel voll von Früchten
aller Art wiederfinden. Natürlich würden wir erst einmal
gemeinsam Nahrung sammeln. Aber angenommen, einer von uns würde
erklären, daß alles ihm gehöre und keiner nur
einen Bissen bekommt, bevor er ihm nicht einen Tribut gezahlt
hätte. Wir wären entrüstet, nicht wahr? Wir würden
über seine Ansprüche lachen. Wenn er versuchen sollte,
deswegen Schwierigkeiten zu machen, würden wir ihn vielleicht
ins Meer werfen, und geschähe ihm recht, nicht wahr? Nehmen
Sie weiterhin an, da8, wir selbst und unsere Vorväter eine
Insel kultiviert und mit allem versehen hätten, was zu Leben
und Wohlstand notwendig ist, und dann käme einer daher und
würde behaupten, daß alles ihm gehöre. Was würden
wir sagen? Wir würden ihn ignorieren, nicht wahr? Vielleicht
würden wir ihm sagen, daß er seinen Beitrag leisten
und sich an der Arbeit beteiligen kann. Aber angenommen, daß
er auf seinem Eigentumsrecht besteht und ein Stück Papier
vorzeigt und nachweist, daß alles ihm gehöre. Was würden
wir sagen? Wir würden ihm sagen, daß er verrückt
ist, und wieder unserer Arbeit nachgehen.
Aber
wenn er eine Regierung hinter sich stehen hätte, dann würde
er sie zum Schutz »seiner Rechte« anrufen, und die
Regierung würde Polizisten und Soldaten entsenden, die uns
vertreiben und dem »rechtmäßigen Eigentümer«
seinen Besitz zurückgeben würden.
Das
ist die Funktion der Regierung, dafür ist sie da und so handelt
sie ständig. Glauben Sie nun immer noch, daß wir uns
ohne dieses Ding, das sich Regierung nennt, gegenseitig berauben
und ermorden würden? Ist es nicht eher so, daß wir
mit einer Regierung rauben und morden? Weil die Regierung unseren
rechtmäßigen Besitz nicht schützt, sondern - im
Gegenteil - ihn uns sogar zum Vorteil derer wegnimmt, die kein
Recht darauf haben, wie wir schon in früheren Kapiteln gesehen
haben. Wenn Sie morgen früh aufwachen und erfahren sollten,
daß es keine Regierung mehr gibt, würde dann ihr erster
Gedanke sein, auf die Straße zu stürzen und jemand
umzubringen? Nein, Sie wissen, daß das Unsinn ist. Wir sprechen
über gesunde, normale Menschen. Kranke gehören in die
Obhut von Ärzten und Psychiatern und sollten in Krankenhäuser
gebracht und behandelt werden. Wenn Sie oder Herr Johnson aufwachen
und keine Regierung mehr vorfinden, so wird es eher so sein, daß
Sie beide sich eifrig bemühen werden, Ihr Leben den neuen
Bedingungen anzupassen.
Es
ist natürlich auch sehr gut möglich, daß Sie Essen
fordern werden, wenn Sie Menschen sehen, die sich vollstopfen,
während Sie hungrig sind; und Sie würden damit vollkommen
recht haben. Genauso würde es jeder andere tun. Das heißt,
daß die Menschen nicht für jemanden eintreten würden,
der all die guten Dinge des Lebens an sich reißt. Sie möchten
daran Anteil haben. Das heißt auch, daß die Armen
sich weigern würden, weiterhin in Armut zu leben, wahrend
die anderen in Luxus schwelgen. Das heißt, der Bauer wird
nicht zulassen, daß tausende Hektar Land brachliegen, während
er nicht über genug Boden verfügt, um sich und seine
Familie zu ernähren. Das heißt, das keinem erlaubt
wird, das Monopol an Land oder an den Produktionsmitteln an sich
zu reißen. Das heißt, daß privates Eigentum
an den Lebensgrundlagen nicht mehr länger toleriert würde.
Es würde als das größte Verbrechen angesehen,
wenn einige mehr besäßen en als sie selbst in mehreren
Leben verbrauchen können, während ihre Nachbarn nicht
genug Brot für ihre Kinder haben. Das heißt, daß
alle Menschen am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben und beitragen,
diesen Reichturn zu schaffen. Das heißt nichts weiter, als
daß zum erstenmal in der Geschichte Recht, Gerechtigkeit
und Gleichberechtigung statt des Gesetzes siegen würden.
Sie sehen also, die Abschaffung der Regierung hat auch die Beseitigung
von Monopol und Privateigentum an den Produktions- und Vertriebsmitteln
zur Folge.
Daraus
folgt, mit der Abschaffung der Regierung verschwinden auch Lohnsklaverei
und Kapitalismus, da sie ohne Unterstützung und Schutz der
Regierung nicht bestehen können. Ähnlich wie der verrückte
Anspruch des Mannes, von dem ich vorher sprach, der ein Monopol
auf der Insel ohne Hilfe der Regierung nicht durchsetzen konnte.
Der Zustand, in dem Freiheit eine Regierung ersetzt, wäre
Anarchie. Und dort, wo gleichberechtigte Nutznießung an
die Stelle von Privateigentum tritt, wäre Kommunismus. Es
wäre ein kommunistischer Anarchismus.
»Oh,
Kommunismus«, ruft Ihr Freund aus, »aber Sie sagten
doch, Sie wären kein Bolschewist!« Nein, ich bin kein
Bolschewist, denn ein Bolschewist will eine starke Regierung oder
einen mächtigen Staat, wogegen der Anarchist Staat oder Regierung
ganz und gar abschaffen will. »Aber sind die Bolschewisten
keine Kommunisten?« fragen Sie. Doch, die Bolschewisten
sind Kommunisten, aber sie brauchen ihre Diktatur, ihre Regierung,
um die Menschen zu zwingen, im Kommunismus zu leben. Anarchistischer
Kommunismus ist dagegen ein freiwilliger Kommunismus, ein Kommunismus
aus freier Wahl.»Ich verstehe den Unterschied, das wäre
natürlich wunderbar«, gibt Ihr Freund zu. »Aber
halten Sie das wirklich für möglich?«

Ist
Anarchie möglich?
»Es
wäre nur möglich«, sagen Sie, »wenn wir
ohne Regierung leben könnten. Aber geht das?« Vielleicht
können wir Ihre Frage am besten beantworten, wenn wir Ihr
eigenes Leben untersuchen.
Welche
Rolle spielt die Regierung in Ihrem Leben? Hilft sie Ihnen leben?
Ernährt, kleidet und beherbergt sie Sie? Brauchen Sie sie
als Hilfe bei der Arbeit oder beim Spiel? Wenn Sie krank sind,
rufen Sie dann den Arzt oder die Polizei? Kann Ihnen die Regierung
größere Fähigkeiten geben, als Sie bereits von
Natur aus besitzen?
Betrachten
Sie Ihr tägliches Leben und Sie werden feststellen, daß
die Regierung in Wirklichkeit keine Rolle darin spielt, außer,
wenn es darum geht sich in Ihre ureigenen Angelegenheiten einzumischen,
Sie zu gewissen Dingen zu zwingen oder Ihnen andere zu verbieten.
Sie zwingt Sie zum Beispiel, Steuern zu zahlen und sie zu unterstützen,
ob Sie wollen oder nicht. Sie zwingt Sie, eine Uniform anzulegen
und in die Armee einzutreten. Sie greift in Ihr persönliches
Leben ein, kommandiert Sie herum, übt Zwang auf Sie aus,
schreibt Ihnen Ihr Verhalten vor und behandelt Sie im allgemeinen
so, wie es ihr gefällt. Sie sagt Ihnen sogar, was Sie glauben
müssen und straft Sie, wenn Sie anders denken oder handeln.
Sie bestimmt, was Sie essen und trinken dürfen und verhaftet
oder erschießt Sie bei Ungehorsam. Sie befiehlt Ihnen und
beherrscht jeden Schritt in Ihrem Leben. Sie behandelt Sie wie
ein unartiges, unmündiges Kind, das die strenge Hand eines
Behüters braucht. Aber wenn Sie ungehorsam sind, dann werden
Sie trotzdem von ihr verantwortlich gemacht.
Wir
werden später auf die Einzelheiten eines Lebens in der Anarchie
eingehen und sehen, welche Bedingungen und Institutionen in einer
solchen Gesellschaftsform bestehen, wie sie funktionieren und
welche Auswirkungen sie wahrscheinlich auf den Menschen haben
werden.
Jetzt
wollen wir erst einmal sicherstellen, ob solch ein Zustand möglich
und ob Anarchie praktizierbar ist. Wie verläuft das Leben
eines Durchschnittsmenschen heute? Die meiste Zeit verbringen
Sie damit, Ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das Verdienen des
Lebensunterhalts beansprucht Sie so sehr, daß Ihnen kaum
Zeit bleibt zu leben - und das Leben zu genießen. Weder
die Zeit noch das Geld. Sie haben Glück, wenn Sie überhaupt
eine Unterhaltsquelle, einen Job, haben. Ab und zu kommt eine
Flaute: Dann gibt es Arbeitslosigkeit und Tausende werden entlassen
- jedes Jahr, in jedem Land.
Diese
Zeit bedeutet: Kein Einkommen, keine Löhne. Ihre Folgen sind
Sorgen und Entbehrung, Krankheit, Verzweiflung und Selbstmord.
Armut und Kriminalität breiten sich aus. Um die Armut zu
mildern, bauen wir Wohlfahrtsheime, Armenhäuser, freie Krankenhäuser,
die Sie mit Ihren Steuern unterhalten. Um Verbrechen zu verhindern
und Kriminelle zu bestrafen, sind Sie es wieder, die Polizei,
Detektive, Staatstruppen, Richter, Rechtsanwälte, Gefängnisse
und Gefängniswärter finanzieren müssen. Können
Sie sich etwas Unsinnigeres und etwas Unpraktischeres vorstellen?
Oie Gesetzgeber beschließen Gesetze, die Richter interpretieren
sie, die verschiedenen Beamten führen sie aus, die Polizei
verfolgt und verhaftet den Kriminellen und schließlich kommt
er in den Gewahrsam des Gefängniswärters. Zahllose Personen
und Institutionen sind eifrig damit beschäftigt, den arbeitslosen
Mann vom Stehlen abzuhalten und ihn zu bestrafen, wenn er es doch
versucht. Dann wird er mit den zum Leben nötigen Dingen versorgt,
deren Mangel aber überhaupt erst dazu führt, daß
er das Gesetz übertrat. Nach kürzerer oder längerer
Zeit wird er wieder freigelassen. Falls es ihm nicht gelingt,
Arbeit zu finden, beginnt derselbe Kreislauf von Diebstahl, Verhaftung,
Gerichtsverhandlung und Gefängnis wieder von vorn.
Dies
ist zwar eine grobe aber doch treffende Beschreibung der unsinnigen
Beschaffenheit unseres Systems; dumm und ineffektiv. Und Gesetz
und Regierung schützen dieses System. Ist es nicht merkwürdig,
daß die meisten Menschen glauben, nicht ohne Regierung auskommen
zu können, wo doch in Wirklichkeit unser Leben überhaupt
keine Verbindung mit ihr und keinen Bedarf an ihr hat und nur
dann in Konflikt gerät, wenn das Gesetz und die Regierung
in Erscheinung treten?
»Aber
werden wir Sicherheit und öffentliche Ordnung«, wenden
Sie ein, »ohne Gesetz und Regierung haben? Wer wird uns
gegen Kriminelle schützen?« In Wahrheit stellt in Wirklichkeit
das, was man »Gesetz und Ordnung« nennt, die größte
Unordnung dar, wie wir in den vorangegangenen Kapiteln gesehen
haben. Das bisschen Ordnung und Frieden, das wir haben, verdanken
wir dem gesunden Menschenverstand, den die Menschen meist trotz
Regierung in gemeinsamen Bemühungen entwickeln. Brauchen
Sie etwa eine Regierung, die Ihnen sagt, nicht vor ein fahrendes
Auto zu laufen? Muß Sie Ihnen vorschreiben, nicht von der
Brooklyn-Brücke oder dem Eiffelturm zu springen?
Der
Mensch ist ein soziales Wesen: Er kann nicht allein existieren;
er lebt in Gemeinden oder Gesellschaften. Gemeinsame Bedürfnisse
und gemeinsame Interessen führen zu bestimmten Ordnungen,
die uns Sicherheit und Wohlbefinden bieten. Eine solche Zusammenarbeit
ist frei, freiwillig; sie bedarf keines Zwanges durch irgendeine
Regierung. Sie treten einem Sport- oder Gesangverein bei, weil
Ihre Neigungen in dieser Richtung liegen, und Sie arbeiten mit
anderen Mitgliedern zusammen, ohne daß Sie jemand dazu zwingt.
Der Wissenschaftler, der Schriftsteller, der Künstler und
der Erfinder suchen ihresgleichen zur Anregung und gemeinsamen
Arbeit: Die Einmischung irgendeiner Regierung oder Autorität
kann ihre Vorhaben nur behindern.
Ihr
ganzes Leben lang erfahren Sie, daß ihre Bedürfnisse
und Neigungen die Menschen zu Vereinigungen, gegenseitigem Schutz
und Hilfeleistungen führen. Das ist der Unterschied zwischen
Dingen regeln und Menschen regieren, zwischen etwas freiwillig
oder aus Zwang tun. Es macht den Unterschied zwischen Freiheit
und Zwang aus, zwischen Anarchismus und Regierung, denn Anarchismus
bedeutet freiwillige Zusammenarbeit anstatt erzwungener Teilnahme.
Er meint Harmonie und Ordnung anstelle von Einmischung und Unordnung.
»Aber
wer wird uns vor Verbrechen und Verbrechern schützen?«
fragen Sie. Fragen Sie sich lieber, ob uns die Regierung wirklich
davor schützt. Schafft und hält die Regierung nicht
selbst die Zustände aufrecht, die das Verbrechen fördern?
Kultivieren nicht Einmischung und Gewalt, worauf alle Regierungen
beruhen, den Geist der Intoleranz und Verfolgung, des Hasses und
von noch mehr Gewalt? Steigt das Verbrechen nicht mit dem Anwachsen
der durch die Regierung verursachten Armut und Ungerechtigkeit
an? Ist die Regierung nicht selbst die größte Ungerechtigkeit
und das größte Verbrechen? Kriminalität ist das
Ergebnis wirtschaftlicher Bedingungen, sozialer Ungerechtigkeit,
von Unrecht und Übel, deren Eltern Regierung und Monopol
sind.
Die
Regierung und das Gesetz kann den Kriminellen nur strafen. Durch
sie wird ein Verbrechen weder gutgemacht noch verhindert. Das
einzig richtige Heilmittel gegen Kriminalität wäre die
Beseitigung ihrer Ursachen, aber gerade das kann die Regierung
niemals tun, denn sie ist ja dazu da, die dafür verantwortlichen
Bedingungen zu bewahren. Kriminalität kann nur dadurch ausgemerzt
werden, daß man die sie hervorrufenden Zustände abschafft.
Eine Regierung kann das nicht.
Anarchismus
beseitigt die Zustände. Kriminalität als Ergebnis von
Regierung, von ausgeübter Unterdrückung und Ungerechtigkeit,
von Ungleichheit und Armut, wird unter einer Anarchie verschwinden.
Diese Punkte bedingen den bei weitem größten Prozentsatz
des Verbrechens. Gewisse andere Verbrechen werden noch einige
Zeit fortbestehen, und zwar solche, die auf Eifersucht, Leidenschaft
und dem heute die Welt beherrschenden Geist von Zwang und Gewalt
beruhen. Aber diese Abkömmlinge von Gewalt und Besitzanspruch
werden unter gesunden Verhältnissen gleichzeitig mit dem
Vergehen der sie fördernden Atmosphäre auch allmählich
verschwinden.
Anarchie
wird daher weder Kriminalität züchten, noch den Boden
für ihr Gedeihen bereiten. Gelegentlich vorkommende antisoziale
Handlungen werden als Überbleibsel der früheren Zustände
und Verhaltensweisen betrachtet werden und eher wie ein krankhafter
Geisteszustand als wie ein Verbrechen behandelt. Die Anarchie
würde den »Kriminellen« zuallererst verpflegen
und ihm Arbeit verschaffen, anstatt ihn zuerst zu beobachten,
zu verhaften, vor Gericht zu bringen und einzusperren, um ihn
dann endlich zu verpflegen und zusätzlich auch noch die vielen
anderen, die ihn beobachten und verpflegen müssen. Sicherlich
zeigt gerade dieses Beispiel, wie viel empfindsamer und unkomplizierter
das Leben im Anarchismus als das heute wäre.
Die
Wahrheit ist, daß die gegenwärtige Lebensweise unpraktisch,
kompliziert, verwirrend und in jeder Hinsicht unbefriedigend ist.
Darum gibt es so viel Elend und Unzufriedenheit. Der Arbeiter
ist unzufrieden, auch der Boß. ist nicht glücklich,
denn er lebt in ständiger Angst vor »schlechten Zeiten«,
die den Verlust seines Besitzes und seiner Macht mit sich bringen
können. Das Gespenst der Angst vor der Zukunft verfolgt die
Schritte der Armen genauso wie die der Reichen. Der Arbeiter hat
sicherlich durch eine Umwandlung des Zustands mit Regierung und
Kapitalismus in einen ohne Regierung, d.h. Anarchie, nichts zu
verlieren. Die Mittelklassen sind in ihrer Existenz fast genauso
bedroht wie die Arbeiterschaft. Sie sind auf den guten Willen
der Hersteller und Großhändler, der großen Industriekonzerne
und des Kapitals angewiesen und deswegen ständig von Bankrott
und Ruin bedroht.
Selbst
der große Kapitalist hat bei einem Wechsel des gegenwärtigen
Systems in ein anarchistisches wenig zu verlieren, da darin Leben
und Wohlstand eines jeden garantiert werden; die Angst vor dem
Wettbewerb würde mit der Abschaffung des Privateigentums
verschwinden. Jedem einzelnen würde es unbehindert möglich
sein, sein Leben entsprechend seiner Möglichkeiten bis zum
äußersten auszuschöpfen und zu genießen.
Hinzu kommt noch das Bewußtsein von Frieden und Harmonie,
das Gefühl, das mit der Unabhängigkeit von finanziellen
und materiellen Sorgen entsteht; die Erkenntnis, daß Sie
in einer freundlichen Welt ohne Neid oder Geschäftsrivalitäten
leben, die Ihre Gedanken stören; in einer Welt von Brüdern;
in einer Atmosphäre der Freiheit und des allgemeinen Wohlstands.
Es
ist fast unmöglich, sich all die großartigen Möglichkeiten
auszudenken, die sich den Menschen in einer Gesellschaft des kommunistischen
Anarchismus eröffnen würden. Der Wissenschaftler könnte
sich völlig seiner geliebten Forschung widmen, ohne sich
um sein tägliches Brot sorgen zu müssen. Dem Erfinder
würde jede Anlage zur Verfügung stehen, um mit seinen
Entdeckungen und Erfindungen die Menschlichkeit zu fördern.
Der Schriftsteller, der Dichter, der Künstler - sie alle
würden auf den Flügeln der Freiheit und gesellschaftlichen
Harmonie zu größeren Leistungen getragen.
Erst
dann würden Gerechtigkeit und Recht zu dem werden, was sie
eigentlich sein sollen. Unterschätzen sie nicht die Rolle
dieser Empfindungen im Leben eines Menschen oder eines Volkes.
Wir leben nicht von Brot allein. Richtig, nur wenn wir unsere
körperlichen Bedürfnisse befriedigen können, ist
unsere Existenz gesichert. Aber deren Befriedigung macht nur einen
Teil des Lebens aus. Unser gegenwärtiges Kultursystem hat,
indem es Millionen ausstößt, den Bauch sozusagen zum
Mittelpunkt des Universums gemacht. Da eine vernünftige Gesellschaftsform
so geartet ist, daß alle reichlich versorgt werden, stellt
die Erhaltung der bloßen Existenz definitionsgemäß
kein Problem dar, d.h. der gesicherte Unterhalt ist so selbstverständlich
und frei verfügbar wie die Luft zum Atmen. Die Gefühle
menschlicher Sympathie, für Gerechtigkeit und Recht würden
sich entwickeln können, befriedigt werden, sich erweitern
und wachsen können. Sogar heute ist der Sinn für Gerechtigkeit
und Fairneß in den Herzen der Menschen, trotz jahrhundertelanger
Repression und Perversion noch lebendig. Er ist nicht ausgerottet
worden und kann auch nicht ausgerottet werden, weil er dem Menschen
wie ein Instinkt angeboren ist, so stark wie der Selbsterhaltungstrieb
und genauso wichtig für unser Glück ist. Denn nicht
alles Elend auf der heutigen Welt ist durch Fehlen von materiellem
Wohlstand bedingt. Die Menschen können Hunger eher ertragen
als das Wissen um Ungerechtigkeit. Das Gefühl, ungerecht
behandelt zu werden, wird sie genauso schnell und vielleicht noch
schneller zu Protest und Rebellion treiben als Hunger. Hunger
kann die unmittelbare Ursache für eine Rebellion oder einen
Aufstand sein, aber dahinter steht die schlummernde Feindschaft
und der Haß der Massen gegen jene, durch deren Hand sie
Ungerechtigkeit und Unrecht erleiden müssen. In Wahrheit
spielen Recht und Gerechtigkeit eine weit wichtigere Rolle in
unserem Leben, als allgemein angenommen wird. Die das bestreiten
wollen, wissen über die menschliche Natur genauso wenig wie
über die Geschichte. Tagtäglich sehen Sie immer wieder
Menschen, die sich über etwas empören, was sie als Unrecht
ansehen. »Das ist nicht richtig«, lautet der instinktive
Protest eines Menschen, der sich ungerecht behandelt fühlt.
Sicherlich hängt die Auffassung von Recht und Unrecht jedes
einzelnen von seiner Tradition, Umgebung und Erziehung ab.
Aber
welche Vorstellungen er auch haben mag, ihn läßt sein
naturgegebener Instinkt alles ablehnen, was er als falsch und
ungerecht ansieht. Auch historisch gesehen bleibt das wahr. Mehr
Aufstände und Kriege sind für die Idee von Recht und
Unrecht, als aus materiellen Gründen begonnen worden. Marxisten
mögen einwenden, daß unsere Ansichten über Recht
und Unrecht ebenfalls durch ökonomische Bedingungen geformt
werden, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß
der Sinn für Recht und Gerechtigkeit Menschen bis hin zu
Heldentum und Selbstaufopferung begeistert hat
Die
Christen und Buddhisten wurden nie von materiellen Überlegungen
geleitet, sondern nur von ihrer Hingebung an Recht und Gerechtigkeit.
Die Bahnbrecher neuer Ideen haben Verleumdung, Verfolgung und
sogar den Tod nicht aus egoistischen Motiven auf sich genommen,
sondern weil sie von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt
waren. Menschen wie Johann Hus, Luther, Bruno, Savonarola, Galilei
und zahllose andere religiöse und dem Sozialismus ergebene
Idealisten kämpften und starben für die von ihnen als
gerecht erkannte Sache. Ebenso haben Menschen in Wissenschaft,
Philosophie, Kunst, Dichtung und Erziehung von Sokrates bis hin
in die moderne Zeit ihr Leben in den Dienst der Wahrheit und Gerechtigkeit
gestellt.
Im
Bereich des politischen und sozialen Fortschritts haben sich die
edelsten Menschen, beginnend mit Moses und Spartakus, Idealen
wie Freiheit und Gleichheit geweiht. Die unwiderstehliche Macht
eines Idealismus findet sich nicht nur bei herausragenden Individuen.
Die Massen wurden dadurch immer schon begeistert. Beispielsweise
begann der amerikanische Unabhängigkeitskrieg mit einer allgemeinen
Empörung in den Kolonien über die Ungerechtigkeit einer
Besteuerung, die ohne jegliches Mitspracherecht vom Mutterland
festgesetzt wurde. Zweihundert Jahre lang versuchten Christen
das Heilige Land in Kreuzzügen für die Christenheit
zu erobern. Dieses religiöse Ideal begeisterte sechs Millionen
Menschen, sogar Armeen von Kindern, die im Namen von Recht und
Gerechtigkeit unsagbaren Mühsalen, Seuchen und Tod trotzten.
Sogar im letzten Weltkrieg, so kapitalistisch er in Ursache und
Ergebnis auch gewesen ist, kämpften Millionen Menschen im
tiefen Glauben, daß er für eine gerechte Sache, für
Demokratie und zur Beendigung aller Kriege geführt wurde.
So hat der Sinn für Gerechtigkeit und Recht die Menschen
individuell und kollektiv in ihrer gesamten Geschichte, sowohl
der weit zurückliegenden als auch der modernen, zu Taten
der Selbstaufopferung und Hingabe begeistert und sie weit über
die Eintönigkeit des täglichen Lebens erhoben. Es ist
natürlich tragisch, daß dieser Idealismus sich in Verfolgung
und Gewalt äußerte, aber die Bösartigkeit und
der Egoismus der Könige, Priester und Herrscher, die Unwissenheit
und der Fanatismus führte dazu. Trotzdem war der Geist, von
dem die Menschen erfüllt waren, der von Recht und Gerechtigkeit.
Die in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen beweisen, daß
dieser Geist immer lebendig bleibt und im gesamten Bereich des
menschlichen Lebens einen machtvollen und beherrschenden Faktor
darstellt.
Die
gegenwärtigen Zustände schwächen und verfälschen
dieses höchst edle Merkmal der Menschen, pervertieren seine
Manifestation und verdrehen es in Richtung von Intoleranz, Verfolgung,
Haß, und Streit. Aber wenn der Mensch erst einmal von den
korrumpierenden Einflüssen materieller Interessen befreit
ist, aus Unwissenheit und Klassenfeindschaft herausgeholt wird,
dann wird sein angeborener Sinn für Recht und Gerechtigkeit
neue Ausdrucksformen finden, Formen, die zu größerer
Brüderlichkeit und gutem Willen, zu individuellem Frieden
und sozialer Harmonie führen.
Nur
in der Anarchie könnte sich diese Geisteshaltung voll entwickeln.
Befreit vom herabwürdigenden und brutalisierenden Kampf um
unser tägliches Brot würden sich, da alle in gleicher
Weise an Arbeit und Wohlstand teilhaben, die besten Qualitäten
des menschlichen Wesens und Verstandes entwickeln können
und nützliche Anwendung finden. Der Mensch würde dann
in der Tat zu dem edlen Werk der Natur werden, das er sich bisher
nur in seinen Träumen ausmalen konnte. Aus diesen Gründen
ist Anarchie nicht nur das Ideal für einen bestimmten Menschen
oder eine bestimmte Klasse, sondern für die ganze Menschheit,
weil sie im erweiterten Sinne uns allen dienen würde. Denn
Anarchismus ist der Ausdruck für einen universalen, immerwährenden
Wunsch der Menschheit. Darum müßte jeder Mann und jede
Frau ein vitales Interesse haben, die Anarchie zu verwirklichen.
Sie würden es sicherlich tun, wenn sie nur die Schönheit
und Gerechtigkeit dieses neuartigen Lebens begreifen könnten.
Jedes menschliche Wesen, dem es nicht an Gefühl und gesundem
Menschenverstand mangelt, neigt zum Anarchismus. Jeder, der unter
Unrecht und Ungerechtigkeit, unter Bösartigkeit, Korruption
und Gemeinheit unseres heutigen Lebens leidet, sympathisiert instinktiv
mit der Anarchie. Jeder, dessen Herz nicht abgestorben ist im
Hinblick auf Güte, Mitleid und Nächstenliebe, muß
daran interessiert sein, sie zu fördern. Jeder, der Armut
und Elend, Tyrannei und Unterdrückung erduldet, müßte
das Herannahen der Anarchie begrüßen. Alle, die Freiheit
und Gerechtigkeit lieben, sollten zu ihrer Verwirklichung beitragen.
Allen
voran und am stärksten müßten alle Unterworfenen
und Unterdrückten in der Welt ein Interesse daran haben.
Jene, die Paläste bauen und in Elendshütten leben; jene,
die den Tisch des Lebens decken, aber nicht an der Mahlzeit teilnehmen
dürfen; jene, die den Reichtum der Welt schaffen und enteignet
werden; jene, die das Leben mit Freude und Sonnenschein erfüllen,
aber selbst in den Tiefen der Dunkelheit verachtet zurückbleiben;
der Samson des Lebens, der seiner Kraft durch Angst und Unwissenheit
beraubt ist; der hilflose Riese Arbeiterschaft, das Proletariat
der Intelligenz und Muskeln, die Massen in Industrie und Landwirtschaft
- sie alle müßten die Anarchie freudig begrüßen.
Für sie besitzt der Anarchismus die größte Anziehungskraft;
sie sind es, die als erste und an erster Stelle auf den neuen
Tag hinarbeiten müssen, der ihnen ihr Erbe zurückgeben
und Freiheit und Wohlstand, Freude und Sonnenschein für die
ganze Menschheit bringt. »Eine herrliche Sache«, bemerken
Sie, »aber wird das funktionieren? Und wie sollen wir das
erreichen?«

Wird
der kommunistische Anarchismus funktionieren?
Wie
wir in den vorangegangenen Kapiteln gesehen haben, kann das Leben
nicht frei und gesichert, harmonisch und befriedigend sein, wenn
es nicht auf den Prinzipien von Gerechtigkeit und Fairneß
beruht. Gleiche Freiheit und gleiche Chancen sind die erste Voraussetzung
für Gerechtigkeit.
Mit
Regierung und Ausbeutung sind weder gleiche Freiheiten noch Chancengleichheit
möglich - daher all das Übel und Leiden in unserer heutigen
Gesellschaft. Der kommunistische Anarchismus beruht auf der Einsicht
in diese unumstößliche Wahrheit. Er ist auf dem Prinzip
der Nichteinmischung und der Zwanglosigkeit gegründet; in
anderen Worten, auf Freiheit und Selbstverwirklichung. Ein Leben
auf dieser Basis erfüllt die Vorstellungen von Gerechtigkeit
vollkommen. Sie werden in völliger Freiheit leben und jeder
andere wird die gleiche Freiheit genießen, keiner wird also
das Recht haben, andere zu nötigen oder zu zwingen, denn
Zwang jeglicher Art stellt eine Einmischung in ihre Freiheit dar.
Gleichermaßen
steht allen die Möglichkeit der Selbstverwirklichung zu.
Monopol und Privatbesitz an den Lebensgrundlagen werden daher
als Beschränkung der allen zukommenden Chancengleichheit
abgeschafft. Nur wenn wir dieses einfache Prinzip der gleichen
Freiheit und Möglichkeit nicht vergessen, werden wir die
beim Aufbau des kommunistischen Anarchismus als Gesellschaftsform
auftretenden Probleme lösen können. In politischer Hinsicht
wird dann kein Mensch eine Autorität anerkennen, die ihn
nötigen oder zwingen kann. Die Regierung wird abgeschafft.
In
wirtschaftlicher Hinsicht wird er keinen exklusiven Besitz an
den Lebensgrundlagen zulassen, um sich selbst deren freie Nutzung
zu erhalten. Das Monopol an Land, der Privatbesitz von Produktionsanlagen,
von Vertriebs- und Kommunikationsmitteln kann daher in der Anarchie
nicht toleriert werden. Die zum Leben nötigen Dinge müssen
jedem frei zugänglich bleiben. Zusammengefaßt bedeutet
kommunistischer Anarchismus also: Die Abschaffung von Regierung
und von zwangausübender Autorität in all ihren Spielarten.
Gemeinsames Eigentum - das heißt, freie und gleiche Beteiligung
an der allgemeinen Arbeit und am allgemeinen Wohlstand. »Sie
sagen, daß die Anarchie Gleichheit in wirtschaftlicher Hinsicht
garantiert«, bemerkt Ihr Freund. »Heißt das
gleiche Entlohnung für alle?« Ja, das heißt es.
Oder, was auf dasselbe hinausläuft, gleiche Beteiligung am
öffentlichen Wohlstand. Denn, wie wir schon wissen, ist Arbeit
eine Sache der ganzen Gesellschaft. Niemand kann alles durch eigenes
Bemühen allein schaffen. Wenn also die Arbeit sozial ist,
muß ihr Resultat, der erwirtschaftete Reichtum, selbstverständlich
auch sozial sein und der Gemeinschaft gehören. Aus diesem
Grund kann niemand einen Alleinbesitz von gesellschaftlichem Reichtum
beanspruchen, in dessen Genuß ja alle gleichermaßen
kommen sollen.
»Aber
warum wird nicht jeder entsprechend dem Wert seiner Arbeit entlohnt?«
fragen Sie. Weil es kein Verfahren gibt, mit dem Wert gemessen
werden kann. Das ist der Unterschied zwischen Wert und Preis.
Der Wert einer Sache wird durch ihren Stellenwert bestimmt, während
der Preis angibt, wofür sie auf dem Markt gekauft oder verkauft
werden kann. Was eine Sache wert ist, kann niemand wirklich sagen.
Volkswirtschaftler geben im allgemeinen den Wert einer Ware als
Summe der Arbeit an, die für ihre Produktion aufgewendet
werden muß; Marx spricht von »gesellschaftlich notwendiger
Arbeit«. Aber offensichtlich ist das kein gerechter Maßstab.
Angenommen, ein Tischler arbeitet drei Stunden, um einen Küchenstuhl
herzustellen, während ein Arzt nur eine halbe Stunde braucht,
um eine Ihr Leben rettende Operation auszuführen. Wenn die
Summe der aufgewandten Arbeit den Wert bestimmt, dann ist der
Stuhl mehr wert als Ihr Leben. Das ist natürlich offenkundiger
Unsinn. Selbst wenn Sie die Jahre des Studiums und der Praxis
mitzählen, die den Arzt zu der Operation befähigten,
wie wollen Sie dann entscheiden, wieviel »eine Operationsstunde«
wert ist? Der Tischler und der Maurer mußten auch lernen,
bevor sie ihre Arbeit sicher beherrschten, aber Sie berücksichtigen
diese Jahre der Lehrzeit nicht, wenn Sie sie mit einer Arbeit
beauftragen. Außerdem ist die besondere Fähigkeit und
Neigung in Betracht zu ziehen, die jeder Arbeiter, Schriftsteller,
Künstler oder Arzt bei seiner Arbeit einsetzen muß.
Dieser Faktor hängt allein von der einzelnen Person ab.
Wie
wollen Sie diesen Wert einschätzen? Wert kann deswegen nicht
bestimmt werden. Ein und dieselbe Sache mag für eine Person
viel wert sein, während sie für eine andere gar keinen
oder nur geringen Wert besitzt. Selbst für ein und dieselbe
Person mag sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten viel oder wenig
wert sein. Ein Diamant, ein Gemälde oder ein Buch mag für
den einen sehr viel und für den anderen sehr wenig wert sein.
Ein Laib Brot wird Ihnen viel wert sein, wenn Sie hungrig sind
und viel weniger, wenn Sie es nicht sind. Selbstverständlich
läßt sich der wirkliche Wert einer Sache nicht bestimmen,
wenn es sich um eine unbekannte Größe handelt. Der
Preis jedoch kann leicht ermittelt werden. Wenn es fünf Laibe
Brot gibt und zehn Personen wollen aber je einen kaufen, dann
wird der Brotpreis steigen. Er wird aber fallen, wenn zehn Laibe
Brot vorhanden sind und fünf Käufer nur je einen erwerben
wollen. Der Preis hängt von Angebot und Nachfrage ab. Der
Warenaustausch anhand von Preisen führt zu Profitmache, zu
Übervorteilung und Ausbeutung; in wenigen Worten: Zu irgendeiner
Form des Kapitalismus. Wenn Sie die Profite beseitigen wollen,
dann können Sie weder ein Preis- noch ein Lohn- oder Gehaltsystem
beibehalten. Das heißt, daß der Austausch entsprechend
dem Wert erfolgen muß. Aber da der Wert unsicher oder nicht
bestimmbar ist, muß der Warenaustausch auf freier Basis
erfolgen, ohne einen »gleichen Wert«, denn so etwas
gibt es nicht. In anderen Worten heißt das, die Arbeit und
ihr Produkt müssen ohne Preis und ohne Profit frei und entsprechend
ihrer Notwendigkeit ausgetauscht werden. Das führt logischerweise
zu öffentlichem Eigentum und gemeinsamem Gebrauch. Dieses
vernünftige und gerechte System ist als Kommunismus bekannt.
»Aber
ist das gerecht, wenn alle dasselbe bekommen?« fragen Sie.
Der Intellektuelle und der Dummkopf, der Fleißige und der
Faule, alle dasselbe? Sollte man nicht die Fähigen auszeichnen
und besonders anerkennen?«
Lassen
Sie mich die Gegenfrage stellen, mein Freund, sollen wir den Menschen
noch bestrafen, der von der Natur nicht so großzügig
ausgestattet worden ist wie sein stärkerer und talentierterer
Nachbar? Sollen wir zu der ihm von der Natur auferlegten Behinderung
noch weitere Ungerechtigkeiten hinzufügen? Alles, was wir
vernünftigerweise von einem Menschen erwarten können,
ist doch, daß er sein Bestes tut - kann jemand überhaupt
mehr tun? Wenn das Beste von John nicht so gut ist wie das seines
Bruders Jim, dann ist das John’s Mißgeschick, aber
auf keinen Fall eine Schuld, die bestraft werden muß.
Es
gibt nichts Gefährlicheres als Diskriminierung. In dem Augenblick,
in dem Sie den weniger Fähigen diskriminieren, legen Sie
den Grundstein zu Unzufriedenheit und Empörung: Sie fordern
Neid, Uneinigkeit und Streit heraus. Sie würden es für
brutal halten, wenn den weniger Fähigen die benötigte
Luft und das Wasser entzogen würde. Sollte dasselbe Prinzip
nicht auch auf die anderen Bedürfnisse der Menschen angewendet
werden? Trotz allem machen Nahrung, Kleidung und Wohnung nur den
kleinsten Posten in der Weltwirtschaft aus.
Nicht durch Diskriminierung kann jemand dazu gebracht werden,
daß er sein Bestes tut, sondern indem man ihn ebenso wie
alle anderen behandelt. Das ist die wirksamste Ermutigung und
der beste Ansporn. Das ist gerecht und menschlich. »Aber
was werden Sie mit den faulen Leuten tun, jenen, die nicht arbeiten
wollen?« fragt Ihr Freund.
Das
ist eine interessante Frage und Sie werden sicherlich sehr erstaunt
sein, wenn ich sage, daß es so etwas wie Faulheit in Wirklichkeit
nicht gibt. Was wir einen faulen Menschen nennen, ist gemeinhin
ein Mensch am falschen Platz. Das heißt. der richtige Mann
ist am falschen Platz. Sie werden immer feststellen können,
daß der an den falschen Platz gestellte Mensch träge
und wenig leistungsfähig ist. Denn die sogenannte Faulheit
und ein großer Teil von Untüchtigkeit sind nichts anderes
als geringe Eignung und falscher Einsatz. Wenn Sie etwas machen
müssen, wozu Sie sich aus Mangel an Talent und Begeisterung
nicht eignen, werden Sie wenig leisten; wenn Sie gezwungen werden,
uninteressante Arbeiten auszuführen, werden Sie faul sein.
Jeder,
der einmal einen Betrieb geführt hat, in dem eine große
Anzahl von Menschen beschäftigt war, kann das bestätigen.
Das Leben im Gefängnis liefert einen besonders überzeugenden
Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung - und letztlich
stellt die heutige Lebensform für die meisten Menschen nichts
anderes als ein größeres Gefängnis dar. Jeder
Gefängniswärter kann Ihnen bestätigen, daß
Gefangene immer dann faul und ständigen Bestrafungen ausgesetzt
sind, wenn ihnen Aufgaben übertragen werden, für die
sie sich nicht eignen oder interessieren. Aber sobald diesen »widerspenstigen
Sträflingen« eine Arbeit zugewiesen wird, die ihren
Neigungen entspricht, dann werden sie »Mustermenschen«,
wie die Gefängniswärter sie nennen.
Auch
Rußland hat die Wahrheit dieser Tatsache in bemerkenswerter
Weise demonstriert. Dort konnte man erfahren, wie wenig wir über
menschliches Verhalten und über den Einfluß der Umwelt
darauf wissen - wie wir falsche Voraussetzungen als schlechtes
Verhalten mißdeuten. Russische Flüchtlinge, die im
Ausland ein elendes und unbedeutendes Leben geführt hatten,
leisteten nach ihrer Heimkehr und nachdem sie erkannt hatten,
daß die Revolution ihren Aktivitäten freien Raum gab,
Großartiges in ihren Arbeitsgebieten, sie entwickelten sich
zu brillanten Organisatoren und Erbauern von Eisenbahnen und Industrien.
Unter den heutzutage im Ausland weithin bekannten Namen von Russen
gibt es viele, deren Träger unter den früheren Lebensbedingungen
als faul und nicht leistungsfähig galten, deren Fähigkeiten
und Energien aber nur kein geeignetes Betätigungsfeld gefunden
hatten. Das ist menschliches Wesen: Leistungsfähigkeit auf
einem bestimmten Gebiet bedeutet Neigung und Begabung dafür;
Fleiß und Eifer signalisieren Interesse. Das ist der Grund,
weswegen in der heutigen Welt die Faulheit so verbreitet und die
Leistungsfähigkeit so gering ist. Denn wer steht heute schon
am richtigen Platz? Wer hat eine Arbeit, in der er aufgeht und
die ihn wirklich interessiert?
Unter
den gegenwärtigen Bedingungen hat der Durchschnittsmensch
kaum die Möglichkeit, sich einer seinen Neigungen und Vorzügen
entsprechenden Aufgabe zu widmen. Die gesellschaftliche Position,
in die Sie zufällig hineingeboren werden, bestimmt im allgemeinen
Ihr Gewerbe oder Ihren Beruf im voraus. Der Sohn eines Finanziers
wird in der Regel nicht Holzfäller, obwohl er vielleicht
besser mit Baumstämmen als mit Bankkonten umgehen kann. Die
Mittelklasse schickt ihre Kinder auf Hochschulen, damit sie Ärzte,
Juristen oder Ingenieure werden. Aber falls Ihre Eltern Arbeiter
sein sollten, die es sich nicht leisten können, Sie studieren
zu lassen, werden Sie wahrscheinlich irgendeinen Ihnen angebotenen
Job annehmen oder irgendein Handwerk erlernen, in dem zufällig
eine Lehrstelle frei ist. Ihre besondere Situation wird über
Ihre zukünftige Arbeit oder Beruf entscheiden und nicht Ihre
Begabungen, Neigungen oder Fähigkeiten. Ist es dann noch
überraschend, daß die meisten Menschen, und zwar die
überwiegende Mehrheit, tatsächlich am falschen Platz
eingesetzt ist? Fragen Sie die nächsten hundert Menschen,
die Ihnen begegnen, ob sie sich ihre jetzige Arbeit wieder ausgesucht
hätten oder sie sogar beibehalten möchten, wenn ihnen
die Freiheit gegeben wäre zu wählen. Neunundneunzig
von ihnen werden zugeben, daß sie lieber eine andere Beschäftigung
vorziehen. Armut und materielle Vorteile oder auch nur ein Hoffen
auf materielle Vorteile halten die meisten Menschen am falschen
Arbeitsplatz fest.
Es
leuchtet ein, daß eine Person ihr Bestes nur geben kann,
wenn sie sich für die Arbeit interessiert, wenn sie sich
dazu auf natürliche Weise hingezogen fühlt und wenn
sie ihr gefällt. Dann wird sie fleißig und tüchtig
sein. Die Dinge, die der Handwerker in der Zeit vor dem modernen
Kapitalismus erstellte, waren Gegenstände der Freude und
Schönheit, weil der Handwerker seine Arbeit liebte. Können
Sie von dem modernen Arbeitstier in der modernen Fabrik erwarten,
daß es schöne Dinge herstellt? Es ist Teil der Maschine,
ein Rädchen in der seelenlosen Industrie und seine Arbeit
erfolgt mechanisch und erzwungen. Hinzu kommt noch das Gefühl
des Arbeiters, nicht für sich selbst, sondern für den
Profit eines anderen zu arbeiten, er haßt diesen Job oder
hat zumindest kein anderes Interesse daran, als daß er ihm
seinen wöchentlichen Lohn garantiert. Das Ergebnis ist Drückebergerei,
mangelnde Leistungsfähigkeit und Faulheit.
Das
Aktivitätsbedürfnis ist einer der fundamentalsten menschlichen
Triebe. Wenn Sie ein Kind beobachten, werden Sie seinen starken
Instinkt erkennen zu handeln, sich zu bewegen oder etwas zu tun.
Kraftvoll und stetig. Genauso steht es mit dem gesunden Menschen.
Seine Energie und Vitalität fordern Ausdrucksmöglichkeiten.
Gestatten Sie ihm, die von ihm selbstgewählte Arbeit oder
geliebte Dinge zu tun, so wird sein Eifer weder Überdruß
noch Drückebergerei kennen. Das können Sie beim Fabrikarbeiter
beobachten, der das Glück hat, einen Garten oder ein Stück
Land zu besitzen, wo er Blumen oder Gemüse züchten kann.
So erschöpft er von seiner Plackerei auch sein mag, hat er
doch noch Freude an der härtesten Arbeit, die er zum eigenen
Vergnügen und aus freier Wahl ausführt.
Im
Anarchismus wird jeder die Möglichkeit haben, der seinen
natürlichen Neigungen und Fähigkeiten entsprechenden
Beschäftigung nachzugehen. Anders als die betäubende
Plackerei heute wird Arbeit dann zum Vergnügen werden. Faulheit
wird unbekannt und die mit Interesse und Liebe geschaffenen Dinge
werden Gegenstände der Schönheit und Freude sein.
Aber
kann denn Arbeit jemals zum Vergnügen werden?« fragen
Sie. Arbeit bedeutet heute Schufterei und ist unangenehm, ermüdend
und langweilig. Aber gewöhnlich ist es nicht die Arbeit,
die so hart ist: Die Bedingungen, unter denen Sie zur Arbeit gezwungen
werden, machen diese so hart. Besonders die lange Zeit, die unhygienischen
Werkstätten, die schlechte Behandlung, die unzureichende
Bezahlung usw. Sogar die unangenehmste Arbeit könnte durch
eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erleichtert werden. Nehmen
wir beispielsweise die Kanalreinigung. Es ist eine schmutzige
und erbärmlich bezahlte Arbeit. Aber nähmen wir zum
Beispiel an, daß Sie anstatt 5 Dollar pro Tag 20 Dollar
dafür bezahlt bekämen. Dann würden Sie Ihren Job
sofort als viel einfacher und angenehmer empfinden. Die Zahl der
Bewerber für diese Arbeit würde sofort ansteigen. Das
bedeutet doch, daß Menschen nicht faul sind und harte oder
unangenehme Arbeiten nicht scheuen, wenn diese nur angemessen
belohnt werden. Aber solch eine Beschäftigung wird als niedrig
erachtet und man sieht auf sie herab. Warum gilt sie als niedrig?
Ist sie nicht außerordentlich nützlich und unbedingt
notwendig? Würden nicht ohne Straßen- und Kanalreiniger
Epidemien über unsere Stadt kommen? Ganz gewiß sind
diese Menschen, die unsere Stadt sauber und rein halten, wahre
Wohltäter und für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen
noch wichtiger als der Familiendoktor. Vom Standpunkt der Nützlichkeit
für die Gesellschaft ist der Straßenreiniger ein Berufskollege
des Arztes: Der letztere behandelt uns, wenn wir krank sind, während
der erstere dafür sorgt, daß wir gesund bleiben. Trotzdem
schaut man zu dem Arzt auf und achtet ihn, wohingegen der Straßenreiniger
geringschätzig behandelt wird. Warum? Weil die Arbeit des
Straßenreinigers schmutzig ist? Aber der Chirurg muß
oft noch viel »schmutzigere« Arbeiten durchführen.
Warum wird also der Straßenreiniger verachtet? Weil er wenig
verdient.
In
unserer perversen Zivilisation werden alle Dinge am Maßstab
Geld gemessen. Nützlichste Arbeit leistende Menschen stehen
auf der untersten sozialen Stufe, wenn ihre Beschäftigung
schiecht bezahlt wird. Sollte jedoch etwas geschehen, was dazu
führt, daß die Straßenreiniger l00 Dollar pro
Tag erhalten, während der Doktor 50 Dollar verdient, dann
würde der »dreckige« Straßenreiniger sofort
in der Achtung und der gesellschaftlichen Rangordnung steigen,
aus dem »schmutzigen Arbeiter« würde der vielumworbene
Mann mit dem guten Einkommen werden. Sie sehen also, daß
heute - in unserem auf Profit ausgerichteten System - die Bezahlung,
die Entlohnung, die Lohnskala und nicht etwa Wichtigkeit oder
Nützlichkeit den Wert einer Arbeit ebenso wie den »Wert«
des Menschen bestimmen. Eine vernünftige Gesellschaftsordnung
- unter anarchistischen Bedingungen - würde in solchen Dingen
völlig andere Maßstäbe in der Beurteilung anlegen.
Menschen werden dann entsprechend ihrer Bereitwilligkeit, der
Gesellschaft nützlich zu sein, eingeschätzt.
Können
Sie sich vorstellen, welch gewaltige Veränderungen solch
eine neue Haltung mit sich bringen würde? Jeder sehnt sich
nach Achtung und Anerkennung seitens seiner Mitmenschen: Das ist
ein Elixier, ohne das wir nicht leben können. Sogar im Gefängnis
konnte ich beobachten, wie der gerissene Taschendieb oder Geldschrankknacker
nach Anerkennung durch seine Freunde lechzte und wie sehr er sich
bemühte, ihre Hochachtung zu erlangen. Die Meinung unserer
Mitmenschen über uns beherrscht unser Verhalten. Die soziale
Atmosphäre bestimmt zu einem hohen Grad unsere Wertvorstellung
und unser Verhalten. Ihre persönliche Erfahrung wird Ihnen
zeigen, wie wahr das ist. Sie werden darum auch nicht überrascht
sein, wenn ich behaupte, daß sich in einer anarchistischen
Gesellschaft die Menschen eher um die am meisten nützliche
und schwierige Arbeit als um den leichteren Job bemühen werden.
Wenn Sie das berücksichtigen, werden Sie keine Bedenken mehr
bezüglich Faulheit und Drückebergerei haben. Zudem könnte
auch das härteste und lästigste Tagewerk unter leichteren
und besseren Arbeitsbedingungen erledigtwerden, als es heute der
Fall ist. Wenn der kapitalistische Arbeitgeber es vermeiden kann,
wird er kein Geld ausgeben, um seinen Angestellten die Arbeit
angenehmer und leichter zu machen. Er wird Verbesserungen nur
einführen, wenn er sich dadurch größeren Gewinn
erhofft, aber aus rein humanitären Gründen wird er sich
nicht in Extraausgaben stürzen. Gleichwohl möchte ich
Sie an dieser Stelle daran erinnern, daß intelligentere
Arbeitgeber allmählich begreifen, daß es sich auszahlt,
wenn sie ihre Fabriken verbessern, sie in sanitärer und hygienischer
Hinsicht ausbauen und allgemein die Arbeitsbedingungen erleichtern.
Sie erkennen, daß das eine gute Anlage ist: Das Ergebnis
ist steigende Zufriedenheit und folglich eine größere
Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter. Das Prinzip ist gut. Heute
wird es natürlich nur zum Zweck des größeren Profits
ausgenutzt. Aber im Anarchismus würde es nicht um des persönlichen
Profits willen angewandt werden, sondern im Interesse der Gesundheit
des Arbeiters und zur Erleichterung seiner Arbeit. Unser technischer
Fortschritt ist so groß und anhaltend, daß der größte
Teil der Schwerstarbeit durch moderne Maschinen und arbeitssparende
Anlagen getan werden könnte. In vielen Industrien, wie zum
Beispiel dem Bergbau, werden neue Sicherheitsvorkehrungen und
sanitäre Anlagen nicht eingeführt, weil den Arbeitgebern
das Wohlergehen der Arbeitnehmer gleichgültig ist und weil
sie die dafür notwendigen Ausgaben nicht machen wollen. In
einem System aber, das nicht profitorientiert ist, würde
die technische Wissenschaft nur das Ziel im Auge haben, die Arbeit
sicherer, gesünder, leichter und angenehmer zu machen.
»Aber
wie leicht Sie die Arbeit auch machen, es ist doch kein Vergnügen,
acht Stunden am Tag zu arbeiten«, wendet Ihr Freund ein.
Da haben Sie vollkommen recht. Aber haben Sie jemals nachgedacht,
warum wir acht Stunden pro Tag arbeiten? Wissen Sie, daß
vor noch gar nicht so langer Zeit die Menschen zwölf bis
vierzehn Stunden pro Tag schufteten und daß das noch heute
in rückständigen Ländern wie China und Indien der
Fall ist? Es kann statistisch nachgewiesen werden, daß höchstens
drei Stunden Arbeit pro Tag ausreichen würden, um die Menschen
zu ernähren, zu beherbergen, zu kleiden und nicht nur mit
dem unbedingt Notwendigen auszustatten, sondern auch mit allem
modernen Lebenskomfort. Der P unkt ist doch der, daß heute
nicht einer von fünf Menschen produktive Arbeit leistet.
Die gesamte Welt wird von einer kleinen Minderheit von Schwerarbeitern
ausgehalten.
Schauen
wir uns zuerst einmal die in der heutigen Gesellschaft verrichteten
Arten von Arbeit an, die unter anarchistischen Bedingungen unnötig
wären. Nehmen Sie die Armee- und Marineeinheiten der ganzen
Welt und überlegen Sie, wie viele Millionen Menschen für
nützliche und produktive Arbeiten freigestellt wären,
wenn erst einmal der Krieg abgeschafft sein würde, was in
der Anarchie selbstverständlich der Fall wäre. In jedem
Land versorgen die Arbeiter Millionen, die nichts zum Wohlstand
des Landes beitragen, die nichts schaffen und keinerlei nützliche
Arbeitverrichten.
Diese
Millionen sind nur Verbraucher, ohne in irgendeiner Weise Hersteller
zu sein. In den Vereinigten Staaten gibt es beispielsweise bei
einer Bevölkerung von 120 Millionen einschließlich
der Bauern weniger als 30 Millionen Arbeiter. In der Regel ist
die Situation in jedem Land gleichartig. Ist es da noch erstaunlich,
daß die Arbeiter viele Stunden lang schuften müssen,
wenn unter 120 Menschen nur 30 Arbeiter sind? Die großen
Unternehmerkreise mit ihren Angestellten, Assistenten, Agenten
und Handlungsreisenden, die Gerichte mit ihren Richtern, rotokollführern,
Gerichtsvollziehern usw.; die Legionen von Anwälten mit ihren
Angestellten; die Miliz und Polizei; die Kirchen und Klöster;
die Wohlfahrtsvereine und Armenhäuser; die Gefängnisse
mit ihren Wärtern, Beamten und den unproduktiven Gefangenen;
die Armee der Werbeleute und ihren Helfern, deren Aufgabe es einzig
und allein ist, Sie zum Kauf von etwas zu verführen, was
Sie nicht haben wollen oder brauchen können, ganz zu schweigen
von den zahllosen Menschen, die luxuriös in absolutem Müßiggang
leben. Sie gehen in die Millionen in jedem Land. Wenn also all
diese Millionen sich einer nützlichen Arbeit widmen würden,
müßte sich dann der Arbeiter acht Stunden pro Tag schinden?
Wenn 30 Männer acht Stunden für die Erledigung einer
bestimmten Aufgabe benötigen, in wieviel Stunden weniger
würden 120 Männer dieselbe Aufgabe bewältigen?
Ich will Sie nicht mit Statistiken belasten, aber die vorhandenen
Daten reichen für den Nachweis aus, daß drei Stunden
physischer Anstrengung pro Tag und Person ausreichen würden,
um die in der ganzen Welt anfallenden Arbeiten zu erledigen. Können
Sie überhaupt daran zweifeln, daß selbst die härteste
Arbeit zum Vergnügen würde, wenn anstelle der gegenwärtigen
verfluchten Schinderei nur drei Stunden pro Tag dafür aufgewendet
werden müßten, dazu noch unter den besten sanitären
und hygienischen Bedingungen in einer Atmosphäre der Brüderlichkeit
und Achtung vor körperlicher Arbeit?
Aber
der Tag ist nicht schwer vorauszusehen, an dem die Anzahl dieser
wenigen Stunden noch weiter vermindert wird. Denn wir verbessern
unsere technischen Methoden ständig und erfinden fortlaufend
neue arbeitssparende Maschinen. Technischer Fortschritt bedeutet
weniger Arbeit und größeren Komfort, vergleichen Sie
das Leben in den USA mit dem in China oder Indien und Sie werden
diesen Zusammenhang leicht erkennen. In diesen beiden Ländern
arbeiten die Menschen viele Stunden, nur um ihr Überleben
zu sichern, während in Amerika selbst der Durchschnittsarbeiter
einen viel höheren Lebensstandard bei weniger Arbeitsstunden
genießen kann. Der Fortschritt der Wissenschaft und neue
Erfindungen geben uns mehr Muse für unsere Lieblingsbeschäftigungen.
Ich habe mit groben Strichen die Möglichkeiten eines Lebens
in einem vernünftigen System umrissen, in dem der Profit
abgeschafft wurde. Es ist nicht nötig, auf die kleinsten
Einzelheiten dieser Gesellschaftsordnung einzugehen. Es ist genug
gesagt worden, um zu zeigen, daß kommunistischer Anarchismus
größeren materiellen Wohlstand in Verbindung mit einem
Leben in Freiheit für jeden und alle bedeutet.
Wir
können uns ein Bild von der Zeit machen, in der Arbeit eine
angenehme Übung, einen freudigen Einsatz der körperlichen
Kraft darstellt, um die Bedürfnisse der Welt zu befriedigen.
Die Menschen werden dann auf unsere Zeit zurückblicken und
nicht verstehen können, daß Arbeit jemals Schinderei
sein konnte; sie werden an dem Verstand einer Generation zweifeln,
in der weniger als ein Fünftel der Bewohner darunter litt,
im Schweiße seines Angesichts das Brot für die anderen
verdienen zu müssen, während diese dem Müßiggang
frönten und ihre Zeit, ihre Gesundheit und den Reichtum der
Menschen verschwendeten. Sie werden staunen, daß jemaIs
die uneingeschränkte Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse
nicht als selbstverständlich angesehen wurde oder daß
Menschen, die eigentlich alle dasselbe suchten, darauf verfielen,
sich durch Hader untereinander das Leben zu erschweren und unausstehlich
zu machen. Sie werden es nicht glauben können, da8 das ganze
Dasein der Menschheit aus einem ständigen Kampf um Nahrung
in einer mit Luxus angefüllten Welt bestand, ein Kampf, der
der großen Mehrheit weder Zeit noch Kraft zur Erfüllung
ihrer Herzenswünsche ließ.
»Aber
führt ein Leben in der Anarchie bei wirtschaftlicher und
sozialer Gleichheit nicht zu allgemeiner Gleichmacherei?«
fragen Sie. Nein, mein lieber Freund, ganz im Gegenteil Gleichheit
bedeutet nicht gleiche Menge, sondern gleiche Möglichkeit.
Das heißt zum Beispiel nicht, daß, wenn Herr Schmidt
fünf Mahlzeiten pro Tag braucht, Herr Müller auch so
viele haben muß. Wenn Herr Müller nur drei Mahlzeiten
haben möchte, während Herr Schmidt fünf verlangt,
dann mögen sie verschiedene Mengen konsumiert haben, aber
beide Männer haben genau die gleiche Möglichkeit, so
viel zu essen, wie sie benötigen, das heißt, so viel
ihr Körper braucht.
Begehen
Sie nicht den Fehler, die Gleichheit in der Freiheit mit der aufgezwungenen
Gleichheit in einem Gefangenenlager zu verwechseln. Wahre anarchistische
Gleichheit bedeutet freie Nutzung, nicht Quantität. Sie fordert
nicht, daß jeder dasselbe essen, dasselbe trinken oder dieselbe
Kleidung tragen muß, dieselbe Arbeit verrichten oder den
gleichen Lebensstil haben muß. Weit davon entfernt; in Wirklichkeit
ist das genaue Gegenteil richtig. Bedürfnisse und Vorliebe
der einzelnen Menschen weichen voneinander ab, ebenso wie sich
ihre Eßlust unterscheidet. Die gleiche Möglichkeit
sie zu befriedigen, macht die wahre Gleichheit aus. Weit entfernt
von Gleichmacherei öffnet gerade diese Gleichheit die Türen
zur größtmöglichen Vielfalt in Tätigkeit
und Entwicklung der Menschen. Da der Charakter der Menschen unterschiedlich
ist, führt nur die Unterdrückung seiner Mannigfaltigkeit
zu Gleichmacherei, Eintönigkeit und Langeweile. Gerade die
Möglichkeit, die eigene Individualität ungehindert ausdrücken
und ausleben zu können, gibt der Entwicklung natürlicher
Unterschiede und Variationen Raum.
Man
sagt, daß keine zwei Grashalme einander gleichen. Um wieviel
weniger tun es dann menschliche Wesen. Auf der ganzen Welt gibt
es keine zwei Menschen, die einander genau gleich sind, nicht
einmal in ihrem äußeren Erscheinungsbild; noch unterschiedlicher
sind sie in ihrer physiologischen, geistigen und körperlichen
Struktur. Trotz dieser Vielfalt und der tausendundeinen Unterscheidungsmerkmale
zwingen wir die Menschen heute zur Uniformität. Unser Leben
und unsere Gebräuche, unser Verhalten und unsere Sitten,
sogar unsere Gedanken und Gefühle werden in eine Einheitsform
gepreßt bis sie nicht mehr unterscheidbar sind. Der Autoritätsgeist,
Gesetze, geschriebene und ungeschriebene, Traditionen und Gewohnheit
zwingen uns in eine gemeinsame Schablone und machen den Menschen
zum willenlosen Automaten ohne Unabhängigkeit oder Individualität.
Diese moralische und intellektuelle Knechtschaft wirkt stärker
als jeder physische Zwang zerstörerisch auf unsere Menschlichkeit
und Entfaltung. Wir alle sind ihre Opfer und nur die ungewöhnlich
Tüchtigen zerbrechen ihre Ketten, aber auch sie können
sie nicht völlig abstreifen.
Die
Autorität der Vergangenheit und Gegenwart bestimmt nicht
nur unser Verhalten, sondern beherrscht auch unsere Gedanken und
Seelen und erstickt fortwährend jedes Symptom der Nichtanpassung,
unabhängiger Verhaltensweisen und unorthodoxer Meinungen.
Die ganze Wucht der gesellschaftlichen Verurteilung trifft den
Mann oder die Frau, die die konventionelle Verhaltensweise herausfordern.
Unbarmherzige Rache wird an dem Widerspenstigen geübt, der
dem ausgetretenen Pfad nicht folgen will, oder dem Ketzer, der
die gängigen Glaubenssätze anzweifelt. In der Wissenschaft
und Kunst, in der Literatur, Dichtung und Malerei führt diese
Gesinnung im Endergebnis zu Anpassung und Angleichung, zu Nachahmung
des Etablierten und Anerkannten, zu Uniformität und Einförmigkeit,
zu stereotyper Ausdrucksweise. Aber noch schlimmer wird Nichtkonformität
im Alltagsleben und in unserem tagtäglichen Umgang bestraft.
Dem Maler und Schriftsteller mag eine Herausforderung der Sitten
und Vorrechte gelegentlich verziehen werden, denn letztlich findet
ihre Rebellion nur auf Papier oder Leinen statt; sie wirkt nur
auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis. Diese
Künstler werden entweder gar nicht beachtet oder als Spinner
abgetan, die wenig Schaden anrichten können, aber anders
ist es mit dem Menschen der Tat, der seine Herausforderung der
akzeptierten Normen in die Gesellschaft hinausträgt. Er ist
nicht harmlos. Er ist gefährlich wegen der Macht des Vorbilds
und schon allein durch seine Gegenwart; Eine Verletzung der gesellschaftlichen
Regeln durch ihn kann weder ignoriert noch vergeben werden. Er
wird als Feind der Gesellschaft angeprangert.
Dies
ist der Grund, daß revolutionäre Gedanken in »exotischer«
Dichtung oder in hochintellektuellen philosophischen Dissertationen
verziehen werden und die offizielle und inoffizielle Zensur passieren
können, denn sie sind für die breitere Öffentlichkeit
weder zugänglich noch verständlich. Aber drücken
Sie dieselbe abweichende Haltung populär aus, dann werden
Sie sich sofort konfrontiert sehen mit der geifernden Denunzierung
durch alle jene Kräfte, die für die Erhaltung des Etablierten
eintreten.
Erzwungene
Willfährigkeit hat schlimmere und abstumpfendere Wirkung
als das bösartigste Gift. Zu allen Zeiten war sie das größte
Hindernis für den menschlichen Fortschritt, sie engte den
Menschen mit tausend Verboten und Tabus ein, belastete seine Seele
und sein Herz mit überlebten Maßstäben und Regeln,
engte seinen Willen mit Geboten des Denkens und Fühlens ein,
mit »Du sollst« und »Du sollst nicht«
in bezug auf Verhalten und Handeln. Das gesamte Leben - die Kunst
zu leben - ist in einer stumpfsinnigen, langweiligen und unbeweglichen
Schematik erstarrt.
Trotzdem
ist die angeborene Vielfalt der menschlichen Natur so stark gewesen,
daß selbst der Jahrhunderte währende Prozeß der
Verdummung die menschliche Originalität und Einzigartigkeit
nicht völlig auslöschen konnte. Es ist schon wahr, daß
die große Mehrheit die eingefahrenen Geleise nicht mehr
verlassen kann, aber einige brechen doch aus dem allgemeinen Trott
aus und finden neue Wege, die zu herrlichen und begeisternden
Perspektiven führen. Die Welt verurteilt sie, folgt aber
allmählich doch Schritt für Schritt ihrem Beispiel und
ihrer Führung und schließt endlich zu ihnen auf. Wenn
die Wegbereiter in der Zwischenzeit gestorben sind, bauen wir
ihnen Denkmäler und verherrlichen diese Menschen, die wir
zuvor geschmäht und gekreuzigt haben, ebenso wie wir fortfahren,
ihre Nachfolger, die Bahnbrecher unserer Tage, zu kreuzigen.
Hinter
dem Geist der Intoleranz und Verfolgung verbirgt sich die Gewöhnung
an Autorität: Der Zwang, sich den herrschenden Maßstäben
anzupassen, der Druck - in bezug auf Moral und Gesetz - so zu
sein und so zu handeln wie alle anderen, je nach Vorschrift und
Kodex. Die allgemeine Anschauung, Anpassung sei ein natürlicher
Charakterzug, ist vollkommen falsch. Im Gegenteil, der Mensch
zeigt seine Ursprünglichkeit und Originalität bei der
ersten besten Gelegenheit, wenn er sich von den ihm von Geburt
an eingeimpften Gewohnheiten freimachen kann. Wenn Sie beispielsweise
Kinder beobachten, werden Sie höchst mannigfaltige Unterschiede
in Art und Verhalten sowie in der geistigen und psychischen Ausdrucksweise
erkennen. Sie werden eine instinktive Neigung zur Individualität
und Unabhängigkeit, zur Nichtanpassung, entdecken, die in
offener und versteckter Herausforderung des ihnen auferlegten
Willens anderer, in Rebellion gegen die Autorität der Eltern
und Lehrer zu Tage tritt. Die gesamte Ausbildung und »Erziehung«
des Kindes ist nichts weiter als ein ununterbrochener Unterdrückungs-
und Zerstörungsprozeß dieser Neigung, die Auslöschung
seiner charakteristischen Eigenheiten, seiner Besonderheit gegenüber
anderen, seiner Persönlichkeit und Originalität.
Auch
bis das Kind erwachsen ist verbleibt trotz der jahrelangen Unterdrückung
und Verformung immer noch ein Rest von Originalität in ihm;
dies zeigt, wie tief die Wurzeln der Individualität reichen.
Nehmen Sie beispielsweise irgendzwei Menschen, die gleichzeitig
Zeugen ein und derselben Katastrophe geworden sind, angenommen,
eines großen Feuers, und alles auch von demselben Ort verfolgt
haben. Jeder wird über das Geschehen anders berichten, jeder
wird in der ihm eigenen Art Bezüge herstellen und der beim
Zuhörer erweckte Eindruck wird unterschiedlich sein; denn
beide Beobachter besitzen von Natur aus eine anders geartete Psyche.
Aber reden Sie mit denselben beiden Menschen zum Beispiel über
fundamentale gesellschaftliche Angelegenheiten, über das
Leben und die Regierung, und Sie werden sofort haargenau die gleiche
»Ansicht«, nämlich die unkritisch übernommene
gängige Meinung zu hören bekommen.
Warum?
Weil der Mensch da frei und selbstbewußt sprechen wird,
wo er frei denken und fühlen kann, wo er durch keine Vorschrift
und Regel gehemmt und nicht durch Angst vor sich ergebenden unangenehmen
Konsequenzen zurückgehalten wird, »anders« und
unorthodox zu sein. Aber in dem Augenblick, in dem das Gespräch
Themen im Bereich unserer gesellschaftlichen Gebote berührt,
dann wird man, gefangen in den Klauen der Tabus, zu einem Echo
und Papageien.
Das
Leben in Freiheit, in der Anarchie, wird mehr vollbringen, als
den Menschen nur allein von seiner gegenwärtigen politischen
und wirtschaftlichen Knechtschaft zu befreien. Das wird nur der
erste, der einleitende Schritt zum wirklichen menschlichen Leben
sein. Viel größer und bedeutender werden die Ergebnisse
einer solchen Freiheit sein, ihre Wirkung auf den Verstand und
die Persönlichkeit des Menschen. Die Abschaffung des auf
fremdem Willen basierenden Zwangs und damit der Angst vor Autorität
wird die den Menschen durch moralischen und um nichts weniger
auch die durch wirtschaftlichen und physischen Oruck angelegten
Fesseln lösen. Der menschliche Geist wird frei atmen können
und diese geistige Emanzipation wird die Geburt einer neuen Kultur
und einer neuen Menschlichkeit sein. Gebote und Tabus werden fallen,
und der Mensch wird anfangen, er selbst zu sein, seine individuellen
Neigungen und seine Einzigartigkeit zu entwickeln und auszudrücken.
Anstatt zu sagen »Du sollst nicht«, wird die Öffentlichkeit
sagen »Du kannst, wenn Du die volle Verantwortung übernimmst«.
Das wird eine Übung in menschlicher Würde und Selbstvertrauen
sein, die zuhause und in der Schule beginnt und eine neue Rasse
mit einer neuen Lebenseinstellung hervorbringen wird.
Der
Mensch der Zukunft wird das Dasein auf einem völlig anderen
Niveau sehen und erleben. Das Leben wird für ihn eine Kunst
und eine Freude sein. Er wird es nicht mehr als ein Wettrennen
ansehen, bei dem jeder versuchen muß, so schnell wie der
Beste zu sein. Er wird Freiheit für wichtiger als Arbeit
halten, und die Arbeit wird ihren richtigen, untergeordneten Platz
als Mittel zur Muse und Vergnügen am Leben einnehmen.
Das
Leben wird ein Streben nach besseren kulturellen Werten, nach
Ergründung der Naturgeheimnisse und Erreichen einer höheren
Wahrheit werden. Wenn der Mensch frei ist, die unbegrenzten Möglichkeiten
seines Verstandes zu nutzen, seinem Wissensdrang zu folgen, seine
Erfindungsgabe anzuwenden, zu schaffen und sich auf den Flügeln
seiner Phantasie emporzuschwingen, dann wird er seine volle Größe
erlangen und wirklich Mensch sein. Er wird entsprechend seiner
Natur wachsen und sich entwickeln. Er wird Uniformität verachten
und die menschliche Mannigfaltigkeit wird ihm ein größeres
Interesse und ein befriedigenderes Gefühl für den Reichtum
des Lebens geben. Das Leben besteht für ihn nicht aus Funktionieren
sondern im Erleben und er wird die größte von Menschen
erreichbare Freiheit erlangen - eine Freiheit in Freude.
»Dieser
Tag liegt in ferner Zukunft«, sagen Sie, »wie sollen
wir ihn herbeiführen?« Vielleicht liegt er in weiter
Zukunft, aber vielleicht auch nicht so weit - man weiß es
nicht. Auf jeden Fall sollten wir immer unser endgültiges
Ziel im Auge behalten, wenn wir auf dem richtigen Weg bleiben
wollen. Der von mir beschriebene Wechsel wird nicht über
Nacht kommen; nichts kommt je über Nacht. Es wird eine allmähliche
Entwicklung sein, genauso wie überall in der Natur und im
gesellschaftlichen Leben. Es wird aber eine folgerichtige, notwendige
und, ich wage sogar zu sagen, unvermeidbare Entwicklung sein.
Unvermeidlich, weil die gesamte Entwicklung des menschlichen Wachstums
in diese Richtung gegangen ist, wenn sie manchmal auch Zickzack
lief und dabei vom Weg abkam, sie hat jedoch den richtigen Pfad
immer wiedergefunden. Wie kann also dieser Tag herbeigeführt
werden?

Nichtkommunistische
Anarchisten
Bevor
wir fortfahren, möchte ich kurz etwas erklären. Ich
bin es den Anarchisten schuldig, die keine Kommunisten sind. Denn
Sie müssen wissen, daß nicht alle Anarchisten Kommunisten
sind: Nicht alle glauben nämlich, daß Kommunismus -
gemeinsames Eigentum und das Aufteilen je nach Bedürfnis
- das beste und gerechteste Wirtschaftssystem ist. Ich habe Ihnen
zuerst den kommunistischen Anarchismus vorgestellt, weil er meiner
Meinung nach die wünschenswerteste und am besten praktizierbare
Gesellschaftsform ist. Die kommunistischen Anarchisten vertreten
die Ansicht, daß nur unter kommunistischen Bedingungen der
Anarchismus gedeihen und gleiche Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand
für jeden ohne Diskriminierung garantiert werden können.
Aber es gibt Anarchisten, die nicht an Kommunismus glauben. Sie
können im allgemeinen in Individualisten und Mutualisten
eingeteilt werden.
Alle
Anarchisten stimmen in diesem fundamentalen Punkt überein:
Daß Regierung Ungerechtigkeit und Unterdrückung bedeutet,
daß sie sich einmischt, versklavt und das größte
Hindernis für die Entwicklung und Entfaltung des Menschen
darstellt. Alle glauben sie, daß Freiheit nur in einer Gesellschaft
bestehen kann, die frei von Zwang jeglicher Art ist. Alle Anarchisten
sind sich daher in dem Grundprinzip einig, daß die Regierung
abgeschafft werden muß. Sie stimmen hauptsächlich in
folgenden Punkten nicht überein:
Erstens:
Die Art und Weise, wie die Anarchie realisiert werden soll. Die
kommunistischen Anarchisten sagen, daß nur eine soziale
Revolution die Regierung abschaffen und die Anarchie herbeiführen
kann, während die Individualisten und Mutualisten nicht an
diese Revolution glauben. Sie glauben, daß die heutige Gesellschaft
sich allmählich von der Regierung weg zu einem Zustand der
Nichtregierung entwickeln wird.
Zweitens:
Individualistisch eingestellte Anarchisten und Mutualisten glauben
an das individuelle Eigentum im Gegensatz zu den kommunistischen
Anarchisten, die in der Institution des Privateigentums eine der
Hauptursachen für Ungerechtigkeit und Ungleichheit, für
Armut und Elend sehen. Die Individualisten und Mutualisten bestehen
darauf, daß Freiheit »das Recht eines jeden auf das
Produkt seiner Arbeit« bedeutet, was natürlich richtig
ist. Freiheit bedeutet auch das. Aber die Frage ist nicht, ob
jemand das Recht auf sein Produkt hat, sondern ob es so etwas
wie ein individuelles Produkt gibt. Ich habe in den vorangegangenen
Kapiteln dargelegt, daß es so etwas in der modernen Geschichte
nicht gibt. Da alle Arbeit nur in Gemeinschaft geleistet werden
kann, gehören die erzeugten Produkte auch der gesamten Gesellschaft;
daher hat das Argument vom Recht der Einzelperson auf sein Produkt
keinen praktischen Wert.
Ich
habe auch gezeigt, daß der Güter- oder Warenaustausch
nicht individuell oder privat erfolgen kann, ohne daß das
Profitsystem angewandt wird. Da der Wert einer Ware nicht angemessen
bestimmt werden kann, ist kein Tauschhandel gerecht. Diese Tatsache
führt meiner Meinung nach zum Recht der gesamten Gesellschaft
am Eigentum und dessen Gebrauch, das heißt, zum Kommunismus
als dem am besten praktizierbaren und auch gerechtesten Wirtschaftssystem.
Aber
wie schon gesagt, die Individualisten und Mutualisten stimmen
in diesem Punkt nicht zu. Sie behaupten, daß das Monopol
die Quelle wirtschaftlicher Ungleichheit sei, und sie argumentieren,
daß das Monopol mit der Abschaffung der Regierung verschwinden
wird, weil es ein spezielles Privileg sei - gegeben und geschützt
durch die Regierung -, das das Monopol ermöglicht. Freier
Wettbewerb, erklären sie, würde das Monopol und seine
Übel beseitigen. Individualistische Anarchisten, Nachfolger
von Stirner und Tucker, ebenso wie die auf Tolstoi zurückgehenden
Anarchisten, die an Gewaltlosigkeit glauben, haben keinen sehr
klaren Plan für das Wirtschaftsleben in der Anarchie. Die
Mutualisten dagegen schlagen ein ganz bestimmtes neues Wirtschaftssystem
vor. Mit ihrem Lehrer, dem französischen Philosophen Proudhon,
glauben sie, daß genossenschaftliche Banken und Kredite
ohne Zinsen die beste Wirtschaftsform einer Gesellschaft ohne
Regierung sei. Laut ihrer Theorie würde der freie Kredit,
der jedermann die Gelegenheit gibt, Geld ohne Zinsen zu leihen,
dazu beitragen, das Einkommen anzugleichen, Profite auf ein Minimum
zu reduzieren und somit Reichtum genauso wie Armut beseitigen.
Freier Kredit und Wettbewerb auf dem offenen Markt, sagen sie,
würde zu wirtschaftlicher Gleichheit führen, während
die Abschaffung der Regierung gleiche Freiheiten garantieren würde.
Das Gesellschaftsleben in der Gemeinschaft der Mutualisten genauso
wie in der der Individualisten würde auf der Heiligkeit der
freien Abmachung, des freien Vertrages basieren.
Ich
habe hier die Ansichten der individualistischen Anarchisten und
Mutualisten nur grob skizziert. Es ist nicht die Absicht dieses
Buches, die anarchistischen Ideen detailliert zu diskutieren,
die der Autor für fehlerhaft und undurchführbar hält.
Als kommunistischer Anarchist möchte ich dem Leser die Ansichten
nahebringen, die ich für die besten und vernünftigsten
halte. Ich hielt es jedoch für fair, Sie auch über die
Existenz anderer, nichtkommunistischer anarchistischer Theorien
zu informieren.

Warum
Revolution?
Lassen
Sie uns zu Ihrer Frage zurückkehren: »Wie wird die
Anarchie realisiert? Können wir dazu beitragen?« Das
ist ein sehr wichtiger Punkt, denn bei jedem Problem gibt es zwei
entscheidende Dinge zu beachten: Erstens, genau zu wissen, was
man will und zweitens, wie man es erreicht.
Wir
wissen genau, was wir wollen. Wir wollen eine Gesellschaft, in
der alle frei sind und in der jeder alle Möglichkeiten hat,
seine Bedürfnisse auf der Basis der gleichen Freiheit für
alle zu befriedigen und seine Vorstellungen zu verwirklichen.
In anderen Worten: Wir erstreben das freie, kooperative Gemeinwesen
des kommunistischen Anarchismus.
Wie
es erreicht wird?
Wir
sind keine Propheten und keiner kann genau sagen, wie so etwas
ablaufen wird. Aber die Welt besteht nicht erst seit gestern und
der Mensch als ein vernünftiges Wesen muß sich die
Erfahrung der Vergangenheit zunutze machen. Nun, worin besteht
diese Erfahrung? Wenn Sie die Geschichte auch nur flüchtig
betrachten, werden Sie sehen, daß sie für den Menschen
ein Kampf ums Dasein gewesen ist. In der Steinzeit kämpfte
er auf sich gestellt gegen die wilden Tiere der Wälder und
hilflos stand der Hunger, Kälte, Dunkelheit und Sturm gegenüber.
Wegen seiner Unwissenheit waren alle Kräfte der Natur für
ihn Feinde: Sie brachten ihm Unheil und Tod, er alleine war zu
machtlos, sie zu bekämpfen. Aber mit der Zeit lernte der
Mensch, sich mit seinen Artgenossen zusammenzutun; gemeinsam suchten
sie Sicherheit und Geborgenheit. In Gemeinschaft versuchten sie
alsbald, die Energien der Natur in ihren Dienst zu stellen. Gegenseitige
Hilfe und Zusammenarbeit vermehrten Kraft und Geschicklichkeit
des Menschen stetig, bis es ihm gelang, sich die Natur gefügig
zu machen, indem er ihre Kräfte in seine Dienste zwang, den
Blitz in Ketten legte, Ozeane überbrückte und sogar
die Luft beherrschte.
In
ähnlicher Weise machten Unwissen und Angst das Leben zu einem
ständigen Kampf Mensch gegen Mensch, Familie gegen Familie,
Stamm gegen Stamm, bis die Menschen erkannten, daß, wenn
sie sich zusammentun, gemeinsam anstrengen und helfen, sie mehr
erreichen könnten als durch Streit und Feindschaft. Die moderne
Wissenschaft zeigt, daß sogar Tiere so viel in ihrem Existenzkampf
gelernt hatten. Einige Arten überlebten, weil sie aufhörten,
einander zu bekämpfen, in Herden lebten und sich auf diese
Weise besser gegen andere wilde Tiere schützen konnten. Je
mehr die Menschen den Kampf gegeneinander durch gemeinsamen Einsatz
und Kooperation ersetzten, desto besser kamen sie voran, entwuchsen
der Barbarei und wurden zivilisiert. Familien, die sich einst
bis auf den Tod bekämpft hatten, schlossen sich zusammen
und bildeten eine Gruppe; Gruppen vereinigten sich und wurden
Stämme, und die Stämme verbündeten sich zu Nationen.
Stumpfsinnig bekämpfen die Nationen noch immer einander,
aber auch sie fangen an, dieselbe Lektion zu lernen und suchen
jetzt nach neuen Wegen, um das internationale Gemetzel zu stoppen,
das als Krieg bekannt ist.
Unglücklicherweise
befinden wir uns in sozialer Hinsicht noch auf der Stufe der Barbarei:
Gruppen bekämpfen noch Gruppen, und Klassen kämpfen
gegen Klassen. Aber auch hier sehen die Menschen allmählich
ein, daß es ein sinnloser und ruinierender Krieg ist, daß
die Welt groß und reich genug ist, um alle ähnlich
wie die Sonne zu erfreuen und daß eine vereinte Menschheit
mehr erreichen würde als eine, die zersplittert gegeneinander
kämpft.
Was
Fortschritt genannt wird, stellt genau dessen Verwirklichung dar
und ist ein Schritt in diese Richtung. Der ganze Fortschritt des
Menschen beruht auf dem Streben nach mehr Sicherheit und Frieden,
nach größerem Schutz und Wohlstand. Sein natürlicher
Impuls strebt nach gegenseitiger Hilfe und gemeinsamer Anstrengung,
sein stärkster Instinkt verlangt Freiheit und Freude. Diese
Neigungen suchen Ausdruck und behaupten sich trotz aller Behinderungen
und Schwierigkeiten. Die gesamte Geschichte des Menschen lehrt,
daß weder Naturgewalten noch menschlicher Widerstand ihn
auf seinem Vormarsch aufhalten können. Wenn ich aufgefordert
wäre, Zivilisation in einem einzigen Satz zu definieren,
dann würde ich sagen, daß es der Triumph des Menschen
über die Macht der natürlichen und menschlichen Finsternis
ist. Die feindlichen Kräfte in der Natur haben wir besiegt,
aber wir müssen noch die finsteren Mächte der Menschen
bekämpfen.
Die
Geschichte kann keine einzige wichtige soziale Verbesserung vorweisen,
die nicht auf den Widerstand der herrschenden Mächte - der
Kirche, Regierung und des Kapitals - stieß. Nicht ein Schritt
wurde vorwärts getan, ohne den Widerstand der Herrschenden
zu zerstören. Jeder Fortschritt forderte einen bitteren Kampf.
Viele und lange Kämpfe waren erforderlich, um die Sklaverei
abzuschaffen; Revolten und Aufstände, um die fundamentalsten
Rechte der Menschen zu sichern; Rebellionen und Revolutionen,
um den Feudalismus und die Leibeigenschaft zu beseitigen.
Bürgerkriege
waren notwendig, um die absolute Macht der Könige zu beseitigen
und Demokratien zu gründen, um mehr Freiheit und Wohlstand
für die Massen zu erobern. Es gibt nicht ein Land auf der
Erde, nicht eine geschichtliche Epoche, wo irgendein großes
soziales Übel nicht ohne einen bitteren Kampf mit der Macht,
welcher Art sie auch gewesen sein mag, beseitigt wurde. Noch vor
gar nicht langer Zeit konnten nur Revolutionen das Zarentum in
Rußland, den Kaiser in Deutschland, den Sultan in der Türkei,
die Monarchie in China und ähnliche Mächte in verschiedenen
Ländern stürzen.
Es
gibt keinen Bericht über eine Regierung oder Autorität,
irgendeine Gruppe oder Klasse, die ihre Macht und Herrschaft freiwillig
aufgegeben hat. Immer war Gewaltanwendung oder zumindest ihre
Androhung erforderlich. Gibt es einen vernünftigen Grund
anzunehmen, daß die Autorität oder das Kapital einen
plötzlichen Sinneswandel durchgemacht haben und sich in Zukunft
anders verhalten werden, als sie es in der Vergangenheit getan
haben? Ihr gesunder Menschenverstand wird Ihnen sagen, daß
das eine eitle und törichte Hoffnung wäre. Die Regierung
und das Kapital werden kämpfen um die Macht zu behalten.
Sie tun das auch heute bei der geringsten Bedrohung ihrer Privilegien.
Sie werden mit allen Mitteln um ihre Existenz kämpfen.
Daher
ist es keine Prophetie, wenn man behauptet, daß es eines
Tages zu einem entscheidenden Kampf zwischen den enteigneten Klassen
und ihren Beherrschern kommen muß.
Tatsächlich
dauert dieses Ringen schon lange an. Es gibt einen ständigen
Kampf zwischen dem Kapital und der Arbeiterschaft. Gewöhnlich
wird er innerhalb eines sogenannten gesetzlichen Rahmens ausgetragen.
Aber selbst diese Kämpfe werden ab und zu mit Gewalt geführt,
wie bei Streiks und Aussperrungen, da der bewaffnete Arm der Regierung
immer im Dienst der Herrschenden steht, und dieser Arm tritt in
Aktion, sobald das Kapital seinen Profit bedroht sieht: Dann läßt
es die Maske der »gemeinsamen Interessen« und »Partnerschaft«
mit der Arbeiterschaft fallen und sucht in dem letzten Argument
der Herrschenden Zuflucht, dem Zwang und der Gewalt. Es steht
daher fest, daß Regierung und Kapital, wenn sie es verhindern
können, es nicht zulassen werden, daß sie unauffällig
beseitigt werden; genausowenig werden sie auf wundersame Weise
von allein »verschwinden«, wie einige Leute meinen.
Um sie loszuwerden, wird eine Revolution erforderlich sein.
Es
gibt Leute, die bei der Erwähnung des Wortes Revolution ungläubig
lächeln. »Unmöglich!« sagen sie zuversichtlich.
Das dachten auch Ludwig XIV. und Marie Antoinette von Frankreich
noch ein paar Wochen bevor sie ihren Thron mitsamt dem Kopf verloren.
Das glaubten die Adligen am Hof des Zaren Nikolaus II. noch am
Vorabend des Aufstandes, der sie wegfegte. »Es sieht nicht
nach einer Revolution aus«, argumentiert der oberflächliche
Beobachter. Aber Revolutionen haben es so an sich, daß sie
genau dann ausbrechen, »wenn es nicht danach aussieht«.
Die weitsichtigeren modernen Kapitalisten jedoch scheinen nicht
gewillt zu sein, Risiken einzugehen. Sie wissen, daß Aufstände
und Revolutionen jederzeit möglich sind. Darum haben die
großen Aktiengesellschaften und Großunternehmer -
besonders in Amerika - damit begonnen, neue Methoden einzuführen,
die als Blitzableiter für allgemeine Unzufriedenheit und
Revolten dienen sollen. Sie führen einen Bonus für ihre
Angestellten ein, Gewinnbeteiligung und ähnliche Methoden,
die nur dem Zweck dienen, den Arbeiter zufriedenzustellen und
am Gedeihen der Industrie finanziell zu interessieren. Diese Mittel
mögen den Proletarier vorübergehend blind für seine
wahren Interessen machen, aber glauben Sie nicht, daß der
Arbeiter mit der Lohnsklaverei immer zufrieden sein wird, selbst
wenn sein Käfig von Zeit zu Zeit vergoldet wird. Die Verbesserung
materieller Bedingungen ist keine Versicherung gegen die Revolution.
Die Befriedigung unserer Wünsche schafft im Gegenteil neue
Bedürfnisse, bringt neue Wünsche und Bestrebungen hervor.
So ist die menschliche Natur und das ist es, was Verbesserungen
und Fortschritte ermöglicht. Die Unzufriedenheit der Arbeiter
kann nicht mit einem Extrastück Brot hinuntergewürgt
werden, selbst wenn es mit Butter bestrichen ist. Darum sind die
Revolten in den Industriezentren des bessergestellten Europas
bewußter und aktiver als im rückständigen Asien
und Afrika. Der menschliche Verstand wird sich immer nach größerem
Komfort und größerer Freiheit sehnen, und die wirklichen
Überbringer dieses Antriebs zu weiterem Fortschritt sind
die Massen. Die Hoffnung der modernen Plutokratie, der Revolution
zuvorkommen zu können, wenn sie dem Arbeiter ab und zu einen
dickeren Knochen zuwirft, ist illusorisch und ohne jede Grundlage.
Die neuen Taktiken des Kapitals beschwichtigen die Arbeiter anscheinend
für eine Weile, aber ihr Vormarsch kann durch einen solchen
Notbehelf nicht aufgehalten werden. Die Abschaffung des Kapitalismus
ist trotz aller Programme und Widerstände unvermeidbar und
wird nur durch eine Revolution erreicht werden.
Kann
ein einzelner Arbeiter irgendetwas gegen die Großen Gesellschaften
ausrichten? Kann eine kleine Arbeitergewerkschaft den Großunternehmer
zwingen, ihren Forderungen nachzugeben? Die kapitalistische Klasse
ist im Kampf gegen die Arbeiter organisiert. Es versteht sich
von selbst, daß die Revolution nur erfolgreich sein kann,
wenn die Arbeiter vereint sind, wenn sie im ganzen Land organisiert
sind; wenn das Proletariat aller Länder gemeinsam handelt,
denn das Kapital ist international und die Herrschenden vereinen
sich bei jedem großen Problem gegen die Arbeiterschaft.
Darum wandte sich beispielsweise die Plutokratie der ganzen Welt
gegen die russische Revolution. Solange die Russen nur den Zar
beseitigen wollten, hat sich das internationale Kapital nicht
eingemischt; es war ihm gleichgültig, welche politische Form
Rußland hatte, solange die Regierung nur bourgeois und kapitalistisch
war. Aber sobald die Revolution es darauf anlegte, das System
des Kapitalismus abzuschaffen, vereinigten sich die Regierungen
und Bourgeoisien aller Länder, um sie niederzuschlagen. Sie
sahen darin eine Bedrohung für die Fortsetzung ihrer eigenen
Herrschaft.
Merken
Sie sich das gut, mein Freund. Denn es gibt Revolutionen und Revolutionen.
Die eine verändert nur die Regierungsform, indem sie eine
Gruppe neuer Herrscher auf den Platz der alten setzt. Das ist
eine politische Revolution und als solche trifft sie oft auf wenig
Widerstand. Die andere Revolution aber, die darauf abzielt, das
gesamte System der Lohnsklaverei abzuschaffen, muß auch
die Macht einer Klasse beseitigen, die andere unterdrücken
zu können. Das heißt, daß es sich nicht mehr
um einen reinen Austausch der Herrschenden, der Regierung, nicht
um eine politische Revolution handelt, sondern um eine, die das
ganze Wesen der Gesellschaft zu verändern sucht. Das wäre
eine soziale Revolution. Als solche hätte sie nicht nur gegen
die Regierung und den Kapitalismus zu kämpfen, sondern sie
würde auch auf den Widerstand des weit verbreiteten Unwissens
und der Vorurteile jener treffen, die an Regierung und Kapitalismus
glauben. Wie soll sie dann also verwirklicht werden?

Wichtig
ist die Idee
Haben
Sie sich jemals gefragt, wie es möglich ist, daß Regierung
und Kapitalismus trotz allen Unglücks und Verdrusses fortbestehen
können, die sie in der Welt erzeugen? Falls Sie das getan
haben, dann muß Ihre Antwort gelautet haben, es kann nur
daran liegen, daß die Menschen diese Einrichtungen unterstützen
und daß sie sie unterstützen, weil sie daran glauben.
Das
ist das Problem der ganzen Angelegenheit: Die heutige Gesellschaft
basiert auf dem Glauben der Menschen, daß sie gut und nützlich
sei. Sie beruht auf der Idee der Autorität und des Privateigentums.
Es sind Ideen, die die Zustände aufrechterhalten. Regierung
und Kapitalismus sind die Formen, in denen sich die allgemeinen
Ideen ausdrücken. Ideen bilden das Fundament; die Institutionen
stellen das darauf erbaute Haus dar. Eine neue gesellschaftliche
Struktur muß ein neues Fundament haben, neue Ideen für
ihre Basis. Wie sehr Sie auch die Form einer Institution ändern,
ihr Wesen und ihre Bedeutung wird die gleiche bleiben, wenn ihr
Fundament nicht berührt wird. Sehen Sie sich das Leben einmal
genau an, und Sie werden die Wahrheit dieser Aussage erkennen.
Es gibt in der Welt alle möglichen Regierungsarten und -formen,
aber ihr wahres Wesen ist überall gleich, genauso wie ihre
Wirkung dieselbe ist: Sie führt immer zu Autorität und
Gehorsam.
Nun,
wodurch werden Regierungen am Leben erhalten? Durch Armeen und
die Marine? Ja, aber auch nur scheinbar. Wodurch werden Armeen
und Marine unterhalten? Es ist der Glaube der Menschen, der Massen,
daß Regierung notwendig ist; es ist die allgemein akzeptierte
Idee der Notwendigkeit einer Regierung. Das ist ihr wirkliches
und dauerhaftes Fundament. Ohne diese Ideen oder diesen Glauben
würde keine Regierung auch nur einen Tag länger bestehen.
Dasselbe
gilt für das Privateigentum. Die Idee, daß es richtig
und notwendig ist, stellt den Pfeiler dar, der es stützt
und ihm Sicherheit gibt. Es gibt heute nicht eine Institution,
die nicht auf dem weitverbreiteten Glauben basiert, daß
sie gut und förderlich ist. Nehmen wir die USA als Beispiel.
Fragen Sie sich selbst, warum revolutionäre Propaganda in
diesem Land trotz der fünfzig Jahre andauernden Bemühungen
von Sozialisten und Anarchisten so wenig Erfolg hatte. Wird der
amerikanische Arbeiter nicht weit mehr ausgebeutet als der anderer
Länder? Nimmt die politische Korruption in irgendeinem anderen
Land dermaßen überhand? Ist die kapitalistische Klasse
in Amerika nicht die willkürlichste, despotischste auf der
ganzen Welt? Es stimmt, daß der Arbeiter in den USA materiell
besser gestellt ist als der in Europa, aber wird er nicht gleichzeitig
Terror und größter Brutalität ausgesetzt, sobald
er auch nur die geringste Unzufriedenheit zu zeigen wagt? Trotzdem
bleibt der amerikanische Arbeiter seiner Regierung treu und ist
der erste, der sie gegen Kritik verteidigt. Er ist noch immer
der eifrigste Verfechter dieser »großartigen und noblen
Institutionen des größten Landes auf Erden«.
Warum? Weil er glaubt, daß sie seine Institutionen seien,
daß er sie als souveräner und freier Bürger leitet
und daß er sie ändern könnte, wenn er es wollte.
Es ist sein Glaube an die bestehende Ordnung, der die größte
Sicherheit gegen eine Revolution bietet. Sein Glaube ist dumm
und nicht angebracht, und eines Tages wird er zusammenbrechen
und mit ihm der amerikanische Kapitalismus und Despotismus. Aber
solange dieser Glaube fortbesteht, ist die amerikanische Geldherrschaft
vor Revolutionen sicher.
Wenn
die Menschen klüger werden, wenn sie neue Ideen entwickeln
und ihr Vertrauen in den alten Glauben verlieren, dann verändern
sich die Institutionen allmählich und werden schließlich
beseitigt. Die Menschen begreifen langsam, daß ihre früheren
Ideen falsch waren, daß sie nicht der Wahrheit sondern Vorurteil
und Aberglauben entsprachen.
In
dieser Hinsicht werden viele Ideen, die einst als wahr hingenommen
wurden, als falsch und schlecht angesehen werden müssen.
So zum Beispiel die Vorstellung über Königtum, Sklaverei
und Leibeigenschaft von Gottes Gnaden. Es gab eine Zeit, in der
die ganze Welt glaubte, daß diese Einrichtungen richtig,
gerecht und unveränderbar waren. In dem Maße, wie diese
als Aberglaube und falsche Ansicht von fortschrittlichen Denkern
bekämpft wurden, kamen sie in Verruf, verloren die Unterstützung
der Menschen und schließlich wurden die auf diesen Vorstellungen
basierenden Institutionen abgeschafft. Intellektuelle werden Ihnen
erklären, daß sie »ihre Nützlichkeit verloren«
hatten und daß sie darum »gestorben« sind. Aber
wie konnten sie »ihre Nützlichkeit verlieren«?
Für wen waren sie nützlich, und wie sind sie »gestorben«?
Wir
wissen schon, daß sie nur für die herrschende Klasse
nützlich waren und daß sie durch Volksaufstände
und Revolutionen beseitigt wurden. Warum »verschwanden«
alte und unbrauchbar gewordene Institutionen nicht von allein
und starben friedlich? Aus zwei Gründen: Erstens, weil einige
Leute schneller denken als andere. So kommt es vor, daß
eine Minderheit bestimmte Gedanken schneller entwickelt als die
restlichen Menschen an diesem Ort. Je mehr diese Minderheit von
ihren neuen Ideen erfüllt wird, desto mehr ist sie von deren
Wahrheit überzeugt und je stärker sie sich fühlt,
desto schneller wird sie ihre Ideen verwirklichen wollen; und
das ist in der Regel der Fall, bevor die Mehrheit zu diesen neuen
Erkenntnissen kommt. Das heißt, daß die Minderheit
gegen die noch an den alten Ansichten und Gegebenheiten festhaltende
Mehrheit zu kämpfen hat. Zweitens ist der Widerstand jener
zu nennen, die an der Macht sind. Gleichgültig, ob es die
Kirche, ein König oder Kaiser, eine demokratische Regierung
oder Diktatur, eine Republik oder eine Autokratie ist - die Machtbesitzenden
werden bis zum letzten Augenblick verzweifelt um die Macht kämpfen,
solange auch nur die geringsten Erfolgschancen vorhanden sind.
Und je mehr Hilfe sie von der langsamer denkenden Mehrheit erhalten,
desto größeren Widerstand können sie leisten.
Hieraus ergibt sich die Heftigkeit der Revolte und Revolution.
Die
Verzweiflung der Massen, der Haß auf die für ihr Elend
Verantwortlichen und die Entschlossenheit der Herrscher, an ihren
Privilegien und ihrer Herrschaft festzuhalten, münden in
Gewalttätigkeit bei Aufständen und Rebellionen. Aber
eine blinde Rebellion mit keinem bestimmten Ziel und ohne Zweck
ist keine Revolution. Eine Revolution ist eine sich ihrer Ziele
bewußte Rebellion. Eine Revolution ist sozial, wenn sie
um grundlegende Veränderungen kämpft. Da das Fundament
des Lebens die Wirtschaft ist, führt eine soziale Revolution
zur Neuorganisation der Industrie und Wirtschaft des Landes und
folglich auch der gesamten Gesellschaftsstruktur.
Aber
wir haben gesehen, daß jede Gesellschaftsstruktur auf bestimmten
Ideen beruht, was bedeutet, daß eine Veränderung der
Struktur eine Veränderung der Ideen voraussetzt. Mit anderen
Worten, die Ideen in einer Gesellschaft müssen zuerst verändert
werden, bevor eine neue Gesellschaftsstruktur aufgebaut werden
kann. Die soziale Revolution ist daher nichts Zufälliges
und kein plötzliches Ereignis. Nichts daran ist plötzlich,
denn Ideen wechseln nicht plötzlich. Sie wachsen langsam
und allmählich wie eine Pflanze oder Blume. Daher ist die
soziale Revolution ein Ergebnis, eine Entwicklung, das heißt,
sie ist revolutionär. Sie entfaltet sich bis zu dem Punkt,
an dem eine erhebliche Anzahl von Menschen sich die neuen Ideen
zueigen gemacht hat und sie entschlossen in die Tat umsetzen will.
Wenn sie das versucht und auf Widerstand trifft, wird die langsame,
ruhige und friedliche soziale Entwicklung schnell militant und
gewalttätig. Die Evolution geht über in die Revolution.
Merken
Sie sich daher, daß Evolution und Revolution nicht zwei
verschiedene und voneinander getrennte Dinge sind. Viel weniger
sind sie Gegensätze, wie manche Menschen fälschlicherweise
glauben. Revolution ist nur der Siedepunkt einer Evolution.
Weil
die Revolution eine am Siedepunkt angelangte Evolution ist, können
Sie eine richtige Revolution nicht »machen«, genauso
wenig wie Sie das Kochen eines Teekessels beschleunigen können.
Das Feuer darunter bringt ihn zum Kochen. Wie schnell die Flüssigkeit
den Siedepunkt erreicht, hängt davon ab, wie stark das Feuer
ist.
Die
wirtschaftlichen und politischen Zustände in einem Land sind
das Feuer unter dem Kessel der Evolution. Je stärker die
Unterdrückung und je größer die Unzufriedenheit
der Menschen ist, desto kräftiger ist die Flamme. Das erklärt,
warum das Feuer der sozialen Revolution über Rußland
dahinfegte, dem tyrannischsten und rückständigsten Land,
und nicht über Amerika, wo die industrielle Entwicklung ihren
Höhepunkt fast erreicht hat - und das all der gelehrten Äußerungen
von Karl Marx zum Trotz.
Wir
sehen also, daß, obwohl Revolutionen selbst nicht gemacht
werden können, der Zeitpunkt ihres Beginns doch durch bestimmte
Faktoren vorverlegt werden kann: nämlich durch Druck von
oben, durch intensivere politische und wirtschaftliche Unterdrückung
und durch den Druck von unten: durch größere Aufklärung
und Agitation. Diese verbreiten die Ideen, sie treiben die Entwicklung
voran und bringen damit den Zeitpunkt für eine Revolution
näher. Aber Druck von oben, obwohl er für den Zeitpunkt
des Beginns einer Revolution letztlich verantwortlich ist, kann
eine Revolution auch zum Scheitern bringen, Nämlich dann,
wenn solch eine Revolution dem evolutionären Prozeß
zu sehr vorauseilt. Unter nicht ausgereiften Bedingungen wird
sie im bloßen Rebellieren verpuffen; das heißt, sie
ist ohne ein klares, bewußtes Ziel und sie bleibt ohne Wirkung.
Eine Rebellion kann höchstens vorübergehend einige Erleichterungen
bringen; sie dringt jedoch nicht zu den wahren Ursachen vor, diese
bleiben unberührt durch sie wie zuvor der Quell von Unzufriedenheit
und Rebellion.
Wenn
wir das zusammenfassen, was ich über die Revolution gesagt
habe, müssen wir zu der Schlußfolgerung kommen, daß:eine
soziale Revolution eine Revolution ist, die das Fundament der
Gesellschaft, ihren politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Charakter vollständig verändert;
1.
diese Veränderung zuerst in den Ideen und Ansichten der Leute,
in den Gehirnen der Menschen erfolgen muß;
2.
Unterdrückung und Elend die Revolution beschleunigt herbeiführen
können, aber daß sie dadurch auch scheitern kann, weil
eine ungenügende Zeit zur revolutionären Vorbereitung
eine wirkliche Vollendung unmöglich macht;
3.
nur eine solche Revolution fundamental, sozial und erfolgreich
sein kann, die zu einer grundlegenden Wandlung der Ideen und Ansichten
führt.
4.
Hieraus folgt ganz offensichtlich, daß eine soziale Revolution
vorbereitet werden muß. Vorbereitet im Sinne einer Förderung
des evolutionären Prozesses, Aufklärung der Menschen
über die Übel in unserer heutigen Gesellschaft und indem
man sie davon überzeugt, daß ein Leben in einer Gesellschaft
auf der Basis von Freiheit wünschenswert und möglich,
gerecht und durchführbar ist; vorbereitet überdies,
daß den Massen klar erkennbar gemacht werden muß,
was sie wirklich brauchen und wie sie es erreichen können.
Eine
solche Vorbereitung stellt nicht nur den absolut notwendigen ersten
Schritt dar. Darin liegt auch die Sicherheit, die einzige Garantie
dafür, daß die Revolution ihre Ziele erreicht. Das
Schicksal der meisten Revolutionen war es, daß sie aus Mangel
an Vorbereitung von ihrem Hauptziel abgelenkt, mißbraucht
und in Sackgassen geführt wurden. Rußland ist dafür
das beste Beispiel aus der letzten Zeit. Die Februar-Revolution,
deren Ziel es war, die Autokratie zu beseitigen, war ein voller
Erfolg. Die Menschen wußten genau, was sie wollten: Nämlich
das Zarentum abschaffen. All die Machenschaften der Politiker,
die Beredsamkeit und Pläne des Lwows und Miljukows - der
liberalen Führer jener Zeit - konnten das Romanow-Regime
angesichts des klaren und bewußten Willens der Menschen
nicht retten. Es war dieses klare Verständnis der Februar-Revolution
für ihre Ziele, daß sie - wohlgemerkt fast ohne Blutvergießen
-, zum vollen Erfolg führte.
Darüber
hinaus konnten weder Appelle noch Drohungen der provisorischen
Regierung gegen die Entschlossenheit der Menschen, den Krieg zu
beenden, etwas ausrichten.
Die
Armeen verließen die Fronten und machten durch eigene direkte
Aktion der Sache ein Ende. Der Wille eines Volkes, das sich seiner
Ziele bewußt ist, siegt immer.Es war auch wieder der Wille
der Menschen - ihr festes Ziel -, das Land in ihren Besitz zu
bringen, das dem Bauern seinen Unterhalt sicherte. Ebenso besetzten
die Arbeiter in den Städten, wie mehrfach schon erwähnt,
die Fabriken und Produktionsanlagen. Insoweit war die russische
Revolution ein voller Erfolg. Aber ihre Niederlage bahnte sich
in dem Augenblick an, als die Massen das feste Ziel der Revolution
aus den Augen verloren. Das geschieht immer dann, wenn Politiker
und politische Parteien eingreifen und die Revolution für
ihre eigenen Zwecke ausbeuten oder ihre Theorien daran ausprobieren.
Das ist in der russischen genauso wie in vielen vorhergehenden
Revolutionen geschehen. Die Menschen führten einen gerechten
Kampf - die politischen Parteien kämpften um die Beute zum
Schaden der Revolution und zum Nachteil der Menschen.
Genau
das vollzog sich in Rußland. Nachdem der Bauer sich sein
Land erkämpft hatte, fehlten ihm die notwendigen Werkzeuge
und Maschinen. Der Arbeiter hatte Maschinen und Fabriken in Besitz
genommen, wußte aber nicht, wie er sie für seine Ziele
einsetzen mußte. Mit anderen Worten, er hatte nicht die
nötige Erfahrung, um die Produktion zu organisieren und er
verstand es nicht, seine Produkte zu verteilen.
Durch
ihren Einsatz hatten die Arbeiter, die Bauern und die Soldaten
das Zarentum beseitigt, die Regierung paralysiert, den Krieg beendet
und das Privateigentum an Land und an Produktionsanlagen abgeschafft.
Darauf waren sie in vielen Jahren revolutionärer Erziehung
und Agitation vorbereitet. Aber auf sonst weiter nichts. Und weil
sie so unvorbereitet waren, betrat die politische Partei die Bühne
und nahm den revolutionären Massen genau in dem Augenblick
das Geschehen aus den Händen, als die Kenntnisse nicht mehr
ausreichten und sie das Ziel der Revolution nicht mehr klar erkannten.
Die Politik trat an die Stelle des wirtschaftlichen Neuaufbaus
und läutete damit der sozialen Revolution die Totenglocke;
denn die Menschen leben vom Brot, von dem erwirtschafteten, aber
nicht von Politik. Nahrungsmittel und Versorgungsgüter werden
nicht durch einen Erlaß einer Regierung oder Partei erzeugt.
Gesetzliche Verordnungen bestellen nicht den Boden; Gesetze können
die Räder der Industrie nicht in Gang halten. Unzufriedenheit,
Streit und Hungersnot folgten den Zwangseingriffen der Regierung
und der Diktatur auf dem Fuße. Wie immer erwiesen sich Politik
und Autorität auch hier als der Sumpf, in dem die revolutionären
Feuer erloschen. Nehmen wir uns diese außerordentlich wichtige
Lektion zu Herzen: Nur das richtige Verständnis der Massen
für die wahren Ziele der Revolution führt zum Erfolg.
Die Umsetzung ihrer Vorstellungen in die Tat durch sie selbst
garantiert erst, daß das neue Leben sich in die richtige
Richtung entwickelt. Andererseits führt ein Mangel an diesem
Verständnis und der Vorbereitung zur sicheren Niederlage
entweder durch die Reaktion oder durch unausgegorene Theorien
von Möchte-Gern-Freunden aus politischen Parteien. Bereiten
wir uns vor. Wozu und wie?

Vorbereitung
»Vorbereiten
auf die Revolution!« ruft Ihr Freund aus. »Ist das
möglich?« Ja. Es ist nicht nur möglich, sondern
unbedingt notwendig. »Deuten Sie damit geheime Vorbereitungen
an, bewaffnete Gruppen und Männer, um den Kampf durchzuführen?«
fragen Sie. Nein, mein Freund, ganz und gar nicht.
Wenn
die soziale Revolution sich nur in Straßenschlachten und
im Bau von Barrikaden erschöpft, dann wären die Vorbereitungen
angebracht, die Sie im Sinn haben. Aber das ist nicht die Revolution;
zumindest macht die Kampfphase nur einen sehr kleinen und unwichtigen
Teil aus. Die Wahrheit ist, daß Revolutionen in modernen
Zeiten nicht mehr auf Barrikaden ausgefochten werden. Diese gehören
der Vergangenheit an. Die soziale Revolution ist eine ganz anders
geartete und viel wesentlichere Sache: Sie schließt eine
Neuorganisation des ganzen gesellschaftlichen Lebens ein. Sie
werden zustimmen, daß diese sicherlich nicht durch bloßes
Kämpfen erreicht werden kann.
Natürlich
müssen die auf dem Weg zur sozialen Neuordnung stehenden
Hindernisse beseitigt werden. Dazu ist zu sagen, daß die
Mittel für diesen Neuaufbau durch die Massen aufgebracht
werden müssen. Diese Mittel befinden sich gegenwärtig
in den Händen der Regierung und des Kapitalismus, und diese
werden sich jedem Versuch widersetzen, ihnen ihre Macht und ihren
Besitz zu nehmen. Dieser Widerstand wird Kampf mit sich bringen.
Aber vergessen Sie nicht, daß dieser Kampf nicht die Hauptsache,
nicht das Ziel noch die Revolution ist. Er ist nur die Einleitung,
das Vorspiel dazu.
Es
ist unbedingt nötig, daß Sie das richtig verstehen.
Die meisten Menschen haben sehr verworrene Ansichten über
die Revolution. Sie sehen darin nur Kampf und Zerstörung.
Das ist so, als wenn Sie das Aufkrempeln der Ärmel für
eine Arbeit, die Sie ausführen sollen, schon als die Arbeit
selbst ansehen würden. Die Kampfphase ist mit dem Aufkrempeln
der Ärmel zu vergleichen. Die wahre, die eigentliche Aufgabe,
die es zu lösen gilt, stellt sich dann erst.
Was
für eine Aufgabe ist das?
»Die
irreversible Veränderung der bestehenden Zustande«,
antworten Sie. Richtig. Aber Zustände werden nicht dadurch
verändert, daß Sachen zerbrochen und zertrümmert
werden. Sie können die Lohnsklaverei nicht aufheben, indem
Sie die Anlagen in den Werken und Fabriken verwüsten, oder?
Sie werden die Regierung nicht beseitigen, indem Sie Feuer an
das Weiße Haus legen.
Revolution
nur in Begriffen wie Gewalt und Zerstörung zu verstehen hat
zur Folge, daß die ganze Idee mißdeutet und verfälscht
wird. Wenn eine solche Auffassung in die Wirklichkeit umgesetzt
wird, zeitigt das unweigerlich verheerende Folgen. Wenn ein großer
Denker wie der berühmte Anarchist Bakunin von Revolution
als Zerstörung spricht, dann meint er die Idee von Autorität
und Gehorsam, die vernichtet werden muß. Aus diesem Grunde
kann er sagen, daß Zerstörung konstruktiv ist, denn
wenn ein falscher Glaube zerstört wird, dann ist das in der
Tat ein höchst konstruktives Werk.
Aber
der Durchschnittsmensch und zu oft sogar der Revolutionär
reden gedankenlos von der Revolution als etwas, das ausschließlich
im physikalischen Sinne des Wortes zerstörerisch wirkt. Diese
Ansicht ist falsch und gefährlich. Je eher wir sie loswerden
desto besser. Eine Revolution und insbesondere die soziale Revolution
ist nicht Zerstörung sondern Konstruktion. Das kann nicht
oft genug betont werden, und wenn wir das nicht klar erkennen,
dann wird die Revolution nur zerstörerisch bleiben und damit
immer ein Fehlschlag sein. Natürlich wird die Revolution
immer von Gewalt begleitet sein, aber dann könnte man auch
sagen, daß der Bau eines neuen Hauses auf dem Platz eines
alten zerstörerisch ist, weil erst das alte Haus niedergerissen
werden muß. Die Revolution ist der Höhepunkt eines
bestimmten evolutionären Prozesses. Sie beginnt mit einem
gewalttätigen Umbruch. Dieser ist wie das Aufkrempeln der
Ärmel die Vorbereitung für den Beginn der tatsächlichen
Arbeit.
Überlegen
Sie, was die soziale Revolution bewerkstelligen und was sie erreichen
soll, und Sie werden feststellen, daß sie nicht kommt, um
zu zerstören sondern um aufzubauen. Was gibt es eigentlich
zu zerstören? Den Reichtum der Reichen? Nein, denn das ist
etwas, was die ganze Gesellschaft genießen soll.
Das
Land, die Felder, die Kohlenbergwerke, die Eisenbahnen, Fabriken,
Werke und Werkstätten. Diese wollen wir nicht zerstören,
sondern für alle Menschen nutzbar machen. Die Telegraphen,
Telephone, die Kommunikations- und Vertriebsmittel - wollen wir
die zerstören? Nein, wir wollen, daß sie den Bedürfnissen
aller dienen. Was also zerstört soziale Revolution überhaupt?
Es geht darum, daß Dinge zum allgemeinen Nutzen übernommen,
nicht aber, daß sie zerstört werden. Die Bedingungen
für den allgemeinen Wohlstand müssen neu organisiert
werden.
Nicht
das Zerstören ist das Ziel der Revolution, sondern Wiederherstellung
und Wiederaufbau. Daher ist eine Vorbereitung nötig, denn
der soziale Revolutionär ist nicht der biblische Messias,
der seine Mission aufgrund schlichter Verordnung oder auf Befehl
ausführt. Die Revolution benutzt die Hände und den Verstand
der Menschen. Und diese müssen die Ziele der Revolution erkennen,
um sie ansteuern zu können. Sie müssen wissen, was sie
wollen und wie sie es erreichen können. Der zu beschreitende
Weg, wird durch die Ziele festgelegt, die angestrebt werden sollen.
Denn das Ziel bestimmt die Mittel, genauso wie Sie einen bestimmten
Samen säen müssen, um später die gewünschte
Pflanze ernten zu können.
Worin
besteht also die Vorbereitung der sozialen Revolution? Wenn es
Ihr Ziel ist, die Freiheit zu schützen, dann müssen
Sie erst lernen, ohne Autorität und Zwang auszukommen. Wenn
Sie die Absicht haben, mit Ihren Mitmenschen in Frieden und Harmonie
zu leben, dann sollten alle untereinander Brüderlichkeit
üben und Respekt voreinander haben. Wenn man zum gemeinsamen
Nutzen aller zusammenarbeiten will, dann muß man Kooperation
praktizieren. Die soziale Revolution führt weit über
die Neugestaltung der Lebensbedingungen hinaus: Sie zieht das
Entstehen neuer menschlicher Werte und sozialer Beziehungen nach
sich, sowie ein verändertes Verhalten des Menschen gegenüber
dem Menschen, nämlich das eines freien und unabhängigen
Menschen zu seinem ebenbürtigen Partner; sie setzt eine andere
Gesinnung im individuellen und kollektiven Leben voraus, und diese
Gesinnung kann nicht von einem Tag auf den anderen entstehen.
Dieser Geist muß gehegt und gepflegt werden wie eine sehr
empfindliche Blume, denn er ist die Blume eines neuen und herrlichen
Daseins.
Täuschen
Sie sich nicht selbst mit der dummen Redewendung, daß »die
Dinge sich von allein arrangieren«. Nichts arrangiert sich
jemals von selbst, am wenigsten die menschlichen Beziehungen.
Es sind die Menschen, die etwas arrangieren und sie handeln in
Übereinstimmung mit ihrer Einstellung zu und ihrem Verständnis
für die Dinge. Neue Situationen und veränderte Bedingungen
lassen uns andersartig fühlen, denken und handeln. Aber die
neuen Bedingungen selbst können nur als Ergebnis neuer Gefühle
und Ideen zustandekommen. Die soziale Revolution ist solch eine
neue Bedingung. Wir müssen anders denken lernen, bevor die
Revolution kommen kann. Nur das ermöglicht die Revolution.
Wir
müssen lernen, anders über Regierung und Autorität
zu denken, denn solange wir so denken und handeln wie heute, wird
es Intoleranz, Verfolgung und Unterdrückung geben, selbst
wenn die organisierte Regierung abgeschafft ist. Wir müssen
die menschliche Natur unseres Mitmenschen respektieren lernen,
uns nicht einmischen und seine Freiheit als genauso heilig wie
die unsrige empfinden; seine Freiheit und seine Persönlichkeit
respektieren, dem Zwang jeder Art abschwören: wir müssen
begreifen daß das Heilmittel gegen alte Übel der Freiheit
mehr Freiheit ist, daß die Freiheit die Mutter der Ordnung
ist.
Ferner
müssen wir lernen, daß Gleichheit gleiche Möglichkeit
bedeutet, daß Monopol ihre Verneinung ist und daß
nur Brüderlichkeit die Gleichheit bewahrt. Das können
wir nur lernen, wenn wir uns von den falschen Ideen des Kapitalismus
und des Besitzes, von Mein und Dein, von dem engstirnigen Begriff
des Eigentums befreien. Indem wir das lernen, werden wir in den
Geist der echten Freiheit und Solidarität hineinwachsen und
erfahren, daß der freie Zusammenschluß die Seele jeder
Errungenschaft ist. Wir werden dann erkennen, daß die soziale
Revolution die Frucht von Kooperation, solidarischem Handeln und
gemeinsamem Einsatz ist. Vielleicht meinen Sie, daß dieser
Prozeß zu langsam vorankommt, daß die Bemühungen
zuviel Zeit beanspruchen werden. Ja, ich gebe zu, daß es
eine schwierige Aufgabe ist. Aber fragen Sie sich selbst, ob es
wohl besser ist, ein neues Haus schnell, aber so schlecht zu bauen,
daß es vielleicht über Ihrem Kopf zusammenbricht, als
ordentlich zu bauen, selbst wenn es mehr und härtere Arbeit
erfordert.
Denken
Sie daran, daß die soziale Revolution Freiheit und Wohlergehen
der ganzen Menschheit verkörpert und daß von ihr die
vollständige und endgültige Emanzipation der Arbeiterschaft
abhängt. Berücksichtigen Sie auch, daß dann, wenn
Pfuscharbeit geleistet wird, alle Anstrengungen und Leiden umsonst
sind oder noch schlimmer, daß infolge der mies ausgeführten
Revolution die alte Tyrannei nur durch eine andere abgelöst
wird, die aufgrund ihrer Neuartigkeit unbemerkt ein Eigenleben
entwickelt. Dann werden sich die neu geschmiedeten Ketten stärker
als die alten erweisen.
Bedenken
Sie auch, daß die soziale Revolution, die wir im Sinn haben,
ein Werk vollbringen soll, an dessen Vollendung viele Generationen
gearbeitet haben, denn die gesamte Geschichte der Menschheit war
Kampf für Freiheit und gegen Sklaverei, für sozialen
Wohlstand und gegen Armut und Elend, für Gerechtigkeit und
gegen Ungerechtigkeit. Was wir Fortschritt nennen, war ein leidensvoller
aber ständiger Marsch in Richtung auf eingeschränkte
Autorität und Regierungsmacht, auf Ausdehnung der Rechte
und Freiheiten sowohl des Einzelnen als auch der Massen. Dieser
Kampf hat Tausende von Jahren angehalten. Der Grund, daß
er so lange gedauert hat - und jetzt noch nicht beendet ist -
ist, daß die Menschen die wirklichen Schwierigkeiten nicht
erkannten: Sie kämpften gegen dieses und jenes, sie wechselten
die Könige, bildeten neue Regierungen, setzten einen Herrscher
ab, nur um ihn durch einen neuen zu ersetzen, vertrieben einen
»ausländischen« Unterdrücker, nur um unter
dem Joch eines Einheimischen zu leiden, beseitigten eine Form
der Tyrannei, wie die des Zaren, und unterwarfen sich der einer
Parteidiktatur, und immer wieder vergossen sie ihr Blut und opferten
heldenhaft ihr Leben in der Hoffnung, Freiheit und Wohlstand zu
erlangen. Aber sie fanden nur neue Beherrscher, weil sie, so verzweifelt
und eindrucksvoll sie auch kämpften, nie den wahren Kern
des Übels antasteten, das Prinzip von Autorität und
Regierung. Sie erkannten nicht, daß sie die eigentlichen
Quellen der Versklavung und Unterdrückung sind und es gelang
ihnen darum nie, die Freiheit zu erlangen.
Aber
heute wissen wir, daß echte Freiheit nichts mit einem Wechsel
von Königen oder Herrschern zu tun hat. Wir wissen, daß
das ganze System von Herr und Knecht abgeschafft werden muß,
daß das gesamte soziale System falsch ist, daß Regierung
und Zwang beseitigt werden müssen, daß Autorität
und Monopol mit ihren eigentlichen Wurzeln ausgemerzt werden müssen.
Glauben Sie immer noch, daß irgendeine Vorbereitung auf
diese große Aufgabe zu schwierig sein könnte? Vergegenwärtigen
wir uns darum im ganzen Ausmaß, wie wichtig die Vorbereitung
auf die soziale Revolution ist, die richtige Vorbereitung.
»Aber
welches ist das richtige Verfahren?« fragen Sie. »Und
wer soll vorbereiten?« Wer vorbereiten soll? Zuerst einmal
Sie und ich - alle, die bei ihrer Verwirklichung helfen wollen.
Und Sie und ich sind jeder Mann und jede Frau; zumindest jeder
anständige Mann und jede anständige Frau, die Unterdrückung
hassen und Freiheit lieben, jeder, der das Elend und die Ungerechtigkeit
nicht ertragen kann, die die Welt heute beherrschen.
Und
vor allem jene, die am meisten unter den bestehenden Bedingungen
zu leiden haben, unter Lohnsklaverei, Unterwerfung und Unwürde.
»Die Arbeiter natürlich«, sagen Sie. Ja, die
Arbeiter. Als den am schlimmsten mitgespielten Opfern der heutigen
Institutionen liegt es in ihrem Interesse, sie abzuschaffen. Es
ist zutreffend gesagt worden, daß »die Emanzipation
der Arbeiter durch die Arbeiter selbst erreicht werden muß«,
denn keine andere Klasse in der Gesellschaft wird ihnen dazu verhelfen.
Jedoch hat die Emanzipation der Arbeiterschaft gleichzeitig die
Befreiung der ganzen Gesellschaft zur Folge, und darum sprechen
manche Leute von der »historischen Mission« des Arbeiters,
die zu besseren Tagen führen soll.
Aber
»Mission« ist nicht das richtige Wort. Es läßt
an eine Pflicht oder Aufgabe denken, die jemandem von außerhalb,
von irgendeiner äußeren Macht auferlegt worden ist.
Diese Vorstellung ist falsch und irreführend, im wesentlichen
drückt sie eine religiöse, metaphysische Empfindung
aus. Wenn die Emanzipation des Arbeiters tatsächlich eine
»historische Mission« ist, dann wird die Geschichte
dafür sorgen, daß sie auch stattfindet, gleichgültig
was wir denken, fühlen oder dazu beitragen mögen. Eine
solche Einstellung macht menschliche Bemühungen sinnlos und
überflüssig, denn »was sein muß, wird sein«.
Solch eine seltsame Vorstellung zerstört jegliche Initiative
und Bewegungsfreiheit des menschlichen Verstands und Willens.
Es
ist eine gefährliche und schädliche Idee. Es gibt keine
Macht außerhalb des Menschen, die ihn befreien kann, keine,
die ihn mit einer »Mission« beauftragen kann. Weder
der Himmel noch die Geschichte können das. Die Geschichte
ist die Erzählung von dem, was geschehen ist. Sie kann eine
Lektion erteilen, aber niemals eine Aufgabe. Es ist nicht die
»Mission«, sondern das Interesse des Proletariats,
sich von der Knechtschaft zu befreien. Wenn die Arbeiterschaft
nicht bewußt und aktiv darum kämpft dann wird es nie
geschehen. Es ist notwendig, daß wir uns von diesem dummen
und falschen Begriff der »historischen Missionen«
freimachen. Nur wenn die Massen zur richtigen Erkenntnis ihrer
gegenwärtigen Lage, zur richtigen Einschätzung ihrer
Möglichkeiten und Kräfte kommen, Einigkeit und Kooperation
erlernen und praktizieren, werden sie die Freiheit gewinnen. Auf
ihrem Wege dahin werden sie auch den Rest der Menschheit befreien.
Aus
diesem Grunde geht der proletarische Kampf jeden an, und alle
aufrichtigen Männer und Frauen sollten der Arbeiterklasse
bei ihrer großen Aufgabe zur Seite stehen. Obwohl nur die
Arbeiter das Werk der Emanzipation bewältigen können,
so brauchen sie in der Tat auch die Hilfe anderer Gruppen aus
der Gesellschaft. Denn sie dürfen nicht vergessen, daß
die Revolution vor dem Aufbau einer neuen Zivilisation steht -
einem Werk, das größte revolutionäre Integrität
und kluge Zusammenarbeit aller gutmeinenden und freiheitsliebenden
Elemente erfordert. Wir wissen schon, daß es bei der sozialen
Revolution nicht nur um die Abschaffung des Kapitalismus geht.
Wir mögen den Kapitalismus fortjagen, genauso wie wir den
Feudalismus los wurden, und trotzdem können wir Sklaven bleiben
wie zuvor. Anstatt wie jetzt Sklave des privaten Monopols zu sein,
könnten wir Knechte des Staatskapitalismus werden, wie es
beispielsweise mit den Menschen in Rußland geschehen ist
und sich die Dinge in Italien und anderen Ländern gerade
entwickeln. Die soziale Revolution - und das darf nie vergessen
werden - will nicht eine Art der Unterwerfung durch eine andere
ersetzen, sondern alles beseitigen, das Sie versklaven und unterdrücken
kann.
Eine
politische Revolution mag durch ein konspirativ arbeitendes Monopol
erfolgreich beendet werden, indem es an die Stelle einer herrschenden
Clique eine andere setzt. Aber die soziale Revolution stellt nicht
nur eine politische Veränderung dar: Sie ist eine grundlegende
wirtschaftliche, ethische und kulturelle Umgestaltung. Eine konspirativ
arbeitende Minderheit oder politische Partei, die solch einen
Versuch unternimmt, muß auf den aktiven und passiven Widerstand
der großen Mehrheit stoßen und wird daher zu einem
System von Diktatur und Terror entarten.
Angesichts
einer feindlichen Mehrheit ist die soziale Revolution von Anfang
an zum Scheitern verurteilt. Das heißt, daß die erste
Stufe der Vorbereitung auf die Revolution in der Gewinnung der
Mehrheit der Massen für die Revolution und ihre Ziele besteht;
zumindest müssen die Massen dazu gebracht werden, sich vom
aktiven Feind zum passiven Sympathisanten zu wandeln, was im Endeffekt
zu ihrer Neutralisierung führt, so daß sie - wenn sie
schon nicht für die Revolution eintreten - wenigstens nicht
mehr gegen sie kämpfen.
Das
wirkliche, eigentliche Werk der sozialen Revolution muß
natürlich von den Arbeitern selbst, von den erwerbstätigen
Menschen ausgeführt werden. Und hierbei lassen Sie uns nicht
vergessen, daß nicht nur die Menschen in der Fabrik zu den
Arbeitern gehören, sondern auch die Bauern. Einige Radikale
neigen dazu, das industrielle Proletariat überzubewerten,
während sie die Existenz des landwirtschaftlichen Arbeiters
fast völlig ignorieren. Was könnte jedoch der Fabrikarbeiter
ohne den Bauern erreichen? Die Landwirtschaft ist der wesentlichste
Faktor des Lebens, die Stadt würde hungern ohne das Land.
Es ist müßig, Industriearbeiter und Landarbeiter zu
vergleichen oder ihren relativen Wert zu diskutieren. Keiner kann
ohne den anderen leben; beide sind gleich wichtig in einem Schema
des Lebens und genauso in der Revolution und beim Aufbau einer
neuen Gesellschaft.
Es
stimmt, daß Revolutionen zuerst in Industriegebieten ausbrechen,
jedenfalls eher als in landwirtschaftlichen. Das ist nur natürlich,
da dort eine größere Ballung der arbeitenden Bevölkerung
gegeben ist und daher auch der allgemeinen Unzufriedenheit. Aber
wenn das industrielle Proletariat ein Vorposten der Revolution
ist, dann ist der Landarbeiter ihr Rückgrat. Wenn das letztere
schwach oder gebrochen ist, dann ist der Vorposten und damit auch
die Revolution selbst verloren.
Aus
diesem Grunde liegt die soziale Revolution in den Händen
beider, nämlich sowohl des Industrie- als auch des Landarbeiters.
Leider muß zugegeben werden, daß es zu wenig Verständnis
und fast gar keine Freundschaft oder direkte Zusammenarbeit zwischen
beiden gibt. Noch schlimmer als das- und zweifellos ein Ergebnis
dessen - es existiert eine gewisse Abneigung und Feindschaft zwischen
den Proletariern des Feldes und der Fabrik. Der Stadtmensch würdigt
die harte und erschöpfende Arbeit des Bauern zu wenig, der
ihm dies instinktiv verübelt. Darüber hinaus ist der
Bauer geneigt, den Arbeiter aus der Stadt als einen Müßiggänger
zu betrachten, da er mit der anstrengenden und oft gefährlichen
Arbeit in der Fabrik nicht vertraut ist. Eine bessere Annäherung
und größeres Verständnis der beiden füreinander
ist unbedingt notwendig. Der Kapitalismus gedeiht nicht so sehr
auf der Teilung der Arbeit als auf der Teilung der Arbeiter. Er
versucht, eine Rasse gegen die andere aufzuhetzen, den Fabrik-
gegen den Landarbeiter, den ungelernten Arbeiter gegen den Facharbeiter,
die Arbeiter des einen gegen die des anderen Landes. Die Macht
der ausbeutenden Klasse beruht auf einer entzweiten, uneinigen
Arbeiterschaft. Die soziale Revolution braucht aber die Einheit
der arbeitenden Massen und vor allen Dingen die Kooperation des
Proletariats aus der Fabrik mit seinem Bruder auf dem Land.
Eine
weitergehende Annäherung beider ist ein wichtiger Schritt
bei der Vorbereitung der sozialen Revolution. Echter Kontakt zwischen
ihnen ist von größter Wichtigkeit. Gemeinsame Räte,
der Austausch von Delegierten, ein System von Genossenschaften
und andere Methoden ähnlicher Art würden zu einer engeren
Bindung und einem besseren Verständnis zwischen dem Arbeiter
und dem Bauern führen.
Aber
nicht nur die Zusammenarbeit von Fabrik- und Landarbeiter ist
für die Revolution von Bedeutung. Es gibt ein anderes Element,
das im konstruktiven Werk der Revolution unbedingt notwendig ist.
Es ist der geschulte Verstand des Fachmannes.
Machen
Sie nicht den Fehler anzunehmen, daß die Welt nur mit den
Händen erbaut worden ist. Auch der Verstand ist erforderlich
gewesen. Ebenso braucht die Revolution beide, den Mann mit Muskeln
und den Mann mit Verstand. Viele Leute bilden sich ein, daß
allein der manuell Arbeitende die gesamte Arbeit der Gesellschaft
ausführen kann. Das ist eine irrige Vorstellung, ein sehr
schwerwiegender Irrtum, der dem Unrecht kein Ende machen wird.
Diese Auffassung hat in der Tat bei früheren Gelegenheiten
großen Schaden angerichtet, und es gibt gute Gründe
für die Befürchtung, daß sie auch die besten Errungenschaften
der Revolution zunichte machen könnte.
Die
Arbeiterklasse setzt sich zusammen aus den Lohnempfängern
in der Industrie und in der Landwirtschaft. Aber die Arbeiter
brauchen die Dienste der Fachleute, der Manager, den Elektro-
und Maschinenbauingenieur, den technischen Spezialisten, den Wissenschaftler,
den Erfinder, den Chemiker, den Erzieher, den Arzt und den Chirurgen.
Kurz gesagt, das Proletariat braucht unbedingt die Hilfe der Fachleute,
ohne deren Kooperation eine produktive Arbeit nicht möglich
ist. Die meisten dieser Fachleute gehören in Wirklichkeit
auch zum Proletariat. Sie sind das intellektuelle Proletariat,
das Proletariat des Verstandes. Es ist klar, daß es keinen
Unterschied macht, ob man seinen Lebensunterhalt mit den Händen
oder mit dem Kopf verdient. Tatsächlich wird keine Arbeit
nur mit den Händen oder nur mit dem Kopf getan. Der Einsatz
beider Arten der Arbeit wird bei jeder Aufgabe verlangt. Der Zimmermann
muß beispielsweise im Laufe seiner Arbeit berechnen, messen
und mit den Händen arbeiten; er muß seine Hände
und seinen Kopf gebrauchen. Ebenso muß sich der Architekt
seinen Plan ausdenken, bevor er ihn auf Papier zeichnen und in
der Praxis verwenden kann.
»Aber
nur die Arbeiter können produzieren«, wendet Ihr Freund
ein, »Kopfarbeit ist unproduktiv.« Falsch, mein Freund.
Weder die manuelle Arbeit noch die Kopfarbeit kann etwas allein
produzieren. Beide sind erforderlich, und zwar in Zusammenarbeit,
um etwas hervorzubringen. Bauarbeiter und Maurer können die
Fabrik ohne den Plan des Architekten nicht erbauen, genausowenig
wie der Architekt eine Brücke ohne Eisen und Stahl errichten
kann. Niemand von ihnen kann allein etwas produzieren. Aber beide
zusammen können Wunder vollbringen. Verfallen Sie auch nicht
dem irrigen Glauben, daß nur produktive Arbeit zählt.
Es gibt viele Arten von Arbeit, die nicht unmittelbar produktiv
sind, die aber nützlich und für unser Dasein und unseren
Komfort sogar unbedingt notwendig und daher genauso wichtig wie
produktive Arbeit sind.
Nehmen
Sie zum Beispiel den Eisenbahningenieur und den Zugführer.
Sie produzieren nichts, aber sie sind wesentliche Faktoren im
Produktionssystem. Ohne die Eisenbahn und andere Transport- und
Kommunikationsmittel könnten wir weder die Produktion noch
den Vertrieb meistern.
Produktion
und Vertrieb stellen die zwei Pole ein und derselben Lebensachse
dar. Die für den einen Pol aufgewendete Arbeit ist genauso
wichtig wie die für den anderen aufgewendete. Was ich oben
gesagt habe, gilt für zahlreiche Arten menschlichen Tuns,
das, obwohl es nicht direkt produktiv ist, eine wichtige Rolle
in den mannigfaltigen Prozessen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftslebens
spielt. Der Wissenschaftler, der Erzieher, der Arzt und der Chirurg
sind im technischen Sinne des Wortes nicht produktiv. Aber ihre
Arbeit ist für unser Leben und unseren Wohlstand unbedingt
nötig. Eine zivilisierte Gesellschaft könnte ohne sie
nicht auskommen.
Es
ist darum offensichtlich, daß, nützliche Arbeit gleichermaßen
von Bedeutung ist, wird sie nun unter Mitwirkung des Verstandes
oder der Muskeln, manuell oder iintellektuell erbracht. Auch ist
es gleichgültig, ob man Gehalt oder Lohn empfängt, ob
jemandem viel oder wenig gezahlt wird oder welche politischen
oder anderen Ansichten jemand hat. Alle die Elemente, die nützliche
Arbeit zum allgemeinen Wohlstand beitragen können, werden
in der Revolution für den Aufbau eines neuen Lebens benötigt.
Keine Revolution kann ohne ihre solidarische Zusammenarbeit erfolgreich
sein, und je früher wir das einsehen desto besser. Die Neugestaltung
der Gesellschaft umfaßt die Umorganisation der Industrie,
das richtige Funktionieren der Produktion, die Leitung des Vertriebs
und zahlreiche andere soziale, erzieherische und kulturelle Bemühungen,
um die gegenwärtige Lohnsklaverei und Knechtschaft in ein
Leben voller Freiheit und Wohlstand umzuwandeln. Nur wenn man
Hand in Hand arbeitet, wird das Proletariat der Muskeln in der
Lage sein, diese Probleme zu lösen.
Es
ist höchst bedauerlich, daß eine Atmosphäre der
Unfreundlichkeit oder sogar Feindschaft zwischen dem manuell und
dem intellektuell Arbeitenden herrscht. Dieses Gefühl ist
in dem Mangel an Verständnis, in Vorurteil und Engstirnigkeit
auf beiden Seiten begründet. Traurigerweise muß zugegeben
werden, daß in bestimmten Kreisen der Arbeiterschaft und
sogar unter einigen Sozialisten und Anarchisten die Tendenz besteht,
die Arbeiter gegen die Mitglieder des intellektuellen Proletariats
aufzubringen. Solch ein Verhalten ist dumm und kriminell, da es
dem Wachstum und der Entwicklung der sozialen Revolution nur schaden
kann. Es war einer der verhängnisvollen Fehler der Bolschewisten
in den ersten Phasen der russischen Revolution, daß sie
die Lohnempfänger absichtlich gegen die Fachleute in einem
solchen Ausmaß aufhetzten, daß eine freundschaftliche
Zusammenarbeit unmöglich gemacht wurde. Ein unmittelbares
Ergebnis dieser Politik war der Zusammenbruch der Industrie aus
Mangel an geistiger Führung, ebenso wie der fast totale Ausfall
der Eisenbahnverbindungen, weil es kein fachkundiges Management
gab. Als Lenin sah, daß Rußland wirtschaftlich vor
dem Ruin stand, weil die Fabrikarbeiter und Bauern das industrielle
und landwirtschaftliche Leben des Landes nicht allein in Gang
halten konnten, entschied er, die Hilfe der Fachleute in Anspruch
zu nehmen. Er führte ein neues System ein, um die Techniker
zur Hilfe beim Wiederaufbau zu bewegen. Aber diese Änderung
kam fast zu spät, denn die vielen Jahre des gegenseitigen
Hasses und der Verfolgung hatten eine so tiefe Kluft zwischen
dem manuell und dem intellektuell Arbeitenden geschaffen, daß
gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit außerordentlich
erschwert wurden. Rußland brauchte viele Jahre heroischer
Anstrengungen, um die Auswirkungen dieses brudermörderischen
Kriegs einigermaßen wieder gutzumachen.
Lassen
Sie uns diese wichtige Lektion aus dem russischen Experiment lernen.
»Aber die Fachleute gehören der Mittelklasse an«,
wenden Sie ein, »und die sind bourgeois gesinnt.«
Richtig, Fachleute haben im allgemeinen eine bourgeoise Einstellung,
aber sind nicht die meisten Arbeiter auch bourgeois gesinnt? Das
heißt doch nur, daß beide in autoritären und
kapitalistischen Vorurteilen verhaftet sind. Und gerade diese
müssen durch Aufklärung und Erziehung der Leute, ob
sie nun Hand- oder Geistesarbeiter sind, ausgerottet werden. Das
ist der erste Schritt in der Vorbereitung der sozialen Revolution.
Es
stimmt aber nicht, daß Fachleute als solche unbedingt der
Mittelklasse angehören. Die wahren Interessen der sogenannten
Intellektuellen liegen eher auf Seiten der Arbeiter als auf Seiten
der Herren. Gewiß, die meisten unter ihnen erkennen das
nicht. Aber der verhältnismäßig hochbezahlte Zugführer
oder Eisenbahningenieur fühlt sich genauso wenig als Mitglied
der Arbeiterklasse. Durch sein Einkommen und sein Verhalten gehört
auch er zur Bourgeoisie. Aber nicht das Einkommen oder das Gefühl
bestimmen, zu welcher Gesellschaftsschicht ein Mensch gehört.
Wenn der Bettler auf der Straße sich vorstellt, ein Millionär
zu sein, ist er dann einer?
Die
Vorstellung eines Menschen darüber, was er ist, ändert
nichts an seiner tatsächlichen Lage. Und die wirkliche Situation
ist die, daß, wer immer seine Arbeit verkaufen muß,
ein Arbeitnehmer, ein bezahlter Abhängiger, ein Lohnempfänger
ist und damit liegen seine wahren Interessen auf Seiten der Arbeitnehmer,
also gehört er zur Arbeiterklasse.
In
Wirklichkeit ist der intellektuelle Proletarier noch viel mehr
seinem kapitalistischen Herrn ausgeliefert als der Mann mit Spitzhacke
und Schaufel. Der letztere kann leicht seinen Arbeitsplatz wechseln.
Wenn er für einen bestimmten Boß nicht arbeiten will,
dann kann er sich einen anderen suchen. Der intellektuell Arbeitende
andererseits ist viel mehr von seinem speziellen ]ob abhängig.
Sein Wirkungsbereich ist viel stärker begrenzt. Unerfahren
in irgendeinem anderen Beruf und physisch unfähig, als Tagelöhner
zu arbeiten, ist er (in der Regel) auf einen verhältnismäßig
begrenzten Bereich der Architektur, des Ingenieurwesens, des Journalismus
oder ähnlicher Arbeit beschränkt. Das liefert ihn stärker
der Gnade seines Arbeitgebers aus und verleitet ihn, dessen Partei
gegenüber seinen unabhängigeren Mitarbeitern an der
Werkbank zu ergreifen.
Aber
wie auch immer sich der bezahlte und abhängige Intellektuelle
verhalten mag, er gehört der proletarischen Klasse an. Die
Behauptung ist jedoch falsch, daß die Intellektuellen immer
die Partei der Bosse gegen die Arbeiter ergreifen. »Im allgemeinen
tun sie es«, höre ich irgendeinen radikalen Fanatiker
ausrufen. Und die Arbeiter? Unterstützen sie denn nicht im
allgemeinen die Bosse und das System des Kapitalismus? Könnte
das System weiterhin ohne ihre Unterstützung existieren?
Es wäre jedoch falsch, daraus zu folgern, daß die Arbeiter
bewußt Hand in Hand mit ihren Ausbeutern arbeiten. Genausowenig
trifft es für die Intellektuellen zu. Wenn die Mehrheit der
letzteren auf der Seite der herrschenden Klasse steht, so liegt
es an ihrer Unkenntnis in bezug auf gesellschaftliche Probleme
und weil sie ihre eigenen Interessen trotz all ihrer »Intelligenz«
nicht erkannt haben. Ebenso helfen die großen Arbeitermassen,
die sich ihrer wahren Interessen genauso wenig bewußt sind,
den Bossen gegen ihre Mitarbeiter, manchmal sogar in demselben
Beruf und in derselben Fabrik, ganz zu schweigen von dem Fehlen
nationaler und internationaler Solidarität. Das beweist nur,
daß der eine wie der andere, der Arbeiter nicht weniger
als der intellektuelle Proletarier der Aufklärung bedürfen.
Um
den Intellektuellen gerecht zu werden, wollen wir nicht vergessen,
daß ihre besten Vertreter immer auf der Seite der Unterdrückten
standen. Sie haben Freiheit und Emanzipation verteidigt, und oft
waren sie die ersten, die die tiefsten Sehnsüchte der arbeitenden
Massen aussprachen. In dem Kampf für Freiheit haben sie oft
auf den Barrikaden Schulter an Schulter mit den Arbeitern gestanden
und sind im Kampf für deren Sache gestorben. Wir brauchen
nicht lange zu suchen, um das beweisen zu können. Es ist
eine bekannte Tatsache, daß jede fortschrittliche, radikale
und revolutionäre Bewegung der letzten hundert Jahre in bezug
auf Gedanken und Ideen von den besten Elementen der intellektuellen
Klassen inspiriert worden ist. Die Initiatoren und Organisatoren
der revolutionären Bewegung, beispielsweise in Rußland
vor einem Jahrhundert, waren Intellektuelle, Männer und Frauen
nichtproletarischer Herkunft und Standeszugehörigkeit. Genausowenig
war ihre Freiheitsliebe nur theoretischer Natur. Buchstäblich
Tausende von ihnen widmeten ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihr
Leben dem Dienst der Massen. Es gibt nicht ein Land, wo nicht
solche edlen Männer und Frauen ihre Solidarität mit
den Enteigneten bewiesen haben, indem sie sich selbst der Wut
und Verfolgung ihrer eigenen Klasse aussetzten, weil sie mit den
Unterdrückten Hand in Hand arbeiteten. Die jüngste Geschichte
genauso wie die der Vergangenheit ist voll von solchen Beispielen.
Die Garibaldis, die Kossuths, die Liebknechts, Rosa Luxemburgs,
die Landauers, die Lenins und die Trotzkis waren doch nichts anderes
als Intellektuelle der Mittelklasse, die sich auf die Seite des
Proletariats stellten. Die Geschichte jedes Landes und jeder Revolution
erhält Glanz durch ihre uneigennützige Hingabe für
die Freiheit und Arbeiterschaft.
Lassen
Sie uns das nicht vergessen und uns nicht durch fanatische Vorurteile
und grundlose Feindschaft blenden. Der Intellektuelle hat der
Arbeiterklasse in der Vergangenheit große Dienste geleistet.
Es wird von dem Verhalten der Arbeiter ihm gegenüber abhängen,
in welchem Maße er in der Lage und bereit sein wird, zu
der Vorbereitung und Verwirklichung der sozialen Revolution beizutragen.

Die
Organisation der Arbeiterschaft für die soziale Revolution
Eine
richtige Vorbereitung, wie auf den vorangegangenen Seiten vorgeschlagen,
wird im großen Maße die Aufgabe der sozialen Revolution
erleichtern und ihre gesunde Entwicklung und ihr Funktionieren
sicherstellen. Nun, was werden die Hauptfunktionen der Revolution
sein?
Jedes
Land hat seine spezifischen Bindungen, seine eigene Psychologie,
seine eigenen Traditionen, und der Revolutionsprozeß wird
natürlich die Besonderheiten jedes Landes und seiner Bewohner
widerspiegeln. Aber im Grunde sind sich alle Länder in ihrem
sozialen (eher antisozialen) Wesen ähnlich: Welcher Art die
politischen Formen des Wirtschaftssystems auch sein mögen,
sie sind alle auf sich einmischenden Autoritäten, auf dem
Monopol und auf der Ausbeutung des Arbeiters aufgebaut. Die Hauptaufgabe
der sozialen Revolution ist daher im wesentlichen überall
die gleiche: Die Abschaffung der Regierung und der wirtschaftlichen
Ungleichheit sowie die Sozialisierung der Produktions- und Vertriebsmittel.
Produktion, Distribution und Kommunikation sind die Grundlagen
der Existenz, auf sie stützt sich die Macht der Zwangsautorität
und des Kapitals. Dieser Macht einmal beraubt würden die
Regierenden und Herrscher genauso gewöhnliche Menschen wie
Sie und ich werden, Bürger ohne Rang unter Millionen anderen.
Das zu erreichen, ist also die allererste und dringendste Aufgabe
der sozialen Revolution.
Wir
wissen, daß die Revolution mit Straßenunruhen und
Ausschreitungen beginnt; in der einleitenden Phase treten Gewalt
und Aufruhr auf. Aber das ist nur der spektakuläre Auftakt
der wirklichen Revolution. Das jahrelange Elend und die Schmach,
die die Massen ertragen haben, führen explosionsartig zu
Unordnung und Tumult, die Erniedrigung und Ungerechtigkeit, die
demütig jahrzehntelang ertragen wurden, machen sich in Taten
der Raserei und Zerstörung Luft. Das ist unvermeidlich, und
für diese vorübergehenden Erscheinungen der Revolution
ist allein die herrschende Klasse verantwortlich. Denn in sozialer
Hinsicht ist der Ausspruch »wer Wind sät, wird Sturm
ernten« sogar noch zutreffender als in individueller; je
größer die Unterdrückung und das Elend sind, denen
sich die Massen unterwerfen müssen, desto heftiger wird der
soziale Sturm wüten. Die gesamte Geschichte beweist das,
aber die Beherrscher des Lebens haben nie auf ihre warnende Stimme
gehört. Diese Phase der Revolution ist von kurzer Dauer.
Gewöhnlich folgt ihr die bewußtere, jedoch noch immer
spontane Zerstörung der Zitadellen der Autorität, der
sichtbaren Symbole der organisierten Gewalt und 6rutalität:
Gefängnisse, Polizeistationen und andere Regierungsgebäude
werden angegriffen, Gefangene befreit und Akten zerstört.
Auf diese Weise kommt die instinktiv vorhandene Vorstellung des
Volkes von Gerechtigkeit zum Ausdruck. So war zum Beispiel die
Zerstörung der Bastille eines der ersten Anzeichen der französischen
Revolution.
So
wurden auch beim ersten Ausbruch der Revolution in Rußland
Gefängnisse gestürmt und die Gefangenen befreit. Die
gesunde Intuition der Menschen sieht richtigerweise in Gefangenen
sozial Benachteiligte, Opfer der Zustände, und sie sympathisiert
deswegen mit ihnen. Die Massen betrachten die Gerichte und ihre
Prozeßprotokolle als Instrumente der ungerechten Klassenjustiz,
und diese werden zu Beginn der Revolution und ganz zu Recht zerstört.
Aber
diese Phase endet schnell: Der Zorn der Menschen ist bald verraucht.
Gleichzeitig beginnt die konstruktive Arbeit der Revolution. »Glauben
Sie wirklich, daß der Neuaufbau schon so früh beginnen
kann?« fragen Sie. Mein Freund, er muß sofort beginnen.
Je besser die Massen aufgeklärt worden sind, je deutlicher
die Arbeiter ihre Ziele erkennen und je besser sie gerüstet
sind, desto weniger wird die Revolution destruktiv sein und desto
schneller und wirkungsvoller wird die Arbeit für den Neuaufbau
beginnen. »Sind Sie nicht zu hoffnungsvoll?« Nein,
das glaube ich nicht. Ich bin überzeugt, daß die soziale
Revolution nicht »einfach eintritt«. Sie muß
vorbereitet und organisiert werden. Ja, tatsächlich organisiert
- genauso wie ein Streik organisiert wird. In Wirklichkeit wird
es ein Streik sein, der Streik der vereinten Arbeiter eines ganzen
Landes - ein Generalstreik.
Lassen
Sie uns eine Pause machen und darüber nachdenken. Wie stellen
Sie es sich vor, wie eine Revolution angesichts der modernen Panzerwagen,
Giftgase und Militärflugzeuge ausgeführt werden könnte?
Glauben Sie, daß die unbewaffneten Massen und ihre Barrikaden
der kampfstarken Artillerie und den Bomben, die von Flugzeugen
auf sie abgeworfen werden, Widerstand leisten könnte? Könnten
die Arbeiter die Streitkräfte der Regierung und des Kapitals
schlagen?
Das
ist schon auf den ersten Blick lächerlich, nicht wahr? Und
genauso lächerlich ist der Vorschlag, demzufolge die Arbeiter
ihre eigenen Regimenter aufstellen sollen, »Stoßtrupps«
oder eine »Rote Front«, wie es Ihnen die kommunistischen
Parteien raten. Werden solche proletarischen Gruppen jemals in
der Lage sein, sich gegen die Streitkräfte der Regierung
und die Privattruppen des Kapitals zur Wehr zu setzen? Werden
sie auch nur die geringste Chance haben?
Schon
bei der Erwähnung eines solchen Vorschlags erkennt man seine
ganze Torheit. Es würde schlicht heißen, daß
Tausende von Arbeitern in den sicheren Tod geschickt werden.
Es
wird Zeit, dieser veralteten Vorstellung von einer Revolution
ein Ende zu setzen. Heutzutage sind Regierung und Kapital militärisch
zu gut gerüstet, als daß es den Arbeitern je möglich
wäre, damit fertig zu werden. Schon der Versuch wäre
kriminell und es ist Wahnsinn, auch nur daran zu denken. Die Macht
der Arbeiterschaft liegt nicht auf dem Schlachtfeld. Sie liegt
in der Werkstatt, im Bergwerk und in der Fabrik, da liegt ihre
Macht, die durch keine Armee der Welt besiegt, durch keine menschliche
Einrichtung niedergeschlagen werden kann.
Mit
anderen Worten, die soziale Revolution kann nur durch das Mittel
des Generalstreiks erfolgen. Der Generalstreik, richtig verstanden
und sorgfältig ausgeführt, ist die soziale Revolution.
Dessen wurde sich die britische Regierung viel schneller bewußt
als die Arbeiter, als der Generalstreik im Mai 1926 ausgerufen
wurde. »Das bedeutet Revolution«, sagte die Regierung
in der Tat zu den Streikführern. Trotz der Armee und der
Marine waren die Behörden angesichts dieser Situation machtlos.
Sie können Leute mit Kugeln in den Tod, aber nicht zur Arbeit
schicken. Die Arbeiterführer selbst waren bei dem Gedanken
erschrocken, daß der Generalstreik wirklich Revolution bedeutete.
Das britische Kapital und die Regierung waren bei diesem Streik
erfolgreich - nicht durch die Macht der Waffen, sondern wegen
des Mangels an Intelligenz und Mut seitens der Arbeiterführer
und weil die englischen Arbeiter auf die Konsequenzen des Generalstreiks
nicht vorbereitet waren. Offen gesagt, ihnen war diese Idee ganz
neu. Sie hatten niemals zuvor sich dafür interessiert, hatten
nie seine Bedeutung und seine Möglichkeiten studiert. Es
kann mit Sicherheit gesagt werden, daß eine ähnliche
Situation sich in Frankreich ganz anders entwickelt hätte,
weil die Arbeiter in diesem Land seit Jahren mit dem Generalstreik
als einer revolutionären proletarischen Waffe vertraut sind.
Die
Erkenntnis ist außerordentlich wichtig, daß nur über
den Generalstreik eine gesellschaftliche Veränderung erfolgen
kann. In der Vergangenheit ist der Generalstreik in verschiedenen
Ländern propagiert worden, ohne daß ausreichend betont
wurde, daß er in Wahrheit Revolution bedeutet, daß
nur er als einzig gangbarer Weg zu ihr führt. Es wird Zeit,
daß wir das lernen, erst dann wird die soziale Revolution
aufhören, eine unbestimmbare, unbekannte Größe
zu sein. Sie wird Wirklichkeit werden, ein fest umrissenes Verfahren
und Ziel, ein Programm, dessen erster Schritt die Übernahme
der Industrien durch die organisierte Arbeiterschaft sein wird.
»Jetzt verstehe ich, warum Sie sagen, daß die soziale
Revolution eher Konstruktion als Destruktion bedeutet«,
wird Ihr Freund bemerken.
Ich
freue mich darüber. Wenn Sie mir schon soweit gefolgt sind,
dann werden Sie mir auch darin zustimmen, daß man die Übernahme
der Industrien weder dem Zufall überlassen kann, noch daß
sie aufs Geratewohl durchgeführt werden darf. Sie muß
gut geplant, systematisch und in zweckmäßiger Weise
erfolgen. Weder Sie, noch ich, noch irgendein anderer, ob Arbeiter,
Herr Ford oder der Papst von Rom können das allein bewerkstelligen.
Weder ein einzelner Mensch noch irgendeine Gruppe außer
der Arbeiterschaft selbst können das leisten, denn nur die
Arbeiter halten die Industrien in Gang. Aber selbst die Arbeiter
schaffen es nur dann, wenn sie organisiert sind und zwar ganz
allein für dieses Vorhaben organisiert sind.
»Aber
ich dachte, Sie wären ein Anarchist«, unterbricht Ihr
Freund. »Ich habe gehört, daß Anarchisten nicht
an Organisation glauben.« Das kann ich mir vorstellen, aber
das ist ein überholtes Argument. Jeder, der ihnen sagt, daß
Anarchisten nicht an Organisation glauben, redet Unsinn. Organisation
ist alles, und alles ist Organisation. Das ganze Leben ist bewußt
oder unbewußt Organisation. Jede Nation, jede Familie, ja
jedes Individuum ist eine Organisation oder ein Organismus. Jeder
Teil irgendeines Lebewesens ist so organisiert, daß das
Ganze harmonisch arbeitet. Andernfalls könnten die verschiedenen
Organe nicht richtig funktionieren und es gäbe kein Leben.
Aber Organisation ist nicht Organisation. Die kapitalistische
Gesellschaft ist so schlecht organisiert, daß viele ihrer
Mitglieder leiden: Vergleichsweise so, als ob Teile ihres Körpers
schmerzen würden und Sie krank wären.
Es
gibt Organisationen, die Schmerzen bereiten, weil sie krank sind,
und Organisationen, die Freude machen, weil sie Gesundheit und
Kraft bedeuten. Eine Organisation ist krank oder schlecht, wenn
sie einige ihrer Organe oder Mitglieder vernachlässigt oder
unterdrückt. In einem gesunden Organismus sind alle Teile
gleichwertig und keiner wird abgesondert. Eine auf Zwang aufgebaute
Organisation, die erzwingt und einschränkt, ist schlecht
und ungesund. Eine freiheitliche Organisation, die auf Freiwilligkeit
aufgebaut ist und in der jedes Mitglied frei und gleichberechtigt
ist, ist ein gesunder Körper und kann gut funktionieren.
Eine solche Organisation ist eine freie Vereinigung von gleichen
Partnern. An diese Art von Organisation glauben die Anarchisten.
So muß die Organisation der Arbeiter aussehen, wenn die
Arbeiterschaft einen gesunden Verband darstellen und wirksam arbeiten
soll.
Das
heißt vor allem, daß nicht ein einziges Mitglied der
Organisation oder Gewerkschaft ungestraft benachteiligt, unterdrückt
oder vernachlässigt werden darf. Vergleichbar mit dem Fall,
daß Sie versuchen, einen schmerzenden Zahn zu ignorieren:
Das Ergebnis wird sein, daß Sie sich am ganzen Körper
krank fühlen. Mit anderen Worten, eine Arbeitergewerkschaft
muß auf dem Prinzip der gleichen Freiheit aller ihrer Mitglieder
aufgebaut sein. Nur wenn jeder ein freies und unabhängiges
Mitglied ist, das mit den anderen aus eigenem Willen und gemeinsamem
Interesse zusammenarbeitet, kann die geleistete Arbeit insgesamt
gesehen erfolgreich und wirksam sein.
Diese
Gleichheit verlangt, daß es keinen Unterschied macht, was
oder wer der einzelne Arbeiter ist: ob er gelernter oder ungelernter
Arbeiter ist, ob er Maurer, Tischler, Ingenieur oder Tagelöhner
ist, ob er viel oder wenig verdient. Sie alle haben die gleichen
Interessen; alle gehören zusammen und nur wenn sie zusammenhalten,
können sie ihre Vorhaben bewältigen. Das heißt,
die Arbeiter aus der Fabrik, der Werkstatt oder dem Bergwerk müssen
in einem einzigen Verband organisiert sein; denn es geht nicht
darum, welchen Job sie im einzelnen haben, welches Handwerk oder
Gewerbe sie ausüben, sondern darum, welches ihre Interessen
sind. Und ihre Interessen sind dieselben, soweit sie sich gegen
den Arbeitgeber und das Ausbeutungssystem richten.
Bedenken
Sie doch nur, wie unklug und wirkungslos die gegenwärtige
Form der Arbeiterorganisation ist, bei der ein Handwerk oder eine
Zunft vielleicht gerade streikt, während die anderen Zweige
derselben Industrie die Arbeit fortsetzen. Ist es nicht lächerlich,
wenn beispielsweise die Straßenbahnangestellten in New York
die Arbeit niederlegen, während die Angestellten der Untergrundbahn,
die Taxi- und Omnibusfahrer ihre Arbeit aber fortsetzen? Der Hauptzweck
eines Streiks ist doch, eine Situation herbeizuführen, die
den Arbeitgeber den Forderungen der Arbeiter nachzugeben zwingt.
Eine solche Lage kann aber nur geschaffen werden, wenn die ganze
Industrie, um die es sich handelt, gelähmt wird; denn ein
Teilstreik ist für die Arbeiterschaft nur Zeit- und Energieverschwendung,
ganz zu schweigen von der schädlichen moralischen Wirkung
der unvermeidlichen Niederlage.
Denken
Sie nur an Streiks, an denen Sie selbst oder Bekannte von Ihnen
teilgenommen haben. Hat Ihre Gewerkschaft je einen Arbeitskampf
gewonnen, wenn sie nicht in der Lage war, den Arbeitgeber zum
Nachgeben zu zwingen? Aber wann war sie dazu in der Lage? Nur
wenn der Boß wußte, daß die Arbeiter es ernst
meinten, daß es keine Meinungsverschiedenheit unter ihnen
gab, daß es kein Zögern oder Zaudern gab, daß
sie zu gewinnen entschlossen waren, zu welchem Preis auch immer.
Aber insbesondere dann, wenn sich der Arbeitgeber der Gnade der
Gewerkschaft ausgeliefert fühlte, wenn seine Fabrik oder
sein Bergwerk angesichts der resoluten Haltung der Arbeiter nicht
mehr arbeiten konnte, wenn er keine Streikbrecher mehr finden
konnte und wenn er erkannte, daß seine Interessen stärker
leiden, wenn er seine Arbeitnehmer bekämpft, als wenn er
ihnen ihre Forderungen erfüllt.
Es
ist also klar, daß Sie seine Willfährigkeit nur erzwingen,
wenn Sie entschlossen sind, wenn Ihre Gewerkschaft stark ist,
Sie gut organisiert und so geeint sind, daß der Boß
seine Fabrik nicht gegen Ihren Willen führen kann. Aber der
Arbeitgeber ist gewöhnlich irgendein großer Fabrikant
oder eine Gesellschaft, die Betriebe oder Zechen in verschiedenen
Gegenden besitzen, Angenommen, es handelt sich um einen Kohlekonzern.
Wenn seine Minen in Pennsylvania wegen eines Streiks nicht arbeiten,
dann wird er die Verluste dadurch auszugleichen versuchen, daß
er die Kohleförderung in Virginia oder Colorado zur Produktionserhöhung
benutzt. Wenn also die Bergleute in diesen Staaten weiterarbeiten,
während Sie in Pennsylvania streiken, verliert die Gesellschaft
gar nichts. Sie heißt den Streik vielleicht sogar willkommen,
um die Kohlepreise zu erhöhen, weil das Angebot wegen Ihres
Streiks geringer wird. Auf diese Weise bricht die Gesellschaft
nicht nur Ihren Streik, sondern beeinflußt sogar die öffentliche
Meinung gegen Sie, weil die Leute dummerweise glauben, daß
die höheren Kohlepreise tatsächlich eine Folge Ihres
Streiks sind, während sie in Wahrheit auf die Habsucht der
Bergwerksbesitzer zurückzuführen sind. Ihr Streik wird
erfolglos sein und nach einiger Zeit werden sie und die Arbeiter
überall für Kohle mehr zu zahlen haben und nicht nur
für Kohle, sondern für alle zum Leben notwendigen Güter,
weil zusammen mit den Kohlepreisen die allgemeinen Lebenshaltungskosten
steigen werden.
Machen
Sie sich klar, wie dumm die heutige Gewerkschaftspolitik ist,
wenn anderen Bergwerken weiterzuarbeiten erlaubt wird, während
Ihr Bergwerk streikt. Die anderen bleiben in Betrieb und unterstützen
Ihren Streik zwar finanziell, aber sehen Sie denn nicht, daß
diese Unterstützung nur dazu beiträgt, Ihren Streik
zu brechen; in Wirklichkeit also Streikbrecher zu Ihrem Streikfonds
beitragen? Kann etwas sinnloser und verbrecherischer sein? Das
gilt für jede Industrie und jeden Streik. Wundern Sie sich
da noch, daß die meisten Streiks erfolglos sind? Das ist
in Amerika ebenso wie in anderen Ländern der Fall. Vor mir
liegt das Blaubuch, das in England unter dem Titel »Labour
Statistics« gerade erschienen ist. Die Daten beweisen, daß
Streiks nicht unbedingt Siege der Arbeiterschaft sind. Die Zahlen
für die letzten acht Jahre sind: Ergebnisse zugunsten der...
Jahr Werktätigen
Arbeitgeber
1920 309 507
1921 152 315
1922 111 222
1923 187 183
1924 631 53
1925 154 189
1926 67 126
1927 61 118
Tatsächlich
waren also fast 60 Prozent der Streiks erfolglos. Denken Sie übrigens
auch an die Folgen der Streiks, nämlich an den Verlust von
Arbeitstagen, für die keine Löhne gezahlt werden. Die
Gesamtsumme der für die englischen Arbeiter 1912 verlorenen
Arbeitstage betrug 40,89 Mill., in Jahren gerechnet, entspricht
dieser Wert etwa der Summe der Lebensjahre von zweitausend 60jährigen
Männern. Im Jahre1919 betrug die Zahl der verlorenen Arbeitstage
34,969 Mill., im Jahre 1920 26,568 Mill., 1921 85,872 Mill. und
im Jahre 1926 als Folge des Generalstreiks 162,233 Mill. Tage.
In diesen Zahlen sind nicht die Zeit und die Löhne enthalten,
die durch Arbeitslosigkeit verlorengingen.
Es
bedarf nicht großer Rechnungen, um zu erkennen, daß
sich Streiks, so wie sie gegenwärtig durchgeführt werden,
nicht auszahlen, und daß die Gewerkschaften bei den Arbeitskämpfen
nicht die Gewinner sind. Das heißt jedoch nicht, daß
Streiks zwecklos sind. Im Gegenteil, sie sind von großem
Wert: Sie lehren den Arbeiter, wie lebenswichtig Kooperation ist,
daß er Schulter an Schulter mit seinen Genossen steht und
daß er vereint für die gemeinsame Sache kämpfen
muß. Streiks bilden ihn für den Klassenkampf aus und
entwickeln seinen Sinn für gemeinsame Anstrengungen, für
Widerstand gegen die Herren, für Solidarität und Verantwortlichkeit.
In dieser Hinsicht ist sogar ein erfolgloser Streik nicht völlig
wertlos. Dadurch lernen die Arbeiter, daß »eine einem
einzelnen zugefügte Ungerechtigkeit, alle etwas angeht«,
die praktische Weisheit, die die tiefste Bedeutung des proletarischen
Kampfes verkörpert. Das bezieht sich nicht nur auf den täglichen
Kampf für materielle Verbesserungen, sondern gleichermaßen
auf alles, was den Arbeiter und seine Existenz betrifft und besonders
auf Dinge, bei denen Gerechtigkeit und Freiheit eine Rolle spielen.
Mit
großer Begeisterung nimmt man immer Anteil, wenn man sieht,
daß die Massen im Namen der sozialen Gerechtigkeit tätig
werden, gleichgültig um wen es sich bei dem betreffenden
Fall handelt. Denn so etwas geht uns tatsächlich in der wahrsten
und tiefsten Bedeutung alle an. Je besser die Arbeiterschaft aufgeklärt
und je mehr sie sich ihrer Interessen im weitesten Sinne Bewußt
wird, desto weitreichender und universeller wird ihr Mitgefühl
werden und sie wird Gerechtigkeit und Freiheit in der ganzen Welt
verteidigen. Dieses Verständnis kam zum Ausdruck, als die
Arbeiter in allen Ländern gegen den Justizmord an Sacco und
Vanzetti in Massachusetts protestierten.
Instinktiv
und bewußt fühlten die Massen in der ganzen Welt, genauso
wie jeder anständige Mann und jede anständige Frau,
daß es auch sie betrifft, wenn ein solches empörendes
Verbrechen begangen wird. Leider erschöpfte sich dieser Protest
wie viele andere nur in Resolutionen. Hätte die organisierte
Arbeiterschaft von einer Aktion, wie einem Generalstreik, Gebrauch
gemacht, dann wären ihre Forderungen nicht übergangen
und zwei der besten Freunde der Arbeiter und edelsten Männer
nicht den Mächten der Reaktion geopfert worden. Genauso wichtig
wäre es gewesen, wenn eine solche Aktion als eine Demonstration
der riesigen Macht des Proletariats gedient hätte, der Macht,
die immer siegt, wenn sie vereint und entschlossen ist. Dies ist
in der Vergangenheit bei zahlreichen Gelegenheiten bewiesen worden,
wenn die entschlossene Haltung der Arbeiterschaft geplante gesetzliche
Gewalttätigkeiten verhinderte, wie es z.B. der Fall war bei
Haywood, Moyer und Pettibone, Vertretern der Western Federation
of Miners, als die Kohlebarone des Staates Idaho, diese während
des Bergarbeiterstreiks im Jahre 1905 an den Galgen bringen wollten.
Auch im Jahre 1917 vereitelte wiederum die Solidarität der
Arbeiter die Exekution von Tom Mooney in Kalifornien. Die Sympathie
ausdrückende Haltung der organisierten Arbeiterschaft von
Amerika gegenüber Mexiko hat bis heute verhindert, daß
dieses Land aufgrund der amerikanischen Ölinteressen durch
die Regierung der Vereinigten Staaten militärisch besetzt
worden ist. In ähnlicher Weise sind in Europa vereinte Aktionen
der Arbeiter erfolgreich gewesen, indem sie die Behörden
wiederholt zwangen, politische Gefangene zu amnestieren. Die englische
Regierung fürchtete die deutlich ausgesprochene Sympathie
der britischen Arbeiter für die russische Revolution dermaßen,
daß sie gezwungen war, Neutralität vorzutäuschen.
Sie wagte es nicht, den Konterrevolutionären in Rußland
öffentlich zu helfen. Als die Dockarbeiter sich weigerten,
Nahrung und Waffen für die weißen Armeen zu verladen,
suchte die englische Regierung im Betrug Zuflucht. Sie versicherte
den Arbeitern feierlich, daß die Ladungen für Frankreich
bestimmt seien. Als ich im Laufe meiner Arbeit 1920 und 1921 historisches
Material in Rußland sammelte, gelangte ich in den Besitz
amtlicher britischer Dokumente, die bewiesen, daß die Ladungen
von Frankreich aus auf direkten Befehl der britischen Regierung
sofort an die konterrevolutionären Generäle in Nordrußland
weitergeleitet wurden, die dort die sogenannte Tschaikowsky-Miller
Regierung gebildet hatten. Dieses Beispiel - eines von vielen
- demonstrierte die wohltuende Angst, die Mächte aller Art
vor dem erwachenden Klassenbewußtsein und der Solidarität
des internationalen Proletariats haben.
Je
stärker dieses Bewußtsein der Arbeiter wird, desto
wirksamer wird ihr Kampf für Emanzipation sein. Klassenbewußtsein
und Solidarität müssen nationale und internationale
Ausmaße annehmen, wenn die Arbeiterschaft ihre volle Kraft
erlangen soll. Wo immer es Ungerechtigkeit, Verfolgung und Unterdrückung
gibt - sei es die Unterwerfung der Philippinen, die Invasion in
Nicaragua, die Versklavung der Arbeiter im Kongo durch belgische
Ausbeuter, die Unterdrückung der Massen in Ägypten,
China, Marokko oder Indien - es ist die Sache der Arbeiter der
ganzen Welt, ihre Stimme gegen solche Gewalttätigkeiten zu
erheben und ihre Solidarität für die gemeinsame Sache
der Beraubten und Enteigneten in der ganzen Welt zu demonstrieren.
Die Arbeiterschaft nähert sich langsam diesem sozialen Bewußtsein:
Streiks und andere Sympathiekundgebungen sind wertvolle Manifestationen
dieser Gesinnung. Wenn die meisten Streiks heute erfolglos sind,
so liegt es daran, daß das Proletariat sich nationalen und
internationalen Interessen noch nicht genügend Bewußt
ist, nicht nach den richtigen Prinzipien organisiert ist und die
Notwendigkeit einer weltweiten Zusammenarbeit nicht ausreichend
erkannt hat.
Ihr
täglicher Kampf für bessere Bedingungen würde schnell
einen anderen Charakter annehmen, wenn Sie solch einer Organisation
angehören würden, daß die gesamte Industrie die
Arbeit augenblicklich niederlegt, wenn Ihre Fabrik oder Ihr Bergwerk
streikt; alle zusammen zur gleichen Zeit. Dann wäre der Unternehmer
Ihrer Gnade ausgeliefert, denn was könnte er schon unternehmen,
wenn sich auch nicht ein einziges Rad in der ganzen Industrie
dreht? Er könnte genug Streikbrecher vielleicht für
ein oder auch ein paar Werke bekommen, aber sie würden weder
für die gesamte Industrie ausreichen, noch würde der
Unternehmer ihren Einsatz als sicher oder ratsam ansehen. Darüber
hinaus würde die Arbeitsniederlegung in irgendeinem Industriezweig
sofort eine große Anzahl anderer Branchen in Mitleidenschaft
ziehen, weil die moderne Industrie ineinander verflochten ist.
Diese
Sachlage geht nun das ganze Land an, die Öffentlichkeit würde
aufgeschreckt werden und eine Schlichtung fordern. (Zur Zeit,
wenn Ihre Fabrik allein streikt, kümmert sich niemand darum,
und Sie können hungern, solange Sie nicht aufmucken.) Das
Ergebnis der Schlichtung würde auch wieder von Ihnen abhängen,
d. h. von der Stärke Ihrer Organisation. Wenn die Bosse sehen,
daß Sie Ihre Macht kennen und daß Sie sie zu nutzen
entschlossen sind, würden sie schnell genug nachgeben und
einen Kompromiß suchen. Sie würden sonst täglich
Millionen verlieren. Die Streikenden könnten sogar an den
Werken und Anlagen Sabotage verüben, trotzdem wären
die Arbeitgeber nur zu eifrig bestrebt zu »schlichten«,
während sie bei einem Streik einer einzigen Fabrik oder nur
eines Distrikts gewöhnlich die sich daraus ergebende Lage
willkommen heißen, weil sie wissen, daß alle Umstände
gegen Sie sind.
Sie
sehen also, wie wichtig es ist, in welcher Weise, auf welchen
Prinzipien Ihre Gewerkschaft aufgebaut ist und wie wesentlich
Solidarität und Zusammenarbeit der Arbeiterschaft im täglichen
Kampf für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen sind. Ihre
Macht liegt in der Einheit, aber diese Einheit gibt es nicht und
kann es nicht geben, solange Sie nach Berufszweigen statt nach
Industrien organisiert sind.
Es
gibt nichts Wichtigeres und Dringenderes, als daß Sie und
Ihre Mitarbeiter unverzüglich die Form der Organisation in
dieser Hinsicht ändern. Aber nicht nur die Form muß
geändert werden. Ihre Gewerkschaft muß sich ihrer Ziele
und ihres Zwecks bewußt werden. Der Arbeiter muß ernsthaft
darüber nachdenken, was er wirklich will und mit welchen
Methoden er sein Ziel zu erreichen hofft. Er muß herausfinden,
wie seine Gewerkschaft aussehen soll, wie sie funktionieren soll
und was sie zu erreichen versuchen muß.
Nun,
was soll die Gewerkschaft anstreben? Worin sollten die Ziele einer
wahren Arbeitergewerkschaft bestehen? Zuerst einmal muß
eine Gewerkschaft den Interessen ihrer Mitglieder dienen. Das
ist ihre Hauptaufgabe. Daran gibt es nichts zu deuteln; jeder
Werktätige versteht das. Wenn manche sich weigern, einer
Arbeiterorganisation beizutreten, so liegt es daran, daß
sie zu unwissend sind, um ihren großen Wert abschätzen
zu können, in diesem Fall müssen sie erst aufgeklärt
werden. Aber im allgemeinen lehnen sie den Eintritt in eine Gewerkschaft
ab, weil sie kein Vertrauen haben oder von ihr im Stich gelassen
worden sind. Die meisten bleiben der Gewerkschaft fern, weil so
viel mit der Stärke der organisierten Arbeiterschaft geprahlt
wird, während sie oft aus bitterer Erfahrung wissen, daß
sie bei fast jedem wichtigen Kampf unterliegt. »Ach, Gewerkschaft«,
sagen sie verächtlich, »das bringt doch nichts«.
Wenn man ehrlich ist, muß man ihnen in gewissem Umfang recht
geben. Sie sehen, wie das organisierte Kapital mit der von ihm
proklamierten »open-shop«-Politik die Vorhaben der
Gewerkschaft vereitelt; sie sehen Arbeiterführer, die die
in Streiks errungenen Vorteile wie beim Ausverkauf verschleudern
und die Arbeiter hintergehen; sie sehen die gewöhnlichen
Mitglieder den politischen Machenschaften innerhalb und außerhalb
der Gewerkschaft hilflos ausgeliefert. Sicherlich verstehen sie
die Gründe dafür nicht, aber sie sehen die Tatsachen
und sind wütend auf die Gewerkschaft.
Andere
dagegen wollen überhaupt nichts mehr mit der Gewerkschaft
zu tun haben, weil sie ihr einst angehörten und deshalb die
unbedeutende Rolle kennen, die das einzelne Mitglied, der Durchschnittsarbeiter,
innerhalb der Organisation spielt. Der Funktionär am Ort,
die Bezirks- und Zentralorgane, die Funktionäre auf nationaler
und internationaler Ebene sowie die der Arbeiterföderation
in den Vereinigten Staaten (American Federation of Labor - AFL)
veranstalten die ganze Show, werden sie Ihnen sagen; »Sie
haben nichts weiter zu tun, als zu wählen und falls Sie aufmucken,
fliegen Sie raus«.
Leider
haben diese Leute recht. Auch Sie wissen ja, wie die Gewerkschaften
gemanagt werden. Die gewöhnlichen Mitglieder haben kaum etwas
zu sagen. Sie haben die gesamte Macht den Führern übertragen,
und diese sind Bosse geworden, genauso wie überall im Leben
der Gesellschaft die Menschen dazu gebracht werden, sich den Befehlen
jener zu unterwerfen, die ursprünglich ihnen dienen sollten
- die Regierung und ihre Vertreter. Wenn Sie das erst einmal getan
haben, dann wird die von Ihnen abgetretene Macht jedesmal gegen
Sie selbst und Ihre Interessen gerichtet werden. Und dann werden
Sie sich beklagen, daß Ihre Führer »ihre Macht
mißbrauchen«. Nein, mein Freund, sie mißbrauchen
sie nicht; sie gebrauchen sie nur, denn es ist der Gebrauch der
Macht, der an sich der schlimmste Mißbrauch ist.
Das
alles muß geändert werden, falls Sie wirklich Ergebnisse
erzielen wollen. In der Gesellschaft muß es dadurch geändert
werden, daß Ihren Regierenden die politische Macht genommen
wird, indem sie gänzlich abgeschafft wird. Ich habe gezeigt,
daß politische Macht Autorität, Unterdrückung
und Tyrannei bedeutet und daß wir keine politische Regierung
brauchen, sondern eine vernünftige Regelung aller uns betreffenden
Angelegenheiten.
Ebenso
brauchen Sie in Ihrer Gesellschaft eine aufmerksame Verwaltung
für die geschäftlichen Dinge. Wir kennen die ungeheure
Macht, welche die Arbeiterschaft als Schöpfer allen Reichtums
und Träger der Welt hat. Richtig organisiert und geeint könnten
die Arbeiter Herr der Situation sein und sie beherrschen. Die
Macht des Arbeiters liegt aber nicht im Versammlungsraum der Gewerkschaft;
sie liegt in der Werkstatt und Fabrik, in der Werkshalle und im
Bergwerk. Dort muß er alles erledigen, dort, bei der Arbeit.
Dort erkennt er, was er will, welches seine Bedürfnisse sind,
und auf diesen Ort muß er seine Bemühungen und seinen
Willen konzentrieren. In jeder Werkstatt und Fabrik müßte
es eine besondere Gruppe geben, die sich mit den Wünschen
und Bedürfnissen der Arbeiter befaßt; keine Führer,
sondern einfache Leute von der Werkbank und vom Hochofen, die
sich um die Forderungen und Beschwerden ihrer Kameraden kümmern.
Solch ein Ausschuß, immer zur Stelle und ständig unter
der Leitung und Aufsicht der Arbeiter, übt keine Macht aus:
Er führt nur Anweisungen aus. Seine Mitglieder werden nach
Belieben abberufen und andere werden an ihrer Stelle gewählt,
ganz dem augenblicklichen Bedarf und der Fähigkeit entsprechend,
die für die gerade zu bewältigende Aufgabe benötigt
wird. Es sind die Arbeiter, die über strittige Fragen entscheiden
und ihre Entscheidungen durch den Werksausschuß ausführen.
Genau diese Art und Form der Organisation braucht die Arbeiterschaft.
Nur auf diese Weise kann sie ihre wahre Absicht ausdrücken
und nur so wird sie einen ihr angemessenen Sprecher haben, der
ihren wirklichen Interessen dient. Diese Werks- und Fabrikausschüsse,
verbunden mit gleichartigen Organen in anderen Betrieben und Bergwerken,
lokal, regional und national zusammengeschlossen, würden
eine neue Art der Arbeiterorganisation darstellen, die die kräftige
Stimme der Arbeiterschaft und ihre wirkungsvolle Vertretung wäre.
Sie hätte das ganze Gewicht und die ganze Energie der vereinten
Arbeiter hinter sich und wäre eine gewaltige Macht in ihrem
Rahmen und ihren Möglichkeiten.
Im
täglichen Kampf des Proletariats könnte solch eine Organisation
Siege erringen, von denen die konservative Gewerkschaft, so wie
sie gegenwärtig aufgebaut ist, nicht einmal träumen
kann. Sie würde den Respekt und das Vertrauen der Massen
genießen, Nichtorganisierte anziehen und die Arbeitskräfte
auf der Basis der Gleichberechtigung aller Arbeiter sowie ihrer
gemeinsamen Interessen und Ziele vereinen. Sie würde den
Herrschern mit der ganzen Macht der Arbeiterklasse hinter sich
mit einer neuen Haltung bezüglich des Bewußtseins und
der Macht gegenübertreten. Nur dann werden die Arbeiter Würde
erlangen und deren Ausdruck wird wirklich Bedeutung haben. Solch
eine Gewerkschaft würde bald mehr sein als nur ein Verteidiger
und Beschützer der Arbeiter. Sie würde wesentlich an
der Verwirklichung der eigentlichen Bedeutung von Einheit und
der sich ergebenden Macht, der Arbeitersolidarität, mitwirken.
Die Fabrik und der Betrieb würden als Übungsfeld dazu
dienen, das Verständnis des Arbeiters bezüglich seiner
wirklichen Rolle im Leben zu entwickeln, sein Selbstvertrauen
und seine Unabhängigkeit zu pflegen, ihn gegenseitige Hilfe
und Zusammenarbeit lehren und ihm seine Verantwortung bewußt
machen. Er wird lernen, zu entscheiden und seinem eigenen Urteil
gemäß zu handeln und es nicht mehr seinen Führern
oder Politikern zu überlassen, daß sie seine Angelegenheiten
regeln und sich um sein Wohlergehen kümmern. Er wird es sein,
der zusammen mit seinen Kollegen an der Werkbank bestimmt, was
sie wollen und welche Methoden ihren Zielen am besten dienen,
und der Ausschuß an Ort und Stelle würde nur Instruktionen
ausführen. Betrieb und Fabrik würden Schule und Lehranstalt
der Arbeiter werden. Dort wird er seinen Platz in der Gesellschaft,
seine Funktion in der Industrie und seinen Lebenssinn erkennen.
Er wird als Werktätiger und als Mensch reifen und der Riese
Arbeiterschaft wird seine volle Statur annehmen. Er wird Kenntnisse
haben und dadurch stark sein.
Er
wird dann nicht mehr lange mit dem Los zufrieden sein, Lohnsklave,
Angestellter und vom guten Willen seines Herren, den seine schwere
Arbeit ernährt, abhängig zu sein. Er wird in zunehmendem
Maße verstehen, daß das heutige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem
falsch und verbrecherisch ist, und er wird sich entscheiden, diesen
Zustand zu ändern. Der Werksausschuß und die Gewerkschaft
werden das Vorbereitungsfeld für ein neues Wirtschaftssystem,
für eine neue Gesellschaft werden.
Sie
sehen also, wie wichtig es ist, daß Sie und ich und jeder
Mann und jede Frau, denen das Interesse der Arbeiter am Herzen
liegt, auf dieses Ziel hinarbeiten. Und an diesem Punkt möchte
ich die außerordentliche Dringlichkeit betonen, der zufolge
ganz besonders die fortschrittlichen Proletarier, die Radikalen
und die Revolutionäre über diese Dinge ernsthaft nachdenken
müssen, denn für die meisten von ihnen und sogar für
einige Anarchisten ist alles nur ein frommer Wunsch, eine entfernte
Hoffnung. Sie können nicht die außerordentliche Bedeutung
der in diese Richtung zielenden Bemühungen erkennen. Doch
ist es nicht nur ein Traum.
Zahlreiche
progressive Werktätige kommen zu dieser Einsicht: Die Industriearbeiter
der Welt und die revolutionären Anarcho-Syndikalisten in
jedem Land widmen sich diesem Ziel. Das ist gegenwärtig das
dringendste Problem. Es kann nicht oft genug betont werden, daß
nur die richtige Organisation der Arbeiterschaft das erreichen
kann, wonach wir alle streben. Darin liegt die Rettung der Arbeiterschaft
und der Zukunft. Nur eine Organisation von der Basis her, beginnend
im Betrieb und in der Fabrik, gegründet auf den gemeinsamen
Interessen der Arbeiter gleich welcher Zunft, Rasse oder Staatsangehörigkeit,
kann durch gemeinsame Anstrengungen und geeinten Willen das Arbeiterproblem
lösen und der wahren Emanzipation der Menschen dienen.
»Sie
sprachen davon, daß die Arbeiter die Industrien übernehmen«,
erinnert Ihr Freund Sie. »Wie wollen Sie das machen?«
Ja, ich sprach darüber, als Sie die Organisation erwähnten.
Aber es war auch gut, daß diese Sache diskutiert wurde,
weil es das wichtigste der von uns untersuchten Probleme ist.
Kommen
wir also auf die Übernahme der Industrien zurück. Das
heißt nicht nur, daß sie von den Arbeitern übernommen
werden, sondern auch, daß sie von ihnen geleitet werden.
Was die Übernahme betrifft, müssen Sie bedenken, daß
die Arbeiter in Wirklichkeit schon jetzt in den Industrien sind.
Die Übernahme besteht darin, daß die Arbeiter dort
bleiben, wo sie sind, jedoch nicht als Angestellte, sondern als
rechtmäßige kollektive Besitzer. Begreifen Sie diesen
Gesichtspunkt, mein Freund! Die Enteignung der kapitalistischen
Klasse während der sozialen Revolution - die Übernahme
der Industrien - verlangt Taktiken, die genau im Gegensatz zu
denen stehen, die Sie heute bei einem Streik anwenden. Beim letzteren
legen Sie die Arbeit nieder und lassen den Boß im vollen
Besitz des Betriebes, der Fabrik oder des Bergwerks. Das ist natürlich
ein idiotisches Verfahren, da Sie dem Herrschenden alle Vorteile
lassen: Er kann Streikbrecher an Ihrer Stelle einsetzen und Sie
werden kaltgestellt. Bei einer Enteignung dagegen behalten Sie
Ihren Job und Sie werfen den Boß raus. Er darf nur bleiben,
wenn er auf gleicher Stufe mit den anderen steht: als Arbeiter
unter Arbeitern. Die Arbeiterorganisationen eines gegebenen Ortes
übernehmen die öffentlichen Einrichtungen, die Kommunikations-,
die Produktions- und die Vertriebsmittel in ihrem betreffenden
Gebiet. Das heißt, die Arbeiter der Telegrafen- und Telefonämter
sowie der Elektrizitätswerke, die Eisenbahner und so weiter
nehmen (durch ihr revolutionäres Werkskomitee) das Werk,
die Fabrik oder andere Einrichtungen in Besitz. Die kapitalistischen
Vorarbeiter, Aufseher und Manager werden vom Betriebsgelände
entfernt, falls sie dem Wechsel Widerstand leisten und die Zusammenarbeit
verweigern. Falls sie zur Mitarbeit bereit sind, wird ihnen verständlich
gemacht, daß sie von nun an weder die Herren noch die Besitzer
sind: Daß die Fabrik öffentliches Eigentum unter der
Leitung der in der Industrie tätigen Gewerkschaftsarbeiter
wird und daß alle gleiche Partner in der allgemeinen Betriebsführung
sind.
Es
ist damit zu rechnen, daß die höheren Angestellten
der großen Industrie- und Handelskonzerne eine Zusammenarbeit
verweigern werden. Damit schalten sie sich selbst aus. Ihr Platz
muß von Arbeitern eingenommen werden, die vorher auf diese
Aufgabe vorbereitet worden sind. Darum habe ich die außerordentliche
Bedeutung der fachlichen Vorbereitung so betont. Sie ist unbedingt
notwendig, um die sich unausweichlich entwickelnde Lage zu meistern,
und von ihr hängt der Erfolg der sozialen Revolution mehr
als von jedem anderen Faktor ab. Die fachliche Vorbereitung ist
der wesentlichste Punkt, denn ohne sie ist die Revolution zum
Scheitern verurteilt. Wenn die Revolution kommt, werden die Ingenieure
und andere technische Spezialisten eher geneigt sein, mit den
Arbeitern zusammenzuarbeiten, besonders wenn in der Zwischenzeit
eine engere Beziehung und ein besseres Verständnis zwischen
den manuell und den intellektuell Arbeitenden hergestellt worden
ist. Sollten sie sich weigern und sollten die Arbeiter es versäumt
haben, sich fachlich und technisch vorzubereiten, dann wäre
die Produktion nur aufrecht zu erhalten, wenn man die vorsätzlich
Widerspenstigen zur Mitarbeit zwingt - ein Experiment, das in
Rußland versucht wurde und sich als totaler Fehlschlag erwies.
Der
gravierende Fehler der Bolschewisten war in diesem Zusammenhang
die feindselige Behandlung der gesamten Klasse der Intelligenz
aufgrund der Opposition einzelner. Der dem fanatischen Dogma innewohnende
Geist der Intoleranz brachte sie dazu, eine ganze Gruppe der Gesellschaft
wegen der Fehler einiger Individuen zu verfolgen. Dies schlug
sich nieder in der Politik der Massenbestrafung von Fachleuten,
technischen Spezialisten, kooperativen Organisationen und allgemein
allen kultivierten Menschen. Die meisten von ihnen, die anfangs
der Revolution freundlich gesinnt waren, sich sogar für sie
begeisterten, wurden durch die bolschewistischen Taktiken entfremdet
und eine Zusammenarbeit mit ihnen wurde dadurch unmöglich
gemacht. Die diktatorische Haltung führte zu dem Ergebnis,
daß die Kommunisten immer mehr auf Unterdrückung und
Tyrannei zurückgriffen, bis sie schließlich reine Kriegsmethoden
in dem industriellen Leben des Landes einführten. Das war
die Ära der Zwangsarbeit, der Militarisierung der Fabriken
und Betriebe, die unvermeidlich in der Katastrophe enden mußte,
weil aufgezwungene Arbeit schon allein durch das Wesen des Zwangs
schlecht und ineffektiv ist: Darüber hinaus reagieren Leute,
die zur Arbeit gezwungen werden, auf diese Situation mit vorsätzlicher
Sabotage, mit systematischer Verzögerung und Zerstörung,
was ein intelligenter Feind auf eine Weise praktizieren kann,
die nicht rechtzeitig entdeckt, den Maschinen und der Produktion
mehr schadet als eine direkte Arbeitsverweigerung.
Trotz
der drastischen Maßnahmen gegen diese Art von Sabotage und
sogar trotz Todesstrafe war die Regierung bei der Überwindung
dieses Übels machtlos. Die Beaufsichtigung jedes Technikers
in einer verantwortungsvollen Position durch einen Bolschewisten
oder einen politischen Kommissar ändert nichts an dieser
Tatsache. Diese Maßnahme schuf nur eine Legion von parasitären
Funktionären, die sich ohne Kenntnis industrieller Arbeitsweise
nur in die Tätigkeit jener Leute einmischten, die der Revolution
sowieso freundlich gesonnen waren und bereitwillig halfen, zudem
konnten sie aufgrund ihrer Unkenntnis keineswegs die fortgesetzte
Sabotage verhindern. Das System der Zwangsarbeit entwickelte sich
in der Praxis schließlich zu einer wirtschaftlichen Konterrevolution
und keine Anstrengung der Diktatoren konnte diesen Zustand ändern.
Diese Situation veranlaßte die Bolschewisten, von der Zwangsarbeit
zu einer Politik überzugehen, bei der Spezialisten und Techniker
dadurch auf ihre Seite gezogen wurden, indem sie wieder in die
Führungspositionen der Industrien eingesetzt und mit hoher
Bezahlung und Nebeneinkünften belohnt wurden. Es wäre
dumm und verbrecherisch, die Methoden zu wiederholen, die schon
so offensichtlich in der russischen Revolution versagt haben und
aufgrund ihrer charakteristischen Beschaffenheit industriell und
moralisch zu allen Zeiten zum Scheitern verdammt sind.
Die
einzige Lösung dieses Problems liegt in der schon vorgeschlagenen
Vorbereitung und Ausbildung der Arbeiter in der Kunst der Industrieführung
und des Managements, sowie im engeren Kontakt zwischen dem manuell
Arbeitenden und dem Techniker. Jede Fabrik, jedes Bergwerk und
jeder Betrieb sollte einen eigenen Arbeiterrat getrennt und unabhängig
von dem Werkskomitee haben, um die Arbeiter mit den verschiedenen
Stufen in ihrem Industriezweig vertraut zu machen, einschließIich
Problemen der Rohstoffquellen, der Folge von Herstellungsverfahren,
von Nebenprodukten und des Vertriebswesens. Dieser Industrierat
sollte auf Dauer eingerichtet werden, aber seine Mitglieder müssen
sich derart abwechseln, daß praktisch alle Angestellten
der gegebenen Fabrik oder des Betriebs ihm einmal angehören.
Zur Erläuterung nehmen wir einmal an, daß der Industrierat
eines bestimmten Unternehmens aus fünf oder fünfundzwanzig
Mitgliedern besteht, je nach Fall und entsprechend der Verflechtung
der Fabrikation und der Größe der betrachteten Fabrik.
Nachdem sich die Mitglieder des Rates eingehend mit den Problemen
ihrer Branche vertraut gemacht haben, veröffentlichen sie
das Gelernte zur Information ihrer Arbeitskameraden und neue Ratsmitglieder
werden gewählt, um die Studien fortzusetzen. Auf diese Weise
kann die gesamte Belegschaft der Fabrik oder des Werkes nacheinander
die notwendige Kenntnis über die Organisation und das Management
ihrer Branche erlangen und mit deren Entwicklung Schritt halten.
Diese Räte werden als Schulen für die Industrie dienen,
in denen sich die Arbeiter mit der Technik ihres Industriezweigs
auf allen Stufen vertraut machen.
Gleichzeitig
muß die größere Organisation, die Gewerkschaft,
das Kapital zwingen, eine Teilnahme der Arbeiterschaft in größerem
Umfang im tatsächlichen Management zuzugestehen. Aber das
kommt im günstigsten Fall nur einer kleinen Minderheit der
Arbeiter zugute. Der oben vorgeschlagene Plan eröffnet andererseits
praktisch jedem Arbeiter im Betrieb, in Werkstatt und Fabrik die
Möglichkeit einer industriegerechten Ausbildung.
Es
stimmt natürlich, daß gewisse Tätigkeiten - wie
zum Beispiel das Ingenieurwesen in seinen verschiedenen Formen
- von den Industrieräten nicht durch Praxis erlernt werden
können. Aber was sie allgemein von den industriellen Verfahren
lernen, wird als Vorbereitung von unschätzbarem Wert sein.
Für alles andere ist die engere freundschaftliche Beziehung
und Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und Technikern das oberste
Gebot. Die Übernahme der Industrie stellt aus diesem Grunde
das erste große Ziel der sozialen Revolution dar. Sie muß
durch das Proletariat erfolgen, und zwar durch den Teil, der organisiert
und für die Aufgabe vorbereitet ist. Eine beträchtliche
Anzahl von Arbeitern beginnt bereits die Wichtigkeit der Übernahme
zu erkennen und die vor ihnen liegende Aufgabe zu verstehen. Aber
das Verstehen dessen, was unbedingt getan werden muß, reicht
nicht aus. Der nächste Schritt besteht im Erlernen, wie es
getan werden muß. Es ist die Aufgabe der organisierten Arbeiterklasse,
sofort mit dieser Vorbereitungsarbeit zu beginnen.

Prinzipien
und Praxis
Das
Hauptziel der sozialen Revolution muß die sofortige Verbesserung
der Lebensbedingungen der Massen sein. Der Erfolg der Revolution
hängt zur Hauptsache davon ab. Man kann dies nur erreichen,
indem Verbrauch und Produktion so organisiert werden, daß
sie der Bevölkerung wirklich zugute kommen. Darin liegt die
größte - in der Tat einzige - Sicherheit der sozialen
Revolution. Nicht die Rote Armee besiegte die Konterrevolution
in Rußland: Es waren die Bauern, die sich mit aller Kraft
an das Land klammerten, das sie sich bei der Erhebung genommen
hatten. Wenn die soziale Revolution leben und wachsen soll, muß
sie zu einem materiellen Gewinn für die Massen führen.
Alle Menschen müssen sich eines tatsächlichen Vorteils
für ihre Anstrengungen sicher sein oder zumindest die Hoffnung
auf einen solchen Vorteil in naher Zukunft haben können.
Die Revolution ist gescheitert, wenn ihre Existenz und Verteidigung
auf mechanischen Mitteln wie Kriegen und Armeen basiert. Die wirkliche
Sicherheit der Revolution ist organisch, das heißt, sie
liegt in Industrie und Produktion.
Ziel
der Revolution ist es, größere Freiheiten zu sichern
und den materiellen Wohlstand der Menschen zu steigern. Im besonderen
ist es das Ziel der sozialen Revolution, die Massen in die Lage
zu versetzen, durch ihre eigenen Bemühungen die Bedingungen
eines materiellen und sozialen Wohlstands herbeizuführen,
ein höheres moralisches und geistiges Niveau zu erreichen.
Mit anderen Worten, durch die soziale Revolution muß die
Freiheit gefestigt werden. Denn wahre Freiheit basiert auf wirtschaftlicher
Unabhängigkeit. Ohne sie ist Freiheit Betrug und Lüge,
eine Maske für Ausbeutung und Unterdrückung. Die Freiheit
ist im weitesten Sinne die Tochter der wirtschaftlichen Gleichheit.
Darum ist es das Ziel der sozialen Revolution, gleiche Freiheit
auf der Basis der Chancengleichheit herzustellen. Die revolutionäre
Neuorganisation des Lebens muß sofort damit beginnen, die
Gleichheit aller wirtschaftlich, politisch und sozial umfassend
zu sichern.
Diese
Neuordnung wird zuerst und vor allen Dingen von der gründlichen
Kenntnis der Arbeiter über die wirtschaftliche Situation
des Landes abhängen: Von einer vollständigen Inventur
der Vorräte, von der exakten Kenntnis der Rohstoffquellen
und von der richtigen Organisation der Arbeitskräfte, um
ein wirksames Management zu gewährleisten.
Das
heißt, Statistiken und klug vorgehende Arbeiterverbände
sind am Tage nach dem Umbruch lebenswichtige Faktoren der Revolution.
Das ganze Problem der Produktion und des Vertriebs - das Leben
der Revolution - ist darin begründet. Es ist offensichtlich,
wie schon zuvor erwähnt, daß diese Kenntnis durch die
Arbeiter vor der Revolution erlangt werden muß, wenn sie
ihr Ziel erreichen soll.
Darum
ist der Werks- und Fabrikausschuß der im vorangegangenen
Kapitel behandelt wurde, so wichtig und wird solch eine entscheidende
Rolle im revolutionären Neuaufbau spielen. Denn eine neue
Gesellschaft wird genauso wenig wie ein Kind plötzlich geboren.
Das neue soziale Leben benötigt in dem Körper des alten
eine genauso lange Zeit der Entwicklung, wie das neue individuelle
Leben im Schoß der Mutter. Zeit und gewisse Prozesse sind
zur Entwicklung nötig, bevor ein kompletter, funktionstüchtiger
Organismus entsteht. Wenn der Zeitpunkt der Geburt erreicht ist,
erfolgt sie mit Schmerz und Pein, da besteht in gesellschaftlicher
und individueller Hinsicht kein Unterschied. Die Revolution ist,
um einmal ein abgegriffenes aber treffendes Sprichwort zu benutzen,
die Geburtshelferin eines neuen sozialen Wesens. Das ist im buchstäblichen
Sinne wahr. Der Kapitalismus stellt die Eltern der neuen Gesellschaft;
das Werks- und Fabrikkomitee, die Vereinigung klassenbewußter
Arbeiter mit revolutionären Zielen, ist der Keim des neuen
Lebens. In diesem Werkskomitee und in der Gewerkschaft muß
der Arbeiter die nötigen Kenntnisse erwerben, um seine Angelegenheiten
zu regeln: Im Laufe dieses Prozesses wird er zu der Erkenntnis
kommen, daß soziales Leben eine Sache der richtigen Organisation,
des gemeinsamen Handelns und der Solidarität ist. Er wird
lernen, daß nicht Herumkommandieren und Beherrschen der
Menschen, sondern nur eine freie Gesellschaft und harmonische
Zusammenarbeit etwas erreichen; daß nicht Regierung und
Gesetz etwas produzieren und erschaffen, das Getreide wachsen
lassen und die Räder drehen, sondern Eintracht und Zusammenarbeit.
Die Erfahrung wird ihn lehren, das Management von Sachen an die
Stelle der Reglementierung von Menschen zu setzen. Im täglichen
Leben und im Kampf seines Werkskomitees muß der Arbeiter
lernen, wie eine Revolution durchzuführen ist.
Werks-
und Fabrikkomitees, die örtlich, nach Bezirken, Regionen
oder Staaten organisiert und auf nationaler Basis zusammengeschlossen
sind, sind die am besten geeigneten Einrichtungen, um die revolutionäre
Produktion fortzuführen.
Örtliche
und staatliche Arbeiterräte, auf nationaler Basis föderativ
vereint, werden die Organisationsform darstellen, die sich am
besten dazu eignet, den Absatz der Produktion durch die Genossenschaften
des Volkes zu bewältigen. Diese von den Arbeitern im Betrieb
gewählten Komitees stellen die Verbindungen ihrer Werke und
Fabriken mit anderen Werken und Fabriken desselben Industriezweigs
her. Der Gesamtrat einer ganzen Industrie verbindet diese mit
anderen Industrien, und so entsteht ein Bund von Arbeiterräten
über das ganze Land.
Kooperativ
arbeitende Verbände vermitteln den Warenaustausch zwischen
Stadt und Land. Die Bauern, die örtlich organisiert und regional
und national in einem Bund vereinigt sind, liefern den Bedarf
der Städte über Genossenschaften und erhalten dafür
durch diese die Produkte der städtischen Industrie.
Jede
Revolution wird von einem Ausbruch großer Volksbegeisterung
begleitet, in der Hoffnung und Sehnsucht zum Ausdruck kommen.
Sie ist das Sprungbrett der Revolution. Diese spontane und mächtige
Flut öffnet die menschlichen Quellen der Initiative und Aktivität.
Das Gefühl für Gleichheit setzt die besten Eigenschaften
im Menschen frei und läßt ihn bewußt schöpferisch
werden. Darin besteht der starke Antrieb der sozialen Revolution,
sie sind ihre Triebkräfte. Ihre freie und ungehinderte Entfaltung
ist für die Entwicklung und Vertiefung der Revolution wichtig.
Ihre Unterdrückung bedeutet Zerfall und Absterben. Die Revolution
ist gesichert, wächst und wird stark, solange die Massen
das Gefühl haben, daß sie unmittelbar teilnehmen, daß
sie ihr eigenes Leben gestalten, daß sie die Revolution
machen und daß sie die Revolution sind. Aber in dem Augenblick,
in dem ihre Aktivitäten von einer politischen Partei usurpiert
oder in irgendeiner besonderen Organisation konzentriert werden,
wird sich die revolutionäre Tatkraft auf einen verhältnismäßig
kleinen Kreis beschränken, von dem die großen Massen
praktisch ausgeschlossen sind. Das natürliche Ergebnis ist,
daß sich die allgemeine Begeisterung legt, das Interesse
allmählich nachläßt, die Initiative erlahmt, die
Kreativität schwindet und die Revolution das Monopol einer
Clique wird, die alsbald zum Diktator wird.
Das
ist tödlich für die Revolution. Solch eine Katastrophe
läßt sich nur verhindern durch das fortwährende
aktive Interesse der Arbeiter, deren tagtägliche Teilnahme
an allen die Revolution betreffenden Angelegenheiten. Die Quelle
dieses Interesses und dieser Aktivität ist die Gewerkschaft.
Das
Interesse und die Loyalität der Massen zu der Revolution
werden von dem Gefühl der Menschen bestimmt, daß die
Revolution der Gerechtigkeit dient und daß ein ehrliches
Spiel getrieben wird. Dies erklärt die Macht der Revolutionen,
Menschen zu großen Heldentaten und Hingabe zu begeistern.
Wie schon erwähnt, sehen die Massen instinktiv in der Revolution
den Feind von Unrecht und Ungerechtigkeit und den Vorboten der
Gerechtigkeit. In diesem Sinne ist die Revolution ein starker
ethischer Faktor und etwas Begeisterndes. Grundsätzlich können
nur hohe moralische Prinzipien die Massen beflügeln und in
geistige Höhen erheben.
Alle
vom Volke getragenen Erhebungen bestätigen dies; besonders
jedoch die russische Revolution. Aufgrund dieses Geistes konnten
die russischen Massen so eindrucksvoll alle Hindernisse im Februar
und Oktober überwinden. Kein Widerstand konnte ihre durch
eine große und edle Sache inspirierte Hingabe besiegen.
Der Niedergang der Revolution begann aber, als sie ihrer hohen
moralischen Werte beraubt und als ihr die Elemente Gerechtigkeit,
Gleichheit und Freiheit genommen wurden. Dieser Verlust war das
Verderben der Revolution.
Die
große Bedeutung moralischer Werte für die soziale Revolution
kann nicht oft genug herausgestellt werden. Sie und die Gewißheit
der Massen, daß die Revolution auch materielle Verbesserung
bedeutet, sind dynamische Faktoren im Leben und Wachstum der neuen
Gesellschaft. Die moralischen Werte üben dabei den größten
Einfluß aus. Die Geschichte früherer Revolutionen beweist
die Bereitschaft der Massen, zu leiden und materiellen Wohlstand
um größerer Freiheit und Gerechtigkeit willen zu opfern.
So konnte in Rußland weder Kälte noch Hunger die Bauern
und Arbeiter dazu verleiten, die Konterrevolution zu unterstützen.
Ungeachtet aller Entbehrungen und allen Elends dienten sie heldenhaft
den Interessen der großen Sache. Erst als sie sahen, daß
die Revolution von einer politischen Partei monopolisiert, die
neugewonnenen Freiheiten eingeschränkt und eine Diktatur
errichtet wurde, Ungerechtigkeit und Ungleichheit wieder dominierten,
wurde ihnen die Revolution gleichgültig, lehnten sie eine
Beteiligung an dem Betrug ab, verweigerten die Mitarbeit und stellten
sich sogar gegen die Revolution. Konterrevolution und Verderben
werden geradezu eingeladen, wenn die ethischen Werte vergessen,
Praktiken und Methoden eingeführt werden, die unvereinbar
mit dem hohen moralischen Ziel der Revolution sind oder ihnen
sogar entgegenstehen.
Daraus
folgt, daß der Erfolg der sozialen Revolution zuallererst
von Freiheit und Gleichheit abhängt. Jedes Abgehen davon
kann nur schädlich sein: Noch mehr, es wird sich mit Sicherheit
als zerstörerisch erweisen. Daraus ergibt sich, daß
alle Aktivitäten der Revolution auf Freiheit und gleichen
Rechten basieren müssen. Dies bezieht sich sowohl auf kleine
als auch auf große Dinge. Alle Handlungen oder Methoden,
die darauf abzielen, die Freiheit einzuschränken, Ungleichheit
und Ungerechtigkeit zu schaffen, können nur zu einer verbreiteten
feindseligen Haltung gegenüber der Revolution und ihren Zielen
führen. Von diesem Gesichtspunkt her müssen alle Probleme
in der Zeit der Revolution betrachtet und gelöst werden.
Unter ihnen sind die wichtigsten die des Verbrauchs und der Unterkunft,
der Produktion und des Warenaustausches.

Konsum
und Warenaustausch
Lassen
Sie uns zuerst die Organisation des Konsums behandeln, denn die
Menschen müssen essen, bevor sie arbeiten und produzieren
können. »Was meinen Sie mit Organisation des Konsums?«
fragt Ihr Freund. »Er meint sicherlich Rationierung,«
bemerken Sie.
Ja,
das tue ich. Wenn die soziale Revolution erst einmal sorgfältig
organisiert ist und die Produktion normal verläuft, wird
es natürlich genug für jeden geben, aber in den ersten
Phasen der Revolution, während des Neuaufbaus, müssen
wir - so gut wir können - dafür sorgen, daß die
Menschen alle in gleichem Maße versorgt werden, was rationieren
bedeutet.
»Die
Bolschewisten hatten keine gleichmäßige Rationierung«,
unterbricht Ihr Freund, »sie hatten unterschiedliche Zuteilungen
für verschiedene Leute.« Das stimmt, und das war einer
ihrer größten Fehler, die sie gemacht haben. Er wurde
von den Menschen als Unrecht abgelehnt und provozierte Verwirrung
und Unzufriedenheit. Die Bolschewisten hatten eine Ration für
die Seeleute und eine von geringerer Qualität und Quantität
für die Soldaten, eine dritte für die Facharbeiter,
eine vierte für den ungelernten Arbeiter, eine andere Ration
wiederum für den Bourgeois eingeführt. Die besten Rationen
bekamen die Bolschewisten, die Mitglieder der Partei, Spezialrationen
wurden für die kommunistischen Funktionäre und Kommissare
ausgegeben. Es gab eine Zeit, da hatten sie vierzehn verschiedene
Nahrungsmittelrationen. Der gesunde Menschenverstand wird Ihnen
sagen, daß das alles falsch gemacht worden ist. War es gerecht,
Menschen danach zu unterscheiden, ob sie zufällig Arbeiter,
Mechaniker oder eher Intellektuelle und nicht Soldaten oder Seeleute
waren? Solche Methoden waren ungerecht und verwerflich: Sie führten
sofort zu materieller Ungleichheit und öffneten dem Mißbrauch
von Positionen und der Gelegenheit zur Spekulation, Korruption
und Betrug Tür und Tor. Sie unterstützten auch die Konterrevolution,
da jene, die der Revolution gegenüber gleichgültig oder
ihr unfreundlich gesinnt waren, durch die Diskriminierung verbittert
und daher leichte Opfer konterrevolutionärer Einflüsse
wurden.
Diese
am Anfang stehende Diskriminierung und die vielen folgenden wurden
nicht durch die Notwendigkeit der Situation sondern allein durch
politische Erwägungen der Partei diktiert. Nachdem sie die
Regierungsgewalt an sich gerissen hatten und die Opposition der
Menschen fürchteten, versuchten die Bolschewisten, ihre Regierung
zu festigen, indem sie sich in die Gunst der Seeleute, Soldaten
und Arbeiter einschmeichelten. Dadurch erzeugten sie bei den Massen
aber nur Entrüstung und Widerspruch, denn die Ungerechtigkeit
des Systems war himmelschreiend und zu offensichtlich.
Darüber
hinaus fühlte sich sogar die »bevorzugte Klasse«,
das Proletariat, diskriminiert weil den Soldaten bessere Rationen
gewährt wurden. War der Arbeiter nicht genauso gut wie der
Soldat? Könnte der Soldat für die Revolution kämpfen
- argumentierten die Fabrikarbeiter -, wenn der Arbeiter ihm nicht
die Munition lieferte? Der Soldat protestierte indessen dagegen,
daß der Seemann mehr bekam. War er nicht so wertvoll wie
der Seemann? Und alle verurteilten die Spezialrationen und Privilegien,
die den bolschewistischen Parteimitgliedern gewährt wurden
und insbesondere den Komfort und sogar den Luxus, den die höheren
Funktionäre und Kommissare genossen, während die Massen
unter Entbehrungen litten. Die allgemeine Empörung über
solche Praktiken wurde eindrucksvoll durch die Seeleute von Kronstadt
zum Ausdruck gebracht. Auf dem Höhepunkt eines strengen Hungerwinters
beschloß im März 1921 eine öffentliche Massenversammlung
der Seeleute einstimmig, ihre Extrarationen zugunsten der weniger
bevorzugten Bewohner von Kronstadt freiwillig aufzugeben und die
Rationen in der ganzen Stadt zu vereinheitlichen. Diese wahrhaft
ethische revolutionäre Tat gab dem allgemeinen Widerwillen
gegen Diskriminierung und Bevorzugung Ausdruck und bewies in überzeugender
Weise das tief verwurzelte Gerechtigkeitsgefühl der Massen.
Alle
Erfahrungen lehren, daß die einfache und klare Sache gleichzeitig
die vernünftigste und auf lange Sicht die brauchbarste ist.
Das gilt für das individuelle und das kollektive Leben in
gleichem Maße. Diskriminierung und Ungerechtigkeit wirken
sich besonders destruktiv auf eine Revolution aus, weil gerade
der revolutionäre Geist aus dem Hunger nach Gerechtigkeit
und Gleichheit geboren wird.
Ich
habe schon erwähnt, daß dann, wenn die soziale Revolution
die Stufe erreicht hat, wo sie genug für alle produzieren
kann, das anarchistische Prinzip »jedem nach seinen Bedürfnissen«
angewandt wird. In industriell höher entwickelten und leistungsfähigeren
Ländern würde diese Stufe natürlich früher
erreicht sein als in unterentwickelten Ländern. Aber bis
dahin bleibt das System des gleichen Anteils und der gleichen
Zuteilung pro Kopf der Bevölkerung die einzig gerechte Methode.
Natürlich braucht nicht erwähnt zu werden, daß
Kranke, Alte und Kinder sowie Frauen während und nach der
Schwangerschaft besonders berücksichtigt werden müssen,
was auch in der russischen Revolution geschehen ist.
Sie
bemerken: »Wenn ich Sie also recht verstehe, sagen Sie,
daß alles gerecht geteilt wird. Niemand kann also etwas
kaufen?«
Nein,
es wird nicht mehr gekauft oder verkauft. Die Revolution beseitigt
das Privateigentum an Produktions- und Vertriebsmitteln, damit
verschwindet dann auch das kapitalistische Geschäft. Nur
die Dinge, die Sie gebrauchen, bleiben in persönlichem Besitz.
Somit ist Ihre Armbanduhr Ihr eigen, die Uhrenfabrik aber gehört
dem Volk. Land, Maschinen und alle öffentlichen Einrichtungen
werden kollektives Eigentum sein, das weder gekauft noch verkauft
werden kann. Die tatsächliche Benutzung wird als einziger
Anspruch angesehen werden - nicht als Eigentum sondern als Besitz.
Die Organisation der Kohlenbergarbeiter zum Beispiel wird für
die Kohleminen verantwortlich sein, nicht als Eigentümer
sondern als Betriebsverwaltung. Genauso werden die Eisenbahngewerkschaften
die Eisenbahnen leiten und so weiter. Kollektiver, im Interesse
der Gemeinschaft kooperativ verwalteter Besitz wird den Platz
des persönlichen, privat im Hinblick auf Profit geführten
Eigentums, einnehmen. »Aber wenn man nichts kaufen kann,
was nützt einem dann das Geld?« fragen Sie. Gar nichts;
Geld wird überflüssig. Sie bekommen dafür nichts.
Wenn Lieferquellen, Land, Fabriken und Produkte öffentliches
Eigentum, d.h. sozialisiert sind, dann brauchen Sie weder zu kaufen
noch zu verkaufen. Da Geld nur ein Mittel für solche Transaktionen
ist, verliert es seine Nützlichkeit. »Aber wie wollen
Sie die Dinge austauschen?« Der Warenaustausch wird frei
sein. Die Bergarbeiter werden zum Beispiel die geförderte
Kohle an öffentliche Lagerplätze zum Gebrauch der Gemeinschaft
liefern. Die Bergarbeiter ihrerseits erhalten aus den Lagern der
Gemeinschaft Maschinen, Werkzeuge und andere Waren, die sie brauchen.
Das bedeutet freien Warenaustausch auf der Basis der Nachfrage
und des zur Verfügung stehenden Vorrats. »Aber wenn
man den Bergarbeitern keine Maschinen und keine Lebensmittel liefern
kann?«
Wenn
es nichts gibt, dann kann auch Geld nichts ausrichten. Die Bergleute
können sich nicht mit Banknoten ernähren. Prüfen
Sie, wie heute die Dinge geregelt werden. Sie tauschen Kohle gegen
Geld ein und für das Geld erhalten Sie dann Lebensmittel.
Die freie Gemeinschaft, von der wir sprechen, wird die Kohle direkt
gegen Lebensmittel ohne das Medium Geld eintauschen. »Aber
auf welcher Basis? Heute wissen Sie mehr oder weniger, was ein
Dollar wert ist, aber wieviel Kohle werden Sie für einen
Sack Mehl hergeben?«
Sie
meinen, wie der Wert oder Preis festgelegt wird. Aber wir haben
doch schon in den vorangegangenen Kapiteln gesehen, daß
es kein richtiges Wertmaß gibt und daß der Preis von
Angebot und Nachfrage abhängt und dementsprechend variiert.
Bei Mangel steigt der Kohlepreis; er sinkt, wenn das Angebot größer
ist als die Nachfrage. Um höhere Profite zu erzielen, beschränken
die Eigentümer der Kohle künstlich die Förderung,
dieselben Methoden gelten im gesamten kapitalistischen System.
Nach der Abschaffung des Kapitalismus wird niemand Interesse daran
haben, die Kohlepreise zu erhöhen oder die Förderung
einzuschränken. Es wird so viel Kohle gefördert werden
wie benötigt wird, um den Bedarf zu decken. In ähnlicher
Weise werden so viel Lebensmittel produziert, wie das Land braucht.
Der Bedarf und das erreichbare Angebot bestimmen die Mengen, die
die Gemeinschaft erhält. Dies gilt für Kohle und Lebensmittel
genauso wie für alle anderen Bedürfnisse der Menschen.
»Aber
angenommen, es gibt von einem bestimmten Produkt nicht genug für
alle. Was tun Sie dann?« Dann tun wir das, was in der kapitalistischen
Gesellschaft zu Kriegszeiten und bei Mangel praktiziert wird:
Die Menschen erhalten Zuteilungen, allerdings mit dem Unterschied,
daß in einer freien Gemeinschaft die Rationierung auf dem
Prinzip der Gleichheit ausgeführt wird.
»Aber
angenommen, der Bauer weigert sich, die Stadt mit seinen Produkten
zu beliefern, wenn er kein Geld erhält.« Der Bauer
will wie jeder andere nur dann Geld haben, wenn er damit die benötigten
Dinge kaufen kann. Er wird schnell einsehen, daß Geld für
ihn nutzlos ist. In Rußland konnten Sie während der
Revolution keinen Bauern dazu bringen, Ihnen für einen Sack
voll Geld ein Pfund Mehl zu verkaufen. Aber er wollte Ihnen gerne
eine Tonne mit dem besten Getreide für ein Paar alte Stiefel
geben. Der Bauer braucht Pflüge, Spaten, Harken, Maschinen
für die Landwirtschaft und Kleidung, nicht aber Geld. Dafür
wird er Ihnen seinen Weizen, seine Gerste und seinen Mais überlassen.
Mit anderen Worten, die Stadt wird mit dem Bauernhof die Produkte,
die jeder braucht, auf der Grundlage des Bedarfs austauschen.
Einige
haben vorgeschlagen, daß der Warenaustausch in der Zeit
des revolutionären Neuaufbaus nach festgelegten Maßstäben
ausgeführt werden soll. Es wird beispielsweise vorgeschlagen,
daß jede Gemeinschaft ihr eigenes Geld druckt, wie es oft
zu Revolutionszeiten geschah; oder daß die Tagesarbeit als
Werteinheit betrachtet werden soll und sogenannte Arbeitsscheine
als Tauschmittel dienen sollen. Aber keiner dieser Vorschlage
stellt eine praktische Hilfe dar. Das von den Gemeinschaften bei
einer Revolution ausgegebene Geld würde schnell bis zur völligen
Wertlosigkeit abgewertet sein, da dieses Geld keine sicheren Garantien
bieten würde und ohne sie ist Geld nichts wert. Genauso wenig
würden Arbeitsscheine einen festgelegten und meßbaren
Wert als Tauschmittel darstellen. Was wäre beispielsweise
eine Stunde Arbeit des Bergarbeiters wert? Oder fünfzehn
Minuten Behandlung beim Arzt? Selbst wenn jede Arbeit wertmäßig
gleichgestellt und jede Stunde Arbeit eine Einheit bilden würde,
könnte dann die Stunde Arbeit des Hausanstreichers oder die
Operationsstunde des Chirurgen gerecht an dem Wert von Weizen
gemessen werden?
Gesunder
Menschenverstand wird dieses Problem auf der Basis der Gleichheit
der Menschen und dem Recht eines jeden auf Leben lösen. »Solch
ein System mag unter anständigen Menschen funktionieren«,
wirft Ihr Freund ein, »aber wie ist es unter Drückebergern?
Hatten die Bolschewisten nicht recht, als sie das Prinzip aufstellten,
»wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen?« Nein,
mein Freund, da haben Sie nicht recht. Auf den ersten Blick mag
das als eine gerechte und vernünftige Idee erscheinen. Aber
in der Wirklichkeit erwies sie sich als unbrauchbar, ganz zu schweigen
von der Ungerechtigkeit und dem Schaden, die sie überall
anrichtete. »Wieso?« Sie taugte nichts, weil eine
Armee von Funktionären erforderlich war, um die Leute daraufhin
zu kontrollieren, ob sie arbeiteten oder nicht arbeiteten. Das
führte zu Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen sowie
endlosen Streitigkeiten über die Entscheidungen der Funktionäre.
Bei dem Versuch, die Menschen zur Arbeit zu zwingen und zu kontrollieren,
ob sie sich nicht drückten oder schlechte Arbeit leisteten,
verdoppelte, ja verdreifachte sich sogar die Anzahl der Leute,
die nicht arbeiteten. Das System der Zwangsarbeit erwies sich
bald als so schlecht, daß es von den Bolschewisten aufgegeben
werden mußte.
Darüber
hinaus richtete dieses System noch viel größeren Schaden
in anderer Hinsicht an. Die Ungerechtigkeit liegt darin, daß
Sie nicht in das Herz oder den Kopf eines Menschen hinein sehen
und entscheiden können, welcher besondere physische oder
geistige Zustand es ihm zeitweilig unmöglich macht zu arbeiten.
Berücksichtigen Sie weiterhin den Präzedenzfall, der
geschaffen wird, wenn Sie ein falsches Prinzip einführen
und dadurch den Widerstand jener hervorrufen, die es als falsch
und unterdrückend empfinden und daher die Zusammenarbeit
verweigern. Eine rational denkende Gemeinschaft wird es als praktischer
und nützlicher ansehen, lieber alle Mitglieder gleich zu
behandeln - ob sie nun zur Zeit gerade arbeiten oder nicht - als
noch mehr Nichtarbeitende zu schaffen, die auf die schon vorhandenen
aufpassen, oder Gefängnisse für deren Bestrafung und
Unterhalt zu bauen. Denn wenn Sie - aus welchem Grund auch immer
- sich weigern, einen Menschen zu ernähren, dann treiben
Sie ihn zu Diebstahl und anderen Verbrechen und schaffen somit
selbst die Notwendigkeit für Gerichte, Rechtsanwälte,
Richter, Gefängnisse und Wärter, deren Unterhalt eine
viel größere Last darstellt als die Ernährung
der Missetäter. Diese müssen Sie sowieso verpflegen,
selbst wenn Sie sie ins Gefängnis schicken.
Die
revolutionäre Gemeinschaft wird vielmehr ihre Aufgabe darin
sehen, das soziale Bewußtsein und das Solidaritätsgefühl
ihrer Missetäter zu wecken als sie zu bestrafen. Sie wird
auf das durch ihre arbeitenden Mitglieder gesetzte Beispiel vertrauen
und sie wird damit richtig handeln. Denn das natürliche Verhalten
des arbeitsamen Menschen gegenüber dem Drückeberger
wird sich so auswirken, daß der letztere das Klima des Zusammenlebens
als derartig unangenehm empfinden wird, daß er lieber arbeiten
wird, um den Respekt und das Wohlwollen seiner Mitmenschen zu
genießen, als wegen seiner Faulheit verachtet zu werden.
Denken
Sie daran, daß es wichtiger und letzten Endes praktischer
und nützlicher ist, das Richtige zu tun, als einen kurzfristigen
Vorteil zu erzielen. Das heißt, Gerechtigkeit ist wichtiger
als Bestrafung; denn Bestrafung ist nie gerecht und immer schädlich
für beide Teile, sowohl für den Bestraften als auch
für den Bestrafer; in geistiger Hinsicht noch schädlicher
als in physischer und kein Schaden ist größer als der,
der Sie gefühllos und korrupt macht. Das ist uneingeschränkt
wahr und gilt für Ihr individuelles Leben und in gleichem
Maße auch für die gemeinsame soziale Existenz.
Jede
Phase des Lebens in der sozialen Revolution muß sowohl auf
der Grundlage von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit als auch
auf Verständnis und Sympathie aufgebaut sein. Nur so kann
sie von Dauer sein. Dies gilt genauso für Wohn- und Nahrungsprobleme,
für die Sicherheit Ihres Bezirks oder Ihrer Stadt wie für
die Verteidigung der Revolution.
Was
Unterbringung und lokale Sicherheit betrifft, hat Rußland
in den ersten Monaten der Oktober-Revolution den Weg gewiesen.
Von den Mietern gewählte Hauskomitees und Stadtverbände
solcher Komitees nehmen das Problem in die Hand. Sie stellen Statistiken
über die Wohnmöglichkeiten eines gegebenen Gebietes
und die Zahl der Bewerber auf, die eine Unterkunft beantragen.
Die Wohnungen werden dann entsprechend der persönlichen und
familiären Bedürfnisse auf der Grundlage gleichen Rechts
zugewiesen. Genauso sind Haus- und Bezirkskomitees verantwortlich
für die Versorgung der Stadt. Individuelle Gesuche um Zuteilungen
bei den Verteilungszentren sind eine gewaltige Zeit- und Energieverschwendung.
Ebenso falsch ist das in Rußland in den ersten Jahren der
Revolution praktizierte System, nämlich die Ausgabe der Rationen
am Arbeitsplatz. Das bessere und effektivere Verfahren, weil dabei
gleichzeitig eine gerechtere Verteilung gesichert ist und Bevorzugung
und Mißbrauch erschwert werden, ist die Rationierung pro
Haus oder Straße. Das autorisierte Haus- oder Straßenkomitee
besorgt bei der örtlichen Verteilungsstelle die Lebensmittel,
Kleidung etc., die entsprechend der Anzahl der durch das Komitee
vertretenen Mieter zugeteilt werden. Gleiche Rationen haben den
zusätzlichen Vorteil, daß Spekulationen mit Lebensmitteln
aufhören; eine üble Praxis, die in Rußland wegen
des Systems der Ungleichheit und Privilegien zu ungeheuren Dimensionen
anwuchs. Parteimitglieder oder Personen mit politischem Einfluß
konnten ohne weiteres Wagenladungen mit Mehl in die Stadt bringen,
während irgendeine alte Bauersfrau für den Verkauf eines
Brotlaibes streng bestraft wurde.
So
ist es nicht erstaunlich, daß die Spekulation blühte
und zwar in einem solchen Ausmaße, daß die Bolschewisten
Spezialeinheiten aufstellen mußten, um mit dem Übel
fertig zu werden. Die Gefängnisse waren gefüllt mit
Missetätern; man nahm Zuflucht zur Todesstrafe, aber auch
die drakonischsten Maßnahmen der Regierung konnten der Spekulation
nicht Einhalt gebieten, denn sie war die direkte Konsequenz des
Systems der Diskriminierung und Bevorzugung. Nur Gleichheit und
Freiheit im Warenaustausch können solche Übel abwenden
oder zumindest auf ein Minimum reduzieren.
Wenn
sich freiwillige Haus- oder Ortskomitees um die hygienischen Bedürfnisse
und ähnliche Dinge einer Straße oder eines Bezirks
kümmern, werden die besten Ergebnisse erzielt, da die Mitglieder
solcher Organe, selbst Einwohner des betrachteten Bezirks, persönlich
an der Gesundheit und Sicherheit ihrer Familien und Freunde interessiert
sind. Dieses System arbeitete in Rußland viel besser als
die später aufgestellte Polizei, die sich größtenteils
aus den schlechtesten Elementen der Stadt zusammensetzte und sich
als korrupt, brutal und unterdrückerisch erwies.
Die
Hoffnung auf materielle Verbesserung ist, wie schon erwähnt,
ein machtvoller Faktor für den Fortschritt der Menschheit.
Aber dieser Anreiz allein reicht nicht aus, um die Massen zu beflügeln,
um ihnen die Vision einer neuen und besseren Welt zu geben, um
deretwillen sie Gefahren und Entbehrungen auf sich nehmen. Dafür
bedarf es eines Ideals, eines Ideals, das nicht nur beim Magen
Anklang findet, sondern viel mehr im Herzen und in der Phantasie,
das unsere verborgenen Sehnsüchte nach allem, was gut und
schön ist, nach den geistigen und kulturellen Werten des
Lebens entflammt. Kurz gesagt, ein Ideal, das die angeborenen
sozialen Instinkte des Menschen weckt, seine Sympathie und sein
Mitgefühl für den Nächsten nährt, seine Liebe
für Freiheit und Gerechtigkeit entfacht und den Niedrigsten
mit Adel in Gedanken und Taten erfüllt, wie wir es oft bei
Katastrophen im Leben beobachten können. Lassen Sie nur irgendwo
eine große Tragödie eintreten - ein Erdbeben, eine
Überschwemmung oder ein Eisenbahnunglück - und das Mitleid
der ganzen Welt schlägt den Leidenden entgegen. Taten heldenhafter
Selbstopferung, mutiger Rettung und uneingeschränkter Hilfe
zeigen die wahre Natur des Menschen und seiner tiefverwurzelten
Brüderlichkeit und Einigkeit.
Dieses
gilt für die Menschen zu allen Zeiten, in allen Landstrichen
und für alte sozialen Schichten. Das Schicksal Amundsens
ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Nach Jahrzehnten
emsiger und gefährlicher Arbeit entschließt sich der
berühmte norwegische Forscher, seine letzten Jahre bei friedlichen
literarischen Studien zu genießen. Er macht seine Entscheidung
gerade bei einem Bankett bekannt, das zu seinen Ehren gegeben
wird, als fast zum gleichen Zeitpunkt die Nachricht eintrifft,
daß die Nordpol-Expedition Nobiles in einer Katastrophe
geendet ist.
Sofort gibt Amundsen alle seine Pläne für ein ruhiges
Leben auf und macht sich bereit, um den vermißten Fliegern
mit dem Flugzeug Hilfe zu bringen; er ist sich dabei der Gefahr
eines solchen Unternehmens voll bewußt. Menschliche Sympathie
und der innere Zwang, in Not geratenen Menschen zu helfen, vernachlässigen
alle Erwägungen in bezug auf persönliche Sicherheit,
und Amundsen verliert sein Leben bei dem Versuch, die Nobile-Gruppe
zu retten.
Tief
in unserem Inneren lebt der Geist Amundsens. Wieviele Wissenschaftler
haben ihr Leben bei der Suche nach Erkenntnis geopfert, die ihren
Mitmenschen zugute kommen sollte - wieviele Ärzte und Krankenschwestern
sind bei der Pflege von Menschen mit ansteckenden Krankheiten
gestorben - wieviele Männer und Frauen haben bei dem Bemühen,
eine Epidemie, die in ihrem oder in einem fremden Land wütete,
unter Kontrolle zu bringen, freiwillig dem sicheren Tod ins Auge
gesehen - wieviele Menschen, einfache Arbeiter, Bergleute, Seeleute,
Eisenbahnangestellte - unbekannt und unbesungen - haben sich im
Geiste Amundsens geopfert? Ihre Zahl ist Legion.
Diese
menschliche Eigenschaft, dieser Idealismus muß durch die
soziale Revolution erweckt werden. Die Revolution ist ohne sie
nicht denkbar und kann ohne sie nicht leben. Ohne sie ist der
Mensch für immer dazu verurteilt, ein Sklave und Schwächling
zu bleiben. Es ist die Aufgabe des Anarchisten, des Revolutionärs,
des intelligenten, klassenbewußten Proletariers, diesen
Geist zu verkörpern, ihn zu pflegen und ihn durch Beispiel
anderen beizubringen. Er allein kann die Mächte des Bösen
und Dunklen besiegen und eine neue Welt voller Menschlichkeit,
Freiheit und Gerechtigkeit aufbauen.

Produktion
»Wie
steht es mit der Produktion?« fragen Sie. »Wie wird
diese gehandhabt?« Wir haben schon gesehen, welche Prinzipien
den Aktivitäten der Revolution zugrunde liegen müssen,
damit sie sozial ist und ihre Ziele erreicht. Dieselben Prinzipien
der Freiheit und freiwilliger Zusammenarbeit müssen auch
die Umorganisation der Industrien leiten.
Die
erste Auswirkung der Revolution ist eine reduzierte Produktion.
Schon der Generalstreik, den ich als Ausgangspunkt der sozialen
Revolution ansehe, bedeutet Stillegung der Industrie. Die Arbeiter
legen ihr Werkzeug nieder, demonstrieren auf den Straßen
und stellen somit vorübergehend die Produktion ein. Aber
das Leben geht weiter. Die wesentlichen Bedürfnisse der Menschen
müssen befriedigt werden. In dieser Phase lebt die Revolution
von den vorhandenen Vorräten. Die Erschöpfung der Vorräte
aber würde eine Katastrophe sein. Diese Lage muß von
der Arbeiterschaft gemeistert werden: Die sofortige Wiederaufnahme
der Arbeit ist vorrangig. Das organisierte landwirtschaftliche
und industrielle Proletariat nimmt das Land, die Fabriken, Werkstätten,
Bergwerke und Betriebe in Besitz. Die größtmögliche
Anstrengung steht nun auf der Tagesordnung.
Es
muß ganz klar erkannt werden, daß die soziale Revolution
- verglichen mit dem Kapitalismus - eine höhere Produktion
benötigt; denn der Bedarf der großen Massen, die bis
dahin in Armut gelebt haben, muß gedeckt werden. Die Steigerung
der Produktion kann nur durch die Arbeiter erzielt werden, die
sich schon vorher auf die neue Situation vorbereitet haben. Die
Vertrautheit mit den industriellen Verfahren, die Kenntnis der8ezugsquellen
und der Zwang, es zu schaffen, werden die Herausforderungen bewältigen.
Die durch die Revolution hervorgerufene Begeisterung, die freigewordenen
Energien und die dadurch angeregte Erfindungsgabe, müssen
volle Freiheit und Spielraum erhalten, schöpferisch neue
Problemlösungen zu entwickeln. Revolution bringt immer einen
hohen Grad an Verantwortlichkeit mit sich. Gemeinsam mit der neuen
Atmosphäre der Freiheit und Brüderlichkeit bewirkt sie
die Erkenntnis, daß harte Arbeit und strenge Selbstdisziplin
notwendig sind, um die Produktion auf die Höhe des Verbraucherbedarfs
zu bringen.
Andererseits
wird die neue Lage die gegenwärtig stark ineinander verwobenen
Probleme der Industrie entwirren und sehr vereinfachen. Denn Sie
dürfen nicht vergessen, daß der Kapitalismus aufgrund
seines Wettbewerbswesens und seiner widersprüchlichen finanziellen
und kommerziellen Interessen zu vielen seltsamen und verblüffenden
Ergebnissen führt, die durch Abschaffung der heutigen Bedingungen
völlig beseitigt würden. Dinge wie Lohnskalen und Verkaufspreise;
die Bedürfnisse des bestehenden Marktes und Jagd nach neuen
Märkten, Kapitalmangel bei großen Vorhaben und hohe
Zinsen, die für Kapitalkredite bezahlt werden müssen;
neue Investitionen, die Auswirkungen der Spekulation und des Monopols
und eine Reihe anderer damit verbundener Probleme, die den Kapitalisten
Sorgen und die Industrie heute zu einem so komplizierten und schwerfälligen
Instrument machen, würden samt und sonders verschwinden.
Gegenwärtig müssen sich zahlreiche Studiengruppen und
hochqualifizierte Menschen damit beschäftigen, um das ineinander
verschlungene Geflecht plutokratischer Mißverständnisse
zu entwirren, viele Spezialisten kalkulieren die tatsächlichen
und möglichen Gewinne und Verluste; und es bedarf einer großen
Schar von Helfern, um das Schiff Industrie zwischen den gefährlichen
Klippen hindurchzusteuern, die den chaotischen Kurs des kapitalistischen
Wettbewerbs auf nationaler und internationaler Ebene umgeben.
Alles
dies würde bei der Sozialisierung der Industrie und der Beendigung
des Wettbewerbssystems automatisch verschwinden und dadurch vereinfachen
sich die Probleme der Produktion gewaltig. Das verknotete Geflecht
der kapitalistischen Industrie braucht also niemandem übermäßige
Furcht vor der Zukunft einzuflößen. Jene, die davon
reden, daß die Arbeiter nicht in der Lage sind, die »moderne«
Industrie zu leiten, vergessen, die oben erwähnten Faktoren
zu berücksichtigen.
Das
industrielle Labyrinth wird sich am Tage des sozialen Neuaufbaus
als wenig schreckenerregend erweisen. Bei dieser Gelegenheit soll
noch erwähnt werden, daß auch alle anderen Bereiche
im Leben sich infolge der erwähnten Veränderungen stark
vereinfachen werden: Zahlreiche Gewohnheiten, Sitten, zwanghafte
und ungesunde Lebensformen werden auf natürliche Weise aussterben.
Außerdem
muß berücksichtigt werden, daß die Aufgabe der
Erhöhung der Produktion dadurch enorm erleichtert wird, daß
sich in die Reihen der Arbeiter noch die große Anzahl der
durch die veränderten Wirtschaftsbedingungen für wirkliche
Arbeit freigewordenen eingliedert.
Kürzlich
erstellte Statistiken zeigen, daß im Jahre 1920 in den Vereinigten
Staaten mehr als 41 Millionen Menschen beiderlei Geschlechts bei
einer Gesamtbevölkerung von mehr als 105 Millionen erwerbstätig
waren. Von diesen 41 Millionen Menschen waren 26 Millionen tatsächlich
in der Industrie, einschließlich Transportwesen und Landwirtschaft
beschäftigt, während der Rest von 15 Millionen hauptsächlich
aus Personen bestand, die im Handel als Reisende und Zwischenhändler
tätig waren. Das heißt in anderen Worten, daß
15 Millionen Menschen durch eine Revolution in den Vereinigten
Staaten für nützliche Arbeit freigemacht werden könnten.
Ein ähnliches Bild würde sich im Verhältnis zur
Bevölkerung in anderen Ländern ergeben. Für die
bei einer sozialen Revolution notwendig werdende Produktionssteigerung
würde eine zusätzliche Armee von vielen Millionen Menschen
zur Verfügung gestellt werden können. Die gezielte Eingliederung
dieser Millionen in die Industrie und Landwirtschaft mit Hilfe
moderner wissenschaftlicher Organisations- und Produktionsmethoden
würde auf lange Sicht zur Lösung der Versorgungsprobleme
beitragen.
Der
kapitalistischen Produktion geht es um den Profit; heutzutage
werden mehr Arbeiter zum Verkauf als zur Produktion benötigt.
Die soziale Revolution reorganisiert die Industrie auf der Basis
der Bedürfnisse der Einwohner.
Wesentliche
Bedürfnisse stehen natürlich an erster Stelle. Lebensmittel,
Kleidung und Unterkunft - das sind die Hauptbedürfnisse des
Menschen. Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Ermittlung
der vorhandenen Lebensmittelvorräte und anderer Waren. Die
Arbeiterverbände in jeder Stadt und Gemeinde übernehmen
diese Aufgabe, um eine gerechte Verteilung zu gewährleisten.
Arbeiterkomitees in jeder Straße und jedem Bezirk nehmen
die Verwaltung in die Hand, wobei sie mit ähnlichen Komitees
der Stadt und des Staates zusammenarbeiten und sich über
das ganze Land hinweg in einem Bund mit Räten zusammenschließen,
in denen Hersteller und Verbraucher vereinigt sind.
Große
Ereignisse und Umwälzungen bringen die aktivsten und tatkräftigsten
Elemente an die Oberfläche. In der sozialen Revolution werden
sich die klassenbewußten Arbeiterschichten herauskristallisieren.
Wie sie später auch heißen mögen, ob es um Industriegewerkschaften,
revolutionäre Gewerkschaftsgruppen, Genossenschaftsverbände,
Vereinigungen von Herstellern und Verbrauchern gehen wird, sie
werden den aufgeklärtesten und fortschrittlichsten Teil der
Arbeiterschaft repräsentieren, die organisierten Arbeiter,
die sich ihrer Ziele bewußt sind und wissen, wie diese zu
erreichen sind. Sie sind es, die die treibende geistige Kraft
der Revolution darstellen werden. Mit Hilfe der Industrie und
der auf wissenschaftlicher Grundlage betriebenen Bewirtschaftung
des Landes, das von Monopolen befreit ist, muß die Revolution
vor allen Dingen zuerst die elementaren Wünsche der Gesellschaft
erfüllen. In Landwirtschaft und Gartenbau haben uns intensive
Bebauung und andere moderne Methoden praktisch unabhängig
von der naturgegebenen Bodenqualität und dem Klima gemacht.
In einem sehr beträchtlichen Umfang kann der Mensch heute
dank neuer Erkenntnisse der Chemie seinen eigenen Boden und sein
eigenes Klima herstellen. Exotische Früchte können im
Norden gepflanzt und in den warmen Süden geliefert werden,
wie es schon heute in Frankreich der Fall ist. Der Zauberer Wissenschaft
befähigt den Menschen, alle Schwierigkeiten zu meistern und
alle Hindernisse zu überwinden. Die Zukunft, vom Alpdruck
des Profitsystems befreit und bereichert durch die Arbeit der
Millionen heutzutage unproduktiv Tätigen, bietet den größten
Wohlstand für die Gesellschaft. Diese Art Zukunft muß
das Ziel der sozialen Revolution sein; das Motto: Brot und Wohlstand
für alle. Erst Brot, dann Wohlstand und Luxus. Ja, sogar
Luxus, denn Luxus ist ein tiefverwurzeltes Bedürfnis des
Menschen, ein Bedürfnis sowohl seines körperlichen als
auch geistigen Daseins. Die Revolution muß sich ständig
darum bemühen, dieses Ziel zu erreichen: Es darf nicht etwas
sein, was auf einen fernen Tag verschoben wird, sondern was sofort
praktiziert werden muß.
Die
Revolution muß danach streben, jede Gemeinde in die Lage
zu bringen, sich selbst zu unterhalten, materiell unabhängig
zu werden. Kein Land sollte auf Hilfe von außen angewiesen
sein, Kolonien für seinen Unterhalt ausbeuten. Genau das
ist nicht der kapitalistische Weg. Das Ziel des Anarchismus ist
dagegen materielle Unabhängigkeit, nicht nur für den
Einzelnen, sondern für jede Gemeinde. Das bedeutet allmähliche
Dezentralisierung anstelle von Zentralisierung.
Selbst
im Kapitalismus sehen wir, wie die Dezentralisierungstendenz trotz
des notwendigerweise zentralistischen Charakters des heutigen
Industriesystems offenkundig wird. Einst vollständig von
ausländischen Herstellern abhängige Länder, wie
z. B. Deutschland im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts,
danach Italien und Japan und jetzt Ungarn, die Tschechoslowakei
usw., lösen sich allmählich aus der industriellen Abhängigkeit
von anderen Ländern und erlangen ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit,
indem sie ihre eigenen Bodenschätze verwenden und eigene
Fabriken und Werke errichten. Die internationale Finanzwelt begrüßt
diese Entwicklung nicht und versucht ihr Äußerstes,
um diesen Fortschritt aufzuhalten, denn es ist für die Morgans
und Rockefellers profitträchtiger, Länder wie Mexiko,
China, Indien, Irland oder Ägypten industriell rückständig
zu halten, um deren Bodenschätze ausbeuten und gleichzeitig
sicher sein zu können, daß diese ausländischen
Märkte für die »Überproduktion« des
eigenen Landes erhalten bleiben. Die Regierungen helfen diesen
großen Finanziers und Industriemagnaten, die ausländischen
Bodenschätze und Märkte zu sichern, dabei schrecken
sie selbst vor brutaler Gewalt nicht zurück. So zwingt Großbritannien
beispielsweise China mit Waffengewalt, zuzulassen, daß englisches
Opium mit gutem Profit die Chinesen vergiftet, und wendet jedes
Mittel an, um in dem Land den größten Teil seiner Textilprodukte
verkaufen zu können. Aus dem gleichen Grund wird Ägypten,
Indien, Irland und den anderen Schutzgebieten und Kolonien nicht
gestattet, eigene inländische Industrien zu entwickeln.
Zusammengefaßt:
Der Kapitalismus strebt Zentralisierung an. Aber ein freies Land
braucht Dezentralisierung, Unabhängigkeit nicht nur in politischer
sondern auch in industrieller und wirtschaftlicher Hinsicht. Rußland
liefert ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wichtig wirtschaftliche
Unabhängigkeit besonders im Hinblick auf die soziale Revolution
ist. Noch Jahre nach dem Oktoberaufstand konzentrierte die bolschewistische
Regierung ihre Bemühungen darauf, um die Gunst bourgeoiser
Regierungen zwecks »Anerkennung« zu buhlen und ausländische
Kapitalisten einzuladen, damit sie bei der Ausbeutung der russischen
Bodenschätze halfen. Aber das Kapital, zurückschreckend
vor großen Investitionen unter den unsicheren Bedingungen
der Diktatur, ließ jegliche Begeisterung vermissen.
In
der Zwischenzeit näherte sich Rußland dem wirtschaftlichen
Zusammenbruch. Die schwierige Lage zwang schließlich die
Bolschewisten zu der Erkenntnis, daß das Land sich auf seine
eigenen Anstrengungen verlassen mußte, um zu überleben.
Rußland begann, sich nach Möglichkeiten umzuschauen,
um sich selbst zu helfen;dadurch gewann es mehr Vertrauen in sein
eigenes Können, bekam Selbstsicherheit, entwickelte Initiative
und begann seine eigenen Industrien zu fördern, das war ein
langsamer und schmerzlicher Prozeß, aber eine heilsame Maßnahme,
die Rußland schließlich wirtschaftlich selbständig
und unabhängig machen wird.
Überall
muß die soziale Revolution von Anfang an entschlossen darauf
hinarbeiten, das eigene Land wirtschaftlich unabhängig und
selbständig zu machen. Man muß sich selbst helfen.
Das Prinzip der Selbsthilfe darf nicht als Mangel an Solidarität
mit anderen Ländern mißverstanden werden. Gegenseitige
Hilfe und Zusammenarbeit unter den Ländern kann dagegen genauso
wie unter einzelnen Menschen nur auf der Basis der Gleichheit
unter Gleichen gedeihen. Bei Abhängigkeit ist das nicht möglich.
Sollte
die soziale Revolution in mehreren Ländern gleichzeitig eintreten
- zum Beispiel in Frankreich und Deutschland - dann wäre
der gemeinsame Einsatz eine Selbstverständlichkeit und er
würde die Aufgabe der revolutionären Neuorganisation
sehr erleichtern.
Glücklicherweise
kommen die Arbeiter zu der Erkenntnis, daß ihre Sache eine
internationale ist: Die Organisation der Arbeiter entwickelt sich
jetzt über die nationalen Grenzen hinaus. Es bleibt zu hoffen,
daß der Zeitpunkt nicht mehr weit ist, zu dem sich das ganze
europäische Proletariat zu einem Generalstreik vereint, der
das Vorspiel zur sozialen Revolution sein wird. Das ist zweifellos
ein Punkt, der mit dem größten Eifer angestrebt werden
muß. Aber gleichzeitig sollte die Möglichkeit berücksichtigt
werden, daß die Revolution in einem Land früher als
in dem anderen ausbricht - sagen wir in Frankreich früher
als in Deutschland - in diesem Fall wäre es unbedingt erforderlich,
daß Frankreich nicht auf eine mögliche Unterstützung
von außen wartet, sondern all seine Energie dafür einsetzt,
sich selbst zu helfen und die wesentlichsten Bedürfnisse
seines Volkes aus eigener Kraft zu versorgen.
Jedes
Land, das sich in einer Revolution befindet, muß die landwirtschaftliche
Unabhängigkeit nicht weniger erstreben als die politische,
die industrielle Selbsthilfe nicht weniger als die landwirtschaftliche.
Dieser Prozeß findet in gewissem Maße sogar im Kapitalismus
statt. Er sollte eines der Hauptziele der sozialen Revolution
sein. Moderne Methoden ermöglichen es. Die Herstellung von
Uhren zum Beispiel, die früher ein Monopol der Schweiz war,
wird nun in jedem Land betrieben. Die Seidenherstellung, die sich
einst auf Frankreich beschränkte, ist heute Teil der Großindustrien
verschiedener Länder. Italien, das keine Kohlen- oder Eisenvorkommen
besitzt, baut Schiffe mit Stahlpanzerung. Die darin nicht reichere
Schweiz baut ebenfalls welche. Die Dezentralisierung wird die
Gesellschaft von vielen Übeln des zentralistischen Prinzips
befreien. Politisch gesehen bedeutet Dezentralisierung Freiheit;
industriell gesehen materielle Unabhängigkeit; sozial gesehen
Sicherheit und Wohlstand für die kleinen Gemeinden; individuell
gesehen führt sie zu Menschlichkeit und Freiheit.
Genauso
wichtig wie die Unabhängigkeit vom Ausland ist für die
soziale Revolution eine Dezentralisierung innerhalb des eigenen
Landes. Die interne Dezentralisierung bedeutet, die größeren
Regionen und sogar jede Gemeinde so weit wie möglich autark
zu machen. Peter Kropotkin hat in seiner höchst klärenden
und anregenden Arbeit »Landwirtschaft, Industrie und Handwerk«
überzeugend dargelegt, daß sogar eine Stadt wie Paris,
heute fast ausschließlich als Handelszentrum dienend, genug
Nahrungsmittel in ihren eigenen Vororten aufbringen könnte,
um die Bevölkerung reichlich zu versorgen. Durch die Nutzung
moderner landwirtschaftlicher Maschinen und intensiver Anbaumethoden
könnten London und New York von den Produkten leben, die
in der nächsten Umgebung gezüchtet worden sind. Tatsache
ist, daß »unsere Möglichkeiten, vom Boden alles
zu erhalten, was wir wünschen, gleichgültig in welchem
Klima und auf welchem Boden, in letzter Zeit dermaßen verbessert
worden sind, daß wir die Grenze der Produktivität eines
Hektars Land noch nicht absehen können. Diese Grenze dehnt
sich in dem Maße, wie sich unsere Bearbeitung dieses Problems
verbessert, jedes Jahr entschwindet sie mehr und mehr unseren
Blicken«.
Wenn
die soziale Revolution in irgendeinem Land beginnt, dann geht
sein Außenhandel augenblicklich auf Null zurück: Der
Import von Rohstoffen und Fertigprodukten wird eingestellt. Das
Land mag sogar einer Blockade der bourgeoisen Regierungen ausgesetzt
sein, wie es in Rußland der Fall war. Dadurch wird die Revolution
zur Selbstversorgung gezwungen, die Bedürfnisse müssen
aus dem eigenen Land befriedigt werden. Sogar verschiedene Gebiete
desselben Landes müssen unter Umständen mit dieser Möglichkeit
rechnen. Sie würden alle Dinge, die gebraucht werden, auf
eigenem Territorium allein mit eigener Kraft produzieren müssen.
Nur eine Dezentralisierung könnte dieses Problem lösen.
Das Land müßte seine Aktivitäten so umorganisieren,
daß es sich selbst ernähren kann. Es würde von
Produktion im kleinen Rahmen, von Heimindustrie und von intensivem
Acker- und Gartenbau Gebrauch machen müssen. Die durch die
Revolution freigesetzte Initiative des Menschen und sein durch
die Zwangslage geschärfter Verstand werden sich der Lage
gewachsen zeigen. Aus diesem Grunde muß man klar begreifen,
daß es für die Interessen der Revolution katastrophal
wäre, die Kleinbetriebe, die sogar heute noch in großem
Umfang in verschiedenen europäischen Ländern geführt
werden, auszuschalten oder sich in ihre Belange einzumischen.
Zahllose Artikel für den täglichen Gebrauch werden von
Bauern im kontinentalen Europa während ihrer freien Stunden
im Winter hergestellt. Diese Heimproduzenten erzeugen riesige
Mengen, die einen großen Bedarf decken. Es würde der
Revolution sehr schaden, wenn sie ausgeschaltet würden, was
in Rußland törichterweise von den Bolschewisten aufgrund
ihrer verrückten Idee der völligen Zentralisierung gemacht
worden ist. Wenn ein Land im Laufe der Revolution von ausländischen
Regierungen angegriffen, wenn es boykottiert und seiner Importe
beraubt wird, wenn seine Großindustrien zusammenzubrechen
drohen und der Eisenbahnverkehr tatsächlich zusammenbricht,
dann werden gerade die Heimindustrien zum Lebensnerv des Wirtschaftslebens,
nur sie allein können die Revolution unterhalten und retten.
Darüber
hinaus sind diese Heimindustrien nicht nur ein mächtiger
wirtschaftlicher Faktor, sie haben auch einen außerordentlich
großen Wert für die Gesellschaft. Sie dienen der Pflege
eines freundschaftlichen Verkehrs zwischen dem Land und der Stadt,
indem sie beide zu einem engeren und solidarischen Kontakt zwingen.
In der Tat sind die Heimindustrien Ausdruck des sehr gesunden
Geistes einer Gesellschaft, der sich schon seit frühen Zeiten
in Dorfversammlungen, in kommunalen Bemühungen, im Volkstanz
und Volkslied kundtat. Diese normale und gesunde Neigung in ihren
verschiedensten Aspekten sollte von der Revolution zum Wohl der
Gemeinde angeregt und gefördert werden.
Die
Rolle der industriellen Dezentralisierung in der Revolution wird
leider zu wenig gewürdigt. Selbst in fortschrittlichen Arbeiterschichten
besteht die gefährliche Tendenz, ihre Bedeutung zu ignorieren
oder zu unterschätzen.
Die
meisten Menschen befinden sich noch in der Knechtschaft des marxistischen
Dogmas, demzufolge Zentralisierung »leistungsfähiger
und wirtschaftlicher« ist. Sie schließen ihre Augen
vor der Tatsache, daß diese angebliche »Wirtschaftlichkeit«
nur auf Kosten der Gesundheit und des Lebens des Arbeiters erreicht
wird, daß die »Leistungsfähigkeit« ihn
zu einem Rädchen im Getriebe degradiert, seine Seele abstumpft
und seinen Körper tötet. Außerdem geht in einem
zentralisierten System die Verwaltung der Industrie ständig
in die Hände von immer weniger Personen über und es
bildet sich eine machtvolle Bürokratie industrieller Oberherrscher.
Es wäre blanke Ironie, wenn die Revolution dieses Ergebnis
zur
Folge hätte. Es würde der Einsetzung einer neuen Herrscherklasse
gleichkommen.
Die
Revolution kann die Emanzipation der Arbeiter nur über eine
stufenweise Dezentralisierung erreichen, wobei der einzelne Arbeiter
zu einem bewußteren und bestimmenden Faktor in der Industrie
heranreifen muß und er zu dem Ursprung wird, aus dem alle
industriellen und sozialen Aktivitäten entstehen. Die tiefe
Bedeutung der sozialen Revolution liegt in der Abschaffung der
Herrschaft des Menschen über den Menschen, an ihre Stelle
tritt ein rein sachbezogenes Management.
Nur
so kann industrielle und soziale Freiheit erreicht werden. »Sind
Sie sicher, daß das funktioniert?« fragen Sie. Ich
bin davon überzeugt: Wenn das nicht funktioniert, dann funktioniert
gar nichts. Der von mir gegebene Umriß entspricht einem
freien Kommunismus, einem Leben in freiwilliger Zusammenarbeit
mit gleichen Lasten. Es gibt keinen anderen Weg, wirtschaftliche
Gleichheit sicherzustellen, sie allein ist Freiheit. Jedes andere
System führt zwangsläufig zu Kapitalismus.
Es
ist natürlich möglich, daß ein Land im Laufe der
sozialen Revolution andere Experimente bezüglich der Wirtschaft
macht. Ein begrenzter Kapitalismus mag in einem Teil des Landes
eingeführt werden und Kollektivismus in einem anderen. Kollektivismus
ist aber nur eine andere Form des Lohnsystems und pflegt rasch
zu einem Kapitalismus heutiger Art zu führen. Der Kollektivismus
schafft zwar zuerst das Privateigentum an den Produktionsmitteln
ab, macht dann aber, indem er zu einem System der Vergütung
zurückkehrt, das sich nach der geleisteten Arbeit richtet,
was die Wiedereinführung der Ungleichheit bedeutet, alles
sofort wieder zunichte.
Der
Mensch lernt durch die Tat. Die soziale Revolution in verschiedenen
Ländern und Regionen wird wahrscheinlich mannigfaltige Methoden
ausprobieren und durch praktische Erfahrung den besten Weg erkennen.
Die Revolution bietet gleichzeitig die Möglichkeit und die
Rechtfertigung dafür. Ich versuche nicht vorauszusagen, was
dieses oder jenes Land tun wird und welchen Kurs es im einzelnen
steuern wird. Noch maße ich mir an, der Zukunft die Verfahrensweise
zu diktieren oder vorzuschreiben. Meine Absicht ist es in einem
breit angelegten Überblick die Prinzipien aufzuzeigen, die
die Revolution beleben müssen sowie die Prinzipien des allgemeinen
Bewegungsablaufs, dem sie folgen sollte, wenn sie ihr Ziel erreichen
soll - die Neugestaltung der Gesellschaft auf der Grundlage von
Freiheit und Gleichheit. Wir wissen, daß frühere Revolutionen
meistens ihre Ziele verfehlten, daß sie zu Diktatur und
zu Despotismus degenerierten und somit die alten Institutionen
der Unterdrückung und Ausbeutung wiederherstellten. Wir wissen
das aus der älteren und neuesten Geschichte. Daher ziehen
wir den Schluß, daß die alten Methoden nicht ausreichen
werden. In der kommenden sozialen Revolution muß ein neuer
Weg beschritten werden. Welcher neue Weg? Der einzige, der den
Menschen bisher bekannt ist: Der Weg der Freiheit und Gleichheit,
der Weg des freien Kommunismus, der Anarchie.

Verteidigung
der Revolution
»Angenommen,
Ihr System wird ausprobiert, hätten Sie dann irgendwelche
Mittel zur Verteidigung der Revolution?« fragen Sie. Gewiß.
»Sogar durch eine bewaffnete Streitmacht?« Ja, wenn
notwendig. »Aber eine bewaffnete Streitkraft ist organisierte
Gewalt. Sagten Sie nicht, daß der Anarchismus dagegen ist?«
Der Anarchismus ist gegen jeden Eingriff in Ihre Freiheit, ob
das nun mit Macht oder Gewalt oder mit irgendwelchen anderen Mitteln
erfolgt. Er ist gegen alle Eingriffe und jeden Zwang. Aber wenn
jemand Sie angreift, dann ist dieser es, der Sie überfällt
und der Gewalt gegen Sie anwendet. Sie haben das Recht, sich zu
verteidigen. Als Anarchist ist es sogar Ihre Pflicht, Ihre Freiheit
zu verteidigen und sich gegen Zwang und Druck zu wehren. Andernfalls
sind Sie ein Sklave, nicht aber ein freier Mann. Das heißt,
die soziale Revolution wird keinen angreifen, aber sie wird sich
selbst gegen jede Einmischung von welcher Seite auch immer wehren.
Übrigens
dürfen Sie die soziale Revolution nicht mit Anarchie verwechseln.
Die Revolution ist in einigen Phasen ein gewaltsamer Umbruch;
die Anarchie ist ein sozialer Zustand der Freiheit und des Friedens.
Die Revolution ist nur das Mittel, um die Anarchie herbeizuführen,
aber nicht die Anarchie selbst. Sie soll der Anarchie den Weg
ebnen und die Bedingungen schaffen, die ein freies Leben ermöglichen.
Aber damit sie ihr Ziel erreicht, muß die Revolution mit
dem Geist und den Ideen des Anarchismus erfüllt und geleitet
werden. Dem Vorhaben müssen die Mittel entsprechen, genauso
wie das von Ihnen benutzte Werkzeug für die ausführende
Arbeit geeignet sein muß. Das heißt, die soziale Revolution
muß nach Methoden und Ziel anarchistisch sein.
Die
revolutionäre Verteidigung muß mit diesem Geist in
Einklang stehen. Eine Selbstverteidigung schließt alle Handlungen
des Zwangs, der Verfolgung oder der Rache aus. Selbstverteidigung
heißt, Angriffe abwehren und dem Gegner die Gelegenheit
zum Angriff nehmen.
»Wie
würden sie eine ausländische Invasion abwehren?«
Mit Hilfe der Stärke der Revolution. Worin diese Stärke
besteht? Zuallererst in der Unterstützung der Menschen, in
der Hingebung der industriellen und landwirtschaftlichen Massen.
Wenn sie das Gefühl haben, daß sie die Revolution machen,
daß sie die Herren ihres eigenen Lebens geworden sind, daß
sie Freiheit gewonnen haben und ihren Wohlstand aufbauen, dann
haben Sie genau in diesem Gefühl die größte Stärke
der Revolution. Die Massen kämpfen heute für Könige,
Kapitalisten oder Präsidenten, weil sie glauben, daß
sie diesen Kampf wert sind. Lassen Sie sie an die Revolution glauben
und sie werden sie bis zum letzten Blutstropfen verteidigen.
Sie
werden mit Leib und Seele für die Revolution kämpfen,
genauso wie die halbverhungerten Männer, Frauen und sogar
Kinder von Petersburg ihre Stadt fast mit bloßen Händen
gegen die von General Judenitsch befehligte Armee der Weißen
verteidigt haben. Nehmen sie den Menschen diesen Glauben, berauben
Sie sie ihrer Macht durch die Einsetzung irgendeiner Autorität
über sie, gleichgültig ob sie durch eine politische
Partei oder eine militärische Organisation ausgeübt
wird, so werden Sie der Revolution einen tödlichen Schlag
versetzen. Sie werden sie der Hauptquelle ihrer Stärke, der
Massen, beraubt haben. Sie werden sie wehrlos gemacht haben.
Die
bewaffneten Arbeiter und Bauern stellen die einzige wirkungsvolle
Verteidigung der Revolution dar. Mit Hilfe ihrer Gewerkschaften
und Syndikate müssen sie immer auf der Hut vor konterrevolutionären
Angriffen bleiben. Der Arbeiter in der Fabrik und im Betrieb,
im Bergbau und auf dem Feld ist der Soldat der Revolution. Er
steht an der Werkbank und am Pflug oder auf dem Schlachtfeld,
je nachdem, wo er gebraucht wird. Aber in seiner Fabrik genauso
wie in seinem Regiment ist er die Seele der Revolution und sein
Wille entscheidet ihr Schicksal. Die Werkskomitees in der Fabrik,
die Soldatenkomitees in den Kasernen - sie sind der Urquell jeder
revolutionären Stärke und Aktivität. Es war die
aus Arbeitern bestehende freiwillige rote Garde, die die russische
Revolution zu Beginn in ihren kritischsten Phasen erfolgreich
verteidigte. Auch später waren es wieder freiwillige Bauernregimenter,
die die weißen Armeen schlugen. Die reguläre Rote Armee,
die später aufgebaut wurde, war ohne die freiwilligen Arbeiter-
und Bauerndivisionen machtlos. Sibirien wurde von Koltschak und
seinen Horden durch solche Freiwilligen, meistens Bauern, befreit.
Auch in Nordrußland waren es Arbeiter- und Bauerntruppen,
die die ausländischen Armeen vertrieben, die gekommen waren,
um die Menschen dem Joch der einheimischen Reaktionäre zu
unterwerfen. In der Ukraine erlösten Bauernarmeen aus Freiwilligen
- bekannt als Povstantsi - die Revolution von zahlreichen konterrevolutionären
Generälen und insbesondere von Denikin, der schon vor den
Toren Moskaus stand. Es waren die revolutionären Povstantsi,
die Südrußland von den eindringenden deutschen, französischen,
italienischen und griechischen Armeen befreiten und danach auch
die weißen Streitkräfte des Generals Wrangel in die
Flucht schlugen.
Die
militärische Verteidigung der Revolution mag ein oberstes
Kommando, Koordination der Aktivitäten, Disziplin und Befolgen
von Befehl erforderlich machen. Aber alles das muß sich
aus der Hingabe der Arbeiter und Bauern ergeben und auf der freiwilligen
Zusammenarbeit ihrer örtlichen, regionalen und zu einer Föderation
vereinigten Organisationen beruhen. Bei der Verteidigung gegen
ausländische Angriffe wie auch bei allen anderen Problemen
der sozialen Revolution sind das aktive Interesse der Massen,
ihre Selbstregierung und Entscheidungsfreiheit die beste Garantie
zum Erfolg.
Merken
Sie sich gut, der Schlüssel für eine wirkungsvolle Verteidigung
der Revolution ist einzig und allein in der Haltung der Menschen
zu finden. Allgemeine Unzufriedenheit ist der größte
Feind der Revolution und ihre größte Gefahr. Wir dürfen
nie vergessen, daß die Stärke der Revolution eine organische
und nicht eine mechanische ist: Nicht nach mechanischen, militärischen
Maßstäben ist ihre Stärke zu messen, sondern sie
ist zu suchen in ihrer Industrie, ihrer Fähigkeit das Leben
umzugestalten und Freiheit und Gerechtigkeit zu schaffen. Lassen
Sie die Leute fühlen, daß es wirklich um ihre Sache
geht, dann wird auch der letzte Mann wie ein Löwe dafür
kämpfen. Dasselbe gilt sowohl für die Verteidigung nach
innen als auch nach außen. Welche Chancen hätte ein
weißer General oder Konterrevolutionär, die Menschen
gegen die Revolution aufzuhetzen, wenn er nicht Unterdrückung
und Ungerechtigkeit ausnutzen könnte? Konterrevolutionäre
können nur von allgemeiner Unzufriedenheit leben. Wenn die
Massen wissen, daß die Revolution und all ihre Aktivitäten
in ihren Händen liegen, daß sie selbst den Verlauf
der Dinge bestimmen und ungehindert ihr Vorgehen ändern können,
wenn sie es für notwendig erachten, wird die Konterrevolution
keine Unterstützung finden und harmlos bleiben.
»Aber
würden Sie es zulassen, daß Konterrevolutionäre
versuchen, die Leute aufzuhetzen?« Auf jeden Fall. Sie sollen
reden, was sie wollen. Wenn man sie daran hindern würde,
so hätte das nur zur Folge, daß man eine Klasse von
Verfolgten schafft, für die und deren Sache man Sympathie
im Volke weckt. Die Unterdrückung der freien Rede und Presse
ist nicht nur theoretisch ein Verstoß gegen die Freiheit:
Sie stellt auch einen direkten Angriff auf die eigentliche Grundlage
der Revolution dar. Unterdrückung würde zuerst einmal
dort Probleme heraufbeschwören, wo es vorher keine gab. Es
würden sich Methoden einschleichen, die zu Unzufriedenheit
und Widerstand, zu Verbitterung und Streit, zu Gefängnis,
zu Tscheka und zu Bürgerkrieg führen. Angst und Mißtrauen
würden geboren, Verschwörungen würden sich entwickeln
und alles würde in einer Herrschaft des Terrors enden, die
in der Vergangenheit noch immer die Revolution getötet hat.
Die soziale Revolution muß von Anfang an auf ganz anders
gearteten Prinzipien und einer neuen Konzeption beruhen. Völlige
Freiheit ist der Odem ihres Lebens: und möge es nie vergessen
werden, daß das Heilmittel gegen Krankheit und Zerrüttung
der Gesellschaft mehr Freiheit und nicht mehr Unterdrückung
ist. Unterdrückung führt nur zu Gewalttaten und Zerstörung.
»Werden
Sie die Revolution denn nicht verteidigen?« fragt Ihr Freund.
Gewiß werden wir das. Aber nicht gegen bloßes Reden,
nicht gegen das Äußern einer Meinung. Die Revolution
muß stark genug sein, um auch die schärfste Kritik
zu vertragen und von ihr zu profitieren, falls sie gerechtfertigt
ist. Die Revolution wird sich aber höchst entschlossen wehren
gegen eine echte Konterrevolution, gegen alle aktiven Feinde sowie
gegen jeden Versuch, sie durch gewaltsame Invasion oder andere
Mittel der Gewalt zu zerschlagen oder zu sabotieren. Das ist das
Recht und die Aufgabe der Revolution. Aber sie wird weder den
geschlagenen Feind verfolgen, noch wegen der Schuld einzelner
Mitglieder an einer ganzen Gesellschaftsschicht Rache nehmen.
Die Sünden der Väter sollen nicht an den Kindern gesühnt
werden.
»Was
werden Sie mit Konterrevolutionären tun?« »Wirklicher
Kampf und bewaffneter Widerstand bringen Verluste an Menschenleben
mit sich. Konterrevolutionäre, die ihr Leben unter solchen
Umständen verlieren, büßen für die unausbleiblichen
Konsequenzen ihrer Taten. Aber die revolutionären Menschen
sind keine Barbaren. Weder werden die Verwundeten niedergemetzelt,
noch werden die Gefangenen exekutiert. Anders als bei den Bolschewisten
wird auch das barbarische System der Geiselerschießung nicht
praktiziert werden.
»Wie
werden Sie Konterrevolutionäre behandeln, die während
eines Gefechtes gefangengenommen werden?« Die Revolution
muß neue Wege und vernünftige Methoden für ihre
Behandlung finden. Die alte Methode besteht darin, sie ins Gefängnis
zu stecken, wo sie untätig sind, sowie viele Menschen einzustellen,
die sie bewachen und bestrafen. Und während der Missetäter
im Gefängnis sitzt, werden ihn Einkerkerung und brutale Behandlung
noch mehr gegen die Revolution einnehmen, seinen Widerstand stärken
und in ihm Gedanken an Rache und neue Verschwörungen nähren.
Die Revolution wird bezüglich ihrer Ziele solche Methoden
als dumm und schädlich ablehnen. Sie wird statt dessen den
geschlagenen Feind durch eine menschliche Behandlung von seinem
Irrtum und der Nutzlosigkeit seines Widerstandes zu überzeugen
versuchen. Sie wird anstelle von Rache Freiheit setzen. Sie wird
berücksichtigen, daß die meisten Konterrevolutionäre
eher Verführte als Feinde sind, irregeleitete Opfer einiger
Individuen, die nach Macht und Autorität streben. Sie wird
wissen, daß eher Aufklärung als Bestrafung am Platze
ist und daß erstere mehr erreichen wird als letztere. Sogar
schon heute setzt sich diese Auffassung langsam durch. Die Bolschewisten
schlugen die alliierten Armeen in Rußland wirkungsvoller
durch revolutionäre Propaganda unter den gegnerischen Soldaten
als durch die Stärke ihrer Artillerie. Diese neuartigen Methoden
sind sogar von der Regierung der Vereinigten Staaten als wirksam
erkannt worden und sie wendet sie nun bei ihrem Feldzug in Nicaragua
an. Amerikanische Flugzeuge werfen Proklamationen sowie Appelle
an die Bevölkerung von Nicaragua ab, um sie zu überreden,
Sandino und seine Sache im Stich zu lassen, die Befehlshaber der
amerikanischen Armee erwarten von dieser Taktik gute Ergebnisse.
Aber die Patrioten unter Sandino kämpfen für ihr Heim
und ihr Land gegen ausländische Eindringlinge, wohingegen
Konterrevolutionäre Krieg gegen ihr eigenes Volk führen.
Eine Aufklärungsarbeit ist bei ihnen viel einfacher und verspricht
bessere Ergebnisse.
»Glauben
Sie, daß das wirklich der beste Weg wäre, mit Konterrevolutionären
umzugehen?« Ganz gewiß. Menschliche Behandlung und
Freundlichkeit sind wirkungsvoller als Grausamkeit und Rache.
Das neue Verhalten in diesem Fall würde auch in anderer Beziehung
ein ähnliches Vorgehen mit sich bringen. Mannigfaltige Behandlungsmethoden
für Verschwörer und aktive Feinde der Revolution würden
sich entwickeln, sobald das neue Verfahren praktiziert wird. Ein
Vorschlag mag beispielsweise dahingehen, sie allein oder in kleinen
Gruppen unter Kommunisten mit revolutionärer Gesinnung und
revolutionärem Bewußtsein in Bezirken anzusiedeln,
die von den Gebieten ihrer konterrevolutionären Tätigkeiten
weit entfernt sind. Bedenken Sie auch, daß auch Konterrevolutionäre
essen müssen: Das heißt, sie würden in einer Lage
sein, die alle ihre Gedanken und ihre gesamte Zeit für andere
Dinge als zum Ausbrüten von Verschwörungen beanspruchen
würde. Der besiegte Konterrevolutionär, in Freiheit
gelassen statt eingesperrt, würde seine Existenz sichern
müssen. Natürlich würde ihm der Lebensunterhalt
nicht verweigert werden, denn die Revolution ist großzügig
genug, um selbst ihre Feinde zu ernähren. Aber der betreffende
Mensch müßte sich einer Gemeinschaft anschließen,
seine Unterkunft sichern und so weiter, um die Gastfreiheit des
Verteilungszentrums genießen zu können. Das heißt
mit anderen Worten, die konterrevolutionären »Gefangenen
in Freiheit« würden von der Gemeinschaft und dem guten
Willen ihrer Mitglieder bezüglich der Existenzgrundlage angewiesen
sein.
In
dieser Umgebung würden sie von dem revolutionären Geist
der Gemeinschaft beeinflußt werden. Sie werden sicherlich
gesicherter und zufriedener sein als im Gefängnis und nach
kurzer Zeit keine Gefahr mehr für die Revolution darstellen.
In Rußland haben wir wiederholt Beispiele dafür in
solchen Fällen gefunden, in denen Konterrevolutionäre
der Tscheka entflohen waren und sich in einem Dorf oder einer
Stadt niedergelassen hatten, wo sie aufgrund der einfühlsamen
und anständigen Behandlung nützliche Mitglieder des
Gemeinwesens wurden und oft um das öffentliche Wohlergehen
mehr bemüht waren als der Durchschnittsbürger, während
Hunderte ihrer Mitverschwörer, die nicht das Glück hatten,
der Gefangennahme zu entgehen, im Gefängnis rachelüstern
neue Komplotte schmiedeten.
Zweifellos
werden viele Arten der Behandlung dieser »Gefangenen in
Freiheit« von den revolutionären Menschen ausprobiert
werden. Aber welche es auch immer sein mögen, sie werden
zufriedenstellendere Ergebnisse als das gegenwärtige System
der Rache und Bestrafung zeitigen, dessen völliges Versagen
in jeder Beziehung sich erwiesen hat. Unter den neuen Wegen könnte
auch der der freien Ansiedlung versucht werden. Die Revolution
wird ihren Feinden Gelegenheit bieten, sich in einem Teil des
Landes niederzulassen, um dort die Gesellschaftsform zu errichten,
die ihnen am besten gefällt.
Es
ist keine eitle Spekulation, wenn man annimmt, daß nach
nicht langer Zeit die meisten von ihnen die Brüderlichkeit
und Freiheit der revolutionären Gemeinschaft dem reaktionären
Regime ihrer Ansiedlung vorziehen werden. Aber selbst wenn sie
es nicht tun, wäre nichts verloren. Ganz im Gegenteil, die
Revolution selbst würde der größte Gewinner sein,
in ideeller Hinsicht durch die Aufgabe von Rache und Verfolgung
und durch die Praktizierung von Menschlichkeit und Großmut.
Die durch diese Methoden angeregte revolutionäre Selbstverteidigung
wird gerade wegen der außerordentlichen Freiheit, die sie
selbst ihren Feinden garantiert, effektiver sein. Ihre Anziehungskraft
auf die Massen und auf die Welt insgesamt wird dadurch unwiderstehlicher
und umfassender sein. In ihrer Gerechtigkeit und ihrer Menschlichkeit
liegt die unbesiegbare Kraft der sozialen Revolution.
Keine
Revolution hat bisher den wirklichen Weg der Freiheit erprobt.
Keine besaß genug Vertrauen zu ihm. Gewalt und Unterdrückung,
Verfolgung, Rache und Terror waren für alle Revolutionen
der Vergangenheit charakteristisch und haben deren ursprüngliche
Zielsetzung zunichte gemacht. Die Zeit ist gekommen, neue Methoden,
neue Wege zu versuchen. Die soziale Revolution muß die Emanzipation
des Menschen durch Freiheit erreichen, aber wenn wir zur Freiheit
kein Vertrauen haben, wird die Revolution zu einer Verneinung
und einem Betrug ihrer selbst. Lassen Sie uns also Mut zur Freiheit
haben: sie soll an die Stelle von Unterdrückung und Terror
treten. Erheben wir die Freiheit zu unserem Glauben und zu unserer
Tat und wir werden stark darin werden. Nur die Freiheit kann die
soziale Revolution wirksam und wohltuend machen. Nur sie kann
den Weg zu größeren Höhen ebnen und eine Gesellschaft
formen, in der Wohlstand und Freude das Erbe aller sein wird.
Dann
wird der Tag dämmern, an dem der Mensch zum ersten Mal alle
Möglichkeiten haben wird, im freien und edlen Sonnenlicht
der Anarchie zu wachsen und sich zu entfalten.

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